Akademietheater: Hotel Strindberg

Januar 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Misanthropen beim Misstrauisch-Sein beobachten

Franziska Hackl, Caroline Peters und Martin Wuttke, Roland Koch und Michael Wächter, Barbara Horvath und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Wucht, die ganze Wut des Autobiografischen enttarnt sich erst am Ende. Davor ist’s fast Sport Querverweise und Verbindungen zu suchen. Da gerinnt ein „Gespenstersonaten“-Thema zu jenem von „Der Vater“, dort blitzt ein „Pelikan“ auf, da scheint eine Figur aus „Nach Damaskus“ zu der „Stärkeren“ zu werden, und nachdem zwei „Mit dem Feuer spielen“ tritt prompt der „Gläubiger“ auf …

Mit seinem „Hotel Strindberg“ versucht Theatermacher Simon Stone den ganzen Kosmos des schwedischen Schriftstellers zu fassen. Eine Übung, die angesichts der Uraufführung am Akademietheater als aufs Vorzüglichste gelungen bezeichnet werden kann.

August Strindberg, der Frauenhasser und darob vielfach Geschiedene, der oft dem Wahnsinn Nahe, von Obsessionen Besessene, von seinen eigenen Dämonen Gejagte, der nicht nur Theaterstücke, Romane, Erzählungen schrieb, sondern auch als Maler und Fotograf seiner Zeit weit voraus war, inspirierte Stone entlang von dessen Stücken einen eigenständigen Text zu verfassen. In sechs übereinander geschachtelten Hotelzimmern und einem Stiegenhaus (Bühne: Alice Babidge), in Betten, auf Sofas und vor dem Fernseher führt er Paare und deren Krisen vor. Wie ein Voyeur blickt man durch Fenster auf diese mal tragischen, mal komischen, stets aber leicht grotesken Begegnungen.

Fast fünf hochemotionale, mitunter überreizte Stunden lässt sich Stone Zeit, um die Schicksale seiner Figuren darzulegen; getrennt von zwei Pausen gilt es diese Misanthropen beim Misstrauisch-Sein zu beobachten, der zweite Teil dabei der stärkste, der letzte schon ein wenig zerfasert und deshalb schwerer zu fassen. Dies Panoptikum mit Beziehungsgeschädigten gestalten neun Schauspieler mit ganzer Spielfreude und in unzähligen Rollen. Sie sind Fernsehmacher, Dramatiker, Fotografen, Fremdgeher, Ehefrauen, (Ab-)Wartende, sie ergehen sich in Grausamkeiten aller Art, Sex inbegriffen, tragen ihre Psychoduelle aus, und der Tod, der kommende wie der schon geschehene, ist ihnen ein beinah ständiger Begleiter.

Barbara Horvath und Franziska Hackl, Martin Wuttke, Max Rothbart und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Caroline Peters und Martin Wuttke, Max Rothbart, Simon Zagermann und Barbara Horvath. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

All das besticht durch Sprachwitz und Situationskomik. Vor allem Caroline Peters und Martin Wuttke verstehen es, mittels eines Satzes vom Anrührenden ins Absurde zu kippen. Als Alfred und Charlotte tragen sie einen immerwährenden Ehestreit ums Kind und dessen Künstlerkarriere aus, wunderbar, wie sie ihn zwar mit Gemeinheiten bewirft, dabei aber in Sorge ist, er könnte über seine runtergelassenen Hosen stolpern und sich verletzen, als Julia und Erik sehen sie sich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert. Eine weitere Szene mit der Peters, die man nicht missen möchte, ist, wenn sie ihren Schwiegersohn auf der Treppe verführt … Franziska Hackl schreit die ganze Verzweiflung ihrer Figur heraus, als diese, schwanger, erkennen muss, dass sie keine Verlobte, sondern nur ein Seitensprung ist. Dies die eindrücklichsten, intensivsten Leistungen des Abends.

Mit der von Roland Koch, der als spooky zuvorkommender Concierge, als Charlottes Bruder Klaus oder Jakobs Schwager über die Gänge schleicht. Letzterer, Michael Wächter als Autor in der Schaffenskrise, hat gerade seine noch nicht ganz Ex-Frau gewürgt und braucht mit dem ohnmächtigen Körper dringend Hilfe … Barbara Horvath, Simon Zagermann und Max Rothbart gestalten unter anderem eine Dreiecksgeschichte, bei der in die Herzen Zank und Zerwürfnis gepflanzt wird. „Sie wollen keine Gleichberechtigung, sie wollen Rache“, stellt ein Mann über die Frauen in einer von Stones Miniaturen fest, die immer öfter parallel statt nur nebeneinander verlaufen. Immer wieder auch steigen die Schauspieler in das Zimmer ein, das der Musik von Bernhard Moshammer vorbehalten ist, und greifen dort zu den Instrumenten.

