Projekttheater im Werk X: Foxfinder

November 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Fuchs

Der Foxfinder nistet sich auf dem Bauernhof der Coveys ein: Marc Fischer, Martina Spitzer und Rafael Schuchter. Bild: Marie Luise Lichtenthal

„Es gibt hier keine Situation“, sagt Marc Fischer als Farmer Samuel Covey zu Anfang. Welch ein Irrtum. Die Situation, wie künstlich auch immer kreiert, wird ihn nämlich mit sich reißen, auch seine Frau, die Nachbarin, bis schließlich … Das Vorarlberger Projekttheater ist endlich wieder in Wien, und zeigt im Werk X seine fulminante Inszenierung von Dawn Kings „Foxfinder“. Regisseurin Susanne Lietzow hat die groteske Parabel der britischen Autorin in Szene gesetzt.

Diese eine Dystopie über Totalitarismus und Überwachungsstaat, Entsolidarisierung und das Schaffen von Feindbildern. In einem postapokalyptisch anmutenden England geht es den Menschen nicht gut. Das Bauernehepaar Samuel und Judith Covey hat wegen der Überschwemmung der Felder mit einer Missernte zu rechnen. Aber sie lassen die Arbeit ohnedies schleifen, nach dem Ertrinkungstod des vierjährigen Sohnes und der darob „Erkrankung“ des Mannes. Da platzt der Foxfinder William Bloor in die bescheidene Welt der beiden – und er hat den Feind sozusagen im Handgepäck: Der Fuchs ist an allem schuld, er verseucht die Höfe, macht das Wetter schlecht, manipuliert den Verstand, tötet die Kinder. Der Fuchs ist das Böse, „die Bestie“, die allerdings noch niemand, auch der Foxfinder nicht, zu Gesicht bekommen hat.

Ausstatterin Marie Luise Lichtenthal hat für diese aberwitzige Ausgangssituation ein so atemberaubend schönes wie beklemmend düsteres Bild erdacht, in dem sich die Darsteller bewegen, als würden sie sich durch einen Albtraum tasten: eine Sumpflandschaft, morastig und wehmütig, dahinter der mystische Wald von Markus Orsini-Rosenberg, in Bahnen abgehängt wie Altarbilder, inmitten all des Wassers, wie eine gottverlassene Insel, die Stube. Martina Spitzer und Marc Fischer als die Coveys, Maria Hofstätter als Nachbarin Sarah Box und Rafael Schuchter als Bloor gestalten in diesem Setting ihr Spiel.

Aus Freundinnen werden Verräterinnen: Maria Hofstätter und Martina Spitzer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Auf der Jagd nach dem Fuchs trifft es die Kaninchen: Marc Fischer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Gegenstände gibt es keine. In einer beeindruckend präzisen Choreografie, dies der erste von vielen Aha-Effekten fürs Publikum, werden das Rücken von Tellern, Suppe schöpfen, Türen öffnen, das Ticken seiner Taschenuhr, sobald Samuel den Deckel aufschnappen lässt, ausschließlich zu deren Geräuschen ausgeführt. Einziges Requisit ist ein Gewehr, und wie man von Tschechow weiß: Wo eine Waffe ist, wird geschossen werden …

Förmlich-höflich stellt sich der Foxfinder vor. Rafael Schuchter zeigt ihn mit seiner ruhigen, tiefgründigen Art als einen pedantischen Menschen, der aber bald im Befehlston zum unangenehmen Fragensteller wird. Immer wieder deckt Schuchter neue Schichten an diesem Charakter auf. Von Kindheit an in einem geheimnisvollen „Institut“ indoktriniert, ist Bloor dessen Glaubenssätzen soldatisch hörig. Alles deutet auf eine pseudoreligiöse Sekte hin – vor allem, als sich der Foxfinder als Flagellant enttarnt -, deren oberste Maxime Wirtschaftswachstum ist, weil „die Nation nur mit vollem Magen marschiert“. Den Lebensmittelproduzenten, heißt: Bauern, wird bei Nichterfüllung vorgegebener Quoten mit Enteignung und Zwangsarbeit in Fabriken gedroht.

