Werk X-Petersplatz: Geleemann

September 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gefangen im großen deutschen Sprach-Raum

Geleemann mal vier trägt seine Zellenwand mit sich: Clara Schulze-Wegener, Johnny Mhanna, Philipp Auer und Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Sie tragen blaue Gefängnisuniformen, und die Art, wie sie sich gegenseitig vernehmen, weist sie als Häftlinge und zugleich Wärter aus. Sie tragen ihre Zellenwände vor sich her, zwei Darstellerinnen, zwei Darsteller, drei davon „Migranten“, und es ist Maria Sendlhofers den Abend eröffnendes Publikums-Spiel, wem man’s ansieht und wem nicht. Sendlhofer, im Werk X-Petersplatz zuletzt als Performerin in „Carrying A Gun“ (Rezension:

www.mottingers-meinung.at/?p=31561) zu erleben, hat nun ebendort „Geleemann, die Zukunft zwischen meinen Fingern“ von Amir Gudarzi inszeniert – die Uraufführung eine Produktion von Andromeda Theater Vienna in Kooperation mit dem WERK X- Petersplatz, und mottingers-meinung.at zum Probenbesuch samt anschließendem Interview mit Regisseurin und Autor eingeladen.

Woher man komme und warum man hier sei, fragen Clara Schulze-Wegener, Johnny Mhanna, Philipp Auer und Simonida Selimović einander ab, Name? – Geleemann, dazwischen Gesten des Schutzes und der Abwehr, Größe? – eine gute handbreit überm jeweiligen Kopf. Der „Geleemann“, er von den Medien zu diesem gemacht, ist größer als man selbst, heißt das, und zugleich kann’s jede und jeder sein. Ja, lacht Maria Sendlhofer, als sie den Text zum ersten Mal las, dachte sie, „ich besetze das weißeste Milchbubi, das ich finde“ – oder eben so.

Amir Gudarzis Text ist so politisch wie poetisch. Wie sein Protagonist, der sich nicht als Einbrecher-Verbrecher, sondern als Dichter sieht. Da sitzt er nun in Untersuchungshaft, von den Zeitungen bereits als Vergewaltiger und Mörder vorverurteilt, Geleemann genannt, weil er sich vor seinen Taten einölte, klitschig machte, um nicht gefasst werden zu können. Den wahren Namen erfährt man nie. Der Mann ist iranischer Asylwerber, 2009 vor dem Regime in Teheran nach Österreich geflüchtet, festgenommen als Eindringling in die Schlafzimmer schlafender Frauen, auf der Suche, aus Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Geborgenheit. „Die Menschen sind nur im Schlaf nahbar“, sagt er, und dass er es nicht mehr ausgehalten hätte, das ständige „Wegsetzen, Wegschauen, weg da, du da, weg da“.

Via Video wird der Täter zum Opfer: Johnny Mhanna und Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Simonida Selimović, Philipp Auer, Clara Schulze-Wegener und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Der virtuose Ghaychak-Spieler Pouyan Kheradmand begleitet den Abend musikalisch. Bild: © Alexander Gotter

Eine der vom Geleemann „besuchten“ Frauen bei der Aussage: Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Mal als Chor, mal als Einzelstimme sagt das Ensemble solche Sätze, je nach eigener Biografie mit je eigener Klangfarbe, mit großer Intensität alle vier. Auf den auch als Videowände verwendeten Paneelen wird aus Täter Opfer, gefilmt hinter Plexiglas, wo auch der virtuose Ghaychak-Musiker Pouyan Kheradmand sitzt, Täter zu Opfer auch auf der Spielfläche, wenn die Masse den einen angreift. Mit Fäusten und jenen rechtspopulistischen Formulierungen, die die Wählerschaft in die offenen Arme der Xenophobie treibt.

Was Amir Gudarzi verhandelt, vom Publikum fordert, ist nicht wenig. Sein Text thematisiert, assoziiert, analysiert, ist ein komplexes Konstrukt aus Rassismus und Stereotypen, Geschichte und Gegenwart, Bewusstsein und Verdrängung, von den Wiener Kurdenmorde von 1989, der NS-Vergangenheit Österreichs, dem Attentat von Oberwart bis zur Grünen Revolution im Iran von 2009, der Ermordung politischer Gefangener am Ende des Iran-Irak-Kriegs, von Berichten der hiesigen Boulevard-Presse bis zum heutigen Antisemitismus.

Polemisch lässt er den Geleemann über die Willkommenskultur der heimischen Hotellerie lästern, die sich allerdings nicht an Flüchtlinge, sondern an „die reichen Araber“ wendet, und es geht unter die Haut, wenn er über die unter Androhung von Sanktionen zu erlernende Sprache sagt: „Deutsch ist wie ein großer Raum, in dem man gefangen ist.“ Der Geleemann kam traumatisiert aus Teheran, wen schert’s?, er ist eines jener in den 1980er-Jahren im Foltergefängnis geborenen Kinder, von denen man selbst erst durch den Dokumentarfilm „Born in Evin“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=38221) erfuhr, wer weiß das schon? Wen interessiert der „Hurensohn“, der nach der Erschießung der Mutter im Hof ihr Blut wegwaschen musste?

„Worüber man schreibt, hat immer mit einem zu tun“, sagt Amir Gudarzi. Auf der Theaterschule in Teheran, dieser Grauzone des Dürfens, wo die Proberäume via Gucklöchern überwacht werden, mit 13, 14, hatte er einen Freund, dessen Vater, wenn er betrunken war, von der Ermordung der Oppositionellen unter Ayatollah Khomeini erzählte, die Mutter, Geschwister. Gudarzi floh, wie er es formuliert, „aus religiös-politischen Gründen“, seit 2009 lebt er im Exil in Wien, gewann den österreichischen exil-DramatikerInnenpreis und erhielt das Dramatikerstipendium des österreichischen Bundeskanzleramts. Derzeit schreibt er an seinem Debütroman, schreibt, er muss schmunzeln, noch sind es viele Ideen im Kopf, darüber wie Politik der Privatheit in die Quere kommt.

