Kammerspiele: Der Sohn

Februar 28, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Wandverbau im seelischen Wohnzimmer

Noch ist der Vater überzeugt, dass er dem Sohn den Kopf zurechtrücken kann: Marcus Bluhm als Pierre, Julian Valerio Rehrl als Nicolas und Susa Meyer als Anne. Bild: Moritz Schell

Selten sagt ein Bühnenbild so viel, wie dieses von Miriam Busch. Es erklärt die folgenden zweieinhalb Stunden mit ein paar Versatzstücken, Esstisch, Sofa, Grünpflanze, die Atmosphäre irgendwo zwischen studentisch und intellektuell, zwischen Quartier de la Bastille und Canal St. Martin. Doch nicht nur fällt der Fußboden vom Dekokamin zu Babys Spielbogen steil ab, die gesamte Einrichtung hängt spiegelverkehrt von der Decke. Was auf den ersten Blick wie üblich wirkt, ist das eben nicht.

Da ist eine Situation ins Rutschen geraten, sind Menschen am Plafond angekommen, und um das Dings mit den Plattitüden zu beenden, fällt einem lieber der Stefanie-Sargnagel-Sager ein: „Mir fehlt der Wandverbau in meinem seelischen Wohnzimmer.“ Heißt, was immer das heißt, die Normalität, die Stabilität, die Regale für Lebens Rat und Hilfe. An den Kammerspielen der Josefstadt brachte Regisseurin Stephanie Mohr „Der Sohn“ des Pariser Dramatikers Florian Zeller zur österreichischen Erstaufführung, ein Text, wie gemacht für Mohrs subtile, unauf- geregte Art zu inszenieren, ihre Lust am Schauspieler, von denen sich an diesem Abend zwei speziell hervortun:

Julian Valerio Rehrl, der bereits bei seinem Josefstadt-Debüt als Christopherl an der Seite von Johannes Krisch in „Einen Jux will er sich machen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35177) aufs erfreulichste auffiel, und als Sohn Nicolas von enormer Bühnenpräsenz. Und Marcus Bluhm, trotz dessen brillanter Performance das Stück natürlich nicht noch einmal „Vater“ – siehe die 2016er-Erfolgsproduktion mit Erwin Steinhauer (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17522) – heißen kann, Bluhm, dem es virtuos gelingt den Übel- in eine Sympathie für den „Täter“ zu verwandeln, und dessen auch von Autor Zeller als zentral gesehene Position sich in den beiden „la réalité rattrape le beau rêve“-Schlussbildern verfestigt.

Es ist das bemerkenswerte Moment der Zeller-Mohr-Bluhm’schen Arbeit, dass die Ahnung möglichen Scheiterns permanent mitschwingt, wie energisch auch immer Papa Pierre seine Alles-wird-gut-Behauptungen vorbringt. Und, nein, gar nicht teilen kann man die Hoffnung eines Pausengesprächs, „dass jetzt dann endlich was passiert“, weil es das dauernd tut, nur dass Zeller auch diesmal aus der von ihm verfassten Familientragödie kein großes Drama macht. Gerade aber die Alltäglichkeit des Ganzen schneidet tief ins Fleisch, die scharf geschliffenen verbalen Schlagabtausche in hochtouriger Szenenfolge treffen eigene wunde Punkte.

Marcus Bluhm und Julian Valerio Rehrl. Bild: Moritz Schell

Julian Valerio Rehrl. Bild: Moritz Schell

Julian Valerio Rehrl und Susa Meyer. Bild: Moritz Schell

Da stehen einander zunächst Bluhms Pierre und Susa Meyer als Ex-Ehefrau Anne gegenüber, in der steifen Freundlichkeit des typischen „Nicht mehr miteinander reden wollen, aber Müssen“ der geschiedenen Leute. Der gemeinsame Teenager-Sohn hat sich zum Sorgenkind entwickelt, nun soll Nicolas auf eigenen Wunsch von der ob des depressiven 17-jährigen Schulabbrechers ratlosen Mutter zum willensstark-zielbewussten Vater übersiedeln – allein, der ist dieses nicht, sondern lebt mit junger Frau und neuem Säuglingssohn zusammen. Swintha Gersthofer spielt diese offenbar nur wenige Jahre als Nicolas ältere Sofia, die übermüdete Jungmutter die schnippisch der Verzweiflung der älteren erschöpften gegenübersteht, wie die Möblage spiegeln sich die Verhältnisse, denn glasklar sieht Gersthofers Sofia die Störenfriedin als Dystopie ihrer selbst.

