Terrence Malick: Ein verborgenes Leben

Januar 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

August Diehl brilliert als Franz Jägerstätter

Dorf- und Liebesidyll: August Diehl und Valerie Pachner als Franz und Fani Jägerstätter. Bild: © Filmladen Filmverleih

Masse-und-Macht-Bilder von Leni Riefenstahl überschneiden sich mit Dorf- und Liebesidyll, Gras mähen, Vieh füttern, Küsse geben, gewaltige Choräle mit filigranen Violinklängen, im fernen Berlin jubeln die Menschen jenem Mann zu, der sich zu ihrem „Führer“ aufgeschwungen hat, und auch in St. Radegund heben die Leute zu seinen Ehren den rechten Grußarm. Nur Franz Jägerstätter macht die neuen Sitten nicht mit, ihm ist es statt ums „Sieg Heil!“ um sein Seelenheil zu tun, weshalb der Bauer Begegnungen auf dem Feldweg mit einem „Pfui Hitler!“ beendet.

Das ist 1940 im oberösterreichischen Bezirk Braunau brandgefährlich. Kinomystiker Terrence Malick hat in seinem ab morgen auf den heimischen Leinwänden zu sehenden Film „Ein verborgenes Leben“ das reale des Franz Jägerstätter verfilmt. In Österreich ist die Geschichte des Wehrdienst-, weil Führereid-Verweigerers seit Axel Cortis Film, Erna Putzs Büchern und Felix Mitterers Drama (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=4764, Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=4738) bekannt.

Nun wird das Schicksal des stillen Widerstandskämpfers, der 1943 im Zuchthaus Brandenburg von den Nationalsozialisten hingerichtet und 2007 im Linzer Mariä-Empfängnis-Dom seliggesprochen wurde, dies wohl auch international werden. Regisseur und Drehbuchautor Malick nimmt sich für seine Story gute drei Stunden Zeit, um von Jägerstätters Blinde-Kuh-Spiel mit seinen Kindern zur blinden Wut des Volkskörpers zu kommen. Er erzählt weniger Handlung als Stimmungen, Emotionen, erzählt vom Fluss der Zeit, vom Sonnenstand, während sich ein Glaubenssatz im Gehirn festsetzt. Immer wieder verschneidet er Original-Wochenschauen, Tod, Zerstörung, Sinnlosigkeit, mit den grandiosen Aufnahmen von Kameramann Jörg Widmer.

Dessen Kamera lässt die Protagonisten mitunter fast steil ins Bild ragen, so als seien sie fragile Zeugen ihrer selbst. Das hat man so noch nicht gesehen. So wie Widmer an den Originalschauplätzen von der Weite der Landschaft in die Enge der Gefängniszellen, von sattem Grün zu wild und düster zu bleichem Grau-in-Grau wechselt, so schaffen die mal melancholische, mal minimalistische, mal auf Beethoven, mal auf Arvo Pärt zurückgreifende Musik von James Newton Howard, und die Tatsache, dass August Diehl und Valerie Pachner aus dem Off aus dem Briefwechsel zwischen Jägerstätter und seiner Frau Franzis­ka vorlesen, zusätzlich Atmosphäre.

Tobias Moretti als Vikar Fürthauer. Bild: © Filmladen Filmverleih

Inhaftiert im Linzer Ursulinenhof. Bild: © Filmladen Filmverleih

Franz findet Kraft im Gebet. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit Bruno Ganz als Richter Lueben. Bild: © Filmladen Filmverleih

Diehl ist in seiner feinnervigen, von einem inneren Leuchten beseelten Darstellung des Charakters Jägerstätter brillant, und Malick umwebt den Gewissens- auf seinem Weg zum Schmerzensmann sanft und behutsam mit passendem szenischen Panorama, gemeinsam erkunden sie den Kosmos ihrer Schlüsselfigur bis ins Kleinste. „Besser die Hände gefesselt als der Wille!“ Dieser Ruf des Tiefgläubigen ist überliefert, und Malick macht in seiner Umsetzung des Stoffes deutlich, dass diese unpathetisch und elegisch zugleich geht. Der Herrgott ist allüberall, vom Winkel bis zum Marterl, Worte werden wenige gewechselt, doch jeder zweite Satz ist wie ein Bibelzitat, wuchtig, eindringlich, Jeremia 23. Gegen das Böse aufzustehen, heißt dabei der Amboss, nicht der Hammer zu sein. Auch, wenn Malick selbst dies verneint, er hat einen Märtyrerfilm gedreht.

