Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens

Juni 4, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein gewagtes Porträt des ewigen Revolutionärs

Jean Ziegler im Porträt: Regisseur Wadimoff würdigt den ewigen Revolutionär in einem sensiblen, schelmischen, aber auch kompromisslosen Film. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Zu Anfang zeigt Jean Ziegler Fotos von Noma, nein, nicht das dänische Luxusrestaurant, sondern die bakterielle, durch Unterernährung beförderte Erkrankung, die halbe Gesichter wegfrisst. Es sind Bilder von Kindern, und mit Sätzen, wie „Ein Kind, das durch Hunger stirbt, ist ein ermordetes Kind“, ist der 1934 geborene Schweizer, einer der renommiertesten Kapitalismuskritiker, zur Leitfigur der Antiglobal- isierungsbewegung geworden.

Regisseur Nicolas Wadimoff widmet ihm nun ein Porträt, „Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens“, das derzeit in den heimischen Kinos läuft, und es ist ein sensibler, schelmischer, aber auch kompromissloser Film geworden. Keine Biografie. Wadimoff gelingt eine Würdigung des ewigen Revolutionärs, nicht ohne dessen Dogmatismus zu hinterfragen. Der Film ist von einer kritischen Empathie.

Das liegt daran, dass der Dokumentarfilmer den Kämpfer für eine gerechtere Welt auch nach Kuba begleitet. Anfang der 1960er-Jahre begegnete der junge Ziegler dem damals schon legendären Che Guevara auf einer internationalen Konferenz in Genf. Er wird quasi sein „Chauffeur“, und die langen Gespräche, die die beiden Männer im Auto führen, begeistern Ziegler so, dass er mit ihm aufbrechen will. Doch Che überzeugt ihn „an seinem Platz“ in Europa zu bleiben, um von hier gegen den „Kopf des kapitalistischen Monsters“ zu agieren. Ein Versprechen, das Ziegler tatsächlich bis heute nicht gebrochen hat. Jeder muss kämpfen, wo die Geburt ihn hingestellt hat, sagt er und dann spricht er vom „Glück der Geburt“.

Jean Ziegler während seines Aufenthalts in Havanna vor einem Wandgemälde des chilenischen Malers José Venturelli im Hotel Habana Libre. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Als Hauptredner bei der Münchner Großdemonstration gegen den G7-Gipfel auf Schloss Elmau. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Nun endlich ist er in Kuba, und man merkt: Er ist am fidelen Auge schwer kurzsichtig. Wie er die Errungenschaften (?) des Castro-Kommunismus lobt – einmal bei einer Autofahrt durch die nächtliche Finsternis, in Kuba gibt es so gut wie keine Straßenbeleuchtung -, das treibt sogar seine Frau Erica Deubner auf die Palme. Da wird sich dann gekabbelt, liebevoll versteht sich, denn was der Film auch zeigt, ist eine große Liebe und Gemeinschaft zweier älterer Leute, aber Ziegler lässt sowieso keinen Widerspruch zu. Und als er die freie Meinungsäußerung und die Pressefreiheit relativiert, kommt’s richtig zum Streit mit seinem ehemaligen Studenten Wadimoff.

Dafür lässt er die Kamera erstaunlich dicht an sich heran. Man sieht ihn in seinem Arbeitszimmer, in dem natürlich ein Foto vom Che hängt, daneben die Welthungerkarte. Man sieht ihn bei seinen Triumphen, aber auch bei seinen Niederlagen. Einmal, als ihm, dem Mitglied im Beratenden Ausschuss des UN- Menschenrechtsrates, ein Antrag abgelehnt wird.

Ihm aber nicht, wie er dachte, die Vereinigte Staaten in den Rücken gefallen sind, sondern ausgerechnet ein afrikanischer Staat. Da ist er den Tränen nahe, und schimpft über die Dummheit, „die systemische Feigheit“ der US-Vasallen. Ziegler schwebt irgendwie immer zwischen Zorn und Hoffnung. Leere Kilometer macht er viele. Das geht an die Substanz. Die Kamera kommt auch mit, als er für ein paar Tage ins Krankenhaus muss.

