Womit haben wir das verdient?

Dezember 2, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Kiffen lieber Kopftuch tragen

Mutter Wanda hilft mäßig begeistert beim Burkini-Kaufen: Caroline Peters, Chantal Zitzenbacher und Duygu Arslan. Bild: © Mona Film

„Geht die Nina als Gespenst?“, fragt unschuldig der kleine Bruder, als er seine Schwester zum ersten Mal mit Hijab sieht. Die 16-Jährige ist nämlich zum Islam konvertiert, nennt sich nun Fatima – und hat das Kiffen zugunsten ihres Kopftuchs aufgegeben. Eltern im Schockzustand. Und während der Vater wenigstens versucht, ein wenig Verständnis aufzubringen, ist die Mutter ausschließlich schäumend vor Wut.

Wofür und wogegen – Frauenrechte/Adventkranz – hatte man in StudentInnentagen nicht alles protestiert, und nun das. „Kannst du nicht einfach katholisch werden?“, herrscht die Mutter die Tochter an: „Das wäre für mich schon schlimm genug!“ Solcherart ist der Humor in Eva Spreitzhofers Komödie „Womit haben wir das verdient?“, die am Freitag in die Kinos kommt – frech und sophisticated und so, dass alle Seiten ihr Fett abkriegen. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at nannte die Regisseurin und Drehbuchautorin „Monsieur Claude und seine Töchter“ als Genre-Vorbild, und tatsächlich ist ihr diese Art, gesellschaftspolitisch brisante Themen mit einer verspielten Leichtigkeit zu nehmen, perfekt gelungen. Spreitzhofer stellt Weltanschauungen auf den Prüfstand, eine vermeintliche Weltoffenheit, die beim ersten Windhauch in sich zusammenbricht, ebenso, wie eine vermutete Radikalisierung, ohne jemals einen publikumserzieherischen Zeigefinger zu erheben.

Im Mittelpunkt der Irrungen und Verwirrungen steht Burgtheaterschauspielerin Caroline Peters als Ninas Mutter Wanda, erfolgreiche Chirurgin, Feministin, Atheistin und Matriarchin einer Patchworkfamilie. Chantal Zitzenbacher spielt die Nina, Simon Schwarz Vater Harald. Auch sonst ist der Film mit Hilde Dalik, Alev Irmak, Pia Hierzegger, David Oberkogler, Mehmet Ali Salman oder Johannes Zeiler hochkarätig besetzt. Die Peters überzeugt und unterhält in ihrer Rolle auf ganzer Linie. Wie sie sich auf Erkenntnissuche begibt, ist einfach zu komisch.

Nina/Fatima wird von ihrem Stiefbruder mit einem Würstchen erwischt …: Chantal Zitzenbacher und Angelo Konzett. Bild: © Mona Film

… und wieder rettet Wanda die Situation: Caroline Peters und Chantal Zitzenbacher. Bild: © Mona Film

Ebenso, wie die Meinungen, die sie zu ihrem Problem einzuholen vermag. Vom Schuldirektor, der von Ninas Hijab begeistert ist, Motto: soll doch jeder auf dem Kopf tragen, was er will, Baseballkappen im Klassenzimmer aber verbietet. Über Wandas muslimischen Chirurgenkollegen, der ihr bescheidet: „Der Islam ist voll hipster geworden“. Über ihren Freund, der meint: „Wir schauen uns eine IS-Doku an und dann hat sich das“. Bis zum Imam, der weiß: „Dass Menschen deppert sind, hat mit Allah nichts zu tun“.

Bis zum Burkini lässt Spreitzhofer nichts aus, das irgend für öffentliche Debatten sorgt, doch nichts gerät ihr dabei schwarzweiß, immer stellt sie die auf allen beteiligten Seiten zu findende Bigotterie und Hypokrisie aus. Und während sich Nina/Fatima auf Youtube anschaut, was alles haram ist – Gummibärchen und Fahrradfahren, findet Wanda, um nichts weniger spießig und starrsinnig als ihre „Opponenten“, ausgerechnet in der Mutter von Ninas bester Freundin, Hanife, eine Verbündete.

Auch die ist alles andere als begeistert von der plötzlichen Religiosität der Mädchen. Eva Spreitzhofer ist mit „Womit haben wir das verdient?“ eine feine Satire gelungen, die auf feinfühlige Weise die Bruchstellen, Widersprüche und Grenzen von „Multi-Kulti“ ausleuchtet, und dabei durchaus spaßig ins Schwarze trifft. Großartig, wie eine Figur, die eben noch auf der einen Seite stand, sich gleich darauf argumentativ auf der genau anderen befindet. Dass Spreitzhofer ein, zwei Mal übers Ziel hinausschießt – Wandas Adoptivtochter stammt aus dem Vietnam, und ist somit eine, die sich ihr Andersaussehen nicht ausgesucht hat, der Sohn des Imams muss schwul sein -, dafür entschädigen Einfälle wie dieser:

Die Eltern verkleiden sich für Ninas vermutete Zwangverheiratung: David Oberkogler, Simon Schwarz und Caroline Peters. Bild: © Mona Film

Als Wanda und Harald überzeugt sind, ihre Tochter solle in der Moschee in eine Zwangsehe gedrängt werden, wollen sie das undercover, heißt: mit Tschador verkleidet, verhindern – und geraten prompt in eine Polizeikontrolle. Und weil sie umständlich die Umstände erklären, und der Beamte keine Ahnung hat, wie er mit dem vollverschleierten Ehepaar umgehen soll, ist sein Angebot schließlich: „Wann’s anfoch auf a Gschnas gangerten, tat‘ ma uns alle leichter.“

Am Ende verschiebt Eva Spreitzhofer bei ihrem Feel-Good-Movie noch einmal Grenzen. Zu viel sei nicht verraten, nur, dass die Filmemacherin die Frauensolidarität über alle Konflikte stellt, ebenso wie gegenseitiges Verständnis und ständige Verständigung. Und auch für Mutter Wanda bietet sich eine Lösung – nämlich einfach dies zu sein: Mutter. Die schönste Szene ist, Wanda findet Nina, wie sie auf dem Boden kauernd verzweifelt Bußgebete spricht. Sie konnte dem Würstl im Eiskasten nicht widerstehen. Da nimmt Caroline Peters Chantal Zitzenbacher einfach in den Arm, und ihr das Stückchen Schweinefleisch ab – und steckt es sich selber in den Mund.

