Werk X-Petersplatz: Geleemann

September 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gefangen im großen deutschen Sprach-Raum

Geleemann mal vier trägt seine Zellenwand mit sich: Clara Schulze-Wegener, Johnny Mhanna, Philipp Auer und Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Sie tragen blaue Gefängnisuniformen, und die Art, wie sie sich gegenseitig vernehmen, weist sie als Häftlinge und zugleich Wärter aus. Sie tragen ihre Zellenwände vor sich her, zwei Darstellerinnen, zwei Darsteller, drei davon „Migranten“, und es ist Maria Sendlhofers den Abend eröffnendes Publikums-Spiel, wem man’s ansieht und wem nicht. Sendlhofer, im Werk X-Petersplatz zuletzt als Performerin in „Carrying A Gun“ (Rezension:

www.mottingers-meinung.at/?p=31561) zu erleben, hat nun ebendort „Geleemann, die Zukunft zwischen meinen Fingern“ von Amir Gudarzi inszeniert – die Uraufführung eine Produktion von Andromeda Theater Vienna in Kooperation mit dem WERK X- Petersplatz, und mottingers-meinung.at zum Probenbesuch samt anschließendem Interview mit Regisseurin und Autor eingeladen.

Woher man komme und warum man hier sei, fragen Clara Schulze-Wegener, Johnny Mhanna, Philipp Auer und Simonida Selimović einander ab, Name? – Geleemann, dazwischen Gesten des Schutzes und der Abwehr, Größe? – eine gute handbreit überm jeweiligen Kopf. Der „Geleemann“, er von den Medien zu diesem gemacht, ist größer als man selbst, heißt das, und zugleich kann’s jede und jeder sein. Ja, lacht Maria Sendlhofer, als sie den Text zum ersten Mal las, dachte sie, „ich besetze das weißeste Milchbubi, das ich finde“ – oder eben so.

Amir Gudarzis Text ist so politisch wie poetisch. Wie sein Protagonist, der sich nicht als Einbrecher-Verbrecher, sondern als Dichter sieht. Da sitzt er nun in Untersuchungshaft, von den Zeitungen bereits als Vergewaltiger und Mörder vorverurteilt, Geleemann genannt, weil er sich vor seinen Taten einölte, klitschig machte, um nicht gefasst werden zu können. Den wahren Namen erfährt man nie. Der Mann ist iranischer Asylwerber, 2009 vor dem Regime in Teheran nach Österreich geflüchtet, festgenommen als Eindringling in die Schlafzimmer schlafender Frauen, auf der Suche, aus Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Geborgenheit. „Die Menschen sind nur im Schlaf nahbar“, sagt er, und dass er es nicht mehr ausgehalten hätte, das ständige „Wegsetzen, Wegschauen, weg da, du da, weg da“.

Via Video wird der Täter zum Opfer: Johnny Mhanna und Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Simonida Selimović, Philipp Auer, Clara Schulze-Wegener und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Der virtuose Ghaychak-Spieler Pouyan Kheradmand begleitet den Abend musikalisch. Bild: © Alexander Gotter

Eine der vom Geleemann „besuchten“ Frauen bei der Aussage: Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Mal als Chor, mal als Einzelstimme sagt das Ensemble solche Sätze, je nach eigener Biografie mit je eigener Klangfarbe, mit großer Intensität alle vier. Auf den auch als Videowände verwendeten Paneelen wird aus Täter Opfer, gefilmt hinter Plexiglas, wo auch der virtuose Ghaychak-Musiker Pouyan Kheradmand sitzt, Täter zu Opfer auch auf der Spielfläche, wenn die Masse den einen angreift. Mit Fäusten und jenen rechtspopulistischen Formulierungen, die die Wählerschaft in die offenen Arme der Xenophobie treibt.

Was Amir Gudarzi verhandelt, vom Publikum fordert, ist nicht wenig. Sein Text thematisiert, assoziiert, analysiert, ist ein komplexes Konstrukt aus Rassismus und Stereotypen, Geschichte und Gegenwart, Bewusstsein und Verdrängung, von den Wiener Kurdenmorde von 1989, der NS-Vergangenheit Österreichs, dem Attentat von Oberwart bis zur Grünen Revolution im Iran von 2009, der Ermordung politischer Gefangener am Ende des Iran-Irak-Kriegs, von Berichten der hiesigen Boulevard-Presse bis zum heutigen Antisemitismus.

