Oper im Steinbruch St. Margarethen – live plus online: Turandot

Juli 16, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Pretiöse Prinzessin zwischen Elfenbeinschnitzereien

Martina Serafin als Turandot. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Ein Jahr musste das Publikum CoV19-bedingt auf diese „Turandot“ warten. Nun war man bei der Premiere am Mittwoch entsprechend erwartungsvoll – und wurde aufs Feinste überrascht. US-Regisseur Thaddeus Strassberger und sein Bühnenbildner Paul Tate dePoo, nicht zu vergessen der für die 117 teils 15 Kilo schweren Kostüme verant- wortliche italienische Designer Giuseppe Palella bieten ein Bühnenspektakel, wie man’s nicht alle Tage sieht.

In dem von kostbarerer chinesischer Elfenbeinschnitzerei inspirierten Setting tummeln sich Todesdämonen und Skelettschädel, Feuer-Ninjas und in Leder gekleidete Scharfrichterinnen, Akrobaten und Statisten im blauweiß der Ming Vasen, als in der Dynastie sehr beliebte Affenkannen gekleidete Tänzer servieren Tee und Opiumpfeifen, streng dreinblickende Laternenträger stolzieren im zweiten Akt durch die Sitzreihen.

So detailverliebt ist diese wie in den Felsen gemeißelte Fantasiewelt, das Reich von Kaiser Altoum von einer drehbaren Kugel symbolisiert, Turandot gefangen in der golden ausgekleideten Lade eines gigantischen Schmuckkästchens, dass man den Farbenrausch mit dem Auge kaum fassen kann. Die amerikanischen Lichtdesigner JAX Messenger und Driscoll Otto tauchen die Freilichtbühne und den Stein von St. Margarethen spektakulär in sich immer verwandelndes Licht.

Donata D’Annunzio Lombardi als Liù. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Turandot mit der Maske von Ahnfrau Lo-uling. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Benedikt Kobel als greiser Kaiser Altoum. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Wie praktisch also, dass die Inszenierung noch fünf Tage in der tvthek.orf.at und mindestens 30 Tage auf www.myfidelio.at zu streamen (mit deutschen Untertiteln) ist, so dass man vom burgenländischen großen Ganzen – 7.000 Quadratmeter Bühnenfläche gearbeitet, 50 Tonnen Gerüstkonstruktion, ein Gewirr aus Brücken und Treppen – nun via Bildschirm auf die Nahaufnahme zoomen kann. Das funktioniert – gestern erprobt – bei den packenden Bildern bestechend gut, die Aufzeichnung als Mehrwert zum Live-Erlebnis, etwa wenn der Mandarino per Geisterschiff, der fernöstliche Charon gewandet in einen Mantel aus Totenköpfen auf oder der Geist der tapferen Liù in ebendieser Barke von der Bühne gleitet.

Musikalisch überzeugt die Produktion, Dirigent Giuseppe Finzi, der Puccini-Fachmann erstmals in St. Margarethen am Pult, führt mit ruhiger Hand verlässlich durch die Aufführung. Das ungarische Piedra Festivalorchester ist den Solistinnen und Solisten ein aufmerksamer Partner. Ebenfalls hinter der Bühne singt – durchwegs eindrucksvoll – der Philharmonia Chor Wien unter Leitung von Walter Zeh.

Wer hier nun, inmitten der raumgreifenden Tableaus, seine emotionalen Mauern niederreißen muss, ist Martina Serafin, die Intendanten-Bruder Daniel Serafin als Turandot auserkoren hat. Die Turandot gilt als eine der Paraderollen der österreichischen Sopranistin. Sie hat sie bereits an der MET und in der Arena di Verona gesungen. Hier ist sie zunächst eine exzentrische Erscheinung, die sich die Alte-Frau-Maske ihrer Ahnfrau Lo-uling vors Gesicht hält, die grell geschminkte Greisin von vor 1000 Jahren: „Jetzt lebst du in mir noch einmal …“

Das Totenschiff des Mandarino. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Opulentes Bühnenbild. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Andrea Shin als Prinz Calaf. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Der kaiserliche Garten. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Die allmähliche Herzerweichung der Turandot vermag Serafin auch auf der riesigen Spielfläche zu vermitteln. Die stärksten Momente hat sie stimmlich in der ausdrucksstarken Mittellage, weniger in den expressiv-überspannten Spitzentönen -und für geschmeidiges Phrasieren bleibt im Wortsinn hier wenig Spielraum.

