Der Mann, der seine Haut verkaufte

März 4, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Syrien-Krieg und die Wimmerl-Katastrophe

Trägt das für ihn unerreichbar gewesene Schengen-Visum als Tattoo-Kunstwerk: Yahya Mahayni als Sam Ali. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Welt huldigt dem Mammon, die Kunstwelt errichtet ihm Altäre, und dies System als wertschöpfend statt schöpferisch bloßzustellen, geht selbst für die Großen unter den Kritikerinnen und Kritikern meist in die Binsen. Ein Beispiel: Als der Street Artist Banksy sein bei Sotheby’s London zur Versteigerung freigegebenes „The Girl with Balloon“ schredderte, um ein Zeichen gegen den Kunst- kommerz zu setzen, hielt sich das Entsetzen der Bieterinnen und Bieter nur kurz.

Neu zusammengesetzt als „Love is in the Bin“ brachte das Werk nämlich 18,5 statt 1,04 Millionen Pfund ein. Tja. Der tunesischen Regisseurin und Drehbuchautorin Kaouther Ben Hania gelingt es mit ihrem Film „Der Mann, der seine Haut verkaufte“, derzeit im Kino, diese Realsatire mit bitterbösem Sarkasmus und einem Hauch Melancholie zu toppen. Sage keiner, die beiden Begriffe würden sich ausschließen, Ben Hania schafft den tragikomödiantischen Kniff, der ihr bereits den Friedenspreis des Deutschen Films, eine Auszeichnung bei den Prix Lumières, zwei in Venedig, eine davon der Darstellerpreis für Yahya Mahayni, und – als erstem tunesischen – eine Oscar-Nominierung als Bester internationaler Film einbrachte.

Die Story basiert auf der Geschichte eines menschlichen Kunstwerks namens „Tim“ des belgischen Konzeptkünstlers Wim Delvoye, der 2008 eine aufwendige Punk-Kreuzigungsszene auf den Rücken des Zürcher Tattoo-Studio-Besitzers Tim Steiner tätowierte. Der sich gegen Bezahlung dazu bereit erklärte, sich in Galerien zu präsentieren und nach seinem Tod die tätowierte Haut entfernen und ausstellen zu lassen. „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ erzählt nun von einem faustischen Pakt, der Delvoyes umstrittene Arbeit um eine politische Dimension erweitert, verwebt Ben Hania für ihren Film doch den Syrien-Krieg mit den Fallstricken der europäischen Migrationspolitik.

Weil der Syrer Sam Ali im Zug beim spontanen Verlobungstanz mit seiner Geliebten Abeer ruft: „Ich bin die Revolution, wir wollen Freiheit!“, wird er verhaftet und kann nur mit knapper Not nach Beirut entkommen. Dort sitzt er fest, während Abeer (zart und grazil, aber ein wenig zu passiv angelegt: die französische Theaterschauspielerin Dea Liane) von ihrer Familie gezwungen wird, den in sie verliebten Botschaftsangestellten Zaid zu heiraten und mit ihm nach Brüssel zu gehen. Klar, dass auch Sam nach Belgien will, aber vorerst schmuggelt er sich in Vernissagen ein, um ein Abendessen in Form von Häppchen und ja, auch Champagner, zu stibitzen.

Sam und Abeer feiern Verlobung im Zug: Yahya Mahayni und Dea Liane. Bild: © Filmladen Filmverleih

Fotosession mit Künstler Jeffrey Godefroi: Yahya Mahayni und Koen De Bouw. Bild: © Filmladen Filmverleih

Ausstellungsobjekt in den Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique: Yahya Mahayni als Sam. Bild: © Filmladen Filmverleih

Sam wird versteigert und geht für fünf Millionen Pfund an einen Kunstsammler: Yahya Mahayni. Bild: © Filmladen Filmverleih

Da entdeckt ihn am „Gratisbuffet“ die Händlerin des ausstellenden Künstlers, Soraya Waldy, Monica Bellucci bravourös als manipulativer, aalglatter Kultursnob, und erkennt Sams Notlage – die sie und ihren Konzeptkünstler Jeffrey Godefroi auf eine Idee bringt: Sie offerieren Sam einen „fliegenden Teppich“, das unerreichbare Schengen-Visum, an, so er sich ein solches von Godefroi auf den Rücken tätowieren und sich als Kunstobjekt auf einer Museumstour durch Europa ausstellen lässt, Start in Godefrois Heimatstadt Brüssel. Als „Leinwand“, so die zwei mit diabolischem Charme, könne Sam problemlos durch die Welt reisen. Waren und Kunstobjekte, sagt Godefroi, bewegen sich heutzutage freier als das Subjekt Mensch.

