Volksoper: Der fliegende Holländer

März 11, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Sitz der Seele ist eine graue Kunsthalle

Seelenraum mit Meerblick: Markus Marquardt als resigniert habender, todessehnsüchtiger Holländer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das gibt es auch an der Volksoper nicht alle Tage, dass beim Schlussapplaus nicht nur die Hände, sondern auch die Füße des Publikums zum Einsatz kommen. Solcherart mit allen Gliedmaßen bejubelt wurden Dirigent Marc Piollet und der Chor des Hauses, der sich unter der Leitung von Holger Kristen einmal mehr als ein stimmlicher Klangkörper von großer Stärke und Schönheit erwies. Auch Solistinnen und Solisten sowie das Leading Team rund um Regisseur Aron Stiehl wurden nach der Premiere gefeiert.

Mit dieser Neuinszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“ hat man einiges gewagt und manches gewonnen. Worauf Stiehl und mit ihm Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann verzichtet haben, ist ein Schiff. Stattdessen dominiert ein raffiniertes Labyrinth die Bühne, eine graue Kunsthalle voller Gemälde vom Meer. Immer wieder öffnen sich neue Durchlässe, schließen sich andere. Räume, die Stiehl schon vorab als Sitz der Seele definierte, setzt er doch ganz auf die psychologische Durchdringung der Charaktere. Jeder scheint hier mit sich allein, die Bilder im Kopf visualisiert durch Farblicht- und Schattenspiele, eindrücklich etwa, wenn der Holländer seinen riesenhaften über die erstarrte Senta wirft. Bisweilen öffnen sich Luken, die den Blick auf die aufgewühlte See freigeben, am Ende, als Dalands Männer die Crew des Holländers wecken wollen, wird das Setting höllenrot.

Der goldene Koffer wechselt den Besitzer: Markus Marquardt als der Holländer, Stefan Cerny als Daland und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Senta in ihrer Kopf-Kunsthalle: Meagan Miller mit Tomislav Mužek als Erik. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Amme als gouvernantische Gesangslehrerin: Martina Mikelić als Mary und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stiehl und Schlößmann erschaffen so gekonnt szenische Spannungsfelder, nur muss zwischen den einsamen Weltenwanderern, die die beiden in ihre Fantasie stellen, die Interaktion naturgemäß auf der Strecke bleiben. Dies tatsächlich die einzige Kritik an diesem Abend, dass so wenig geschauspielert wird. Gesungen wird meist von der Rampe weg, kaum jemals drehen sich die Protagonisten zueinander, und dass Stiehl als Bewegungsmuster ein allseits gern verwendetes Arme-Wegstrecken eingefallen ist, macht das Gestische nicht besser. Einzig die Begegnung Eriks mit Senta lässt Bewegtheit aufkommen.

Ansonsten sind Ergriffenheit und Erregung dem Gesanglichen zu entnehmen. Dafür hat sich die Volksoper mit Markus Marquardt als Holländer und Meagan Miller als Senta im Fach erprobte Sänger ans Haus geholt, mit dem fulminanten Stefan Cerny als Daland steuert man den eindrucksvollsten Part aus dem eigenen Ensemble bei. Cerny gestaltet seinen Kapitän als zur Brutalität neigenden Geschäftemacher, eine Gefühlsrohheit, die nicht nur seine Tochter, die er für einen symbolisch goldenen Koffer verschachert, zu spüren bekommt, sondern auch der profund singende JunHo You als Steuermann – wenn er sich vom Chef schlagen lassen muss.

Gegenentwurf dazu ist Markus Marquardts Holländer, den der Volksopern-Debütant als resigniert habenden Todessehnsüchtler ausweist. Dass Marquardt in den Höhen nicht durchgängig überzeugt, federt Piollet am Pult gekonnt ab, indem er die lyrischen Passagen der Solo-Parts mit ausreichend Atmosphäre unterlegt. Was auch der anmutig phrasierenden Stimme von Meagan Miller zugutekommt, die die Senta als von der romantischen Schauerstory in Schwärmerei versetzten Backfisch anlegt.

Bissl hysterisch, bissl verhaltensauffällig, mit ihren Meeresbildern hantierend – denn ein Holländer-Porträt gibt es in Sentas Gehirnkino selbstverständlich nicht. Überwiegend allerdings lenkt Piollet das Wagner’sche Frühwerk im Fortissimo durchs Geschehen. Aus dem Orchestergraben bebt’s und donnert’s, dass nicht einmal die obligate U6 zu hören ist – expressiv, eindringlich und hochintensiv.