Was folgt, gleicht dem Tucholsky’schen gut ist das Gegenteil von gut gemeint. Man liebt und müht sich, man redet und redet und ringt mit jener Haut, aus der man nicht kann. Das Ensemble ist intensiv in seiner Darstellung der Überforderung, angestrengt tritt es den Gang in die von Zeller vorgeschriebene Ausweglosigkeit an, und auch als Zuschauer hat man einiges an Emotion und Elend auszuhalten. Bluhms zweifacher Familienvater ist zerrissen zwischen dem Wiedergutmachen seiner Fehler der Vergangenheit, sein Selbstvorwurf die „Schuld“ am Aus von Ehe Nr. 1 und daher auch vorhin das Wort vom „Täter“, und Sofias innerem Widerstand gegen Nicolas. Dieser Pierre ist ein Macher, ein Zu- und Anpacker jenseits jedes Begreifens, was Nicolas peinigt.

Gersthofers Sofia versucht, sich anständig zu verhalten, wie alle Figuren Zellers ist auch ihr Charakter kein schwarzweißer, sondern viele Farben Grau, in ihren besten Augenblicken reißt sie Nicolas aus seinen dumpfen Grübeleien, hat auch sie einen schlechten, obsiegt die Verweigerung gegenüber diesem schwierigen Heranwachsenden. Dann will sie den Mann, der nun der ihre ist, und das Kind Sascha vor dem unberechenbaren Halbbruder und den Abgründen, die dieser einen nach dem anderen auftut, schützen.

In ihren besten Momenten holt die kaum ältere Sofia Teenager Nicolas aus der Depression: Swintha Gersthofer mit Marcus Bluhm und Julian Valerio Rehrl. Bild: Moritz Schell

Auftritt Nicolas, Julian Valerio Rehrl, lauernd, launisch, mit dem Interieur auch die Idylle in ihre Bestandteile zerlegend. Wie Rehrl prinzipiell auf Stuhllehnen buchstäblich wie am Sprießel sitzt, zeigt Nicolas Gefühl, keinen Platz in dieser Welt zu haben, und tatsächlich sind die Konstellationen im Stück derart, dass je nach Perspektive immer einer das fünfte Rad am Wagen ist, jeder auf seine Weise zwischen allen Stühlen sitzt. Die Frage nach dem „Sinn“ dreht Nicolas‘ Vater ihm kurzerhand ab.

Rehrl lässt Nicolas‘ Verstocktheit, Schmerz, Zwangslage aus seinem verschlossenen Gesicht, den ins Leere blickenden Augen, aus seinem zusammengeklappten, sich wiegenden Körper sprechen. Das ist die Krankheit der Seele. Nicht die von Pierre zweckoptimistisch als solche benannte Teenie-Weltverdrossenheit. Dass Pierres Plan von Fördern und Fordern, sein Changieren zwischen „Ich akzeptiere das nicht!“ und „Ich verbiete es dir!“ in diesem Plot nicht funktioniert, versteht sich, Pierre der alles besser machen will, als sein eigener Vater, der sich nur für die Firma und die Jagd interessierte – und von dem Pierre noch ein Geschenk, ein Gewehr ganz hinten im Kasten stehen hat. Mit dessen Abfeuern das Zufügen von Selbst/Verletzungen aber noch kein Ende hat.

Bluhm und Rehrl haben im Vater-Sohn-Infight zweifellos die interessantesten Szenen, wenn Zeller in ihren Dialogen das vorhandene oder verwirkte Recht auf einen „Das ist mein Leben!“-Egoismus von Eltern durchdekliniert. Zeller, selbst stets Betrachter nie Begutachter der von ihm entworfenen Versuchsanordnungen, schafft es das Publikum zum Mitfühlen statt zum Moralisieren zu bringen. Nahtlos in die rundum gelungene Aufführung passen sich Oliver Huether als Psychiater und Alexander Strömer als Pfleger ein.

Schließlich setzt Stephanie Mohrs Einfallsreichtum einen schönen Schlusspunkt, keinen tröstlichen, sondern einen im Sinne ihres Premieren-T-Shirts, auf dem ein/e Raumfahrer/in „more space“ verlangt, stellt sie doch im allgemeinen Sich-in-Tränen-Auflösen Susa Meyer seitlich an die Rampe. Anne als Silhouette im Halbdunkel, stumm, unbemerkt, einsam, die Frau von früher, deren Empfindungen hier niemand gedenkt. Welch ein Statement! Monsieur Zeller, auch an Sie …

www.josefstadt.org           Video: www.youtube.com/watch?v=qkeZhi_SVTIi

  1. 2. 2020

Verliebt in meine Frau

November 19, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Erotische Tagträume beim Abendessen

Die Kontrahenten beim ersten Kennenlernen: Daniel Auteuil, Sandrine Kiberlain, Adriana Ugarte und Gérard Depardieu. Bild: © Christine Tamalet

Dem deutschsprachigen Feuilleton hat diese Filmkomödie größtenteils nicht gefallen. Die Urteile sind vernichtend, im höflichsten Fall steht geschrieben, dass das Lustspiel „nur Kopfschütteln hinterlässt“, die gemeinste Kritik nennt es „ekelerregend“. Mag sein, dass diese Bekundungen mit der Sprachbarriere zu begründen sind. Sieht man „Verliebt in meine Frau/Amoureux de ma femme“ nämlich im französischen Original, amüsiert man sich prächtig.

