Theater zum Fürchten: Der Preispokal

Juni 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt

Der Fußballclub von Avondale hat den Preispokal gewonnen: Carina Thesak, Philipp Schmidsberger, Bernie Feit, Jasmin Reif, Ivana Stojkovic, Jakob Oberschlick und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Dependance, der Scala, Seán O’Caseys „Der Preispokal“. 1927 ist dieses Stück über die Menschenvernichtungs- maschine Erster Weltkrieg entstanden, vom Autor selbst als Tragikomödie bezeichnet, was insofern richtig ist, als O’Casey in liebevollen Details die Schrulligkeiten der Bewohner der kleinen irischen Ortschaft Avondale ausstellt. Hinter dieser humorigen Seite allerdings ist das Antikriegsvolksstück gnadenlos.

Und TzF-Prinzipal und Regisseur Bruno Max trägt dem Rechnung. Seine Inszenierung, passend zum Gedenkjahr 2018, ist dergestalt, dass einem immer wieder das Lachen im Hals stecken bleibt. Eben noch feierte „Avondale United“ die Erringung des eben titelgebenden Preispokals, es wird gesungen, gesoffen, schwadroniert, da müssen die Fußballhelden auch schon zurück an die Front in Frankreich. Von der nicht alle unversehrt heimkommen. Harry Heegan, der Goalgetter, sitzt nun im Rollstuhl, Teddy Foran, ein brutaler Kerl, der seine Frau prügelte, ist erblindet. Aber das Leben geht weiter. Zumindest für die Gesundgebliebenen. Es gibt neue Matadore und neue Techtelmechtel, es entsteht eine neue Welt, in der für Harry und Teddy, weil sich kein anderer ihre Erlebnisse auch nur vorstellen kann, kein Platz mehr zu sein scheint …

In den realistischen Räumen – großartig etwa die alten irischen Kriegsplakate – von Sam Madwar hat Bruno Max sein Ensemble zu expressionistischem Spiel angehalten. Er macht aus O’Caseys fein ziselierten Figuren Charaktere aus Fleisch und Blut. Da kippt Jakob Oberschlick als Harry gekonnt vom gefeierten Triumphator in die abgrundtiefe Verzweiflung eines Mannes ohne Zukunft. Da kommentieren die fürs Komödiantische zuständigen Rüdiger Hentzschel und Bernie Feit als Harrys Vater und Nachbar Simon die Geschehnisse mit trockenem Humor und einer Portion Sarkasmus.

Harry ist nach dem Krieg gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen: Bernie Feit, Carina Thesak und Jakob Oberschlick. Bild: Bettina Frenzel

Régis Mainka ist als Teddy Foran, wie schon in „Der Gute Mensch von Sezuan“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27711), der Mann fürs Grobe, Leopold Selinger brilliert als schmierig-gutgelaunter Oberarzt Dr. Forby und Valentin Frantsits gibt als nur leicht verletzter Barney den guten Kerl, den seine Liebesangelegenheiten aufs Gewissen drücken. Denn, wenn man so will, sind im „Preispokal“ die Frauen die Sieger, so wie’s tatsächlich war:

Die historischen Gewinnerinnen des Untergangs einer ganzen Generation von Männern. Und so emanzipiert sich Carina Thesak als enervierend bigottes Mauerblümchen Suzie Monahan zur resoluten Krankenschwester, die sich Dr. Forby als Liebhaber angelt. Teresa Renner wird als Mrs. Foran durch Teddys Blindheit von der häuslichen Gewalt befreit und dessen strenge Kommandeurin und Pflegerin. Und dann ist da noch Jasmin Reif als Jessie Taite, Harrys Freundin, die sich vom „Rollstuhl-Krüppel“ ab- und Barney zuwendet, während Harrys Mutter, Angelika Auer, einzige Sorge ist, dass er nichts tut, was seine Kriegsrente beschädigt. Für Zündstoff ist also gesorgt. Dass O’Caseys Stück über den lieben und den Fußballgott vor 90 Jahren für Skandal sorgte, als anti-irisch und anti-katholisch verdammt wurde, das macht die TzF-Aufführung mehr als klar.