Ob Diehls Jägerstätter als Sämann übers Feld stapft. Ob er sich im finsteren Wehrmachtsuntersuchungs- gefängnis des Linzer Ursulinenhofs, während – Schnitt – Jörg Widmer ein Waldmüller-Licht auf die Gesichter seiner drei Töchter fallen lässt, den Hochmut vorwirft, durch seine stolze Entscheidung besser als die anderen Eingezogenen sein zu wollen. Ob er verlegt nach Berlin-Tegel die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut und Erinnerungsrückblenden an daheim erträgt. Diehl spielt Verzweiflung, Müdigkeit, Tränen stets nur an, nie aus. Bemerkenswert ist, wie er körperlich mehr und mehr verfällt, seine Überzeugung von den Nazi-Schergen bis zur letzten Sekunde geprüft, Diehls stumm leidendes Gesicht dabei, im Hintergrund Hass und Flehen, Befehls- und Schmerzensschreie, in Großaufnahme. Am Ende wankt er zwischen der Kraft des Gebets und seinem Zweifel am Glauben, soviel zu Matthäus 27 bis Lukas 23.

In seiner Bezugnahme auf das Christentum ist Malick kompromiss- und furchtlos, ohne Berührungsängste, aber, siehe Michael Nyqvist als Bischof Fliesser, der Jägerstätter anordnet dem Vaterland zu dienen, kritisch gegenüber der Institution Kirche. „Ein verborgenes Leben“ ist ein Antikriegsfilm ohne Front und Schlachtfelder und Gemetzel. Heidegger-Übersetzer Malick und mit ihm Widmer machen die Abwesenheit ihres Helden durch Verlassenheit deutlich, im Haus, im Stall, Blicke auf leere Stiegen und Türstaffeln, verwaiste Holzpantoffel, dazu Valerie Pachner, die als Fani Jägerstätter den Volkszorn wegen ihres Verräter-Ehemanns stoisch erträgt. Malick ist nicht der Filmemacher, dem es darum ist, Gegenwart herzustellen, und doch gelingt es ihm hier auf besondere Art – und dank eines hochkarätigen Casts, Ausnahmeschauspieler allesamt, die in noch in kürzesten Szenen eindringlich ihr Können zeigen.

Die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut erdulden: August Diehl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Allen voran Karl Markovics, der als St. Radegunds regimetreuer Bürgermeister Kraus aktuell anmutende Phrasen wie „Ausländer überfluten unsere Straßen, Immigranten ohne Achtung vor unserer Vergangenheit, wir müssen unser Land verteidigen!“ drischt. Oder Tobias Moretti als Vikar Ferdinand Fürthauer, der Jägerstätter mit beinah denselben Worten vor den existenziellen Konsequenzen seines „Opfers“ warnt. Johannes Krisch als Müller Trakl und Wolfgang Michael als Eckinger sind zumindest im Kopf Widerständler. Ulrich Matthes begleitet als Fanis Vater Lorenz Schwaninger diese bis nach Berlin.

Martin Wuttke hat als Major Kiel eine Epilepsie-Epiphanie, Michael Steinocher ist als Offizier Kersting ein brutaler Gefangenenwärter, Thomas Mraz der windige Staatsanwalt Kleint, Berlinale-Pensionist Dieter Kosslick der Richter Musshoff. Zwei herausragende Szenen gibt es mit Franz Rogowski als ebenfalls zum Tode verurteilten Waldland, der sich in eine gespenstische Enthauptungsfantasie hineinsteigert, und mit Bruno Ganz, der als Richter Werner Lueben kein zweiter Freisler ist.