Ab Freitag ist das in den Kinos zu prüfen, und auch in wessen Arme seine Gedankenreise den Antihelden eines desaströsen Abendessens schließlich führen wird. Ein Tipp: Der Filmtitel weist in die richtige Richtung.

Daniel Auteuil, Charakterdarsteller mit immer wieder Freude am Fröhlichen, hat bei „Verliebt in meine Frau“ die Regie übernommen, und sich selbst als einen der vier Protagonisten besetzt. Von Florian Zeller ist das Drehbuch, der Dramatiker hat dafür sein Theaterstück „L’envers du décor/Die Kehrseite der Medaille“ adaptiert. 2016 war dieses in einer Inszenierung von Alexandra Liedtke mit Sona MacDonald und Michael Dangl an den Kammerspielen der Josefstadt zu sehen. Der Inhalt: Daniel – Auteuil – lädt, als er auf der Straße zufällig seinen Freund Patrick trifft, diesen leichtfertig zum Diner ein. Samt Begleitung, und damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn Patrick hat eine „Neue“, Emma, während seine Ex die Busenfreundin von Daniels Frau Isabelle ist.

Auteuil hat sich hochkarätige Unterstützung geholt. Sandrine Kiberlain spielt die Isabelle, Adriana Ugarte die Emma, und der großartige Gérard Depardieu in erster Linie sich selbst, den Feinschmecker, Weinkenner, Frauenliebhaber – den gutgelaunten, aufgeräumten Patrick. Emma, das sieht das Publikum, entpuppt sich als blutjunge, aparte, supersympathische Schönheit. Der Witz des Ganzen entsteht nun, weil jede Figur auf diese Frau seine eigenen Vorstellungen projiziert. Wunderbar, wie Isabelle beim ersten Anblick das Gesicht gefriert, wie sie, weil Emma und Patrick erst nicht sagen wollen, wo sie einander kennengelernt haben, Fantasien von ihr als Prostituierten in einer Bar hat.

Schlimmer noch trifft es Daniel, der sich vor seinen erotischen Tagträumen nicht retten kann. Während am Tisch Smalltalk über Spargel stattfindet, sieht er sich in poetischen Bildern mit Emma in Venedig, am Pool, beim Familienfest, weinend, während sie „Onkel Wanja“ spielt, tatsächlich steckt ganz viel Tschechow in der Szenerie, und am Ende und wegen dieser „Altherrenalbernheit“ der große Aufschrei der Rezensenten – sie sich nackt ausziehen. Ein Augenblick nur, bevor ihn sein Gestammel wieder in die Gegenwart des Esszimmers zurückholt, und Auteil gestaltet ihn anrührend und liebenswert, zwar vom Neid zerfressen, doch ist sein Daniel wahrlich alles andere als der ihm unterstellte triebgesteuerte Macho. Eher ein tragikomisches Opfer seiner Begierden.

Sandrine Kiberlain und Daniel Auteuil. Bild: © Christine Tamalet

Gérard Depardieu und Adriana Ugarte. Bild: © Christine Tamalet

Tatsächlich werden in „Verliebt in meine Frau“ alle Seiten verlacht. Die Männer für ihre Selbstverliebtheiten – Daniel hält sich für den „König der Verhandlungen“, wird aber bei jedem Ehekonflikt von seiner Frau an die Wand argumentiert – und ihre falschen Annahmen über das Wesen der Frau – Depardieu ist als Patrick wie ein selbstzufrieden schnurrender Kater, der in Emma glaubt einen Jungbrunnen gefunden zu haben -, Isabelle wegen ihrer Vorurteile und dem Konkurrenzdenken gegenüber dem eigenen Geschlecht. Florian Zeller verteilt sein ironisches Augenzwinkern gerecht unter seinen Midlife-Crislern, die einzige Unschuld ist Emma.