Polemisch lässt er den Geleemann über die Willkommenskultur der heimischen Hotellerie lästern, die sich allerdings nicht an Flüchtlinge, sondern an „die reichen Araber“ wendet, und es geht unter die Haut, wenn er über die unter Androhung von Sanktionen zu erlernende Sprache sagt: „Deutsch ist wie ein großer Raum, in dem man gefangen ist.“ Der Geleemann kam traumatisiert aus Teheran, wen schert’s?, er ist eines jener in den 1980er-Jahren im Foltergefängnis geborenen Kinder, von denen man selbst erst durch den Dokumentarfilm „Born in Evin“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=38221) erfuhr, wer weiß das schon? Wen interessiert der „Hurensohn“, der nach der Erschießung der Mutter im Hof ihr Blut wegwaschen musste?

„Worüber man schreibt, hat immer mit einem zu tun“, sagt Amir Gudarzi. Auf der Theaterschule in Teheran, dieser Grauzone des Dürfens, wo die Proberäume via Gucklöchern überwacht werden, mit 13, 14, hatte er einen Freund, dessen Vater, wenn er betrunken war, von der Ermordung der Oppositionellen unter Ayatollah Khomeini erzählte, die Mutter, Geschwister. Gudarzi floh, wie er es formuliert, „aus religiös-politischen Gründen“, seit 2009 lebt er im Exil in Wien, gewann den österreichischen exil-DramatikerInnenpreis und erhielt das Dramatikerstipendium des österreichischen Bundeskanzleramts. Derzeit schreibt er an seinem Debütroman, schreibt, er muss schmunzeln, noch sind es viele Ideen im Kopf, darüber wie Politik der Privatheit in die Quere kommt.

Bild: © Alexander Gotter

Ein Wunschtraum vom Richtigstellen, den auch der Geleemann hat. „Steht er erst vor Gericht“, so Maria Sendlhofer, „glaubt er ein Plädoyer über Verdrängung und Verfälschung von Wissen und Gewusstem halten, und über die mediale Aufmerksamkeit, die Öffentlichkeit zum Ausleuchten der geschichtlichen und gegenwärtigen toten Winkel bringen zu können.“ Derweil wird’s auf der Spielfläche tumultuös, dem muslimischen Geleemann wird zur Gaudi der Jude David als Zellengenosse überantwortet, Vorurteile und Klischees prallen aufeinander, werden bedient und hinterfragt.

Schönster Satz zwischen den ihr Leid tragenden Tätern zum hiesigen Lieblingsmythos: „Hier gibt es nur ein Opfer – Österreich!“ Doch siehe, die Feindbilder beginnen sich anzufreunden, Philipp Auer und Johnny Mhanna spielen diese Szene über barbarische Regime, Millionen Tote, der Zweite Weltkrieg, die Besetzung durch Briten und Sowjets da wie dort, der offizielle Iran, der die Shoah ein israelisches Märchen nennt, die „Stolpersteine“, deren Inschriften der Geleemann in Wien gelesen hat. „Ein Mensch ermahnt seine Mitmenschen zum Hinschauen, aber wie steht es um seine Ignoranz?“, erklärt Sendlhofer das zu Sehende.

Und Gudarzi ergänzt: „Es geht um die Narrative und wer die Macht über sie besitzt. Wer kann komplexe Zusammenhänge vereinfachen, wer kann aus Leid Sensation machen, wer entscheidet, welche Nachricht sich gut verkauft und das Rennen um die Titelseite gewinnt?“ Was Regisseurin und Autor mit all dem in den Köpfen der Zuschauer festsetzen wollen? „Viele Fragen und keine Antwort“, lacht Sendlhofer. „Wir wollen herausfordern, weil das Publikum hier im Theaterraum jemandem, der ob seiner Tat verachtet werden müsste, zuhören muss.“ – „Wäre der Geleemann ein Österreicher, wäre er ein Einzelfall und würde psychologisiert“, ergänzt sie. „Aber so, heißt es wieder die …“

„Der Geleemann, die Zukunft zwischen meinen Fingern“, exakt und ideenreich inszeniert, perfekt und mit Hingabe an die Figur gespielt, ist ein Stück, dem wohl niemand gleichgültig begegnen wird können. Es ist Gudarzis lyrische Einladung zur Selbstbefragung, zur Hinterfragung der oftmals von anderen vorgefertigten Bildern, die man in sich trägt, es ist Gudarzis Bitte, der eigenen Voreingenommenheit bewusster zu begegnen. In Tagen wie diesen ein wichtiger Text, umgesetzt in einer sehenswerten Aufführung.

