Belvedere: Face to Face. Marc Quinn meets Franz Xaver Messerschmidt

Februar 28, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der Faszination grotesk verzerrter Charakterköpfe

Marc Quinn, Emotional Detox II, 1995 (copyright Marc Quinn Studio) and Franz Xaver Messerschmidt, Character Head No.33, 1777/1783 (copyright Belvedere, Wien). Image courtesy of Marc Quinn studio

Ein Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und bedeutenden Werken aus der Sammlung des Museums: Das Belvedere stellt die WerkserieEmotional Detox“ des britischen Künstlers Marc Quinn den berühmten „Charakterköpfen“ des barocken Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt gegenüber. Messerschmidts Arbeit inspiriert Quinn seit Langem – der direkte Einfluss der „Charakterköpfe“ auf die Entstehung vonEmotional Detox“ ist nun im Oberen Belvedere zu sehen, wo die beiden Werkgruppen erstmals miteinander gezeigt werden.

Marc Quinns acht lebensgroße skulpturale Selbstporträts entstanden in einer herausfordernden Phase im Leben des Künstlers, als er Anfang der 1990er-Jahre die körperlichen und seelischen Qualen eines Alkoholentzugs überwinden musste. In dieser Zeit betrachtete er regelmäßig die Messerschmidt-Skulptur „Der starke Geruch“ im Victoria and Albert Museum in London. Die ausdrucksstarke Darstellung aus dem 18. Jahrhundert inspirierte Quinn, seine eigene Erfahrung in der Serie „Emotional Detox“ auszudrücken. Die Verwendung der Materialien Blei und Wachs, die Spuren des Herstellungsprozesses und die expressive Darstellung kehren das innere Empfinden nach außen. Der Dämon, der dem Gemarterten an die Gurgel geht, ist er selbst. Die Hände des Bildhauers würgen und knuffen sein Abbild, boxen in sein Gesicht, pressen den Schädel. Die bis zur Taille reichende Büste ist stückhaft, roh, durchlöchert. Die Hände haben sich von den Armen gelöst und ein sadistisches Eigenleben begonnen. Der Bildhauer legt Hand an (sich selbst).

Marc Quinn: „Seit Beginn meiner Beschäftigung mit Kunst fesseln mich Franz Xaver Messerschmidts Skulpturen und seine unglaubliche Fähigkeit, Gefühle darzustellen. Mit diesen Werken gelang es Messerschmidt, die strengen Regeln der Hofkunst des 18. Jahrhunderts zu durchbrechen und lebensnahe Themen menschlicher Existenz darzustellen, die uns auch heute noch – 200 Jahre später – ansprechen. Als ich Anfang der 1990er-Jahre gezwungen war, meinen hedonistischen Lebensstil zu ändern, spendeten mir die ,Charakterköpfe‘ viel Trost. Ein Jahr lang konnte ich nicht arbeiten, erst durch Messerschmidts Werke fand ich wieder zur Kunst zurück. Sie brachten mich dazu, die Serie ,Emotional Detox‘ zu schaffen. Beide nun gemeinsam in den großartigen Räumen des Oberen Belvedere ausgestellt zu sehen, ist für mich die Erfüllung eines Traums.“

Marc Quinn, Fear of Fear, 1994. © Marc Quinn Studio. Image courtesy of Marc Quinn studio

Marc Quinn, Emotional Detox: The Seven Deadly Sins IV, 1995. © Marc Quinn Studio. Image courtesy of Marc Quinn studio

Marc Quinn, Emotional Detox: The Seven Deadly Sins VI, 1995. © Marc Quinn Studio. Image courtesy of Marc Quinn studio

Der Anspruch, den flüchtigen Ausdruck von Emotion in Mimik und Gestik festzuhalten und mit den Mitteln der Bildhauerei zu fassen, verbindet Marc Quinn und Franz Xaver Messerschmidt über die Zeiten hinweg. Beide Künstler arbeiten mit Blei, einem Material, das für seine Toxizität und seine Rolle in dem sagenumwobenen alchimistischen Vorgang, der in einem Prozess der Verwandlung zu Gold führt, essenziell ist. Die autobiografischen Arbeiten beider Künstler thematisieren zutiefst persönliche Lebenseinschnitte und zeigen ergreifende Selbstinszenierungen. Die Ausstellung „Face to Face“ ist die erste gemeinsame Präsentation der Werke von Franz Xaver Messerschmidt und Marc Quinn.

