Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

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1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020

Bronski & Grünberg: Schuld & Sühne

Januar 8, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus den Scherzen eine Mördergrube gemacht

Rodion Romanowitsch Raskolnikow hat sehr eigene Rechtfertigungen für den „gerechten“ Mord an jenen Menschen, die er „Laus“ nennt: Charlotte Krenz. Bild: © Philine Hofmann

Als Ansager im Biedermannspulluder, wie Stefan Lasko da anfangs vor dem roten Theatervorhänglein steht, als Bronski-&-Grünberg-Antwort auf Michael Palin, ist vollkommen klar, dass sich hier wieder ein starkes Stück erlaubt wird. Monty Python‘s Staged Punk sozusagen, sind die Bronskisten doch für die Wiener Bühnenwelt, was die Sex Pistols dereinst für die Spikesszene waren – nur weniger sid-vicious denn absurd und grotesk. Diesmal haben, soweit’s Text und Regie betrifft, zwei von drei Prinzipale selbst Hand angelegt, Alexander Pschill und Kaja Dymnicki, alldieweil Julia Edtmeier schauspielert. Worin, das will Lasko ja erklären, im Werk eines berühmten

Russen, wobei geschlagene drei Stunden lang weder an Ausstattung noch Mitwirkenden gespart werde. „Tolstoi!, Tschechow!, Dostojewski!“, klingt’s von diesen aus dem Off, ja, bei jenen Literaten und deren üppigem Personal kann man schon in die Irre gehen, wie Evelyn Hamann im North-Cothelstone-Hall-Sketch, aber tatsächlich wird „Schuld & Sühne“ – die Wiederaufnahme geboten. Frei nach Fjodors Feuilletonroman um den St. Petersburger Studenten Rodion Romanowitsch Raskolnikow und dessen seltsamen Rechtfertigungen für den „gerechten“ Mord.

Und weil ein solches Mammutprojekt für das Müllnergassen-Tschocherl, zwar nicht punkto Intellekt und Irrwitz, aber was den Innenraum betrifft, sowieso zu groß ist, hat man sich gleich ins Guckkastenformat verfügt. Hinterm Hangerl nämlich verbirgt sich eine Handdrehbühne, die per Muskelkraft mal Studentenbude, mal das Zimmerchen der Pfandleiherin Aljona Iwanowna, mal Polizeistube ist. En miniature ist en détail eingerichtet, mit Schlüsselbord, Brausekopf, Blumentopf, Wassili Perows Porträt – und original Rasselbockkopf.

Die Axt im Haus hat Charlotte Krenz als Raskolnikow, sie nicht die einzig cross-besetzte, statt tief gefallener Hochschüler nun gescheiterter Schauspieler, den Aljona Iwanowna samt Schwester Lisaweta bereits als düsterer Tagalbtraum heimsuchen, bevor er überhaupt Geschäfte geheuchelt, dann sie hingemeuchelt hat. Krenz gibt den designierten Mörder mit nach rückwärts gegelter Langhaarmatte, sinister, fiebrig und mit selbstgefälligem Wahnsinnsgrinsen unterm ausgefransten Menjou-Bärtchen. Zum Belächeln wär‘ das, würde Krenz ihren Eigendünkler seine ideologischen Überlegungen über privilegierte Herren-Menschen, denen das „erlaubte Verbrechen“ an der „Laus“ als Geburtsrecht zusteht, nicht mit einem Zynismus Richtung Zuschauer raunen lassen, dass einem nicht jenseitig, sondern ganz jetztzeitig wird.

