Schauspielhaus Wien: Tomas Schweigen im Gespräch

März 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Seestadt-Saga: Start der zweiten Staffel

Screenshot: Schauspielhaus Wien

Mit diesem Wochenende startet die zweite Staffel der ersten begehbaren Social-Media-Serie „Seestadt-Saga“. Schauspielhaus-Chef Tomas Schweigen im Gespräch über das außergewöhnliche Projekt:

MM: Wie hat der erste Teil der Seestadt-Saga funktioniert und welche Lehren haben Sie gezogen?

Tomas Schweigen: Wir waren sehr zufrieden. Erschöpft, aber zufrieden. So etwas hatte ja zuvor noch niemand gemacht, mit diesem Echtzeiteffekt, dass Autoren während das Ding schon läuft weiterschreiben, dass wir auch ein Filmteam unterwegs hatten, das ein Recapvideo drehte, eine Wochenzusammenfassung für Leute, die Handlungsstränge versäumt haben. Wir haben sehr viel Zeit in der Seestadt verbracht, weil wir ja alles live gemacht haben, auch Events, Feste, die Gründung der „Liste Seestadt“. Dabei konnten Zuschauer mit den Figuren in Kontakt treten und auch Fragen stellen.

MM: Das heißt?

Schweigen: Wir machen zwar eine Social-Media-Serie, aber eine, die begehbar ist. Und das war ein riesiger Lernprozess. Wir hatten wirklich 25 Tage lang keine Pause und keine Zeit, zu kompensieren oder Verzögerungen aufzuholen. Ich glaube, diesmal sind wir besser vorbereitet, was die eine oder andere Sache betrifft.

MM: Wie viele Menschen haben denn teilgenommen?

Schweigen: Das ist schwer zu sagen, wenn etwas nicht im Theaterraum stattfindet, wo die Zuschauer abgezählt werden können. Wir hatten Events da waren circa 50 Leute dabei. Im Netz hatten wir einige tausend „Zuschauer“, die die Serie regelmäßig verfolgt haben. Was man auf jeden Fall sagen kann, ist, dass wir weit mehr Leute erreicht haben, als wenn wir eine übliche Produktion im Theaterraum gemacht hätten.

MM: Was wird neu in der zweiten Staffel?

Schweigen: Im Großen und Ganzen werden die Figuren die gleichen bleiben. Nur die Dokumentarfilmerin Nora Kinski ist mit ihrem Film fertig, die Figur ist abgespielt. Dafür wird Philipp, der Freund von Kathi Schindegger eine größere Rolle bekommen. Und mit Marko Herz geht es natürlich auch spannend weiter. Das Ganze entwickelt sich mehr und mehr zu einem Mystery-Thriller.

MM: Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Autorenteam gemacht? Heißt: Inwieweit beeinflusst die Interaktion der Teilnehmer, wie es weitergeht, inwieweit ist die Serie ganz restriktiv gescriptet?

Schweigen: Es ist eine Mischung aus beidem. Der generelle Bogen ist gescriptet, sonst würde die Storyline permanent Gefahr laufen, sich aufzulösen. Was Bernhard Studlar, Lorenz Langenegger und ich vorgegeben haben, ist die grobe Handlung, sind die Figurenprofile und die Cliffhanger. Es gibt ja zum Beispiel auch eine Verschwundene, und da war wichtig festzulegen, wann die jeweils wieder auftaucht. Soweit das Gerüst, an das sich jeder Autor halten muss. Es war ja so, dass jede Autorin und jeder Autor eine Figur bekommen hat, für die er schreiben musste, nicht wie das bei Fernsehserien üblich ist, dass Autoren ganze Folgen schreiben. Was sehr schön war, weil jeder mit seinem Schreibstil, seinen Ideen einen Charakter geformt hat.

Screenshot: Schauspielhaus Wien

MM: Und es bedingt bei den Autorinnen und Autoren eine Reaktion, einen Austausch, denn ich muss auf meinen Mitschreiber und was er seine Figur tun lässt eingehen.