Bild: © Alexander Gotter

Ein Wunschtraum vom Richtigstellen, den auch der Geleemann hat. „Steht er erst vor Gericht“, so Maria Sendlhofer, „glaubt er ein Plädoyer über Verdrängung und Verfälschung von Wissen und Gewusstem halten, und über die mediale Aufmerksamkeit, die Öffentlichkeit zum Ausleuchten der geschichtlichen und gegenwärtigen toten Winkel bringen zu können.“ Derweil wird’s auf der Spielfläche tumultuös, dem muslimischen Geleemann wird zur Gaudi der Jude David als Zellengenosse überantwortet, Vorurteile und Klischees prallen aufeinander, werden bedient und hinterfragt.

Schönster Satz zwischen den ihr Leid tragenden Tätern zum hiesigen Lieblingsmythos: „Hier gibt es nur ein Opfer – Österreich!“ Doch siehe, die Feindbilder beginnen sich anzufreunden, Philipp Auer und Johnny Mhanna spielen diese Szene über barbarische Regime, Millionen Tote, der Zweite Weltkrieg, die Besetzung durch Briten und Sowjets da wie dort, der offizielle Iran, der die Shoah ein israelisches Märchen nennt, die „Stolpersteine“, deren Inschriften der Geleemann in Wien gelesen hat. „Ein Mensch ermahnt seine Mitmenschen zum Hinschauen, aber wie steht es um seine Ignoranz?“, erklärt Sendlhofer das zu Sehende.

Und Gudarzi ergänzt: „Es geht um die Narrative und wer die Macht über sie besitzt. Wer kann komplexe Zusammenhänge vereinfachen, wer kann aus Leid Sensation machen, wer entscheidet, welche Nachricht sich gut verkauft und das Rennen um die Titelseite gewinnt?“ Was Regisseurin und Autor mit all dem in den Köpfen der Zuschauer festsetzen wollen? „Viele Fragen und keine Antwort“, lacht Sendlhofer. „Wir wollen herausfordern, weil das Publikum hier im Theaterraum jemandem, der ob seiner Tat verachtet werden müsste, zuhören muss.“ – „Wäre der Geleemann ein Österreicher, wäre er ein Einzelfall und würde psychologisiert“, ergänzt sie. „Aber so, heißt es wieder die …“

„Der Geleemann, die Zukunft zwischen meinen Fingern“, exakt und ideenreich inszeniert, perfekt und mit Hingabe an die Figur gespielt, ist ein Stück, dem wohl niemand gleichgültig begegnen wird können. Es ist Gudarzis lyrische Einladung zur Selbstbefragung, zur Hinterfragung der oftmals von anderen vorgefertigten Bildern, die man in sich trägt, es ist Gudarzis Bitte, der eigenen Voreingenommenheit bewusster zu begegnen. In Tagen wie diesen ein wichtiger Text, umgesetzt in einer sehenswerten Aufführung.

Vorstellungen bis 2. Oktober.

werk-x.at           www.facebook.com/WERKXPetersplatz

  1. 9. 2020

Und der Zukunft zugewandt

Oktober 30, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Schweigegelübde zum Wohle des Sozialismus

Antonia Berger widersetzt sich dem Parteibonzen Leo Silberstein und seinem Vernehmer: Alexandra Maria Lara, Stefan Kurt und Peter Kurth. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Gesichter ungewaschen, die Kleider zerlumpt, in einer armseligen Holzbaracke sitzen eine Frau und ihre sich beinah zu Tode hustende Tochter, draußen der Vater, der beide seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat. Er erklimmt also den Stacheldrahtzaun, wird erwartungsgemäß von den Soldaten heruntergeschossen, der Leichnam seiner Familie vor die Füße gelegt. Es ist das Jahr 1952, und es ist ein Straflager im sowjetischen Nirgendwo, und die Situation erscheint der Frau so aussichtslos, dass sie sich bei

der Zwangsarbeit im Wald von einem eben gefällten Baum erschlagen lassen will … „Und der Zukunft zugewandt“ heißt der Film von Drehbuchautor und Regisseur Bernd Böhlich, der am Freitag in den heimischen Kinos anläuft, der Titel die zweite Textzeile aus der DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“, das Geschilderte wirklich passiert – und zwar der Schauspielerin Swetlana Schönfeld, die im Gulag Kolyma im Fernen Osten Russlands geboren wurde, und im Film nun die Mutter der Protagonistin verkörpert. Es sind Böhlich diese ersten fünfzehn Minuten seiner Arbeit nachzusehen, deren Anfang als ein allzu konventionelles Zeitgeschichtsdrama, die Bilder theatralisch, die Blicke pathetisch, der Dreck an Darstellerinnen wie auf dem Set punktgenau platziert.

Denn was Böhlich nach seiner weihevollen Heraufbeschwörung von Historie zeigt, sind ungeahnt erschütternde Schicksale, Szenen eines den meisten Österreicherinnen und Österreichern unbekannten Deutschlands, der DDR, in der Menschen von einem repressiven Politsystem kleingehalten und bei Widerborstigkeit auch klein gemahlen werden. „Und der Zukunft zugewandt“ beginnt tatsächlich, als das totalitäre System unter Stalin drei weibliche Gefangene freilässt, bei ihnen Antonia Berger mit ihrer schwer lungenkranken Tochter Lydia. 1938 war die Leninistin und Pianistin als Mitglied der Agitprop-Truppe „Kolonne Links“ im Rahmen einer Tournee nach Moskau gelangt, wurde dort unter dem haarsträubend absurden Vorwurf der Spionage verhaftet und interniert.