Boris Popovic, Julia Edtmeier, Alexander Jagsch, Charlotte Krenz, Marius Zernatto, Maddalena Hirschal. Bild: © P. Hofmann

Christian Gnad, Maddalena Hirschal, Alexander Jagsch, Marius Zernatto, Charlotte Krenz, Julia Edtmeier. Bild: © P. Hofmann

Das Totschlagargument bekommt am eigenen Leib bald die wucherische Zinseneintreiberin zu spüren, Doris Hindinger, die mit misstrauisch nach unten gezogenen Mundwinkeln die zu versetzenden Habseligkeiten des übelmeinenden Kunden in Empfang nimmt, eine bauernschlaue, ausgefuchste Alte, deren böse Blicke einen, wenn sie’s denn sprichwörtlich könnten, aus dem Leben beförderten. Wunderbar, wie sie bei jedem Türöffnen vorm ausgestopften Wiesel überm Türrahmen zusammenzuckt, als erkenne da ein Frettchen das andere. Der ganze Abend ist rappelvoll mit solcherlei stummfilmischem Slapstick, vollbelegt wie die Bühne, auf der sich – Platz ist in der kleinsten Kulturhütte – gezählte vierzehn Akteurinnen und Akteure tummeln.

Für Bronski-Verhältnisse erstaunlich werktreu haben Pschill und Dymnicki bei dieser Inszenierung gewerkt, freilich streichen sie, schreiben Rollen neu und um, lassen Soundeffekte von einem Speiseeiswagen, Overacting, Faxen- und Fratzenmachen zu, aber im Kern blieb’s beim Buch. Herr-lich ist Alexander Jagsch als Raskolnikows Mutter Pulcheria Alexandrowa, ein baumlanger Vamp mit inzestuösen Anwandlungen, eine Fleisch gewordene freudsche Traumdeutung, das Über-Ich im 180-Grad-Umbau, wenn sie schnippisch anmerkt, ihres Sohnemanns Depressionsanstrich beschmiere sogar die vierte Wand.

Im Bronski & Grünberg lässt das Publikum gern mit sich spielen, da wird aus den Scherzen im Wortsinn eine Mördergrube gemacht, bei dieser russischen Kasperliade, mit der die Bronskisten definitiv ein neues Level erreicht haben. Kim Schlüter gibt mit Kulleraugen die geistig zurückgebliebene, bei Dostojewski ergo kindliche Unschuld symbolisierende Lisaweta, Thomas Weissengruber Pulcheria Alexandrowas Verlobten Luschin als versnobten „Das wird man doch noch sagen dürfen!“-Neureichen, und stellt sich so als Kapitalist gegen den frühsozialistischen Fast-Sohn, und apropos Kapital: in einer Marx-Brothers-Hommage platzt dessen Kammerspiel-Kämmerlein mittlerweile als allen Nähten.

Ermittlungsrichter Porfirij wagt schon einmal ein Siegestänzchen: Florian Carove. Bild: © Philine Hofmann

Die Untoten und ihr Mörder: Doris Hindinger als Pfandleiherin, Kim Schlüter und Charlotte Krenz. Bild: © Philine Hofmann

Julia Edtmeier hat für sich eine Pate-streichelt-(ausgestopfte)-Katze-Szene erfunden. Sie spielt Raskolnikows Freund Rasumichin, ebenfalls erwerbsloser Mime, der gerade ein Engagement als Kindertheaterpferd hat und mit kriminalistischem Spürsinn den Täter um Kopf und Kragen redet, legt er doch Florian Carove als Ermittlungsrichter Porfirij und Marius Zernatto als dessen diensteifrig-dämmlichem Assistenten die heiße Spur zum Schuldigen. Carove gestaltet den Amtsträger mit seinem subtil-psychologischen Katz-und-Maus-Gehabe als eine Art Columbo. Allerdings hat er den Trenchcoat gegen Ballettschuhe getauscht – und seine wortverdrehenden Pirouetten beim Verhören des Verdächtigen sind schlicht spitze.

