Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst

Mai 4, 2016 in Film

VON RUDOLF MOTTINGER

In einem Schuhkarton steckte das letzte Interviewband

„Ich sammelte Männer und Kunst. Die Männer gingen, die Kunst blieb.“ Peggy Guggenheim

Peggy Guggenheim - Ein Leben für die Kunst. Bild: Lisa Immordino Vreeland

Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst. Bild: Lisa Immordino Vreeland

Am 13. Mai startet „Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst“ in den heimischen Kinos. Der Dokumentarfilm von Lisa Immordino Vreeland porträtiert das Leben der Kunst-Ikone, ein Leben im kulturellen Umbruch des 20. Jahrhunderts, das von Affären und Beziehungen zu einigen seiner größten Künstler wie Samuel Beckett, Max Ernst, Jackson Pollock oder Marcel Duchamp geprägt war. Ihre Leidenschaft ließ Peggy Guggenheim als Autodidaktin zu einer der einflussreichsten amerikanischen Kunstmäzeninnen, Sammlerinnen und Galeristinnen moderner Kunst werden.

„Als Studentin der Kunstgeschichte habe ich mich schon immer für Peggy interessiert“, sagt Regisseurin Vreeland. „Ich hatte ihre Autobiographie ,Out of This Century‘ gelesen und fand ihre Geschichte sehr spannend. Peggy Guggenheim wusste, dass sie weder in ihre traditionelle Familie noch in ihre Zeit hineinpasste. Sie fand ihren Weg, indem sie sich in die Kreise der Künstler-Avantgarde begab und an den aufregendsten Orten unter den faszinierendsten Menschen ihrer Zeit lebte. In allem, was Peggy tat, dachte sie immer einen Schritt voraus – für mich persönlich machte genau das ihre Persönlichkeit aus. Und letztendlich drehte sich alles um die Kunst – die Tatsache, dass die Kunst zum ausschlaggebenden Faktor in ihrem Leben wurde.“

Grundlage der Doku sind bisher verschwunden geglaubte Tonaufnahmen von Interviews mit Peggy Guggenheim von Jacqueline Bograd Weld aus den Jahren 1978 und 1979. Vreeland entdeckte während ihrer Recherchen eine Kiste mit verloren geglaubten Gesprächen von Peggy und ihrer Biografin. Es handelt sich dabei um die letzten Aufnahmen, die vor ihrem Tod aufgezeichnet wurden und die den sensiblen und temperamentvollen Charakter der schillernden Kunstfigur ans Licht bringen.

Vreeland: „Jacqueline Bogard Welds war unglaublich großzügig und erlaubte mir, all ihr Originalmaterial durchzusehen. Wir gingen in verschiedene Räume ihres Apartments und ich öffnete manchmal frech eine Schranktür und fragte ,Wo, glaubst du, könnten diese Tonbänder sein?‘. Eines Tages dann fragte ich sie, ob sie einen Keller habe und den hatte sie. Also durchsuchte ich all die Kisten, die sich dort unten befanden, und ordnete ihre Sachen. Und plötzlich – bingo! – tauchten die Tonbänder in einem Schuhkarton auf. Es war das längste Interview, das Peggy je gegeben hatte und es bildete den Rahmen für unseren Film. Es gibt nichts mitreißenderes, als jemanden seine eigene Lebensgeschichte erzählen zu hören und Jackie war besonders gut darin, provozierende Fragen zu stellen. Man merkt, dass es Peggy bei vielen Fragen schwerfiel, sie zu beantworten, denn sie war niemand, der seine Gefühle gerne nach außen zeigte. Und das kommt im Film auch rüber, man merkt es am Klang ihrer Stimme.“

Guggenheims Erzählungen werden mit Aufnahmen aus ihrem umfangreichen Foto- und Filmarchiv optisch gestaltet. Kunstgrößen wie Larry Gagosian und der Verfasser der Picasso-Biografie, John Richards, der Kunsthistoriker und Autor Dore Ashton, die New-Museum-Direktorin Lisa Philipps und „art in america“-Herausgeberin Lindsay Pollock sowie der Schweizer Kurator für zeitgenössische Kunst, Hans Ulrich Obrist, kommen zu Wort. „Doch im Mittelpunkt des Films standen für uns die Anekdoten ihrer Freunde, auf die wir uns verlassen haben, um persönlichere Aspekte ihrer Geschichte erzählen zu können.“ Sie vervollständigen das Bild, das einfühlsame Porträt einer Frau, deren Leben mindestens ebenso faszinierend und ausgefallen war, wie die Kunst, die sie sammelte.

