Newsletter 35/16

August 26, 2016 in Ausstellung, Buch, Bühne, Film, Klassik, Tipps

Liebe Abonnentinnen und Abonnenten!

In der kommenden Woche finden Sie auf mottingers-meinung.at folgende Kulturhighlights:

  • Wir berichten von der Ödön von Horváth-Uraufführung „Niemand“ am Theater in der Josefstadt – ein Interview über dieses mehr als 90 Jahre verschollen gewesene Werk finden Sie bereits hier: www.mottingers-meinung.at/?p=21624,
  • und über Houchang Allahyaris neuen Kinofilm „Rote Rüben“, für den der Filmemacher mit seinem Sohn Tom-Dariusch nach mehr als 40 Jahren erstmals wieder den Iran bereist hat,
  • sprechen mit dem neuen Volkstheater-Ensemblemitglied Michael Abendroth über Dušan David Pařízeks Uraufführung von Katherine Anne Porters großem Gesellschaftsroman „Das Narrenschiff“,
  • und stellen den Spielplan des TAG für die Saison 2016/17 vor.

Außerdem gibt es die Buchbesprechung von „Die Unvollkommenheit der Liebe“, dem neuen Roman der Pulitzerpreisträgerin Elizabeth Strout, der auf der Longlist für den Man Booker Prize steht, einen Tag mit Rudolf Buchbinder im „Beethoven-Rausch“  – und wie immer jede Menge Kulturtipps.

Viel Vergnügen beim Lesen!

Michaela & Rudolf Mottinger

Wien, 26. 8. 2016

„Toni Erdmann“ soll Deutschland den Oscar sichern

August 25, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Peter Simonischek brilliert in der Titelrolle

Peter Simonischek brilliert als "Toni Erdmann". Bild: © Filmladen Filmverleih

Burgschauspieler Peter Simonischek als „Toni Erdmann“. Bild: © Filmladen Filmverleih

Gerade erst in San Sebastian zum Film des Jahres gekürt, gibt es wieder Neuigkeiten über „Toni Erdmann“: Maren Ades Film wird von Deutschland ins Rennen um den Auslands-Oscar geschickt. Das gab die Auslandsvertretung des Deutschen Films Donnerstag Vormittag in München bekannt. Die Titelrolle spielt Burgtheaterschauspieler Peter Simonischek.

Die Academy in Hollywood wird am 17. Jänner 2017 eine Shortlist der Bewerbungen aus dem Ausland veröffentlichen, die fünf nominierten Filme sollen am 24. Jänner bekanntgegeben werden. Die Oscar-Verleihung findet  am 26. Februar 2017 statt.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20924

tonierdmann-derfilm.de

Wien, 25. 8. 2016

Howard Jacobson: Shylock

August 25, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Pfund Fleisch soll diesmal vom Penis sein

Shylock von Howard Jacobson

Shylock von Howard Jacobson

Im April 2016 startete The Hogarth Press, vor fast hundert Jahren von Virginia und Leonard Woolf gegründet, ihr Shakespeare-Projekt. Zum 400. Todestag des britischen Barden wurden internationale Autoren, darunter Margaret Atwood oder Jo Nesbø, eingeladen, die Neuerzählung eines von ihnen gewählten Shakespeare-Werkes zu präsentieren. Nun liegt auch beim deutschen Partnerverlag Knaus Howard Jacobsons „Shylock“ vor, und das Buch entpuppt sich als eine beinah unverschämte Umschreibung, als höchst burlesker Umgang mit dem vermeintlichen Antisemitismus des „Kaufmann von Venedig“. „Shylock“, das ist ein sardonisches Spiel mit Shakespeare.

Dass Jacobson, der sich nicht erst seit der „Finkler-Frage“ am Jüdischsein abarbeitet, der seine Zweifel und Verzweiflungen daran, dieses Lebensthema gleichsam zum Dreh- und Angelpunkt seiner Literatur gemacht hat, den „Kaufmann“ gewählt hat, nimmt kaum Wunder. Es sei dies, sagt er, „das verstörendste Schauspiel aus der Feder des Dramatikers, aber für einen britischen Romancier, der zufällig noch Jude ist, auch die größte Herausforderung.“