Als die vom Feiern angesäuselten Seemänner die Crew des Holländers wecken wollen, färbt sich die Bühne höllenrot: JunHo You als der Steuermann Dalands und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im Vortrag glänzend und auch der einzige, der sich um die Darstellung seiner Rolle bemüht, ist Tomislav Mužek als Jäger Erik. Auch er ein Hausdebütant. Warum Stiehl, der so sehr auf Abstraktion setzt, Sentas Amme Mary von Kostümbildnerin Franziska Jacobsen als strenge Gouvernante einkleiden ließ, erschließt sich nicht. Martina Mikelić besteht die Chorprobe der Spinnerinnen zwar mit Bravour, muss aber mal ein Mädchen in die Ecke stellen, mal eines mit dem Lineal züchtigen. Ihr mehrmaliges Aufstampfen bleibt erfolglos.

Auch sie weiß keinen Rat gegen Sentas Holländer-Wahn. Immerhin nutzt auch der Damen-Chor seinen großen Moment. Fazit? Aron Stiehl und Frank Philipp Schlößmann gelingen bewegende Bilder in einer Aufführung, in der sich sonst kaum etwas bewegt. Mehr inszenatorischer Zugriff statt eines Verharrens in Stasis hätte dem Ganzen gutgetan. So bleibt die sängerische Leistung zu loben, die vom Orchester mit Verve umflutet wird.

Regisseur Aron Stiehl und Dirigent Marc Piollet im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=eq7WiO5MjuQ

www.volksoper.at

  1. 3. 2019

TSV Galerie: Bilder von Eve Joy Patzak

Mai 18, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Letter to you: Nachrichten aus einer anderen Welt

Eve Joy Patzak: Letter to you

Eve Joy Patzak: Letter to you

Mit einer Vernissage am 19. Mai beginnt eine Ausstellung von Zeichnungen von Eve Joy Patzak. „Letter to you: Nachrichten aus einer anderen Welt“ heißt die Schau in der Galerie des Thomas Sessler Verlags, in der schon Werke von Herbert Achternbusch, Wolfgang Bauer oder Peter Patzak zu sehen waren. Nun zeigt die Frau des Wiener Regisseurs ihre Arbeiten, schnelle zeichnerische Sequenzen, die sie, mit einer nur auf das für sie Wesentliche reduzierten Linienführung, auf das Blatt bringt.

Patzaks Figuren sind wie Puppen mit ballonartigen Köpfen und Körpern, begrenzt auf eine kompakte, wenig profilierte Silhouette. Menschengruppen, ohne Korrekturen mit einem Strich hergestellt, meistens Frauen und Kinder, einsame, traurige, aber auch fröhliche, einander stützende und helfende. Tatsächlich geht es in Patzaks Abbildungen nie gradlinig zu. Die Figuren sind oft von ihrer Rückenansicht gezeichnet, weswegen der Betrachter sich in die Szenerie hineingezogen fühlt. Patzak unterstreicht die abgewandte Haltung durch die Darstellung extrembehaarter Hinterköpfe, immer wieder beugen, verbiegen, winden sich die Körper mit den angelegten Armen, als sei’s den Naturgesetzen zum Trotz. Dies alles wird allein ausgeführt mit der linken Hand.

Denn Eve Joy Patzak erlitt 2013 einen Schlaganfall, der sie körperlich und sprachlich einschränkt. Obwohl sich das Leben so dramatisch verändert hatte, entwickelte sie einen enormen Überlebenswillen als Peter Patzak sie nach Hause holen konnte. Mit einem auf einen Zeitungsrand gekritzelten Auto, als Symbol der Freiheit und Unabhängigkeit, nahm sie den Kontakt mit ihrer Umwelt wieder auf. Ihr Mann und ihre beiden Söhne verstanden die Botschaft. Nun wurde der Zeichenblock für sie ein Mittel Wünsche und Gefühle auszudrücken. Mit der einzig beweglichen Hand entstanden und entstehen täglich ihre Zeichnungen. Sie erzählen davon, wie es ist, als Fremder in seinem Leben zu stehen, ohne sich mitteilen zu können. Die Drucke und Originale sind bis 9. Juni zu sehen und zu kaufen. Der Erlös wird zur Gänze für die Therapiekosten von Eve Joy Patzak verwendet.

www.tsv-galerie.at

evejoypatzak.com

Wien, 18. 5. 2016

Volksoper: Kurt Rydl in „Anatevka“

Mai 15, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Opernstar singt zum ersten Mal Musical

Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik, Juliette Khalil, Elisabeth Schwarz, Julia Koci, Dagmar Hellberg, Franz Suhrada, Stefan Bischoff, Susanne Litschauer, Toni Slama, Chor der Volksoper Wien. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik, Juliette Khalil, Elisabeth Schwarz, Julia Koci, Dagmar Hellberg, Franz Suhrada, Stefan Bischoff, Susanne Litschauer, Toni Slama, Chor der Volksoper Wien. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wer Kurt Rydl tanzen sehen möchte, kann dieser Tage in die Volksoper gehen. Rydl hat sich den Tevje seit Langem gewünscht, und Hausherr Robert Meyer ihm diesen Wunsch gern erfüllt. Nun singt der Opernstar zum ersten Mal in seiner Karriere Musical – „Anatevka“, in der Wiederaufnahme der Inszenierung von Matthias Davids aus dem Jahr 2003.