Der Kampf, den Ziegler derzeit ausficht, ist der „gegen den internationalen Wirtschaftsterrorismus“, sogenannte Geierfonds. Die kaufen Schulden problembeladener, zahlungsunfähiger Staaten, und treiben diese dann nach Anklage bei der Weltbank ein. Was das für diese Länder bedeutet, kann man sich vorstellen. Ziegler erklärt es so: Wenn ein armes Land einen Ernteüberschuss für ein schlechtes Jahr erwirtschaften konnte, wird es dadurch gezwungen, den Mais oder Weizen auf den Weltmarkt zu werfen. Kommt dann tatsächlich ein schlechtes Jahr – Hungerkatastrophe.

„Che schaut mir jeden Tag über die Schulter, und schaut, ob ich meinen Verpflichtungen treu bleibe, oder nicht,“ sagt Ziegler. Und Wadimoff zeigt, er kann nicht nur diplomatisches Parkett, er kann auch „Straßenkampf“. Vor jugendlicher Energie sprüht er als Hauptredner bei der Münchner Großdemonstration gegen den G7-Gipfel auf Schloss Elmau.

Mit seiner Frau Erica Deubner Ziegler auf Kuba. Bild: © Thimfilm / Dreampixies

Was es mit dem „Optimismus des Willens“ auf sich hat? Ziegler nennt zwei Gründe dafür: zum einen das Erstarken der Zivilgesellschaft, Stichwort: Willkommenskultur in der Flüchtlingskrise, zum anderen glaubt Ziegler an eine Reform der UNO, an eine Aufhebung des lähmenden Vetorechts im Sicherheitsrat, das 2006 schon der damalige Generalsekretär Kofi Annan forderte.

Dass „der Aufstand des Gewissens“, wie er es nennt, erfolgreich sein kann, daran glaubt er fest. Daran muss er glauben. Helfen, hofft er, kann auch dieses filmische Porträt: „Meine Glaubwürdigkeit ist die einzige Möglichkeit, die ich als Autor und UN-Sonderberichterstatter habe. Die kann durch ein negatives Bild im Film zerstört werden. Aber ich habe Wadimoff vertraut und habe es nie bereut, ihn gemacht zu haben. Dieser Film kann eine wichtige Unterstützung bei meinen Ideen sein.“

BUCHTIPP: C. Bertelsmann Verlag, Jean Ziegler: „Der schmale Grat der Hoffnung. Meine gewonnenen und verlorenen Kämpfe, und die, die wir gemeinsam gewinnen werden“, Sachbuch, 320 Seiten.

www.jeanziegler-film.com

Wien, 4. 6. 2017

Last Shelter

November 24, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Seele ist ein kaltes Land

Last Shelter Bild: © Stadtkino Filmverleih

Last Shelter
Bild: © Stadtkino Filmverleih

Ein Mann und eine Frau sind auf der Flucht. Ein Land ist von einer fremden politischen Macht besetzt, die gegen religiöse Fanatiker Krieg führt; Leben werden bedroht. Es ist bald Weihnachten, doch das wissen die beiden jetzt noch nicht. Sie suchen eine Herberge, aber niemand will ihnen Unterschlupf geben, denn Maria ist schwanger … Entschuldigung, die falsche Geschichte, zu viel Adventkranz inhaliert … 2012, im Dezember, da war das ganz anders. Da waren die Flüchtlinge in der Votivkirche ausschließlich Männer, also, diese gefährlichen allein reisenden. Waren weder devot noch dankbar, sondern forderten ihr Recht auf Mitmenschlichkeit ein. Ihr Recht?! Seit wann hat ein …? Hat denen eigentlich jemand auf gut Deutsch etwas über Werte erzählt? Etwas von Recht auf Leben, Recht auf Freiheit und Sicherheit, und welchen Wert die Würde eines Menschen hat?

In der Votivkirche ist es dunkel. Links riesige Glasbilder, auf denen sich die Habsburger heldenhaft von den Türken abschlachten lassen, links der NS-Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter, in der Mitte geht Jesus mit KZ-Häftlingen auf ihrem Leidensweg. In der Mitte ist ein Matratzenlager. 63 Flüchtlinge haben sich darauf versammelt. Sie haben Österreich erreicht und wollen nun bleiben. Wazir singt ein pashtunisches Lied, es klingt wie ein Gebet. „Nach unendlich langer Zeit fern der Heimat / bekam ich einen Brief / ich bekam einen Brief aus meiner Heimat.“