Maddalena Hirschals Mixcharakter ist irgendwie auch Dunja, jedenfalls Sofja Semjonowna Marmeladowa, als die sie immer aufs Neue betonen muss, bestimmt keine Prostituierte zu sein. Und während Stefan Lasko, auch dies Michael-Palin‘isch, auf bekochwütige, nachbarliche Nervensäge macht, erscheint aus dem Untergrund Claudius von Stolzmann als Marmeladow und räumt aus dem Unterbühnenraum, das Gesicht bald so hochrot wie Caroves tanzangestrengtes, eine komplette Wohnungseinrichtung, Stehlampe, Sitzkissen, Fernseher, auf die und wieder von der Spielfläche – wozu er dem darob nicht wenig irritierten Raskolnikow seine erlogene Lebensbeichte ablegt. Ein furioser Monolog, ein fantastisches Kabinettstück, ein Höhepunkt der Aufführung. Es macht Spaß zu sehen, mit wie viel Lust und Genauigkeit hier gearbeitet wird.

Boris Popovic, Christian Gnad und Patrick Weiss als weitere Hausbewohner, Schaulustige, Jagsch-Verehrer, Beamte ergänzen den Cast. Hindinger und Schlüter haben noch einen Auftritt als blutüberströmte Untote, Edtmeier liest die Reclam-Ausgabe von „Weh dem, der lügt“. Carove zerbricht sich in Zeitlupe den Kopf übers Schädelspalten, was mit Krenz zu Dialogen à la „Ich war in der Tat dort.“ – „Am Tatort?“ führt, bevor Raskolnikows „Anstrengungen im Sinne des allgemein-menschlichen Fortschritts“ gewürdigt werden, und er abgeführt wird. Dabei, im Bronski & Grünberg kann die übliche Lösung nicht die gängige sein, und so enttarnt sich als wahrer Mörder schließlich … weil gleichermaßen Geldschulden bei und daher Hass auf die Pfandleiherin … Großartig!

 

Trailer: vimeo.com/353973287           www.bronski-gruenberg.at

  1. 1. 2020

Bronski & Grünberg: Der Reigen

Oktober 21, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schluss sind alle fick und fertig

„Schnitzler“ von Ruth Brauer-Kvam: Florian Stohr als Dirne und Gerald Votava als Soldat. Bild: © Philine Hofmann

Von wegen Männerwelt. Hat sich was mit Herren der Schöpfung. Nicht nur zwingt das „Domina“-nte Stubenmädchen den Soldaten zwecks Orgasmus zum tödlichen Stromschlag, da wird später sogar ein Erotikdarsteller mittels bösem Weiberblick um sein Ejakulat betrogen, bis schließlich ein französisch parlierender Adelsspross zum Sex einen Pariser benutzen soll – was ihm leider gar nicht steht.

Im „Bronski & Grünberg“ ist wieder „Der Reigen“ im Programm, die Wiederaufnahme der in der vergangenen Saison höchst erfolgreichen Produktion, für die zehn Regisseurinnen und Regisseure je eine Szene aus dem einstigen Skandalstück inszenierten. Und wie darin ein Gesellschaftspanorama des Fin de Siècle entworfen wurde, changierend zwischen Unmoral, Ohnmacht und Machtanspruch, so geschieht’s auch heute.

Allerdings auf post-patriarchal gedreht und gewendet, heißt: die Frauen schaffen an, und zwar nicht nur die Dirne, sondern in jeglicher Form. Das selbsternannt starke Geschlecht ist ein im Wortsinn armes Würstchen, das selbstmitleidig davon singt, dass ein Penis halt keine Maschine ist.

Zehn Leuchttafeln rund um die von Gabriel Schnetzer gestaltete Bühne zeigen das Jahr der jeweils gespielten Szene an, nicht chronologisch geht’s von 1750 bis 2000, selbstverständlich ins Erstveröffentlichungsjahr 1900 und ins Uraufführungsjahr 1920. Kyrre Kvam hat dazu Goethes Gedicht „Liebhaber in allen Gestalten“ vertont, die Strophen unterbrechen die Begegnungen, wobei, tatsächlich tut das Florian Stohr als Dirne. Stohrs Leocadia ist ein liebenswertes leichtes Mädchen, klar kann der Schauspieler Drama-Queen, doch die von Ruth Brauer-Kvam verantworteten erste und letzte Szene setzen lieber leise, lyrische Akzente in dieser ansonsten um Kalauer und Klamauk keineswegs verlegenen Aufführung.