Noch dazu nimmt er das streng geschützte (Non-)Kommunikationssystem des Bildungsbürgertums aufs Korn, in dem aus Konvention kaum jemand je ausspricht, was er denkt, weshalb es eben zu Irrungen und Wirrungen kommen muss. Die Gastgeber tappen diesbezüglich in jedes Fettnäppchen, und wenn Depardieu mit Blick auf den nächsten Sommer das Dessert mit den Worten „Ich muss auf mein Gewicht achten, der Strand ist erbarmungslos“ ablehnt, dann sage einer, das sei nicht von der Art charmanter Koketterie, wie’s nur die Franzosen können.

Dass es in der zugegeben konventionell erzählten Story an Spannung nicht fehlt, liegt an Regisseur Auteils Kunstkniff, die Erzählebenen mehr und mehr ineinander greifen zu lassen. Immer raffinierter und undurchschaubarer wird, was real und was irreal ist, die Handlung springt zwischen Szenen und Zeiten, so dass man bald nicht mehr weiß, was passiert ist, passieren wird oder sich niemals ereignet. Am Schluss wird sich herausstellen, wer hier wen den ganzen Abend über manipuliert hat. Kein wirklich überraschendes Ende, aber ein beziehungstechnisch betrachtet wunderschönes.

www.facebook.com/VerliebtInMeineFrau

  1. 11. 2018

Die Blumen von gestern

Januar 9, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Liebeskomödie unter Holocaustforschern

Eine Reise zurück zu den Wurzeln: Die Holocaustforscher Toto und Zazie arbeiten ihre Familiengeschichten auf: Lars Eidinger und Adèle Haenel: Bild: © Dor Film

Eine Reise zurück zu den Wurzeln: Die Holocaustforscher Toto und Zazie arbeiten ihre Familiengeschichten auf: Lars Eidinger und Adèle Haenel: Bild: © Dor Film

Wenn im Abspann Hauptdarsteller Lars Eidinger endgültig aus der Rolle fällt und gekonnt ein paar Stunts hinlegt, über ein Fahrrad springt, über eine Kühlerhaube turnt, dann ist damit der Film in einem Moment erklärt. Hier wollten ein paar spielen, der Schwere des Themas eine ganz besondere Leichtigkeit unterjubeln, das Leben feiern und die Liebe – und das Leben, das aus dieser Liebe entsteht. Am 13. Jänner kommt Chris Kraus‘ neuer Film „Die Blumen von gestern“ in die heimischen Kinos.

Nach „Poll“ oder „Vier Minuten“ arbeitet sich der Regisseur und Drehbuchautor einmal mehr an seiner eigenen Familiengeschichte ab. Kraus‘ Großvater war bei der SS, und diesen Umstand unterschiebt er nun seinem Protagonisten Totila „Toto“ Blumen. Der ist wie zur Sühne Holocaustforscher, ein schlecht gelaunter, sogar aggressiver, impotenter noch dazu. „Ich verdiene mein Geld damit, negativ zu sein“, ist der Satz, den Toto zu sich selbst zu sagen hat. Als ein anderer statt er zum Chef der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen befördert wird und der für einen Auschwitz-Kongress als Sponsor eine ehemals in Nazigeschäfte verwickelte Autofirma an Land zieht, schlägt Toto blindlings zu.

Mann ohne Nerven: Toto verprügelt seinen Chef: Eidinger mit Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Mann ohne Nerven: Toto verprügelt seinen Chef: Eidinger mit Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Und auch das Zusammenleben mit der Ehefrau geht vor die Hunde: Eidinger mit Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

Und auch das Zusammenleben mit der Ehefrau geht vor die Hunde: Eidinger mit Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

Seine Frau hat einen genehmigten Lover, doch nun wird, was nur Sex sein sollte mehr, weil die Angetraute die „Traumata-Scheiße“ daheim nicht mehr aushält. Und als wär’s noch nicht genug bekommt Toto eine Assistentin zugeteilt, eine Französin namens Zazie, die ihm lang schon auf der Spur ist, weil sein Großvater ihre Großmutter ins Gas schickte. Es entwickelt sich eine Amour Fou, man begibt sich auf eine Reise rückwärts in die Familiengeschichte; auch in Wien wurde gedreht für Toto und Zazies Spurensuche in der Vergangenheit …

Was nach großem Drama klingt, verwandelt sich in Kraus‘ Händen zur subtilen Tragikomödie. Der Filmemacher hat seinen Stoff mit einem sehr eigenen Humor unterfüttert, einem, der sich deutlich von den obligaten deutschen Nazi-Satiren unterscheidet. Kraus nähert sich dem Thema mit großem Respekt, weiß einen auch zu berühren, doch die dazu unter der Oberfläche brodelnden aberwitzigen Dialoge und die teilweise fast schon obskure Situationskomik machen‘s aus, dass „Die Blumen von gestern“ ein kleines Meisterwerk sind. Getragen von den beiden Ausnahmeschauspielern Lars Eidinger und Adèle Haenel. Die zweifache César-Gewinnerin, in Frankreich längst ein Star, nahm für die Rolle der Zazie sogar Deutschunterricht, um nicht auf einen Sprachcoach angewiesen und deshalb im Ausdruck authentischer zu sein.