Über das ganze Musiker-Ensemble wurde damals das Todesurteil gefällt, einzig Antonia überlebte. Nun, da einige Volksvertreter der jungen Deutschen Demokratischen Republik das an ihren Bürgerinnen begangene Unrecht gutmachen wollen, sitzt sie im idyllischen Fürstenberg, bald schon Stalinstadt, dem beflissenen Funktionär Leo Silberstein gegenüber. Die Rückkehr in den Arbeiter- und Bauernstaat ist vollzogen, eine schöne Wohnung steht bereit, eine Stelle als künstlerische Leiterin des Hauses des Volkes, es gibt Geld und Lebensmittelkarten, und die beste medizinische Versorgung für Lydia. Als Gegenleistung verhängt Silberstein über die gerade noch Haftgenossinnen ein von oben verordnetes Stillschweigen, kein Sterbenswort darf über die Säuberungswellen des Stählernen, Deportationen und Hinrichtungen und am eigenen, gefolterten Leib erlittenes Leid gesagt werden.

Hoffnung auf ein neues Leben in der jungen DDR: Alexandra Maria Lara, Carlotta von Falkenhayn als Tochter Lydia und Robert Stadlober als deren Arzt Konrad Zeidler. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Wahrheit über die Sowjetdiktatur, so fürchtet die Spitze der realsozialistischen, könnte die neu gegründete Nation zum Nachdenken bringen. Um über im Namen des Kommunismus verübte Gewalt zu sprechen, sei das Volk zu instabil, der Kapitalismus allzu nahe, der Kalte Krieg eine zu heiße Propagandaschlacht, und die alte Macht der Nazis im Westen geradezu greifbar. Der Rote Stern muss strahlen, seine Opfer werden ein Schweigegelübde unterzeichnen.

Es sind Momente wie dieser, in denen die unbewegte Miene der Alexandra Maria Lara als Antonia Berger mehr sagt, als die sparsam gesetzten Sätze in diesem so beklemmenden wie gleichermaßen gefassten Drama. Es ist diese Sprachlosigkeit, ihr Der-Situation-Ausgeliefertsein, mit dem einen Laras Antonia in Bann schlägt.

Derweil im Laufe der Handlung Vergangenheit und Gegenwart zu immer unversöhnlicheren Gegnern werden, gelingt Bernd Böhlich und seinem Stab, Kameramann Thomas Plenert, Szenenbildner Eduard Krajewsk, Kostümbildnerin Anne-Gret Oehme und der Maske von Daniela Schmiemann und Antje Langne, Außerordentliches:

Sie zeigen jene DDR, die heute oft nur noch als Zitat zu Mauerfall, Wende, Ausreisewelle dient, die Demokratierufe „Wir sind das Volk!“ längst von rechts okkupiert, in ihrer unseligen Entwicklung vom Utopia der Werktätigen, vom Anspruch das bessere, weil antifaschistische Deutschland zu sein, zum „Großer Bruder“-Staat, in dem sich eine immer grobschlächtiger werdende, menschenverachtende Ideologe breitmacht. Gebäudefronten, Innenräume bis ins kleinste Ausstattungsdetail, Frisuren und Garderoben atmen den Aufbruchsgeist dieser Anfangsphase, und Antonia erfährt – oder glaubt zumindest diese zu erfahren – eine Solidarität, die ihren Glauben an eine gerechte Zukunft stärkt, während die Gegenwart den Begriff Freiheit allerdings nach eher undurchsichtigen Gesetzen normiert.

Böhlich verdichtet die zeithistorischen Geschehnisse auf ein paar Monate in den Jahren 1952 und 1953, deren Kernstück der Tod Stalins im März, der, man weiß es, nicht zur Überprüfung der Überzeugungen genutzt, sondern zum sozialistischen Trauma wurde. In diesem Sinne ist eine Klammer zu sehen, die Böhlich setzt: Antonia Berger am 9. November 1989 vor dem Fernsehapparat – und die Art und Weise, wie sie auf das Gezeigte reagiert, samt eines Telefonats, über das sich erst am Ende herausstellen wird, wer am anderen Ende der Leitung ist.

„Und der Zukunft zugewandt“ ist mehr noch als Polit- ein Frauenfilm mit Affinitäten zum großen Melodram. Zwei Männer nämlich machen Antonia den Hof: Silberstein und der Lydia behandelnde Arzt Konrad Zeidler, ein aufrichtiger und in seinen Anschauungen konsequenter Mensch, der in der Hamburger Praxis seines Vaters ein weitaus bequemeres Leben führen könnte. Beide begreifen nur vage, wie entfernt Antonia mental und emotional von ihnen ist, bis sie ihr geheimes Tagebuch endlich Konrad offenbart. Dies nachdem eine ihrer früheren Leidensgenossinnen beim feuchtfröhlichen Sektumtrunk anlässlich Stalins Hinscheiden die Vergangenheit der drei bloßlegt. Nun muss nicht nur Antonia Stellung beziehen, sondern Konrad verlangt das in einer vehement geführten Aussprache auch von seinem Freund Leo Silberstein.