Franz Xaver Messerschmidt schuf die Werkgruppe der „Charakterköpfe“ in seinen letzten Lebensjahren von 1770/71 bis 1783, die er zurückgezogen und enttäuscht vom Wiener Kunstbetrieb in Bratislava verbrachte. Die zum Teil ins Groteske verzerrten Gesichter geben bis heute Rätsel auf. Ihre deskriptiven Titel erhalten die Köpfe erst von der Nachwelt. Was den Künstler zu diesen Darstellungen motiviert hat, wird bis heute heftig diskutiert. Das Belvedere besitzt mit 16 Originalen den größten Bestand an Messerschmidts „Charakterköpfen“, von denen bis heute eine große Faszination ausgeht. Durch ihre von jeder Generation neu erfahrene Aktualität laden sie zu einer Gegenüberstellung mit zeitgenössischen Positionen ein.

Franz Xaver Messerschmidt, Ein düstrer finstrer Mann, 1770/1783. © Belvedere, Wien. Image courtesy of Marc Quinn studio

Franz Xaver Messerschmidt, Ein Erhängter, 1771/1783. © Belvedere, Wien. Image courtesy of Marc Quinn studio

Franz Xaver Messerschmidt, Ein Schalksnarr, 1777/1783. © Belvedere, Wien. Image courtesy of Marc Quinn studio

Marc Quinn, 1964 in London geboren, ist einer der ausdrucksstärksten Künstler seiner Generation. Seine Skulpturen, Gemälde und Zeichnungen erforschen das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft, die Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur sowie den menschlichen Körper und die Wahrnehmung von Schönheit. Sein Werk nimmt häufig Bezug auf die Kunstgeschichte – von modernen Meistern bis zur Antike. Quinn wurde 1991 mit seiner „Skulptur Self“ bekannt, einem Abguss des Kopfes des Künstlers aus fünfeinhalb Litern seines eigenen gefrorenen Blutes. Während sich ein Großteil seiner frühen Arbeiten auf die Erforschung des Selbst konzentrierte, war Quinn bald fasziniert davon, die Erfahrungen anderer zu reflektieren – Werte, Wahrnehmung und die Bruchlinien der Gesellschaft infrage zu stellen.

Andere von der Kritik gefeierte Werke sind „Alison Lapper Pregnant“ (2005), ausgestellt auf dem Fourth Plinth des Londoner Trafalgar Square; „Planet“ (2008), eine monumentale Darstellung des Sohnes des Künstlers als Baby, dauerhaft installiert in Gardens by the Bay, Singapur; „Breath“ (2012), eine monumentale Nachbildung von „Alison Lapper Pregnant“, die für die Eröffnungszeremonie der Paralympics 2012 in London in Auftrag gegeben wurde, und „Self Conscious Gene“ (2019), eine 3,5 Meter hohe Bronzeskulptur des „Zombie Boy“ Rick Genest, die im Science Museum in London permanent ausgestellt ist. Quinns Werke sind in Sammlungen auf der ganzen Welt vertreten, darunter Tate, London, Metropolitan Museum New York, Guggenheim, Venedig, Stedelijk Museum, Amsterdam und Centre Pompidou, Paris.

Zu sehen bis 3. Juli

www.belvedere.at

28. 2. 2022

Theater Nestroyhof Hamakom: Falsch

März 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dämonischer Totentanz im dichten Theaternebel

Im Wortsinn eine Familienaufstellung: Barbara Gassner, Jakob Schneider, Florentin Groll, Katalin Zsigmondy, Thomas Kolle, Franz Xaver Zach und Marlene Hauser. Bild: © Marcel Köhler

Die Atmosphäre beim Eintritt in den Spielort – gespenstisch. Finsternis, die Schauspieler nur Schemen, dichte Nebelschwaden wabern durch den Raum, so dass die Zuschauertribüne fast nicht zu finden ist, also auf!, unsicheren Schrittes, denn der symbolisch ausgebreitete Ascheboden ist weich und uneben … Später werden Neonstäbe das Spiel erhellen, doch kein Licht ins Dunkel bringen, denn die Geschichte, die hier erzählt wird, hat sich vorgenommen, enigmatisch zu bleiben.