Vorstellungen bis 2. Oktober.

werk-x.at           www.facebook.com/WERKXPetersplatz

  1. 9. 2020

Albertina: Niko Pirosmani

Oktober 22, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein „Vagabund“ malt für Tavernen und Schenken

Niko Pirosmani: White Sow with Piglets. Bild: © Infinitart Foundation

Die Albertina widmet dem georgischen Maler Niko Pirosmani ab 26. Oktober eine umfassende Ausstellung. Der Autodidakt, der seine leuchtenden, eindringlichen Bilder für die georgischen Gasthäuser und Schenken der Jahrhundertwende malte, ist heute ein Held der Avantgarde, den es neu zu entdecken gilt. 1913 wurde Niko Pirosmani in der legendären Ausstellung „Zielscheibe“ in Moskau gemeinsam mit Natalia Gontscharowa, Michail Larionow, Kasimir Malewitsch und Marc Chagall als „Rousseau des Ostens“ präsentiert.

Seine Auftragsarbeiten, die häufig Tiere oder dörfliche Szenen zeigen, wurden nicht in Galerien, Künstlervereinigungen und Museen ausgestellt, sondern waren für alle gesellschaftlichen Schichten öffentlich in Gasthöfen, Tavernen, Schenken und Läden zugänglich. Kunst war für Niko Pirosmani ein weites, offenes Feld, er selbst soll ein Außenseiter und Vagabund gewesen sein. Ein Wanderer zwischen des Welten, zwischen Stadt und Land, Gaststuben und Tierställen, der sich gleichzeitig im Zentrum der Gemeinschaft aufhielt.

Es ist die direkte und besondere Verbindung zu seinem Publikum, die bewirkt, dass sich die Bilder wie ein kollektiver Traum ausnehmen. Niko Pirosmanis Werke sprechen die Betrachtenden direkt an. Das Elementare der Sujets ist auf eine Allgemeinheit ausgerichtet, welche im Begriff steht, das bäuerliche gegen ein städtisches Leben einzutauschen. Die malerische Direktheit und Stilisierung stehen im Dienste einer Bildwirkung aus der Entfernung, wie sie für die Lokale adäquat ist, für die Pirosmani seine Werke schuf. Das schwarze Wachstuch als Malgrund lässt die Motive wie aus einer dunklen Tiefe aufscheinen.

Niko Pirosmani: Bear on a moonlit night. Bild: © Infinitart Foundation

Niko Pirosmani: Tatar camel driver. Bild: © Infinitart Foundation

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Niko Pirosmanis Sprache ist sehr direkt. In die rurale Welt seiner Bilder haben bereits die Eisenbahn und die illustrierten Zeitschriften Einzug gehalten. Die Giraffe, der weiße Bär oder der Löwe sind imaginäre Protagonisten, die von der Beschwörung, der Typisierung und zuweilen auch Idealisierung des Kreatürlichen und der Elemente einer Gemeinschaft zeugen: Der Schäfer, der Fischer, die Dorfschönheit, die Mutter mit dem Kind, die festlichen Gelage, der Dienstbote, die Weinlese, die Arbeit und die Tiere auf dem Hof oder im Feld und im Wald. In seinen Bildern preist er eine strahlend harmonische Ordnung, die er selbst als „der Vagabund“ mehr erträumt als erfahren hat. Die Nachwelt machte ihn jedoch zur Leitfigur, zu einem Maler der Hoffnung und des Glaubens an das Bessere im Menschen, auch in Zeiten, in denen alles dagegen sprach.

www.albertina.at

22. 10. 2018

Gunkl: Zwischen Ist und Soll – Menschsein halt

September 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Herr Asperger und wie er die Welt sieht

Bild: Robert Peres

Am Dienstag lud Kabarettist Gunkl in den Stadtsaal, Anlass: die Premiere seines jüngsten Abends für Denksportbegabte mit dem Titel „Zwischen Ist und Soll – Menschsein halt“. Entlang also der Sollbruchstelle, an der die meisten versuchen, die Selbstbeschädigung aufgrund von zu viel Ich-und-Ist-Reflexion möglichst klein zu halten, lässt Gunkl seinen Abend entlangwandern.