Schweigen: Absolut. Das wurde immer im Writer’s Room besprochen. Während die Serie lief hatten wir so etwas wie Redaktionssitzungen, in denen das abgeklärt wurde. Und damit das in Echtzeit auch funktionieren kann, hatten die Schauspieler den Freiraum, mit ihrer Figur selber zu reagieren, auf einen Online-Beitrag beispielsweise. Die Performer waren gut gebrieft, was ihre Charaktere betraf, was wichtig ist für Situationen, in denen dich jederzeit ein Zuschauer ansprechen kann.

MM: Wie haben die Seestädterinnen und Seestädter reagiert, und wie die ortsansässigen Lokalbetreiber?

Schweigen: Was die Anrainer betrifft, waren auch welche dabei, die zum Beispiel bei der Gründungsveranstaltung der „politischen Liste Seestadt“ nicht gleich bemerkt haben, dass sie Teil der Seestadt-Saga sind. Die haben das für eine echte Initiative gehalten. Nun ist es zwar so, dass wir in der Serie mit den Themen Fiktion und Realität spielen, aber wir haben in heiklen Situationen dann Flyer verteilt, um auf die Fiktion der Situation hinzuweisen. Mit den Lokalbesitzern hatten wir’s extrem gut. Die Leute waren sehr zuvorkommend und sehr interessiert.

MM: Wie groß war der Aufwand? Wie viele Kameras sind im Einsatz?

Schweigen: Diesmal nur eine, bei Staffel eins waren es zwei. Die Performer bekommen einen Tagesplan, wann sie wo sein müssen. Es ist – 24 Stunden ist vielleicht ein wenig übertrieben – schon ein Job von sieben Uhr früh bis spät in die Nacht.

MM: Die ersten drei neuen Termine stehen schon fest?

Schweigen: Ja. 2. März, 19 Uhr, Fahrradgeschäft „United in Cycling“. 3. März, 14 Uhr, Büro der Liste Seestadt, Mimi-Grossberg-Gasse 4. Und 4. März, 15 Uhr, Notgalerie bei der U2 Aspern Nord. Die ist sowieso ein Tipp, wenn man sie noch nicht gesehen hat. Das ist eine alte Notkirche, ein Holzbau, der nicht mehr gebraucht wurde und von Reinhold Zisser gerettet wurde und nun als Kunstort bespielt wird. Was dort genau stattfindet, erfährt man aus den Social Medias.

MM: Gibt es bei Erfolg eine weitere Staffel?

Schweigen: Es ist Weiteres geplant, sagen wir’s einmal so.

seestadt-saga.at

schauspielhaus.at

2. 3. 2018

Zwei Tage, eine Nacht

November 3, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Dardenne-Brüder im Gespräch

Bild: Alamode Filmverleih

Marion Cotillard  Bild:

Marion Cotillard
Bild:

Seit 31. Oktober läuft in den heimischen Kinos der neuesten Film der Dardenne-Brüder „Zwei Tage, eine Nacht“.