Der in Antonia verliebte Konrad weiß nicht, ob er Freund Leo noch trauen kann: Robert Stadlober und Stefan Kurt. Bild: © Polyfilm Verleih

Nachbar Alois Hoecker heißt Antonia und Lydia allzu herzlich willkommen: Jürgen Tarrach und Carlotta von Falkenhayn. Bild: © Polyfilm Verleih

Bernd Böhlich ist mit „Und der Zukunft zugewandt“ ein hochspannender Film gelungen, der außerdem höchstkarätig besetzt ist. Mit der grandiosen Alexandra Maria Lara spielen: Robert Stadlober den großherzig verliebten Konrad Zeidler, Stefan Kurt den privat gutmütigen, politisch rigiden Leo Silberstein, Barbara Schnitzler und Karoline Eichhorn Antonias Gulag-Gefährtinnen Susanne Schumann und Irma Seibert, von denen erstere bei erster Gelegenheit „rübermachen“ wird, und Carlotta von Falkenhayn in einer sehr intensiven Darstellung Antonias Tochter Lydia.

Branko Samarovski hat im Haus des Volkes einen berührenden Auftritt als ehemaliger Kolonnen-Genosse, der mit dem Anstimmen des Truppenlieds über die Erschaffung eines Roten Vaterlands Antonia die Tränen in die Augen treibt. Jürgen Tarrach gibt gewohnt vielschichtig den Wiener Maler Alois Hoecker, ein Expressionist, der da als „entartet“ eingestuft, die Flucht ergriff, und nun mit seinem Freundlich-Tun seinen Opportunismus übertüncht. Es wäre ein Leichtes gewesen, all diese Charaktere aus westlicher Siegersicht zu beschreiben. Sie als Verblendete zu porträtieren, die trotz ihrer Erfahrungen an den Aufbau des Sozialismus glauben.

Es ist jedoch das große Verdienst des Films, seine Figuren im Zwiespalt zwischen ihrem Eintreten für eine faire Gesellschaft und den Zweifeln an den Methoden daran zu zeichnen. Zwei Schlüsselszenen gibt es, die Gänsehaut machen: Einmal, als Antonia Berger dem von Peter Kurth dargestellten Vernehmer gegenübersitzt und von einer bei der Zwangsarbeit zugezogenen Beinverletzung berichtet. Da springt Kurth auf, krempelt das Hosenbein hoch und zeigt eine Beinprothese, Lager?, brüllt er rasend vor Wut, er sei in einem Lager gewesen, Buchenwald, als Versuchskaninchen der SS-Ärzte.

Einmal, als Antonia ihre Mutter auf deren Bauernhof besucht, ein keineswegs freudiges Wiedersehen, akzeptiert die Mutter doch nicht, dass die Tochter all die langen Jahre nichts von sich hören ließ, wo man erfahren wollte, wie gut es ihr in der Sowjetunion geht. Es hagelt Vorwürfe, „wenigstens eine Karte hättest du schreiben können“, statt dass sanft liebe Worte fallen. Alexandra Maria Lara sitzt in diesem Moment Swetlana Schönfeld vis-à-vis, die eine Schauspielerin der Schatten der anderen. Und wie beim Vernehmer presst Antonia den Mund bis zur Schmerzgrenze zusammen und macht keinen Mucks. Es wurde ihr schließlich ja verboten, aufzumucken …

 

und-der-zukunft-zugewandt-film.de

30. 10. 2019

Stadtsaal – Thomas Maurer: Zukunft

Dezember 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Digital Immigrant sinniert über sinnloses Wissen

Thomas Maurer: Zukunft. Bild: © Ingo Pertramer

Da hat sich einer eine Menge vorgenommen. Thomas Maurer nämlich mit seinem neuen Programm „Zukunft“. Zu dessen Beginn er nicht höchstselbst auf der Bühne erscheint, sondern ein 3D-Hologramm vorschickt, um tagesaktuell über die neuen Regierungsmitglieder und ehemalige, nun vor Gericht stehende zu lästern. Da wird er in den nächsten Monaten vor jedem Auftritt viel zu überarbeiten und zu filmen haben. Kein Wunder, dass die Sache irgendwann abstürzt.

Kritische „Staatskünstler“ will dieser Tage weder der ORF noch finden sie Platz in einem Regierungspapier, das – was? – fünf? Seiten für Kunst und Kultur beinhaltet. Alles muss raus. So auch der Maurer, „der Künstler muss leiden und anwesend sein“, der doch noch leibhaftig im Wiener Stadtsaal erscheint. Gleich mit der ersten Wuchtel, einen steinalten Skoda Octavia hätte er zum Verkauf anzubieten, umgespritzt auf Türkisblau ergo neuwertig, weil warum soll ihm nicht gelingen, was dem Kurz aufgekauft wird, mit seiner Koalition 2.0, die „so sinnvoll ist, wie sich die Milchzähne noch einmal einsetzen zu lassen“.

Doch genug der Politik. Schließlich soll’s hier um echte Utopien gehen. Maurer turnt in den folgenden zwei Stunden durch die schöne, neue Welt der Digitalisierung und spielt dabei alle Schreckens- und Hoffnungsszenarien durch, die Robotik, Deep Learing, selbstfahrende Autos und Jobkillersoftware so mit sich bringen werden. Ganz nostalgisch wird er, wenn er den kürzlich erstandenen, nachgebauten Raumschiff-Enterprise-Kommunikator mit seinem Smartphone vergleicht. Nur, dass ersterer nix kann, wenn man das Gadget nicht via Bluetooth mit dem Handy verbindet.

Ach, Mann hat’s schwer. Und sich zur Ablenkung einen süßen, kleinen Roboterhund namens Chip gekauft, der das Publikum mit ein paar einstudierten Tricks unterhält. Lustig! Doch schon bäumt sich Maurer auf und hält eine Brandrede wider die Entwertung sinnlosen Wissens. Wo kommen wir denn da hin, wenn bei der dritten Flasche Grauburgunder jeder Wikipedia-Wurschtl schneller als er die Frage beantworten kann, warum Ketchup Ketchup und Mayonnaise Mayonnaise heißt?