Der Experte für eh alles erklärt den Unterschied zwischen Mitschwingen und Rütteln am ruhenden Objekt, und präsentiert sein Programm als Gemenge aus der ihm eigenen Sprachverliebtheit, wissenschaftlichem Vortrag und Sätzen von so tiefer Wahrheit, dass man ihnen gar nicht bis auf den Grund gehen möchte. Und es ehrlich gesagt mitunter auch nicht kann. Gunkl beim gestreckten Galopp durch sein Gehirn zu folgen, das wird für den Zuhörer streckenweise zum Parforceritt. Seine Analyse der Gemenge-Lage der Menschheit, sein Zerpflücken des Allzu- wie des Unmenschlichen ist jedenfalls so scharfsinnig wie scharfzüngig, Motto: Wer Fragen stellt, muss mit den Antworten leben können, und diesmal eine Lehrstunde in Sachen Non/Kommunikation. Sprach- und Sprichwortkritik inklusive.

Es geht ums Mies- und Missverstehen, Zitat: „Wenn man sagt: ,Das Unsichtbare bleibt dem Auge meist verborgen‘ nicken die allermeisten gleich einmal in verzückter Betulichkeit so, als hätte man da etwas sehr Kluges gesagt. Die, die nach zwei Sekunden ein stumpfes Stöhnen von sich geben, mit denen ist ein sachlich ergiebiges Gespräch möglich. Die, die weiterhin nicken, sollte man in ihrem Glück lassen.“ Auch sehr schön ist, wie Gunkl das Unsinnswort „postfaktisch“, so gern verwendet von denen, die sich die Beschreibung von Wirklichkeit aufs Fähnchen geheftet haben, weil gleichbedeutend mit „nach den Fakten“ als semantisches Eigentor entlarvt …

Mehr denn jemals ist „Zwischen Ist und Soll“ eine Ich-Erzählung. Gunkl erzählt von sich, und warum ihm ein Zahnarztbesuch lieber ist, als der eines Fests (weil er den Sinn des ersteren erkennt, und dessen Ende eine klare Vereinbarung und deutlich abzusehen ist, während Partys auf unbestimmte Weise und in nicht dingfest zu machender Zeit abebben), und wie er sich als Schüler gegen das Teenagercliquenhafte seiner Umgebung stemmte. Schwarmintelligenz ist Gunkls Sache nicht, der selbstdefinierte Sozialasket ist sich Menge genug. Das erklärt sind, weil er ein „Aspergerischer“ ist, Asperger – Gunkl: „eine Art Autismus light“, eine Artung, die Konzepte den Gefühlen vorzieht, und Wissen um des Wissens willen schätzt. Fazit Gunkl: „Ich kenn‘ mich halt gern aus.“

Bild: Robert Peres

Bild: Robert Peres

Die Klarsicht auf die Welt sieht sich allerdings konterkariert durchs getrübte Gehör, das nur durchlässig ist für das, was es hören will. Selektive Wahrnehmung ist was Feines, und Gunkl garniert diesen Priming-und-Framing-Effekt mit einer Anekdote aus seinen Jugendtagen, als Eric Carmen mit seinem „All By Myself“-Song sein absoluter Held war. Bis ihm Jahre später die zweite Refrainzeile bewusst wurde, „Don’t wanna be“, und er sich dachte: „Memme!“

In all diesen Beobachtbarkeiten und darob dargelegter Beweggründe ist „Zwischen Ist und Soll“ mehr als intellektuelle Nabelschau, nämlich durchaus tages/politisch. Gunkl braucht keine Politiker-, um die Dinge beim Namen zu nennen. „Nur darüber zu reden, was wir gemeinsam haben, ist gefährlich. Darüber, was uns trennt, müssen wir reden“, sagt er – und sein Publikum weiß genau, wer gemeint ist.

Kritik gibt es auch an der Vorgabe, immer noch besser, heißt: optimiert werden zu müssen, es mit dem ständigen Soll nicht einmal gut sein und die Welt, wie sie ist, lassen zu können.

