Belvedere: Mehr als ZERO – Hans Bischoffshausen

Oktober 7, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Österreichs Meister der Monochromie

Bischoffshausen vor Gemälde "Der Mann mit dem Schmetterling 1954“, um 1960 © Archiv Bischoffshausen, 2015, Bild: Belvedere, Wien

Bischoffshausen vor Gemälde „Der Mann mit dem Schmetterling 1954“, um 1960 © Archiv Bischoffshausen, 2015, Bild: Belvedere, Wien

Ab 8. Oktober würdigt das Belvedere den Kärntner Maler Hans Bischoffshausen mit einer großen retrospektiven Ausstellung. Titel: „Mehr als ZERO“. Der 1927 in Feld am See geborene Künstler zählt zu den wesentlichen Vertretern der österreichischen Nachkriegsavantgarde der 1950er- und 1960er-Jahre. Seine Ausstellungen in Venedig, Mailand und Paris ließen Bischoffshausen erste Erfahrungen mit der ZERO-Bewegung und der Malerei der Monochromie machen.

Seine zunächst düstere und materialbezogene Kunst entwickelte sich im Sinne des Purismus von ZERO hin zu klaren Formen und Strukturen. Bischoffshausens monochrome Strukturbilder der 1960er-Jahre sind Ausdruck seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Stille, über die er die Welt zu begreifen versuchte. „Ich treibe die Askese bis zum Ende“, beschrieb der Künstler seine Intention. Unvergessen auch jener „Club 2“ im Jahr 1979, in dem er eine Schweigeminute forderte.

Die Schau in der Orangerie des Belvedere beschränkt sich nicht nur auf die ZERO-Periode Bischoffshausens, sie widmet sich allen bildnerischen Hauptwerken des Multitalents. Aufgezeigt werden die künstlerischen Wechselbeziehungen zu Malerkollegen aus Frankreich, Deutschland, Italien und Holland. „Wo, wenn nicht im Museum für österreichische Kunst sollte diese kultur- und kunsthistorische Aufarbeitung geleistet und gezeigt werden?“, betont Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco bei der Pressekonferenz am Mittwoch und ergänzt: „Zumal die kritische Aufarbeitung und Revision wichtiger Kapitel der heimischen Nachkriegskunstgeschichte in diesem Museum einen festen Ort und konzentrierte Kompetenz gefunden hat.“

Bischoffshausens reduziertes, die Grenzen der Malerei auslotendes, materialbezogenes Schaffen hatte er im Zusammenhang mit seinen Reisen nach Italien und Frankreich bereits sehr früh entwickelt. Ausstellungsbesuche in Galerien von Venedig und Mailand legten den Grundstein zu einer Kunst, die immer weiter die Grenzen der Malerei ertastete. War sein Schaffen anfänglich noch von einer gestischen, abstrakten Malerei geprägt, fand er mit Materialien wie Sand, Zement, Lochungen oder Brandspuren zu einer neuen Formensprache. „Mit Arnulf Rainer, Maria Lassnig, Friedensreich Hundertwasser, Josef Mikl, Markus Prachensky und Hans Staudacher gehörte Bischoffshausen zu den Künstlern, die bereits Mitte der 1950er-Jahre innerhalb der internationalen Avantgardeszene auf sich aufmerksam machten“, sagt Ausstellungskurator Harald Krejci. In Österreich war Bischoffshausen nicht unumstritten. So schrieb etwa Walther Nowotny von der Volkszeitung anlässlich einer ZERO-Schau: „Die vier Künstler … bezeichnen sich also als Nullen. Ja – da möchte ich nicht widersprechen.“

Die Freundschaft mit dem italienischen Avantgardekünstler Lucio Fontana, der durch seine Schnittbilder weltberühmt wurde, öffnete Bischoffshausens Werkbegriff, an dem er nach seinem Umzug nach Paris 1959 konsequent weiterarbeitete. Bischoffshausen fand rasch Eingang in die französische Künstlerszene. Der bildende Künstler und ZERO-Vertreter Bernard Aubertin wurde zu einem wichtigen Wegbegleiter. Zwischen 1962 und 1965 nahm Bischoffshausens Karriere einen intensiven Verlauf, Ausstellungen in Frankreich und Deutschland sowie Beteiligungen in Italien waren die Folge. Kontakte zur internationalen Künstlergruppierung NUL um Jan Schoonhoven ermöglichten ihm, auch in Holland künstlerisch zu reüssieren. Ebenso sind seine Freundschaften mit Herman de Vries oder Heinz Mack Thema der Ausstellung.