Heute erschüttern nicht nur die zwischen den Akten gezeigten, eindrücklichen  Bilder und Videos, für die ebenfalls Sam Madwar verantwortlich zeichnet und die das Massaker in den Schützengräben zeigen, sondern auch ein Kunstgriff von Bruno Max: Er hat für den einst ausgedehnten zweiten Akt, der in Form einer Litanei den Krieg abstrakt wiedergab, mit Zeynep Buyraç eine Choreografie erdacht, die den Sprung vom Fußball über den Drill bis zur Schlacht näherbringen soll. Am Ende schließlich begeben sich die Frauen mit Skeletten zum Totentanz, auch das ein starker Moment.

Die Versehrten passen nicht mehr in die Gesellschaft: Régis Mainka, Bernie Feit, Teresa Renner, Emre Dogan, Ivana Stojkovic, Jasmin Reif, Angelika Auer, Jakob Oberschlick, Carina Thesak und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Die Darbietung in der Scala macht eine Wahrheit deutlich, die dieser Tage erneut zutrifft: Das Elend von Kriegsopfern wird erst am Schicksal einzelner so richtig deutlich. In diesem Sinne geht „Der Preispokal“ auch heute noch etwas an. Ein so poetisches wie brutales Stück, ein absolut sehenswerter Abend.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 6. 2018

Werk X: Onkel Toms Hütte

April 19, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von wegen Ende der Sklaverei

Die Sklaventreiber und die Safaritouristen: Zeynep Buyraç, Sören Kneidl, Wojo van Brouwer und Tom Feichtinger. Bild: © Sandra Keplinger

Die Überforderung ist Programm. Zu groß die Schweinerei, um sie allumfassend darzustellen, zu unglaublich, was Menschen Menschen antun, um zu glauben, man könne begreifen. Ergo, möchte man meinen, lässt Harald Posch Teile seiner Auseinandersetzung mit den Themen Sklaverei und Ausbeutung in Schnellsprech und Staubsaugerlärm untergehen. Das ist schade, weil man durchs Getöse ahnt, dass da auf der Spielfläche Wichtiges verhandelt wird.

Doch es geht Posch ums Globale. In jeder Hinsicht. Kein T-Shirt-Kauf, mit dem man sich nicht mitschuldig macht, kaum ein Supermarktartikel, der einen nicht als Mittäter am System ausweist. Etwa 30 Millionen Menschen weltweit fristen im Jahr 2018 ein Leben als Sklavinnen und Sklaven in moderner Schuldknechtschaft. Etwa 200 Millionen Menschen sollen akut von Sklaverei-ähnlichen Ausbeutungsverhältnissen bedroht sein. So zitiert der Programmzettel den US-Soziologen Kevin Bales. Hier setzt Posch an. Auf der Folie von Harriet Beecher Stowes „Onkel Toms Hütte“ gestaltet er seinen Abend über Unterjochung, Rassismus und die Position derer, die sich bis heute als „Herrenmenschen“ verstehen.

Dabei wird sowohl agiert als auch agitiert. Wenige Spielszenen wechseln mit aufklärerisch Aufgesagtem, Episoden aus dem Roman werden erzählt. Nur eingangs dürfen Sören Kneidl und Wojo van Brouwer als Shelby und Slavenhändler Onkel Toms ersten Verkauf szenisch gestalten. Was danach geschieht – St. Claire, Legree – erahnt man mehr, als man es versteht. Parallel kommen kurz Eliza und Sohn Harry vor, Onkel Toms Ende wird nur noch mit drei auf Pappkartons geschriebenen Sätzen verkündet. In Lincoln-Land wird das Werk mittlerweile kontrovers rezipiert. Black Power passt nicht zu Onkel Tom.