Die Fülle des Szenenchaos findet sich schließlich im so zu nennenden dritten Akt zusammen. Da werden im Erdgeschoss die Rezeption und im ersten Stock der Frühstücksraum nach und nach ausgeräumt, der Mensch so nackt wie die Bühne, und die Welt endlich, was sie ist: ein Irrenhaus. Figuren verschwimmen, Falsche erkennen einander, Klaus wird erst der Concierge, dieser dann der von Julia gefürchtete David, die von Jakob bis zum Sterben strangulierte Sylvie wieder taucht auf; auch andere Gespenster irren durch dies Haus der Halluzinationen.

Max Rothbart und Anne Schwarz, Michael Wächter und Franziska Hackl, Simon Zagermann und Ensemble, Martin Wuttke. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und inmitten all der verlorenen Seelen gibt Martin Wuttke den Nick-Cave-Klon. Sein nach einer Offenbarung Charlottes seiner Identität verlustig gegangener Alfred wird zu Holger, dem abgefuckten, von Aenne Schwarz erotisch umringten Punkopa, der noch einmal ein Album aufnehmen will und an Songtexten bastelt. Oder ist das alles nur ein Albtraum? Umringt von hysterischen bis besorgten (Ex-)Ehefrauenfiguren kreischt und tobt und zetert sich Wuttke dem Ende entgegen.

Also wird nun klar, von wo aus August Strindberg die Simon-Stone-Storys die ganze Zeit beobachtet hat. Nämlich, wenn der virtuose Wuttke zum Schluss kommt. „Ich hab‘ das geschrieben …“

www.burgtheater.at

  1. 1. 2018

Akademietheater: Carol Reed

April 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sind wir nicht alle ein wenig MacGuffin?

Ja, wo ist denn das Bühnenbild? Birgit Minichmayr, Tino Hillebrand, Irina Sulaver und Martin Wuttke. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Das Bühnenbild ist weg. Und nicht nur das: Auch die sonst obligatorische Live-Kamera samt dazugehöriger Leinwand wurde offenbar geklaut – ergo wird tatsächlich nicht hinter der Bühne gespielt und nach vorne übertragen, sondern es stehen vier Schauspieler an der Rampe, um zu deklamieren und zu reklamieren. Wie ungewöhnlich puristisch für einen René Pollesch!, der Wien nach mehr als vier Jahren Absens mit einem neuen Text beglückt.

„Carol Reed“ heißt er, dazu später mehr, und ist wie stets eine Mischung aus Nabelschau und Narretei, ein tiefphilosophischer Hauch von Nichts und ein hochkomödiantisches Etwas. Jedenfalls am Akademietheater eine wunderbare Gelegenheit Birgit Minichmayr und Martin Wuttke in Aktion zu sehen. Das Bühnenbild ist also weg, „Madame Brack“, die Bühnenbildnerin Katrin, hat es mitgehen lassen. Wohl aufgrund einer Unzufriedenheit, der den ganzen Abend lang nachgespürt, deren Ursache aber nicht gefunden wird. Und da stehen sie nun, zwei im rosa Tüllgebirge, zwei im Smoking, Irina Sulaver und Tino Hillebrand komplettieren das Quartett, und wissen erst gar nichts mit sich anzufangen. Vier Schauspieler, bedroht von der Technik, von einer außer Rand und Band geratenen Scheinwerferbatterie, die sie drohend rotierend umkreist – und wer’s noch kann, erinnert sich an den Kušej-Abend am Haus, den die Minichmayr absagen musste, weil der Lamettavorhang nicht hochzukriegen war …

Dieser Querverweis, weil Pollesch auch diesmal das Stück im Kollektiv erarbeitet hat, nie sagen Darsteller bei ihm einen Satz, den sie nicht möchten, und das ist ein Reiz seiner Aufführungen: Dass man stets auf der Schnitzeljagd nach dieser Authentizität ist. „Carol Reed“ also. War ein britischer Filmregisseur, sein hierzulande angesiedeltes Meisterwerk „Der dritte Mann“, aber auch der Macher von „Unser Mann in Havanna“ oder „Gefährlicher Urlaub/The Man Between“, Spionagethrillern, die Wuttke veranlassen zwischendurch im Geheimagentensprech die Handlung anzutreiben.

Die Handlung, das ist bei Pollesch so eine Sache und das Thema. Beziehungsweise der MacGuffin, auch Wuttkes Rollenname, ein von Alfred Hitchcock erfundener Begriff für mehr oder weniger bedeutungslos-beliebige Objekte oder Personen, die in einem Film meist dazu dienen, die Handlung auszulösen oder zu beschleunigen, ohne selbst von besonderem Nutzen zu sein. Was die Frage aufwirft: Sind wir nicht alle ein wenig MacGuffin? Die Souffleuse Sybille Fuchs ist wie immer auch auf der Bühne. „Theater ist nicht: Gehen wir mal rauf und dann schaun wir mal“, sagt Minichmayr – und das Publikum bricht, Pollesch kennend, in Begeisterungsstürme aus.