Sondern versonnen im Verhör, eine Pontius-Pilatus-Figur, deren Frage an Jägerstätter „Verurteilen Sie mich?“ den späteren Suizid des Senatspräsidenten beim Reichskriegsgericht – offiziell: plötzlicher Tod wegen seelischen Erschöpfungszustands, vermutet: Gewissensnot wegen seiner Todesurteile gegen drei Pfarrer, Verstrickung in die Attentatspläne gegen Adolf Hitler – vorwegnimmt. In beiden Begegnungen erkennt Jägerstätter, dass Mitgefühl, nicht Mitleid, denn was nützt es, wenn ein anderer mit einem leidet, den Christenmenschen macht.

Dass Malick zum Schluss seine ruhige Konsequenz mit dem Gang zum Schafott, einem Bild des Fallbeils, dem lapidaren Ruf des Scharfrichters „Der nächste …“ bricht, hätte zwar nicht sein müssen, denn in seiner Gesamtheit ist „Ein verborgenes Leben“ ein kostbares Kinogeschenk, diese Geschichte einer reinen Seele, eines Menschen, der lieber Außenseiter ist, als Teil einer Gemeinschaft potenziell gewalttätiger Mitläufer und ergo Mittäter. Jägerstätter-Tochter Maria hat den Film über ihren Vater bereits gesehen. Im Sonntag-Interview bekräftigt sie, wie wichtig es sei, „dass man nicht alles nachmachen soll, was einem so vorgegeben wird, sondern überlegen, ob das auch gut ist“: „Nicht auf das schauen, was die anderen sagen, sondern sich selbst informieren und nachdenken, was ist richtig und was nicht.“

www.ein-verborgenes-leben.de

  1. 1. 2020

Wiener Festwochen: Deponie Highfield

Mai 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pferde sind jedenfalls gesattelt

Ich will ’nen Cowboy als Mann: Martin Wuttke und Caroline Peters. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Prächtig, was einem an einem solchen Abend alles durch den Kopf gehen kann. Vom Richard-Ruf „Mein Königreich für …“ bis zum Komparsen-Satz vom Gesattelt-Sein, vom Hoppe-Hoppe-Kinderreim bis zum Kneipenwitz übers Pferd in der Bar. Für die Wiener Festwochen stellt nun René Pollesch sieben Lipizzaner auf die Bühne des Akademietheaters. Genauer gesagt, hat das Bühnenbildnerin Katrin Brack für dessen Uraufführung von „Deponie Highfield“ besorgt.

Die Weide rundum ist grün, auf der die edlen, beinah lebensechten Rösser sogar per ihren Ohren kommunizieren, mit dem Schweif schlagen und aus den Nüstern rauchen können. Was mutmaßlich Martin Wuttke die restlichen 100 Minuten dazu führt, sich vorrangig zu fragen, ob er sich auf dem Rücken seines Reittiers wohl eine anzünden dürfe. Tatsächlich wird’s aber Irina Sulaver sein, die als erste zur Zigarette greift. Und so galoppiert der Schauwert auf und davon, während man doch versucht ist, ein Inhaltliches zu erfassen. Im Ankündigungstext der Produktion raunt’s von einer Politik des Optischen, „die die Dinge in das Dunkle zieht, raus aus der Erhellung, in die Nicht-Transparenz“, und weiter: „Auf einer besseren Darstellung der Welt müsste man beharren, einer zuverlässigen und durchsetzbaren, die sich nicht in der Suche nach Repräsentation erschöpft.“

Da kommt einem natürlich Lipica-Ibiza in den Sinn, aber nein, das wäre in nur einer Woche nicht zu schaffen gewesen, obwohl Caroline Peters mal erzählte, Pollesch schreibe über Nacht auch gern Dutzend Seiten neu, und außerdem legt er mit Donna-Haraway-Querverweisen eine andere Fährte aus, ist die US-Universitätsprofessorin doch für ihre postmodern sozialistisch-feministischen Denkanstöße bekannt. Auftritt also „Die fünf Vogelfreien“ Kathrin Angerer, Birgit Minichmayr, Caroline Peters, Irina Sulaver und Martin Wuttke. Sie reiten, was das Zaumzeug hält, nur gibt’s weder Weg noch Ausweg noch Wegkommen. Und schon gar keinen Sonnenuntergang, in den hinein … „Ja, verdammt. Wie bleibt man zusammen? Es hatte so schön angefangen. Man beginnt zusammen und dann – ist es weg“, lamentiert Angerer, hängt mit einem Stiefel im Steigbügel und schleift mit dem Körper auf dem Boden.