Alltagsrassismen allüberall: Katharina Knap meets Walt Disney. Bild: © Sandra Keplinger

Nach dem Blackfacing wieder „weißgewaschen“: Zeynep Buyraç und Tom Feichtinger. Bild: © Marko Lipuš

Posch weiß auch darauf hinzuweisen. Einem Blackfacing stellt er ein „Whitefacing“ gegenüber, das geschwärzte Gesicht wird geschockt schnell wieder „weißgewaschen“. Dann wiederum diskutieren Zeynep Buyraç und Katharina Knap die Tatsache, dass kein Schwarzer an der Aufführung teilnimmt. „Was sollte der spielen? Einen Sklaven?“ In solchen und anderen Momenten kippt die Inszenierung vom Irritierenden ins Ironische. Harald Posch hat ein Händchen für derlei Wechselbäder.

Während Tom Feichtinger den xenophoben österreichischen Sextouristen gibt, schildert Knap das Schicksal einer Sexsklavin in Österreich. Es geht um Lohnsklaven für Billigtextilien in Bangladesch oder Arbeitssklaven in brasilianischen Ziegeleien, Safarijäger und Schlepper, und wie die unappetitlichen Angelegenheiten seit 1852 aus dem unmittelbaren Blickfeld in die sogenannte „Dritte Welt“ verschoben wurden. Ein Zebra wird ausgeweidet, Tarzan, Baströckchen und Banane berichten vom Outsourcing einer Wegwerfgesellschaft, in der auch der Mensch rasch Müll wird.

In einer der bestechendsten Szenen singen die Schauspieler ernsthaft naiv 50 Cents „Candy Shop“ in deutscher Übersetzung. Ein weiteres Bild, eine weitere Bespiegelung. „Onkel Toms Hütte“ im Werk X ist voll davon. Mehr als man auf einmal fassen kann. Nicht immer kennt man sich aus, nicht jeder gezogene Schluss erschließt sich einem. Manchmal wünscht man, man könnte ein Stück zurückspulen und noch einmal hören und sehen. Nachzudenken gibt es jedenfalls eine Menge.

werk-x.at/

  1. 4. 2018

Landestheater NÖ: Mit „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ gelingt ein fulminanter Neuanfang

September 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Würfelspiel von den sehnsüchtigen Herzen

Maria Petrova, Klemens Lendl, Johannes Silberschneider, Helmut Wiesinger und Lukas Spisser. Bild: Alexi Pelekanos

Bai Dan zeigt, wie man seine Lebenswürfel selbst in die Hand nimmt: Johannes Silberschneider (M.) mit Maria Petrova, Klemens Lendl, Helmut Wiesinger und Lukas Spisser. Bild: Alexi Pelekanos

Mit einer solchen Arbeit beginnt man eine Intendanz. Marie Rötzer zeigt zum Amtsantritt am Landestheater Niederösterreich „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ nach dem Roman von Ilija Trojanow, und zeigt damit erstmals, was sie im Gespräch mit mottingers-meinung.at als ihre künstlerische Handschrift angekündigt hatte. Sie zeigt, dass die Teilnahme eines Theaters am politischen Diskurs dieser Tage nicht den Verzicht auf Poesie bedeuten muss. Und schon gar nicht die Weglassung von Humor.

Der diesmal ein fein melancholischer und dabei um nichts weniger ein subtil anarchischer ist. Der Regisseur, der dies alles in eine Form gegossen hat, ist Sandy Lopičić. Er macht aus Trojanows Buch ein Schelmenstück, ein Spiel von sehnsüchtigen Herzen. Seine Figuren sind Suchende, und was sie am Ende gefunden haben werden, ist die Menschlichkeit. Denn wenn Protagonist Johannes Silberschneider anfangs als Erzähler in der Proszeniumsloge sagt: „Das Herz ist manchmal ein Totem, manchmal ein Paragraf“, dann hat sich Lopičić für die Darstellung ersteres entschieden. Bei ihm sind die Menschen gut, daran will er glauben.