Der Wald steht unter Wasser: Rafael Schuchter und Martina Spitzer. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Der Foxfinder fügt sich gern selbst Ungemach zu: Rafael Schuchter. Bild: Marie Luise Lichtenthal

Die Coveys sind ein einsilbiger, in sich gekehrter Menschenschlag. Marc Fischer spielt Samuel verhalten aggressiv, Martina Spitzer die Judith dem Fremden gegenüber um Freundlichkeit bemüht, aber ängstlich. Spitzer ist ganz großartig, so durchscheinend ist ihr Spiel dieser Figur Judith, die in der Beziehung die Starke sein muss, und nicht weniger leidet als Samuel, der mit seiner Schuld am Tod des Kindes hadert. Maria Hofstätters Sarah ist da deutlich resoluter, widerständiger, die Hofstätter in ihrer Darstellung authentisch wie immer.

Bald schafft es Bloor mit seiner krausen Ideologie, mit den „Zeichen“, die er überall wahrnimmt, das soziale Dorfgefüge zu destabilisieren. Die drei von ihm Heimgesuchten werden zu Denunzianten wider Willen und besseres Wissen, aus Freundschaft wird Verleumdung und Verrat, die Nachbarn spielen sich gegenseitig aus, das Misstrauen herrscht. Der Mensch wird des Menschen Fuchs, und einer als Mitläufer im System erscheint sogar fanatischer als der Foxfinder. Mehr und mehr wird unklar, wer dessen Theorien tatsächlich anhängt, wer sich in ihnen verfängt, wer seine Überzeugung nur vorgaukelt. Das Ende ist – überraschend.

Dawn King, und mit ihr das Projekttheater, erzählen eindrücklich davon, was mit einer Gesellschaft passiert, wenn die Politik wahre Ursachen für Probleme mit Parolen und Phrasendrescherei gegen frei gewählte Sündenböcke verschleiert. Im Staat „Schuld sind immer die anderen“ wird Kings absurdes Drama zur schaurigen Realität. Die Wien-Premiere von „Foxfinder“ wurde mit viel Applaus bedankt.

Zu sehen bis 6. November.

new.projekttheater.at

werk-x.at/

  1. 11. 2018

Werk X-Petersplatz: Ein Staatenloser

Oktober 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Warnruf vor der verwesenden Freiheit

Eine Installation aus Stoffbahnen symbolisiert die Repression im Iran: Alireza Daryanavard. Bild: © Alexander Gotter

Die Szene wird sich am Schluss wiederholen: Ein grelles Verhörlicht in verstörender Dunkelheit, eine Befehlsstimme bellt aus dem Off – Name? Land? Der geblendete Mann taumelt, reißt die Arme hilflos hoch, bemüht sich um Antwort, und muss erfahren, dass die nie gut genug sein kann. „Ein Staatenloser“ heißt der Theatermonolog, mit dem Schauspieler und Regisseur Alireza Daryanavard seine Biografie nun auf der Bühne zeigt.

Ein Abend, der so eindrücklich wie bedrückend ist, intim und intensiv und irritierend, dass es einem den Atem raubt. Daryanavards Text führt von seinen künstlerischen Anfängen im Iran, seinem Untergrundtheater und dessen Arbeit gegen die Unterdrückung durchs repressive Regime, bis zur Flucht Richtung Demokratie. Nach Österreich, das sich allerdings nicht als das ersehnte Friedens- und Freiheitsparadies entpuppt, sondern als rechtsregierter Staat voll behördlicher Stolpersteine und dem Schubladendenken einer „alternativen“ Theaterszene, die zwar gern Flüchtlingsdramen mit leibhaftig Geflüchteten zeigt, ansonsten für diese aber keine Verwendung hat.