Ich möcht‘ so gerne mal nach Nashville: Birgit Minichmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mamatschi, schenk‘ mir ein Pferdchen: Irina Sulaver. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ein sich’rer Colt ist so gut wie Gold, Bonanza: Kathrin Angerer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Verhandelt wird, zumindest so ungefähr, warum Liebe niemals hält, die Erinnerung an einen gelungenen Theatermoment hingegen schon, dazu Kluggeschwätzes vom marxistischen Philosophen Alain Badiou, der Mensch muss sich positiv definieren, vom Guten und der Fähigkeit zum Guten muss das Böse abgeleitet werden, nicht umgekehrt, und vom Psychiater und Psychoanalytiker Jacques Lacan, der über „Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre“ arbeitete. Und wie Pollesch derart den Gedanken wieder einmal die Zügel schießen lässt, sagt jemand: „Man steht irgendwo rum und hat kein Problem gelöst. So ist es eigentlich immer.“

Ansonsten wird viel herumgeschnauzt und mit den Colts gefuchtelt. „Ich bin Pferd mit Reiter, das ist doch ganz klar zu sehen“, antwortet Minichmayr nach ihrer Rolle gefragt pampig. Irgendwann kotzt ein Schimmel, zwei Mal gibt es Schusswechsel, und die Darstellerinnen wechseln von Tabea Brauns Cowgirl-Kluft in weiße Kleidchen, alldieweil Wuttke wie der verloren geglaubte Sohn der Katie Elder o-beinig durchs Geschehen geht. Kurz geht es noch um, siehe Repräsentation, Schein und Sein, Sinn und Unsinn, um eine Art Darstellung, die das Darzustellende überdeckt.

Um Kommunikation, die nur noch im Angesicht einer gezogenen Waffe klappt. Was einen dann doch wieder aufs magische Dreieck Spanische Hofreitschule – Bundeskanzleramt – Burgtheater zurückwirft. Am Ende, zum langen und lauten Applaus der Fans, heißt es: „Fick Dich. Gute Nacht!“ Ein Schelm, wer Pollesch dabei denkt.

www.festwochen.at

www.burgtheater.at

25. 5. 2019

Glück ist was für Weicheier

Februar 6, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Martin Wuttke schwört auf Walgesänge

Stefan Gabriel, Alleinerzieher zweier Töchter, arbeitet als Bademeister und ehrenamtlich als Sterbebegleiter: Martin Wuttke. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zum Schluss des Films hebt sich die Kamera von Christian Stangassinger hoch über die Siedlung. Eine Kleinstadt, die an Wald und Wiesen grenzt, die schmuck- wie geschmacklosen Häuser an den Baustil der 1960er-Jahre erinnernd, alle so ziemlich gleich, die Rollläden herunten, mit zugepflasterten Hinterhöfen und lange nicht mehr benutzten Swimmingspools.

Das Setting macht den Film, und dieses, Spießbürgertum und Kleingeistigkeit geradezu atmend, könnte ein übliches Die-Provinzler-zur-Rechenschaft-Ziehen sein. Ist es aber nicht. Denn in „Glück ist was für Weicheier“ von Regisseurin Anca Miruna Lăzărescu, ab Freitag in den Kinos, geht es nicht um die Grenzen im Kopf, sondern um die, die einem der eigene Körper setzt. Protagonistin ist Jessica, ein burschikoses Mädchen, darob eine Außenseiterin, die im pubertär beginnenden Boy-meets-Girl-Spiel ihren Platz sucht. Lăzărescu erzählt das mit großer Liebe und viel Respekt für die von ihr abgefilmten Figuren und einem leisen, subtilen Witz, der nie verletzend oder holzhammerig wird. Denn die Handlung ist tatsächlich alles andere als zum Lachen, leidet Jessicas Schwester Sabrina doch an einer tödlichen Lungenkrankheit.