Unter den Sängern sticht Andrea Shin als Calaf hervor. Der hierzulande ausgebildete Südkoreaner meistert die Aufgabe, die wohl am häufigsten plattgewalzte Event-Arie zu beleben: „Nessun dorma“ klingt bei ihm gestalterisch durchdacht und auch in der Höhe souverän. Ein würdiger Partner für Martina Serafin, zwei stolze Protagonisten, die sich im Steinbruch begegnen.

Die am Premierenabend von Donata D’Annunzio gesungene Liù erhielt bereits beim ersten Auftritt Szenenapplaus. Die italienische Puccini-Spezialistin nützt ihre Auftritte für feine Linienführung und berührend gestaltete Zwischentöne. Alessandro Guerzoni als entthronter Timur ist ihr mit seiner mahnenden Bass-Stimme ein ebenbürtiges Gegenüber. Für die Rollen der Minister Ping, Pang und Pong konnten mit Leo An, Jonathan Winell und Enrico Casari ebenso profilierte wie spielfreudige Sänger verpflichtet werden. Mit Kammersänger Benedikt Kobel verleiht ein langjähriges/tragendes Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper dem greisen Kaiser Altoum Statur und Charakter. Ein beeindruckender Abend, der mit großem Jubel für alle Beteiligten endete.

www.operimsteinbruch.at      esterhazy.at           tvthek.orf.at/profile/Erlebnis-Buehne/13890354/Erlebnis-Buehne-Aus-der-Oper-im-Steinbruch-Turandot/14098791           www.myfidelio.at

  1. 7. 2021

KosmosTheater: Good Morning, Boys and Girls

Oktober 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Attentäter und die „Tai Chi“-Übungen

Selfie! „Cold“, Susanne und der Amok: Giamo Röwekamp, Sophie Resch und Pablo Leiva. Bild: Bettina Frenzel

Seit Langem schon, sagt Barbara Klein im Programmheft-Interview, hätte sie sich mit dem Gedanken getragen, ein Stück über Amoklauf an Schulen zu zeigen. Ein Nachdenken über sogenannte School Shooter, die Mitschüler und Lehrer kaltblütig ermorden und den eigenen Tod ebenso ungerührt herbeisehnen – während ihr Umfeld von den seelischen Veränderungen dieser Heranwachsenden, ihren oft monatelangen Vorbereitungen zur Tat nichts mitbekommen hat/haben will. „Wenig nachvollziehbar“ nennt Klein diese Ahnungslosigkeit.

Gemeinsam mit Choreografin Paola Bianchi brachte sie nun am KosmosTheater Juli Zehs „Good Morning, Boys and Girls“ zur österreichischen Erstaufführung. Es ist die Abschiedsinszenierung der Hausherrin am „Theater mit dem Gender“, am 30. Oktober wird die neue Leitung des KosmosTheaters vorgestellt, und es ist ein erstklassiger Abend, bei dem eindeutig die Form über den Inhalt zu stellen ist. Denn von Juli Zeh gibt es nichts Neues. Ihr Text ist eine Aufzählung, eine Aneinanderreihung von Eh-schon-Wissen:

Jugendliche werden zum Attentäter, weil sie 1. in der Schule gemoppte Außenseiter sind, 2. sie im Elternhaus keine Zuwendung erhalten, 3. sie sich ergo im Kinderzimmer mit Ego Shootern und anderem Teufelszeug abreagieren, auch weil 4. sich Mädchen nicht für sie interessieren. Wobei dies bei Jens, Kampfname im Computerspiel Counter Strike: „Cold“, gar nicht der Fall ist. Der poetisch begabte Einzelgänger, dessen grausame Kurzgeschichten die Lehrerin aus der Fassung bringen, findet in der trotzigen, weltschmerzgeplagten Susanne eine – eigentlich noch radikalere – Gleichgesinnte.