Bild: © Lukas Beck

Bild: © Lukas Beck

Wer’s nun auch wissen will: Onkel Google fragen! Der und Spotify, Amazon und Co., erkennen ohnehin „viel besser als du, was dir als Nächstes am besten gefällt“ oder was dich zu interessieren hat. Als ob das was wäre, was Zukunft können muss. Komisch. Je länger der Abend dauert, um so mehr stürzt der Kabarettist von der Euphorie in die Dystopie. Er merkt es sogar selbst, und nennt es seine Déformation professionnelle immer ein bissl Teuferl sein zu müssen.

Nach der Pause und einem Philosophieren über Transhumanismus, Kryokonservierung und gentechnische Glanzleistungen zeigt Maurer seine eigene Zukunft. Das mit den 3D-Ichs gefällt ihm. Und so sieht man ihn als Nicht-einmal-Mindestrentner, nicht völlig freiwillig zum Islam konvertierten Alten und strahlend runderneuerten 100-something. Zeitlebens aufgrund des Geburtsjahrs 1967 aber zum Dasein als Digital Immigrant verdammt, muss er seinen Sohn fragen, wenn in der Cloud nichts mehr geht – bis der auch nichts mehr wissen wird. So viel zur „Gruselzukunft“.

Maurer, der seine starken Programme im Jahresrhythmus ins Publikum schießt, offenbar ohne mit der Wimper zucken zu müssen, hat auch diesmal die Lacher auf seiner Seite.

In tiefst Wienerischer Mundart, nie verlegen um das eine oder andere Sch-Wort, legt er höchst intelligent seine Sicht der Dinge dar. Es ist eine Kunst, all die abstrakten „Zukunft“-Ideen in Zugnummern zu verwandeln, und Maurer ist es gelungen. „Was man nicht im Kopf hat, sondern auf dem Handy, muss man nicht im Kopf haben“, sagt er zwar neckisch. Aber man weiß, einer der g’scheit ist, hat das nicht so gemeint.

www.thomasmaurer.at

www.stadtsaal.com

  1. 12. 2017

Schauspielhaus Wien: Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)

November 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hinterlassenschaft ist auch ein Wort für Scheiße

Sophia Löffler und der Chor. Bild: © Matthias Heschl

Thomas Köck ist wieder zu Hause. Künstlerisch zumindest ist das im Schauspielhaus Wien, wo die Diskurstexte des oberösterreichischen Dramatikers aufs perfekteste für die Bühne umgesetzt werden. Diesmal hat Köck erstmals selbst Hand an sein Stück gelegt, gemeinsam mit Elsa-Sophie Jach zeichnet er auch für die Regie von „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ verantwortlich, das am Donnerstagabend in der Porzellangasse zur Uraufführung gebracht wurde.

Köck, ein Meister im Verfassen von poetisch-bedeutungsvoll raunenden Satzkaskaden, befasst sich diesmal mit dem Komplex Schulden/Erben. Ein überreifes Feld, um seine liebsten Problematiken zu beackern, und so mäandern des Autors Gedanken auch diesmal von Weltpolitik zu Weltfinanzkrise zu Weltklimakatastrophe und anderen De-facto-Pleiten wie Donald Trump. Heißt zu dem, was eine gewesene und eine jetzige Generation der zukünftigen mit ins Leben geben werden, eine Hinterlassenschaft aus Miseren und Konflikten, all die Scheiße also, die diese aber nicht länger hin- und annehmen will.

„kann aber nicht sein dass wir uns die hände nicht / schmutzig machen wollen es / wird nicht ohne hässliche bilder gehen es / es wird nicht ohne hässliche bilder gehen kurz / hätt ich was falsches gesagt / kurz / hätt ich mich verplappert / kurz“, steht dazu an einer Stelle über einen feschen, gegelten Sunnyboy, einem „alten Blutbad“ entstiegen, ein Strahlemann als Wiedergänger …

Wohl weil Misere zu Miserere führt, hat Köck seinen Text als Kantate angelegt, als Werk für Solistin und einen Chor. Erstere ist Sophia Löffler in ihrer ersten Rolle nach der Babypause. Die Musik stammt von Bach („Klagt, Kinder, klagt“ natürlich), reicht von Chinawoman, Alive She Died und Roy Orbison bis William Basinski und Max Richter. Köck hat sich für „Die Zukunft reicht uns nicht …“ eine eigene Zeitform erfunden, eine Art „Plusquamfutur“, in der Überlegung, die Sprache verlaufe nicht linear, sondern könne sich wie der Raum krümmen, und ergo alles immer gleichzeitig sein.

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Und so ist Löfflers Figur zunächst eine gewesene alte Frau, eine Seherin, Kassandra (später ein zukünftig reicher Erbe in New York), die wahrsagt, was gewesen sein wird werden. Mit ihr, eigentlich gegen sie, spielt ein 14-köpfiger Chor aus Jugendlichen, und die da gekommen sein werden, wollen sich nicht mehr von Sachlage, Schicksal und „Erbschuld“ verschaukeln lassen. Sie fordern Sophia Löffler, sie animieren sie zum Zwietracht säen. Es wird zum Konflikt gekommen sein müssen.