Regisseurin Eva Spreitzhofer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30758

www.womithabenwirdasverdient.at

  1. 11. 2018

Hotel Rock’n’Roll

August 24, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein All-Inclusive-Trip in den wilden Wahnsinn

Die Hotelband und die Konkurrenz: Georg Friedrich, Pia Hierzegger, Detlev Buck, Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Die Hotelband und die Konkurrenz: Georg Friedrich, Pia Hierzegger, Detlev Buck, Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Man weiß in Wahrheit gar nicht wo anfangen. Bei den gewagten Rollstuhlstunts. Oder beim neongrünen Neptundrummer oder überhaupt beim Augenkrebsambiente. Beim mutmaßlichen Chartstürmer-Song „Futschikato Masalani“- wobei hier abzuwarten bleibt, ob die Metal- oder die Reggae-Version Platz eins erobern wird. Wurscht. Weil im pulpfiction-filmigen Vorspann verleihen sich die Macher eh schon selber das Prädikat wertvoll. Schonungslos. Amazing; bzw. fuckin‘ awesome, wie der Steirer sagt.

Ein solcher, nämlich Michael Ostrowski, verantwortet den All-Inclusive-Trip in den wilden Wahnsinn, der sich „Hotel Rock’n’Roll“ nennt und am 26. August in den heimischen Kinos anläuft, als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller. Der Film ist die Steigerungsform von „Nacktschnecken“ und „Contact High“, heißt: der Abschluss von Michael Glawoggers „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie. Als Glawogger 2014 bei Dreharbeiten in Liberia überraschend verstarb, war fürs Team klar, dass das bis dato bereits weit gediehene Projekt zu einem guten Ende zu bringen ist.

Was über weiteste Strecken auch perfekt gelang, samt einer Art Happy End, das es nun endlich für alle Figuren gibt. Ostrowski und Co-Regisseur Helmut Köpping haben Glawoggers filmische Handschrift mit großem Engagement zur eigenen erneuert, und auch wenn dessen surrealistische Sensoren die Untiefen der Handlung an der einen oder anderen Furt vielleicht tiefer ausgelotet hätten, bleibt genug Dada, um zweifelsfrei festzustellen: „Hotel Rock’n’Roll“ ist völlig gaga. Nach Softporno-Paraphrase und Rauschroadmovie ist man nun beim gepflegten Hotelfilm angelangt. Eine Reverenz an ein Nachkriegsgenre, das Größen wie Jerry Lewis oder hierzulande mit einem Hauch Heimat Peter Alexander bestens bedient haben.

Mit einem Wort die Chaosclique rund um Mao, Max und den unvermeidlichen Schorschi wird sesshaft. Dieses aber ausgerechnet in der Provinz, weil Mao irgendwo im Nirgendwo einen abgefahren abgefuckten Schuppen erbt, samt Schulden, wie sich später herausstellen wird. Also will man G‘schertindien keinesfalls seinen Bewohnern über-, sondern dort den richtigen Spirit einziehen lassen. Die Hotelband übt zwecks Tilgung der Rückstande fürs Benefiz, man hat zwar nur einen Song, diesen aber in xen Varianten, da kracht der Schorschi mit seiner Corvette in den Schwimmteich, im Kofferraum die geklaute Kohle von einem Banküberfall.

Die Guten finden das geraubte Geld im Teich: Gerald Votava, Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Die Guten finden das geraubte Geld im Teich: Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Doch die Bösen wollen's natürlich zurück: Deltev Buck, Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Doch die Bösen wollen’s natürlich zurück: Deltev Buck und Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Was folgt, ist wohl klar, samt Harry, der vergisst, dass er eigentlich honoriger Betreiber des Alpengasthofs Alzheimer, ergo die Konkurrenz der Hotel-Rock’n’Roller ist, und sich auf sein kriminelles Genie besinnt. Doch nicht nur, dass sich Komplize und Love Interest Schorschi, nach Beinbruch mit Gipsfuß auf einen Rollstuhl angewiesen, bei Mao und Max als Gärtner verdingt, hat er doch ein ausgewiesenes Händchen fürs Graserl, ist der ganzen Sache auch noch ein höchst aufdringlicher Inspektor auf der Spur …

Beim Finale Furioso sind natürlich alle dabei – und in darstellerischer Hochform: Michael Ostrowski als substanziell lässiger Max und Pia Hierzegger als hantige Mao, die sich sinnlos bemüht, irgendwelche Fäden zusammenzuhalten. Der großartige Georg Friedrich als Schorschi, der sich nicht nur als einwandfreier Stuntman erweist, sondern über sein selbstzerstörerisches Kleinkriminellentum auch die Weltsager hat –  einer der besten: „Illegalität ist immer Ausdruck der Auflehnung gegen die herrschenden Zustände“, Detlev Buck als ebenso skrupulöser wie skrupelloser Harry und selbstverständlich Hilde Dalik als Max‘ Angebetete.

Neu in der Band ist Gerald Votava als Jerry, Raimund Wallisch ist ja aus der Formation ausgestiegen, und Votava ist nicht nur als Mensch und Schauspieler, sein Jerry nicht nur punkto Verwirrt- und Verplantsein ein Gewinn, sondern vor allem auch als Gitarrero – quasi der Schnittling auf dieser supersympathischen Suppn. Johannes Zeiler gibt den ehrgeizig verbissenen Kiberer Walzer, Helmut Köpping himself den wamperten Bankdirektor, die sich gemeinsam auf die Jagd nach dem gestohlenen Geld machen.