Lars Eidinger brilliert als schrulliger Jungprofessor im Burn-Out-Beruf. Kaum jemals war die erste Kraft der Berliner Schaubühne auf der Leinwand seinem Theater-Ich an Kraft und Intensität näher denn als Toto Blumen. Er changiert zwischen bierernst und betroffen, gibt mit ebenso viel Verzweiflung wie Zorn einen Nach-Sich-Suchenden, einen Täterenkel, der um Befreiung aus der Familienschuld ringt. Das hat Humor, weil Toto eben keinen hat. Eidinger weiß das fulminant darzustellen.

Seiner Misanthropie setzt Haenel als Opferenkelin Zazie eine charmante Verrücktheit entgegen. Gemeinsam bedienen Eidinger und Haenel das Instrumentarium der Screwball-Comedy; Kraus hat ihnen dazu Dialoge geschrieben, die zwischen befreiender Frechheit, tiefempfundenem Mitgefühl und deutscher Gedenkroutine hin und herflitzen. Kraus ist einer, der dem Menschlichen und dem Allzumenschlichen stets ein Lächeln schenkt.

Dazu glänzt die Riege der Nebendarsteller. Jan Josef Liefers spielt mit Verve gegen Eidingers Toto an, ist doch der neue Chef der Zentralstelle nicht der auf ihn projizierte Unsympath, sondern eigentlich ganz nett. Hannah Herzsprung ist für die Rolle von Totos Ehefrau in den Fatsuit gestiegen, Bibiana Zeller gibt die über die Familienvergangenheit nur vorgeblich verwirrte Großmutter. Rolf Hoppe und Burgtheaterlegende Sigrid Marquardt sind zwei Holocaust-Überlebende. Großartig sind die Szenen mit Marquardt und Eidinger; er muss um ihre Teilnahme als Zeitzeugin beim Kongress ringen, doch sie frühstückt ihn ab: „Sie amüsieren mich nicht.“ Den fertigen Film konnte die Marquardt nicht mehr sehen, sie starb knapp vor Fertigstellung mit 91 Jahren.

blumenvongestern08„Eine Komödie über Wunden und ihre Herkunft“ nennt Chris Kraus seinen Film. Er zeigt auf, dass in Deutschland wie in Österreich die öffentlich betriebene Vergangenheits- bewältigung mit ihren feierlichen Zeremonien nur das amtlich-anonyme Pflaster auf dem Schorf des Dritten Reichs ist.

„Wir leben in einer Zeit, in der man dem rechten Wahnsinn mit allen Mitteln die Stirn bieten muss, warum also nicht mit Mitteln anarchischer Fröhlichkeit …“, lautet eine Regienotiz von Kraus. „Glücklich das Leben feiern, das so schwierige und schmerzvolle, naiv auf Versöhnung hoffen, die Bekloppten in ihre Schranken weisen und politische Schönheit schaffen: Das kann so verkehrt nicht sein.“ Ist es auch nicht.

Lars Eidinger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=23768

www.DieBlumenVonGestern.de

Wien, 9. 1. 2017

Die Blumen von gestern: Lars Eidinger im Gespräch

Januar 7, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt den Holocaustforscher Toto Blumen

Zwei Holocaust-Forscher auf Spurensuche: Adèle Haenel und Lars Eidinger. Bild: © Dor Film

Zwei Holocaustforscher auf Spurensuche: Adèle Haenel und Lars Eidinger. Bild: © Dor Film

Am 13. Jänner kommt der neue Film von Chris Kraus in die heimischen Kinos. In „Die Blumen von gestern“ erzählt der Filmemacher von der Amour Fou zweier Holocaustforscher, sie Opferenkelin, er Täterenkel, sein Großvater schickte ihre Großmutter ins Gas. Was nach großem Drama klingt, wird bei Kraus zur skurril-leichten Tragikomödie. Sein Film ist eine Ode an das Leben und die Liebe, und das feiert er auf höchst groteske und kuriose Art.