Jach und Köck lassen das alles auf weißer Bühne verhandeln, Leichensäcke liegen herum, ein Plastikvogel fliegt und stürzt ab, und eine Drohne, die stürzt nicht ab, mehr brauchen die beiden nicht an Ausstattung. Die schlanke Optik tut Köcks Text gut, sie unterstreicht ihn an den aussagestarken Stellen. Bemerkenswert ist, wie präsent der Chor im Geschehen ist, junge Menschen, Mona Abdel Baky, Nils Arztmann, Hanna Donald, Nathan Eckert, Magdalena Frauenberger, Alexander Gerlini, Ljubica Jaksic, Daniel Kisielow, Anna Kubiak, Rhea Kurzemann, Cordula Rieger, Karoline Sachslehner, Gemma Vanuzzi und Juri Zanger, die von der Musik, vom Tanz kommen, nur teilweise Theater-, etliche gar keine Bühnenerfahrung hatten. Mit kalkweißen Gesichtern und Glitzerleggings sind sie wie eine Legion von Verlorenen, eigentlich vermutete man sie in den Säcken, doch mit ihrem langsamen Auftritt ist klar, da kommt was auf uns zu. Präpotenz, Stolz, Provokation steht auf den blutig ernsten Mienen.

Bild: © Matthias Heschl

„ich scrolle gelangweilt durch / schneemangel waldsterben überhitzung desertifikation scrolle / mich erschöpft durch verbrannte erde / scheißhaus übermüllung wohin das auge reicht scrolle / durch plastikinseln in kontinentalem ausmaß scrolle / … durch sinkende rettungsboote scrolle / durch frisch gezogene außengrenzen mythologischen ausmaßes …“, skandieren sie, vier von ihnen, mit den Schriftzügen „Game over“, „No specials“, „Bad liar“ und „Eure Party ist Scheiße“ auf den Rücken ihrer Bomberjacken, stechen dabei aus der Masse heraus. Mit dem Chor entwickelt die Aufführung im doppelten Wortsinn eine ungeheure Wucht.

Noch schmeicheln sie, sehen in der Seherin Schutz und Schirm, eine Mutter, die diese nie hat sein wollen. Kassandra mutiert zu „Ivanka Kassandra on the 68th floor“, beide Seiten spekulieren über Mutter/Vater/Elternmord. Wurde ihr bisher zugesetzt, greift nun sie an. Beschuldigt den Klage-Chor, als die privilegierteste, überfüttertste aller Generationen nur zu schreien und zu jammern, „du mittelstandschor was hast du denn für zukunftssorgen?“. Pickt schließlich einen heraus, „der den halben kuchen ganz alleine kriegt“. So genüsslich humorvoll dieser Hakenschlag, so hart die darin liegende Realität. Laut aktueller Oxfam-Studie besitzen acht Milliardäre mehr als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Es steht derzeit 426 Milliarden US$ zu 409 Milliarden.

Und schon ist auf der Bühne Krieg. Blut wird fließen – sehr effektvoll vom Balkon herunter. In der letzten halben Stunde gewinnt die Inszenierung von Jach und Köck rasant an Fahrt. Und mit ihr vieles von dem, das ohnedies so klar scheint, an neuaufgeladener Bedeutung. Man fühlt sich gemeint und gemein, der eigene ökologische Fußabdruck sich plötzlich wie der eines Riesen an. So macht man das, macht Texte, wie diesen, fürs Theater unverzichtbar. Im Epilog auf seinen Abgesang bietet Köck übrigens einen Ausweg, eine Art Lösung an. „THE FUTURE IS FEMALE“ lautet sein letzter Satz. Wie schön. Dann darf sie aber nicht die May machen.

Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27173

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=8K_Yz8_feIU

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2017

Schauspielhaus Wien: Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach im Gespräch

November 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Erben, Schulden erben und von der Erbschuld

Elsa-Sophie Jach und Thomas Köck in einem Bühnenbild von Stephan Weber. Bild: Oliver Matthias Kratochwill

Morgen wird am Schauspielhaus Wien Thomas Köcks neuer Text „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ uraufgeführt. Köck, einer der derzeit erfolgreichsten jungen Gegenwartsdramatiker, denkt in seiner „postheroischen Schuldenkantate“ über das individuelle und das kollektive Erbe nach. Erstmals führt der Autor, gemeinsam mit Elsa-Sophie Jach, auch Regie. Es treten auf: Sophia Löffler und ein Chor von Jugendlichen. Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach im Gespräch:

MM: „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ heißt Ihr neuester Text, der am Donnerstag am Schauspielhaus Wien zur Uraufführung gebracht wird. Keine Interpretation, sondern eine Inhaltsangabe: Worum geht’s? Um Ihre Themen von Weltfinanzkrise bis Weltklimakatastrophe …

Thomas Köck: Ein kurzes, knappes Ja. Es geht um Schulden, um historische Schulden, die beim Geld anfangen und bei der Natur aufhören, und die die Familien durchwandern. Es geht ums Erben dieser Schulden – als Erbe der vorangegangenen Generation.

MM: Das ist ein sehr katholischer Gedanke: die „Erbschuld“. Ist der auch dem Umstand geschuldet, dass Sie aus dem sehr katholischen Bundesland Oberösterreich stammen?

Köck: Wahrscheinlich liegt mir Schuld auch, es geht im Stück auch viel um Tote, wahrscheinlich ist das mein verdrängter Katholizismus, wie bei jedem oberösterreichischen Autor. (Er lacht.) Mein Grundgedanke beim Schreiben des Textes war, von der Generation aus zu denken, die jetzt gerade wachsen wird, die jetzt aus der Pubertät rauskommt, und welche Welt die erben wird. Man lebt ja jetzt schon in den Schulden, die die einmal kriegen werden, siehe Brexit und der Generationen-Gap, den es in den Wahlumfragen gab. Politik wird von komischen, alten, weißen Herren gemacht, und die Generation, die die Welt ausbaden muss, die die nun erfinden, wird nicht gefragt oder überstimmt, und hat keine Optionen. Sie muss diese Welt so oder so annehmen. In dem Sinne meinen wir Schuld.

