Theater zum Fürchten: Troilus und Cressida

Januar 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Soldateska aufs Korn genommen

Die Griechen bedrängen Cressida: Jürgen Hirsch als Achilles, Max Kolodej als Patroklus, Samantha Steppan als Cressida, Alexander Rossi als Ulysses, Max Spielmann als Ajax und Christoph Prückner als Nestor. Bild: Bettina Frenzel

Dass Bruno Max‘ Shakespeare-Inszenierung zu den besten gehören, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden. Seit Donnerstag zeigt der Prinzipal des Theaters zum Fürchten an dessen Wiener Spielstätte, der Scala, vom britischen Barden „Troilus und Cressida“. Ein selten gespieltes, weil schwieriges Stück, nicht Heldendrama, nicht Liebestragödie, nicht Komödie, mit dem sich schon Regisseure von Stefan Bachmann bis Luk Perceval ziemlich vergeblich abgemüht haben.

Nun also Bruno Max, der sich dem Fünfakter in wohlaustarierter Balance von bitterböser Satire, Sentiment, Schlachtenszenen und Schelmentum nähert. Er nimmt die von Shakespeare beschriebene Soldateska aufs Korn, und macht aus ihnen, weil ohnedies pausenlos geballert wird, gleich komplett Schießbudenfiguren. Jedoch nicht ohne auf den Verweis zu vergessen, wie gefährlich diese Meute, wenn erst losgelassen, sein wird. Der Schauplatz ist Troja, das Jahr das siebente im Stillstand dieses Krieges, und in der Scala dörrt die Sonne Libyens die Armeen mittels Drehbühne zwischen umkämpften Häuserruinen und ödem Schlachtfeld, in Schützengräben und Frontstellungen aus. Nichts könnte heutiger sein, als dies: Ein despotischer Familienclan herrscht über eine kleinasiatische Nation, eine Allianz aus 69 selbsternannten Weltgendarmen, hat sich aufgemacht, dem ein Ende zu setzen.

Der offizielle Anlass ist, dem Hahnrei seine Hure zurückzuerobern, dafür wird doch gern gestorben!, und mittendrin lieben sich Troilus und Cressida. Zumindest anfangs. Zum grausame Gegenwart atmenden Bühnenbild von Marcus Ganser gesellt Alexandra Fitzinger die passenden Kostüme, Tarnanzüge und traditionell muslimische Gewänder. Sechzehn Schauspieler gestalten Shakespeares üppiges Personal, die meisten davon in je einer Rolle auf je einer Seite, womit Bruno Max die Austauschbarkeit der Kontrahenten auf gelungene Art ausstellt. Zur opulenten Optik passt ebensolche Akustik, los geht’s mit Gefechtslärm und Geschützdonner und Tom Jones, der unterm rotleuchtenden Plastikherz „It’s Not Unusual“ singt.

Achilles stellt Hector während einer Kampfpause: András Sosko und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Thersites verspottet Achilles und Patroklus: Leonhard Srajer, Max Kolodej und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Da will Onkel Pandarus seine Nichte Cressida, sie die Tochter des Calchas, noch dem trojanischen Königssohn Troilus andrehen, eine Kuppelei, die gelingt, bis der zum Feind übergelaufene Priester bei einem Gefangenenaustausch verlangt, sein Kind ins Griechenlager zu bringen. Dort wird die bis dahin Tugendhafte auf Ulysses‘ Wink reihrund „geküsst“, eine „Untreue“, die der Listenreiche dem Troilus nicht vorenthält, als sich dieser zwecks Zweikampf zwischen Hector und Ajax unter den attischen Kampfmaschinen aufhält. Das Ende ist desaströs, Ehre, Vernunft und Anstand haben ihre Daseinsberechtigung eingebüßt, Liebe ist zur Illusion verkommen, ein sinnloser Krieg geht weiter, die Hurrapatrioten haben weiterhin das Sagen, und Shakespeare lässt seinem Publikum nicht einen Sympathieträger. Nirgendwo.

Den Troilus spielt Thomas Marchart als schon durch die Körpersprache dem Willen seiner im Wortsinn größeren Brüder ausgelieferten Verlierer. Wie er sich dauernd tätscheln lassen muss, versucht ein ganzer Mann zu sein, und doch nur als Schürzenkind wahrgenommen wird, das ist so berührend und Marchart dabei so präsent, dass, wenn schon jemandem die Zuschauergunst gilt, dann ihm. Gefolgt von András Sosko, der als hünenhafter Hector den einzig aufrechten und anständigen Charakter verkörpert. Sosko ist es auch, der mit Maximilian Spielmann als hinreißend einfältigem Kraftlackel Ajax gewaltige Kampfszenen gestaltet. Georg Kusztrich gibt sowohl den Tattergreis Priamus als auch den so planlosen wie großsprecherischen Agamemnon ganz großartig.