„VHS Kassette“ von David Schalko: Von Stolzmann als Gatte und Julia Edtmeier als Süsses Mädel. Bild: © Philine Hofmann

Der Pornostar will die Filmelevin beeindrucken: Claudius von Stolzmann und Julia Edtmeier. Bild: © Philine Hofmann

„Dr. Condom“ von Julia Edtmeier und Kaja Dymnicki: Florian Carove als Graf. Bild: © Philine Hofmann

Mit Verhüterli floppt der Verkehr: Kimberly Rydell als Schauspielerin und Carove. Bild: © Philine Hofmann

Trifft Stohr anfangs auf Gerald Votava als defätistischen Soldaten, dieser brutal in seiner Resignation, hartherzig in seinem Nihilismus, von beiden eine schnitzlereske Charakterzeichnung inmitten des Überdrüber, das noch folgen soll, so ist es am Ende Florian Carove als Graf, der nach Satire, Ironie, Sarkasmus endlich ernsthaft einen Schnitzler’schen Sehnsüchtler gibt – dieser an diesem Abend übrigens nicht der einzige, der nicht zum Schuss kommt. Solitär Stohr aber fällt, da Brauer-Kvam auch die Über-Regie übernommen hat, und damit die Arbeit, die Episoden zu einem Ganzen zusammenzufügen, außerdem die Aufgabe zu, als eine Art Spielmacherin zu fungieren. Denn Leocadia bestimmt, wer wann wo, und wie es Marius Zernatto als Dichter mit einem weinerlichen „Alle andern dürfn a“ formuliert, „abgespielt“ ist, und führt die Figur von der Bühne.

Alldieweil ist Gerald Votava bereits beim Stubenmädchen angelangt, Karoline Kucera als SM-Kammerraubkätzchen, der Soldat wie Woyzeck impotent, nicht von zu vielen Erbsen, sondern weil abgefüllt mit Cornflakes aus dem Hause „Kellogg’s“ – wie Dominic Oley seine Szene hintersinnig nennt, diese Verquickung der Erfindung der Frühstücksflocken als Medizin gegen den Sextrieb und die im Zweiten Weltkrieg erfolgte Übernahme des dafür errichteten Sanatoriums durch die US-Armee. In „Doppelspalt Experiment“ trifft Kucera als nächstes auf David Jakob als Jungen Herrn, ein prä-potenter Teenager, den Dominic M. Singer sich in der Badewanne räkeln lässt, ein Herrenburscherl, das den Hitlergruß probt, bevor ihn die von ihm als solche behandelte „Dienstmagd“ Kurz anbindet.

Auf „Reigen Skandal“ von Johanna Mertinz mit David Jakob als Jungem Mann und Agnes Hausmann als Junger Frau, folgt Helena Scheubas „Freddie Mercury“, eine Sequenz, in der sich Agnes Hausmann als Junge Frau und Claudius von Stolzmann als Gatte in Rollenspielen üben, von Stolzmann hinreißend beim natürlich tollpatschigen Versuch zu „Under Pressure“ einen Striptease hinzulegen, großartig der eheliche Dialog, ob nicht des Gatten Schnauzbart und seine Begeisterung fürs Tanzen ein Indiz für eine ebensolche betreffs Sex mit Männern sei. Dies jedenfalls die große Fehlstelle in dieser Gemeinschaftsarbeit, dass nämlich im „Schnitzler neu“ mehr Spielarten zwischenmenschlichen Zusammenlebens als immer nur die Hetero-Variante wünschenswert gewesen wären.