Was ihm gelungen ist, ist die moderne Paraphrase einer Überfluss- und Überdrussgesellschaft, in der sich einige wenige das Recht herausnehmen, es zu machen. Jacobson zeigt eine wohlstandsverrückte Welt, in der Wert gleich Wertsteigerung ist. Dazu hat er die venezianischen Kaufleute ins britische Kunsthändlermilieu versetzt. Auf einem Friedhof in der Grafschaft Cheshire, wie alle spielt auch dieser Roman Jacobsons am Fuße seines Geburtsberges, des Alderley Edge, lernen die Protagonisten einander kennen. Wenn sie’s denn tun, denn diesbezüglich beschleichen einen Bedenken. Der reiche Kunsthändler Simon Strulovitch gabelt am Grab von dessen Frau Leah den inbrünstig mit der Verstorbenen Zwiesprache haltenden Shylock auf – und kann sich der seltsam strengen, auch sinistren Gestalt nicht mehr entziehen. Er nimmt ihn mit nach Hause.

Wie sich die Schicksale gleichen. Auch Strulovitch hat eine abtrünnige Tochter, die als üppig-sinnliche, magentahaarige Schönheit beschriebene Beatrice, die ebenfalls in die falschen Kreise geraten ist, nämlich die der leichtlebigen Millionenerbin Plurabelle und ihres Kunstankäufers und Strulovitchs Kaufmannskonkurrenten D’Anton – man beachte die Namensgebungen, nur um sich dort in den dümmlichen Fussballstar Howsome zu verlieben. Der hat’s zweifellos in den Beinen, und sicher auch anderswo, aber definitiv nichts im Kopf. Zuletzt fiel er auf, weil er nach einem verwandelten Elfmeter den jubelnden Fans mit hochgestrecktem rechtem Arm dankte, was er nun als Missverständnis entschuldigt. Aber auch Plurabelle und D’Anton, sie ganz überspannte, er die dandyhafte Variante der Upperclass-Dekadenz, haben über die „Hakennasigen“ ihre eindeutige Meinung. Und die ist eine Mischung aus Faszination und Grauen vor dem „Fremden“. Beatrice, „Kind der ersten Generation, die ohne Gedächtnis auf die Welt kommt“, bemerkt von alledem natürlich nichts.

Wie schon im dystopischen Vorgänger „J“ fügt Jacobson auch hier Hitler und Holocaust in die Handlung; er tut’s, man kann es nicht anders sagen, mit jüdischem Mutterwitz und dem doppelbödigen Humor der dem Mordgesindel Entronnenen, diesmal allerdings unterbrochen durch die empörten Zwischenrufe des die Zukunft nicht ahnenden Shakespeare. „Früher haben sie mich angespuckt, jetzt erzählen sie mir jüdische Witze“. Sagt Shylock. Strulovitch wünschte, darauf eine Antwort zu haben. „Aber für mich ist ein Witz, der mir erzählt wird, wie eine kleine weiße Fahne. Hör zu, wir kommen in Frieden“. „ Dann sag mir einen Witz, der nett gemeint ist.“ Gemeinsam jedenfalls schmieden die beiden geschundenen Väter einen bösen Plan. Will Howsome die Beatrice haben, muss auch er sein Pfund Fleisch dafür geben. Nur reicht heute sein Herz nicht mehr, es soll ein Stück seiner Männlichkeit sein. Die Vorhaut. Strulovitch verlangt vom Liebhaber seiner Tochter die Beschneidung. Wenn denn er sie verlangt. „Kannst du mir sagen“, wollte Strulovitch wissen, „wie wir vom Metaphorischen ins Wörtliche geraten sind? Alles fing damit an, dass ich einen Goi, der mit meiner Tochter schläft, aufgefordert habe, seine guten Absichten zu beweisen. Und unversehens, unter deiner Anleitung, schneide ich ihm den Penis ab.“ „Willkommen in meiner Welt“, sagte Shylock.

