Momomento: Debris

November 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Poetische Verbeugung vor vergessenen Zirkusartisten

Maskenspiel und Zirkusnummern: Ruth Biller und Philipp Schörghuber erzählen tragische Geschichten von gescheiterten Artisten. Bild: © Philipp Ehmann

Miss Ella, der tatsächlich Omar Kingsley war, Katie Sandwina, die eigentlich höchst Wienerisch Brumbach hieß, Mieze Haupt, Tommy Cooper … Sie sind im Nebel der Geschichte verschwunden, der Kunstreiter, der mittels Künstlerinnenname vom Ruhm seiner Kolleginnen naschte, die einstmals stärkste Frau der Welt, die sich der Zugkraft von vier Pferden entgegenstemmte, die Raubtierdompteuse, die vor den Augen des Ehemanns von ihren Löwen getötet wurde, der

Zauberkünstler, der mitten in seiner Bühnenshow an einem Herzinfarkt starb … In der Fabrik in der Donaustädter Seestadt holt nun Momomento, Verein für zeitgenössische Zirkuskunst, die Verlorengegangenen und aus dem Gedächtnis Entschwundenen der gemeinsamen Zunft zurück in die Manege. „Debris. Ein Abend über das Vergessen“ nennt sich die Produktion, die das Regieduo Victoria Halper und Kai Krösche, für ihre letzte Arbeit „Ungebetene Gäste“ für den Nestroy-Spezialpreis 2019 nominiert (www.mottingers-meinung.at/?p=35311), in Szene gesetzt hat – Schattengeschichten über solche, die nie im gleißenden Licht der Arenen standen, dargeboten als pantomimische Performance von der Zeitgenössischen-Zirkus-Artistin Ruth Biller und Komponist und Live-Musiker Philipp Schörghuber.

Debris, das bedeutet Überbleibsel, Trümmer, und erstere aus zweiteren bergen Biller und Schörghuber nun, Fundstücke aus der Finsternis, zitieren herbei, was in Museumsarchiven verstaubt, in Hinterlassenschaften der Neuentdeckung harrt, Zeitdokumente, Namen, Gesichter auf verblassten Fotos, Menschen, die verdrängt, verbannt, im schrecklichsten Falle vernichtet wurden. Weil ihre Herkunft oder Religion die „falsche“ und also nach Meinung faschistischer Machthaber für sie kein anderer Platz als im Exil oder Vernichtungslager vorgesehen war. Was Biller und Schörghuber erzählen, sind Schicksale, die Lebensenden allesamt letal, tödliche Unfälle beim Hochseilakt, Eifersuchtsdramen zwischen Messerwerfern und deren „Zielscheiben“, verheerende Zirkusbrände … das Vorgeführte ein einziger Salto mortale, bei dem auch an die unethischen Praktiken der Freakshows und Monstrositätenkabinette oder der Dressur wilder Exoten erinnert wird.

Philipp Schörghuber kann mit allem Musik machen. Bild: © Philipp Ehmann

Ruth Biller mutiert auf Stelzen zum Elefanten. Bild: © Philipp Ehmann

Es ist eine der eindrücklichsten Episoden, wie Ruth Biller, die Beine auf Stelzen, die Arme um Besen verlängert, den Elefanten-Mensch macht, vom Tierbändiger zu Kunststückchen geknechtet, vom Publikum mit Erdnüssen gedemütigt, deren Schalen sie selbst aufkehren muss – bis die graue Riesin schließlich beschließt, sich mit einem Befreiungstotschlag an seinem Peiniger zu rächen. Bühnenbildner Matthias Krische hat für derlei Schaustellerei die Fabrik zwar mit dem obligaten roten Stoff ausgekleidet, doch darüber mit Plastikplanen, die an Abriss, an Baustelle denken lassen, die Atmosphäre ganz elegischer Abgesang.

Zu Schörghuber mit Akkordeon oder Kontrabass, auch Windspiel oder eingerissener Cymbale entlockt er Musik, hat Krösche eine Tonkulisse geschaffen, Klänge aus einem klassischen Zirkus-Orchestrion, unterfüttert mit historischen Aufnahmen hysterischer Ansager, der Sprechstallmeister seinerseits unterbrochen von Gelächter, Applaus, erschrockenen Ohs und Ahs, die „Debris“ in eine poetische Verbeugung vor vergessenen Zirkusartisten, in eine mitunter auch alb-/traumwandlerische Suche im Schutt der Vergangenheit verwandeln.