Zur Live-Musik von Klaus Karlbauer, ein ohrenbetäubendes Hauchen, Stöhnen und Aufschrei in einem, setzt Daryanavard seinen erbebenden Körper in Szene. Verrenkt und verdreht sich, und zeigt so physische und psychische Qualen, schminkt zwischendurch sein Gesicht weiß, ein tragischer Komödiant, der sich eines „Whitefacing“ bedienen will, um sich anzupassen. Was natürlich nicht funktioniert. Einmal, als er in Farsi deklamiert, glaubt man den Gesten zu entnehmen, dies sei sein persönliches Sein-oder-Nichtsein. Doch an keiner Stelle seiner Erzählung gibt sich Daryanavard, der zum von ihm Dargestellten stets Distanz wahrt, als Projektionsfläche für Flüchtlingsbilder her. Er stellt vielmehr die Frage, „wer ist ein Geflüchteter und wer wird ein Geflüchteter“. Kaum einer im Publikum kann jemals ermessen, was der Mann auf der Spielfläche erlebt hat …

Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Schon in der Schule ist Alireza Daryanavard auffällig geworden, wird von den Lehrern wegen Ungläubigkeit aus den Klassenzimmern verbannt, kauft Bücher, „denen man vertrauen kann“, über Philosophie und Kunst auf dem Schwarzmarkt, sinniert über das diktatorische Lügengespinst Iran, „dieses kapitalistisch-korrupte System, das sich hinter Gott versteckt“. „Ein braver Mensch“, sagt man ihm, „denkt nicht, sondern ist dankbar.“ Auch das wird probiert und funktioniert nicht. Zu viele Festgenommene, Verschleppte, Vergewaltigte, Gefolterte. So viele Tote durch Staatsterror.

„Als der Präsident sagte, wir sind ein freies Land, wäre ich vor Lachen fast gestorben“, sagt Daryanavard. Da war er noch TV-Serienstar und Radiomoderator. Und sprach zu laut über die Situation der illegalen Afghanen, geschätzte 2.5 Millionen sind im Iran, und nicht nur Europa bekämpft sein „Flüchtlingsproblem“ mit Asylverweigerung und Abschiebungen, über geflüchtete Akademiker und „volksverräterische“ Frauenrechtlerinnen. Die Folge: ein nicht ausgesprochenes Arbeitsverbot, eines Tages von Freunden die SMS-Botschaft: Geh!

Während Daryanavard das erzählt, errichtet er eine Installation aus gespannten Stoffbahnen. In diesen verhängt und verheddert er sich immer stärker. Fantastisch, wie so einfach, so eindringlich Flucht gezeigt wird. Stoffe, erklärt Daryanavard, hätte auch sein Untergrundtheater als Bühnenbild verwendet, „weil sie sich leicht in einem Rucksack transportieren lassen“.

Schließlich also Österreich, und es ist erschreckend, wie dessen Selbstbild, dessen Flagge-Zeigen mit rotweißroten Lichteffekten, der Überprüfung durch den Intellektuellen nicht standhält. Im Hintergrund läuft sein Videotagebuch, Reden kommen vom Band, H.C. Strache über „Asylchaos und kein Ende“, Harald Vilimsky, wie er Viktor Orbán den „Helden Europas“ nennt, und andere Inländerfreunde. Da geht „der Ausländer“, „der Asylbetrüger“, schlimmstenfalls „der Terrorist“, längst schwanger mit den Schlagzeilen der Gratiszeitungen. Wird mit ihnen ausgestopft und von innen heraus erdrückt von deren Politparolen. Und wieder Vernehmung, und wieder Kommandoton, und wieder brav sein sollen. „Ein Staatenloser“ ist man dieser Tage schnell. Sogar, wenn man Österreicher zu sein glaubte.

Erdrückt von den Politparolen der österreichischen Gratisblätter. Bild: © Alexander Gotter

Alireza Daryanavards Asylantrag wurde mittlerweile positiv bestätigt. „Heimat ist nur ein Wort“, sagt er. Und dann, spätestens dann, die Gänsehaut. Der Warnruf von einem, der es wissen muss, zwischen Hier und Dort, Zensur und Selbstzensur, zwischen Fürchten und Hoffen und Warten. Der Warnruf vor der langsam verwesenden Freiheit im Land. Stimmen, wie die von Alireza Daryanavard, sind dazu angetan, Stimmungen zu verändern. Es lohnt sich, ihnen zuzuhören. Noch ist das möglich.