Belgiens Film- und Fernsehstar Koen De Bouw gibt Jeffrey Godefroi, den „teuersten lebenden Künstler“, mit Kajal und schwarzlackierten Fingernägeln als charismatischen, exaltierten Businessman, der den Markt, den er bedient, genau kennt und daher weiß, wie er mit Provokationen für Aufruhr und Einnahmen sorgt. Ihm gegenüber steht der syrische Schauspieler und Schriftsteller Yahya Mahayni, als Sam Ali ein muslimischer Schmerzensmann, in dessen sensiblem, ausdrucksstarkem Gesicht sich tausend Emotionen spiegeln.

Zum Unmut der Museumsdirektoren, denn ein selbstständig denkendes Ausstellungsstück war nach deren spätkolonialistischem Ansinnen nicht gewünscht, erweist sich Sam alsbald als äußerst eigensinniges, auch zorniges Artefakt, das sich nicht widerstandslos zum Objekt degradieren lässt. Mahayni gelingt es, Sam einen Panzer aus trotziger und impulsiver Sturheit anzulegen, unter dem Ohnmacht und Hilflosigkeit trotzdem erkennbar bleiben. Er will die Frau, die er liebt, vorm ungeliebten Ehemann retten, und verzettelt sich nicht besonders sympathisch in nebensächlichen Scharmützeln. Mahayni spielt das mit einer sehr eigenen Maskulinität, die dem Klischee vom arabischen Männlichkeitskult zuwiderläuft.

Ben Hanias parabelhafte Erzählung, die Christopher Aouns Kamera in teils gemäldeartigen Kompositionen festhält – etwa, wenn Sam im seidenblauen Morgenmantel durchs Museum eilt, vorbei an den Alten Meistern, bis er selbst auf seinem Sockel und auf seinen Rücken reduziert von den Betrachtenden fotografiert und von Schulklassen analysiert wird -, trifft zielsicher manch gesellschaftspolitische Schieflage dieser Tage. Pointiert ist besonders Ben Hanias Blick auf den westlichen Kunstmarkt, den die Virtuosen der Selbstinszenierung regieren und Aufmerksamkeit dem zuteilwird, der sich am lautesten geriert.

Muslimischer Schmerzensmann: Yahya Mahayni spiegelt 1000 Emotionen in seinem ausdrucksstarken Gesicht. Bild: © Filmladen Filmverleih

Im Kontrast zu dieser im Wortsinn Kunstwelt zeigen Ben Hania und Aoun um nichts weniger symbolische Bilder: Sam, der sich auf der Flucht in den Libanon auf einem Pickup versteckt, getarnt mit einem Hemd im gleichen Muster wie die ihn umringenden Ikea-Tragetaschen. Sam, der in Beirut in einer Hühnerfabrik die männlichen Küken aussortiert und per Stromschlag tötet – kaum etwas wirkt erbarmungswürdiger als ein gerupfter

Hühnertorso auf dem Förderband. Schließlich die syrische Hilfsorganisation in Brüssel, deren Leiter Sam vorwirft, er führe sich auf wie im Zoo oder Zirkus – und der wegen Sams „Verletzung der Würde und Menschenrechte des syrischen Volks“ einen Shitstorm im Internet entfacht. Und apropos, Zirkus: Einen solchen veranstaltet Godefroi als sich in seinem Kunstwerk aka Sams Rücken ein Pickel bildet – was ist ein Bürgerkrieg gegen eine Wimmerlkatastrophe? Ein Spezialist für das konservatorische Problem muss her! – dies gleichsam der Höhepunkt des Affentanzes rund um Sam. Im Museum entschuldigt derweil ein Schild seine Abwesenheit: „Wegen Restaurierung geschlossen“.

Ben Hanias Verzicht auf den moralischen Zeigefinger zugunsten von Zwischentönen und einer wohldosierten Prise Humor machen „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ zu einer gelungenen Groteske an der verschwimmenden Grenze von Kunst- und Menschenhandel, die durch ihre Überspitzung einen seltsamen Sog entwickelt. Denn so absurd die vorgeführten Akte der Entmenschlichung auch seien mögen, die Realität liegt gleich ums Eck.