„Falsch“ heißt das Stück des jüdisch-belgischen Autors René Kalisky, geschrieben 1980, ein Jahr bevor er jung an Lungenkrebs starb, und es ist das unschätzbare Verdienst von Hausherr Frederic Lion diese wichtige Stimme für Wien wiederentdeckt zu haben. Dass er „Falsch“ im Theater Nestroyhof Hamakom als österreichische Erstaufführung zeigt, ist kaum zu glauben, und dennoch; in Frankreich haben die Brüder Dardenne den Stoff bereits 1986 verfilmt. Kalisky, Sohn eines in Auschwitz ermordeten Vaters, entwirft hier ein surreales Szenario, Untote, die im Hamakom durch den von Andreas Braito geschaffenen Raum geistern, um das letzte gelebt habende Familienmitglied in ihren Kreis aufzunehmen.

Dieses heimgekehrte „Kind“, Josef, Joe, stürzt in New York aufs harte Pflaster, ob das Folgende Komatraum oder schon das Sterben ist, entschlüsselt sich nicht, hält Kalisky in seinen hybriden Welten doch an der Nichtendgültigkeit des Todes fest, ein Trauma erleidet Joe jedenfalls – denn als er aufwacht, in einer Nicht-Zeit, an einem Nicht-Ort, ist er umringt von der Verwandtschaft, die ihm bescheidet, es sei Berlin 1938. In einer dämonischen Tanzbar, mit Tomas Kolle an den Turntables, entwickelt sich nun eine erbarmungslose Generalabrechnung über Schuld und den Schutt verblasster Erinnerungen und die Realitätsverweigerung derer, die „vergessen, was sie vergessen wollen“.

Die Tante als Vaters Geliebte, die Mutter hat’s immer gewusst: Barbara Gassner und Florentin Groll. Bild: © Marcel Köhler

Die Brüder Joe und Gustav sind sich uneins in ihren Erinnerungen: Franz Xaver Zach und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Frederic Lion, zurückhaltend im szenischen Zugriff, hat Kaliskys großangelegtes Werk klug auf seine Essenz reduziert, hat den poetisch-brutalen Text in der ihm typischen Sprödheit inszeniert, ohne Schmus, ohne Sentiment, weil er immer dort, wo dies möglich gewesen wäre, auf Distanz zum Geschehen geht – doch gerade dadurch schafft er Momente einer Zerbrechlichkeit, eine Dünnhäutigkeit, ein Erspüren-Können von Vernichtung, das berührt und betroffen macht. Die sich versammelt haben, und nomen est omen, sind „die Falschs, die in die Geschichte des Jahrhunderts mehr tot als lebend eingegangen sind“:

Vater Jakob (Florentin Groll), Mutter Rachel (Katalin Zsigmondy), Tante Minna (Barbara Gassner), die in den Konzentrationslagern gestorben sind. Die beiden Brüder Georg und Gustav (Jakob Schneider und Thomas Kamper), die 1938 mit Joe (Franz Xaver Zach) nach New York emigriert waren, der jüngste, Benjamin (Thomas Kolle), der ebenfalls ermordet wurde. Und auch Lilli (Marlene Hauser) hat sich eingefunden, Joes Jugendliebe, die bei der Bombardierung Berlins umgekommen ist. Im Zwischenreich des Nachtlokals hat man nun beschlossen, einander die Wahrheiten – oder was man dafür hält – zu sagen.

Übers „Desertieren“ aus Deutschland, übers Überleben in Tagen, als in Berlin statt der Linden die Wachtürme die Schatten geworfen haben, übers Nicht-Leben-Können zwischen judenrein und „Juden raus!“. Zentraler Vorwurf: Warum hat der Vater damals nicht zum Aufbruch gedrängt? Warum wurden daher so viele in der Familie Opfer des Holocausts? „Das Kind liebte eine Deutsche. Der Vater liebte Deutschland“, ist die schlichte Begründung, einer der zahlreichen bemerkenswerten Sätze, die sich in „Falsch“ finden. „Wenn man den Kopf verliert, kommt die Seele zum Vorschein“, lautet ein anderer. Minnas Liebesaffäre zu Jakob wird aufgedeckt, die immer noch währende Eifersucht Rachels, Bens Verbitterung, wenn er den Brüdern aus den USA entgegenschreit „Ihr stinkt nach Leben!“, die Tatsache, dass Gustav, der so gern ein Broadway-Star geworden wäre, nur Wehrmachtsoffizier im Film sein durfte. Dies dafür 45 Mal.