Spieltermine bis 13. März 2019, u. a. in der Brunnenpassage und im Dschungel Wien.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=mYn4-wUTFMY

www.alireza-daryanavard.com                   werk-x.at

  1. 10. 2018

Werk X: Aufstand der Unschuldigen

Oktober 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Beobachtung eines Brainstormings

Die Schauspieler schreiten schließlich zur Tat: Annette Isabella Holzmann, Felix Krasser, Christoph Griesser und Martin Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Wenn die Schauspieler knapp vor Schluss aus den Situationen treten und den Produktionsprozess diskutieren, dann ist das wie ein Fishing For Verständnis. Sieben Wochen habe man gearbeitet, und was habe man nun? – nichts! Keine Szenen, keine Dialoge, „keine einzige sinnvolle Zeile zu den Problemen unserer Zeit“. Nun, so schlimm ist es nicht.

„Aufstand der Unschuldigen“ im Werk X, dieser als Agitprop-Posse für Dummys angekündigte Abend, ist nur weniger Ali M. Abdullahs erste „Stück“-Entwicklung fürs Haus, als vielmehr das Beobachten eines Proben-Brainstormings zu Themen, die dem Ensemble dieser Tage vordringlich sind. Und so ist der Abend Werk-X-isch, wie man’s schon kennt, anarchistisch, kämpferisch und suggestiv, spannend, immer auch spaßig, und das Ende tumultös. Zu sagen, hier wäre was nicht fertig geworden, geht gar nicht, weil draußen in der wirklichen Welt ja auch nichts zum Abschluss gebracht ist. Die Debatte ist nicht beendet, der Fall nicht abgeschlossen – und kein Ausweg nirgendwo. Also.

Worum es geht, ist, kurz gefasst, die Frage danach, was wahr und was echt ist. In einer Zeit, in der fremdgefertigte Bilder und schreihälsische Parolen die Wahrnehmung bestimmen, muss man sich, so die Message, dieser Fernsteuerung entziehen und wieder lernen, vernunftbegabt eigene Entscheidungen zu treffen. Das Leben ist eben nicht „wie im echten Film“, und auch, wenn die Österreicher das gern tun, könne man nicht immer „nur zuschauen“ – dazu eine etwas lang geratene Episode über das Nichteingreifen heimischer UNO-Soldaten auf dem Golan.

Palavern in der Box: Peter Pertusini, Holzmann, Krasser, Griesser, Hemmer und Musiker Moritz Wallmüller. Bild: © Alexander Gotter

„Florian Klenk“ in der Greißlerei: Holzmann, Krasser, Griesser, Pertusini und Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Gefangen zwischen gelebten Geschichten und erzählter Realität versuchen die Schauspieler in knapp zwei Stunden, sich der selbstauferlegten Aufgabe zu stellen. Auftreten nun Verschwörungstheoretiker und Retrofuturisten, beide auch in ihrer Anti-Form, Doomer und Terroristen. Peter Pertusini gibt einen auf Gefahren aller Art vorbereiteten Prepper, der in komischer Verzweiflung Gewaltszenarien wie den Teufel an die Wand malt.

Den vielleicht stärksten und die Stoßrichtung der Veranstaltung vorgebenden Moment hat Christoph Griesser der vom martialisch brüllenden Anführer einer Roomclearing-Einheit zum traumatisierten Syrienkrieg-Heimkehrer wird. Eben noch wird das Publikum angeschnauzt, warum es seine Zeit im Theater vergeude, statt an seinen Schießübungen teilzunehmen, schließlich müssten sich auch Kulturbegeisterte zu wehren wissen, schon fällt er, ein Häufchen Mensch, in sich zusammen.