„Denn wenn mehr immer besser ist, dann ist viel nie genug.“ Ein Antiglobalisierung-Neoliberalismuskritik-Satz, der heftig beklatscht wurde. In seinem Nachdenken über das Umgehen mit der Welt, hofft Gunkl auf eine „grandiose Selbsternüchterung des Menschen“, wobei er davor in anderem Zusammenhang Nüchternheit bereits als „Ersatzdroge“ ausgewiesen hatte. Das Publikum dankte für derlei humorvolle Spitzfindigkeit mit viel Lachen und Applaus. Eine gab der Wortfuchs am Ende noch mit auf den Weg: „Wenn der Weg das Ziel ist, dann sollte man in der Wahl der Richtung sehr sorgfältig sein …“ Für die meisten Zuschauer ging’s danach Richtung U3.

Gunkl im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=25806

www.gunkl.at

www.stadtsaal.com

  1. 9. 2017

Zwischen Ist und Soll: Gunkl im Gespräch

September 6, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Cocktailkirscherl am Sahnehäubchen

Bild: Robert Peres

Am 12. September hat im Stadtsaal Gunkls neues Programm Premiere. Titel: „Zwischen Ist und Soll – Menschsein halt“. Worum’s geht? Um eh alles. Anbei ein paar superg’scheite Antworten auf ein paar mittelprächtige Fragen:

MM: Ihr neues Programm heißt „Zwischen Ist und Soll – Menschsein halt“, das heißt wohl, es geht wieder um die Welt an sich und die Baustelle Mensch im Besonderen?

Gunkl: Ja, das ist eine korrekte Einschätzung, knapper und präziser kann man das nicht zusammenfassen. Ein Aspekt, der mir während des Schreibens als besonders betrachtenswert erschienen ist, ohne, dass ich das von vornherein vorgehabt habe, ist die Schwierigkeit, der menschlichen Kommunikation. Akademisch könnte man da statt „Schwierigkeit“ den Begriff „Problematik“ nehmen, das klingt neutraler, aber es ist bei genauerem Miterleben doch eher eine Schwierigkeit.

MM: Was „erfreut“ Sie so an unser aller Unzulänglichkeiten, dass Sie uns immer wieder quasi den Kabarettspiegel vorhalten?

Gunkl: Die Unzulänglichkeiten, die wir Menschen so zeigen, sind natürlich nicht erfreulich, aber sie sind faszinierend, jedenfalls sehr interessant. Schon einmal, weil sie zwar als solche empfunden werden, ohne, dass da punktgenau festgestellt ist, was da jetzt genau verfehlt wird. Das finde ich ja schon einmal wirklich interessant, dass es zu den Unzulänglichkeiten des Menschen gehört, ein „So nicht!“ gemeinsam zu empfinden, und sich dabei als Gruppe zu fühlen, und nicht zu bedenken, dass dieses Gruppengefühl mit der Frage „Wie denn dann?“ sehr schnell korrumpierbar ist. Andererseits ist es ja auch gut möglich, dass man ein gemeinsames Ziel anstrebt, also ein „So!“, und diese Gruppe zerfällt, sobald man die Frage „Und warum?“ stellt. Das sind alles sehr komplizierte Phänomene, die wirklich interessant sind. Also, das sind jetzt nur zwei Beispiele, warum die menschlichen Unzulänglichkeiten so ein ergiebiges Feld zum darin Herumdenken sind. Ich seh‘ meine Arbeit auch nicht darin, jemandem „einen Spiegel vorzuhalten“. Das wäre ein bisserl anmaßend; zu glauben, dass man als einer, der den Spiegel hält, auf der anderen Seite des Spiegels bessere Figur machen würde, als die, die grad reinschauen. Wenn man sieht, dass es andere Arten die Welt zu sehen gibt, und dass diese Weltsichten eine Begründung haben, dann ist schon viel gewonnen. Man muss das ja nicht teilen, was sich jemand anderer über die Welt denkt, aber man sollte wissen, dass die eigene Weltsicht nicht die einzig mögliche ist. Und wenn man auf der Bühne eine Weltsicht – so gut das in zwei Stunden geht – sauber präsentiert, ohne die Forderung, dass jetzt alle das auch so zu sehen haben, dann wird diese Weltsicht sich zwar von denen der Zuschauer unterscheiden, aber sie haben sich das einmal angehört, bemerkt, dass es Unterschiede gibt, und sind vielleicht bereiter, außerhalb des Theaters andere Weltsichten auch anzuhören.