Das letzte gemeinsame Sabbatfest eskaliert auch in der Wiederholung: Thomas Kolle, Marlene Hauser, Jakob Schneider und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Und während das letzte gemeinsame Sabbatfest wiederholt wird, Rachel Lilly als Nazi-Kind beschimpft und sogar posthum von der Tafel verstößt, die Existenzen in Übersee sind als mit Kokain und im Hudson River beendet entpuppen, hält das großartige Ensemble bei seiner Darstellung der Falschs wunderbar die Waage zwischen absurd, abstrakt und abgrundtief zärtlich zueinander. Gewalt und deren Schilderung folgt auf grausame Vorwürfe folgen auf grenzenlose Liebe.

In ihrem Nachruf schrieb LeMonde über Kalisky „alles ist Ironie, clownesk, großes metaphysisches Konzert in dieser unvollendeten Arbeit, die er uns hinterlässt“. Dem ist angesichts des Abends im Hamakom nichts hinzuzufügen, außer, wie beeindruckend er ist, zu Zeiten, da der Begriff Erinnerungskultur immer mehr zum bizarr-populistischen Modewort wird.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=dCBtQl8nGz0

www.hamakom.at

  1. 3. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Engel mit der Posaune

September 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fulminanter Saisonauftakt mit einem Familienepos

Familie Alt: Michael Dangl, Maria Köstlinger, André Pohl, Silvia Meisterle, Alexander Absenger und Matthias Franz Stein. Bild: Sepp Gallauer

Das Theater in der Josefstadt eröffnete die Theatersaison 2017/18 mit einer außerordentlich großartigen Produktion. Gezeigt wurde Samstagabend die Uraufführung von Ernst Lothars „Der Engel mit der Posaune“. Da wird mancher den Film mit dem Wessely-Hörbiger-Clan kennen, doch an der Josefstadt bezieht man sich auf Lothars Roman. Der Vordenker und Förderer der Wiener Kultur war gemeinsam mit Max Reinhardt von 1935 bis 1938 Direktor des Hauses.

Musste emigrieren, und veröffentlichte 1944 in den USA sein Opus Magnum – in Englisch. 1946 erschien das Buch erstmals in deutscher Sprache. Für die Josefstadt hat Susanne F. Wolf das 900 Seiten starke Werk dramatisiert. Eine feine, feinsinnige Arbeit, hat sie doch mit ruhiger Hand die Quintessenz der Familiensaga destilliert. Entstanden ist so ein sehr klarer, schlüssiger Text, dem es an nichts, heißt: keinem wichtigen Handlungsstrang, fehlt. Im Gegenteil: Wolf wertet das Ganze durch den ihr eigenen subtilen, mitunter sarkastischen Humor auf, ja, das Publikum darf inmitten all der Tragödien immer wieder über gelungene Bonmots und sprachliche Querschläger in den Dialogen lachen.

74 Szenen hat Wolf erarbeitet, die Janusz Kica inszeniert hat. Schlag auf Schlag geht da alles, Szenen greifen ineinander, überlappen teilweise, laufen teilweise parallel ab. Ein Drei-Stunden-Abend, der wie im Flug vergeht! Und nicht einen Durchhänger hat. Damit das funktionieren kann, gibt es ein einheitliches Bühnenbild von Karin Fritz, an dem sich allerdings nicht erschließt, warum der Wohnsitz einer ehrenwert-reichen Wiener Dynastie von Haus aus wie eine ausgebombte Brandruine ausschauen muss. Engel über dem Portal gibt’s übrigens keinen, die Kulisse ist mehr Innenansicht, weil doch Innenschau der Personen.

Xaver Hutter als Kronprinz Rudolf mit Maria Köstlinger. Bild: Sepp Gallauer

Franz und Henriette Alt haben den ersten Zwist: Michael Dangl und Maria Köstlinger. Bild: Sepp Gallauer

„Der Engel mit der Posaune“ erzählt die Geschichte der Familie Alt und damit gleichsam die Geschichte des Hauses Österreich. Traditionshäuser im Wortsinn sind beide, die Alts residieren auf der Seilerstätte 10 (mit eben Engel über dem Eingang), eine Klavierbauerdynastie, auf deren Instrumenten weiland schon Mozart spielte. Die Situation ist beengt, die Verwandtschaft steigt sich auf die Füße und geht sich auf die Nerven, hat doch Stammvater Alt verfügt, dass niemand jemals aus dem Haus ausziehen darf, weil sonst sein Erbe verloren ist.