Die Ausstellung versucht, den Bogen von den ersten Materialbildern der 1950er-Jahre bis zur Pariser Zeit der ZERO-Bewegung zu spannen. Erstmals werden aber auch die 1970er- und 1980er-Jahre beleuchtet. Bischoffshausen gehört heute neben seinem Künstlerfreund Erwin Thorn zu den wenigen österreichischen Vertretern der ZERO-Bewegung. Zu Unrecht ist er in Europa wenig bekannt. Dass Bischoffshausen genau wusste, in welche Richtung seine Kunst gehen würde, zeigt eine Anekdote, über die er seinen Schwiegereltern in einem Brief schrieb: „Ein Galerietrottel sagte zu mir: Was wollen Sie? Was Sie machen ist das Ende der Malerei. Sie irren sich, habe ich geantwortet, hier beginnt die moderne Malerei überhaupt erst.“

www.belvedere.at

Wien, 7. 10. 2015

Christoph Waltz in Terry Gilliams

Dezember 2, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

The Zero Theorem

Qohen Leth (Christoph Waltz). Bild: © Filmladen Filmverleih

Qohen Leth (Christoph Waltz).
Bild: © Filmladen Filmverleih

Kunterbunt geht die Welt unter: Ex-Monthy-Phyton Terry Gilliam hat es nach der Don-Quixote-Schlappe endlich geschafft, eines seiner Lieblingswerke fertig zu stellen: „The Zero Theorem“ läuft ab 5. Dezember in den Kinos. In einer dystopischen Zukunft lebt das exzentrische Computergenie Qohen Leth (Christoph Waltz) äußerst zurückgezogen in der Ruine einer ausgebrannten Kirche. Für eine anonyme Firma, die mittels des Supercomputers ManCom den virtuellen Raum beherrscht und von Arbeitsdrohnen bevölkert ist, arbeitet Q – wie er von seinem Vorgesetzten Joby (David Thewlis) genannt wird – fieberhaft daran, das „Zero Theorem“ zu lösen. Diese mathematische Formel enthält nichts Geringeres als die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens (Douglas-Adams-Kenner wüssten, die Antwort lautet 42 😉 ). Den Machthabern dieser Orwellgleichen Zukunftswelt, in der Q lebt, scheint dies gar nicht zu gefallen. Sie schicken ihm immer wieder die lasziv-verführerische Bainsley (Mélanie Thierry) sowie Bob (Lucas Hedges), den rebellischen Sohn des mysteriösen Firmenvorstands „Management“ oder den Chefdikator (Matt Damon) ins Haus, um seine Forschungen zu stören und die Lösung des größten Rätsels der Menschheit zu verhindern. Doch Leth, der von einer persönlichen Tragödie schwer traumatisiert ist, hat sich fest vorgenommen, seine Arbeit zu Ende zu bringen. Denn man hat ihm in Aussicht gestellt, dass er dann jenen Anruf erhalten würde, auf den er seit Jahren verzweifelt wartet. Doch erst nachdem er die Macht der Liebe und der Begierde gespürt hat, kann er den wahren Grund für seine Existenz begreifen. In weiteren Rollen sind Tilda Swinton mit Monsterperücke und Ben Whishaw zu sehen.

In diesem luziden Science-Fiction-Drama läuft Kinozauberer Terry Gilliam wieder zur Hochform auf. Der neue Film ist nichts weniger als die Summe seiner Meisterwerke „Time Bandits“, „12 Monkeys“ und „Brazil“, nur, dass diesmal statt Robert de Niro der zweifache Wiener Oscarpreisträger Waltz – als glatzköpfiger Exzentriker, ein verschrobener Kauz, der von sich im Plural spricht, im Getriebe eines kafkaesken Verwaltungsapparat steckt. „The Zero Theorem“ ist ein faszinierender Ausflug in Gilliams Parallel-Universum aus Fantasie, Geist und schwarzem Humor, ein schillernder Crash-Kurs in Existenz-Philosophie –dividiert durch Popcorn. Es wimmelt nur so vor subversiven Botschaften und satirischen Überzeichnungen  -wer mit Gilliams Ideenwildwuchswelten schon bisher nichts anfangen konnte, sollte den Film auslassen.
Terry Gilliam möchte es dem Publikum überlassen, herauszufinden, welche Botschaft der Film vermitteln soll; dennoch betont er einige der herausragenden Themenkreise:
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Qohen ist isoliert, doch niemals einsam.
Terry Gilliam: Es gibt einen großen Unterschied und das ist einer der wichtigsten Themenkreise im Film. Das Leben hat auf ihn eingehämmert, er hat vielleicht viele Enttäuschungen ertragen müssen und möchte eigentlich nur alleine sein. Wie kann man in dieser hoch vernetzten Welt, in der es keine Schlupflöcher gibt, sich selbst als allein, aber nicht einsam definieren? Das treibt mich wirklich um. Meiner Meinung nach findet man gerade dann zu sich selbst, wenn man alleine ist.
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Warum die Sinnlosigkeit von mathematischen Modellen zur Entschlüsselung des Sinns des Lebens?
Gilliam: Unsere Welt wird heute von Algorithmen beherrscht; jeder vertraut darauf, dass man die Formel finden kann, die einen reich machen wird. Das gesamte Bankwesen basiert auf Algorithmen. Und was haben die uns letztes Mal alles eingebrockt! Ich glaube einfach nicht, dass man das Leben abmessen und quantifizieren kann.
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Gibt es noch Privatsphäre?
Gilliam: Wir haben keine Privatsphäre – die hat man uns längst genommen. Sie ist weg. Tatsächlich scheinen wir sie bereitwillig aufgegeben zu haben durch unsere Sehnsucht nach Vernetzung. Die NSA sammelt doch jetzt alles, was geht. Wie kann man diesen Trend umkehren? Das geht wahrscheinlich gar nicht, also muss man seinen eigenen Weg finden, um damit zu leben.


http://zerotheorem-film.de/

Wien, 2. 12. 2014