Am Ende wird sie nicht nur dafür sorgen, dass alles ganz anders gewesen sein wird, als die Erwachsenen glauben, sondern dem Publikum damit gleichsam auch einen Spiegel vorhalten. Den beiden zu Erziehenden stehen die dazu Berechtigten gegenüber: Vater und Mutter, ein in seine Intellektualität selbstverliebtes Galeristenehepaar, das seine Ich-Bezogenheit als antiautoritär tarnt, und die betuliche, dem klugen „Cold“ nicht gewachsene Deutschprofessorin Frau Patt.

Der Vater verteidigt sich gegen Schuldvorwürfe: Jens Ole Schmieder mit Johanna Prosl. Bild: Bettina Frenzel

Die Lehrerin glaubt an das Böse in Computerspielen: Johanna Prosl als Frau Patt. Bild: Bettina Frenzel

Zeh, die vernünftigerweise nicht um Antworten ringt, unverständlicherweise aber auch keine bis dato ungestellten Fragen aufwirft, hat immerhin das weitere Geschehen spannend verzahnt. Die Handlung wechselt im schnellen Takt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jens hat seine Wahnsinnstat bereits begangen, nein, er bereitet sie noch vor, er spricht bei seinem eigenen Begräbnis, hat Streit mit den Eltern, und sieht (sich im Kopf schon als) einen sensationslüsternen CNN-Reporter sie bedrängen. Jens‘ Fantasie und die Realität überlappen mehr und mehr.

Ist der Counter-Strike-Clan echt oder eine gehörte Stimme? Man kann nur noch ahnen, was erdacht und was erlebt ist. Und zu all diesen Gedanken reflektieren die Eltern über Schuld und Versagen, die Lehrerin über zu spätes Eingreifen. Hat man sich zu wenig gekümmert, bemüht, beschäftigt? „Aber du bist doch ein lieber Bub“, keucht sie ungläubig, als er sie später mit der Benelli niederstreckt. „Heute nicht“, erwidert Jens. Und schon ist man mitten im Blutbad. Das bei Barbara Klein und Paola Bianchi freilich keines ist. Die Gewalt wird vielmehr getanzt und so deutlich „körperlich“ empfunden.

Die Schauspieler bewegen sich zu einer ausgeklügelten Choreografie, dem Tai Chi ähnlichen Bewegungen, die übers Physische zugleich ihre psychische Verfassung darstellen. Als Frau Patt nimmt Johanna Prosl oft einen belehrenden Gestus an, mit spitz in die Luft stechenden Fingern bemängelt sie Rechtschreibschwächen. Der Vater, Jens Ole Schmieder, tigert in ständiger Bewegung durch den Spielraum, während er unablässig gewesene Amokläufe rezitiert. Columbine, Erfurt, Winnenden, Newtown, in Asien wird immer nur mit dem Messer gemordet. „Haben die keine Knarren?“, fragt er – und die Frage hat weniger mit Zynismus als mit Fassungslosigkeit zu tun. An solchen Stellen ist das Stück auch komisch.