Dass die Übung gelingt, liegt nicht zuletzt an Hauptdarsteller Lars Eidinger. Er spielt den Jungprofessor Toto Blumen, mit ihm der französische Leinwandstar Adèle Haenel dessen Assistentin Zazie, Hannah Herzsprung die Ehefrau, Jan Josef Liefers den Vorgesetzten, Bibiana Zeller die Großmutter und Rolf Hoppe den Mentor; Burgtheaterlegende Sigrid Marquardt ist mit 91 Jahren als Holocaust-Überlebende in ihrer letzten Rolle zu sehen. Lars Eidinger im Gespräch:

MM: Aus Deutschland kamen in den vergangenen Jahren immer wieder aberwitzige Komödien, die sich mit dem Dritten Reich und dem Holocaust befassen, „Die Blumen von gestern“ aber hat eine ganz eigene Atmosphäre. Was meinen Sie?

Lars Eidinger: Regisseur Chris Kraus ist ein Schüler von Rosa von Praunheim, und der bringt seinen Schülern bei, dass man als Filmemacher für den Film seine Persönlichkeit zur Verfügung stellen muss. Ich hatte in der Arbeit mit ihm immer das Gefühl, auch wenn ich natürlich meinen Beitrag geleistet habe, dass es am Ende die Persönlichkeit von Chris Kraus ist, die man auf der Leinwand sieht. In all ihrer Widersprüchlichkeit. Der Film hat was Skurriles, was Verzweifeltes, hat Aggression, aber auch extremen Witz und ein hohes Maß an Emotionalität. Womit „Die Blumen“ aufwarten, ist wahnsinnig komplex und nicht so leicht einzuordnen. Das gefällt mir.

MM: Welche Reaktionen erwarten Sie auf diesen unkonventionellen Film?

Eidinger: Ich habe Probleme damit, wie große Teile des Filmgeschäfts in Deutschland den Holocaust verhandeln. Vieles unterläuft die Dimension des Themas, indem sie auf vordergründigen und parodistischen Witz setzen, dafür ist dieses Phänomen aber viel zu schwer und kompliziert. Natürlich eignet sich eine Figur wie Hitler gut für die Persiflage, aber man darf nie vergessen, was da an Gräuel tatsächlich passiert ist, und da verbietet sich für mich eine gewisse Form von Humor. Unser Film würde auch funktionieren, wenn keiner lacht, weil sich die Figuren ihrer Komik nicht bewusst sind. Gerade ich, als Totila Blumen, habe die Aufgabe, die Dinge aus einer humorlosen Distanzlosigkeit zu sehen, dass heißt: das Publikum lacht, aber Totila lacht nicht.

MM: Wie würden Sie diesen Toto charakterisieren? Ist er spaßbefreit von Berufs wegen? War dieser grundaggressive Misanthrop einfach herzustellen?

Eidinger: Zumindest sagt er: „Ich bin Holocaustforscher, ich werde dafür bezahlt negativ zu sein.“ Toto stolpert von einer Katastrophe in die nächste. Für mich war es nicht einfach, ihn zu generieren. Ich habe nicht leicht Zugang zu ihm gefunden, was ich mir im Nachhinein damit erklärt habe, dass er mir so nah ist. Meiner Erfahrung nach fallen einem Charaktere leichter, die man gut von sich weghalten kann, deren Verhalten man reflektiert und durchschaut hat, und dass mit dem eigenen möglichst wenig zu tun hat. Bei diesen Dreharbeiten musste ich mir aber eingestehen, wie misanthropisch und soziopathisch ich eigentlich bin, und dass ich in Wahrheit viel Aufwand betreibe, um das zu verbergen.

MM: Warum?

Eidinger: Weil ich weiß, dass das nicht gerade Attribute sind, die einen sympathischer machen. Ich gebe mich als wahnsinnig zugänglich und verbindlich, bin aber eigentlich das Gegenteil. Das ist mir in die Wiege gelegt worden durch meine Erziehung, ich arbeite aber daran. Ich bin großgeworden mit einer Elterngeneration, die sagte: So sind wir halt, wir können’s nicht ändern. Ich glaube, meine Lebensaufgabe besteht darin, das zu überwinden und mich nicht hinter „Veranlagung“ zu verstecken.

MM: Das klingt, als wären die Dreharbeiten für Sie ein Psychotrip ins eigene Selbst gewesen.

Eidinger: Im Grunde sehe ich meinen ganzen Beruf darin, mich selbst zu finden; das ist die Hauptaufgabe der Kunst: sich seiner selbst bewusst zu werden. Die Leute sollen aber nicht verstehen, wer ich bin, sondern wenn sie nun beispielsweise diesen Film anschauen, verstehen, wer sie selbst sind.