Rydl wirft sich mit überbordender Spielfreude in seine neue Rolle. Er gestaltet den Milchmann als einen Schalk, dem auch das schlimmste Schicksal nicht sein großes Herz aus dem Leib schütteln kann; er zeigt sich als geborener Komödiant, der mit dem Publikum schäkert und es auf seine Seite zu ziehen weiß, er macht sich zum Mitglied des Balletts (!), und lässt in all diesen humorvollen Einlagen dennoch die Tragödie des jüdischen Volkes erkennen. Dem heiter-melancholischen Grundton seiner Darbietung folgt das Bühnenbild von Mathias Fischer-Dieskau, Wohnbaracken unter einem düsteren Himmel, als wär’s ein Blick in die politische Zukunft. Guido Mancusi am Pult ist ein präsenter, prägnanter Unterstützer von Rydls Intentionen, ob beim Musicalhit „Wenn ich einmal reich wär'“ oder beim lyrisch-leisen „Ist es Liebe?“ und natürlich beim gruseligen Traum über Oma Zeitel.

Rydl überzeugt mit nuancierungsfähiger Klarheit und fein dosierter, wunderbar eindringlicher Stimmführung. Ganz großartig harmoniert er diesbezüglich mit seiner Golde, Dagmar Hellberg, sie ebenfalls erstmals in ihrer Rolle; den beiden kauft man das alte Ehepaar gern ab, wie sie mit viel Witz und Warmherzigkeit miteinander umgehen und sich gegenseitig zu nehmen wissen. Diese Golde ist mindestens so ausgefuchst wie ihr Tevje. Hellberg spielt sie als Typ hantige Mutter, rauhe Schale, umso weicherer Kern, das ist eine schöne Interpretation dieser Figur. Über allen Einzelleistungen aber steht die des Volksopernchors, der einmal mehr sowohl sängerisch als auch schauspielerisch aufs Feinste agiert, das hat bei diesem harmonischen Klangkörper ja „Tradition“.

Kurt Rydl alsTevje. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kurt Rydl alsTevje. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stefan Moser, Juliette Khalil, Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik und Dagmar Hellberg. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stefan Moser, Juliette Khalil, Kurt Rydl, Steffi Kalab, Paloma Siblik und Dagmar Hellberg. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Frisch und neu wirkt die zuletzt 2008 auf dem Spielplan gewesene Aufführung auch deshalb, weil beinah alle Solisten hier ihr Rollendebüt geben. Julia Koci, Elisabeth Schwarz und Juliette Khalil sind als Tevjes Töchter Zeitel, Hodel und Chava ein quirrliges Mädchentrio, das die Köpfe durchzusetzen weiß. Stimmlich gefallen sie alle drei, Koci noch zusätzlich in einer kleinen Jente-, heißt: Guggi-Löwinger-Parodie. Jeffrey Treganza ist ein schüchterner Schneider Mottel, Peter Lesiak fällt als leidenschaftlicher Student Perchik mit seiner temperamentvollen Art auf, Stefan Moser, zum ersten Mal an der Volksoper zu sehen, ist ein feiner Fedja.

Guggi Löwinger, die die Heiratsvermittlerin Jente zu einer kauzigen Klatschtante macht, Toni Slama als erst beleidigter, dann doch gutmütiger Fleischer Lazar Wolf, und Franz Suhrada als Rabbi runden den fabelhaften Cast ab. Und natürlich Gregory Rogers als der Fiedler auf dem Dach. JunHo You gibt als Fedjas Freund Sacha eine beeindruckende Kostprobe seines gesanglichen Könnens. Nicolaus Hagg gestaltet einen ehrbaren Wachtmeister.

Er sagt den vielleicht wichtigsten Satz im Stück: „Ich persönlich halte nichts davon, dass zwischen Menschen Unruhe gestiftet werden muss.“ Am Ende, wenn er die Dorfbewohner aus ihrem Schtetl vertreiben muss, wenn die Diaspora weitergeht, ist es je nach Fluchtort grauenhaft zu wissen, wer überlebt haben wird und wer … Der Volksoper ist in diesem Sinne zum Saisonschluss ein schöner, durchaus nachdenklich machender Ensembleabend gelungen. Das Haus glänzt – mit einem Star an der Spitze.

