Burgtheater: Dantons Tod

Oktober 22, 2014 in Bühne

Diese Besprechung bezieht sich auf die Voraufführung am 21. Oktober.

VON MICHAELA MOTTINGER

Duell zweier Theatertitanen

Joachim Meyerhoff (Georges Danton), Michael Maertens (Robespierre) Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Joachim Meyerhoff (Georges Danton), Michael Maertens (Robespierre)
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Sie mögen von der Bühne gegangen sein, um das eine oder andere noch zu diskutieren. Etwa, wie man es verhindern kann, dass “St. Just” Fabian Krüger mit dem Stiefel in Dantons am Boden liegender Perücke hängen bleibt – und diese minutenlang nicht los wird. Es war aber auch ein Sinnbild. Oder, dass ein Bühnenarbeiter die Gewänder der Exekutierten zusammenräumen musste, damit eine goldene Wand sich senken kann. Egal. Jan Bosses Inzenierung von Georg Büchners “Dantons Tod” am Burgtheater ist großartig. Und sie kann bis zur Premiere am Freitag nur noch großartiger werden.

Wer mehr noch nicht wissen möchte, möge hier aufhören zu lesen!

Allein das Bühnenbild von Stéphane Laimé (Kostüme: Kathrin Plath) ist herausragend. Ein sich beinah – bis auf Prozess und Kerkerhaft – ständig drehendes Ringelspiel  mit Treppen wie von M. C. Escher, mit Spiegelkabinetten, Boudoirs für die Liebe, Kammern mit Gerichtsakten, einer Badewanne natürlich, die Guillotine in der Mitte des Raums … und einem Joachim Meyerhoff in der Haupt-Rolle als Danton, der in die Gegenrichtung langstreckenläuft. Gegen die Geschichte. Gegen die Zeit. Gesicht und Oberkörper mit einer weißen Klebmasse beschmiert. Abertausend Ideen scheinen durch Bosses Kopf gerast zu sein. So wie man den Regisseur kennt und liebt. Etwa ein von St. Just “geleiteter” Kinderchor, der immer wieder die Marseillaise anstimmt – und das “Allons enfants” wörtlich nimmt, wenn die kleinen Sängerinnen und Sänger als Revolutionäre mitten durchs Publikum auf die Bühne stürmen.

Zwischen all diesen Gimmicks hat Bosse das Wesentliche aber im Blick behalten. “Dantons Tod” ist ein Lehrstück über Despotismus. Darüber, wie Revolution zu Diktatur führt. Wie es jede seit 1789 tat, was Büchner freilich nicht wissen konnte. Nur 22 Jahre alt fetzte er “Dantons Tod” in fünf atemlosen Wochen hin. Der Dichter stand damals, 1835, völlig zu Recht unter dem Verdacht des Hochverrats. Er hatte im Hessischen Landboten sein berühmtes Manifest “Friede den Hütten, Krieg den Palästen” veröffentlicht. “Die politischen Verhältnisse können mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Machthaber und die Liberalen ihre Affenkomödie spielen”, formulierte Büchner. All das lässt Bosse in seine Bearbeitung einfließen. Auch, dass George (Danton) von den Mitspielern Georg (Büchner) genannt wird und die beiden so gleichgesetzt werden. Auch, Achtung: Jung-Castorf, Großmutters “Es war einmal ein arm Kind und hat kein Vater und keine Mutter, war alles tot und war niemand mehr auf der Welt … Und war ganz allein, und da hat sichs hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und ist ganz allein” aus Woyzeck, vorgetragen von Ignaz Kirchner. Der auch den Thomas Payne gibt, einen der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, der mit Danton den girondistischen Verfassungsentwurf ausarbeitet, der allerdings nicht in Kraft trat. Er entging durch einen Zufall der Enthauptung. Er glaubte, dass wahre Religion darin bestehe, Gerechtigkeit zu üben, Erbarmen zu haben und seine Mitmenschen glücklich zu machen: “Die christliche Religion ist eine Parodie auf die Sonnenanbetung, in welcher sie eine Figur namens Christus an die Stelle der Sonne setzten und ihm jetzt die Verehrung zukommen lassen, die ursprünglich der Sonne galt.”