Samantha Steppan wird als Cressida von der Feldsanitäterin zum Lagerflittchen. In ihren Gefühlen unsicher, lässt ihr Bruno Max die darstellerische Möglichkeit offen, sich aus Angst vor dem Schlimmsten ihrem einzigen Beschützer unter den Griechen, Johannes Sautner als auf den eigenen Vorteil bedachter Diomedes, hinzugeben. Steppans Seherin Cassandra ist geistig nicht ganz beisammen, weshalb die Familie die Verrückte auch immer wieder aus dem Verkehr zieht, statt auf ihre Warnungen zu hören. Ein schöner Regieeinfall, dass Cassandra mit einem Stoffpferdchen spielt. Johanna Rehm ist als besorgte Andromache ganz Tragödin, als – vormals Schöne – Helena die sturzbetrunkene, ständig „Sorry!“ oder Liebeslieder in ein Mikrofon stammelnde Peinlichkeit des Hofs. Beide Schauspielerinnen beweisen in der Darstellung dieser so unterschiedlichen Frauenfiguren ihre enorme Wandelbarkeit.

Die – vormals Schöne – Helena singt für Pandarus: Johanna Rehm und Hermann J. Kogler. Bild: Bettina Frenzel

Cassandra hat eine Vision: Georg Kusztrich als Priamus, Samantha Steppan als Cassandra, Leopold Selinger als Aeneas und Leonhard Srajer als Paris. Bild: Bettina Frenzel

Hermann J. Kogler nützt die Prachtrolle des gewieften Schlitzohrs Pandarus für humorige Auftritte, er der mit Wortwitz ausgestattete weise Narr Shakespeares, dem zum Schluss doch der Schmäh ausgeht, und übernimmt auch den Part des Calchas. Jürgen Hirsch ist ganz fabelhaft als erst bauchiger, bierseliger Achilles, dieser eine um große Gesten nie verlegene, ansonsten aber beleidigte Diva. Bevor er rasend vor Wut und mit Irrsinn im Blick Rache für seinen gefallenen Geliebten Patroklus, Max Kolodej zusammen mit Hirsch ein zu Herzen gehendes Liebespaar, fordert.

Alexander Rossi spielt einen intriganten, die anderen gängelnden, an Snackwürstchen kauenden Ulysses, Leopold Seliger den Aeneas als Realpolitiker, Christoph Prückner einen trotteligen Nestor, der definitiv schon bessere Tage gesehen hat, Klaus Schwarz den unfähigen, hinter Bruder Agamemnon herdackelnden Menelaus. Scheinbar mühelos wechselt Leonhard Srajer zwischen dem koksenden Partyprinz Paris und dem, weil beinamputierten, im Rollstuhl sitzenden Zyniker Thersites, er Shakespeares böser Narr, der unzähmbar die ungeschönten Wahrheiten ausspricht. (Nicht nur) vom ihm möchte man im Theater zum Fürchten gern mehr sehen.

Mit „Troilus und Cressida“ ist der längstdienenden freien Theaterkompagnie Österreichs jedenfalls wieder ein großer Wurf gelungen. Ein Abend, der nicht nur vorzüglich unterhält, sondern auch zum Nachdenken darüber anregt, wie eine Welt beschaffen sein müsste, in der Krieg unnötig und Liebe ein Menschenrecht wäre.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 1. 2019

Werk X-Petersplatz: Zum Wilden Mann

Dezember 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Blitzkrieg mit Bierdeckeln

Die Burschenschaft „Dekadenzia zu Wien“: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl, Martin Purth, Matthias Tuzar, J-D Schwarzmann; vorne: Sebastian von Malfér. Bild: © Alexander Gotter

Kein Schmäh. Gerade als man das Theater verließ, lief einer im Elitenstechschritt vorbei. An der Hand die Freundin, die Couleur hellbraun. Sage noch einer, Kunst sei kein Spiegel der Sachlage im Lande. Einen solchen halten Regisseurin Ursula Leitner und die handikapped unicorns nun im Werk X-Petersplatz der Pandorabüchse Burschenschaften vor. Sören Kneidl, Sebastian von Malfèr, Martin Purth, Bernhard Georg Rusch, J-D Schwarzmann und Matthias Tuzar agieren als „Dekadenzia zu Wien“.