„Kellogg’s“ von Dominic Oley: Karoline Kucera als Stubenmädchen und Gerald Votava. Bild: © Philine Hofmann

„Freddie Mercury“ von Helena Scheuba: Agnes Hausmann und Claudius von Stolzmann. Bild: © Philine Hofmann

„Schnitzler“ II von Ruth Brauer-Kvam: Florian Carove als Graf und Florian Stohr als Dirne. Bild: © Philine Hofmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stattdessen schnallt sich von Stolzmann in David Schalkos „VHS Kassette“ einen Riesen-Penis um (Kostüme: Katja Neubauer), der Gatte ein Pornostar, mit dem Fellatio zum Reflux führt, wie er angibt, bis Julia Edtmeier seinem Segen-und-Fluch-zugleich-Pimmel mit einem Augenaufschlag den Garaus macht. In Fabian Alders „Die Pille“ gesellt sich zu Edtmeier Marius Zernatto als Dichter, ein von seinem Singer-Songwriter-Genie überzeugter Poser, den an der Beziehung lediglich interessiert, ob sie eh die – siehe Episodentitel – nimmt. Auch bei seinem zweiten Antreten ist Zernattos Dichter kein Glück beschieden, im von Laura Buczynski inszenierten „Sex and the City“ sorgt Kimberly Rydell als Schauspielerin mit ihrer flammenden Rede über Verhütung für den Untergang seiner Schwimmer.

Die Szene von der Schauspielerin und dem Grafen nennt sich in der Fassung Julia Edtmeier und Kaja Dymnicki „Dr. Condom“, nötigt doch Rydells Bühnenkünstlerin den Blaublüter voll feministisch und auf ihre nachwuchslose Unabhängigkeit bedacht sich ein solches –  1750 noch aus Tierdarm gefertigt, mit Seidenbändern und lateinischer Gebrauchsanleitung – überzuziehen. Schwach protestiert Florian Caroves Graf, das Abwenden von der Zeugung von Bastarden liege in der Verantwortung des Weibes, doch es hilft ihm kein sich auf diesen Standpunkt Versteifen. Was im Übrigen auch andernorts nicht stattfindet, was wiederum von Carove, der sich zu allem Ungemach noch zusätzlich durch unzählige Rokkokokleiderschichten wühlen muss, mit einem bedauernden „Ich war eigentlich grad sehr geil“ kommentiert wird.

Da lacht das Publikum, wie generell viel an diesem Abend. „Der Reigen“ im Bronski & Grünberg geriet im besten Bronskisten-Style zur abgedrehten Komödie, die Schauspielerinnen und Schauspieler mal lässig-lasziv, mal amüsant-süffisant, mal exaltiert, mal exzentrisch. Neben Gerald Votava mit seinem rostigen Goldenen Wienerherz, ist es von Stolzmann, dessen darstellerische Feinheiten gefallen. Wie er in der Scheuba-Szene bei Hose rauf, Hose runter, von Satz zu Satz tänzelt, von Erwartung zu Enttäuschung, spielt er sich sportlich-schnittig die Pointen von der Seele. Am Schluss sind alle fick und fertig. Schön ist das, diesem Dreamteam beim „seeeehr frei nach Schnitzler“ Spaß haben und Spaß machen zuzusehen.

 

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  1. 10. 2019

Kammerspiele: Shakespeare in Love

September 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Theater ist auf den Hund gekommen

Will Shakespeare wundert sich über seine Gefühle für den jungen Schauspieler Thomas Kent: Dominic Oley und Swintha Gersthofer. Bild: Astrid Knie

Nun ist es also empirisch nachgewiesen: 22 Menschen passen auf die Bühne der Kammerspiele, können sogar noch fechten, tanzen, musizieren, außer ihnen aber hat kein Löschpapier mehr Platz … Das zweite Haus der Josefstadt eröffnete am Donnerstag mit der Komödie „Shakespeare in Love“. Die war 1998 ein Kino-Blockbuster, das Drehbuch von Tom Stoppard und Marc Norman, wurde mit sieben Oscars und drei Golden Globes bedacht.