Wie nebenbei gelingt es der Filmemacherin die ernsten Themen einzubringen: die gesellschaftliche Verantwortung von Kunst und KünstlerInnen, die Ware Mensch, das elitäre Wort Freiheit, Sams Sorgen und Schuldgefühle, weil er Mutter und Geschwister in Syrien zurückgelassen hat. Zum Schluss wird Sam auf einer Auktion von einem Schweizer Kunstsammler ersteigert. Da macht er, wie man’s vom Syrer und Muslim erwartet, einen auf „Selbstmordattentäter“. Gekreische, Gerenne der Protz-Society aus dem Prunksaal. Immerhin: Danach ist Sam fünf Millionen Pfund wert. Was Wunder, dass sich darob sogar der IS einschaltet …

Trailer Englisch/Arabisch mit Untertiteln: www.youtube.com/watch?v=lZ2-d_cWVq0

4. 3.  2022

Academy Awards Streaming: The Trial of the Chicago 7

März 30, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Aaron Sorkins Gerichtsthriller warten sechs Oscars

Die Angeklagten und ihre Bürgerrechtsanwälte: Yahya Abdul-Mateen II, Ben Shenkman, Mark Rylance, Eddie Redmayne und Alex Sharp. Bild: © Netflix 2020

Zu den unzähligen Auszeichnungen – 48 Preise und 183 Nominierungen, die Aaron Sorkins starbesetzter Film über den Skandal-Prozess gegen Anti-Vietnamkrieg-Aktivisten im Jahr 1968 schon erhielt, könnten sich am 25. April auch einige Academy Awards 2021 gesellen. Die Netflix-Produktion „The Trial of the Chicago 7“ ist in den Oscar-Kategorien Bester Film, Sacha Baron Cohen als Bester Nebendarsteller, Aaron Sorkin für das Beste

Originaldrehbuch, Phedon Papamichael Jr. für die Beste Kamera, Daniel Pemberton und Celeste Waite für den Besten Filmsong „Hear My Voice“ und Alan Baumgarten für den Besten Schnitt nominiert. Hier noch einmal die Filmrezension vom vergangenen Oktober:

Ein Schauprozess mit Analogien zum Heute

Dieses Moment von Show stellt sich nicht nur ein, weil Sacha Baron Cohen als Abbie Hoffman parallel zur Handlung in einem Club den Stand-up-Comedian gibt. Von Anfang an spüren die Angeklagten, dass sie als Staatsfeinde vor Gericht stehen, und dass das Ganze eine Farce ist, ein Schauprozess. „Dies ist die Oscarverleihung der Protestkultur. Welch eine Ehre, nominiert zu sein!“, sagt Abbie Hoffman sarkastisch, Sacha Baron Cohen, der tatsächlich für den des Besten Nebendarstellers nominiert ist.

Das Jahr ist 1969, das Verfahren „The Trial of the Chicago 7“, Filmemacher Aaron Sorkins auf Netflix zu streamender Rekonstruktionsthriller einer True Story, der in doppeltem Sinne die Verfassung der Vereinigten Staaten aufs Korn nimmt, wenn hier zwei Ideale der USA aufeinanderprallen. „The whole World is watching!“, skandieren die Sympathisanten vor dem Gerichtsgebäude – und wirklich, es fühlt sich an, als sei seit diesen Iden des März kein einziger Tag vergangen. Insbesondere mit Blick auf die Spezialbehandlung des Afroamerikaners Bobby Seale, der wegen „anhaltender Renitenz“ gefesselt, geknebelt und gedemütigt im Gerichtssaal sitzen muss. [Ein an George Floyd gemahnendes Bild weißer Gewalt, das unerträglich ist …]

Die Law-and-Order-Fraktion, die eben erst Präsident Nixon im Weißen Haus installierte und nun politischen Rückenwind spürt, will also den Anti-Vietnamkrieg-Demonstrationen den Garaus machen. Deshalb soll dies Exempel statuiert werden, an acht Leitfiguren einer immer stärker werdenden Gegenkultur; vom Friedensbewegten bis zum Militanten, die Staatsanwälte fordern lange Freiheitsstrafen – zur Abschreckung einer ungekannt aufmüpfigen Jugend. Mit den unterschiedlichsten Beweggründen, aber einem gemeinsamen Ziel, begaben sich Ende August 1968 acht Männer nach Chicago, dies die in Kreuzverhör-Rückblenden erzählte Vorgeschichte, um an Kundgebungen gegen den Vietnamkrieg teilzunehmen:

Tom Hayden und Rennie Davis als Mitglieder der „Students for a Democratic Society“; die Pazifisten Dave Dellinger und Lee Weiner vom Nationalen Mobilisierungskomitee zur Beendigung des Krieges in Vietnam; die Hippies Abbie Hoffman und Jerry Rubin als Gründer der Youth International Party aka Yippies; Antikriegsaktivist John Froines, er wie Weiner des Richters Manövriermasse im Prozess und die beiden als einzige freigesprochen. Und schließlich Black-Panther-Boss Bobby Seale, angesichts der vielen ermordeten Bannerträger des friedlichen Wandels durchaus zu Gewalt bereit, und vom Filmtitel nicht unter die sieben gezählt, weil er von Beginn an eine eigene Anhörung anstrebte.

Sacha Baron Cohen, Oscar-nominiert als Abbie Hoffman. Bild: © Netflix 2020

Michael Keaton als Ex-Justizminister Ramsey Clark. Bild: © Netflix 2020

Eddie Redmayne als moderater Tom Hayden. Bild: © Netflix 2020

Diese amerikanische Linke rief nun zum „Festival of Life“ im Chicagoer Stadtteil Lincoln Park auf, es sollte musiziert und gemeinsam protestiert, Plakate gemalt, Einberufungsbefehle und BHs verbrannt werden, „ein Rockkonzert mit Unzucht“, wie Abbie verkündet, doch die Polizei reagierte mit militärischer Aufrüstung und einer Ausgangssperre. Es gab Straßenschlachten, fünf Tage und fünf Nächte lang einen Krawall, bei dem hunderte Menschen durch Tränengas und von den Polizisten eingesetzten Schlagstöcken zum Teil schwer verletzt wurden, welch Szenen, in denen Nationalgardisten entsichern und durchladen – und jetzt soll der willkürlich zusammengewürfelten Aktivistentruppe ein Verschwörungsplan nachgewiesen werden, den es nie gab.

Ein Prozess in den USA ist immer ein Schau-, eine Performance für die Jury, die Geschworenen, die meinungsmachenden Medien und weitere Öffentlichkeit, deshalb funktioniert’s auch als Film wunderbar. Sorkin konnte sich weitgehend auf die Prozessprotokolle stützen, sie bieten Komik, Zynismus, Absurdität und sogar ausreichend waschechte Schurkerei für ein Script, die Straßenschlachtszenen sind mit original Dokumaterial von der die Einberufung bestimmenden Geburtstagslotterie, Soldaten, Napalm, Särgen, Martin Luther King, dem Attentat auf Robert Kennedy und Ähnlichem überschnitten.

In Aaron Sorkins zweiter Regiearbeit nach „Molly’s Game“ – aus seiner Feder stammen unter anderem „Eine Frage der Ehre“, „Charlie Wilson’s War“ oder „The Social Network“ – brilliert ein handverlesener Cast. Allen voran Sacha Baron Cohen als Yippie Abbie Hoffman, dieser berühmt und berüchtigt geworden mit dem Versuch, das Pentagon durch die Kraft kollektiver Meditation in die Luft zu heben, hier ein dauerbekiffter Exzentriker.

Ein Spaßvogel mit flotten Sprüchen und hochphilosophischem Nonsens, der Clown im Politzirkus, der sein Auftreten vor Gericht als Party-Gig nutzt und jede Möglichkeit, das Verfahren mit albernen Bemerkungen zu diskreditieren. Doch kaum sitzt der Anarcho im Zeugenstand erweist er sich als belesener, besonnener Intellektueller, der in der Sache Abe Lincoln und Jesus Christus zitiert – und mit seinem staubtrockenen Humor den sleeken Teflonmann und Staatsanwalt Richard Schultz aus der Reserve lockt.