Und während sie schon ihr Begräbnis samt Brass-Musik organisiert, schmieden die beiden noch einen letzten Plan. Die Entjungferung, heißt: Sex, soll das Sterben abwenden, so steht es zumindest in den pseudo-okkulten Büchern, die Jessica und Sabrina wälzen – und für die Tat muss ein Kandidat gefunden werden. Lăzărescu findet dafür eine gehörige Prise absurden, doch nie überzogenen Humors. Sie nimmt ihr Thema überaus ernst, aber es ist eben zum Schmunzeln, wenn der Vater der Töchter, Bademeister und ehrenamtlicher Sterbebegleiter, im Hospiz einem Dahinscheidenden zeitgleich den „Orgasmus des Todes“ schildert, und in seiner Euphorie zu helfen erst gar nicht merkt, dass sein Gegenüber längst gegangen ist.

Mit seiner burschikosen, zwangsneurotischen Tochter Jessica: Martin Wuttke und Ella Frey. Bild: © Bernd Spauke

Mit seiner todkranken Tochter Sabrina: Martin Wuttke und Emilia Bernsdorf. Bild: © Filmladen Filmverleih

Martin Wuttke spielt ganz wunderbar diesen Stefan Gabriel, der seit dem Tod seiner Frau Alleinerzieher ist, und bemüht, drei Leben in den Griff zu bekommen, obwohl ihm diese mehr und mehr entgleiten. Um Stress abzubauen, hört er via CD Walgesänge. In diesen Augenblicken zieht Wuttke selig lächelnd durch die Straßen, aber derart Momente dauern nur kurz. Hat er doch nicht nur mit den körperlichen Beschwerden von Sabrina zu kämpfen, sondern auch mit Jessicas seelischem Zustand, die sich ob der familiären Verhältnisse in diverse Zwangsneurosen hinein manövriert hat.

Als da wären das unkontrollierbare Rauf- und Runterziehen von Socken wie der Glaube an die Gefährlichkeit verschiedener Zahlen. Und zahlreiche andere ausgefeilte Ticks. Ungelenk ist ein passendes Wort für die Art, wie sich die Figuren bewegen, und ungelenk ist auch der Psychotherapeut, Christian Friedel, zu dem Jessica geschickt wird, oder die Leiterin der caritativen Einrichtung, Sophie Rois, die bei Stefan einen Annäherungsversuch unternimmt, der natürlich scheitern muss.

Die einzige, die hier ihrer selbst bewusst zu sein scheint, ist Emilia Bernsdorf als die stets durchgestyle, scheußlichste Horrorfilme wie einen Fetisch betrachtende Sabrina. Sie ist, was man eine alte Seele nennt. Dass diese Coming-of-Age-Geschichte niemals zur Karikatur gerät, sondern immer wahrhaftig bleibt, liegt allerdings überwiegend an Ella Freys Jessica, die sich schließlich in den einen, älteren, Mitschüler verliebt, nur um zu erkennen, dass der andere, gleichaltrige, die für sie bestimmte Wahl ist. Aus dem Off lässt Lăzărescu deren Gedanken herbeiflüstern, dieses Gerade-noch-Kind, das sich zur Schadensabwehr in „heilige“ Rituale flüchtet, schwer gezeichnet von dem, was es tragen muss.

„Glück ist was für Weicheier“ ist ein stiller, unsentimentaler Film mit Zeitpunkten komischer Verzweiflung. Etwa, wenn Wuttke einen um sein Leben strampelnden Marder aus dem Pool befreit, nur um später auf der stolzen Probefahrt mit dem angedacht neuen Auto einen Hirsch anzufahren. Dessen starkes Geweih umklammernd, kann er nicht verhindern, dass das Tier von ihm geht. Welch ein Symbolbild.

Ein vergeblicher Annäherungsversuch: Sophie Rois geht als Sterbehospiz-Leiterin aufs Ganze, aber Martin Wuttke will eigentlich nur reden. Bild: © Filmladen Filmverleih

Martin Wuttke spielt unprätentiös und authentisch und ergibt sich ganz der resignierten Sprödheit seiner Figur. Ella Frey, die 15-Jährige fällt nicht zum ersten Mal positiv auf, bezaubert mit ihrer ausdrucksstarken Darstellung. Ein verstörter Teenager, weil sie sich in ständiger Gefahr glaubt, dass etwas Schlimmes passieren wird. Was dann selbstverständlich auch eintritt.