Palavert wird viel. Der Smalltalk auf einer Intellektuellen-Party wird rasch zum Streit, wenn jeder seine Ängste bloßlegt; Fußball-Hooligans, Herzinfarkt, Haie, das sei zu wenig brisant, befindet Annette Isabella Holzmann.

Angst, so die richtige, wichtige Aussage, ist ein mächtiges Tool in den Händen der Manipulierer. Wenn man aus dem Werk X und diesem Freie-Assoziation-Abend was mitnehmen kann, dann immer wieder Denkanstöße. In einer Fernsehtalk-Runde überbieten einander die Ideologienschleudern RAF-Gründer Andreas Baader, „Homeland“-Star Claire Danes, Identitären-Sprecher Martin Sellner und Globalisierungskritiker Jean Ziegler mit Argumenten darüber, ob Klasse vor Rasse gehe, rechts- vor linksradikal, Dachidentität vor Individualität, Grenzen dicht machen vor internationaler Solidarität.

Wie als Kontrastprogramm zu den Kopfgeschüttelten geht’s in eine Greißlerei und zu einer Gratiszeitung-Schlagzeilen-Lesung der Gemeindebauler. Martin Hemmer bestellt sich als Figur „Florian Klenk“, im Original Falter-Chefredakteur und also solcher Enthüllungsjournalist, ein Käsebrot und wird in ein Wortgefecht über globale und hausgemachte Katastrophen verwickelt. Dass er zwischendurch „gescheite“ Bücher über den Populismus aller Seiten in die Kamera hält, entwickelt sich zum Running Gag.

Sperrholzplatten-Labyrinth, Vidiwalls und Leuchtschriftbänder: Die aufwendige Spielraumgestaltung von Renato Uz. Bild: © Alexander Gotter

Überhaupt ist die Kamera das bestimmende Stilmittel dieser Aufführung. Renato Uz hat drei miteinander verbundene Boxen auf der Spielfläche aufgestellt, ein Sperrholzplatten-Labyrinth als Symbol für die medialen Verschachtelungen einer modernen Welt, von keinem Sitzplatz aus sieht man alles, aber viel über die beiden riesigen Vidiwalls. Auf zwei Leuchtschriftbändern laufen Zitate von Kurz und Kickl. Von ersterem unter anderem: „Es wird nicht ohne hässliche Bilder abgehen.“

Musikalisch ist der Abend, mit Moritz Wallmüller an der Gitarre und Martin Hemmer am Schlagzeug top, die Darsteller singen sich von Zager and Evans‘ „In The Year 2525“ über den M.A.S.H-Song „Suicide Is Painless“ zu Led Zeppelins „Stairway To Heaven“.

Die Unschuldigen aus dem Titel werden übrigens definiert, als diejenigen, die nichts dafür können in einem Land zu leben, dass die Demokratie sukzessive abschafft. (Wobei es an dieser Stelle Karl Kraus zu bemühen gilt: Es wäre mehr Unschuld in der Welt, wenn die Menschen für all das verantwortlich wären, wofür sie nicht können.) Felix Krasser wird als Selbstmordattentäter ausgewählt, wütende weiße Schauspieler müssten endlich die Vorstellung von dunkelhäutigen Extremisten verdrängen, doch bevor’s zum großen Kabumm kommt, ist er seinen Sprengstoffgürtel schon wieder los. Im Programmfolder-Interview sagt Fragensteller Abdullah, „dass wir langsam Antworten brauchen“, dass die kritische Linke anfangen müsse, Lösungen vorzuschlagen. „Aufstand der Unschuldigen“ bemüht sich zumindest darum, diese gesellschaftliche Klemme zu beschreiben. Motto: Brainstorming ist aller Problembewältigung Anfang.

werk-x.at

  1. 10. 2018

Werk X-Petersplatz: Unerträglich lange Umarmung

September 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Großstädterseelen, die durch ihren Kosmos geistern

Benjamin Vanyek und Marta Kizyma. Bild: © Edi Haberl

Das Werk X-Petersplatz startet die Saison unter der neuen kuratorischen Leitung von Cornelia Anhaus mit der österreichischen Erstaufführung von Iwan Wyrypajews „Unerträglich lange Umarmung“. Lina Hölscher hat den formal wie inhaltlich anspruchsvollen, hochgradig lyrischen Text als Kooperation mit perlen vor die säue inszeniert, und ihr ist, etwa im Gegensatz zur viel gescholtenen Uraufführung am Deutschen Theater Berlin, ein wundersamer Abend geglückt.