Trojanow hat 1996 die Geschichte seiner Familie und die Flucht seiner Eltern von Bulgarien in den gar nicht so goldenen Westen als modernes Märchen niedergeschrieben: Während Alexandar im Kommunismus des Todor Schiwkow wohlbehütet aufwächst, wächst seinem Vater das politische System der Fremdbestimmung und Überwachung zum Hals raus. Voller Hoffnung wagt er mit Frau und Kind die Flucht aus der Diktatur in ein vermeintlich besseres Leben. Doch Emigration, das bedeutet immer auch Einsamkeit, Isolation und Ausgrenzung. Und im Flüchtlingslager erneutes Fremdbestimmtsein. Alexandar fällt in Depression, Oblomowitis nennt es Trojanow. Da erscheint sein Taufpate Bai Dan, ein Magier, ein Meister im Würfelspiel und ein großer Geschichtenerzähler. Er hat gespürt, dass mit seinem Schützling etwas nicht stimmt – und nun nimmt er ihn mit auf eine Reise zu sich selbst …

Lopičić hat aus diesem überbordenden Konvolut einzelne Episoden extrahiert. Er hat als Essenz seiner Inszenierung das Thema Flucht destilliert. Folgerichtig ist ein Zwischenspiel in einer Flüchtlingsunterkunft das Herzstück seiner Aufführung. Die Flüchtlinge sind ob der schlechten Unterbringung in einen Hungerstreik getreten, dafür gibt’s Schelte von einem Striezel essenden UNHCR-Mitarbeiter. Man möge doch mit derlei Aktionen den Frieden nicht stören. Frieden? Des Bürgers Ruf nach seinem Recht auf Sicherheit und Beständigkeit im Leben ist immer durch solche bedroht, die ein Beispiel für dessen Unbeständigkeit und Unsicherheit sind. Tim Breyvogel als durchgeknallter DJ von „Radio Asyl“ und „Strotter“ Klemens Lendl gestalten diese Szene als kabarettistisches Kabinettstück. Wie sie Witz und Wirklichkeit an den Händen nehmen und kräftig Willkommen schütteln, ist sozusagen Synonym für den Abend.

Stanislaus Dick und Johannes Silberschneider. Bild: Alexi Pelekanos

Während Alexandar, Stanislaus Dick mit Silberschneider, in der Fremde nicht mehr aus dem Bett kommt … Bild: Alexi Pelekanos

Lukas Spisser, Zeyneb Bozbay, Tim Breyvogel und Klemens Lendl. Bild: Alexi Pelekanos

… beplaudert daheim der Stammtisch sein Schicksal: Lukas Spisser, Zeyneb Bozbay, Tim Breyvogel und Klemens Lendl. Bild: Alexi Pelekanos

Der, apropos: Die Stottern, insgesamt sehr musikalisch ist. Neben dem Wiener Duo begleiten auch Drehleierspieler Matthias Loibner und die bulgarische Percussionistin Maria Petrova die Schauspieler, die Musiker sind Mitakteure, so wie die Schauspieler auch Musik machen. In diesen schönsten Momenten gleitet die Aufführung in die Anarchie, die Inszenierung agiert wie ein wild gewordener Zirkus; Lopičić ist ein Mann mit bosnischen Wurzeln und weiß, wie man mit Balkan die Seele zum Tanzen bringen kann.

Er erzählt Trojanow nicht linear, er springt zwischen den Zeiten, zwischen einer Art bulgarischem Wirtshausstammtisch, den Koffer packenden Eltern Alexandars und ihm selbst, der nicht mehr die Kraft findet, sein Bett zu verlassen. Die Schauspieler fallen aus den Figuren, werden zu Chronisten ihrer Zeit, steigen wieder in die Rolle ein – und wenn sie dann mit Mimik und Gestik das eben Gesagte konterkarieren, ist das durchaus auch clownesk. Alle sind immer auf der Drehbühne, die die Welt bedeutet und die Günter Zaworka mit seinem Lichtdesign zu einem Ort immer wieder neuer Geheimnisse zaubert.

Auch unter Marie Rötzer scheint das Landestheater Niederösterreich ein starkes Ensemblehaus zu bleiben. Mit Johannes Silberschneider als Bai Dan hat man sich zwar einen hochkarätigen Gast geholt, einen Schauspieler mit unendlichem Bühnencharisma, doch freilich agiert er als Primus inter pares, wenn er aus seiner Figur einen Philosophen macht, eine Art Psychotherapeuten an Alexandars Bett, als wär sie sein Alter Ego. Sein Bai Dan weiß, dass Würfeln nichts mit Glück oder Schicksal zu tun hat, sondern nur mit Geschicklichkeit. Alles liegt in deiner Hand ist seine Botschaft an sein Patenkind – und damit ans Publikum.