Franz Alt ist Firmenchef. Doch im Mittelpunkt der Handlung steht seine Frau Henriette. Sie ist es, die die Historie von 1888 bis 1938 illustriert, war sie doch eine „Angedachte“ von Kronprinz Rudolf und wird sie doch, weil Halbjüdin, von den Nazis erschossen werden. Franz und Henriette haben drei Kinder: Hans, Hermann und Martha Monica. Außerdem anwesend: Franz‘ Bruder Otto Eberhard, ein Staatsanwalt, und Tante Sophie. Sohn Hans wird sich später in die Jüdin Selma verlieben, doch weil sein Bruder Hermann sich den Nazis zuwendet, wird diese Liebe kein gutes Ende nehmen. Selma wird vergiftet …

Derart also hat Ernst Lothar den Ersten Weltkrieg, den Untergang der Donaumonarchie, den Ständestaat und das `34er-Jahr und schließlich den „Anschluss“ in sein Familienepos eingeschrieben, fünf Jahrzehnte Politik – und wie sie die Menschen (be)traf. Regisseur Janusz Kica führt sein Ensemble gekonnt und gezielt durch diese Epoche, die manch einem im Geschichtsunterricht als unverdaulich großer Klumpen einer einzigen Katastrophe erschien. Kica beherrscht die große Kunst, die Schauspieler ihre Rollen entwickeln zu lassen, schließlich wird hier ganz schön gealtert; er macht aus den Figuren fein ziselierte Charaktere, die mit einer großen Wahrhaftigkeit „über die Rampe kommen“, und die zeigen, was die Zeit mit Menschen macht.

Franz, vom Schlaganfall gezeichnet: Michael Dangl, Matthias Franz Stein und Maria Köstlinger. Bild: Sepp Gallauer

Das Ende: SS-Sturmbannführer Esk erschießt Henriette: Maria Köstlinger und Gerhard Kasal. Bild: Sepp Gallauer

Als Ehepaar Franz und Henriette Alt brillieren Michael Dangl und Maria Köstlinger. Sie sind einander im Eheunglück verbunden. Die Köstlinger gibt erst den Trotzkopf, der nicht Kronprinzenmätresse werden will, dann die Verbiesterte, weil in ungeliebter Ehe Verbundene. Biedermann Franz ist einfach zu wenig für diese exaltierte, emanzipierte Frau. Doch wird sie schließlich doch noch lieben, als es an Franz‘ Sterben geht. Dangl beginnt sozusagen als jovial-leutselig Verliebter, er repräsentiert eine Art Aufbruchsstimmung in die Moderne, ohne die ihm so wichtige Tradition zu verleugnen. Doch wird ihm im Ehealltag – und im Ersten Weltkrieg – quasi das Rückgrat gebrochen, und so wird auch er launisch, laut, zynisch, bis ihm schließlich ein Schlaganfall die Sprache, am Ende das Leben raubt.

Noch traditionalistischer als Franz ist sein Bruder Otto Eberhard, den André Pohl mit Verve als Paradebeispiel eines k.u.k.-Bürokraten gestaltet. Mit steifer Oberlippe muss dieser Mann der Konvention zur Kenntnis nehmen, dass Franz die unpassende Henriette heiratet, streng und hochmoralisch macht er ihr ein Leben lang ebendieses sauer, bis er sie altersmilde geworden um Freundschaft bittet. Nur eines ändert sich nicht: Hört er das Wort Sozialismus, beginnt seine Stirnader zu pochen.

Den bekümmerten Firmenerben Hans Alt gibt Alexander Absenger erst als Träumer, dann als Idealisten, bei den Alts ein Schimpfwort, gibt ihn als einen, der nicht tatkräftig ist, diesen Umstand aber bejammert, bis er schließlich zum Aufbegehrer und Arbeiterfreund wird. Dies impft ihm seine Geliebte Selma Rosner ein. Alma Hasun gibt der Sozialistin und Schauspielerin ein Profil als politische Analytikerin, die ihre Weltanschauung wie ein Votivtaferl vor sich herträgt, während Absenger gekonnt vom Elegiebürscherl zum Macher zur leeren Hülle nach Selmas Tod wird. Kica erlaubt sich mit Hans einen Kunstgriff: Absenger ist lange vor Hans‘ Geburt, von Beginn an, als Beobachter auf der Bühne, er hört sein Schicksal schon, bevor es begonnen hat. Immer wieder sind solche Figuren anwesend: Xaver Hutter als Kronprinz Rudolf, der Franz und Henriette belauscht, bis er zur Pistole greift, und eine, die man für einen Polizeispitzel hält, die sich aber als Erpresser entpuppt.