Eine besondere Geschichte vom Dreh hat die Regisseurin diesbezüglich auch parat: „Der Auftritt des Schauspielers Robert De Niro stellte sich als schöne Überraschung heraus, da ich zuvor nicht geglaubt hatte, dass ich tatsächlich die Chance auf ein Gespräch mit ihm haben würde. In letzter Minute stimmte er einem Interview zu und es stellte sich heraus, dass er eine engere Verbindung zu Peggys ,Art of This Century Gallery‘ besaß als irgendein anderer der Befragten, denn seine Eltern hatten beide in den 1940er-Jahren in ihrer Galerie ausgestellt. Es ist aufregend zu sehen, wie viele verschiedene Menschen von der Peggy-Guggenheim-Sammlung beeinflusst und inspiriert worden sind.“

Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst. Bild: Lisa Immordino Vreeland

Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst. Bild: Lisa Immordino Vreeland

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Peggy Guggenheim - Ein Leben für die Kunst. Bild: Lisa Immordino Vreeland

Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst. Bild: Lisa Immordino Vreeland

Peggy Guggenheims faszinierende Sammlung gilt als eine der bedeutendsten Sammlungen an Werken moderner Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie vereint eine überwältigende Fülle an Meisterwerken aus Kubismus, Futurismus, europäischer abstrakter Kunst, metaphysischer Malerei, Surrealismus, Dadaismus und amerikanischem abstrakten Expressionismus. Unter den etwa 200 Künstlern, deren Werke ihrer Sammlung angehören, sind Klee, Picasso, Mondrian, Braque, Duchamp, Kandinsky, Léger, Brancusi, Severini, Miró, Balla, Magritte, Delaunay, Pollock, Dalí, Kupka, Picabia, van Doesburg, Ernst, Giacometti, Rothko, Calder, Moore oder Marini. In ihrer späteren Wohnstätte in Vendedig, im Palazzo Venier dei Leoni, die sie 1949 bezog, wird noch heute ihre umfangreiche Kunstsammlung ausgestellt. Peggy liegt dort neben ihren geliebten Hunden begraben.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=-J4RBLXBTAc&feature=youtu.be

www.peggyguggenheim-derfilm.de

Wien, 4. 5. 2016

Belvedere: Max Kurzweil – Licht und Schatten

Mai 4, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Bilder vom Zwiespalt zwischen Arbeit und Müßiggang

Max Kurzweil, Liegender Männerakt, um 1900. © Ernst Ploil, Wien, Bild: © Belvedere, Wien

Max Kurzweil, Liegender Männerakt, um 1900. © Ernst Ploil, Wien, Bild: © Belvedere, Wien

Mit der Ausstellung „Max Kurzweil – Licht und Schatten“ widmet sich das Belvedere ab 11. Mai einer spannenden und vielseitigen Künstler- persönlichkeit der Wiener Secession. Hundert Jahre nach seinem Tod und fünfzig Jahre nach der letzten Einzelausstellung im Belvedere zeigt die Schau neben bekannten Hauptwerken in erster Linie bisher unbekannte oder nur selten ausgestellte Gemälde und Grafiken.

Kurzweil ist vor allem als Porträtist der Wiener Gesellschaft bekannt. Sein Bildnis der Therese Bloch-Bauer, Schwester der von Klimt gemalten Adele, wird in der Ausstellung erstmals seit 1908 öffentlich zu sehen sein. Intime Porträts seiner französischen Frau Martha bilden einen weiteren Höhepunkt, ebenso die impressionistischen Landschaften aus der Bretagne, Italien und Dalmatien. Das expressive Spätwerk, insbesondere seine Aktbilder, zeugt von einem leidenschaftlichen Temperament, das der aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Mann nur im Privaten auslebte.