Zwei Tage und eine Nacht, in denen für Sandra (Marion Cotillard) alles auf dem Spiel steht: Achtundvierzig Stunden hat sie Zeit, um ihre Arbeitskollegen zu überreden, auf ihre begehrten Bonuszahlungen zu verzichten, damit sie selbst ihren Job behalten kann … Cotillard spielt Sandra mit einer wunderbaren Zurückgenommenheit. Doch fast noch toller ist es, wie die Dardennes Sandras Figur nutzen, um nicht nur die Emanzipationsgeschichte einer Frau von ihrer Krankheit zu erzählen, sondern mit jedem ihrer Besuche bei einem Kollegen eine dramatische Miniatur schaffen. Die befristete Stelle, die bei einem für den Betrieb unbequemen Votum nicht verlängert wird; die Ausbildung der Kinder, die teuer zu Buche schlägt – jede Tür, die sich Sandra öffnet, bietet einen Einblick in die alltäglichen Nöte von Menschen in der unteren Mittelschicht. Und wenn Sandra eine Tür verschlossen bleibt, dann erzählt das mindestens genau soviel über Freundschaft und Zusammenhalt in Zeiten des Neoliberalismus. Knapper und treffender als Jean-Pierre und Luc Dardenne kann man die wirtschaftliche Krise kaum aufs Menschliche herunterbrechen. Seit drei Jahrzehnten drehen die belgischen Filmemacher vor allem Sozialdramen und haben dabei dieses Genre mit dem hässlichen grauen Etikett gründlich erneuert. Sie zeigen nicht nur, wie die Welt um uns herum ist: alltäglich, traurig, manchmal richtig schlimm und dann wieder unerwartet wunderschön. Sie hängen auch mit der Kamera an ihren Protagonisten und folgen jeder scheinbar noch so nichtige Bewegung. Dabei ist jedes Detail so durchdacht, bis das Ergebnis völlig selbstverständlich wirkt und dennoch überwältigende Wirkung hat. Souverän, schnörkellos und spannend wie üblich erzählen die Regie-Brüder ihre Geschichte. Mit Marion Cotillard haben sie eine oscarreife Darstellerin. Sehenswert!

Interview mit Jean-Pierre und Luc Dardenne

Welchen Umständen verdankt sich das Filmprojekt „Zwei Tage, eine Nacht“?
Luc Dardenne: Der Hintergrund ist natürlich die soziale und ökonomische Krise, in der sich Europa gegenwärtig befindet. Wir hatten schon seit mehreren Jahren an einen Film gedacht, in dem sich ein Mensch damit konfrontiert sieht, dass er mit Zustimmung der Mehrheit seiner Arbeitskollegen entlassen werden soll. So richtig nahm das Projekt aber erst Gestalt an, als wir eine klarere Vorstellung von den beiden Hauptfiguren hatten, dem Ehepaar Sandra und Manu, die trotz widriger Umstände zueinanderhalten.
Jean-Pierre Dardenne: Wir wollten eine Figur darstellen, die ausgeschlossen wird, weil man sie für schwach und nicht tüchtig genug hält. Der Film soll ein Loblied auf diese „Untüchtige“ sein, die durch den Kampf, den sie Seite an Seite mit ihrem Mann führt, neue Kraft und neuen Mut schöpft. Sandras Kollegen haben für einen Personalabbau und folglich für ihre Entlassung gestimmt, um sich so die Auszahlung einer Prämie zu sichern.
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Sind Ihnen in der Arbeitswelt des Öfteren solche Fälle zu Ohren gekommen?
Jean-Pierre: Ja, mehrmals, auch wenn die Umstände natürlich nie exakt die gleichen waren. In der Arbeitswelt stößt man täglich, sei es in Belgien oder anderswo, auf zahlreiche Fälle, die deutlich machen, dass Leistungsfähigkeit zu einer wahren Obsession geworden ist. Die Beschäftigten werden dabei häufig in einen brutalen Konkurrenzkampf gezwungen. Manu ermuntert Sandra, ein Wochenende lang all ihre Arbeitskollegen aufzusuchen, um diese dazu zu überreden, ihr Votum zu überdenken und so ihre Wiedereinstellung zu ermöglichen. Er spielt also eine ganz entscheidende Rolle … Manu verkörpert ein wenig den typischen Gewerkschaftler, gleichzeitig ist er für Sandra aber auch so etwas wie ein „Coach“. Es gelingt ihm, sie davon zu überzeugen, dass es immer noch eine Chance gibt und dass sie es durchaus schaffen kann, ihre Kollegen zu einem Meinungsumschwung zu bewegen.
Luc: Sandra sollte keinesfalls als Opfer erscheinen, das die Kollegen, die gegen sie gestimmt haben, anprangert und ihnen die Schuld zuweist: Es geht hier nicht um den Kampf eines armen Mädchens gegen die Bösewichte!
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Sie fällen keinerlei Urteil über die einzelnen Filmfiguren.
Luc: Die Arbeiter inbefinden sich in einer Situation, die durch permanenten Konkurrenzdruck und Rivalität gekennzeichnet ist. Es kann daher nicht die Rede davon sein, dass auf der einen Seite die Guten und auf der anderen die Bösen stünden. Es ist überhaupt nicht unsere Art, so die Welt zu sehen.
Jean-Pierre: Ein Film ist schließlich kein Gericht! Sandras Kollegen haben alle ihre guten Gründe, um mit Ja oder mit Nein zu stimmen. Denn eines ist sicher: Die Prämie stellt für keinen von ihnen einen Luxus dar, auf den sie leicht verzichten könnten. Sie brauchen alle dieses Geld, sei es um ihre Miete oder sonstige Rechnungen bezahlen zu können. Sandra versteht das umso besser, da sie ja selbst mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Mit ihrem Mann und ihren Kindern kann sich Sandra immerhin auf eine Familie stützen, die zusammenhält.
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Das war nicht immer so in Ihren Filmen ..
Luc: Gerade aus ihrer Ehe schöpft Sandra all ihren Mut. Manu liebt seine Frau von ganzem Herzen. Er kämpft gegen ihre Depressionen an und hilft ihr dabei, ihre Angst zu überwinden. Am Anfang des Films glaubt Manu ja mehr an Sandra als diese an sich selbst.
Jean-Pierre: Selbst ihre Kinder unterstützen sie in ihrem Kampf. So helfen sie ihren Eltern etwa dabei, die Adressen der Kollegen herauszubekommen…