Doch mit Sonnenkönig und so hatten die Franzosen ihre Schwierigkeiten, deshalb gibt Michael Maertens den Blutmessias Robespierre, der alle seine alten Freunde und Wegbegleiter, seine Apostel, kopflos macht. Bosse hat Maertens und Meyerhoff wunderbar gegen den Strich besetzt, holt beide aus ihrer Burgschauspielerwohlfühlzone, lässt sie neue Facetten ihres Könnens zeigen. Eine der besten Szenen daher die Auseinandersetzung zwischen den beiden. Meyerhoff legt seinen Danton weniger als Epikureer an; er ist resignativ, politik- und lebensüberdrüssig, mittelschwer irre, aber das ist sicherlich so, wenn man dabei ist, den Kopf zu verlieren, und sich trotzdem in einen trügerischen Kokon der Unverwundbarkeit eingesponnen glaubt: “Mein Name!” Maertens “Robespierre” erscheint lange nur auf Leinwand, ein riesiger, via Livekamera gefilmter Kopf, ein jakobinischer Big Brother, der Asket, der mit unangenehm hoher Fistelstimme seine Wahrheit verkündet. Zwei begnadete Redner, der eine vom anderen “Polizeisoldat des Himmels” genannt, der andere beschuldigt, “die Rosse der Revolution vorm Bordell halten lassen machend”. Robespierre wurde übrigens 1794 ohne vorherigen Prozess durch die Guillotine enthauptet, Saint-Just bestiegt mit ihm gemeinsam das Schafott.

Fabian Krüger spielt St. Just als Intriganten, als unscheinbares Priesterlein seines Herrn, der die “große Leiche” Danton mit Anstand begraben will, weil sie ihm lebend zu eloquent ist. Seine Rede vor dem Kovent ist ein Gustostück. Seine Worte duften nicht mehr nach Menschenliebe, sondern stinken wie Leichen, aus deren Bergen er neue Lebende schaffen will. Vom Himmel regnet es Pamphlete, Kleidungsstücke … Man kann nicht umhin bei dieser Gewandlawine ans Dritte Reich und seine KZs zu denken …

Auf der anderen Seite stehen Peter Knaack als Camille Desmoulins und Daniel Jesch als Lacroix, die ihren Freund Danton aus seiner hysterischen Lethargie reißen wollen. Die endlich Republik statt Revolution wollen. Die genug haben vom “Köpfen spielen”. Auch ihre werden gemeinsam mit Dantons im Korb landen. Eine gelungene Darstellung! Ebenso wie die von Adina Vetter als Dantons verzweifelter Ehefrau Julie. Eine Verausgabung bis zur Selbstaufgabe. Julie und die von Aenne Schwarz verkörperte Lucile, Desmoulins Frau, werden ihren Männern freiwillig in den Tod folgen. Jasna Fritzi Bauer ist eine herrliche Hure Marion; Stefan Wieland und Hermann Scheidleder zwei blutdürstige Bürger.

Fazit: Eine fabelhafte Voraufführung. Man darf sich zu Recht auf die kommenden Vorstellungen freuen.

www.burgtheater.at

Wien, 22. 10. 2014

Karin Bergmann ist die neue Burgtheaterdirektorin

Oktober 14, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die interimistische Leiterin macht weiter

Bild: Burgtheater

Bild: Burgtheater

Kulturminister Josef Ostermayer gab am Dienstagvormittag seine Entscheidung über die künftige Burgtheater-Direktion bekannt – zunächst dem Aufsichtsrat, den er laut Gesetz anhören muss, danach Ensemble und Presse. 21 Bewerbungen waren für die Nachfolge des entlassenen Matthias Hartmann eingegangen. Ostermayer hatte von der Findungskommission, der unter anderem Hermann Beil, Götz Spielmann und die neue Bregenzer Festspielchefin Elisabeth Sobotka angehörten, einen Zweier-Vorschlag übermittelt bekommen: Den Dresdner Staatsschauspiel-Intendanten Wilfried Schulz und den deutschen Regisseur Michael Thalheimer. Doch auch der Name der interimistischen Burgtheater-Chefin Karin Bergmann fiel in den vergangenen Tagen immer öfter.