Als „im besten Sinne aristokratische Natur“ beschrieb Carl Moll seinen Freund in einem Nachruf. Kurzweil stammte zwar nicht aus einer aristokratischen, aber aus einer reichen Familie, die nach dem Verkauf ihrer Zuckerfabrik im mährischen Bzenec nach Wien übersiedelt war. Auf den wenigen Fotos, die von ihm erhalten sind, erscheint der Künstler stets elegant gekleidet im Anzug mit Krawatte. Dass sich jedoch hinter dieser Seite seiner Persönlichkeit noch eine weitere verbarg, deutete er selbst in einer der wenigen erhaltenen Schriften an. Die kleine Erzählung „Der Erfolg“, die er 1898 in „Ver Sacrum“ veröffentlichte, beschreibt einen fiktiven Maler, der lieber den ganzen Vormittag im Bett liegt, als zu malen – und dies als „argen Zwiespalt“. Weggefährten des Künstlers bestätigen diesen Zwiespalt von produktivem Studium und müßiggängerischem Lebenskünstlertum auch für Kurzweil selbst.
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Max Kurzweil, Strandlagerfeuer, undatiert. © Privatbesitz, Bild: © Belvedere, Wien

Max Kurzweil, Strandlagerfeuer, undatiert. © Privatbesitz, Bild: © Belvedere, Wien

Seine Begabung verschaffte ihm bereits in jungen Jahren Erfolge in den Ausstellungen des Künstlerhauses. Ab 1893 verbrachte er die Sommer in der bretonischen Hafenstadt Concarneau, wo er 1895 Marthe Guyot, die Tochter des Vizebürgermeisters, heiratete. Anfangs galt sein Interesse noch der Genremalerei in der Tradition des französischen Naturalismus.

Doch zunehmend wandte er sich dem Impressionismus zu. Als Gründungsmitglied der Secession beschäftigte er sich zugleich mit symbolistischen und esoterischen Ideen, lernte von Emil Orlik die Kunst des japanischen Farbholzschnitts und machte sich vor allem als Porträtist einen Namen. Sehr früh entstanden auch Bilder in der Auseinandersetzung mit dem noch jungen Expressionismus.

Kurzweil machte seine Ehefrau zum bevorzugten Motiv, jedoch verlief die Ehe nach Aussage von Freunden „unglücklich“. Die als sittenstreng beschriebene Frau wollte sich in dem unkonventionellen Wiener Milieu absolut nicht wohlfühlen. Das Paar lebte immer häufig getrennt, und Kurzweil begann schließlich eine Affäre mit seiner Schülerin Helene Heger. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs trennte den Reserveoffizier endgültig von seiner in Frankreich verbliebenen Frau. Gemeinsam mit Heger, deren Vater die Affäre entdeckt und verboten hatte, nahm Kurzweil sich 1916 das Leben.
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Wien, 4. 5. 2016

MAK: Tadashi Kawamata gestaltet die Asien-Sammlung

Mai 4, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein neuer Blick auf die fernöstlichen Schönheiten

Fragmente eines Frieses, Prozession von 87 himmlischen Wesen, Wandmalerei, China, Yuan-Dynastie (1260–1368). Bild: © MAK/Georg Mayer

Fragmente eines Frieses, Prozession von 87 himmlischen Wesen, Wandmalerei, China, Yuan-Dynastie (1260–1368). Bild: © MAK/Georg Mayer

Kawamoto Masukichi (1831–1907), Zierplatte Der Fuji, Japan, Seto, Meiji-Periode (1868–1912), um 1872. Bild: © MAK

Kawamoto Masukichi (1831–1907), Zierplatte Der Fuji, Japan, Seto, Meiji-Periode (1868–1912), um 1872. Bild: © MAK

Globus, China, Qing-Dynastie (1644–1911), um 1800. Bild: © MAK/Georg Mayer

Globus, China, Qing-Dynastie (1644–1911), um 1800. Bild: © MAK/Georg Mayer

„Ich glaube nicht an das Permanente, an das Ewige, daran, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Eine Ausstellung muss ‚beweglich‘ bleiben, man muss die Objekte immer wieder austauschen“, das ist die Überzeugung von Tadashi Kawamata, der 2014 mit der künstlerischen Neukonzeption der MAK-Schausammlung „Asien. China – Japan – Korea“ betraut wurde. Das Ergebnis einer Arbeit ist ab 11. Mai im MAK zu sehen.

Der renommierte japanische Künstler „befreite“ die Kunstwerke aus der Vitrine und eröffnet so einen völlig neuen Blick auf die Objekte. Unmittelbar beim Eintritt in den Schausaal wird der Blick nun auf vier Malereien aus dem 13. bis 14. Jahrhundert gelenkt, die gemeinsam mit Keramiken und Lackarbeiten von der Tang- bis zur Yuan- Zeit präsentiert werden. Das dichte Arrangement zeigt auf, wie die Tradition der „Drei Farben/sancai“ disziplinenübergreifend bis ins 14. Jahrhundert hineinwirkte.