Echte Rock'n'Roll-Outlaws haben Groupies: Jayney Klimek und Hilde Dalik. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Echte Rock’n’Roll-Outlaws haben Groupies: Jayney Klimek und Hilde Dalik. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Aber immer auch das Gesetz auf den Fersen: Johannes Zeiler. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Aber immer auch das Gesetz auf den Fersen: Johannes Zeiler. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

In kleineren Rollen machen sich Willi Resetarits als selbst im Sterben sinistrer Erbonkel, Sven Regener als satanischer Pfarrer, Hermann Scheidleder als „Alzheimer“-Gast und die steirische Urmutter Stefanie Werger einen Karl. Letztere betreibt, apropos Mutter, einen Escort Service, bei dem sich Jerry eine Dame bestellt, für die er schließlich die australische Singer/Songwriterin Jayney Klimek hält. Dies nur einer der unzähligen irren Handlungsstränge, die einem in den diversen Durcheinanders auf- und davonlaufen, um zum Schluss wieder zueinander zu finden.

Die Pointen sitzen ergo erst an Stellen, wo man’s gar nicht mehr erwartet hätte, und ihr Witz ist das ewige Missverstehen der Menschen. In diesem Sinne und vor allem in der Figur Schorschi ist „Hotel Rock’n’Roll“ fast ein extremphilosophisches Werk. Ein Unfug auf höchstem Niveau. Und jedenfalls nix für Non-Nihilisten. Oder wie Jerry beim Anblick des Erb-Guts sagt: „Des is weniger Stairway to Heaven als mehr Highway to Hell.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=4PhKKXmQTOM

Michael Ostrowski im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21535

www.hotel-rocknroll.com

Wien, 24. 8. 2016

Franz Novotny und Johannes Zeiler im Gespräch

Juni 23, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Deckname Holec“ zeigt Helmut Zilk als ČSSR-Spion

Franz Novotny, Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm / Dieter Nagl

Der Regisseur und sein Hauptdarsteller auf dem Filmset in Wien: Franz Novotny und Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm / Dieter Nagl

Am 29. Juli kommt mit „Deckname Holec“ der jüngste Film von Franz Novotny in die Kinos. Johannes Zeiler spielt darin Helmut Zilk in seiner Zeit als ORF-Direktor. Rund ums Jahr 1968, als Zilk mit „Stadtgesprächen“ in Prag Furore machte, soll er Informant für den tschechischen Geheimdienst gewesen sein. Von diesen Begebenheiten berichtet jedenfalls der tschechische Filmemacher Jan Němec in seiner Kurzgeschichte „Italská Spojka“, an der sich Novotnys Drehbuch orientiert. Im Film sieht Honza, ein junger tschechischer Regisseur, im Original eben Němec, der gerade die ersten Bilder des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag gefilmt hat, in Zilk die Chance, der Welt von dem Unrecht, das der ČSSR widerfährt, zu berichten.

Der systemkritische Filmemacher, dessen letzter Film von der Zensur verboten wurde, versucht die brisanten Aufnahmen nach Wien zu bringen. Was er nicht weiß: Zilk steht schon längst im Fokus des tschechischen Geheimdienstes. Denn dessen Faible für die aufstrebende Schauspielerin Eva, pikanterweise Honzas Geliebte, ist auch dem Agenten Nahodil nicht entgangen und ein schöner Grund, Zilk zu erpressen. Der soll anstelle realer Tatsachen gefälschtes Propagandamaterial senden und die sowjetische Okkupation im ORF als Befreiung verkaufen … Franz Novotny und Johannes Zeiler im Gespräch:

MM: Der Film ist spannend wie von John le Carré erfunden. Aber warum zeigen Sie ihn ausgerechnet jetzt?

Franz Novotny: Warum nicht? Man kann zwei pudernde Heuschrecken mit guter Musik als Kinofilm darstellen, sie sind zeitlos. Die Charakterbewegungen und Entwicklungen von Menschen sind auch zeitlos. Wir zeigen keine Geschichte, die 1968 spielt, sondern eine prototypische Charakterhaltung, das ist die Essenz des Films. Ob es tatsächlich so war, wie es bei uns ist, ist letztlich wurscht. Wie sagt Don Quichotte? Tatsachen sind der Feind der Wahrheit. Und die Klitterung der Geschichte ist stärker als eine dokumentarisch akribische Nacherzählung von einstigen Begebenheiten.

Johannes Zeiler: Mit einem Wort: Fiktion von Franz Novotny ist stärker als Realität.

MM: Trotzdem, Sie werden dem Publikum damit doch etwas sagen, ihm etwas mit auf den Weg geben wollen.

Novotny: Es ist nicht meine Aufgabe zu sagen, was der Film sagen soll, aber ich kann es versuchen. Der Film könnte sagen, zur richtigen Zeit muss man das Richtige machen, vor allem, wenn man zuerst das Falsche gemacht hat. Na? Auf uns umgelegt heißt das, Helmut Zilk macht dann doch das Richtige, er verrät nicht den Urheber des Schatzes, Jan Němec, und verbreitet, wiewohl er persönliches Risiko auf sich nimmt, die Wahrheit über den Einmarsch der Russen in der Tschechoslowakei.

MM: Ihre Quelle oder Vorlage ist die Kurzgeschichte von Jan NěmecItalská Spojka  / The Italian Connection“?