Diese zwar fiktiv, doch der Text zu „Zum Wilden Mann“ auf Grundlage von Dokumaterial und mit Beratung des Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands entstanden. Eine bissige Farce auf die Vollwichsträger ist diese Uraufführung geworden. Vom Fuxmajor über den Cantusmagister bis zum Fuxe, die Hackordnung wie in einem Hühnerstall, sind alle vorhanden, die sich der Männlichkeit ihres Bierzipfels versichern müssen. Und so übt sich das rechtsakademische Personalreservoir Vielmann, Neumann, Hartmann, Bergmann, Baumann und Trautmann in den entsprechenden Ritualen – saufen, singen, über Sex reden. Das alles tun sie in der Wirtschaft „Zum Wilden Mann“, wo die Truppe knapp vor Sperrstunde kornblumenblau von einem Bezirksfest kommend einfällt. Für eine letzte Runde.

Dem linksgemütlichen Hausherrn Johnny, Régis Mainka, und seiner Kellnerin/Verlobten Tajana, Aleksandra Corovic, helfen ihre freundliche Art wenig. Die Nacht wird aus dem Ruder laufen, die Situation eskalieren. Immer wieder nämlich wird der Fortlauf der Ereignisse gestoppt, treten einzelne Mitglieder der Dekadenzia wie zur Aussage fürs Polizeiprotokoll an, Tenor natürlich: wir immer die Sündenböcke – lächerliche Vorwürfe – an den Pressesprecher wenden, da weiß man bereits, es wird nicht gut enden.

Der Wirt und seine Verlobte bemühen sich um Freundlichkeit: Aleksandra Corovic und Régis Mainka; hinten: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl und Martin Purth. Bild: © Alexander Gotter

Doch die Stimmung wird dank Alkohol immer aggressiver: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl, Martin Purth und J-D Schwarzmann; hinten: Aleksandra Corovic und Régis Mainka. Bild: © Alexander Gotter

Bis die Situation eskaliert: Martin Purth, Bernhard Georg Rusch, Matthias Tuzar, J-D Schwarzmann, Sören Kneidl (hinten) und Aleksandra Corovic. Bild: © Alexander Gotter

Schwarzweiße Maskengesichter hat Leitner den Burschenschaft-Darstellern verpasst, kennzeichnet sie so als untote Wiedergänger, doch je mehr die Schminke verrinnt oder verwischt wird, werden die Menschen darunter zur Kenntlichkeit entstellt. Bald schon werden nicht nur Bettgeschichten und Fußballergebnisse diskutiert, werden nicht mehr Blitzkrieg mit Bierdeckeln und andere Trink- und Demütigungsspielchen gespielt, sondern bricht sich der Hass Bahn. Der rechte Arm schnell hoch, Parolen werden gebrüllt, dass der Spielraum erbebt.

Es geht um Ehre, Treue, Vaterland, um urdeutsch vs. ostmärkisch, darum, das kulturelle Erbe wehrhaft zu verteidigen, gegen die Gutmensch-Propaganda, gegen toleranzbesoffene Armleuchter, Asylanten, Andersdenkende. Als die Liedzeile vom Schaffen der siebenten Million angestimmt wird, und der Wirt darob dem Treiben Einhalt gebieten will, wird die Bemerkung „Wir werden uns um die Wirtschaft kümmern“ zur unverhohlenen Drohung. Umso mehr, als sich herausstellt, dass Tajana aus dem Montenegro stammt …

Die Schauspieler spielen mit viel Schmiss. Zwar sind ihre Herrenmenschen ziemlich holzschnittartig angelegt, doch dient vielleicht gerade dies als Instrument für die Beunruhigung, die dieser mit Testosteron aufgeladene Theaterabend beim Betrachter auslöst.