Der chinesische Begriff „sancai“ bezeichnet mehrfarbige Glasuren, wobei die Farben Grün, Braun-Orange und Beige vorherrschen. Oft kommt Kobaltblau als vierte Farbe dazu. Diese einfache farbige Gestaltung von Keramiken wurde während der Tang-Zeit entwickelt, die Bleiglasuren machen die Tonstücke haltbarer und wasserundurchlässig. „Sancai“-Keramiken wurden schon in der Tang-Zeit nach Zentral- und Westasien exportiert und beeinflussten Technik und Gestaltung der Keramiken in islamischen Ländern und in der Folge auch die spätmittelalterliche Keramik in Europa.

Im Zentrum des Raumes richtet sich die Aufmerksamkeit auf chinesische Objekte aus der Ming- und Qing-Periode, die neben einer großformatigen Seidenmalerei im tibetischen Stil präsentiert werden. Die Malerei entstand für die Gast-Residenz des 6. Panchen Lama Lozang Palden Yeshe in Chengde, der kaiserlichen Sommerresidenz. Der Qianlong-Kaiser lud den Panchen Lama zu seinem 70. Geburtstag in die Residenzstadt ein und beauftragte aus diesem Anlass die Hofwerkstätten mit der Anfertigung großformatiger Gemälde. Wie auch in den kunstgewerblichen Objekten dieser Zeit ist in den Malereien ein Stilmix aus chinesischen und europäischen Elementen erkennbar.

Im Fokus der dritten Objektgruppe stehen Arbeiten, die zu den „Gründungsobjekten“ der 25 000 Werke umfassenden Asien-Sammlung des MAK gehören. Gezeigt werden die Objekte, mit denen Japan an der Wiener Weltausstellung 1873 teilnahm. Sie gingen im Anschluss daran in die MAK-Sammlung über und haben aus westlicher Sicht das künstlerische und ästhetische Bild von Ostasien nachhaltig geprägt. Ein großformatiges Stillleben von Watanabe Kai zeigt den Scheideweg in der Kunst Japans nach dem Ende des Feudalstaates des Tokugawa-Shogunats. Die Entscheidung zwischen Tradition und Hinwendung zur westlichen Kunst war noch offen, in diesem Bild „schweben“ räumlich gemalte Früchte vor neutral goldenem Hintergrund.

Eine Gegenüberstellung von Porzellanen aus Japan und Europa wird mit dem Sichtfenster geschaffen, das die Räumlichkeiten der Schausammlung Asien und der 1993 von Donald Judd gestalteten Schausammlung Barock-Rokoko-Klassizismus verbindet. Es dient als Vitrine für japanische Porzellane im Kakiemon-Stil aus dem 17. und 18. Jahrhundert und aus der Wiener Porzellanmanufaktur und gibt den Blick auf das Dubsky-Zimmer frei.

Zum Künstler:

Tadashi Kawamata, geboren 1953 in Mikasa, Japan, er lebt und arbeitet in Tokio und Paris, erweckte bereits mit 28 Jahren im Zuge seiner Teilnahme an der 55. Biennale di Venezia Aufmerksamkeit, als er den japanischen Pavillon mithilfe einer Holzkonstruktion in die Giardini erweiterte. Er ist regelmäßig bei internationalen Ausstellungen vertreten, wie etwa 1987 und 1992 bei der documenta in Kassel. Kawamata war künstlerischer Leiter der Yokohama Triennale 2005, der größten zeitgenössischen Kunstausstellung Japans. Seit 2005 lehrt er an der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris.

www.mak.at

Wien, 4. 5. 2016

Volkstheater: Brooklyn Memoiren

Mai 4, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die verfallsdatumsfrei konsumierbare Flüchtlingsstory

Anja Herden, Nils Rovira-Muñoz und Kaspar Locher: Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bruderzwist im Hause Jerome, doch die Hausherrin spricht ein Machtwort. Anja Herden als Kate mit ihren „Söhnen“ Nils Rovira-Muñoz und Kaspar Locher: Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nun ist die letzte Premiere im Haupthaus des Volkstheaters also doch noch ein Stück über Flüchtling- und Fremdsein geworden. Freilich gut verpackt in eine verfallsdatumsfrei konsumierbare Familiengeschichte, doch das tut der Freude über den Abend keinen Abbruch. Statt der wegen der aufgeheizten Anti-Flüchtlingsstimmung abgesagten satirischen Dystopie „Homohalal“ von Ibrahim Amir inszenierte Sarantos Zervoulakos Neil Simons „Brooklyn Memoiren“.