Ostermayer entschied für Karin Bergmann. Ihre nicht mehr interimistische künstlerische Leitung des Burgtheaters beginnt mit 1. September 2016. Die Wahl scheint logisch. Bergmann ist im Haus bekannt und beliebt. Erst gestern facebookte ein Mitarbeiter auf einen mottingers-meinung.at-Artikel im “Salon Burgtheater”: “Das ganze Haus ist ruhig und kein Mensch von uns denkt, dass es KB NICHT wird !!! So eine tolle Atmosphäre wie jetzt hatten wir schon lange nicht und das weiß auch der Minister, denken wir !!” Und: Sie ist in die finanzielle Sanierung des Schlachtschiffes Burg vollinhaltlich involviert. Kennt nicht nur seine Stärken, sondern auch seine Schwächen. Kann dafür sorgen, dass Drama wieder auf der Bühne und nicht im Gerichtssaal stattfindet. Wegbegleiter beschreiben sie als besonnen und ruhig, Selbstdarstellung ist ihre Sache nicht. „Das Burgtheater hat zu Recht ein großes Ensemble, um das man uns im gesamten deutschsprachigen Raum beneidet“ – das sei für sie das Reizvolle an der Arbeit. „Ich persönlich brauche keinen Glanz, den lege ich mir durch die Künstler, die hier arbeiten, zu“, so Bergmann.

Karin Bergmann ist die erste FRAU an der Spitze des größten Sprechtheaters. Stets hatte sie beteuert, sich nicht für den Job beworben zu haben, doch Qualität spricht eben – wenn der/die Richtige zuhört – für sich. Bergmann soll bis 2019 bleiben. Insgesamt hätte sie dann fünf Jahre an der Spitze der Burg gestanden, was einer normalen Amtsperiode einer Burgdirektion entspricht. „Ich wusste, man kann mit diesem Haus, auch wenn man erst eine Sanierung angehen muss, auf Dauer nur gewinnen“, zeigte sich Bergmann in einem ersten Statement selbstbewusst. „Die Entscheidung, dass ich die Arbeit fortsetzen darf, macht mich sehr froh.“ Das Burgtheater sei international der „Turm, auf den alle schauen“, so Bergmann. Auch wenn es kurze Zeit den Anschein gehabt habe, dass dieser „schwankt oder in Schräglage gerät.“ Ohne sich näher zu Plänen für kommende Spielzeiten zu äußern, kündigte Bergmann Arbeiten mit Regisseuren wie Martin Kušej, Alvis Hermanis und Andreas Kriegenburg an. Sie wünsche sich wieder Auseinandersetzungen mit großen „epochalen Stoffen“. Gleichzeitig plane sie eine verstärkte Integration zeitgenössischer Autoren. Regisseur Michael Thalheimer, dessen Name ebenfalls als Intendant gehandelt worden war, bleibt dem Burgtheater jedenfalls erhalten: Er inszeniert die Österreichische Erstaufführung von Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“, die im März 2015 Premiere hat.