Das Ende kommt anders als erwartet: Giamo Röwekamp, Pablo Leiva und Sophie Resch. Bild: Bettina Frenzel

Die Eltern tanzen Ratlosigkeit und Verzweiflung: Jens Ole Schmieder und Susanne Rietz. Bild: Bettina Frenzel

Wie er – Vater ballt die Fäuste zur Selbstverteidigung gegen ihre verbalen Angriffe – versichert sich auch Mutter/Susanne Rietz ihrer Unschuld am Geschehen. Traumatisiert sieht sie, dass ihr nicht nur eine gemeinsame Zukunft, sondern auch die Vergangenheit geraubt wurde, denn immer wird sie sich nun fragen müssen: „Warum?“ wiederholt sie wie in Loops. Dass Jens ein lieber Sohn war, ist ihr Mantra, während ihre Arme wie die einer Marionette baumeln. Als nichts anderes nämlich sieht sie ihr Sohn. Dass sie seinen Hund nicht mochte, ihn kahl scherte, hat er ihr nicht verziehen.

Als der einzig Geliebte dann auch noch stirbt, brennen bei Jens die Sicherungen durch. What a life, what a cliche. Ein Geschenk – Giamo Röwekamp als „Cold“ turnt über derlei Untiefen mit Leichtigkeit hinweg. Er ist als gewaltbereiter Teenager extrem glaubhaft, egal, ob er sich in theatralischer Christuspose probt, oder beim ersten Flirt aufgeregt mit den Beinen wippt. Im Gleichtakt mit Sophie Resch als kurz einmal nicht verdrossener Susanne. Den beiden folgt, weißgewandet und mit weißer Maske, der „Amok“, Pablo Leiva mit am Oberkörper befestigten Bombenpackages.

Die Schwarzweiß-Bilder, die er vom Liebespaar mit dem Smartphone filmt (auch Counter Strike wird an die Wand projiziert), funktionieren als Subtext zum Gesagten – nervös verschränkte Finger, wütend aufgerissene Augen, dann wieder ein Selfie zu dritt. Nach Schuldzuweisungen aller an alle, nach Ausstellung eines Tatbestands, nicht aber seiner Erhellung, endet das Stück mit dem Kernthema des KosmosTheaters, der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wie, will nicht verraten werden. Die fabelhafte Aufführung mit dem überzeugenden Ensemble ist noch bis 28. Oktober zu sehen.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=pKIMKEig0nw

www.kosmostheater.at

  1. 10. 2017

Juli Zeh im Theater Drachengasse

Mai 2, 2013 in Tipps

„Corpus Delicti“ in einer Wiener Fassung

Bild:  © Andreas FRIESS/picturedesk

Bild: © Andreas FRIESS/picturedesk

Am 2. Mai hat in der Drachengasse die Eigenproduktion „Corpus Delicti“, ein Science-Fiction-Szenario von Juli Zeh, Premiere. Schauplatz: Irgendwann im 21. Jahrhundert. Alle Krankheiten sind ausgerottet, Gesundheit ist die höchste Bürgerpflicht. Wer krank oder traurig ist, macht sich staatsfeindlicher Umtriebe schuldig und wird angeklagt. Doch Mia Holl hat ihren Ernährungsbericht nicht abgegeben, die Bakterienkonzentration in ihrer Wohnung steigt an, und ihre sportliche Leistungskurve ist eingebrochen. Damit macht sie sich der methodenfeindlicher Vergehen schuldig. Da gibt es kein Pardon. Auch wenn Mia meint, sie bräuchte nach dem Selbstmord ihres Bruders Moritz nur ein wenig Ruhe. Der Staat kann nicht zulassen, dass Gefühle statt gesundem Menschenverstand ihr Leben bestimmen oder sie gar zu einer Sympathisantin der R.A.K. machen, die das Recht auf Krankheit fordert. Jetzt, wo sie durch den Verlust von Moritz ihre besondere Begabung für Schmerz entdeckt hat, ist die Gefahr dafür zu groß: Mia muss weg …

Für Regie und die Wiener Fassung ist Andrea Hügli zuständig. Es spielen Melanie Herbe, Volker König, Tamara Stern und Dirk Warme. Zu sehen bis 15. Juni.