Was dem Haus eine der besten Produktionen der laufenden Saison bescherte. Denn Zervoulakos ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. Der in Griechenland geborene Regisseur taggte sein Statement zur Zeit einfach auf die Nostalgietapete. Auch bei Simon geht’s um Asyl und ein Leben in Warteposition, um erfüllte und enttäuschte Erwartungen im jeweiligen land of the free, und um Solidarität, ohne die kein Menschsein sein wird, sagt er. Im Fernsehen laufen „The Bold and The Beautiful“ und später „Dynasty“. Das ist der way of life, von dem viele träumen, „America’s oder Austrias next Topmodel“ wird ihnen verkauft als der Weg dorthin. Doch dies oder ein Handy zum Begaffen von Pin-up-Fotos sind nicht die schönsten augenzwinkernden Anachronismen, die sich Zervoulakos leistet.

Eugene, Neil Simons Alter Ego, der Sohn mit dem Schriftstellergen, füllt nämlich keine Hefte mehr mit seinen Notizen. Er filmt den tagtäglichen Familienwahnsinn mit der Handycam, und im Insert als Datum 1938, und im Fernsehen zu sehen nun Schwarzweiß-Bilder von Menschen, die vor einer ideologieirren Mörderbande davonlaufen. Wie sich die Bilder gleichen. Wie schnell ein Gestern zum Heute wird. Das sicherlich sollte man niemals vergessen.

So sitzen sie also in ihrem Container(wohn)heim, die Jeromes, es ist beengt und laut und keine Chance auf Privatsphäre, die gibt es nur hinter dem Duschvorhang. Ihr Leben haben sie mit Ramschladenschnäppchen und aus der Altkleidersammlung ausgestattet, und ihm wie zum Trotz ein wenig Glanz verliehen, mit einem grauenhaften Glitzerpulli hier und einem, nein: vielen Zierkissen da – letztere in Plastik verpackt, man will die guten Stücke schließlich schonen. Das Bühnenbild von Thea Hofmann-Axthelm und die Kostüme von Werner Fritz, beides schonungslos grell-knallbunt-scheußlich, sind bei dieser Inszenierung schon die halbe Miete. Ihr „Platz ist in der kleinsten Hütte“ kulminiert in einer Zu-Bett-Geh-Szene. Es ist erstaunlich, woraus sich alles Schlafplätze bauen lassen. Die Schauspieler turnen sich mit viel Akrobatik durch dieses Setting.

Denn auf den paar Quadratmetern, die Zimmer, Küche, Kabinett darstellen, wohnen sieben Leute. Kate mit ihrem Ehemann Jack und den Söhnen Stanley und Eugene, und ihre hier aufgenommene, weil verwitwete Schwester Blanche mit den Töchtern Nora und Laurie. Nils Rovira-Muñoz ist ein wunderbar komödiantischer Eugene, der wohldosiert den Clown macht oder auf Slapstick setzt. Bei Neil Simon liegt die Tragi- gleich neben der -komödie, das zeigt Zervoulakos ganz vorzüglich, und Rovira-Muñoz setzt seine Rolle mit viel Sinn für diese Ironie des Daseins um. Als Erzähler richtet er sein scharfes Auge auf seine Verwandtschaft, die im New-Yorker-Stadtrandviertel in einer Art Stand-by-Modus aufs Irgendwann-wird-alles-besser wartet. Gesprächsthema Nr. 1 ist die Geldnot, das heißt: Gespräch ist gut, bei aller Liebe wird aneinander vorbeigeredet oder einander nicht zugehört oder wenn doch, dann sich gegenseitig missverstanden. Wie Familie eben so ist. Und weil, wo Leben Lachen ist, bietet das die Grundlage für den Simon’schen Humor.