Trailer – Kurt Rydl im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=IjG5ALoMQ28

www.volksoper.at

Wien, 15. 5. 2016

Raphael von Bargen im Gespräch

März 11, 2016 in Bühne, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt im Film „Thank You For Bombing“ und an den Kammerspielen „Menschen im Hotel“

"Menschen im Hotel" an den Kammerspielen: Sona MacDonald und Raphael von Bargen Bild: Jan Frankl

„Menschen im Hotel“ an den Kammerspielen: Sona MacDonald und Raphael von Bargen. Bild: Jan Frankl

Schauspieler Raphael von Bargen ist vielbeschäftigt: Am 11. März wird bei der Diagonale Barbara Eders Satire „Thank You For Bombing“ präsentiert, in der er den US-Kriegsberichterstatter Cal spielt (Filmkritik: www.mottingers-meinung.at/?p=17967). Ab 18. März läuft der Film in den Kinos. Am 17. März hat an den Kammerspielen Vicki Baums „Menschen im Hotel“ Premiere. In der Regie von Cesare Lievi schlüpft von Bargen in die Rolle des Baron von Gaigern. Zwei Rollen, denkt man, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und doch gibt es da etwas, das sie verbindet. Ein Gespräch über Dreharbeiten in Kabul, Leben im Krieg und was er aus den Menschen macht:

MM: Als ich das Gespräch vorbereitet habe, fiel mir eine Gemeinsamkeit zwischen dem Film „Thank You For Bombing“ und der Kammerspiele-Premiere „Menschen im Hotel“ auf: Wir unterhalten uns über ein Panoptikum vereinsamter, seelisch deformierter Menschen mit gestörtem Verhältnis zur Realität.

Raphael von Bargen: Das ist richtig, das betrifft grob alle Projekte, in denen ich die vergangenen 15 Jahre gearbeitet habe (er lacht).

MM: Lassen Sie uns mit Barbara Eders Film beginnen. Sie haben in Afghanistan gedreht. Welche Erfahrungen macht man da? Welche Eindrücke nimmt man mit?

Von Bargen: Der erste Eindruck war natürlich ein wilder. Barbara Eder wurde auf einem Hügel mit Steinen beworfen, von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen, und ist nur knapp ohne Verletzung davongekommen. Ein paar Tage zuvor hatte sich im Nachbarcamp ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, da hatte es Tote gegeben. Die Menschen schauen finster und man glaubt, in einem aggressiven Land mit einer unglaublich aggressiven Bevölkerung zu sein. Was aber relativ schnell zu lernen war, ist, wenn man grüßt, und zwar von meinem Herzen zu dir (er macht eine Handbewegung von seiner Brust zu der seines gegenüber), lachen auf einmal die Leute. Nur schauen, nur starren ist einfach sehr unhöflich. Ich habe Afghanen kennengelernt, die bezaubernd sind, sehr gastfreundlich und hilfsbereit. Es gab auch mit den Amerikanern bizarre Begebenheiten, etwa als an einem Drehort plötzlich die CIA mit Black Hawk Helicoptern aufgestiegen ist oder wir von ihnen mit einem SUV quer durch Kabul verfolgt worden sind …

MM: Sie spielen einen amerikanischen Kriegsberichterstatter namens Cal.

Von Bargen: Und hatte vor Ort auch Gelegenheit mit Journalisten und Soldaten zu sprechen. Das sind Jungs, die sind ganz nett, aber auch brandgefährlich. Die leben den ganzen Tag in diesen Camps, haben keine Ablenkungen, keine Vergnügungen, das ist eine G1 Verordnung, und einen vielleicht beidseitig missverstandenen Auftrag. Das sind zum Teil Testosteronmaschinen, deren Laune nicht die beste ist. Einer hat zu mir gesagt, er würde am liebsten alles kurz und klein schießen – und dann natürlich: Just jokin‘, just jokin‘. Aber das gibt einem schon zu denken.

MM: Fragen sich die „Westmenschen“ in Afghanistan nie, was sie da eigentlich machen? Ich weiß schon, der Welt Gesetz und Ordnung geben, aber …

Von Bargen: Naja, nein, die fragen sich gar nichts. Es gibt keine Informationsquelle zu Afghanistan, die nicht irgendwie bearbeitet ist. In diesem Konflikt geht es nicht mehr darum, zu kommunizieren. Es geht nicht darum, sich mit diesem Land auseinanderzusetzen. Der Nahe Osten ist für mich von einer erschreckenden Bodenlosigkeit. Der Westen kommt in ein Land und diktiert wie die Dinge zu funktionieren haben. Wer bin ich denn, dass ich den Menschen dort sage, wie Zusammenleben funktionieren soll? Das ist eine Hybris, die kann ich nicht gutheißen. Dass ich auch nicht gutheißen kann, wie die Dinge in Afghanistan funktionieren, das steht auf einem anderen Blatt. Mit unserer Überheblichkeit werden wir das auch nicht ändern … nur durch eine lebendige Kommunikation. Aber seit dem Dreh hat sich die Gesamtsituation diesbezüglich natürlich geändert und verschärft …

MM: Sie meinen die Flüchtlinge, die auch aus Afghanistan kommen?