Zum Schluss eine choreografiert ästhetische Gewaltszene. Dazwischen aber wendet Ursula Leitner ihren Gesellschaftsspiegel immer wieder auch Richtung Publikum. Wenn Sätze fallen wie „Ich bin wirklich die letzte, die etwas gegen Ausländer hat …“, und darauf ein kollektives „Aber …“ folgt. So wird „Zum Wilden Mann“ auch Aufforderung zur Selbstüberprüfung. Sehenswert! Noch bis 8. Dezember.

werk-x.at

  1. 12. 2018

Belvedere: Der Kremser Schmidt. Zum 300. Geburtstag

Oktober 22, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon zu Lebzeiten eine Legende

Martin Johann Schmidt: Venus und Amor, 1788. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Er wird mitunter als letzter großer Maler seiner Zeit gesehen – sein Tod 1801 gilt als spätes Ende der großen Ära des Barock. Und doch reichen seine Einflüsse noch weit in die nächste Künstlergeneration hinein. Martin Johann Schmidt, genannt Kremser Schmidt, zählt bis heute zu den populärsten mitteleuropäischen Barockmalern. Im Oberen Belvedere ist ihm ab 25. Oktober eine Ausstellung gewidmet.

Das Ende des Barock im Jahr 1801 anzusetzen, wirkt fast gewagt. Dennoch kann der Tod des Barockmalers Martin Johann Schmidt durchaus als Ende dieser Ära gesehen werden. Seine Kompositionen haben sich noch lange danach ungebrochener Beliebtheit erfreut. So trugen seine Schüler den Stil des Künstlers noch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein. Kremser Schmidt war bereits zu Lebzeiten ein Klassiker geworden. Neben Paul Troger und Franz Anton Maulbertsch gilt er bis heute als einer der bedeutendsten mitteleuropäischen Barockmaler. Er genoss überregionale Bekanntheit, wählte aber als Lebensmittelpunkt Stein bei Krems. Von dort führte er seine Aufträge aus. Niemand geringerer als Kaiser Joseph II. besuchte ihn in seinem Haus. Die Reichweite seines Einflusses veranschaulichen jene Werke, die sich im heutigen Slowenien befinden und den dortigen Künstlern eine eminente Inspirationsquelle waren.
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Martin Johann Schmidt: Die Heilige Sippe, 1786. Bild: © Belvedere, Wien

Martin Johann Schmidt: Wirtshausszene, 1781. Bild: © Belvedere, Wien

Der Künstler Kremser Schmidt selbst wurde offenbar stark von Rembrandt beeinflusst, dessen Volkstypen und die vergleichbaren Darstellungen seiner Zeitgenossen das Schaffen des Niederösterreichers inspiriert haben dürften. Ausgehend von den Werken des Künstlers, die sich im Belvedere befinden, wird in der Schau nun sein umfangreiches Oeuvre in allen wichtigen Facetten umrissen.

www.belvedere.at

22. 10. 2018

Theater zum Fürchten: Tea & Sympathy

Oktober 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandwiches, Scones und spleenige Satire

Queen Victoria und ihre geliebten Briten: Florian Lebek, Lotte Loebenstein, Jacqueline Rehak und Matti Melchinger. Bild: Bettina Frenzel

Bevor Großbritannien sich endgültig aus Europa brexit und ganz seiner Splendid Isolation hingibt, lässt Theater-zum-Fürchten-Prinzipal Bruno Max das Vereinigte Königreich noch einmal ordentlich hochleben. „Tea & Sympathy“ heißt die diesjährige Dinnerproduktion, die nun am Wiener Spielort, der Scala, Premiere hatte, und die das Publikum zu Sandwiches und Scones und natürlich der Inselbewohner innig geliebtes Aufgussgetränk in einen Original Tea Room einlädt.

Der heiße Blättersud ist sozusagen Leitmotiv des Abends, erläutert werden unter anderem die Fragen, wie der Tee nach England kam, und die nach der richtigen Zubereitung. Dazu gibt es Zehn Gebote vom British Institute for Tea and Infusions – und das gibt es tatsächlich. Zwei Mal hinhören und hinschauen muss man bei diesem Defilee von Exzentrikern, Dandys und Blaustrümpfen, von Butlern, Punks und Blaublütern nämlich, um festzustellen, wer spleenige Idee exzellenter Satiriker ist und welcher schrullige Zeitgenosse wirklich einmal existiert hat.

Vorweg: Die von Dame Edith Sitwell, selber „Staatengründerin“ und Verfasserin abstrakter Gedichte, mittels Abhandlung festgehalten Aristokraten haben ihre Abenteuer erlebt. Vom Bären-Zureiten bis zum Tauchen bis zur Ohnmacht, vom Alienforscher bis zum Anti-Auto-Parteivorsitzenden. Die großartige Lotte Loebenstein leiht der originellen historischen Gestalt ihre Stimme, und wird sich später als Queen Victoria darüber wundern, dass ihr „Butler“ Jörg Stelling bewusst macht, dass Englands Stil und Glanz aus fremden, blutig niedergeworfenen und kolonialisierten Ländern kommt. Keine Bruno-Max-Inszenierung ohne Gesellschaftskritik.