Novotny: Richtig, das ist die Basis. Nur haben wir eine österreichische Fassung erstellt. Bei Jan Němec war 20 Prozent Zilk, bei uns, da wir Hauptproduzenten und Österreicher sind, sind jetzt 80 Prozent Zilk. Die andere Quelle ist die wunderbare Geschichte von Herbert Lackner im profil (www.profil.at/home/helmut-zilk-spion-zilk-informant-cssr-geheimdienstes-237065), aus der als Wahrheitsbeweis über die Geschichte hervorgeht, dass sich kaum jemand die Arbeit macht, hunderte Meter von Akten zu fälschen, nur um jemanden zu schaden. Es wäre lebensfremd das anzunehmen. Lebensnah ist eher, dass es war, wie in den Akten dargestellt: dass Zilk sich für nutzlose Informationen bezahlen ließ. Und, dass er sich bei den Tschechen einen Luster bestellt hat.

MM: Das ist nachgewiesener Weise meine Lieblingsszene, wie er dann den Luster von der Decke reißt, weil er überreißt, dass er verwanzt ist. Dagmar Koller sagte nach der Filmvorführung, in der sie war, zu Ihnen, jetzt hätte sie endlich eine Vorstellung, wie dieser Luster, von dem sie so viel gehört hat, ausgeschaut habe.

Novotny: Ja, ich glaube, sie hat den Film adoriert, weil doch ihr Helmut nicht so schlecht wegkommt. Dabei wollte ich über die Person Helmut Zilk hinausgehend die Figur eines werdenden Politikers zeigen, den Werdegang eines aufsteigenden Menschen, der in die Politik kommt, und wie er dorthin kommt. Wie er seine Seilschaften benutzen kann und wie er unter Gewissenskonflikten dann doch das Richtige tut.

Zeiler: Ich fand dieses „Ihr wisst ja gar nicht, was alles möglich ist“ als Motiv dafür, was ihn antreibt, spannend: „Wenn ihr mir das und das gebt, könnt ihr euch gar nicht vorstellen, was ich damit alles machen kann“. Helmut Zilk gehört sicher zu den Menschen, die das maximale aus den Möglichkeiten rausholen, die sich ihnen geboten haben.

Novotny: Und er hat es auch mit Freude gemacht, davon bin ich überzeugt. Was ein wichtiges Element der Politik ist, dass man sie nicht mit Krampf, sondern spielerisch macht. Insofern ist er einer der letzten Männer, die Politik „gemacht“ haben. Er war selbstbestimmt, selbstgesteuert, bis auf die Spionagegeschichte, da war er ferngesteuert; er hat gute Politik gemacht, nachdem er Bürgermeister von Wien wurde, und wichtige Taten gesetzt, sieht man von der Spittelau-Hundertwasser-Behübschung ab. Ich muss den Zeiler loben, er hat den Zilk neu inszeniert. Er hat ihn nicht wie ein Papagei interpretiert, das wäre ja lächerlich, da hätten wir ihm auch noch die Haare färben müssen. Er spielt den Zilk wahrhaftiger, als der Zilk vielleicht war.

MM: Herr Zeiler, Sie sind offenbar der Mann für die Charakterköpfe der Sozialdemokratie. Am Theater waren Sie schon Bruno Kreisky, im Film nun Helmut Zilk. Was prädestiniert Sie für diese Rollen?

Zeiler: Dass diese Männer Machtmenschen sind. Ich habe auch schon den Faust gespielt, wieder ein Machtmensch, in CopStories bin ich der Chef … und das waren Kreisky und Zilk genauso. Dass die beiden Sozialdemokraten sind, ist Zufall. Ich müsste auch lange suchen, um einen weiteren zu finden, der so interessant ist, dass ich ihn spielen könnte.

MM: Ich habe den Eindruck, es ging Ihnen in Ihrem Spiel nicht darum, die Person Helmut Zilk zu imitieren, wiewohl er da sicher viele Anknüpfungspunkte bieten würde, sondern darum einen Typus Mensch zu gestalten. Wie haben Sie sich der Rolle genähert?

Zeiler: Stimmt, ich wollte nicht in ein Nachmachen fallen. Das haben viele vor mir gemacht, Zilk war ja oft Material für Parodien und Imitationen. Letztlich hätte mich das aber eingeengt, denn wenn ich die ganze Zeit nur mit verstopfter Nase gesprochen und gepoltert hätte, das wäre nicht fruchtbar gewesen. Ich wollte nicht von außen nach innen gehen, sondern es lieber umdrehen und mir Interpretationen suchen, die mir wichtig erscheinen. Zum Beispiel, dass er ein Genussmensch war, ein Mann der Tat, aber auch ein Mensch, der unglaublich gern berührt. Im wahrsten Sinn des Wortes: Er hat Leute gerne angegriffen. Ich habe mir viele Dinge nicht abgeschaut, sondern angeschaut. Die ganzen „Stadtgespräche“, das Ombudsmann-Format, obwohl das natürlich immer nur der Show-Zilk, der Theater-Zilk ist. Aber auch da kann man vom Rhythmus eines Menschen, von Vorlieben, Sprechweise bis hin zu persönlichen Charaktereigenschaften vieles erarbeiten.

MM: Gab’s jemals eine persönliche Begegnung mit Helmut Zilk?

Zeiler: Leider nein. Ich habe aber von vielen Menschen, die ihn kannten, gehört, dass er eine beeindruckende Erscheinung war. Aber davon musste ich mich befreien, daran zu denken, hätte mir nur Stress gemacht. Ich habe mich anders mit Zilk angereichert.

Novotny: Ich habe, wie viele in diesem Lande, eine Helmut-Zilk-Geschichte, aber die ist im Zusammenhang mit dem Film vernachlässigbar. Ich erzähle sie nur der Vollständigkeit halber: Einerseits hat mich der Zilk einmal berechtigter Weise aus dem ORF hinausgeworfen, wie ich Anfang 20 war. Da hatte ich einen Bericht gemacht über die Akademie am Schillerplatz ohne die Gegenseite zu befragen. Davor hatte ich ein Drehbuch „Johann Strauß – Der Mörder von Mayerling“ geschrieben, das dem Jörg Mauthe sehr gut gefiel, aber Helmut Zilk hat mir stattdessen einen Film über die Wiener Sängerknaben angetragen. Das habe ich in einem bösen Brief mit Empörung zurückgewiesen. Später habe ich ein paar Werbefilme für ihn gemacht, und einmal war ich für ihn tätig, um die bilateralen Beziehungen Kuba-Wien zu vertiefen, in der Form, dass ich für den ORF in Budapest eine Show mit einer wunderschönen Sängerin drehen durfte, wo ich vermute, dass die bilateralen Beziehungen von Herrn Direktor Zilk weiter vertieft wurden.