Zur Autorin: Juli Zeh, geboren 1974 in Bonn. Sie studierte Jus in Passau und Leipzig, sowie Literatur in Leipzig. Sie veröffentlichte Romane, Erzählungen (Verlag Schöffling & Co.), Essays und Zeitungsartikel. Einige Prosatexte wurden dramatisiert („Spieltrieb“, „Schilf“ – am Münchner Volkstheater dramatisiert, mit Johannes Silberschneider in der Titelrolle). Für „Corpus Delicti“ erhielt sie 2008 den erstmals verliehenen Jürgen-Bansemer-und-Ute-Nyssen-Dramatikerpreis. Im Theater Drachengasse war2011 ihr Stück „Der Kaktus“ zu sehen.

Plädoyer gegen die Fitness-Diktatur: Ein Interview mit Juli Zeh in stern.de
Die Schriftstellerin Juli Zeh schreibt mit ihrem Roman „Corpus delicti“ gegen einen wachsenden Gesundheitswahn in unserer Gesellschaft an. Im stern.de-Interview erklärt sie, warum sie sich über die Fitness-Diktatur aufregt, wie wenig Gesundheit mit Glück zu tun hat – und weshalb sie raucht und trinkt.
Frau Zeh, rauchen Sie?
Ja.
Trinken Sie Alkohol?
Ja, auch das.
Gerade machen Sie sich einen Kaffee.
Richtig.
Das ist alles nicht besonders gesund. Treiben Sie denn wenigstens regelmäßig Sport?
Tue ich, aber nicht der Fitness zuliebe. Ich bin leidenschaftliche Reiterin. Das mache ich nicht, weil ich denke, ich müsste mich bewegen, um gesund zu bleiben. Ich bin da einfach süchtig danach.
Sie tun es nicht der Gemeinschaft der Krankenversicherten zuliebe, der Sie damit vielleicht die Kosten für die Krankheiten senken könnten, die möglicherweise aus Ihrem Nikotin-, Koffein- und Ethanol-Konsum entstehen?
Ganz im Gegenteil. Reiten kann ja so was von gesundheitsschädlich sein. Neben Skifahren gehört das, glaube ich, zu den Sportarten, bei denen man überlegt, ob man dafür nicht Sonderkategorien bei den Versicherungen schaffen sollte.
Das soll die Leute entlasten, die besser auf sich selbst achten. Was halten Sie von dieser Logik?
Das ist überhaupt keine Logik, sondern ein fatales Missverständnis. Das Prinzip Versicherung basiert ja gerade auf dem Solidaritätsgedanken und der Idee des Ausgleichs. Wenn man einer Versicherung beitritt, aber der Meinung ist, nichts zahlen zu müssen für die Risiken, die andere Leute eingehen, hat man das Prinzip nicht verstanden. Gerade die Argumentation mit der Selbstgefährdung ist die größte Chimäre überhaupt. Wenn man damit anfängt, wird das zu einem völlig unbegrenzten Argument. Dann müsste man den Leuten verbieten, das Bett zu verlassen. Wobei ich gar nicht weiß, wie sicher statistisch der Aufenthalt im Bett ist. Das Betreten eines Badezimmers ist in der Hinsicht jedenfalls gefährlich. Wenn man mit Gerechtigkeitsargumenten das Risiko minimieren will, dann dürften wir alle nicht mehr duschen. Das ist nämlich gefährlicher als Skifahren. Diese ganze Überlegung ist doch absurd.