Biller und Schörghuber vor einer Akrobatiknummer. Bild: © Philipp Ehmann

Biller verbiegt sich, Schörghuber am Kontrabass. Bild: © Philipp Ehmann

Das Surreale der Szenerie unterstreichen die Masken von Matthias Krische, jede für sich ein Kunstwerk, jede dazu angetan, die diversen Zirkuskünstler als Archetypen ihrer Disziplinen auszuweisen. Für sie ist in der Mitte der Spielfläche eine durchsichtige Requisiten- kammer eingerichtet, aus der sich Biller und Schörghuber nehmen, was sie zur Darstellung brauchen. Sei’s als tanzende Taubendompteurin, sei’s für eine rasante Hula-Hoop-Reifen-Nummer. Wieder und wieder kommt es zum scharfklingigen Todeswurf, wieder und wieder zur Herzattacke.

Ein Einrad steigert sich zum Hochrad, je höher, je tiefer Schörghubers Fall; Ruth Biller zeigt als Hochseilartistin mehr als nur Andeutungen von Akrobatik. Den Körper im Wortsinn im Seil verstrickt, balanciert sie von Bodenpunkt zu Bodenpunkt, mit Bewegungen, die authentischer nicht sein könnten. Doch sogar in dieser stolzen Schönheit lautet makaber das Morbide – und Biller markiert nicht, nein: sie stürzt wirklich ab. Nach 90 Minuten mit fliegenden Frauen, traurigen Clowns und einer gespenstischen Armkontorsion von Philipp Schörghuber ist das Sinnenspektakel viel zu schnell vorbei.

Vier Gelegenheiten es zu sehen, gibt es noch! www.momomento.com

Interview mit Victoria Halper und Kai Krösche: www.mottingers-meinung.at/?p=32445

10. 11. 2019

Belvedere: Talking Heads

März 6, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

„Selfies“ von F. X. Messerschmidt bis Arnulf Rainer

Franz Xaver Messerschmidt: Der Schaafkopf, 1777/1783. Bild: © Belvedere, Wien

Ausgehend von den „Charakterköpfe“genannten berühmten Skulpturen Franz Xaver Messerschmidts betrachtet die Ausstellung  „Talking Heads. Zeitgenössische Dialoge mit F.X. Messerschmidt“ ab 8. März im Belvedere Darstellungen psychischer Extremsituationen in Gesichtsdarstellungen oder Büsten. Was hat in unserer „fazialen Gesellschaft“ jenseits von Facebook und Selfies Bestand? Zur Beantwortung dieser Frage werdenden Köpfen Messerschmidts die Werke von Künstlerinnen und Künstlern der Gegenwart gegenübergestellt.

„Ein düstrer finsterer Mann“ –Werktitel wie dieser beschreiben, was Franz Xaver Messerschmidts sogenannte „Charakterköpfe“ einzigartig macht. Der österreichische Bildhauer des 18. Jahrhunderts gestaltete eine Reihe skurriler, teils irritierender Büsten, von denen 16 im Besitz des Belvedere sind.

Die Schau stellt einigen von ihnen ausgewählte zeitgenössische Positionen gegenüber, die sich dem Ausdruck extremer Gefühlslagen widmen. Was wollten Künstler mit ihrer „Kopfarbeit“ – am eigenen oder dem anderen Haupt – zeigen? Es geht um die Darstellung von Verzerrungen, Transformationen und Bewegungen von Köpfen und Gesichtern. Die Ausstellung im Belvedere wirft Fragen nach Kategorien wie Psyche, Wahrnehmung und (Selbst-)Bespiegelung auf – sei es in Lutz Mommartz’ filmischer Kopf- und Gesichtsbeobachtung einer Künstlerpersönlichkeit wie Joseph Beuys oder in den malerischen Selbstwahrnehmungen von Maria Lassnig.

Mara Mattuschka: Messerschmidt 4, 2018. Courtesy the artist, © Bildrecht, Wien, Bild: Pixelstorm, Vienna

Arnulf Rainer. Steine unter der Lippe, 1975-1976. Bild: © Belvedere, Wien

Während Miriam Cahn in ihren Gesichtern häufig auf gegenwärtige gewaltvolle Geschehnisse Bezug nimmt, beschäftigt sich Anna Artakerin ihrer Arbeit mit dem archaischen Abdruck der Totenmaske. Die multimediale Schau fokussiert weniger auf das individuelle Gesicht als vielmehr auf dessen „Bearbeitung“ sowie auf das Motiv„Kopf“als (wesentlicher) Körperteil. Videoarbeiten von Douglas Gordon, Bruce Nauman oder Tony Oursler stehen neben Werken wie den Fotografien Arnulf Rainers –der sich im Übrigen auch an Messerschmidts Köpfen abarbeitete. Neben ausgewählten „Charakterköpfen“ sind etwa fünfzig Werke von Anna Artaker, Miriam Cahn, Douglas Gordon, Maria Lassnig, Mara Mattuschka, Lutz Mommartz, Bruce Nauman, Tony Oursler oder Arnulf Rainer zu sehen.