Wuttkes Bademeister Gabriel wird schließlich ein Mädchen retten, vor dem Ertrinken, und diese Tat wird eine sein, die er für sein eigenes nicht wiederholen kann. Starker Stoff, karge Bilder, draußen ist Leben, doch drinnen zieht es vorbei – aber immerhin das Ende ist lyrisch und zart.

www.glueckistwasfuerweicheier-film.de

  1. 2. 2019

Akademietheater: Hotel Strindberg

Januar 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Misanthropen beim Misstrauisch-Sein beobachten

Franziska Hackl, Caroline Peters und Martin Wuttke, Roland Koch und Michael Wächter, Barbara Horvath und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Wucht, die ganze Wut des Autobiografischen enttarnt sich erst am Ende. Davor ist’s fast Sport Querverweise und Verbindungen zu suchen. Da gerinnt ein „Gespenstersonaten“-Thema zu jenem von „Der Vater“, dort blitzt ein „Pelikan“ auf, da scheint eine Figur aus „Nach Damaskus“ zu der „Stärkeren“ zu werden, und nachdem zwei „Mit dem Feuer spielen“ tritt prompt der „Gläubiger“ auf …

Mit seinem „Hotel Strindberg“ versucht Theatermacher Simon Stone den ganzen Kosmos des schwedischen Schriftstellers zu fassen. Eine Übung, die angesichts der Uraufführung am Akademietheater als aufs Vorzüglichste gelungen bezeichnet werden kann.

August Strindberg, der Frauenhasser und darob vielfach Geschiedene, der oft dem Wahnsinn Nahe, von Obsessionen Besessene, von seinen eigenen Dämonen Gejagte, der nicht nur Theaterstücke, Romane, Erzählungen schrieb, sondern auch als Maler und Fotograf seiner Zeit weit voraus war, inspirierte Stone entlang von dessen Stücken einen eigenständigen Text zu verfassen. In sechs übereinander geschachtelten Hotelzimmern und einem Stiegenhaus (Bühne: Alice Babidge), in Betten, auf Sofas und vor dem Fernseher führt er Paare und deren Krisen vor. Wie ein Voyeur blickt man durch Fenster auf diese mal tragischen, mal komischen, stets aber leicht grotesken Begegnungen.

Fast fünf hochemotionale, mitunter überreizte Stunden lässt sich Stone Zeit, um die Schicksale seiner Figuren darzulegen; getrennt von zwei Pausen gilt es diese Misanthropen beim Misstrauisch-Sein zu beobachten, der zweite Teil dabei der stärkste, der letzte schon ein wenig zerfasert und deshalb schwerer zu fassen. Dies Panoptikum mit Beziehungsgeschädigten gestalten neun Schauspieler mit ganzer Spielfreude und in unzähligen Rollen. Sie sind Fernsehmacher, Dramatiker, Fotografen, Fremdgeher, Ehefrauen, (Ab-)Wartende, sie ergehen sich in Grausamkeiten aller Art, Sex inbegriffen, tragen ihre Psychoduelle aus, und der Tod, der kommende wie der schon geschehene, ist ihnen ein beinah ständiger Begleiter.

Barbara Horvath und Franziska Hackl, Martin Wuttke, Max Rothbart und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Caroline Peters und Martin Wuttke, Max Rothbart, Simon Zagermann und Barbara Horvath. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

All das besticht durch Sprachwitz und Situationskomik. Vor allem Caroline Peters und Martin Wuttke verstehen es, mittels eines Satzes vom Anrührenden ins Absurde zu kippen. Als Alfred und Charlotte tragen sie einen immerwährenden Ehestreit ums Kind und dessen Künstlerkarriere aus, wunderbar, wie sie ihn zwar mit Gemeinheiten bewirft, dabei aber in Sorge ist, er könnte über seine runtergelassenen Hosen stolpern und sich verletzen, als Julia und Erik sehen sie sich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert. Eine weitere Szene mit der Peters, die man nicht missen möchte, ist, wenn sie ihren Schwiegersohn auf der Treppe verführt … Franziska Hackl schreit die ganze Verzweiflung ihrer Figur heraus, als diese, schwanger, erkennen muss, dass sie keine Verlobte, sondern nur ein Seitensprung ist. Dies die eindrücklichsten, intensivsten Leistungen des Abends.