Nach Dame Edith Sitwell zählt Jörg Stelling die „Britischen Exzentriker“ auf. Bild: Bettina Frenzel

Florian Lebek und Christina Saginth in Monty Python’s „Ich hätte gerne einen Streit“-Sketch. Bild: Bettina Frenzel

Neben dem Königshaus, fabelhaft „The Four Georges“ als erste Boygroup, kommen auch Samuel Pepys aus seinen Tagebüchern von 1662, ein Lord Clarendon und die New Yorker Kunstfigur Lord Whimsy mit ihrer Furcht vor dem Casual Friday zu Wort. George Bernard Shaw, James Whistler und Oscar Wilde treten auf, da wird’s brilliantly witty, ein Lieblingswort, weil es im Deutschen keines gibt, dass Intellekt so eng an Irrwitz knüpft, Lewis Carroll, dessen „Mad Tea Party“ aus „Alice im Wunderland“ herrlich interpretiert wird, wird mit seiner Vorliebe für Fotos nackter Kinder vorgeführt, George Orwell darf weniger verfänglich über „A Nice Cup Of Tea“ sinnieren.

Stets trifft in dieser Aufführung Understatement auf Stiff Upper Lip, besonders in Monthy Python’s „Ich hätte gerne einen Streit“, weniger im „Dreckige Gabel Sketch“, ersterer von Florian Lebek und Christina Saginth aufs Feinste dargeboten, während Jacqueline Rehak gekonnt an Loriots – der grandiose Humorist hat als einziger Ausländer seinen Auftritt – „Zwei Cousinen“ scheitert. Sie wissen schon: „Auf dem Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue befinden sich außer dem jüngsten Sohn Meredith auch die Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth aus den benachbarten Ortschaften Nether Addlethorpe und Middle Fritham …“

Mit Johanna Rehm, RRemi Brandner, Christoph Prückner und Matti Melchinger schlüpft das spielfreudige Ensemble von Figur zu Figur, aus Kostüm in Kostüm. Das britische Fernsehen wird ebenso veralbert, wie der Naked Gardening Day. Und auch, dass Punk nicht tot ist, wird eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Wie der Abend, mit Frizz Fischer am Klavier, musikalisch überhaupt top ist. Man singt Buchanans „Everybody Stops For Tea“ bis Youmans‘ und Caesars Evergreen „Tea For Two“, klampft The Who – und wandelt den großen Queen-Hit kurzerhand in „I Want To Drink Tea“ um.

Die Mad Tea Party aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“: Christoph Prückner, Jacqueline Rehak und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

In all dem Jubel, Trubel, Heiterkeit vergisst Bruno Max den schwelenden Zeitgeist nicht. Der von ihm ins Programm genommene Text „Brexit?“ des derzeit erfolgreichsten irischen Comedy-Trios „Foil, Arms and Hog“ alias Sean Finnegan, Conor McKenna und Sean Flanagan gehört zum Bösesten der Kleinkunstbranche, und bei den Originalstatements aus Politikerinterviews zieht es einem sowieso die Schuhe von den Füßen.

Derart Wendehälsisches ist auch hierzulande nicht unbekannt. Was die staatsführerische Zukunft betrifft, kann man’s also nur very british machen: Abwarten und Tee trinken.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 10. 2018

Theater zum Fürchten: Der Preispokal

Juni 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt

Der Fußballclub von Avondale hat den Preispokal gewonnen: Carina Thesak, Philipp Schmidsberger, Bernie Feit, Jasmin Reif, Ivana Stojkovic, Jakob Oberschlick und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Dependance, der Scala, Seán O’Caseys „Der Preispokal“. 1927 ist dieses Stück über die Menschenvernichtungs- maschine Erster Weltkrieg entstanden, vom Autor selbst als Tragikomödie bezeichnet, was insofern richtig ist, als O’Casey in liebevollen Details die Schrulligkeiten der Bewohner der kleinen irischen Ortschaft Avondale ausstellt. Hinter dieser humorigen Seite allerdings ist das Antikriegsvolksstück gnadenlos.