MM: Erzählen Sie wieder durch verschiedene Linsen und auf verschiedenen Zeitebenen?

Köck: Wir bewegen uns von der Antike bis weit in die Zukunft, wo keine Menschen mehr auf dem Planeten sein werden, aber man wird dem sehr einfach folgen können.

Elsa-Sophie Jach: Es geht auch um die Möglichkeit eines utopischen anderen Zeitverständnisses, nämlich eines, das davon ausgeht, dass die Zeit physikalisch gesehen begehbar sein müsste wie ein Raum, um das Stück zu zitieren.

MM: Also Stephen Hawking?

Jach: Ja.

Köck: Aber wir gehen davon aus, dass die grammatikalischen Regeln unserer Sprache das nicht zulassen. Wir können mit unserer Sprache, die Gleichzeitigkeit, die die Physik annimmt, nicht beschreiben.

MM: Das heißt, wir müssten in jeder Bedeutung des Wortes eine neue Zeit erfinden.

Köck: Genau, ein Plusquampräsensfutur.20.

MM: Ihre Texte sind immer Welttheater. Es geht um alles. Wenn Sie schreiben, denken Sie sich Think big?

Köck: Noch ein Zitat aus dem Stück, das allerdings ein O-Ton ist. Nein, es ist witzigerweise immer so, dass ich mir am Anfang immer Stille im Raum vorstelle. Und darin Raum für die großen Fragen: Was heißt Zeit? Was heißt Geschichte? Was heißt Leben? Ich fange also immer mit der maximalen Ruhe an, und denke mir, du machst was Kleines, Minimales über Menschen, die sich unterhalten und so. Es passiert dann immer wieder, dass sich die Dinge verselbstständigen, ich setze mich aber auf keinen Fall hin und denke Think big. Ich sehe beim Schreiben plötzlich einen großen Sehnsuchtsraum vor mir, das, was Theater im Idealfall sein kann für zwei Stunden. Das ist das Schöne an einem Theaterraum, dass er mit einfachen Mitteln, mit Licht einfach alles sein kann. Ich ritze nur Buchstaben auf Papier, die dann am Theater große Fantasien und Utopien anschieben.

MM: Sie knüpfen für den Zuschauer girlandenartige Assoziationsketten. Sie wollen sich selber nicht interpretieren und erklären, aber wenn man Texte wie die Ihren schreibt, gibt man doch gleichsam automatisch eine Message mit?

Köck: Die Message ist nach verschiedenen Richtungen offen. Es gibt nicht eine klare, lesbare Deutung, die ich vorgebe. Ich versuche immer mit Regisseuren zu reden, die noch zu verwirren und anzustacheln und sie andere Ebenen einschieben zu lassen, als ich selbst erkenne. Die Interpretation meines Stoffs ist mir also sehr wichtig, aber sie soll nicht von mir kommen, sondern von den Menschen, die sich damit beschäftigen. Von der Regie bis zum Publikum.

MM: Sie nennen diesen Text nun eine Kantate. Folgen Sie dem auch formal – mit Rezitativ, Arie und Chorsatz?

Köck: Mittlerweile kann ich das bejahen.

Jach: Es gibt Arien- und Mehrstimmigkeit, und es wird Musik geben, auch Bach. Thomas Texte sind wie Sedimente und wir arbeiten uns von Schicht zu Schicht zu Schicht und schauen, wo sind die Ablagerungen. Wir waren während der Proben auch im Naturhistorischen Museum und im mumok in „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“. Und haben da viel fürs Stück mitgenommen. Fragen wie, was ist Welt „geworden“ durch Kultur oder Wirtschaft und was ist „natürlich“. Das sind Dinge, die auch im Text vorkommen.

Köck: Denn der Mensch greift in die Natur und beschreibt sie …

MM: Und was er nicht beschreibt, existiert nicht?

Köck: Genau. Die Sprache macht die Dinge. Das ist ein Gedanke der Aufklärung.

MM: Sie führen mit Frau Jach gemeinsam Regie. Für Sie ist das das erste Mal, ein Wunsch, entstanden aus einer gewesenen Enttäuschung oder in der Hoffnung auf zukünftige Entwicklung?

Köck: Die Lust am Probieren, die treibt mich auch beim Schreiben an. Ich habe ja auch bei „Strotter“ mit Tomas Schweigen zusammengearbeitet, das interessiert mich am Theater: Zusammenzuarbeiten. Ich versuche Theater als Gesamtheit zu begreifen. Wobei wir nicht reine Regie gemacht haben, sondern mit dem Chor auch Basic Training, wie Körperhaltung und Stimmbildung. Wobei es sicherlich ein Unterschied ist, einen Klassiker zu inszenieren, mit Sekundärliteratur und der Suche nach neuen Textstellen, als einen eigenen Text, bei dem ich uns der größtmöglichen Freiheit und den größtmöglichen Wahnsinn hingeben möchte. Das ist eine Gratwanderung.

MM: Aber ist das nicht eine Schizophrenie? Sie sind ein Autor, der in seinen Texten nie Anweisungen, Erläuterungen gibt, Vorschläge macht, nun müssen Sie’s als Regisseur?

Köck: Ich habe mich verflucht dafür. Das war wirklich so das Ding, dass ich bei diesem Text erstmals angefangen habe, Regieanweisungen zu schreiben, um mir klarzuwerden, welchen Raum ich da öffne und betrete. Es war jedenfalls eine ganz schöne Arbeit.

MM: Wie geht der Autor Köck mit dem Regisseur Köck um? Wie stehen die Mutterinstinkte gegenüber dem Text zu seiner Entjungferung durch die Inszenierung?