Und gab der schönen Gwyneth Paltrow die Gelegenheit zu beweisen, dass sie auch Komödiantin sein kann. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger ist es nun gelungen, sich von Disney Theatrical Productions die Rechte für die deutschsprachige Erstaufführung der Bühnenfassung von Lee Hall zu sichern. Fabian Alder hat inszeniert, ganz „großer Bahnhof“, ein rasantes Lustspiel mit scherenschnittigen Figuren. Bei der Geschwindigkeit, die hier eindreiviertel Stunden lang vorgelegt wird, ist eine tiefergehende Charakterauslotung wahrhaft kaum mehr möglich. Aber das macht nichts. Das Stück lebt von den scharfsinnigen, scharfzüngigen Dialogen des genialischen Tom Stoppard, glänzend übersetzt von Corinna Brocher, von Timing und Tempo, und diesbezüglich ist Alder ein Meister: Jede Pointe sitzt, jedes Bonmot ist auf den Punkt gebracht. Die Schauspieler agieren allesamt in Höchstform, die eine oder andere Darbietung ist beinah circensisch, und das Publikum dankte mit großem Jubel und viel Applaus.

Die Story, samt Stück im Stück, handelt sozusagen von der Entstehung von Shakespeares „Romeo und Julia“. Der britische Barde hat Schreibhemmung, dafür aber einen Haufen Schulden. Er quält sich mit der Komödie „Romeo und Ethel, die Piratentochter“. Die Premiere naht, die Proben sind eine Katastrophe, die Besetzung ist ein Graus. Da tritt der junge Schauspieler Thomas Kent auf den Plan, in Wirklichkeit Viola De Lesseps, Töchterchen aus besserem Hause, die es, zu Zeiten da nur Männern das Schauspielen gestattet war, zur Bühne und in die Nähe des von ihr verehrten Dichters drängt. „Tom“ kriegt die Rolle des Romeo, und Will seine Gefühle nicht mehr auf die Reihe. Was im weiteren Verlauf geschieht, Lieben und Leiden, inspiriert Shakespeare dann zum schönsten Liebesdrama aller Zeiten …

Die Amme ist natürlich in alles eingeweiht: Therese Lohner mit Swintha Gersthofer. Bild: Astrid Knie

Begeistertes Publikum: Swintha Gersthofer, Therese Lohner und Oliver Huether. Bild: Astrid Knie

Dass Stoppard in die romantic comedy eine mit Shakespeare-Zitaten gespickte Satire einschreiben musste, ist logisch. Und so ist „Shakespeare in Love“ auch eine hinreißende Parodie auf den Theaterbetrieb. Intendant gegen Autor, die Schauspieler gegen alle, ein Sponsor, der seine Rechte geltend machen will und mit einer Minirolle befriedigt wird, Bühnen im Wettstreit um das Publikum – aber wenn’s hart auf hart kommt, hält die Herde der Theatertiere zusammen.

Apropos, Tiere: Dies der running gag im Stück – seit Curtain-Theatre-Prinzipal Burbage eigenmächtig bei einer Aufführung von „Zwei Herren aus Verona“ vor Königin Elizabeth den Hund Spot eingeführt hat, weil die Queen Vierbeiner liebt, wollen alle nur noch Stücke mit Hund haben. Bei Stoppard ist das Theater im Wortsinn auf den Hund gekommen, und Superautor Shakespeare selten Herr seiner selbst, seine gewiefteren Ideen – siehe Spot/Crab – haben in der Regel andere …

Auf die Bühne der Kammerspiele hat Ines Nadler die Andeutung eines elisabethanischen public playhouse gestellt, eine Konstruktion, die ein Spiel auf zwei Ebenen zulässt, sodass Szenen schnell ineinandergreifen können.

Herrlich anzuschauen sind die historisch anmutenden Kostüme von Frank Lichtenberg. In diesem Setting treten einander Dominic Oley als Will Shakespeare und Swintha Gersthofer als vom Theatervirus infizierte Viola De Lesseps/Thomas Kent gegenüber, und die beiden sind ein hinreißendes Liebespaar. Oleys Shakespeare, sowohl Intellektueller wie Romantiker, tänzelt beständig am Rande der (komischen) Verzweiflung und erweist sich als Dramatiker als erstaunlich durchsetzungsarm. Er wird von allen Seiten angetrieben und – da ist es wieder – von allen Hunden gehetzt. Gersthofer macht auf emanzipiert in einer Machowelt, ist aber in erster Linie schwer verliebt. In den Szenen, in denen die beiden „Romeo und Julia“ spielen, sind sie anrührend und sprachlich großartig, besser als manch andere in einer tatsächlichen „Romeo und Julia“-Inszenierung.