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Warum kommt es den Arbeitskollegen nicht in den Sinn, in Streik zu treten oder sich auf andere Weise dem erpresserischen Deal zu widersetzen, der ihnen von ihrem Chef angeboten wurde?
Jean-Pierre:
Wir haben uns ganz bewusst für ein kleines Unternehmen entschieden, in dem die Zahl der Angestellten nicht ausreicht, um sich gewerkschaftlich zu organisieren. Wäre es uns darum gegangen, die Geschichte eines Kampfs gegen einen klar definierten Feind zu erzählen, so wäre es ein ganz anderer Film geworden. Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass das Ausbleiben einer kollektiven Reaktion, eines offenen Widerstands gegen die perfide Abstimmungsalternative auch den generellen Mangel an Solidarität in unserer Zeit offenbart.
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Wie lange haben Sie am Drehbuch gearbeitet, um es letztlich zu diesem Ergebnis zu führen?
Jean-Pierre:  Wir haben schon seit rund zehn Jahren immer wieder über dieses Projekt geredet, hatten also genug Zeit, um uns darauf vorzubereiten.
Luc: Das Schreiben als solches ging recht flott vonstatten. Im Oktober 2012 fingen wir damit an, uns mit der Gliederung des Skripts zu befassen, und im März 2013 war es bereits fertig. Wir wollten, dass sich die ganze Handlung innerhalb einer recht kurzen Zeitspanne abspielt, wie es ja auch der Titel verlauten lässt.
Jean-Pierre: Die Idee war, dass die durch einen so engen zeitlichen Rahmen bedingte Eile den Rhythmus des Films bestimmen sollte.
Luc: Wir lernten Marion Cotillard kennen, als wir „Der Geschmack von Rost und Knochen“ von Jacques Audiard koproduzierten, der teilweise in Belgien gedreht wurde. Schon bei der ersten Begegnung – sie verließ gerade den Aufzug und trug ihr Baby auf den Armen – waren wir ihr ganz und gar verfallen. Als wir danach im Auto nach Lüttich zurückfuhren, taten wir nichts anderes als über sie zu reden, ihr Gesicht, ihren Blick…

Jean-Pierre: Eine so bekannte Darstellerin zu engagieren bedeutete für uns natürlich eine zusätzliche Herausforderung. Marion Cotillard erwies sich jedoch als geschickt genug, um sich für diesen Film einen neuen Körper und ein neues Gesicht zu erfinden. Luc: Es war ihr völlig fremd, ihre Arbeit als Schauspielerin in den Vordergrund zu stellen. Nichts von dem, was sie vor der Kamera gezeigt hat, trug die Züge einer Selbstinszenierung oder einer Demonstration ihres Könnens. Wir arbeiteten in einem Klima wechselseitigen Vertrauens zusammen, das es uns leicht machte, alle Möglichkeiten auszuloten.