Von Bargen: Ja, und man muss nachfragen, warum die Situation in den derzeitigen Krisenländern so ist, wie sie ist. Warum ist Krieg? Warum fliehen die Menschen? Da lehnt sich einer der Hauptakteure, die USA, gerade ganz bequem zurück und berichtet einfach nicht. Meine Mutter lebt in Florida, die hat quasi Nachrichtensperre, die ruft mich in Österreich an, um zu erfahren, was los ist. Die Amerikaner konzentrieren sich jetzt auf ihren Wahlkampf, die wollen keine Störungen „von außen“, sind aber seit je „außen“ involviert.

MM: Das ist etwas, das der Film auch in der Figur des Cal thematisiert: Das Missverstehen und auch Missachten der anderen Kultur.

Von Bargen: Einerseits das. Der Titel des Films „Thank You For Bombing“ ist ja symptomatisch in der Figur verankert. Wir haben eine so hohe Reizschwelle, das heißt: ich brauche harte Bilder, um überhaupt noch wahrzunehmen, dass etwas passiert. Bei Kriegsberichterstattern ist das große Problem, dass die Medien sie nur noch als Freelancer beschäftigen. Also fahren einige Wahnsinnige, auch Vorbilder meiner Figur, auf eigene Kosten in den Krieg. Machen da Bilder, vollkommen geisteskrank, wo sich niemand hintraut, und ob sie Geld dafür kriegen, zeigt sich erst in dem Moment, in dem sie abliefern.

MM: Wie ordnen Sie Cal ein – zwischen der Pflicht zur Berichterstattung und Voyeurismus? Sympathisch ist er nicht.

Von Bargen: Natürlich nicht. Er hat kein normales Leben mehr, er ist abgestumpft, lebt aber auch in einem Rausch. Cal ist ein Adrenalinjunkie, er ist ein Idealist, das ist sein erster Zugang zum Beruf. Und so, wie die anderen Krieg betrachten und die afghanische Kultur betrachten, wird er zum Zyniker und beschließt, sein Umfeld bis aufs Blut zu reizen. Sein einziger Freund ist sein Fahrer, ein Mensch, zu dem er eine emotionale Nähe entwickelt, aber der Zahn wird Cal ja auch noch gezogen.

MM: Wer war der Kollege?

Von Bargen: Mohammad Jamil Jalla lebt tatsächlich in Kabul, er ist ein junger Regisseur und Schauspieler, ein faszinierender, junger Kollege. Ich mochte den sehr gern.

MM: Wie war die Arbeit? Es gab keine fertigen Dialoge?

Von Bargen: Nein, es gab keine Texte. Barbara hatte ein erstes Drehbuch, das wir immer wieder neu mit Szenen gefüllt haben. Wir haben über Ideen diskutiert, auch geblödelt, aber dann sehr ernst besprochen, was geht und was nicht. Wir hatten eine Szene, da zieht ein Kind auf dem Markt in Kabul eine Pistole. Die Situation in Kabul selbst strich diese Szene, denn wenn auf dem Marktplatz eine Waffe gezogen wird, sind die Folgen kaum absehbar. In Summe haben wir zumindest anfangs die Situation in diesem Land unterschätzt. So auf easy, weil wir sind ja Künstler, geht in Afghanistan gar nichts.

MM: Sehen Sie nun Nachrichten mit anderen Augen?

Von Bargen: Ja, ich sitze nun und denke mir, wer hat das gefiltert? Es gab, da waren wir noch in Afghanistan, einen Bericht auf allen Sendern, dass eine Stadt in der Nähe von Kundus von den Taliban überrannt worden wäre. Wie saßen beim Chef der dortigen CNN-Abteilung, da sagt ein junger Mann: Wieso, was soll da sein? Ich komme gerade von da, da ist nichts los. Dafür wiederum geschehen natürlich andere Dinge, von denen die Welt nichts wissen soll.

MM: Wie unfassbar zynisch das nun ist, dass Afghanistan zum sicheren Rückreiseziel für Flüchtlinge erklärt wurde.

Von Bargen: Ja. Unwissenheit ist mitunter ein Segen. Wobei es sicherlich weit weniger dramatisch ist in Afghanistan als in anderen Ländern. Ich glaube nicht, dass sich die Komplexität dessen, was sich in Kriegsgebieten abspielt, irgendeinem Normalsterblichen erschließt. Das ist in der Gesamtstruktur zu kompliziert. Nur zu sagen, da ist etwas befriedetes Gebiet und jetzt ist auch gut, ist zu wenig, das wird nichts ändern. Derzeit baut sich alles so massiv auf, man sollte also nicht daran arbeiten, Feindbilder zu schaffen, sondern einander einmal zuzuhören. Berichterstattung reduziert sich auf die Belastbarkeit einzelner Menschen. Ob ich das global sehe oder als Konflikt in einem Dorf – es reduziert sich auf Menschen, die miteinander eine Geschichte haben und erleben.