Der Theaterdirektor und sein Dramatiker: Siegfried Walther als Henslowe mit Dominic Oley. Bild: Astrid Knie

Königin Elizabeth und ihr Haushofmeister Tilney: Ulli Maier und Markus Kofler. Bild: Astrid Knie

Als Shakespeare beginnt Viola den Hof zu machen, tritt Christopher „Kit“ Marlowe auf den Plan. Von ihm nämlich, dem besseren Poeten, stammt in Wahrheit Sonett XVIII, „Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?“, er sagt es Will unter Violas Balkon vor, wie Cyrano dem Christian einflüstert. Oliver Rosskopf gestaltet Marlowe als Draufgänger und Streithansl, mit ihm schwappt das Testosteron über die Bühne. Gesteigert nur von Claudius von Stolzmann als Schauspielstar Ned Alleyn, der sich seines Auftritts und seiner Wirkung bis in die blonden Haarspitzen bewusst ist. Er soll der Mercutio werden, und liefert eine filmreife Fechtsszene.

Siegfried Walther hat als schmuddeliger Rose-Theatre-Direktor Henslowe die Lacher auf seiner Seite. Köstlich, wie er, zunehmend erahnend, dass er für das falsche Stück bezahlt hat, in den Texten, die Shakespeare erst nach und nach aushändigt, 1. einen Schiffbruch, 2. Piraten, 3. einen Hund sucht. Als abgebrühten ebensolchem kann ihn immerhin nichts erschüttern. Egal was schiefgeht, Henslowe hat sein Theatermacher-Mantra: Alles wird gut werden durch ein Wunder.

Alexander Strömer ist in der Rolle von Henslowes stets wie aus dem Ei gepellten Konkurrenten Burbage zu sehen. Oliver Huether bekommt als Geldgeber Fennyman den Ein-Satz-Part des Apothekers: Sein Sinn wird leicht, die Börse auch. Nikolaus Barton ist ein brutaler, unsympathischer Adelspleitier Wessex, dem Viola zur Frau versprochen ist. Gelungen der John Webster von Marius Zernatto, quasi der erste Splatter-Fan, dem immer dann wohl ist, wenn auf der Bühne Köpfe rollen und Herzen durchbohrt werden. Dies ist umso witziger, wenn man weiß, was aus Webster geworden ist – ein Autor von düster-grausamen Theaterstücken. Markus Kofler hasst als rechthaberischer Haushofmeister Tilney das Theater und will alle schließen, wird aber von seiner Herrin zurechtgewiesen.

Haushofmeister Tilney schließt das Rose Theatre: Markus Kofler, Philip Kelz, Oliver Huether, Swintha Gersthofer, Siegfried Walther, Alexander Strömer und Dominic Oley; oben: Marius Zernatto. Bild: Astrid Knie

Diese, Königin Elizabeth, stattet Ulli Maier als Lookalike mit trockenem Humor aus. Mit einem halben Dutzend junger Männer im Schlepptau segelt sie übers Parkett, alle Kabalen durchschauend, aber doch nicht in das Leben der niederen Ränge eingreifend. Nichts fehlt an diesem „Shakespeare in Love“. Weder Nachtigall noch Lerche, weder Gift noch Dolch – und natürlich auch nicht die Amme, die Therese Lohner zur hantigen Beschützerin macht.

Am Ende ist ein Stück Weltliteratur fertig, und ist bewiesen, dass der Herzschmerz-geplagte Künstler der bessere ist. Es folgt: „Was ihr wollt“. „Shakespeare in Love“, dieses so subtile, saloppe Stück, macht auf seine komödiantische Art eines wieder einmal klar: Nämlich, warum da einer aus Stratford nach mehr als 400 Jahren immer noch Globe-ale Gültigkeit hat.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2017