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Wien, 3. 11. 2014

 

Volksoper: Onkel Präsident

Oktober 6, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Friedrich Cerhas nagelneue Farce nach Ferenc Molnár

Onkel Präsident Foto der UA_Renatus Mészár (c) Jochen Klenk„Die Gattung Komische Oper wird von Komponisten schon seit geraumer Weile vernachlässigt.“ Also sprach der große alte Herr der neuen Musik, Friedrich Cerha, und schuf Abhilfe: Gemeinsam mit dem Textdichter Peter Wolf machte sich Cerha an die „Musikalische Farce“, die unter dem Titel „Onkel Präsident“ im Vorjahr am Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz in der Regie von Josef Ernst Köpplinger uraufgeführt wurde und nun an der Volksoper am 11. Oktober zur Österreichischen Erstaufführung gelangt. Auf der Basis von Ferenc Molnárs Bühnenstück „Eins, zwei drei“, das 1961 von Billy Wilder verfilmt wurde, zeichnet Cerha die Wandlung des Fahrradboten Josef Powolny zum Spitzenmanager mit Adelsprädikat. Der „Onkel“ Präsident, allmächtiger Chef eines Stahlkonzerns, zieht die Fäden, um einen präsentablen Ehemann für die Millionenerbin Melody Moneymaker zu „erfinden“. Friedrich Cerha hat eine an Tempo und musikalischen Anspielungen reiche Komödie geschaffen, die immer wieder die Kunstform Oper durch witzige Extempores auf die Schaufel nimmt. Eingerahmt wird die turbulente Handlung von der Zwiesprache des Präsidenten mit einem bejahrten Komponisten über Sinn und Unsinn der Oper. „In Ihrem Alter hatte Verdi den ,Falstaff‘ schon fertig“, meint der Präsident zu Anfang vorwurfsvoll, um schließlich zu resümieren: „Der ,Falstaff‘ ist ja doch nicht zu übertreffen.“ Da mag was dran sein, doch mit „Onkel Präsident“ ist dem mittlerweile 88-jährigen Siemens-Musikpreisträger Cerha ein vitales Lebenszeichen nicht nur seiner Kunst, sondern der verblasst geglaubten „Komischen Oper“ überhaupt gelungen. „Wie in allen meinen Opern geht es grundsätzlich um den Umgang mit Macht, um die Mechanismen ihres Funktionierens und darum, wie das Einzelindividuum darauf regiert“, sagt der Doyen der neuen Musik über seine musikalische Farce.

Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Alfred Eschwé. Renatus Mészár, der bereits bei der Uraufführung die Titelrolle sang, zieht auch an der Volksoper alle Register, um einen präsentablen Ehemann für die Millionenerbin Melody Moneymaker (Julia Koci) zu kreiieren. Den Komponisten gibt Walter Fink.

Friedrich Cerhas wird bei der Österreichische Erstaufführung seiner neuen Oper „Onkel Präsident“ an der Volksoper anwesend sein.

www.volksoper.at

Wien, 6. 10. 2014

Ulrich Seidl: Im Keller

September 19, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei ÖVP-Gemeinderäte treten wegen des Films zurück

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Die Österreicher haben mit ihren Kellern eine besondere Beziehung. Wusste Ulrich Seidl. Und schaute sich in den heimischen um. Sein neuer Film „Im Keller“, ab 26. September in den Kinos, handelt von Menschen und Kellern und was Menschen in ihren Kellern in der Freizeit tun. Er handelt von Obsessionen. Von Blasmusik und Opernarien, von teuren Möbeln und billigen Herrenwitzen. Von Sexualität und Schussbereitschaft, Fitness und Faschismus, Peitschenschlägen und Puppen. Nach seiner großangelegten Paradies-Trilogie kehrt Ulrich Seidl zur dokumentarischen Form zurück. Mit den für ihn typischen Tableaus ist „Im Keller“ ein Filmessay, tragisch und komisch: eine Nachtmeerfahrt durch das Souterrain österreichischer Seelen.