Im Büro gibt's Ärger mit dem Chef: Lars Eidinger und Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Im Büro gibt’s Ärger mit dem Chef: Lars Eidinger und Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Daheim ist die Stimmung der Ehefrau nicht die beste: Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

Daheim ist die Stimmung der Ehefrau nicht die beste: Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

MM: Toto ist ein Täterenkel, der, wie sich herausstellen wird nicht zufällig, auf eine Opferenkelin trifft. In Deutschland und Österreich gibt es so etwas wie „Erinnerungskultur“, mit der man das Trauma Drittes Reich öffentlich überbewältigt, das Beispiel Toto und Zazie zeigt, dass das im Privaten noch lange nicht so ist.

Eidinger: Die Frage, die wir im Film stellen ist, was die Vergangenheit mit der Gegenwart macht. Inwieweit bin ich noch geprägt von dem, was mein Großvater im Krieg erlebt hat? Ich bin damit großgeworden, das komplett von mir wegzuhalten, zu sagen: was habe ich damit zu tun?, ich bin eine ganz neue Generation. Doch man irrt sich da. Ich glaube heute, es tut gut, es ist auch gesund, sich dem zu stellen. Tatsächlich ist es ja meine jüngste Vergangenheit, ich habe meinen Opa gekannt, er hat meinen Vater großgezogen, der im Krieg geboren ist, von dem bin ich wiederum erzogen und sozialisiert worden, das heißt, ich bin unmittelbar davon geprägt. Mein Opa hat nie über den Krieg gesprochen, ich erinnere mich an ihn nur rauchend im Fernsehsessel sitzend. Solcher Art Familienwunden sind der eigentliche Inhalt des Films, sie machen Totila und Zazie zu denen, die sie sind.

MM: Ist es so, dass sich jeder Deutsche und jeder Österreicher fragen muss, auf welcher Seite seine Familie gestanden hat? Haben Sie sich je gefragt?

Eidinger: Ja, und die Antwort ist, auf der falschen Seite. Weil die meisten Deutschen auf der falschen Seite gestanden haben, die Mehrheit waren Nazis, weil der Nationalsozialismus eine Massenbewegung war. Aber die Deutschen machen sich da gerne etwas vor, auch ich habe als Kind noch die Sätze gehört, man hätte nichts gewusst, nichts mitbekommen, das ist natürlich kompletter Quatsch. Rückblickend muss man sich im Gegenteil fragen, ob man in dieser Zeit nicht selbst auch Nazi gewesen wäre, denn die Leute sind mit einer Propaganda großgeworden, wie ihnen ganz andere Werte, eine ganz andere Sicht auf die Welt vermittelt hat. Wer weiß, ob nicht nachkommende Generationen zu uns einmal sagen: Kapitalismus? Wie konntet ihr den stützen? Ihr wusstet doch, auf welchem Elend und welcher Ausbeutung und Ungerechtigkeit er sich gründet!

MM: Ist dieser Blick aus der Vergangenheit auf sich selbst der Grund, warum man einen Film wie „Die Blumen“ macht?

Eidinger: Bei Chris Kraus ist das sicher so. Aber nicht im Sinne von „Erinnerungskultur“, wie Sie gesagt haben. Mit dem Wort kann ich nichts anfangen. Es geht vielmehr um eine Form der Bewusstmachung, damit so etwas wie das Dritte Reich nie wieder passiert. Ich sehe diesen Film aber nicht als Lehrstück. Ich bin kein Missionar. Ich möchte etwas von mir erzählen, in der Hoffnung, dass der Betrachter etwas über sich versteht. Aber ja, im Zuge der Gespräche, die ich nun führe, stelle ich immer mehr fest, dass der Film selbst die beste Antwort auf diese Fragen gibt, weil er sich dem Erbe, das wir am Dritten Reich tragen, in seiner ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit mit filmischen Mitteln stellt.

MM: Der Film erzählt von einer Amour Fou. Toto und Zazie verlieben sich ineinander. Kann man mit Liebe Narben glätten?

Eidinger: Wir zeigen eine Versöhnung, ja. Das ist romantisch und das gefällt mir auch: die kleinste gesellschaftliche Zelle, kann die Welt verändern. Wenn man noch kleiner geht und bei sich anfängt, hat das noch größere Auswirkungen. Das unterschätzen die Leute immer, welche Macht sie als einzelner habe. Liebe und mit dieser Liebe Leben schaffen, ist das, was die Menschen verbinden sollte, so romantisierend und pathetisch das auch klingen mag, aber ich denke, dass es sich auf diese simple Formel runterbrechen läßt. Für mich war die Begegnung mit Adèle Haenel das reine Glück. Ich hatte das Gefühl, in ihr meine geistige Schwester gefunden zu haben, mein weibliches Pendant, wodurch sich eine Form von Intimität vor der Kamera ergab, die ich mit keiner anderen Kollegin bislang erlebt habe.