Hans Alt liebt Selma Rosner: Alexander Absenger und Alma Hasun mit Maria Köstlinger und Johannes Seilern als Diener Simmerl. Bild: Sepp Gallauer

Zum „guten“ Bruder gibt es den „bösen“: Matthias Franz Stein als Hermann Alt sehr schön sinister, egal, ob er sich der Mutter, weil bei ihr nicht einmal zweite Wahl, erst andient, oder sie später vernichten will. Wie Stein an der Rampe sein nationalsozialistisches Bekenntnis ablegt, das ist beklemmend. Eine gelungene Darbietung, mit der er Hermann aus dem Schattendasein, das er im Roman führt, holt. Bleibt schließlich Silvia Meisterle als Martha Monica, das Kuckuckskind aus einer Affäre Henriettes mit dem Grafen Traun (auch ihn spielt Hutter), der alle im Haus bescheinigen, sie sei „bestürzend herzlich“. Marianne Nentwich gibt eine Glanzvorstellung als herrischer, so scharfzüngiger wie scharfsinniger Familiendragoner Tante Sophie.

Jede Rolle in dieser Produktion ist großartig besetzt: Alexandra Krismer als kämpferische Sozialistin Mizzi Hübner; Michael Schönborn als Schulprofessor Miklau eine Art Lehrer Lämpel; Gerhard Kasal erst als Erpresser Jonescu, dann als dessen Nachfahre SS-Sturmbannführer Esk; Wojo von Brouwer, der als Vorarbeiter und Gewerkschafter Czerny auch seine Klavierkünste präsentieren darf; vor allem aber:

Johannes Seilern, der als kauziger, gern französisch parlierender, loyaler Diener Simmerl nicht nur ein Kabinettstück gestaltet, sondern seine „Gnädige Frau“ in den Tod begleiten wird. All das untermalt die atmosphärisch gewaltige Musik von Kyrre Kvam, die den Szenen die richtige Temperatur gibt. Kicas Inszenierung funktioniert mit sparsamsten Mitteln, die deshalb umso mehr wirken. Als einzigen „Gag“ erlaubt er sich einen Klavierflügel, der einmal von oben auf Hans herabschwebt. Vor allem nach der Pause gelingen ihm starke, gespenstische Bilder. Und wenn am Ende Alexander Absengers Hans „aus dem Untergrund“ seine Hornek’sche Rede hält, den Nationalwahn schilt und Toleranzbereitschaft lobt, dann haben Ernst Lothar und Susanne F. Wolf den Abend endgültig angedockt. Welch ein Ende von einem Anfang! Nun muss 2017/18 einfach ein gutes Theaterjahr werden.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2017

Schauspielhaus Graz: Die Neigung des Peter Rosegger

September 6, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Arzt auf den Spuren des Heimatdichters

Franz Xaver Zach wird zum Rosegger-Denkmal. Bild: Lupi Spuma

Franz Xaver Zach wird zum Rosegger-Denkmal. Bild: Lupi Spuma

Zur Eröffnung der zweiten Spielzeit von Iris Laufenberg am Schauspielhaus Graz hat der junge Dramatiker Thomas Arzt „Die Neigung des Peter Rosegger“ beigesteuert. Nina Gühlstorffs Inszenierung hat am 15. September Premiere. Der Inhalt des Stücks ist zeitgemäß brisant, denn in einer kleinen österreichischen Gemeinde kippt die Statue des Heimatdichters gefährlich nach rechts, wodurch nach und nach auch die Dorfgemeinschaft ins Wanken gerät. Vorzeigebürgermeister Wiesinger versucht zu beruhigen, erwartet man doch eine Delegation der UNESCO, die den alten Stadtkern zum Weltkulturerbe erklären soll.