Filmemacher Gerald Igor Hauzenberger befasst sich nach seiner kafkaesken Tierschützerdoku „Der Prozess“ erneut mit den Untiefen der heimischen Innenpolitik. „Last Shelter“ kommt am 27. November in die Kinos. Drei Jahre begleitete er die jungen Afghanen und Pakistani des „Votivkirchenstreiks“. Entstanden ist so ein zeitloser Film, ein brisantes Dokument über komplexe gesellschaftliche Verstrickungen und die allgemeine Überforderung bei der Suche nach adäquaten Lösungen. Lösungen sind meist eilig gefunden. In Schnellverfahren haben die Flüchtlinge negative Asylbescheide erhalten, obwohl sie unter denkbar prekären Bedingungen geflüchtet sind: Das Abbrennen von Schulen und Kopfabschneiden durch selbsternannte Gutgläubige haben sie miterlebt, Familienmitglieder sind ermordet worden. Bei Null Grad harren die Flüchtlinge monatelang und phasenweise im Hungerstreik aus. In ihrer letzten Zuflucht. Trotz öffentlicher Proteste werden einige von ihnen abgeschoben. Die Seele ist ein kaltes Land.

„Es war reiner Zufall, der mich in die Votivkirche geführt hat“, erzählt Hauzenberger. „Es hieß, dass die Kirche geräumt wird. Die Flüchtlinge starteten daraufhin einen Aufruf des ,solidarischen Schlafens‘: Man sollte bei ungefähr 4° Celsius eine Nacht in der Kirche bleiben. So sollte ein Polizeieinsatz verhindert werden und unter denen, die mitgemacht haben, waren Susanne Scholl, Marina Grzinic oder Elias Bierdel. Als ich eine Nacht drin war, haben die Refugees gefragt, wer ich bin.“ Hauzenberger, damals gerade für den Österreichischen Filmpreis nominiert, erklärte, und die Männer sagten: „Wenn du das nächste Mal kommst, bring‘ deine Kamera mit.“
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Es entstand ein Dialog. Mit dem ehemaligen Oppositionspolitiker Adalat, der unfassbar sachlich über Blutbäder berichten kann. Mit Jean Ziegler und Christoph Schönborn. „Mustafa, der vorher Fotograf war, gaben wir eine kleine Kamera und baten ihn, mitzufilmen.“ – „Ausgerechnet zu Weihnachten!“, wird eine der prominentesten Stimmen im Film rufen. „When we were putting our mattresses here, we got some worst sayings from the priest. He said: You are Muslims, why are you not going inside your mosque? Why you come inside the church?“ Gott ist so groß, wie die Menschen ihn sein lassen.
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Über allem schwebt ein drohender Orgelklang. Andauernd, überdauernd. Ein Mann wird festgenommen, weil er keine Aufenthaltserlaubnis hat. Er kommt in Schubhaft. Widerstand gegen die Staatsgewalt. Schönborn sagt den Hungerstreikenden: „We cannot assume the responsibility that some of you die here. Then I go to prison“. Eine Stimme, ein Verrückter oder ein Weiser, antwortet: „Then better that we all go on the road and then we die all together.“ Die Polizei, die Behörden schweigen in diesem Film. Sie haben keine Worte wie diese, die mit der Poesie eines Faustschlags treffen.  Einmal sprechen die Offiziellen von der „Kenntnis“, die alle über alles hätten. Die Votivkirche wird umzingelt …
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Zum Ende führt der Film bis zur ungarischen Grenze, wo 2015 an trennenden Zäunen gearbeitet wird. Die Beschränkung baut sich ihre Schranken selbst. Hauzenberges Film scheint teilweise von den Schrecken dieser Tage überholt und ist doch ein wichtiger Prolog zum aktuellen Geschehen. Noch nach dem Abspann laufen die Bilder weiter. Menschen wandern Richtung einer sich für sie zunehmend verdüsternden Zukunft. In seinen Augen, sagt Hauzenberger, sei das große Problem, dass Haltung in der Politik sich von positiven Umfragewerten und Boulevardmedien abhängig mache. „Wie der Bürgermeister von Traiskirchen, Andreas Babler, sagt: Es ist eine Schande für die Demokratie, dass auf dem Rücken von Flüchtlingen Alltagspolitik gemacht wird. Und ich hoffe, dass sich das jetzt bessert.“ Hat da nicht kürzlich jemand etwas über unsere Werte erzählt?
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Wien, 24. 11. 2015