Landestheater NÖ: Der Zerrissene

März 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerald Votava spielt mit dem Publikum Nestroy

Schrieb auch die zusätzlichen Coupletstrophen: Gerald Votava mit Musiker Helmut Stippich. Bild: Alexi Pelkanos

Dass er auf der Bühne ebenso zu Hause ist, wie auf der Leinwand beweist Gerald Votava immer wieder gern. Nun spielt er am Landestheater Niederösterreich Nestroys „Der Zerrissene“. Die Posse vom fadisierten Millionär, der sich zwecks Nervenkitzel in eine Ehegeschichte und einen Raufhandel verstrickt, so dass er sich auf seinem Gut als vermeintlich „Kriminalischer“ verstecken muss – und dort die wahre Liebe findet.

Votava versteht sich auf ein augenzwinkerndes Spiel mit dem Publikum. Er gibt einen überspannten Herrn von Lips, der sich selbst zum Narren hält, changiert zwischen Süffisanz und Selbstzweifel, und weist darauf hin, dass hier einer in seinem Ennui nur Theater spielt, indem er die Sätze aus dem Nestroy’schen Schatzkästlein als das spricht, was sie längst geworden sind: Zitate. Nie lässt er dabei die Zuschauer aus seinem Blickfeld verschwinden, deren Einverständnis er für seine Taten einholt und die er sich beim Verwirrspiel zu Komplizen machen möchte.

Auch an den zusätzlichen Strophen zu den Couplets „Sich so zu verstell’n“ und „So gibt es halt allerhand Leut‘ auf der Welt“ hat Votava mitgetüftelt. Wie auch Regisseurin Sabine Derflinger, die die Aufführung tempo- und pointenreich inszeniert hat. Da wird eine Auseinandersetzung zwischen dem Herrn von Lips und Gluthammer zum Boxkampf in Zeitlupe und auch die berühmte „Gespensterszene“, in der die beiden sich als bereits Dahingeschiedene gegenüberzustehen glauben, zum Slapstick. Die Musik von Helmut Stippich hat Derflinger neben den Couplets zur Untermalung der Handlung wie in Stummfilmen eingesetzt.

Die vermeintlichen Freunde: Stanislaus Dick, Tobias Artner, Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelkanos

Krautkopf versteckt Gluthammer: Haymon Maria Buttinger und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelkanos

Neben Votava spielen Tim Breyvogel, Tobias Artner und Stanislaus Dick die unangenehme Dreierbande Stifler, Sporner und Wixer. Cathrine Dumont ist eine geldgierige Madame Schleyer, Josephine Bloéb eine burschikose Kathi. Michael Scherff als rabiater Gluthammer und Haymon Maria Buttinger als Bauernphilosoph Krautkopf dominieren mit ihren Auftritten das Bühnengeschehen.

Die Produktion ist bis 17. 5. am Landestheater Niederösterreich zu sehen und gastiert am 4. und 5. 4. an der Bühne Baden.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

  1. 3. 2018

Theater in der Josefstadt: Der Zerrissene

Oktober 3, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lange nicht mehr so gelacht

Marianne Nentwich, Michael Dangl Bild: Sepp Gallauer

Marianne Nentwich, Michael Dangl
Bild: Sepp Gallauer

Es ist einfach großartig! Gehen Sie hin! Schauen Sie sich das an! Damit könnte man Michael Gampes Inszenierung von Nestroys „Der Zerrissene“ am Theater in der Josefstadt hinlänglich beschreiben. Und aus.

Aber Sie wollen wahrscheinlich mehr wissen. Also. Michael Dangl hat als Herr von Lips seinem schauspielerischen Können eine weitere feine Nuance hinzugefügt. Bislang, bei „The King’s Speech“ http://kurier.at/kultur/the-king-s-speech-sprachlos-schoen/812.273 und „Ziemlich beste Freunde“ www.mottingers-meinung.at/kammerspiele-ziemlich-beste-freunde/, beides in den Kammerspielen, lag Dangls Komik – wie die vieler Großer – darin, eben NICHT komisch zu sein. Nun, zum Hattrick, ließ er sich ganz in die Hände von Regisseur Michael Gampe fallen – und entpuppt sich als Komödiant erster Güte. Zugegeben, man dachte bei seiner Besetzung an einen gerüttelten-geschüttelten Zyniker und Weltverzweifler wie weiland Helmuth Lohner. 1984, bei den Salzburger Festspielen. Auch das spielt Dangl gekonnt, aber eben alles ein bisschen anders. Lange nicht mehr so gelacht im Theater. Wobei die Schenkel vom Klopfen verschont bleiben. Gampe, dieser Meister der Komödie mit Köpfchen, erspart einem das Schnitzeldasein und zeigt einen modernen  Nestroy auf höchstem Niveau. Bravo.