MM: Wie steht’s eigentlich mit Ihrem persönlichen Wunsch und Werden, heißt: Sind Sie, wer und wie Sie sein möchten?

Gunkl: Ja, was und wer ich bin, ist sehr kongruent mit dem, was und wer und wie ich sein möchte. Das ist kein Verdienst, das weiß ich, da hab‘ ich einfach wirklich großes Glück.

MM: Ich habe gehört, es geht zumindest in Teilen des Programms um das AspergerSyndrom, und das Sie dem durchaus was abgewinnen können, weil es zu einer „sauberen Weltsicht“ führt. Wie kommt man denn auf so was?

Bild: Robert Peres

Bild: Robert Peres

Gunkl: Da ich das Aspergersyndrom habe, habe ich festgestellt, dass, wer in seinem Gemüt grundsätzlich emotionale Auslenkungsbegrenzer hat, weniger leicht bereit ist, das, was er denkt, dem unterzuordnen, was er da fühlt. Also, wenn das Gewusste mit dem Erhofften nicht zusammen passt, dann wird das Erhoffte verabschiedet, und das Gewusste bleibt, und nicht umgekehrt.

MM: Wird das Programm jetzt eine Ich-Erzählung?

Gunkl: Das wird keine Erzählung, das wird wieder eine Betrachtung. Ich habe an mir etwas Seltsames festgestellt; das Programm „Verluste – eine Geschichte“, das war eine Erzählung. Klar, wenn es im Untertitel „Geschichte“ heißt, dann werden da keine Wasserstandsprotokolle vorgelesen. Und da war ich stückgerecht im Erzählmodus. Die Art des Vortrags ändert sich ja mit dem Inhalt. Und in dem Programm gab es eine Sequenz, in der ich aus der Erzählung kurz ausgestiegen bin, um etwas zu erklären. Und da war ich für die zwei, drei Minuten im Erklärmodus.

Da ist man nicht mitten in dem, was man da erzählt, sondern man steht mit dem Zuhörer gemeinsam vor dem, was da jetzt erklärt werden soll. Das ist dann eben eine andere Art des Vortrags. Und ich habe da eben festgestellt, dass mir der Erklärmodus schon sehr liegt, also da bin ich einfach mehr zu Hause. Aber um die Frage wenigstens halbwegs zu beantworten: Indem ich über meine Weltsicht rede, wissend und einräumend, dass es eben nur meine ist, also, ja insofern ist es eine Ich-Erzählung.

MM: Welche Forschungen haben Sie sonst noch für Ihr Programm betrieben? In diesen aufgepeitschten Zeiten (und ich meine das durchaus im Sinne: Caligula und das Meer) etwas zum Thema Hysterie, Angst, Paranoia?

Gunkl: „Forschung“ ist da ein viel zu großes Wort. Ich habe großen Respekt vor wirklichen Forschern. Ich habe Beobachtungen angestellt und – das wäre jetzt das, was wissenschaftlich ist – versucht, hinter den Beobachtungen eine gemeinsame Grammatik, einen Wirkmechanismus zu finden. Dass die Zeiten jetzt so aufgepeitscht sind, das liegt nicht nur an den Zeiten, da bricht gerade eine Welle, die schon lange unterwegs war. Als der Obama Präsident geworden ist, haben die Republikaner alle Vernunft überfahren lassen, und es war tatsächlich möglich, dass republikanische Abgeordnete offen gesagt haben, dass sie lieber die USA scheitern lassen, als dem Obama einen Erfolg zu vergönnen. Wenn der Diskurs so beschädigt ist, wenn Übereinkünfte, was den Dialog angeht, nicht mehr gelten, wenn kein Argument wiegt, sobald es von Emotionen überwogen wird, dann darf man sich nicht wundern, wenn der Trump rauskommt. Aber es muss auch klar sein, dass eine Welle, um sich auszubreiten, Wasser braucht, und das Wasser, das diese Welle getragen hat, ist die menschliche Natur.

MM: In Ihrem Programmen kann man immer wieder spannende Sachen erfahren und hoffentlich behalten. Haben Sie einen Lehrauftrag?