Karin Bergmann, 1953 in Recklinghausen geboren, begann ihre Theaterlaufbahn 1979 als Direktionsassistentin am Schauspielhaus Bochum unter Intendant Claus Peymann. 1983 wurde sie Pressereferentin am Deutschen Schauspielhaus Hamburg bei den Intendanten Niels-Peter Rudolph und Peter Zadek. 1986 kam sie mit Claus Peymann als Pressesprecherin ans Burgtheater. 1993 holte sie Intendant Rudi Klausnitzer als Pressesprecherin und Direktionsmitglied an die Vereinigten Bühnen, bis sie zu Klaus Bachler 1996 in den gleichen Funktionen an die Volksoper Wien wechselte. Als Bachler 1999 an das Burgtheater berufen wurde, wurde Karin Bergmann seine stellvertretende Direktorin, leitete im letzten Jahr seiner zehnjährigen Direktion, als er bereits die Münchner Staatsoper übernommen hatte, die Direktion und den Übergang zu Matthias Hartmann, bei dem sie als seine Stellvertreterin noch die erste Spielzeit 2009/10 blieb. Am 19. März 2014 wurde Karin Bergmann von Kanzleramtsminister Josef Ostermayer zur interimistischen künstlerischen Direktorin ernannt, sie wurde mit der künstlerischen Leitung des Burgtheaters für die Spielzeiten 2014/15 und 2015/16 betraut. Nun darf man gespannt sein, wie’s weiter geht. Vor allem, da demnächst mit Anna Badora noch eine Fischin im Wiener Becken schwimmt.

www.burgtheater.at

Wien, 14. 10. 2014

Salzburger Festspiele/Burgtheater: Georg Schmiedleitner

April 2, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

… inszeniert “Die letzten Tage der Menschheit”

Bild: Nestroy-Preis

Bild: Nestroy-Preis

Das Burgtheater Wien und die Salzburger Festspiele werden wie geplant „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus koproduzieren. Nachdem Matthias Hartmann wie bereits berichtet vom Burgtheater von seiner Regieverpflichtung entbunden wurde, konnte für die Umsetzung von Karl Kraus‘ epochalem Werk mit Georg Schmiedleitner ein Regisseur gefunden werden, der sich mit politisch-österreichischem Theater einen Namen gemacht hat. Der Österreicher Georg Schmiedleitner wurde als Mitbegründer und Leiter des Linzer Theater Phönix bekannt. Am Burgtheater inszenierte er erstmals 2005 Nestroys „Der Zerrissene“ mit Karlheinz Hackl und Birgit Minichmayr. Als freier Schauspiel- und Opernregisseur arbeitet er im gesamten deutschsprachigen Theaterraum, unter anderem an den Schauspielhäusern Graz und Hamburg, am Staatstheater Nürnberg, Nationaltheater Mannheim, am Wiener Volkstheater und am Theater in der Josefstadt. Für politisch und spezifisch österreichisches Theater steht sein Name auch als künstlerischer Leiter des Theaters Hausruck, einer Theaterinitiative, die regionale zeitgeschichtliche und aktuelle gesellschaftspolitische Themen aufarbeitet. 2005 erhielt er den Nestroy-Preis für seine Regie von „Hunt oder Der totale Februar“ von Franzobel.

Großartig, dass er so kurzfristig bereit war, die Regie zu übernehmen.

www.burgtheater.at

www.salzburgerfestspiele.at

Wien, 2. 4. 2014

Burgtheater: Karin Bergmann folgt Hartmann

März 19, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hermann Beil wird „ehrenamtlicher Berater“

Karin Bergmann und Josef Ostermayer  Bild: Andy Wenzel/BKA

Karin Bergmann und Josef Ostermayer
Bild: Andy Wenzel/BKA

Kulturminister Josef Ostermayer ist ein Mann der schnellen Entschlüsse. Und der guten. Das ehrt ihn. Dienstagabend traf er seine Protagonisten zum Entscheidungsgespräch, heute Mittag hat er seinen Entschluß bekannt gegeben: Karin Bergmann übernimmt nach der fristlosen Entlassung von Matthias Hartmann in der Vorwoche bis August 2016 interimistisch die Führung des Wiener Burgtheaters. Diese Entscheidung präsentierte Ostermayer  gemeinsam mit dem Burg-Aufsichtsratschef Christian Strasser. Hermann Beil (72) wird als „ehrenamtlicher Berater“ fungieren. Bergmann (60) war Burg-Vizedirektorin und ist die erste Frau in der neuen Position, ein Provisiorium, das typisch österreichisch gern zur Dauerlösung werden könnte. Beil war Claus Peymanns früherer Kodirektor am Burgtheater und ist sein jetziger Chefdramaturg am Berliner Ensemble. Er ging mit ihm auch schon eine Hose kaufen, war mit ihm essen und auf der Sulzwiese … Vor-/Nachteil: Beil ist ein Unbestechlicher, der es immer schon abgelehnt hat, Theaterintendanzen zu übernehmen.