Dies ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass Hölscher bei ihrer Regie auf jeglichen Bühnenschnickschnack verzichtet, sie vertraut aufs geschriebene Wort, und wie ihr Darsteller-Quartett es interpretiert. Julia Grevenkamp hat dafür vier von oben beleuchtete Quader auf die Spielfläche gestellt, als wären es Wartehäuschen bis zum Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Von „Zelle“ zu „Zelle“ werden so Versuche der Interaktion unternommen, die aber doch nur die Isolation des Einzelnen ausstellen. Das Publikum sitzt rund um diese starken Positionen im Raum, bespielt von Katharina Paul und Benjamin Vanyek, Marta Kizyma und Felix Kreutzer.

Wyrypajew erzählt von nichts Geringerem als vom Anfang und Ende allen Ich- und Wir-Seins, beziehungsweise wie ersteres es nicht schafft, sich in zweiteres zu verwandeln. Sein Text oszilliert zwischen tragi- und -komisch, seine zynisch hingeworfenen Lebensweis- und -wahrheiten erweisen sich als durchaus wirklichkeitshaltbar. In New York treffen also die Charaktere aufeinander, das Ehepaar Monika und Charlie, Paul und Vanyek, das sich wegen einer Abtreibung entzweit, Emmy und Kryštof, Kizyma und Kreutzer, die sich in eine Sexnacht stürzen, obwohl Emmy auch ein Verhältnis mit Charlie hat.

Marta Kizyma und Felix Kreutzer. Bild: © Edi Haberl

Felix Kreutzer und Katharina Paul. Bild: © Edi Haberl

Das Stück ist ein Trip. Im Wortsinn. Denn immer mehr verschwimmen unter Drogeneinfluss die Grenzen zwischen Realität und Rausch. Die Figuren reisen von Selbstbestimmtheit zur Selbstaufgabe und retour, vier Großstädterseelen und wie sie durch ihren Kosmos geistern. Angeleitet werden sie von einer inneren Stimme, einem Anruf aus dem Universum, hinreißenden Selbstgesprächen, die ihnen helfen sollen, zu ihrer Mitte zu finden. Doch bis dorthin heißt es durchs Inferno gehen. Nach Wien oder auf die Intensivstation. Und durch die Sehnsuchtshöllen der unerfüllten Wünsche. Bis man einander und dem Tod inniglich in die Arme fallen darf …

„Unerträglich lange Umarmung“ im Werk X-Petersplatz ist ein dicht gewebter Theaterabend von Wyrypajews komplex strukturiertem Text, der gerade durch seine minimalistische Umsetzung eine starke Sogwirkung entwickelt. Das Leiden der Figuren an der von ihnen geschaffenen Welt, ihr Ringen um einen zeitgemäßen Gott?, Paradies?, blauen Punkt? zwingt den Zuschauer geradezu zur persönlichen Stellungnahme in Sachen Sinnsuche.

werk-x.at

  1. 9. 2018

Werk X: Onkel Toms Hütte

April 19, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von wegen Ende der Sklaverei

Die Sklaventreiber und die Safaritouristen: Zeynep Buyraç, Sören Kneidl, Wojo van Brouwer und Tom Feichtinger. Bild: © Sandra Keplinger

Die Überforderung ist Programm. Zu groß die Schweinerei, um sie allumfassend darzustellen, zu unglaublich, was Menschen Menschen antun, um zu glauben, man könne begreifen. Ergo, möchte man meinen, lässt Harald Posch Teile seiner Auseinandersetzung mit den Themen Sklaverei und Ausbeutung in Schnellsprech und Staubsaugerlärm untergehen. Das ist schade, weil man durchs Getöse ahnt, dass da auf der Spielfläche Wichtiges verhandelt wird.