Den Alexandar spielt Stanislaus Dick, und wie er ihn spielt, als einen, der sich in einer Quarantäne aus Erinnerung und sich nicht erfüllender Erwartungen eingesperrt hat, ist kaum zu glauben, dass er erst im Sommer sein Studium am Wiener Konservatorium abgeschlossen hat. Außerdem spielt er Akkordeon. Lukas Spisser und – ebenfalls neu am Haus – Zeynep Bozbay sind die Eltern Vasko und Jana. Er ein Querdenker, ein Querkopf, ein ewig Unangepasster, ein Kraftlackel, sie zart, doch ihm Paroli bietend im Versuch, seine Flucht-Höhenflüge zu erden. Auch das eine eindringliche Szene, wie die beiden schließlich doch ihr Hab und Gut für den Weg in die Freiheit sortieren. Was nimmt man mit, was lässt man los? Mutters Gobelins, ein heißgeliebtes Stofftier, Vaters Tischtennisschläger? Neben ihren Haupt- gestalten die meisten auch noch eine Anzahl skurriler Nebenrollen, Bozbay etwa eine irre Wahrsagerin, Spisser einen gefährlich komischen KDS-Agenten. Helmut Wiesinger ist unter anderem die nach Süßigkeiten süchtige Baba Slatka, die irgendwie auch der Wirt ist, je nachdem, ob Tuch auf dem Kopf oder um den Hals, der großartige Tim Breyvogel außer DJ Bogdan auch Vaters bester Freund Boro.

Sandy Lopičić hat Trojanows Buch als Gleichnis gelesen. Vieles erfährt man nur beiläufig, Diverses hat er aus-, das Tandem gleich ganz weggelassen, doch was er sagen will, ist klar. Heimat, dieser geschändete, zu Schanden definierte Begriff, heißt zuerst zu sich selbst nach Hause zu kommen. Heimat ist leicht zu verlieren, doch bekanntlich: „Rettung lauert überall“ dort, wo Menschen zu finden sind. Das Publikum in St. Pölten dankte dem neuen Team mit viel Applaus für einen hinreißend sympathischen und optimistisch klugen Abend. Man freut sich jetzt schon auf mehr …

Marie Rötzer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=22087

Ilija Trojanow im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=14956

TIPP: Am 22. und 23. November ist die Aufführung zu Gast an der Bühne Baden.

www.landestheater.net

Wien, 17. 9. 2016

Zweisprachige Hörbücher: Mercedes Echerer lädt zur „Kopfreise nach … Istanbul“

Mai 2, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Fest für die Vielfalt im Theater am Spittelberg

Bild: Mercedes Echerer

Bild: Mercedes Echerer

Bild: Fuat Saka

Fuat Saka kommt nach Wien. Bild: Mercedes Echerer

Mercedes Echerer und ihr Kulturverein „Die 2“ haben ein neues Projekt begonnen, eine zweisprachige Hörbuchedition, die Texte mit Musik verbindet. Die erste Ausgabe führt in die Metropole Istanbul und ist eine Einladung einander auf lustvolle Weise kennenzulernen. „Durch das Lesen – noch – unbekannter Geschichten und dem Lauschen – noch – fremder Sprachen werden wir sensibilisiert für die Kultur der anderen“, sagt Echerer.

„Diese Gedanken wurden quasi ,über Nacht‘ ein Projekt: Wir entschieden uns für Istanbul, die wohl aufregendste Brücke in den Orient als ersten Titel, suchten Literatur im Original und ihre Übersetzungen, oder ließen übersetzen und mit der deutschsprachigen Version produzierten wir auch eine türkische. Beide Sprachversionen wurden eingelesen von ,Natives‘, und schlussendlich bereicherten wir das Hörbuch mit Musik aus der Metropole die zwei Kontinente miteinander verbindet.“ So entstand „Kopfreisen nach … Istanbul“.