Zwischenzeitlich aber hat ein Seismologe mit seinen Nachforschungen begonnen. Vielleicht ist ja eine Verschiebung der Eurasischen Platte die Ursache des Rechtsrucks, mit der möglichen Konsequenz, dass hier, mitten in der Steiermark, einer dieser neuen Gräben entstehen könnte, von denen man neuerdings so viel liest. Irgendetwas jedenfalls liegt im Argen und der Wiesinger steckt mittendrin …

Wie kaum ein anderer österreichischer Dichter hat Peter Rosegger in seinem Werk der bäuerlichen Lebenswelt – dem einfachen Leben auf dem Land – ein literarisches Denkmal gesetzt und damit ein Bild von Heimat geschaffen, das bis heute nachwirkt. Eine Heimat, die Vertrautheit und Aufgehobensein vermittelt, die es zu schützen galt gegen Bedrohungen von außen, was auch Roseggers spätere Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus begünstigte. Denn wo genau liegt die Grenze zwischen legitimer Sehnsucht nach einem „Daheim“ und der Angst vor dessen Verlust einerseits und Nationalismus respektive rechter Gesinnung andererseits? Fast 100 Jahre nach Roseggers Tod spürt der oberösterreichische Autor Arzt auf der Folie des ehemaligen „Waldbauernbubs“ eben dieser Frage mit feinfühligem Humor nach.

Kleinstadt in Aufruhr: Das Rosegger-Ensemble. Bild: Lupi Spuma

Kleinstadt in Aufruhr: Das Rosegger-Ensemble. Bild: Lupi Spuma

Nico Link und Franz Xaver Zach rätseln über den Rechtsruck des Heimatdichters, Florian Köhler ist derweil auf der Pirsch. Bild: Lupi Spuma

Nico Link, Franz Xaver Zach, Florian Köhler. Bild: Lupi Spuma

„Die Idee kam vom Schauspielhaus Graz. Ich hatte für die Grazer Spielzeiteröffnung 2015 einen Monolog über Identität, Heimat und Nationalismus verfasst. Als sich die Themen im Zuge der Flüchtlingsdebatte wieder neu zugespitzt haben, wurde ich gefragt, ob ich nicht ein Stück schreiben will, in Auseinandersetzung mit Peter Rosegger, der viel von dem, was wir als österreichische Identität bezeichnen, literarisch mitgeprägt hat, obwohl ihn heute kaum jemand mehr kennt. Ich war sofort begeistert“, sagt Thomas Arzt zu seinem jüngsten Werk. „Peter Rosegger ist ein Schriftsteller, der gern marginalisiert wird und den man auch extrem langweilig finden kann. Aber er ist, ohne seine Texte zu kennen, Teil eines kollektiven Gedächtnisses. Verstaubt, fast vergessen, aber latent im Untergrund lauernd. Das hat mich neugierig gemacht.“

Es spielen Henriette Blumenau, Florian Köhler, Nico Link, Evamaria Salcher, Susanne Konstanze Weber und Franz Xaver Zach. Die Bühnenmusik kommt von Johannes Fruhwirth, Lea Geisberger und Marcus Weberhofer.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 6. 9. 2016

Wiener Festwochen: Koncert życzeń / Wunschkonzert

Juni 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Danuta Stenkas Nähe fährt direkt unter die Haut

Bild: Klaudyna Schubert

Voll funktionsfähige Versuchsanordnung: Danuta Stenka als Frau Rasch mit Zimmer, Küche, Klo und Laptop. Bild: Klaudyna Schubert

Dass es hier anders abläuft, als sonst, wird bereits beim Einlass klar. Yana Ross, die lettische Regisseurin, begrüßt das Publikum im brut auch noch bei der vierten Vorstellung. Sie hat die Schuhe ausgezogen und gibt damit schon die beste Möglichkeit vor, den Abend durchzu-stehen, denn Sitzplätze sind bei ihrer Arbeit über Franz Xaver Kroetz‘ „Wunschkonzert“, einer Koproduktion der Teatr Łaźnia Nowa, Krakau, und TR Warszawa, Warschau, nicht vorgesehen.

„Gehen sie herum, eignen sie sich den Raum an“, empfiehlt sie – und die Zuschauer werden dieser Aufforderung folgen, werden die 360°-Bühne wieder und wieder umrunden, Küche, Wohnzimmer, Bad, um nichts zu verpassen von der grandiosen Performance der polnischen Starschauspielerin Danuta Stenka. Starr wie eine Schaufensterpuppe steht sie da in dieser von Bühnenbildnerin Simona Biekšaitė entworfenen, mit Strom und Wasser voll funktionsfähigen Versuchsanordnung über das Wesen der Verzweiflung. Das Publikum kaum auf Armlänge entfernt, beginnt dann plötzlich ihre Choreografie eines Heimkommens nach einem langen Arbeitstag. Einkäufe wegräumen, Wäsche in die Maschine stopfen, einen Pickel verarzten, Post durchsehen, Paradeiser und Käse auf ein paar Knäckebroten verteilen. Handgriffe, die man selber täglich macht, und mitten in diesem angegrauten Stück übers hochmoderne Singledasein fällt einem ein, in wie vielen Wiener Haushalten es wohl in gerade dieser Minute genauso zugeht.