Doch es geht Posch ums Globale. In jeder Hinsicht. Kein T-Shirt-Kauf, mit dem man sich nicht mitschuldig macht, kaum ein Supermarktartikel, der einen nicht als Mittäter am System ausweist. Etwa 30 Millionen Menschen weltweit fristen im Jahr 2018 ein Leben als Sklavinnen und Sklaven in moderner Schuldknechtschaft. Etwa 200 Millionen Menschen sollen akut von Sklaverei-ähnlichen Ausbeutungsverhältnissen bedroht sein. So zitiert der Programmzettel den US-Soziologen Kevin Bales. Hier setzt Posch an. Auf der Folie von Harriet Beecher Stowes „Onkel Toms Hütte“ gestaltet er seinen Abend über Unterjochung, Rassismus und die Position derer, die sich bis heute als „Herrenmenschen“ verstehen.

Dabei wird sowohl agiert als auch agitiert. Wenige Spielszenen wechseln mit aufklärerisch Aufgesagtem, Episoden aus dem Roman werden erzählt. Nur eingangs dürfen Sören Kneidl und Wojo van Brouwer als Shelby und Slavenhändler Onkel Toms ersten Verkauf szenisch gestalten. Was danach geschieht – St. Claire, Legree – erahnt man mehr, als man es versteht. Parallel kommen kurz Eliza und Sohn Harry vor, Onkel Toms Ende wird nur noch mit drei auf Pappkartons geschriebenen Sätzen verkündet. In Lincoln-Land wird das Werk mittlerweile kontrovers rezipiert. Black Power passt nicht zu Onkel Tom.

Alltagsrassismen allüberall: Katharina Knap meets Walt Disney. Bild: © Sandra Keplinger

Nach dem Blackfacing wieder „weißgewaschen“: Zeynep Buyraç und Tom Feichtinger. Bild: © Marko Lipuš

Posch weiß auch darauf hinzuweisen. Einem Blackfacing stellt er ein „Whitefacing“ gegenüber, das geschwärzte Gesicht wird geschockt schnell wieder „weißgewaschen“. Dann wiederum diskutieren Zeynep Buyraç und Katharina Knap die Tatsache, dass kein Schwarzer an der Aufführung teilnimmt. „Was sollte der spielen? Einen Sklaven?“ In solchen und anderen Momenten kippt die Inszenierung vom Irritierenden ins Ironische. Harald Posch hat ein Händchen für derlei Wechselbäder.

Während Tom Feichtinger den xenophoben österreichischen Sextouristen gibt, schildert Knap das Schicksal einer Sexsklavin in Österreich. Es geht um Lohnsklaven für Billigtextilien in Bangladesch oder Arbeitssklaven in brasilianischen Ziegeleien, Safarijäger und Schlepper, und wie die unappetitlichen Angelegenheiten seit 1852 aus dem unmittelbaren Blickfeld in die sogenannte „Dritte Welt“ verschoben wurden. Ein Zebra wird ausgeweidet, Tarzan, Baströckchen und Banane berichten vom Outsourcing einer Wegwerfgesellschaft, in der auch der Mensch rasch Müll wird.

In einer der bestechendsten Szenen singen die Schauspieler ernsthaft naiv 50 Cents „Candy Shop“ in deutscher Übersetzung. Ein weiteres Bild, eine weitere Bespiegelung. „Onkel Toms Hütte“ im Werk X ist voll davon. Mehr als man auf einmal fassen kann. Nicht immer kennt man sich aus, nicht jeder gezogene Schluss erschließt sich einem. Manchmal wünscht man, man könnte ein Stück zurückspulen und noch einmal hören und sehen. Nachzudenken gibt es jedenfalls eine Menge.

werk-x.at/

  1. 4. 2018