Mit Texten von Cem Akaş, Esmahan Aykol, Nursel Duruel, Nazlı Eray, Barbara Frischmuth, Nâzım Hikmet, Orhan Veli Kanık, Orhan Pamuk, Franz Werfel, Mehdi Zana und Feridun Zaimoğlu. Gelesen von Okuyan Alev Irmak, Berk Kristal, Okan Cömert und Zeynep Buyraç. Begleitet mit Musik von Fazıl Say, Fatima Spar & The Freedom Fries.

TIPP: Live gibt es das alles als Konzert zu hören. Am 11. Mai im Theater am Spittelberg. Es spielt der großartige lasisch-türkische „Jazzer“ Fuat Saka, der in Europa bereits ein Star, in Österreich noch immer ein Geheimtipp ist, und der auf seiner aktuellen Tour durch Deutschland und die Schweiz einen Abstecher nach Wien macht. Es sprechen Schauspielerin Zeynep Buyrac, bekannt aus „Gegen die Wand“ im Werk X (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=283) und Mercedes Echerer.

Karten: ticket@die2-online.com

www.die2-online.com

Wien, 2. 5. 2016

Theater Scala: Picknick an der Front

Februar 16, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hurrapatrioten und andere Idioten

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Die grellsten Erfindungen sind Zitate. Karl Kraus

Dieser Ausspruch des Fackelträgers ist gleichsam das Motto unter das Bruno Max und sein Theater zum Fürchten ihre jüngste Arbeit in der Scala stellen. Wieder ist es eine Dinnertheaterproduktion, die siebente, und nachdem im Vorjahr „Im Schatten der Guillotine“  www.mottingers-meinung.at/scala-ein-dinner-im-schatten-der-guillotine gespeist wurde, lädt der Theatermacher diesmal zum „Picknick an der Front“. Der hundertste Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs wird mit einer Landpartie ins Niemandsland begangen. Auf einer Decke im Rindenmulch und mit einem mit Wein, Obst, Guglhupf und (auch britischen Gurken-)Sandwiches gut gefüllten Picknickkorb sitzt man zwischen Schützengräben und Feldlazarett, zwischen Kriegsversehrten, einem Drehorgelspieler, Krankenschwestern, zwischen Karussell und Kasperltheater. Dessen Attraktion, der Wurschtl, der englische Mr. Punch, der französische Guignol, wird Max, wie es sich für einen echten Narren gehört, als Stimme der Vernunft dienen. Ein Rufer in der Wüste, der ob des Wahnsinns der jeweiligen Befehlshaber kopfschüttelnd resignieren muss.

Bruno Max begegnet den Schrecken des Krieges durchaus mit Humor. Ironie ist, wenn man trotzdem lacht. Und weil nichts entlarvender ist als Zitate besteht seine Textcollage ausschließlich aus solchen. Eine bemerkenswerte Leistung all diese Originalquellen, von Feldpostbriefen und Soldatenliedern bis hin zu Formulierungen literarischer Zeitzeugen, zu einem zusammenhängenden „Stück“ geformt zu haben. Da gibt es Skurriles, wie das Rezitieren eines Inserats für „Diana Kriegsschokolade“, das Nachstellen der Schallplattenaufnahme „Hörbild: Im Feldlazarett“, ein Lustiges Kriegsbilderbuch, in dem die bösen Nachbarsbuben von Franz und Michl verdroschen werden, das Maturathema „Welcher unserer Feinde scheint mir der hassenswerteste?“. Unglaublich, was Max alles ausgegraben und zusammengetragen hat. Da gibt es Berührendes, wie Joan Littlewoods „Weihnachten an der Front“ und die Rede der Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst „Women against War“. Und natürlich die Briefe der österreichischen, deutschen, britischen und französischen Soldaten. Einige der englischen Briefe wurden erst 2006 vom britischen Justizministerium den Nachfahren ihrer Empfänger zugestellt. Sie waren von der Zensur neunzig Jahre zuvor als „zu explizit“ beschlagnahmt worden und fast ein Jahrhundert in einem Archiv verstaubt. Da gibt es Hetzerisches von den kriegsverliebten Rudyard Kipling, der der Verteidigung des Empire gegen „die Hunnen“ seinen Sohn opferte, und Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Eine unrühmliche Liste großer Literaten, in die sich Emile Zola mit „Weh dir Germania“ und Rilke mit einer Ode an den Kriegsgott einreihen. Gut, dass Erich Kästner mitten im Pauschalhass die Friedensflagge hochhält. Und Karl Kraus. Und Bert Brecht. Und Jaroslav Hašeks Schwejk.