Ostermayer, der die letzten Tage intensive Verhandlungen führte, scheint wichtig, dass eine Profin die Burg übernimmt, niemand aus dem Ensemble. Er braucht Troubleshooter. Und Bergmann darf zugetraut werden, die Burg-Krise samt ihres Budget-Fehlbetrags von bis zu 13 Millionen Euro zu stemmen, vielleicht wäre eine Art Hypo Alpe Burg (dass Hartmann nie auf diesen Slogan gekommen ist: Alpe Burg Adria) drin, damit hat man hierzulande ja Erfahrung, und sich auch beim kommenden Kultur-Sparpaket von den Politikern nicht über den Tisch ziehen zu lassen. Dass sich die Verhandlungen um die interimistische Intendanz als so schwierig erwiesen, hat Gründe. Bergmann hatte Spannungen mit dem mächtigen Holding-Chef Georg Springer, dessen Position aber seit der Krise nicht mehr so stark ist. Bergmann wirkt stets ausgleichend, um Ruhe zwischen entwaigen Streitparteien bemüht. Sie war unter anderem Peymanns, mit dem die gebürtige Deutsche nach Wien gekommen und zwei Jahrzehnte am Haus tätig war, und Rudi Klausnitzers Pressesprecherin, als der noch Intendant der Vereinigten Bühnen Wien war. Sie war ab 1999 Vize-Chefin unter Nikolaus Bachler, der ihr viel freie Hand ließ, und zeichnete 2008, als dieser ein Jahr vor Vertragsende die Bayerische Staatsoper übernahm, hauptsächlich für den Betrieb verantwortlich. Mit dem entlassenen Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann verstand sie sich nicht, und sie verließ das Burgtheater in die Pension.

“Ich habe viele Ideen”, sagte Karin Bergmann in einer ersten Stellungnahme, wolle diese aber zuerst mit ihren Mitarbeitern besprechen. Das Burg-Ensemble begrüßte die Bestellung Bergmanns mit minutenlangem Applaus. “Sie ist eine Person, mit der man tatsächlich auf Augenhöhe reden kann”, lobte Ensemble-Vertreter Roland Koch. “Mit ihr beginnt heute am Haus eine neue Zeitrechnung.”

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Wien, 19. 3. 2014

Burgtheater: Die Krönung Richards III.

März 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon die zweite Vorstellung wurde abgesagt

Martin Wuttke Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Martin Wuttke
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Freitag, 16.45 Uhr, wogten die Zuschauermassen durchs Foyer des Burgtheaters wie Wellen bei schwerem Seegang. Erst hieß es, die Vorstellung finde nicht statt. Also hin zur Kassa, Karten hergeben, Geld entgegennehmen. Dann hörte man, nein, die Vorstellung werde doch gespielt. Also Geld retour, Karten retour. Schließlich ließ Frank Castorf die zweite Vorstellung von “Die Krönung Richards III.” absagen. Zwei Damen des Ensembles seien stimmlos. Oliver Masucci verlässt das Haus über den Bühneneingang,lässig, mit Sonnenbrille. Ein deutsches enttäuschtes Paar: “Bei uns schließen sie die Theater, die Burg sperrt sich von innen zu.” Der mittlerweile auch schon entnervte Mann an der Kassa: “Wenn jetzt alle ihr Geld wollen, habe ich zu wenig Bares da.” Nanu? Bares ging doch sonst am Haus in 100.000er-Summen über den Tisch.