MM: Nun zeigen Sie ihn tatsächlich in privatesten Momenten und in privatesten Vorlieben. Geht man an Sexszenen schüchterner heran, wenn man weiß, man zeigt eine real existiert habende Person? Und Dagmar Koller schaut im Kino zu …

Zeiler: Schüchtern nicht, aber man hat natürlich Respekt davor. Aber, wenn ich jetzt dran denken würde, was Dagmar Koller oder ehemalige Mitarbeiter oder Zeitgenossen wie Teddy Podgorski über diese Szenen denken, da wäre ich verraten und verkauft.

Vica Kerekes, Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Zilk interessiert sich für die Schauspielerin Eva: Vica Kerekes und Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Zeit im Bild: Zilk-Zeiler persönlich berichtet über den Einmarsch der Russen in Prag. Bild: © Thimfilm

MM: Franz Novotny zeigt eine Figur Zilk, die kurz strauchelt, aber im Moment, in dem es darauf ankommt, das Richtige tut. Ist es das, was Sie recherchiert haben?

Zeiler: Das ist die Drehbuchstory, ich halte es aber für möglich, dass es wirklich so war. Beachtenswert ist die Geschichte, wie er 1943 von der Waffen-SS angeheuert werden sollte, die ganze Schulklasse hat mitgemacht, weil sie’s imposant fand oder sich vor Konsequenzen geängstigt hat, aber er hat sich dagegen entschieden. Ich glaub‘, dass das immer wieder in seinem Leben passiert ist, dass er sich konsequent und in aller Klarheit in seinen Entscheidungen auf die richtige Seite gestellt hat. Letztendlich hat er seine Haltung beinah einmal mit dem Leben bezahlt. Ein kleiner Aspekt ist das Hrdlicka-Denkmal, für das er vehement eingetreten ist: Des machma jetzt, aus, fertig. In dem Sinne war er ein Populist mit den richtigen Grundsätzen.

MM: Ist das ein Mut zu Entscheidungen, der Entscheidungsträgern heute fehlt?

Zeiler: Es war eine mutige Entscheidung von Journalisten damals dieses geschmuggelte Band zu zeigen, als einzige Sendeanstalt in Europa, und damit die Welt über die wahren Geschehnisse in der Tschechoslowakei zu informieren. Solche Durchsetzungskraft und solcher Mut, natürlich fehlen die heute.

MM: Der Film liefert keine Erklärung dafür, warum Helmut Zilk dem tschechischen Geheimdienst zugearbeitet haben soll. Haben Sie sich dazu etwas überlegt?

Zeiler: Für mich ist diese Spionagegeschichte überhaupt nichts außergewöhnliches, sondern logisch mit der Geschichte verbunden. Da hat er eine Situation falsch eingeschätzt, oder sich überschätzt, wenn es so war. Ich habe mir zusammengereimt, dass einer, der es liebt in Machtpositionen zu sitzen und daher gar nicht ohne Seilschaften auskommt, sich da eine weitere gesucht hat. Im Prinzip ist es ein Geben und Nehmen in Spionagekreisen. Nur hat er sich da ein bisserl verhoben. Wenn man sieht, mit welcher Freude und Inbrunst er dieses Format in Tschechien gemacht hat, als erster hinter dem Eisernen Vorhang eine der ersten Talkshowformen realisiert hat, und vielleicht schon überlegt hat, dort und da könnte es auch gehen, also rede ich mit denen und gebe ihnen ein bisschen, was sie wollen – na, dann macht er das natürlich.

MM: Für mich ist die Quintessenz der Figur der Satz, den der wunderbare Heribert Sasse als Polizeichef Fuchs spricht: Bist du so naiv oder ganz deppert? Ist es das?

Novotny: Das ist einer der Sätze, der das kennzeichnet, was wir mit dem Film sagen wollen. Viele dieser Sätze gehen in eine bestimmte Richtung, die wir gefühlsmäßig vom Bauch analysiert haben, ohne groß eine Botschaft zu verpacken. Man zeigt einfach den Lebensweg eines interessanten Menschen, der wie gesagt, einer der letzten Männer war.

MM: Wie und wo waren die Dreharbeiten? Das Set ist bestechend 1960er-Jahre-miefig …

Novotny: Wir haben in Prag und Wien gedreht, teilweise sind die Hintergründe digitalisiert. Das Setting ist wunderbar und orientiert sich an der Zeit selbst noch in kleinsten Details. Mein liebstes ist Zilks goldene Zigarettenweltkugel, die das Kolorit der Zeit perfekt darstellt. Auch, dass die Leute dauernd tschicken, ist ein Motiv der Zeit, heute undenkbar. So haben wir versucht, die 1960er-Jahre einzufangen.

Zeiler: Ich hatte herrliche Erlebnisse. Mit einem Fünfziger-Jahre-Mercedes durch Prag zu fahren, das ist schon eine G’schichte. Dann das Hotel International in Prag …

Novotny: .. das zu finden war ein wunderbarer Griff. Es ist ein ehemaliges Militärhotel, das in den 1950er-Jahren gebaut wurde …

Zeiler: … und dort mit unzähligen Statisten zu drehen, mit einer Karel-Gott-ähnlichen Musik beschallt, und du bist als Zilk hinter einer tollen Frau her, da braucht man sich als Schauspieler nur noch treiben lassen. Ja, es waren sehr viele schöne Sachen dabei. Wenn man einen Genussmenschen spielt, kommt man auch zu Genüssen.