MM: Die Geschichte von zwei Menschen erzählt auch „Menschen im Hotel“.

Von Bargen: Es sind Figuren, die mit ihren Sehnsüchten im Stück auf dem Vulkan tanzen. Es ist ein heftiges Stück.

MM: Das auch im Krieg – oder der Zeit zwischen den Kriegen handelt. Sie spielen Baron von Gaigern.

Von Bargen: Eine einst gutsituierte Persönlichkeit, in dessen Leben einiges schief gelaufen ist. Es wird erzählt, dass er als Soldat in Frommelles, einem blutigen Gemetzel, im einzigen, in dem auch Hitler als Meldegänger war, eingesetzt war. Das alles hat ihn geprägt, er ist traumatisiert, sagt aber, wenn das nächste Mal Krieg ist, geh‘ ich wieder hin. Er ist ein Spieler, ein Extremsportler, der den Nervenkitzel braucht, er becirct Frauen, aber nicht ohne diese gewisse Todessehnsucht. Und dann trifft er diese Frau, Sona MacDonald als ehemalige Balletttänzerin Grusinskaja, deren Schmerz etwas so Existenzielles hat, das es ihn anrührt. Da besinnt er sich, dass er eigentlich ein Ehrenmann ist. Und er verliebt sich wirklich in ein Bild, das ihn spiegelt.

MM: Er erkennt, hier ist kein Spiel mehr möglich, hier wird bar bezahlt. Große Gefühle, schluchzende Geigen. Autorin Vicki Baum wird unterstellt, Trivialliteratur geschrieben zu haben.

Von Bargen: Ich finde das nicht. Ich habe das Buch wirklich gerne gelesen. Es ist eine Zeitbetrachtung, eine sehr klare Zeitbetrachtung. Es ist nicht Boulevard – oder Pop-Literatur würde man heute sagen. Natürlich ist die Sprache ein wenig manieristisch, aber die Psychologie, die sie in die Figuren steckt, ist großartig. Die sind extrem vereinsamt, extrem verinselt in ihrer Zeit. Diese merkwürdige Zeit des Umbruchs, dieses Nicht-Wissen-Wohin in diesem Hotel, das hat sie ganz toll beschrieben. Das Hotel ist Fassade, im doppelten Sinne, und daran zerbrechen die Leute letztlich.

MM: Es gibt ein Zitat: Man kommt an, man bleibt ein bisschen, man reist ab …

Von Bargen:  … hundert Türen auf dem Gang, und keiner weiß was von dem Menschen, der nebenan wohnt. Die besagte Vereinzelung der Figuren und der Fatalismus des Arztes Otternschlag . Das passt übrigens auch zu „Thank You For Bombing“.

MM: Wie ist die Inszenierung?

Von Bargen: Cesare Lievi versucht keine Radikalisierung des Materials auf Biegen und Brechen, aber er legt schon auch den Finger in die Wunde unserer Zeit. Er nimmt den Text sehr ernst, er sieht die Figuren von ihrer existenziellen Not getrieben, von ihrer Sucht zu Wirken und ihrer Sehnsucht nach Erlösung. Wenn uns das gelingt, dann sind wir richtig, dann ist es ein sehr tragisches Stück. Was ich beispielsweise sehr gerne mag, ist, dass es nirgendwo blumig ist. Sehnend ja, verzweifelt ja, aber nie blumig. Es werden andauernd Erwartungen angehoben und auf ihrem Zenit zerschlagen. Als wollte Vicki Baum sagen, man kann vom Leben nur dann nicht enttäuscht werden, wenn man sich mit den Enttäuschungen des Lebens abgefunden hat. Die Charaktere  hoffen, in ihrem gegenüber, im Morgen Glückseligkeit zu finden. Und kaum haben sie einen Schritt darauf zugemacht, kommt garantiert das Schicksal, der Umstand, das Leben …

MM: Es gibt zwei Filme …

Von Bargen: Und auch unsere Arbeit wird in weitestem Sinne filmisch. Das entspricht dem Fluss, den der Roman hat. Man wird von Szene zu Szene geführt, in einem Raum, den nur die Behauptung des Spiels zu einem anderen macht. Das Hotel atmet, es setzt unter Stress, man wird gesehen und versucht zu verheimlichen, das ist ungefähr die Temperatur.

MM: Was macht den Reiz aus, das zu spielen?