Sacha Baron Cohen, Danny Flaherty , Eddie Redmayne, Jeremy Strong und Mark Rylance. Bild: © Netflix 2020

Mark Rylance, Eddie Redmayne, Alex Sharp, John Carroll Lynch und Jeremy Strong. Bild: © Netflix 2020

Die „Black Panther“ Yahya Abdul-Mateen II und Kelvin Harrison Jr. mit Mark Rylance. Bild: © Netflix 2020

Eddie Redmayne, Alex Sharp, John Carroll Lynch, Jeremy Strong und Sacha Baron Cohen. Bild: © Netflix 2020

Kulturrevolutionär Cohen zur Seite steht Jeremy Strong als Anti-Vietnam-Apologet und Molotowcocktail-Spezialist Jerry Ruben, Cohen in diesem Spiel der Leinwandstars ein Primus inter Pares, ihm gegenüber der von Eddie Redmayne verkörperte Tom Hayden, Typ properer Schwiegermutterschwarm, Hayden, der auf dem Protestmarsch den Weg durch die behördlichen Instanzen zu gehen versucht hat, doch dem die Dinge – siehe den vom Polizeiprügel hart am Kopf getroffenen, blutüberströmten Mitstreiter Rennie Davis aka Darsteller Alex Sharp – aufs Brutalste entgleiten.

Wie sich Tom und Abbie, der Realo und der Fundi, im Laufe der Prozesstage buchstäblich zusammenraufen müssen, wie sie erkennen, dass die Strategien des anderen zu einer progressiven Protestpolitik doch nicht so verpeilt sind, wie sie einander schätzen lernen – das scheint der Appell Sorkins an die heute so zersplitterte Linke zu sein. In den USA und andernorts. John Carroll Lynch gestaltet David Dellinger als biederen Vater einer amerikanischen Vorzeigefamilie. Der älteste der Runde, Lynch nennt die Rolle „Pfadfinder-Rover“, ist Kriegsdienstverweigerer seit dem Zweiten Weltkrieg und predigt Gewaltlosigkeit, bis ihm auf der Anklagebank als erstem der Geduldsfaden reißt.

Noah Robbins und Daniel Flaherty sind als die wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind gekommenen Lee Weiner und John Froines zu sehen, zwei profillose Mitakteure, die sich im Prozess der Großen bald den olympischen Gedanken „Dabei sein ist alles!“ aneignen. Großartig agiert auch Yahya Abdul-Mateen II als Black-Panther-Anführer Bobby Seale, der sich im Kampf um seine Rechte trotz aller Strafmaßnahmen nicht einschüchtern und mundtot machen lässt. Der Chef der Chicagoer Black-Panther-Partei Fred Hampton, gespielt von Kelvin Harrison Jr., wird mitten im Prozess bei einem vorgeblichen Festnahmeversuch einer Polizei-Eliteeinheit in seiner Wohnung im Schlaf erschossen.

Michael Keaton hat einen großartigen Gastauftritt als demokratischer Ex-Justizminister und Star-Zeuge im Gerichtsscharmützel, Ramsey Clark, der im Kreuzverhör die Schuld für die Vorkommnisse ganz klar bei der Polizei sieht – doch da der Richter die Geschworenen des Saales verwiesen hat, bleibt seine Aussage ungehört.

Joseph Gordon-Levitt als Staatsanwalt Richard Schultz. Bild: © Netflix 2020

Die Original-7. Bild: © Netflix 2020

Frank Langella als Hardliner-Richter Julius Hoffman. Bild: © Netflix 2020

Als dieser, als bis zur Lachhaftigkeit von der eigenen Autorität besessener Richter Julius Hoffman, beeindruckt Grandseigneur Frank Langella. Sein Richter ein verwirrter, verbohrter, voreingenommener Grumpy Old Man, der Namen vergisst und Tathergänge verwechselt, der seine Verachtung für die Angeklagten und seine Abscheu vor dem schwarzen unter ihnen gar nicht verbergen will, jede Gesichtsregung Langellas verweist darauf, der ganze Kreuzverhöre aus dem Protokoll streichen – das hat schon Witz, wenn der ganze Saal noch vor Seiner Ehren im Chor „Abgelehnt!“ skandiert – und Jury-Mitgliedern via Staatsanwaltschaft gefälschte Drohbriefe zukommen lässt.

Die sind im „Bad Cop/Good Cop“-Wechsel J. C. MacKenzie als Tom Foran und Joseph Gordon-Levitt als Richard Schultz, und sehr viel von Sorkins eigener Agenda steckt wohl in der Figur dieses jungen Staatsanwalts, der die Aufrührer von Amts wegen zwar verfolgen muss, doch heimlich mit ihnen sympathisiert.