MM: Sie hatten noch das Privileg mit der großen Sigrid Marquardt zu drehen. War sie abseits der Kamera auch so streng und kompromisslos wie davor?

Eidinger: Ich hatte Glück, sie mochte mich (er lacht). Ich war sehr beeindruckt von ihrer Person. Sie war nicht nur eine wahnsinnig attraktive Frau, sie hatte sich auch einen Schalk und einen Witz behalten, der beinah etwas Kindliches hatte. Andererseits fand ich interessant und anrührend, wie ehrgeizig sie noch war, wie sie sich geärgert hat, wenn sie mal einen Hänger hatte. Das hat sie für mich wahnsinnig sympathisch gemacht. Leider hat sie den Film nicht mehr gesehen.

www.DieBlumenVonGestern.de

Wien, 7. 1. 2017

KosmosTheater: Ronald Kuste in „Wunsch und Wunder“

März 2, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine groteske Fortpflanzungskomödie von Felicia Zeller

Ronald Kuste spielt Dr. Flause. Bild: Bettina Frenzel

Ronald Kuste spielt Dr. Flause. Bild: Bettina Frenzel

Eine aktuelle Umfrage in Deutschland kommt zu dem Schluss, etwa 64 Prozent der 18- bis 30-Jährigen stehen dem sogenannten. „Social Freezing“ aufgeschlossen gegenüber oder haben diese Methode sogar schon genutzt. In Österreich kann die Familienplanung durch das Einfrieren von Eizellen bis zu zehn Jahre nach hinten verschoben werden und steht der Karriereplanung damit nicht im Weg.

Großkonzerne wie Google, Apple und Facebook unterstützen ihre Mitarbeiterinnen dabei sogar finanziell. Aber auch kinderlose Paare können die Erfolgschancen einer Schwangerschaft mit Hilfe der Reproduktionsmedizin erhöhen, sofern sie bereit sind, die damit verbundenen physischen wie auch psychischen Strapazen auf sich zu nehmen, welche die notwendige Hormontherapie mit sich bringt.

In ihrem Stück „Wunsch und Wunder“ beschäftigt sich Felicia Zeller mit den Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin und dadurch real gewordenen Schöpfungsfantasien. Während sich diverse Kliniken hauptsächlich auf Paare mit unerfülltem Kinderwunsch konzentrieren, stellt Zeller nicht das persönliche Leid in den Fokus, sondern schreibt eine groteske Komödie rund um das Team der erfolgreichen Kinderwunschpraxis „Praxiswunsch“. Der Text, 2015 für den Mühlheimer Dramatikerpreis nominiert, hat am 10. März im KosmosTheater Premiere. Regisseurin der österreichischen Erstaufführung ist Susanne Draxler.

Ihre skurrilen Figuren stehen, so Zeller in einem Interview,  stellvertretend für verschiedenste Haltungen und Lebensläufe, sind zugleich „Handelnde als auch Zubehandelnde“: Dr. Flause, Pionier der Reproduktionsmedizin und Gründer der Kinderwunschpraxis wird von der ständigen Angst geplagt, von einem der zahlreichen – mit eigenen Samenspenden – gezeugten Wunschkind entlarvt zu werden. Während seine Praxiskollegin Dr. Betty Bauer verzweifelt versucht, ein Kind zu bekommen, ist die Sprechstundenhilfe schon wieder ungewollt schwanger. Eine Karenzvertretung muss her und noch ahnt niemand, dass es sich dabei ausgerechnet um eines der gezeugten Wunschkinder handelt, auf der Suche nach dem biologischen Vater…

Zeller nähert sich dem Thema auch sprachlich an und lässt Sätze ineinander verschmelzen, wie es sich eben ergibt: unregelmäßig, absurd und ungeplant. Die Rolle des Zufalls ist für Felicia Zeller wesentlich, er ist nicht nur in der Natur ein entscheidender Faktor, sondern bleibt es auch im sterilen Reagenzglas – eine Schwangerschaft kann schlussendlich auch mit medizinischer Hilfe und hoher emotionaler und monetärer Investition nicht garantiert werden. Wunsch und Medizin konkurrieren in Zellers Text, die Realität wird dem Märchen gegenüber gestellt und die „Machbarkeit“ dem Zufall.

Für „Wunsch und Wunder“ wurde ein erstklassiges Ensemble zusammengestellt. Ronald Kuste, bis 2015 Schauspieler am Volkstheater, spielt den Dr. Flause. Mit ihm stehen Michaela Bilgeri, Maria Fliri, Nikolaus Firmkranz und Katharina Haudum auf der Bühne.

www.kosmostheater.at

Wien, 2. 3. 2016