Von Bargen: Dass dieser Baron von Gaigern mehrere Rollen spielt, dass er scheinbar nur aus Fassaden besteht. Er ist vieles gleichzeitig, und jedes Mal, wenn jemand anderes auftritt, ist er ein anderer Mensch. Dem versuche ich mit meiner Darstellung gerecht zu werden. Eigentlich kann man bis zum Schluss nicht wissen, was das für ein Typ ist. Bis ihm die Nähe zu einem Menschen die Maske abreißt. Ich glaube, dass das den Zuschauern sehr nahe gehen kann. Cesare macht es einem sehr leicht, sich einzulassen. Wer von uns trägt schließlich keine Maske?

www.josefstadt.org

www.thankyouforbombing.com

Wien, 11. 3. 2016

Thank You For Bombing

März 3, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine bitterböse Satire auf Kriegsberichterstattung

Manon Kahle glaubt als TV-Journalistin Lana an die Gleichstellung der Geschlechter im Krieg Bild: © Filmladen/Lotus Film

Starke Frau: Manon Kahle glaubt als TV-Journalistin Lana an die Gleichstellung der Geschlechter im Krieg. Bild: © Filmladen/Lotus Film

Die Episode, die einen selbst am meisten angeht, ist die zweite. „Fitz & Bergmann“. Da versucht die amerikanische TV-Journalistin Lana in Afghanistan den Aufstand gegen Frauenfeindlichkeit. Erst sieht man sie vor laufender Kamera unter der Gürtellinie befummelt, eine Erfahrung, über die eine befreundete ORF-Korrespondentin, wer Haare zeigt, ist eine Hure, vom Tahrir-Platz erzählte.

Dann wird ihr Exklusivinterview vom Vorgesetzten an einen Kollegen weitergereicht, während sie weiblich-enthusiastisch vom Britney-Spears-Auftritt vor den US-Truppen berichten darf. Als sie ihrer Story trotzdem nachgeht, kommt es erneut zu sexuellen Übergriffen, und … Das Ende bleibt offen. Wie in jeder der drei Geschichten in Barbara Eders Film „Thank You For Bombing“, der am 11. März bei der Diagonale Österreichpremiere hat und am 18. März in die heimischen Kinos kommt. Manon Kahle überzeugt als toughe Lana in diesem politthrillerartigen Kapitel. Krieg ist eine Männerwelt, aber wie ironisch ist das, beim Zumbakurs in Kabul über den fettgewordenen Arsch einer Bildschirmkonkurrentin zu lästern, sich also selber über den Körper zu definieren, und genau wegen diesem attackiert und diskriminiert zu werden.

„Thank You For Bombing“ ist eine bitterböse Satire auf Kriegsberichterstattung. Barbara Eder hat lange recherchiert, viele Gespräche geführt, ihren Film erst als Doku angedacht, sich schließlich aber fürs Fiktionale entschieden, um ihre Gesprächspartner zu schützen. Vor den Dienstgebern, den internationalen Fernsehstationen, aber letztlich auch vor sich. Zu viel könnte einem da schnell zu nahe gehen. Durch ihre Verfremdung verschafft Eder dem Abhilfe. Ihr distanzierter Blick auf die Jagd nach der besten Story, die Unsinnigkeit des embedded journalism, die Nöte und Zwänge des Berufes – „Du darfst alles berichten“, sagt Fritz Dittlacher in Episode eins, “ Ja, solange es nicht länger als zweieinhalb Minuten dauert“, erwidert Erwin Steinhauer -, die Macht der Nachricht, die Lust am Voyeurismus und die Frage, ab wann die nächste Sau durchs mediale Dorf zu treiben ist, tut gut. Gedreht wurde unter schwierigsten Bedingungen in Afghanistan und Jordanien. Michael Glawogger hat noch am Drehbuch mitgedacht.

„All das Gerede von Blut und Erschlagen verdirbt mir den Tee“, dieses Zitat der Grinsekatze aus „Alice im Wunderland“ stellt Eder ihrem Film voran. Sie lässt ihn auch mit Lewis Caroll enden. Als am Ende endlich der Krieg ausbricht, stolpern die Protagonisten das Jabberwocky-Gedicht rezitierend durch die Trümmer. The vorpal blade went snicker-snack! Treffenderes lässt sich über Schießen und Sterben kaum sagen. Es gibt eine Klammer. G.I.s sollen in Afghanistan Koranbücher verbrannt haben. Darüber soll berichtet werden, das führt die drei Episoden zusammen. Einer der drei Journalisten wird bluten. Oder tot sein. Eder zeigt die Grausamkeiten eines Krieges nicht. An ihrer subtilen Arbeit ist nichts explizit, sie adressiert den Betrachter unaufgeregt und mit indirektem Verweis darauf, dass er daheim der Letztverantwortliche für die Abnahme der Nachrichten ist. Ihre Reporter sind Opfer der Schneller-Saftiger-Sensationsgieriger-Umstände, und die meiste Zeit damit beschäftigt, die Zeit totzuschlagen, die sie über kurz oder lang am Kragen kriegen wird. 2015 starben 110 Journalisten in Ausübung ihres Berufs. Sie gerieten in Aleppo zwischen die Fronten, wurden in Mossul vom IS entführt oder saßen in der Redaktion von Charlie Hebdo.