Denn dank Ross‘ einfühlsamer Inszenierung hat das lautlose Regieanweisungsdrama aus den 1970er-Jahren, dieses Solo über die Einsamkeit nichts an Aktualität eingebüßt. Mit viel Feingefühl holt Ross Kroetz ganz dicht heran. Aus dem miefigen Untermietzimmer ist ein IKEA-chices Appartement geworden, die Handarbeit wurde beiseite gelegt, wer strickt heute noch?, statt dessen läuft die Reality-Soap der Kardashians über den Fernsehschirm. Die Simulation, mit der die neue Frau Rasch sich Leben vorspielt, hat sich verdreifacht. Danuta Stenka sucht bei „Die Sims“ nach einer virtuell letzten Möglichkeit auf ein perfektes Familienidyll.

Wie Ross nicht überinszeniert, überagiert Stenka nicht. Ihr steinernes Gesicht ist alles andere als eine Leidensmiene, hochkonzentriert und präzise führt sie ihren Part aus, während die Zuschauer diese Figur nach Gefühlen abtasten. Wie wird ihr Freitod am Ende zu erklären sein, wo zeichnet er sich ab, was geht dieser Frau da in der Mitte durch den Kopf? Danuta Stenkas darstellerische Nähe fährt einem direkt unter die Haut, wie leicht wäre in dieser Aufführung Voyeurismus möglich, doch die Schauspielerin hält ihn mit abwesendem, die Anwesenden ignorierenden Blick auf Distanz. Nur einmal läuft unvermittelt ein Zucken über Frau Raschs Schultern, ein kaum wahrnehmbares Schluchzen.

Das „Wunschkonzert“ nämlich gestaltet in Wien Radiostimme Ernst Grissemann. Er ist der Spielpartner, der Hertz-Welle gewordene Dialog. Frau Rasch wiegt sich zur Musik, die er auflegt, Bob Marley, Leonard Cohen, ihre Songs schreiben die Geschichte ihres Lebens, sie bestimmen Stimmungen, und während sie von den verlorenen Lieben singen, erzählt Grissemann von den vielen gefundenen, von Menschen, die sich einander erklärt haben und nun bei ihm ihr Lied bestellen. Falcos „Out of the Dark“ kommt dran, und der Moderator sagt: „Auch, wenn du allein bist, musst du dich zusammen reißen.“ Wie lange Frau Rasch ihren ultimativen Gedanken wohl schon hat?

Bild: Klaudyna Schubert

Zuerst kommt das kärgliche Single-Abendessen auf den Tisch, Bild: Klaudyna Schubert

Bild: Klaudyna Schubert

… dann gibt’s ein einsames Tänzchen mit Ernst Grissemann. Bild: Klaudyna Schubert

Die Emotionen, die Stenka nicht erkennen lässt, liest man als die Betroffenheit des Publikums. Erst, wenn die Schlaftabletten mit dem Prosecco runtergespült sind, der Esstisch geputzt, das Bett neu gemacht ist, wird Frau Rasch die Zuschauer anschauen. Einen nach dem anderen. Blick um Blick. Zweifelnd, fragend, ob es das schon war. Dann abgehen, und die Maske ihrer Selbstdisziplin fallen, ihre kleine Welt hinter sich und die Zuschauer sich selbst überlassen. Die sich nun mit perplexem Seelenschmerz Aug‘ in Aug‘ gegenüberstehen, kurz peinlich berührt, weil gestrippt bis auf die eigene Existenz. Bis der Applaus losbricht. Eine Weile danach noch bleiben sie sitzen, betrachten noch die Versatzstücke auf der Bühne, streichen vorsichtig über das eine und andere, als könnte niemand nun einfach so gehen.

„Wunschkonzert“, diese kleine, feine Produktion, ist einer der Höhepunkte der diesjährigen Festwochen. Yana Ross hat einen spannenden Theaterabend mit Sichtwechseln gestaltet, den Danuta Stenka auf einzigartige Weise ausführt. So tieftraurig, dass es einen glücklich macht.

Video: www.youtube.com/watch?v=jKMNfFl56kc

www.festwochen.at

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Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 12. 6. 2016