Der Charakter Schultz‘ symbolisiert, dass kein Justizsystem der Welt final korrupt ist, sondern dass selbst schlimmste Fehlentscheidungen irgendwann korrigiert werden. Sorkin glaubt an die Gewaltentrennung von Legislative, Exekutive und Judikative, das hat er auch in seiner TV-Serie „The West Wing“ bewiesen, und die US-Filmkritik liebt ihn dafür – und der echte Schultz, der dank des Films zu etlichen Interview-Ehren kam, erweist sich in den Gesprächen als ebenso aufrecht und integer wie sein Bildschirm-Alter-Ego.

Auf der Seite der Guten stehen außerdem Sir Mark Rylance und Ben Shenkman als die von ihnen so fulminant wie furios gespielten Bürgerrechtsanwälte William Kunstler und Leonard Weinglass. Rylance agiert als kämpferisch-verkniffener Kunstler, der seine Verwunderung über das halbsenile, nichtsdestotrotz stur paternalistische Verhalten des Richters nicht verhehlen kann, besonders prägnant. Unter den etlichen Detectives, Gesetzeshütern in Zivil, die die Gruppe infiltrierten, zählt als -hüterin auch Caitlin FitzGerald als Agent Daphne O’Connor, die Jerry Ruben in sich verliebt macht und ihm das Herz bricht.

Auf dem Weg zur …: Jeremy Strong, Alex Sharp, John Carroll Lynch und Sacha Baron Cohen. Bild: © Netflix 2020

… Polizeiblockade: Alex Sharp, Jeremy Strong, John Carroll Lynch und Sacha Baron Cohen. Bild: © Netflix 2020

Die Ausschreitungen im Chicagoer Stadtteil Lincoln Park enden für die Demonstranten blutig. Bild: © Netflix 2020

„The whole World is watching!“: Jeremy Strong und Sacha Baron Cohen gehen ins Gerichtsgebäude. Bild: © Netflix 2020

Und apropos, Herz: Es ist jenes der gegenwärtigen Finsternis, auf das „The Trial of the Chicago 7“ zielt und trifft. Sorkin, ein Veteran auf dem Gebiet des linksliberalen Politik-Entertainments, lässt bitterböse Satire auf engagierten Antikriegsfilm treffen; dessen Aussage ist gleich einem Paradebeispiel für Zivilcourage und zivilen Ungehorsam und dafür, wie wichtig es wäre, von beidem mehr zu haben.

Sorkin erzählt anhand wahrer Begebenheiten von einem zerrissenen Land, in dem sich Links und Rechts zähnefletschend gegenüberstehen, Rassismus zum Alltag gehört und Gewalt in der Luft liegt. Das alles setzt er zum Mosaik einer Gesellschaft zusammen, die auch im Spiegel der historischen Ereignisse nicht zwangsläufig nur die amerikanische sein muss. Sorkin zeigt einen Staat, in dem die Staatsgewalt nicht länger vom Volke ausgeht, zeigt die Fragilität des Rechtswesens und der Justiz, zeigt, wie verwundbar Demokratie ist, wenn die Politik den Rechtsstaat unterwandert.

Sei’s, dass eine Regierung Razzien bei Behörden einschränkt, heißt: per Änderung der Strafprozessordnung die Beschlagnahmung von Unterlagen durch die Justiz nur noch im Ausnahmefall ermöglichen will. Sei’s, dass Politiker mit Hetzreden bei Demonstrationen scharf machen, die längst von der rechten Szene unterwandert sind, während die Polizei die linke-autonome einkesselt. Fünfzig Jahre Fortschritt und kein Unterschied …

„The Trial of the Chicago 7“ ist unterhaltsames und politisch engagiertes Ensemblekino am Puls der Zeit, mit einem prominenten Cast, der sich des ungeniert parteiischen Drehbuchs des Regisseurs mit Verve und aus Überzeugung annimmt. Am Ende verliest Eddie Redmayne als Tom Hayden die von Rennie Davies täglich aufgelisteten Namen der während der Prozessdauer gefallenen US-Soldaten. 4752 sind es. Ein Teil der Menschen im Gerichtssaal steht auf zu einer letzten Ehrenbezeugung, auch Richard Schultz, andere verlassen empört den Raum. Der Rest ist Geschichte …

www.netflix.com           Trailer: www.youtube.com/watch?v=02ecSUe8VMA

30. 3. 2021