Max lässt zu all dem eine Diaschau – Plakate, Fotografien, Karikaturen – ablaufen, erspart einem aber die ärgsten Gräuelszenen. Die macht ohnedies sein hervorragendes Ensemble Roman Binder, RRemi Brandner, Zeynep Buyrac, Irene Halenka, Markus Hamele , Reinhold Kammerer, Christina Saginth, Leopold Selinger, Jörg Stelling und Patrick Weber im „Bühnenraum“ von Marcus Ganser anschaulich. In jeweils unzähligen Rollen spielen sie die Hurrapatrioten und anderen Idioten, die Parolennachplapperer, die Mütter, die wieder einmal die Gebenden sind, diesmal ihre Söhne nicht ins Leben bringen, sondern in den Tod schicken, die Feldkuraten, die österreichische G’mütlichkeit, die schneidigen Offiziere, denen auch noch der Schneid abgekauft werden wird, den preußischen Drill, die britisch-französische Überheblichkeit. Denn auf diesem Feld, auf dem die Ehre nie zu finden war, gibt es keine Sieger. Nur Menschlein inmitten der Unmenschlichkeit. Angst, Verzweiflung und Leid im Granatenhagel, wegen des nächsten Giftgasangriffs. Der Guglhupf steckt einem da längst in der Gurgel. Die Stimmung kippt. Mit „fliehenden“ Fahnen sind die Soldaten nun unterwegs. Werden verwundet, verrecken im Rindenmulch vor den Füßen des Publikums. Die Darsteller machen Geschichte nicht nur begreiflich, sondern greifbar. Sie spielen sich die Seele aus dem Leib. Schweben schließlich als Tote über ihren Gräbern.

Auch die Lieder, gespielt vom k.k. Prothesenorchester, ändern sich in der Tonart. Hieß es eben noch „Oh It’s A Lovely War“ und „Nach Paris“, freuten sich die USA auf „Over There“, klagt man nun „Bombed Last Night“ oder spöttelt „Ja wo steckt denn der Herr General?“. Das „Chanson de Craonne“, das traurige französische Soldatenlied, war in Frankreich bis 1974 staatlich verboten, da es „die Französische Armee herabsetzt und das Andenken der Veteranen beschmutzt“. Einer der schönsten Momente des Abends ist die Parodie „When this Lousy War is Over“, die in den Sprachen aller Beteiligten gespielt und gesungen wird. Wenn dieser beschissene Krieg vorbei ist … da gab’s noch was. Einen kleinen, verwundeten Soldaten, der die fehlende Moral der Deutschen bemängelt, als ihm der Augenverband abgenommen wird, seinen Schnauzer zum Bärtchen stutzt, die Blindenbinde gegen die mit Hakenkreuz tauscht. Adolf Hitler. „Ich aber beschloss, Politiker zu werden“. Dies wohl die Botschaft von Bruno Max‘ unvergesslichem Abend: Niemals vergessen. „Picknick an der Front“ ist die gespielte Kriegsverweigerung, saftiger als trockene Sachliteratur, anschaulicher als manche Ausstellung, ideenreicher als das x-te Widerkäuen der „Letzten Tage …“ Bravo.

Das letzte Wort hat der später im KZ Oranienburg ermordete Erich Mühsam:

Lebt wohl, ihr Brüder! Unsre Hand,
daß ferner Friede sei!
Nie wieder reiß das Völkerband
in rohem Krieg entzwei.
Sieg allen in der Heimatschlacht!
Dann sinken Grenzen, stürzt die Macht,
und alle Welt ist Vaterland,
und alle Welt ist frei!

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 16. 2. 2014