www.belvedere.at

6. 3. 2019

Drei Programmtipps fürs Salzburger Winterfest

November 24, 2015 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Das Festival für zeitgenössische Circuskunst startet

Betes de Foire: Petit Théâtre de Gestes Bild: Lionel Pesque

Betes de Foire: Petit Théâtre de Gestes
Bild: Lionel Pesque

Die Jubiläumsausgabe, die 15. Ausgabe des Winterfest steht in den Startlöchern. Ab 25. November verzaubern wieder internationale Circuscompagnien den Salzburger Volksgarten mit atemberaubender Artistik, leiser Poesie und bizarren Traumwelten. Mit der Eröffnungsproduktion Cirque Le Roux halten Circus, Comedy und Manschettenknöpfe im Theaterzelt Einzug. Im Stil eines alten Schwarzweißfilms zeigt die Compagnie eine geheimnisvolle Komödie rund um Miss Betty und ihre Verehrer. Mit brillanter Akrobatik, Slapstick und einer Prise Film Noir präsentieren Gregory Arsenal, Yannick Thomas, Philip Rosenberg und Lolita Costet den Nouveau Cirque par excellence, nämlich als Zusammenspiel von Circus, Theater und Tanz.

Auf der anderen Teichseite wartet das junge, dynamische Duo Magmanus, das mit Klettbandkostümen die Grenzen von Balance und Schwerkraft auslotet.  Manu Tiger und Magnus Bjøru sind hoffnungslos miteinander verbunden: wenn der eine fällt, fliegt der andere. Die beiden Artisten experimentieren mit ungewöhnlichen Materialien und Bewegungen und werfen schnell alle üblichen Erwartungen an Teeterboard und Jonglage über Bord. Hier wird geflogen, gesprungen, sich verkeilt, sich aneinander geheftet und es werden tollkühne Sprünge in der Luft vollführt. Mit präzisem Geschick und einem Augenzwinkern hinter der schwedischen Ernsthaftigkeit präsentieren Magmanus eine kurzweilige Performance, die die sportliche Seite des Circus unter die Lupe nimmt.

Nicht nur das alljährliche Bestaunen der einzigartigen Compagnien aus aller Welt, sondern auch die Lust, in Salzburg selbst Circuskünste zu erlernen und aufzuführen, wächst: Mit MOTA präsentiert das Winterfest eine Salzburger Nachwuchsproduktion. Von Klassik bis Klezmer, von Balkan bis Jazz, von Folkpop bis Soul, zeigt sich das historische Spiegelzelt wieder als Bühne für junge Bands und renommierte Künstler, als Tanzkulisse für Tango- und Swingabende und als Kulisse für Lesungen, Kabarett und Kino.

Die Empfehlungen:

Mit flinken Händen zerreißt sie die Stoffe, flickt sie wieder, spult den Faden ab, fädelt ihn wieder auf, mustert das Material und nimmt ihr Werk ganz genau unter die Lupe: Figuren entstehen und erwachen aus ihren Einzelteilen zum Leben. Ihr Partner, eine Art moderner, zerlumpter Clown mit müdem Gesicht, ist vor allem ein Meister der Ungeschicklichkeit. Doch in seinen Händen wird auch ein Stapel Hüte zu einem lebendigen Ballet. Ab 10. Dezember präsentiert Bêtes de Foire in ihrem kleinen Zelt die Österreichpremiere  des „Petit Théâtre de Gestes“. Gerade mal 100 Personen finden Platz auf dem steilen Gradin des kleinen Zeltes. Zu ihren Füßen befindet sich die Manege, halb umschlossen von einer Werkstätte, in der sich die Stoffballen und Materialien häufen. Als neue Generation von Circuskünstlern machen sich der Artist Laurent Cabrol und die Kostümbildnerin Elsa De Witte verschiedene Ausdrucksweisen zunutze, um die Illusion eines alten Jahrmarktcircus zu erschaffen. Beide pflegen ihre Liebe zum Straßentheater und zur Arbeit mit gebrauchten Materialien, die sie recyceln, zweckentfremden, aufwerten und verschönern. Was daraus entsteht, ist eine einzigartige Welt aus Circus, Marionetten, Objekttheater und Tanz.