MM: Im Film kommt Zilks Ehefrau Helga in die Fänge des tschechischen Geheimdienstes. Diese Entführungsgeschichte ist aber ausgedacht?

Novotny: Der ganze Film ist ausgedacht. Gehen wir davon aus: Alles Denkbare ist möglich. Im Sinne der Quantenphysik.

MM: Ganz gerne hätte man gewusst, wie es mit dem realen Jan Němec weiterging, nachdem er die Bänder übergeben hatte.

Novotny: Er ist zurückgegangen nach Prag, wurde aber unterdrückt, in der Husák-Diktatur hatte er nichts zum Husten. „Oratorio for Prague“ wurde zum Dokumentarfilm der Niederschlagung des Prager Frühlings, sogar Philip Kaufman baute 1988 Originalmaterial in seine Milan-Kundera-Verfilmung „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ ein. 1974 hat Němec die Tschechoslowakei Richtung USA verlassen. Später, nach der Befreiung, hat er wieder Filme in Prag gemacht. Er ist heuer im März erst gestorben. Aber er ist bis zum Schluss ein Freigeist geblieben. 2014 hat er die tschechische Verdienstmedaille aus Protest gegen Präsident Miloš Zeman zurückgegeben.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=F0rHupmFA0Y

www.decknameholec.at

Wien, 1. 7. 2016

Deckname Holec

Juni 23, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Franz Novotny zeigt Helmut Zilk als ČSSR-Spion

Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Johannes Zeiler als Helmut Zilk: Im ORF wird beraten, wie man über den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag berichten soll. Bild: © Thimfilm

Dass ein Filmemacher wie Franz Novotny einen Stoff wie diesen nicht links liegen lassen konnte, versteht sich. Vielmehr fragt sich, was ihn so lange aufgehalten hat, bis er ihn endlich für die Leinwand adaptierte. „Deckname Holec“ heißt sein nun ab 29. Juli in den heimischen Kinos zu sehender Film, und er erzählt eine Geschichte, die so fantastisch ist, dermaßen zu gut, um frei erfunden zu sein, dass sie nur … Ja, dies Hintertürchen lässt sich Novotny offen. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt er schelmisch: „Tatsachen sind der Feind der Wahrheit. Und die Klitterung der Geschichte ist stärker als eine dokumentarisch akribische Nacherzählung von einstigen Begebenheiten.“

Von diesen Begebenheiten berichtet jedenfalls der tschechische Filmemacher Jan Němec in seiner Kurzgeschichte „Italská Spojka“, an der sich Novotnys Drehbuch orientiert: Helmut Zilk, damals allerdings weder Unterrichtsminister noch Wiener Bürgermeister, sondern ORF-Direktor, soll jahrelang Informant des ČSSR-Geheimdiensts gewesen sein. Herbert Lackner schrieb 2009 im profil darüber: www.profil.at/home/helmut-zilk-spion-zilk-informant-cssr-geheimdienstes-237065. Wie es dazu kam, erklärt Novotny nicht; er ergeht sich erfrischend nicht in Spekulationen über Beweggründe oder Motivationen, er stellt das wenige dar, das bekannt scheint. Eine „Akte Zilk“ gibt es nämlich nicht. Im Film weht sie am Ende der Wind mit dem Wienfluss auf und davon.

Keine Angst, Novotny tut Zilk nicht weh. Der sonst nie um einen Skandal verlegen gewesene Regisseur hält sich an eine „Halb zogen sie ihn, halb sank er hin“-Version. Er malt das Bild eines kurz strauchelnden Helden, der aber im Moment der weltgeschichtlichen Wahrheit sofort wieder das Richtige tut. Auf mehr kommt’s im Leben bekanntlich nicht an; etwas anderes darzustellen wäre für einen Wiener Film wohl auch nicht möglich gewesen.

So begibt man sich auf eine Zeitreise nach Wien und Prag im Jahr 1968. Ein junger tschechischer Regisseur, in der Realität eben Jan Němec, der gerade die ersten Bilder des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag gefilmt hat, sieht in ORF-Direktor Zilk die Chance, der Welt von dem Unrecht, das der ČSSR widerfährt, zu berichten. Mit seiner Geliebten, der Schauspielerin Eva, versucht der systemkritische und ergo von der Zensur beäugte Honza, die brisanten Aufnahmen nach Wien zu bringen. Den smarten Zilk, Initiator der „Prager Stadtgespräche“, haben sie bei einer gemeinsamen Livesendung des tschechischen und österreichischen Fernsehens kennengelernt. Eva danach sogar sehr intim, doch das weiß Honza natürlich nicht.

Was die beiden sonst noch nicht wissen, ist, dass Zilk längst im Fokus des kommunistischen Geheimdienstes steht. Er wurde unter dem Decknamen Holec angeworben, um Geheimnisse aus SPÖ-Kreisen weiterzuleiten, etwa die Haltung Bruno Kreiskys zu Alexander Dubček, doch sind das Angelegenheiten, in die er gar keinen Einblick hat. Und so speist er die Tschechen mit uninteressantem Material ab. Doch nun steht’s Spitz auf Knopf. Zilk wird mit dem Wohl und Wehe seiner damaligen Ehefrau Helga erpresst, die entführt und festgehalten wird. Um ihr Leben zu retten, soll er im ORF statt Honzas Film gefälschtes Propagandamaterial senden und die Okkupation als sowjetische Befreiung verkaufen …

Krystof Hádek, Jenovéfa Boková. Bild: © Thimfilm

Honza riskiert sein Leben, als er die Russen filmt: Krystof Hádek mit Jenovéfa Boková. Bild: © Thimfilm

Ondřej Brzobohatý, Vica Kerekes. Bild: © Thimfilm

Währenddessen wirft Zilk ein Auge auf Honazs Geliebte Eva: Vica Kerekes mit Ondřej Brzobohatý. Bild: © Thimfilm

Der Rest ist Fernseh/Geschichte. Und was hier wie ein Agententhriller à la John le Carré klingt, sieht auch so aus. Novotny hat eine miefige 1960er-Jahre Atmosphäre neu erfunden und mit liebevollen Details wie Zilks güldenem Weltkugelzigarettenspender ausgestattet. In Prag war das ehemalige Parteibonzen-Hotel International ein perfekter Drehort, fürs Fehlende sorgt fabelhaftes CGI. Ein bedrohlich rotierender Deckenventilator durchschneidet die einzelnen Szenen.