Das beginnt beim „geschmacklos“-neureichen Bühnenbild (von Erich Uiberlacker): einer Säulenhalle in deren Mitte eine güldene Treppe protzt und endet nicht bei Lips‘ dekadenter Gesellschaft, die eine Fête Blanche feiert, in deren Champagnerströmen die Wäsche immer mehr zu Dessous schrumpft. Millionär Lips-Dangl, der überall Verrat und Feindschaft wittert – zu Recht allerdings -, ergeht sich derweil in Langeweile. Und deshalb beinah eine Ehe ein. Mit der wunderbaren Marianne Nentwich als Madame Schleyer. Eine Karikatur der Societyladies S. und S. in pastellrosa Pseudo-Chanel, die im Sekundentakt von der bijoubehängten Bissgurn zur beschwingten Blondine wird, die ihren letzten Rest Sexappeal ins Rennen wirft. La Nentwich, die im Anschluss an die Vorstellung von Direktor Herbert Föttinger zur Doyenne des Hauses ernannt wurde, die Grande Dame der Josefstadt, zeigte im Bravour, wie Schrulle geht. Und das ohne Rücksicht auf Verluste. Vielleicht mit etwas Rücksicht auf die Turmfrisur.

Auftritt Martin Zauner als Schlosser Gluthammer, als Schleyer-Ex, ein rührender Rasender, auch einer, der die Kunst von Tragi-Komisch im Blut hat, immer wieder eine Freude, ihn zu sehen. Nach dem Balkonsturz bildet er mit Siegfried Walther, der als Krautkopf die bauernschlaue Einfalt in Person mimt, ein kongeniales Duo. Beinah Laurel-und-Hardy-würdig; denkt man an den Selbstgebrannten, der flaschenweise fließt, denkt man an die Weinkellerszene aus „Fra Diavolo“ und den von Stan Laurel bestimmt nicht „gespielten“ Lachanfall. Da ist es mit ihm durchgegangen. Kniechen, Näschen, Öhrchen. So wie sich Dangl beim Anblick der Madame Schleyer einmal kurz wegdrehen muss – obwohl er ihn doch eigentlich von den Proben kennen sollte. Auch ein Verschlucken am trocken Brot steckt er locker weg. Der Reiche lernt bei Krautkopf den Wert einer „Milli“ zu schätzen. (Dangl im Dialekt ist übrigens auch nicht schlecht.)

Und die Kathi. Denn erst die Herzenslieb‘ kann den Übersättigten, Abgestumpften, von der Welt an sich und sich selbst im Besonderen Entnervten heilen, erst als er ein verlebter, verliebter Verlobter ist, geht’s ihm gut. Martina Ebm auf der Bühne zuzuschauen, ist die reine Freude. Endlich keine von diesen ätherischanorektischen Nymphen (wiewohl von tadelloser Figur), die Wiens große Häuser durchschweben, sondern eine aus Fleisch und Blut und – pardon! – Goschn und Pfeffer im A***, die sich ihrer Rolle hingibt, ohne „hingebungsvoll“ zu sein. Ebm ist am Theater ebenso zu Hause wie im Film. Und man wünscht ihr von Herzen, dass ihre diesbezüglichen Wünsche in Erfüllung gehen mögen.

Für die Couplet-Texte sorgte Nicolaus Hagg, der mit Oliver Huether und Friedrich Schwardtmann auch einen von Lips‘ Freunderln gibt, und lässt dabei von Austria’s Next Topmodel und Schönheits-OP-Wahn über ÖVP-Kellergeschichten im neuen Ulrich-Seidl-Film und die Betreten-Wegschauerei beim Nähern eines „Augustin“-Verkäufers bis zur Literaturunterrichtsvernichtung zwecks Einheitsmatura keine Narretei aus: Die Bücher verbannten, sind ärger als die, die sie verbrannten. Bleibt, um im Kontext zu bleiben, nur eines zu sagen: So einen grandiosen Abend zu stemmen: Na, da g’hört was dazu!

www.josefstadt.org

www.martinaebm.com

Wien, 3. 10. 2014