Der übrigens zutiefst bedauert, in seiner Angelegenheit das Messer nicht ebenfalls tiefer angesetzt zu haben. Den Kern des Buches bilden diese aberwitzig abgründigen und wortverspielten Gespräche des Shylock mit Strulovitch. Teils sind sie zutiefst theosophisch, teils ein heiterer Diskurs über Shakespeares Ansinnen in der Shylock-Sache, gespickt mit Seitenhieben auf moderne Unterhaltungsunsinnigkeiten wie Kochtalkshows und Sticheleien gegen Schriftstellerkollegen, vor allem Paulo Coelho kriegt als selbsternannter Prophet wieder einiges ab, teils frivol und frech – denn freilich dreht sich vieles um den einen. Shylock ist Strulovitch unsympathisch, und dennoch kommt er nicht von ihm los. Er ist wie eine dunkle, radikalere, archaischere Seite seiner selbst, und daher immer da; er spricht aus, was sich der andere auszuleben wünscht, als würde Strulovitch, der Belesene vom Volk des Buches, sich Shakespeares Shylock nur imaginieren. Es ist, als hätte Jacobson die Figur in Hälften geteilt, und dennoch sind die beiden weniger die zwei Seiten einer Person, als dass der andere schon war, wo der eine erst hin muss. Das ist ein großartiger Kunstgriff.

Und apropos Kunst: Einbettet ist die ganze Gemächtgeschichte in eine wunderbare Intrige rund um eine Vorstudie zu Solomon Joseph Solomons Gemälde „Love’s First Lesson“, die sowohl Strulovitch als auch D’Anton erwerben wollen. Was da an Briefen die Besitzer wechseln, Schriftstücke in nicht für sie bestimmte Hände geraten, ist dem Shakespeare’schen Verwechslungsschabernack innigst verwandt. Plurabelle indes bereitet schon die Beschneidungsparty vor, bei der sie den Juden als im Wortsinn Unmenschen anprangern will, der für sie typische große Bahnhof mit Liveübertragung im Fernsehen etc. ist ihr dabei wichtiger als die körperliche Unversehrtheit eines Freundes …

Der Schluss ist, wie er war. Mit der offenbleibenden Frage, ob Shylock und Strulovitch tatsächlich die Betrogenen sind. Am Ende nämlich kehren die beiden ihre Standpunkte um. Howard Jacobson ist bei allem Zynismus Humanist. Wie Shakespeare, der, davon ist Strulovitch überzeugt, in Wirklichkeit wahrscheinlich Shapiro hieß. Weil er nämlich eins wusste: Rachmones, das ist zuerst und wird es immer bleiben ein jüdisches Konzept.

Über den Autor:
Howard Jacobson, 1942 in Manchester geboren, lebt in London. Er hat bisher vierzehn Romane und vier Sachbücher vorgelegt und zählt zu den renommiertesten Autoren Großbritanniens. Seine Romane erscheinen in zwanzig Ländern und wurden schon vielfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt er für „Die Finkler-Frage“ 2010 den Man Booker-Preis, den wichtigsten Literaturpreis der englischsprachigen Welt. Nach „Liebesdienst“ (2012) und „Im Zoo“ (2014, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14443), für den er den Bollinger Everyman Wodehouse Prize for Comic Fiction erhalten hat, ist die Shoa-Groteske „J“ Jacobsons kontroversiellster Roman (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16405). Er stand 2014 auf der Shortlist des Booker-Preises.

Knaus Verlag, Howard Jacobson: „Shylock“, Roman, 288 Seiten. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence.

www.knaus-verlag.de

Wien, 25. 8. 2016

Jeunesse beendet Zusammenarbeit mit Alexander Moore wegen „Auffassungsunterschieden“

August 24, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Neue Leitung: Antonia Grüner und Andreas Farthofer

Antonia Grüner und Andreas Farthofer. Bilder: Jeunesse

Antonia Grüner und Andreas Farthofer. Bilder: Jeunesse

Mit Antonia Grüner als künstlerischer Leiterin und Andreas Farthofer als kaufmännischem Leiter präsentierte die Jeunesse heute Nachmittag ein neues Führungsduo für ihr bundesweites Veranstalternetzwerk. Die beiden übernehmen ab sofort alle Agenden des bisherigen Generalsekretärs Alexander Moore.