Gunkl: Also, Lehrauftrag hab ich natürlich keinen, das ist ja klar. Aber ich will in der Zeit, in der mir die Menschen zuhören, erstens einen vergnüglichen Abend gestalten, und – das hab‘ ich ja schon vorhin gesagt – ich will darstellen, dass es andere Sichten auf die Welt gibt als die, die man gerade selbst inne hat, und dass man durchaus bereit ist, sich eine andere Weltsicht anzuhören, auch wenn man sie nicht teilt. Und – das wär jetzt so das Cocktailkirscherl am Sahnehäubchen – dass man daraufhin die eigene Weltsicht, wenn man sie jemandem mitteilt, so sortiert, dass sie jemand verstehen kann, auch wenn er sie nicht teilt.

www.gunkl.at

www.stadtsaal.com

6. 9. 2017

Zelinzki: Das neue Bandprojekt mit Beatrix Neundlinger

November 23, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Konzert als Reise „Zwischen Wut und Übermut“

Die Band Zelinzki präsentiert ihre erste CD mit einem multimedialen Konzertabend. Bild: Oswald Wintersteller

Die Band Zelinzki mit Beatrix Neundlinger (re.) präsentiert ihre erste CD „Die Weltformel“ mit zwei multimedialen Konzertabenden. Bild: Oswald Wintersteller

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger untersuchen mit ihrem neuen Band-Projekt “Zelinzki” die aktuellen Befindlichkeiten der Österreicher in Zeiten der  zweiten allgemeinen Verunsicherung. Ihre musikalischen Aufmucker gibt es unter dem Titel „Die Weltformel“ bereits auf CD.

Nun folgt deren Präsentation in Form eines multimedialen Konzerts am 26. November im Wiener Theater Akzent und am 30. November in der Argekultur Salzburg. Mit diesem Abend laden die Musiker zu einer Reise „Zwischen Wut und Übermut“, zu einem Musikvarieté, das „den Aufhetzern Einhalt gebieten, den Feiglingen Mut machen und die Träumer aufwecken“ soll. Dazu ist der Band so ziemlich jedes musikalische Mittel Recht, von Liebeslieder über Muntermacher zu Hymnen. Den raschen, oft überraschenden Wechsel der Gefühle und Musikrichtungen kann sich die Band locker leisten. Die Musiker überspringen mit professioneller Leichtigkeit jeden Grenzzaun der Genres. Und wenn es sein muss, wird er auch eingerissen oder einfach überrannt.

Zelinzki war selbst ein Flüchtender. Ein Asylsuchender. Ein Heimatloser. „Zelinzki“ trägt seine Ideen weiter. Macht Musik aus seinen Geschichten. Und aus den Geschichten seiner Freunde.

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Eine Reise "Zwiscen Wut und Übermut". Bild: Anna Reisinger

Keine Zeit für Koffer: Eine Reise „Zwischen Wut und Übermut“. Bild: Anna Reisinger

Die Texte sind von Heinz Rudolf Unger, von ihm auch „Die Weltformel“, von Else Lasker-Schüler, Christine Nöstlinger, Robert Gernhardt, Bert Brecht oder H. C. Artmann. Im Unger-Blues „Weckt Nicht Den Kleinen“ erlarvt sich das vermeintliche Kind als „der Faschist in mir“, der die Türen verrammelt und auf den baldigen Bau einer Mauer hofft. „Erinnerungen“ von Bert Brecht klingt, als hätte Wolf Biermann Pate gestanden; der Text ist auf der CD-Hülle abgedruckt: „Wenn ich es denken könnte, wüsste ich es bereits, doch könnte es dir nicht erklären. Denn wenn du es denken könntest, dann wüsstest du es bereits und müsstest nicht auf mich hören …“  In „Wia Geds Da Denn“ nach der Nöstlinger wiederum wird von einer Generation erzählt, die nicht gelernt hat, eine Meinung haben zu dürfen, die lieber „stad“ ist als sich Gedanken zu machen über Politik und die Welt.

Und sofort hat man beim Zuhören wieder Schmetterlinge im Bauch, der Politrock der 1970er-Jahre und sein Protestsongpotential sind noch lang nicht ausgeschöpft. Man hört es der Formation an, dass es immer noch und schon wieder Arenen zu besetzen und zurückzuerobern gibt. So ist die CD ein Schlachtruf für alte Mitstreiter – und eine Empfehlung für neue, die dazukommen wollen.

www.zelinski.at

Wien, 23. 11. 2016