Tags zuvor hatte manch Premieren-Printschreiber von Massenfluchten des Publikums berichtet. Nun wären die wahren Castorfianer da gewesen, um sich an der jüngsten Dekonstruktion des Grumpy Old Man des deutschen Diskurstheaters sechs Stunden lang zu laben. Der viel gemühte Sager vom Stückezertrümmerer ist nämlich ein blöder. Auch für “Heiterkeiten” zum Thema Hinternwundsitzen besteht kein Anlass. Castorf macht größer, führt Gedanken der von ihm bearbeiteten Autoren fort und aus. Diesmal um Texte von Antonin Artaud – was könnte besser zu Hans Henny Jahnn passen, als dessen Theater der Grausamkeit -, Georges Batailles surrealistisch-dekadente-erotische Prosa  und, weil Bataille stark von ihm beeinflusst war und Castorf ohne ihn sowieso nicht kann: Karl Marx. Ans Ende stellte der Theatermacher Heiner Müllers “Der Auftrag”. Dessen, Martin Wuttkes als Richard III., vorletzter, viel belachter, von “Qualitätszeitungen” als aktuell improvisiert interpretierter Satz “Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Ich entlasse uns aus unserem Auftrag”, steht 1:1 so bei Heiner Müller. Lernen Sie Kultur, Herr Redakteur. Martin Wuttke, die treue Seele, war’s dann auch, die sich freitags anbot, auf der Bühne Material aus dem und ums Stück zu lesen.

Hans Henny Jahnn war ein Unbequemer, einer der großen produktiven Außenseitern des Zwanzigsten Jahrhunderts. Im Ersten Weltkrieg Kriegsdienstverweigerer, von den Nazis verfemt, man solle seine Stücke und Romane verbrennen, statt aufführen, meinte und tat das Dritte Reich, später einer der ersten öffentlichen Gegner der Atombombe. Und Tierversuchsgegner. Begründer der Künstlergruppe Ugrino. Orgelbauer und Pazifist, obwohl oder wohl weil er nicht an das Gute im Menschen glaubte. Er kämpfte in den frühen fünfziger Jahren gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, gegen die Zerstörung der Umwelt und auch gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie, weil er die Lagerung des atomaren Mülls schon damals für unverantwortlich hielt. Den Menschen hat er einmal als “Schöpfungsfehler” bezeichnet, der zentrale Gedanke seines Werks ist eine antichristliche Schöpfungsmythologie. In seinen Aufsätzen, Reden und in seinen Romanen beobachtet er mit wachsendem Entsetzen das Ausmaß an Grausamkeit und Destruktivität, dessen der Mensch fähig ist. “Der Mensch ist Körper zuerst, und dann vielleicht Geist”, sagt er einmal. “Der Trieb, die Gier, die Aggression sind unmittelbar”. Gott ist bei Jahnn nicht tot, er hat aufgegeben.

In diesem Sinne erklären sich alle Arten von Sadismus und Perversion, die “Die Krönung Richards III.” ausmachen. Im Gegensatz zu Shakespeare stirbt der Antiheld am Ende nicht. Er muss leben. Weiterleben. Weil es Gewalt und Grausamkeit auch tun. In Ewigkeit, Amen. An der Burg spielen hoffentlich bald wieder: Martin Wuttke als Richard III., Ignaz Kirchner, Fabian Krüger, Jasna Fritzi Bauer, Oliver Masucci als Herzog Buckingham, Marcus Kiepe, Hermann Scheidleder, Dirk Nocker, Sophie Rois als Königswitwe Elisabeth, Markus Meyer, Marc Hosemann und Moussa Baba, Azamat Chabkhanov, Jovita Domingos-Dendo, Robin Furlic, Simon Jung, Anasiudu Kenechukwu, Tobias Margiol, Bernhard Mendel, Adam Nakaev, Marie-Christiane Nishimwe, Christoph Prochart und Philipp Schwab. Bühne und Kostüme: Bert Neumann.

Die nächste Vorstellung wäre am 20. März.

www.burgtheater.at/Content.Node2/home/ueber_uns/aktuelles/Vorstellungsabsage_14-03-2014.at.php

www.hans-henny-jahnn.de

Wien, 15. 3. 2014