Mit der von Roland Koch, der als spooky zuvorkommender Concierge, als Charlottes Bruder Klaus oder Jakobs Schwager über die Gänge schleicht. Letzterer, Michael Wächter als Autor in der Schaffenskrise, hat gerade seine noch nicht ganz Ex-Frau gewürgt und braucht mit dem ohnmächtigen Körper dringend Hilfe … Barbara Horvath, Simon Zagermann und Max Rothbart gestalten unter anderem eine Dreiecksgeschichte, bei der in die Herzen Zank und Zerwürfnis gepflanzt wird. „Sie wollen keine Gleichberechtigung, sie wollen Rache“, stellt ein Mann über die Frauen in einer von Stones Miniaturen fest, die immer öfter parallel statt nur nebeneinander verlaufen. Immer wieder auch steigen die Schauspieler in das Zimmer ein, das der Musik von Bernhard Moshammer vorbehalten ist, und greifen dort zu den Instrumenten.

Die Fülle des Szenenchaos findet sich schließlich im so zu nennenden dritten Akt zusammen. Da werden im Erdgeschoss die Rezeption und im ersten Stock der Frühstücksraum nach und nach ausgeräumt, der Mensch so nackt wie die Bühne, und die Welt endlich, was sie ist: ein Irrenhaus. Figuren verschwimmen, Falsche erkennen einander, Klaus wird erst der Concierge, dieser dann der von Julia gefürchtete David, die von Jakob bis zum Sterben strangulierte Sylvie wieder taucht auf; auch andere Gespenster irren durch dies Haus der Halluzinationen.

Max Rothbart und Anne Schwarz, Michael Wächter und Franziska Hackl, Simon Zagermann und Ensemble, Martin Wuttke. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und inmitten all der verlorenen Seelen gibt Martin Wuttke den Nick-Cave-Klon. Sein nach einer Offenbarung Charlottes seiner Identität verlustig gegangener Alfred wird zu Holger, dem abgefuckten, von Aenne Schwarz erotisch umringten Punkopa, der noch einmal ein Album aufnehmen will und an Songtexten bastelt. Oder ist das alles nur ein Albtraum? Umringt von hysterischen bis besorgten (Ex-)Ehefrauenfiguren kreischt und tobt und zetert sich Wuttke dem Ende entgegen.

Also wird nun klar, von wo aus August Strindberg die Simon-Stone-Storys die ganze Zeit beobachtet hat. Nämlich, wenn der virtuose Wuttke zum Schluss kommt. „Ich hab‘ das geschrieben …“

www.burgtheater.at

  1. 1. 2018

Akademietheater: Carol Reed

April 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sind wir nicht alle ein wenig MacGuffin?

Ja, wo ist denn das Bühnenbild? Birgit Minichmayr, Tino Hillebrand, Irina Sulaver und Martin Wuttke. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Das Bühnenbild ist weg. Und nicht nur das: Auch die sonst obligatorische Live-Kamera samt dazugehöriger Leinwand wurde offenbar geklaut – ergo wird tatsächlich nicht hinter der Bühne gespielt und nach vorne übertragen, sondern es stehen vier Schauspieler an der Rampe, um zu deklamieren und zu reklamieren. Wie ungewöhnlich puristisch für einen René Pollesch!, der Wien nach mehr als vier Jahren Absens mit einem neuen Text beglückt.