In Episode zwei, dem Roadmovie „War“, spielt Raphael von Bargen einen zynisch gewordenen Korrespondenten, einen gnadenlosen Selbstdarsteller, weil ihm eine Nahaufnahme verweigert wird, erzwingt er sie, indem er sein Hemd über der Brust abschneidet, der seinen Alltag gezwungenermaßen mit Sightseeingtouren zu Selbstmordattentätereltern verbringt. Da steht die Journalistenmeute wie am Nasenring geführt, kriegt eine vorgefertigte, lauwarme Geschichte zu hören, die sie als brühheiße verkaufen soll. Dieser Cal bricht also aus, wagt den journalistischen Ego-Trip und vergeudet damit das Leben seines Fahrers. Sein Moment der Ein- und Umkehr. Bargen erinnert an den großen Peter Arnett, der auf Hintertreiben des Pentagon von CNN geschasst wurde, weil er im irakischen Fernsehen seine Einschätzung der Lage erläuterte. Ehrlichkeit, das geht wohl nicht, und auch Cal wird aus einer Liveschaltung nach Washington entfernt, weil er, der täglich am Leid dran ist, den davon weit entfernten politisch Verantwortlichen unangenehme Fragen stellt. Carolin Emcke sagte unlängst, sie sehe viel mehr, als sie jemals berichten könne. Weil die Leute das alles gar nicht bis zur letzten Konsequenz wissen wollen. Man füttere Häppchen für Häppchen die Erkenntnis, wie Gewalt die Menschen entmenschlicht.

Christian Haake hat das in beklemmenden, aber auch belustigenden Bildern eingefangen. Er zeigt die Leere in den Landschaften und den Leben, und wie klaustrophobisch eng Weite werden kann. Er zeigt den Reporterbienenstaat, wunderbar die Aufnahme ihrer Hotel-Front, Balkon reiht sich an Balkon, Kamerateam an Kamerateam – und Action. Er zeigt einen Flughafen als Einsamkeitsort, als könne der einzelne nirgends mehr allein sein als mitten im Menschengewühl. „Thank You For Bombing“ ist ein stiller Film. Das Fieberhafte seiner Atmosphäre flirrt nicht, es liegt eher in Agonie.

Erwin Steinhauer bestreitet die erste Episode, „Milan Vidić“. Von seinem Chef nach Kabul entsandt, kommt dieser abgehalfterte Kriegsberichterstatter über Schwechat nicht hinaus. Weil er denkt, einen Tschetnik gesehen zu haben. Er, der mit bewaffneten Konflikten nichts mehr zu tun haben wollte, wird nun in einen alten, jugoslawischen zurückgeworfen, und niemand glaubt ihm. Seine Frau, Susi Stach, lässt ihn von der Polizei als geistig verwirrt suchen. „Für Kriegsverbrecher samma ned zuständig“, erklärt diese, nachdem Steinhauers Ewald die Lage erklärt hat, den Flughafen zum Terroristen-Transit. „Das ist Jahrzehnte her, das interessiert niemanden mehr“, schreit Chefredakteur Dittlbacher als beinah himself wütend ins Telefon. Erwin Steinhauer ist ganz großartig, wie er um seine Glaubwürdigkeit kämpft, beschämt, weil er sich in Panik bepinkelt, ein Mann, an dem seit gefühlten Ewigkeiten ein Trauma frisst, so dass man als Zuschauer auch nicht weiß, ob seiner Wahrnehmung zu trauen ist oder nicht. Das Kammerspiel, Steinhauers Verwirrspiel ist schauspielerisch sicher die stärkste Episode. Ewald ist emotional dort angelangt, wo Lana und Cal mutmaßlich noch landen werden …

„Thank You For Bombing“ zeigt die Krisenberichterstattung in der Krise. Die drei von Barbara Eder sehr authentisch porträtierten Protagonisten sind Prototypen einer Community, die als Tross von Ereignis zu Ereignis zieht, um die Welt mit ihren daraus generierten Wahrheiten zu erschüttern. Krieg ist ein TV-Geschäft und die Nachricht eine Handelsware und die Komplexität weltweiter Konflikte muss fürs 16:9-Format quotentauglich gemacht werden. Eine Frage, die der Film aufwirft ist, ob einem das taugen muss.

www.thankyouforbombing.com

Diagonale 2016: Das Festivalprogramm www.mottingers-meinung.at/?p=17827

Wien, 3. 3. 2016