Durch diese Welt, optisch von gestern, was Politik betrifft sehr von heute, bewegt sich Johannes Zeiler als Helmut Zilk. Das heißt, er bringt keine, was leicht gewesen wäre, polternde, näselnde Imitation des stadtbekannten Selbstdarstellers auf die Leinwand, er hebt seine Figur über den Rahmen Zilk hinaus und gestaltet das Porträt eines prototypischen Genuss- und Machtmenschen. Sein Zilk will Karriere um fast jeden Preis machen, Österreich-geschult glaubt er ans Prinzip des gegenseitigen Händewaschens, auch erliegt er seiner Eitelkeit wegen der ihm zugedachten Wichtigkeit, aber als er erkennt, in welche Falle er da getappt ist, rappelt’s in der Kiste. Wunderbar die Szene, in der Zeiler-Zilk in seiner Wiener Wohnung einen böhmischen Kristallluster – damals funktionierten Naturalien als Bestechungsgeschenke noch – von der Decke schleudert, weil er erkennt, dass er verwanzt ist.

Bei Damen ist er Connaisseur und Charmeur, inklusive Sexszenen, die privateste Vorlieben offenbaren, und so ist es kein Wunder, dass er seinen persönlichen Sozialismus mit dem menschlichen Antlitz von Schauspielerin Eva, gespielt von Vica Kerekes, auslebt. Das folgende Duell Lebemann vs Idealist, das er mit Honza Němec austrägt, der tschechische Schauspieler Kryštof Hádek schlüpft in diese Rolle und ist darin Zeiler ein ebenbürtiger Gegner, gehört zu den spannendsten ideologisch aufgeladenen Momenten in Novotnys Arbeit. Tatsächlich nimmt der Film erst durch die Konfrontation dieser beiden Männer so richtig Fahrt auf.

David Novotný, Heribert Sasse. Bild: © Thimfilm

Ein alter Fuchs: Heribert Sasse macht als Wiener Polizeichef Spion David Novotný das Leben schwer. Bild: © Thimfilm

Johannes Zeiler. Bild: © Thimfilm

Und am Ende verweht der Wien die verfängliche Akte Zilk mit dem Wienfluss auf und davon. Bild: © Thimfilm

Doch nicht nur Zeiler und Hádek agieren fantastisch. Eva Spreitzhofer ist eine wunderbar zickige Helga, David Novotný ein sinistrer Geheimagent Nahodil, Michael Fuith ein ob des zweimaligen Sinneswandels seines Chefs ratloser ORF-Mitarbeiter Popp. Er wird schließlich den Film-Fake der Russen erkennen und Zilks Entscheidung maßgeblich in die korrekte Richtung lenken. Zu Zilks Leuten gehört auch Polizeichef Fuchs, ein Freund, wie man ihn sich nur wünschen kann. Heribert Sasse gestaltet ihn ganz großartig als Kabinettstückchen eines Wiener Kiberers mit Herz und Hirn. Sein „Bist du so naiv oder ganz deppert?“-Satz zu Zilk ist gleichsam das Leitmotiv des Films. Er wird dem Helmerl nicht nur den A**llerwertesten retten, sondern ihm bleibt mit dem Austricksen Nahodils auch der Schlussgag vorbehalten.

Welch ein Film über Zeiten, als der Krieg zwar kalt, aber kommende Politiker heiß waren. In diesem Sinne ist „Deckname Holec“ ein Plädoyer für Zivilcourage auch in ausweglos erscheinenden Situationen. Oder wie Franz Novotny sagt: „Zur richtigen Zeit muss man das Richtige machen, vor allem, wenn man zuerst das Falsche gemacht hat.“ Dann wird auch aus dem Agent in eigener Sache ein bedeutender Ombudsmann. Dafür einen Smiley.

Franz Novotny und Johannes Zeiler im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21047

Trailer: www.youtube.com/watch?v=F0rHupmFA0Y

www.decknameholec.at

Wien, 8. 7. 2016

Götz Spielmann: „Oktober November“

November 8, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Kino mit Peter Simonischek, Ursula Strauss und Sebastian Koch