Jach: Ich fand, dass er ziemlich hart mit seinem eigenen Text war. Auf eine gute Art und Weise. Wie viel wir gestrichen haben, umgestellt, Szenen rausgenommen, Handlungsstränge rausgenommen, das muss man erst einmal aushalten. Thomas hat auf den Proben auch noch viel entwickelt und war an sehr vielen Stellen bereit, umzuschmeißen, neuzudenken. Eigentlich ist er radikaler mit dem Text umgegangen, als man am Anfang gedacht hätte.

MM: Es ist also von Vorteil, wenn man vom Schreibtisch wegkommt, und direkt an der Materie arbeitet?

Köck: Yes and no. Es gibt Texte, die ich gerne für mich entwickle, denen ich gerne auf Papier Form gebe, „paradies fluten“ beispielsweise. Das würde ich nie inszenieren wollen, sondern den Text herführen und verdichten. Bei „paradies fluten“ ist der Text schon dicht, da kann man sich als Regie daran reiben, und überlegen und suchen und sich bedienen an den Bildern. Dieser Text aber ist offen und in gewisser Weise „unfertig“, da macht es Spaß, mit den Kids zu quatschen und gemeinsam noch daran zu arbeiten.

MM: Sie haben die „Kids“ nun schon angesprochen. Es gibt einen Chor von Jugendlichen. Wie haben Sie die gecastet?

Jach: Wir haben mehrere Aufrufe und Castings gemacht. Wir haben auf unterschiedlichsten Wegen gesucht, weil wir nicht nur Leute mit Theatererfahrung wollten, sondern auch welche, die von der Musik oder vom Tanz kommen oder noch nie auf einer Bühne standen. Unser Chor besteht jetzt aus Jugendlichen von 15 bis 19 Jahren, eine ziemlich coole Gruppe. Die sich von 15 auf 14 reduziert hat, weil eine schon am Max-Reinhardt-Seminar aufgenommen wurde. Die Probenzeit war sehr intensiv, die Kids mussten viel Zeit investieren, drei, vier Mal die Woche Probe während der Schulzeit. Wir haben auch viel über das Thema gesprochen, haben zu den ersten Proben Texte von Maurizio Lazzarato, einem linken italienischen Philosophen, mitgebracht, der „Die Fabrik des verschuldeten Menschen“ geschrieben hat, wahnsinnig kompliziert, und es war schön, wie wir uns da durchdiskutiert haben. Auch durch Julia Friedrichs „Wir Erben“, die sehr genau aufarbeitet, dass nun die größte wirtschaftliche Erbmasse der Geschichte ansteht, die eine Generation an die nächste weitergibt.

MM: Kam da Input? Von den Betroffenen?

Jach: Auf jeden Fall! Sehr viel von den Gedanken ist auch in den Text gekommen. Friedrichs These ist tatsächlich, dass wir uns von einer Leistungs- zu einer Erbengesellschaft weiterbewegen, dass der Gedanke „wenn wir uns anstrengen, werden wir’s schaffen und aufsteigen“ eine Illusion ist, und dass Dynastien das Sagen übernehmen werden.

MM: Sophia Löffler kommt für eine Rolle aus der Babypause zurück.

Jach: Und das freut mich sehr, weil wir uns schon vom Staatsschauspiel Dresden kennen, seit mehr als sieben Jahren also. Damals war ich noch Regieassistentin und sie Schauspielstudentin. Sie wird die Protagonistin zum Chor sein.

Köck: Sie spricht über ein antikes Erbe und über ein futuristisches Erbe.

Jach: Wir haben Aspekte einer reichen Erbin in New York, und von der Anlage her spielt auch die antike Seherin Kassandra eine große Rolle, die unter einem Fluch steht, der ja in der Antike meist mehrere Generationen trifft und damit auch ein Erbe ist. Sie sieht, weil sie die Zukunft sieht, schon das Erbe. Eigentlich starten wir mit einer klassisch-antiken Situation: Kassandra und der Chor vor dem Palast, daraus entwickelt sich alles. Und all diese „verfluchten“ Frauen in einer verkörpert Sophia. Sie ist wirklich toll! Es ist ein Abend, an dem sie sehr viel zu tun hat, und wir ihr gerne dabei zuschauen.

MM: Wie steht es um Ihrer beider „Erbe“?

Köck: Jetzt sind wir bei den Erb-Massen. Ich gucke immer gern in die Richtung: was wird gewesen sein. Man ahnt ja jetzt schon, was man mal kriegen wird – im globalen Zusammenhang natürlich. Eines, das man nicht nicht erben kann, ist die Sprache, in die man wirklich hineingeworfen wird. Und damit erbt man die gesamte Struktur des Denkens. Das ist etwas, das mich interessiert:  Welche Denkregeln gibt einem die grammatikalische Struktur der Sprache vor? Kann man sich darüber hinwegsetzen? Das ist ein „Erbe“, das mich beschäftigt.

MM: Man erbt also Muttersprache. Erbt man auch Vaterland?

Köck: Dem versuche ich zu entgehen.

Jach: Ich würde gerne mit einem Zitat aus dem Stück antworten: „Europa Blut und Boden, tausend Jahre Männerkult“. Das finde ich auf jeden Fall ein Erbe, mit dem man viel zu kämpfen hat, das aber Gottseidank eines ist, das man auch verändern kann. Das ist ein Erbe, das man ungern mitnimmt, mit dem man lernen muss, umzugehen. Die letzte Regieanweisung in Thomas‘ Stück ist zum Glück: The Future is female. Damit hört es auf.

Die Rezension „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, Klagt!)“: www.mottingers-meinung.at/?p=27228

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=8K_Yz8_feIU

www.schauspielhaus.at

8. 11. 2017