„Der Keller ist in Österreich ein Ort der Freizeit und der Privatsphäre. Viele Österreicher verbringen mehr Zeit im Keller ihres Einfamilienhauses als im Wohnzimmer, das oftmals nur zu Repräsentationszecken dient. Im Keller gehen sie ihren eigentlichen Bedürfnissen nach, ihren Hobbys, Leidenschaften und Obsessionen. In unser aller Unterbewusstsein ist der Keller aber auch ein Ort der Dunkelheit, ein Ort der Angst, ein Ort der menschlichen Abgründe“, sagt Ulrich Seidl.

Die erste Erregung zum Film gibt es auch schon: In einer Szene sieht man fünf Männer in Tracht, die in Marz mitten in einem Keller voller Nazi-Devotionalien sitzen. Zwei der Männer sind ÖVP-Gemeinderäte. Am Freitag verkündete der Marzer Bürgermeister den Rücktritt der Gemeinderäte. http://burgenland.orf.at/news/stories/2669265/

http://im-keller.at/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=SSdJ6h-QEEU

Interview mit Ulrich Seidl: http://im-keller.at/interview/

Wien, 19. 9. 2014

Theater Nestroyhof Hamakom: Ein Land und zwei Völker

September 15, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Aktionstag der offenen Fragen

Bild: Theater Nestroyhof Hamakom

Bild: Theater Nestroyhof Hamakom

Anlässlich der jüngsten Eskalation des Palästina-Israel-Konflikts lädt das Theater Nestroyhof Hamakom zu einer performativen und diskursiven Auseinandersetzung. Frederic Lion, Künstlerischer Leiter des Theater Nestroyhof Hamakom, ist es im eigenen wie im Selbstverständnis des Theaters ein Bedürfnis vor dem eigentlichen Saisonstart auf den aktuellen Konflikt zu reagieren. Am Sonntag, 21. September, werden ab 15 Uhr in unterschiedlichen Veranstaltungen und einer abschließenden, hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion die Genese dieses Konflikts sowie deren Rezeption thematisiert. Aktuell lässt sich ein besorgniserregender medialer Umgang mit historischen Begrifflichkeiten in der europäischen Öffentlichkeit beobachten, der zu hoch emotionalisierten Populismen in allen politischen Spektren führt. Kaum ein anderer politischer Konflikt polarisiert in diesem Ausmaß die öffentlichen Meinungen hier in Österreich wie international. Jede Meinung führt zu einer Gegenmeinung und jede dieser Meinungen führt zu einer verwirrenden destruktiven und gefährlichen Abwärtsspirale der Vermengung historischer und politischer Begriffe.

Das Theater Nestroyhof Hamakom widmet sich diesem Konflikt ein paar Wochen nach einem Waffenstillstand, der das Thema schon wieder aus dem Fokus der medialen Berichterstattung gespült hat, um es weiterhin auf die Warteliste der ungelösten weltpolitischen Fragestellungen zu setzen. Einen ganzen Tag zeigt das Theater Nestroyhof Hamakom verschiedene Veranstaltungen, um ungelöste Fragen in diesem Konflikt aus verschieden Blickwinkeln in theatralen, sinnlichen und historischen Kontexten zu diskutieren, in der Hoffnung den Zuschauer mit einer verschärften und angereicherten gedanklichen Komplexität zu entlassen.