Peter Simonischek, Sebastian Koch Bild: © coop 99/Spielmannfilm

Peter Simonischek, Sebastian Koch
Bild: © coop 99/Spielmannfilm

Nach seiner oscarnominierten „Revanche“ kommt dieser Tage Götz Spielmanns neuer Film „Oktober November“ ins Kino, starbesetzt mit Ursula Strauss, Peter Simonischek, Sebastian Koch, Johannes Zeiler und Samuel Finzi. Die Kamera führte Martin Gschlacht. Inhalt: In einem kleinen Dorf in den österreichischen Alpen steht ein ehemaliger Gasthof. Vor vielen Jahren, als es noch Sommerfrische gab, ein stattlicher Betrieb. Zwei Schwestern sind hier groß geworden. Sonja lebt nun in Berlin, sie ist Schauspielerin geworden, sehr erfolgreich, ein Fernsehstar. Die Karriere ging sehr schnell, sie ist erst Anfang dreißig. Sie hat viel erreicht in ihren noch jungen Jahren – doch etwas scheint ihrem Leben zu fehlen. Sie hält zu den Menschen Distanz, wie um sich zu schützen. Sie durchlebt Phasen von Traurigkeit. Außerhalb ihrer Arbeit und Professionalität wirkt sie immer ein wenig verloren. Heimatlos. Ihre Schwester Verena, etwas älter, hat das Dorf nicht verlassen. Nach dem Unfalltod der Mutter lebt sie mit Mann und Kind in ihrem Elternhaus, das nun viel zu groß ist für die wenigen Bewohner. Doch Verena ist nicht so genügsam, wie es scheint. In ihrer heimlichen Liebesaffäre mit dem Arzt der Gegend zeigt sich ungelebte Leidenschaft, Sehnsucht nach einem anderen Leben. Und auch der Vater der beiden Schwestern lebt in dem großen Haus. Ein alt und mürrisch gewordener Patriarch. Seine Frau gestorben, das Gasthaus seitdem stillgelegt. Es ist Herbst, ein schöner Oktober, die Blätter am Baum hinter dem Haus sind schon bunt verfärbt. Da bringt ihn ein schwerer Herzinfarkt in Todesnähe. Ein neues Kapitel beginnt. Doch gibt es noch ein Geheimnis, das ihn bedrückt, eine Sache, die noch erledigt werden muss. Er weiß, dass er nun handeln muss, denn er hat nicht mehr lange Zeit …

Götz Spielmann über …

… das Thema des Films: Es ist immer schwierig, das zu intellektualisieren, weil eigentlich die wirklich großen Fragen größer sind als die Sprache und größer als das Denken. Aber wenn ich versuche, das in Gedanken zu sagen, würde ich sagen, die Frage nach Identität ist diezentrale Frage des Films. Das wird untersucht anhand einer Geschichte, anhand von Figuren, anhand von Lebensläufen. „Wer bin ich? Bin ich das, was ich sein will? Warum bin ich so, wie ich bin? Bin ich das, was ich sein kann?“ Wie gesagt, wir reden über Geschichten, aber hinter Geschichten stehen ja auch, glaube ich, hauptsächlich Fragen, die mit Hilfe dieser Geschichten untersucht werden und vielleicht sogar beantwortet auf der Ebene des Erzählens. Darum ist auch das Sterben eine, für diese Geschichte so wichtige Sache, die Frage nach dem „Wer wir sind“, was in gewisser Weise auch die Frage nach „Was ist der Grund unseres Daseins, was ist der Sinn?“ ist. Das klingt sehr platt, wenn man es in Worte fasst, aber es ist doch eine sehr fundamentale Frage für die Menschen. Die Frage kann man sich nur sinnvoll stellen, wenn man gleichzeitig die größte Gewissheit immer im Leben hat, in diese Frage einbezieht, nämlich, dass dasLeben endlich ist, das wir sterben. Das ist der Zusammenhang.

… das Risiko der gewählten Erzählform:  Der Film hat keinen herkömmlichen Plot, der die Geschichte führt und leitet. Es ist sozusagen episches Erzählen, aber ohne den Aufwand, den episches Erzählen normalerweise hat. Es ist ein bisschen wie episches Kino als Kammerspiel, kann man sagen. Das ist etwas, was ganz eigen ist und wo es nicht Regeln und Gewissheiten gibt. Wo es auch sehr viel schwieriger ist, Spannung und Intensität herzustellen für den Zuschauer.

... die Herausforderung für die Schauspieler:  Ich glaube, dass die Schauspieler in vielleicht höherem Maße als im herkömmlichen
Erzählen mit ihren Figuren immens vertraut sein müssen, da ihr Agieren, ihr Spielen nicht aus der Handlung heraus schlüssig ist, sondern aus dem Wesen der Figur nur schlüssig gemacht werden kann, müssen sich vor allem die Schauspieler eine ganzandere Souveränität und Intensität mit ihren Figuren erarbeitet haben.
… Peter Simonischeks Rolle: Bei Menschen, die wirklich an den Rand des Sterbens kommen, weiß man, dass sich für sie nachher das Leben ganz entscheidend geändert hat. Sie bekommen oft fast etwas Heiliges. Sie haben einen anderen Blick aufs Leben, eine andere Freude am Leben. Wahrscheinlich deswegen, weil sie keine Angst vorm Sterben mehr haben. Das ist eine Erfahrung, die man schauspielerisch fast nicht fassen kann. Dieses Glück, diesen Frieden, diesen Glauben ans Leben zu spielen – das war, glaube ich, eine große Herausforderung und dann auch noch das Sterben selbst. Das ist ja ein Mysterium. Jemanden zu spielen, der in Agonie liegt, halb noch hier, halb schon wo anders, das sind Zustände, die man aus seiner Lebenserfahrung im Allgemeinen nicht beziehen kann. Das war sehr intensive Vorbereitung und Arbeit auch vom Peter, sich das zu erarbeiten, darin eine Glaubwürdigkeit für sich selbst zu finden als Schauspieler. Das ist ja das Wichtige, dass sich Schauspieler selbst die Figur glauben, dann werden sie auch glaubwürdig sein und authentisch für andere, dann wird es lebendig und intensiv.
... die besondere Dynamik innerhalb des Teams: Was auch so spannend war, das sind ganz verschiedene Menschen, auch ganz verschiedene Schauspieler, die für sich verschiedene Methoden, verschiedene Herangehensweisen haben. Das war unglaublich spannend und lustvoll, diese so verschiedenen Persönlichkeiten in eine Gemeinsamkeit zu verschmelzen. Das konnte auch nur deswegen gelingen, weil sie alle mit ganz großer Offenheit und Neugier füreinander, für die anderen, in diese Arbeit gegangen sind. Das war etwas Großartiges, wie die Schauspieler füreinander gespielt haben. Nicht nur miteinander, sondern füreinander. Das war wirklich in ganz hohem Maße das Ideal des Ensembles, was da in diesem Film gelungen ist. Ich denke sehr gern daran zurück.

Wien, 8. 11. 2013