Zu Ende gedacht, hieße das, man müsste die Leute genau überwachen, um festzustellen, wie riskant sie leben.
Das wäre die praktische Seite. Ich lehne aber schon die theoretische Seite komplett ab. Dieses Menschenbild steht dem, was ich für richtig halte, diametral entgegen. Die Idee, ein gutes Leben als ein risikofreies Leben definieren zu wollen und diese Auffassung dann auch noch der ganzen Gesellschaft aufzuoktroyieren, das widert mich an.
Deshalb haben Sie Ihren neuen Roman „Corpus delicti“ veröffentlicht, der in einer Gesundheitsdiktatur spielt.
Es ist das erste Mal, dass ich ein Buch geschrieben habe, um mich zu erleichtern. Ich hatte richtig das Bedürfnis, das aufzuschreiben, damit ich jetzt sagen kann: Ich habe ein Mal darauf hingewiesen!
Ihr Roman entwirft eine Kontrollgesellschaft, in der der Einzelne sich als Kämpfer für den gesunden Körper beweisen muss. Es gibt ein Pflichtpensum an Sport, selbst in den Toiletten wird der Magensäuregehalt gemessen, um Krankheiten sofort zu registrieren und auszumerzen. Sie denken sich aber gar nicht allzu viel aus, Sie nehmen aktuelle Entwicklungen und spitzen sie zu.
Ich wollte keine Zukunftsvision schreiben und sagen: In so und so viel Jahren sieht es so und so aus. Ich habe tatsächlich Dinge, die jetzt schon da sind, in ein fiktives System übertragen und ein bisschen überdreht. Vor allem habe ich den Totalitätsanspruch hinzugefügt. Es gibt auch jetzt schon Pflichtuntersuchungen für Kinder, das wird von den Eltern oft sogar gutgeheißen.
In Ihrem Buch ziehen Sie die Pflichtuntersuchungen vor: Sie finden schon am Ungeborenen statt.
Es kann nicht mehr lange dauern, bis man Fruchtwasseruntersuchungen machen muss. Es ist ja auch schon so, dass das Amt vor der Tür steht, wenn man zu den Vorsorgeuntersuchungen für seine Kinder nicht geht. Ich wollte eigentlich sagen: Leute, stellt mal diese Mentalität infrage! Überlegt euch mal, was für ein Weltbild dahinter steht! Es beginnt schon mit der Art, wie in der Werbung Menschen präsentiert werden. Eine Inflation von Gesundheitsmagazin- Berichterstattung auf allen Kanälen: Print, Radio, Fernsehen. An jeder Ecke wird andauernd gesagt, wie man sich zu verhalten hat und was gesund sei und was nicht, ohne dass einer überhaupt erst einmal gefragt hätte, wie dieser Begriff Gesundheit definiert ist. Außerdem gibt es auch noch politische Bewegungen. Man möchte erstmals in der Gesetzgebung zu Krankenversicherungen Krankheit mit Schuld identifizieren. Da soll quasi drinstehen, dass, wer sich selbstverschuldet verletzt, keinen Anspruch mehr auf Fürsorge hat. Da kriege ich echt Pickel.
Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Es ist Religionsersatz geworden für die Leute. Über viele hundert Jahre galt die Vorstellung: Der Körper ist Asche und Staub. Die Seele aber wird nach dem Tod in eine andere Welt überführt, die ist das Eigentliche und Heilige. Und es gibt einen Gott, der unser Schicksal bestimmt. Eine Krankheit ist dann auch eine Entscheidung Gottes, die ich zu ertragen habe. Dieses Weltbild wurde komplett abgebaut, selbst religiöse Leute sehen das heute etwas anders. Übrig bleibt der Mensch mit einem ungeheuren Maß an Selbstverantwortung und ohne einen Gott, der über richtig oder falsch, gesund oder krank entscheidet. Nur beim Einzelnen liegt die Verantwortung. Daraus entwickelt sich so ein Zwang zum Glücklichsein. Und zu glücklich gehört dabei auch gesund. So rennen die Leute dann verzweifelt irgendwelchen Ratgeberhinweisen hinterher, wie sie denn diesen heiligen Zustand auf Erden erreichen können, für den sie auf einmal ganz allein verantwortlich sind. Wer das nicht hinkriegt, ist selber schuld. Nicht nur vor sich selbst, sondern auch vor seinem Freundeskreis und letztlich vor der Gesellschaft. Ein religiöses Zwangssystem hat sich in ein areligiöses Zwangssystem verwandelt.

www.drachengasse.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 2. 5. 2013