Sonntag, 21. September, ab 15 Uhr

Ein Land und zwei Völker. Ein Aktionstag der offenen Fragen.
Konzeption: Ingrid Lang, David Maayan, Susanne Höhne, Frederic Lion

15 Uhr: Videoinstallation „East of my middle“ von David Maayan

Diese Videoinstallation ist eine Umstrukturierung der bekannten Tatsachen die uns sprachlos, tonlos machen- abgesehen vom eigenen Herzschlag. „Es muss mein Glaube sein, dass sich das was der jetzigen Generation hoffnungslos erscheint, zu einem neuen Bild dekonstruiert.“ David Maayan.

16 Uhr: Lesung – „Ein Land und zwei Völker. Zur jüdisch-arabischen Frage“ von Martin Buber

Das Dilemma des einen Landes und der zwei Völker stand im Zentrum von Bubers politischer Tätigkeit. Das Leben und Schaffen Martin Bubers ist aufs engste mit der Erneuerung Israels verbunden, was jedoch nicht heißt, dass er die Gründung des heutigen Staates Israel gewollt oder gar vorangetrieben hätte. Sein Kampf für Israel erstreckte sich über mehr als sechs Jahrzehnte. In seinem politischen Engagement erörtert Buber Fragen, die damals wie heute auf die drängenden und ungelösten Probleme im Zusammenleben von Juden und Arabern hinweisen.

18 Uhr: Konzert-Lesung mit Viola Raheb und Marwan Abado

„Zugvögel – Eine lyrisch-musikalische Reise nach Palästina“. Mit dem Programm „Zugvögel“ wollen Viola Raheb und Marwan Abado auf poetische, musikalische, nachdenkliche wie berührende Art ihre Heimat Palästina nahe bringen. Mit Texten, Gedichten und Liedern nehmen sie den Hörer mit auf eine musikalisch-literarische Reise nach Palästina. Lyrik, Reflexionen und Erfahrungsberichte mischen sich mit sanften orientalischen Klängen der Oud des Marwan Abado, eines Meisters der arabischen Kurzhalslaute. Die Texte, die Viola Raheb neben ihren autobiographischen Texten liest, stammen von Mahmoud Darwish, dem 2008 verstorbenen palästinensischen Nationaldichter und Salman Masalha, einem arabischen Literaten aus Israel.

19.30 Uhr: Lesung – „Sieben jüdische Kinder – ein Stück für Gaza“ von Caryl Churchill

Caryl Churchills Stück “Sieben jüdische Kinder-ein Stück für Gaza“ entstand 2009 als Reaktion der Autorin auf den Einmarsch der israelische Armee in den Gaza Streifen. Von der Idee bis zur Uraufführung im Royal Court Theatre in London verging kaum ein Monat. Das 10 Minuten lange Stück besteht aus 7 Szenen, in denen Erwachsene darüber sprechen wie Kindern, 7 Mädchen zu 7 verschiedenen Zeitpunkten in der Geschichte des jüdischen Volkes, Gewalt zu vermitteln ist, was gesagt und was verschwiegen werden muss. Vom Holocaust, über die Gründung des Staates Israel, bis hin zu den israelischen Militärangriffen 2009 in Gaza, komprimiert Churchill mit großer Radikalität eine lange, schmerzliche und hochkomplexe Geschichte auf sechs Seiten. Ein gewagtes Unterfangen, das große Kontroversen auslöste.

20.30 Uhr: Diskussion – „Was hat das Ganze mit uns zu tun? Antisemitismus in Österreich und Europa im Umgang mit Israel und Palästina“

Moderation:  Peter Huemer
Mit: Eric Frey (Journalist), Michael Pfeifenberger (Filmemacher), Doron Rabinovici (Autor und Journalist), Viola Raheb (Sängerin), Hans-Jürgen Tempelmayr (Österreichisch-Israelische Gesellschaft), Gerhard Scheit (Philosoph und Politikwissenschafter)

Der Eintritt ist frei. Es werden Spendenboxen humanitärer Einrichtungen für palästinensische wie israelische Kriegsopfer bereitgestellt.

www.hamakom.at

Wien, 15. 9. 2014