Rainer Galke und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Da kommt keine Freude auf – Laurie muss Onkel Jack etwas zu trinken bringen: Rainer Galke und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Seyneb Saleh und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Noras Lebensträume fliegen hoch, aber Mama Blanche reagiert auf so viel Elan ängstlich: Seyneb Saleh und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anja Herden und Birgit Stöger haben die Schwestern Kate und Blanche mit einem Putz- und Nähfimmel versehen, das Heim muss piccobello Heimat sein!, sie sind zwei betuliche, lebensängstliche Muttertiere, Einwandererkinder, die viel zitierte „zweite Generation“, von denen Kate vor Ressentiments gegen die „fremden“, irischen Nachbarn überläuft, während Blanche in der großen Tradition der jiddischen Mames eine Meisterin im geduldigen Tragen von Leid und im Verzicht üben ist. Und wie’s einer guten, jetzt wird’s kurz katholisch, Mater Dolorosa eigen ist, verstehen sie sich auch bestens auf Sticheleien, Nörgeleien und Streitereien.

Ein Glück, dass Rainer Galke als Jack das alles mit Großmut und Galgenhumor nimmt. Er, der von zwei Jobs gerade einen verloren hat, dem jede Entscheidung aufgebürdet wird, der nie zu Ruhe kommen darf, vor allem nicht, wenn ihm die Frauen diese gerade ausdrücklich gönnen. Galke gestaltet mit der Lakonie eines Da-kann-man-halt-nix-machen einen Fels in der Familienbrandung, ihm ist einmal mehr eine glaubhafte Figur gelungen, fast ist er der Vater, den sich jeder nur wünschen kann.

Seyneb Saleh ist als Nora die Traumtänzerin der Sippschaft, die von einer Karriere als Musicalstar schwärmt, Katharina Klar als Laurie dagegen das patzige, hässliche Entlein, das sich nicht nur teenagertypisch hinter seinen Haaren, sondern auch hinter einem Herzflattern versteckt, vor allem, wenn’s darum geht, den Müll rauszutragen. Und dann Stanley. Von Kaspar Locher weitestgehend von seiner Strizzihaftigkeit befreit. Während sich die anderen mit Schuldgefühlen und -zuweisungen in der Waage halten, ist er derjenige, mit dem man Mitgefühl hat. Der ältesteste, der nie nach seinen Wünschen und Sehnsüchten gefragt wurde, auf dem der Druck des Geldverdienens lastet, der lernen muss, dass man sich Gerechtigkeitssinn und Stolz als Arbeiterkind finanziell nur bedingt leisten kann. Locher lässt Stanley am Ende sehr schön über sich hinauswachsen, er hat diesen Charakter gedreht und gewendet und zeigt ihn nun als einen Menschen mit vielen Facetten. Und wie jeder Jerome ist auch er warmherzig und hilfsbereit.

Denn die Geschichte, sie hat eine Message, und es muss ja nicht so sein, dass man nie aus ihr lernt. Jacks von den Nazis verfolgten Verwandten ist die Ausreise nach London gelungen, sie werden den nächsten Dampfer nehmen. Wo sie unterkommen sollen? Wenn wir alle ein klein wenig zusammenrücken, ist hier bei uns doch mehr als genug Platz! Das Publikum in dieser dritten Vorstellung war angerührt und amüsiert und dankte mit viel Applaus. Das Volkstheater hat mit seiner speziellen Art, Unterhaltung und Haltung zu zeigen, bei den letzten Premieren dieser Spielzeit so richtig Fahrt aufgenommen. Mit diesem Wind in den Segeln kann es frohgemut in die nächste gehen.

Kaspar Locher im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18954

Der Spielplan für die Saison 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=19538

www.volkstheater.at

Wien, 4. 5. 2016

Servus TV: Kein Betriebsrat, keine Kündigungen

Mai 3, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mateschitz lässt den Sender weiterleben

In der Causa Servus TV war in diesen Minuten unter dem Titel „Positive Wendung bei Servus TV“ Folgendes per Aussendung zu erfahren: „Mittwochnachmittag trafen sich die Verantwortlichen von Arbeiterkammer, Gewerkschaft und Red Bull. Basierend auf gegenseitiger Akzeptanz und Respekt sowie dem Verständnis der jeweiligen Positionen und Standpunkte kam es zu einem konstruktiven Gespräch betreffend Servus TV. Nicht überraschend für einen Betrieb, der für seine hohen sozialen Standards bekannt ist, lehnt die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter einen Betriebsrat ab. Im Gespräch mit AK und ÖGB wurde diese Haltung der Belegschaft respektiert und damit bestehende Vorbehalte beseitigt. Die Fortsetzung der partei-politischen unabhängigen Linie wird von allen Beteiligten begrüßt. Red Bull führt daher den Sender weiter, und die Kündigungen werden zurückgenommen. Die Verantwortlichen glauben, dass sie dadurch eine gute Basis und Strategie gefunden haben, um die jeweiligen Ziele – die überwiegend gemeinsame und im Weiteren ähnliche Ziele sind – zu erreichen.“