Und TzF-Prinzipal und Regisseur Bruno Max trägt dem Rechnung. Seine Inszenierung, passend zum Gedenkjahr 2018, ist dergestalt, dass einem immer wieder das Lachen im Hals stecken bleibt. Eben noch feierte „Avondale United“ die Erringung des eben titelgebenden Preispokals, es wird gesungen, gesoffen, schwadroniert, da müssen die Fußballhelden auch schon zurück an die Front in Frankreich. Von der nicht alle unversehrt heimkommen. Harry Heegan, der Goalgetter, sitzt nun im Rollstuhl, Teddy Foran, ein brutaler Kerl, der seine Frau prügelte, ist erblindet. Aber das Leben geht weiter. Zumindest für die Gesundgebliebenen. Es gibt neue Matadore und neue Techtelmechtel, es entsteht eine neue Welt, in der für Harry und Teddy, weil sich kein anderer ihre Erlebnisse auch nur vorstellen kann, kein Platz mehr zu sein scheint …

In den realistischen Räumen – großartig etwa die alten irischen Kriegsplakate – von Sam Madwar hat Bruno Max sein Ensemble zu expressionistischem Spiel angehalten. Er macht aus O’Caseys fein ziselierten Figuren Charaktere aus Fleisch und Blut. Da kippt Jakob Oberschlick als Harry gekonnt vom gefeierten Triumphator in die abgrundtiefe Verzweiflung eines Mannes ohne Zukunft. Da kommentieren die fürs Komödiantische zuständigen Rüdiger Hentzschel und Bernie Feit als Harrys Vater und Nachbar Simon die Geschehnisse mit trockenem Humor und einer Portion Sarkasmus.

Harry ist nach dem Krieg gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen: Bernie Feit, Carina Thesak und Jakob Oberschlick. Bild: Bettina Frenzel

Régis Mainka ist als Teddy Foran, wie schon in „Der Gute Mensch von Sezuan“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27711), der Mann fürs Grobe, Leopold Selinger brilliert als schmierig-gutgelaunter Oberarzt Dr. Forby und Valentin Frantsits gibt als nur leicht verletzter Barney den guten Kerl, den seine Liebesangelegenheiten aufs Gewissen drücken. Denn, wenn man so will, sind im „Preispokal“ die Frauen die Sieger, so wie’s tatsächlich war:

Die historischen Gewinnerinnen des Untergangs einer ganzen Generation von Männern. Und so emanzipiert sich Carina Thesak als enervierend bigottes Mauerblümchen Suzie Monahan zur resoluten Krankenschwester, die sich Dr. Forby als Liebhaber angelt. Teresa Renner wird als Mrs. Foran durch Teddys Blindheit von der häuslichen Gewalt befreit und dessen strenge Kommandeurin und Pflegerin. Und dann ist da noch Jasmin Reif als Jessie Taite, Harrys Freundin, die sich vom „Rollstuhl-Krüppel“ ab- und Barney zuwendet, während Harrys Mutter, Angelika Auer, einzige Sorge ist, dass er nichts tut, was seine Kriegsrente beschädigt. Für Zündstoff ist also gesorgt. Dass O’Caseys Stück über den lieben und den Fußballgott vor 90 Jahren für Skandal sorgte, als anti-irisch und anti-katholisch verdammt wurde, das macht die TzF-Aufführung mehr als klar.

Heute erschüttern nicht nur die zwischen den Akten gezeigten, eindrücklichen  Bilder und Videos, für die ebenfalls Sam Madwar verantwortlich zeichnet und die das Massaker in den Schützengräben zeigen, sondern auch ein Kunstgriff von Bruno Max: Er hat für den einst ausgedehnten zweiten Akt, der in Form einer Litanei den Krieg abstrakt wiedergab, mit Zeynep Buyraç eine Choreografie erdacht, die den Sprung vom Fußball über den Drill bis zur Schlacht näherbringen soll. Am Ende schließlich begeben sich die Frauen mit Skeletten zum Totentanz, auch das ein starker Moment.

Die Versehrten passen nicht mehr in die Gesellschaft: Régis Mainka, Bernie Feit, Teresa Renner, Emre Dogan, Ivana Stojkovic, Jasmin Reif, Angelika Auer, Jakob Oberschlick, Carina Thesak und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Die Darbietung in der Scala macht eine Wahrheit deutlich, die dieser Tage erneut zutrifft: Das Elend von Kriegsopfern wird erst am Schicksal einzelner so richtig deutlich. In diesem Sinne geht „Der Preispokal“ auch heute noch etwas an. Ein so poetisches wie brutales Stück, ein absolut sehenswerter Abend.

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  1. 6. 2018