„Der Vereinsvorstand der Jeunesse hat sich dazu entschieden, die Zusammenarbeit mit Alexander Moore aufgrund von Auffassungsunterschieden zu beenden und eine Neuausrichtung der Leitung der Jeunesse vorzunehmen“, so die Obfrau Katharina Regner. „Dazu gehört auch die Besetzung einer Doppelspitze und die klare Aufgabentrennung in einen künstlerischen und einen kaufmännischen Bereich. Es freut uns besonders, dass die neue Leitung aus dem Team des Hauses kommt.“

Antonia Grüner arbeitet seit 2013 im Künstlerischen Betriebsbüro der Jeunesse. Andreas Farthofer war neben der Mitarbeit im Kartenbüro im Bereich der Musikvermittlung (Reihe „Musik zum Angreifen“) tätig und 2008 und 2009 für die Organisation des Jeunesse KindermusikCamps Graz verantwortlich. 2009 übernahm er die Verkaufsleitung der Jeunesse. Worin die Auffassungsunterschiede mit dem scheidenden Alexander Moore bestehen, wurde nicht bekannt gemacht.

www.jeunesse.at

Wien, 24. 8. 2016

Michael Kienzer-Schau in der Minoritenkirche Krems

August 24, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Kuratiert vom neuen Kunsthallen-Chef Florian Steininger

Michael Kienzer im Klangraum Krems Minoritenkirche. Bild: Oliver Ottenschlager

Michael Kienzer im Klangraum Krems Minoritenkirche. Bild: Oliver Ottenschlager

Weil die Kunsthalle Krems bis Juli 2017 wegen Generalsanierung geschlossen ist, hat sich deren neuer Direktor den Klangraum  Minoritenkirche ausgewählt, um dort seine erste Schau zu kuratieren. Ab 27. August zeigt Florian Steiniger mit einer Ausstellung über Michael Kienzer erstmals in Krems seine künstlerische Handschrift.

Michael Kienzer bespielt das Langhaus, die Seitenschiffe sowie den Chorbereich mit einer ortsbezogenen Installation, die eigens für dieses dreiwöchige Ausstellungsprojekt entstanden ist. Die Arbeit für die Kirche ist aus einer Konstruktion mit Metallrohren und Holzplatten zusammengesetzt. So entsteht ein offener Raster, ein Gerüst für eine Assemblage im Raum. Bei genauerer Betrachtung wird man erkennen, dass nur ein paar wenige Stellen der Konstruktionen verschraubt sind, oder gar nur lose hineingesteckt oder provisorisch fixiert. Kienzer lädt sein Werk mit Dynamik, mit einer Spannung auf; es enthält eine prekäre Energie, auf der Kippe zur Destruktion.

Die Qualitäten der Montage und Konstruktion sowie die Vernetzung seines Objekt mit dem Raum – bis hin zum öffentlichen  – spielen im Werk von Michael Kienzer eine zentrale Rolle. Der Künstler, geboren 1962 in Steyr, studierte Bildhauerei in der Meisterklasse von Josef Pillhofer und zählt zu den führenden Vertretern der „Neuen Skulptur“ der 1980er- und 1990er-Jahre. Ausgehend von einer vermehrt expressiven bildhauerischen Arbeitsweise hat sich sein Skulpturenbegriff in Richtung spatial-konstruktivistische Konzeptualität verlagert. Konventionelle Kriterien werden von Kienzer über Bord geworfen: kein Sockel, der das Kunstwerk hermetisch vom Betrachterraum trennt und es dadurch erhöht, keine figurative, narrative oder symbolische Bestimmung, keine handwerklichen Spuren im Sinne des schöpferischen Formens. Der Bildhauer wird zum Ingenieur und Konstrukteur, arbeitet mit industriell vorgefertigten Materialien anstelle mit Stein, Holz oder Bronze. Diese Materialkultur und die konstruktivistische Struktur der Skulpturen sind sonst vor allem in der russischen Avantgarde um 1915 bis in die frühen 1920er-Jahre bekannt.

Michael Kienzer. Bild: Atelier M. Kienzer

Michael Kienzer. Bild: Atelier M. Kienzer

Michael Kienzer: Sich, Kunsthaus Graz 2012. Courtesy Galerie Elisabeth & Klaus Thoman Innsbruck/Wien. Bild: Universalmuseum Joanneum/Nicolaus Lackner

Michael Kienzer: Sich, Kunsthaus Graz 2012. Courtesy Galerie Elisabeth & Klaus Thoman Innsbruck/Wien. Bild: Universalmuseum Joanneum/Nicolaus Lackner

Mehr zur Person Florian Steininger www.mottingers-meinung.at/?p=16178 und seinen Plänen für die Kunsthalle Krems www.mottingers-meinung.at/?p=19864

www.kunsthalle.at

Wien, 24. 8. 2016