Wien, 4. 5. 2016

Was bisher geschah:

Mateschitz will keinen Betriebsrat: Servus TV wird eingestellt. Das ist auch das Aus für Holenders „kulTour“

Bald nicht mehr auf "kulTour": Ioan Holender mit Opernstar Heinz Zednik. Bild: mottingers-meinung.at

Bald nicht mehr auf „kulTour“: Ioan Holender auf dem Bild mit Opernstar Heinz Zednik. Bild: mottingers-meinung.at

Dietrich Mateschitz‘ Servus TV stellt voraussichtlich noch im Juni den Betrieb ein. „Obwohl wir Jahr für Jahr einen nahezu dreistelligen Millionenbetrag in Servus TV investiert haben, lässt sieben Jahre nach Einführung die aktuelle Markt- und Wettbewerbssituation keine wirklich positive Entwicklung erwarten. Der Sender ist daher für unser Unternehmen wirtschaftlich untragbar geworden“, ließ das Haus heute via Aussendung wissen.

Der in den Red-Bull-Milliardenkonzern eingebettete Privatsender war 2009 mit hohem Anspruch an Qualität und Unterhaltung gestartet. Er überraschte mit dem naturwissenschaftlichen „Terra Mater“ und „Moderne Wunder“, mit Theater- und Opernübertragungen oder mit Ioan Holenders so tief- wie hintergründigem Kulturmagazin „kulTour“.

Ernst Swoboda, Vorstandsvorsitzender des Verbands Österreichischer Privatsender, reagiert schockiert: „Die Entscheidung des Eigentümers, den Sender aus wirtschaftlichen Gründen einzustellen, muss natürlich respektiert werden. Aber diese Entscheidung ist ein scharfes Alarmsignal für die österreichische Medienpolitik. Denn die derzeitigen Rahmenbedingungen behindern nach wie vor massiv die Entwicklung eines wirtschaftlich tragbaren, privaten Rundfunkmarkts. Das Ende von ServusTV ist die bittere Konsequenz, wenn ein Sender hochqualitative, teilweise öffentlich-rechtliche Inhalte privat finanzieren muss, während die öffentlich-rechtliche TV-Anstalt mit Gebühren Kommerz-TV betreibt.“ Auch Kultur- und Medienminister Josef Ostermayer zeigt sich „betroffen“. Mit dem Ende von Servus TV verlieren 264 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz. Sie sind bereits beim AMS angemeldet worden. Das Printmagazin Servus in Stadt und Land ist von der Maßnahme nicht betroffen.

Nachdem laut Standard „am Dienstag hartnäckig das Gerücht die Runde machte, dass Mateschitz wegen eines Rundmails, das von einer externen Mail-Adresse gekommen sei, empört gewesen sei. Darin sei vorgeschlagen worden, online über die Gründung eines Betriebsrats abzustimmen – was neue, bessere Verträge zur Folge gehabt und den Konzern mehr Geld gekostet hätte. Deshalb soll es dem Red-Bull-Boss gereicht haben, berichteten Mitarbeiter“ (mehr: derstandard.at/2000036231337/Schock-bei-Mitarbeiter-Viele-Redakteure-stehen-vor-dem-Nichts), erklärte Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz den Salzburger Nachrichten, dass für ihn die beabsichtigte Gründung eines Betriebsrats der Hauptgrund war, um Servus TV einzustellen.

„Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und Unbeeinflussbarkeit insbesondere durch politische Parteien, egal welcher Richtung, war von Anfang an ein tragender Pfeiler von Servus TV, so Mateschitz. Die Betriebsratsgründung hätte diese Werte insbesondere durch die Art und Weise ihres Zustandekommens – anonym, unterstützt von Gewerkschaft und Arbeiterkammer – nachhaltig beschädigt. Dass diese Vorgehensweise bei der Entscheidung in der aktuellen Situation des Senders nicht gerade dienlich war, ist evident.“

Ein Statement des Verbands Österreichischer Privatsender dazu steht noch aus.

www.servustv.com/at

Wien, 3. 5. 2016