„Carol Reed“ heißt er, dazu später mehr, und ist wie stets eine Mischung aus Nabelschau und Narretei, ein tiefphilosophischer Hauch von Nichts und ein hochkomödiantisches Etwas. Jedenfalls am Akademietheater eine wunderbare Gelegenheit Birgit Minichmayr und Martin Wuttke in Aktion zu sehen. Das Bühnenbild ist also weg, „Madame Brack“, die Bühnenbildnerin Katrin, hat es mitgehen lassen. Wohl aufgrund einer Unzufriedenheit, der den ganzen Abend lang nachgespürt, deren Ursache aber nicht gefunden wird. Und da stehen sie nun, zwei im rosa Tüllgebirge, zwei im Smoking, Irina Sulaver und Tino Hillebrand komplettieren das Quartett, und wissen erst gar nichts mit sich anzufangen. Vier Schauspieler, bedroht von der Technik, von einer außer Rand und Band geratenen Scheinwerferbatterie, die sie drohend rotierend umkreist – und wer’s noch kann, erinnert sich an den Kušej-Abend am Haus, den die Minichmayr absagen musste, weil der Lamettavorhang nicht hochzukriegen war …

Dieser Querverweis, weil Pollesch auch diesmal das Stück im Kollektiv erarbeitet hat, nie sagen Darsteller bei ihm einen Satz, den sie nicht möchten, und das ist ein Reiz seiner Aufführungen: Dass man stets auf der Schnitzeljagd nach dieser Authentizität ist. „Carol Reed“ also. War ein britischer Filmregisseur, sein hierzulande angesiedeltes Meisterwerk „Der dritte Mann“, aber auch der Macher von „Unser Mann in Havanna“ oder „Gefährlicher Urlaub/The Man Between“, Spionagethrillern, die Wuttke veranlassen zwischendurch im Geheimagentensprech die Handlung anzutreiben.

Die Handlung, das ist bei Pollesch so eine Sache und das Thema. Beziehungsweise der MacGuffin, auch Wuttkes Rollenname, ein von Alfred Hitchcock erfundener Begriff für mehr oder weniger bedeutungslos-beliebige Objekte oder Personen, die in einem Film meist dazu dienen, die Handlung auszulösen oder zu beschleunigen, ohne selbst von besonderem Nutzen zu sein. Was die Frage aufwirft: Sind wir nicht alle ein wenig MacGuffin? Die Souffleuse Sybille Fuchs ist wie immer auch auf der Bühne. „Theater ist nicht: Gehen wir mal rauf und dann schaun wir mal“, sagt Minichmayr – und das Publikum bricht, Pollesch kennend, in Begeisterungsstürme aus.

Get me up high, teach me to fly, electrify my life with starry lights: Tino Hillebrand. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Beams are gonna blind me, but I won’t feel blue: Birgit Minichmayr, Irina Sulaver und Martin Wuttke. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Die Filmmusik ist diesmal von „Die Zwei/The Persuaders!“ – Tony Curtis/Roger Moore, von ABBA „Super Trouper“ bis „Barbarella” von The Wondermints. Ach ja, was man eigentlich spielen wollte, sind „Die 39 Stufen“, weil ja immer alles nur von Hitchcock und niemand von Carol Reed spricht. Doch das Leben ist eben work in progress, die technischen Probleme des eigenen Daseins nicht geringer als die auf der Bühne. Und so geht’s um Regiearbeiter und Schauspielerschicksale, um künstlerische wie private Krisen, um persönlichen Liebeskummer und szenische Selbstmordgedanken. „Von Bedeutung war ich noch nie gerührt“, lautet einer der launig-klugen Sätze, während sich die Stars des Abends damit abmühen, „der eigenen Bedeutung zu entkommen“.

Das geht nur, indem man im Wortsinn in der Versenkung verschwindet, und aus dieser taucht Irina Sulaver als Piper Laurie oder Laurie Piper, immerhin „Carrie“s Mutter, die „Blutige Ruby“ und auch sonst „Vom Teufel besessen“, als Erste wieder auf. Dann die anderen. Erst Riesenjoints rauchend im Raumfahreranzug, aus denen sie sich in Glitzerklamotten entpuppen. Noch Erkundigungen einzuholen? Bitte nicht. Einfach den Spaß auf sich niederprasseln lassen und abwarten, ob einem im Sinne freier Assoziation was dazu einfällt. Ansonsten vier fulminante Schauspieler genießen und deren Stück/chenweise Preisgabe auf sich wirken lassen. Am Ende war der Jubel riesig. Was brauchen die Wiener dramatische Konventionen, wenn sie ihre Publikumslieblinge so hautnah erleben dürfen? René Pollesch, Junge, komm‘ bald wieder …

www.burgtheater.at

Wien, 30. 4. 2017