Am 19. Dezember sind im Spiegelzelt Bonifazius & Michelino mit „Oh du …“ zu sehen. Bonifazius und Michelino könnten gegensätzlicher nicht sein: Tonangebend und vorlaut, umsichtig und planlos stolpern sie mitten hinein in eine verrückte, skurrile und feierliche Geschichte. Mit ungewöhnlicher Jonglage, feinster Clownerie, Livemusik und vielen Überraschungen widmen sie sich der Weihnachtszeit. Dem gemeinsamen Staunen und Freuen und dem Hineinhorchen in die stillen Momente, voll freudiger Erwartung, was als nächstes passieren wird. Zarte und auch kraftstrotzende Momente bietet dieses vielschichtige Theaterstück der beiden Künstler Michel Widmer und Heimo Thiel, die auch durch ihre Arbeit als ClownDoctoren bekannt sind.

Am 27. Dezember folgen im Spiegelzelt die Franzosen Les Rois Vagabonds mit „Concerto pour deux Clowns“, ebenfalls eine Österreich-Premiere. Julia Moa Caprez und Igor Sellem sind ausgebildete Musiker und Akrobaten, die ihr Publikum im Rhythmus von Ravels Bolero zum Lachen und Weinen hinreißen. Mit Leichtigkeit, Poesie und Raffinesse bewegen sich die beiden Vagabunden zwischen ihren verschiedenen Disziplinen und zeigen, dass die Kunst der Clownerie weit über das hinausgeht was man denkt. Ihre Leidenschaft für klassische Musik vereint das ungleiche Paar, das mit seiner Clownerie verzaubert. Clowns sind keine Schauspieler. Sie sind „Poeten in Aktion“, wie Schriftsteller Henry Miller sagte. Wenn sie eine rote Nase tragen, eine weiße Maske oder extravagante Kleidung , dann nur, um sich ungeschminkt zeigen zu können.

www.winterfest.at

Salzburg, 24. 11. 2015

wellenklaenge 2014

Juli 1, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Festival für zeitgenössische Kunst in Lunz am See

Marino Formenti Bild: © wellenklaenge, lunz am see

Marino Formenti
Bild: © wellenklaenge, lunz am see

Die wellenklaenge, das Festival für zeitgenössische Kunst in Lunz am See (NÖ), finden heuer von 4. bis 26. Juli 2014 statt.

Das Publikumerwartetein anspruchsvolles, spartenübergreifendes Programm aus ca. 20 Veranstaltungenmit Konzerten, Artistik, Filmvorführungen und Diskussionen zum Thema „reisen“. Im Zentrum des Festivals steht das Projekt „borderbreak II, Schubert und ich“ des italienischen Dirigenten und Pianisten Marino Formenti. Dabei widmet sich der „Glenn Gould des 21. Jahrhunderts“ (Los Angeles Times) in einer dreiwöchigen, öffentlichen Klausur Franz Schubert und seiner Musik. Der Ausnahmekünstler  ist gleich mit mehreren Konzerten vertreten. Im Rahmen des Nachfolgeprojektes von „Schubert und Ich“ (ein Fim über das Projekt läuft derzeit in den Kinos) www.mottingers-meinung.at/schubert-und-ich/, „borderbreak II, Schubert und Ich“ widmet er sich gemeinsam mit Laiensänger_innen Franz Schubert und seiner Musik.

Weitere Highlights: das Eröffnungskonzert am 4. Juli (Marino Formenti und seine Gäste, Celloquartett Extracello, Artistentruppe Le Boustrophédon), ein ausgelassener Jazz-Abend mit dem Trio Rom/Schaerer/Eberle sowie ein Klaviersolo von Marino Formenti in der Pfarrkirche von Lunz, bei dem das Publikum auf bereitliegenden Matratzen sowohl zeitgenössischen Klängen als auch Schubert im Original lauschen kann, das Bühnenweihespiel „Hans im Glück“ von Kurt Schwertsik und Karl Ferdinand Kratzl, ein Abend mit der Regisseurin Jacqueline Kornmüller zum Thema „Reisen und Flucht“ www.mottingers-meinung.at/kein-theater-die-wirklichkeit/, die New Yorker Band Hazmat Modine sowie die chinesische Folk Formation Dawanggang.

www.wellenklaenge.at