Get me up high, teach me to fly, electrify my life with starry lights: Tino Hillebrand. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Beams are gonna blind me, but I won’t feel blue: Birgit Minichmayr, Irina Sulaver und Martin Wuttke. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Die Filmmusik ist diesmal von „Die Zwei/The Persuaders!“ – Tony Curtis/Roger Moore, von ABBA „Super Trouper“ bis „Barbarella” von The Wondermints. Ach ja, was man eigentlich spielen wollte, sind „Die 39 Stufen“, weil ja immer alles nur von Hitchcock und niemand von Carol Reed spricht. Doch das Leben ist eben work in progress, die technischen Probleme des eigenen Daseins nicht geringer als die auf der Bühne. Und so geht’s um Regiearbeiter und Schauspielerschicksale, um künstlerische wie private Krisen, um persönlichen Liebeskummer und szenische Selbstmordgedanken. „Von Bedeutung war ich noch nie gerührt“, lautet einer der launig-klugen Sätze, während sich die Stars des Abends damit abmühen, „der eigenen Bedeutung zu entkommen“.

Das geht nur, indem man im Wortsinn in der Versenkung verschwindet, und aus dieser taucht Irina Sulaver als Piper Laurie oder Laurie Piper, immerhin „Carrie“s Mutter, die „Blutige Ruby“ und auch sonst „Vom Teufel besessen“, als Erste wieder auf. Dann die anderen. Erst Riesenjoints rauchend im Raumfahreranzug, aus denen sie sich in Glitzerklamotten entpuppen. Noch Erkundigungen einzuholen? Bitte nicht. Einfach den Spaß auf sich niederprasseln lassen und abwarten, ob einem im Sinne freier Assoziation was dazu einfällt. Ansonsten vier fulminante Schauspieler genießen und deren Stück/chenweise Preisgabe auf sich wirken lassen. Am Ende war der Jubel riesig. Was brauchen die Wiener dramatische Konventionen, wenn sie ihre Publikumslieblinge so hautnah erleben dürfen? René Pollesch, Junge, komm‘ bald wieder …

www.burgtheater.at

Wien, 30. 4. 2017

Colonia Dignidad

Februar 17, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Exploitationfilm über das Pinochet-Regime

Daniel Brühl wird vom chilenischen Militär festgenommen Bild: © Majestic / Ricardo Vaz Palma

Daniel Brühl wird vom chilenischen Militär festgenommen
Bild: © Majestic / Ricardo Vaz Palma

Zweifellos, Regisseur Florian Gallenberger hat es gut gemeint. Hat ein wichtiges Thema aufgegriffen, hat möglicherweise auf den großen Markt USA geschielt, weil dieses Thema nicht nur deutsch, sondern panamerikanisch ist, ist aber am Ziel weit vorbei geschlittert. Er erzählt eine wahre Geschichte. Und dies ist sein größtes Problem. Einen Exploitationfilm über das Pinochet-Regime zu drehen, das geht nicht.

Was „Colonia Dignidad“, der ab 19. Februar in den heimischen Kinos läuft, fehlt, ist die Gallenbergers Filmen sonst eigene beobachtende Distanz, vielleicht sogar eine spröde Relaxtheit, aus der heraus man versuchen hätte können, den Zuschauern den unbegreiflichen Schrecken begreiflich zu machen. Hier sind alle seeehr aufgeregt. Daniel Brühl und Emma Watson und Michael Nyqvist, der als Sektenführer Paul Schäfer aussehen muss, als wäre er an einem Bad-Hair-Day aus Stephen Kings Salem entsprungen. Der wirkliche Schäfer wirkte schon optisch, wie der, der er war: ein übrig gebliebener Nazi.

Die Colonia Dignidad war ein hermetisch abgeriegeltes Lager südlich von Santiago de Chile. 1961 vom Bonner Laienprediger Paul Schäfer gegründet, existierte es knapp vier Jahrzehnte unter dessen Schreckensherrschaft. Die Bewohner wurden wie Gefangene gehalten und lebten nach Schäfers selbstherrlichen Regeln. Es gab körperliche Züchtigungen, Gefügigmachung durch Drogen, Vergewaltigungen. Nur wenigen gelang jemals die Flucht aus dem bäuerlichen „Musterdorf“. Die deutsche Botschaft pflegte enge Verbindungen zu Schäfer. Mit dem Militärputsch durch General Augusto Pinochet 1973 begann ein noch dunkleres Kapitel: Schäfer stellte der Diktatur die Colonia als Folterlager zur Verfügung, produzierte Waffen, Giftgas und versuchte sogar, Uran anzureichern.

Erst nach der Abdankung Pinochets 1990 wurden die Strafverfolgungsbehörden aktiv, Schäfer floh nach Argentinien und wurde dort 2004 verhaftet und schließlich in Chile zu 33 Jahren Haft wegen vielfachem Kindesmissbrauchs verurteilt. Er starb 2010 im Gefängnis in Santiago. Die hoch traumatisierten Mitglieder der Colonia Dignidad, die mittlerweile in Villa Baviera umbenannt wurde, versuchen seitdem einen Neuanfang, unter anderem mit einem Hotel über den Folterzellen. Sie scheinen bis heute psychologisch nicht in der Lage, diesen Ort des Grauens zu verlassen …

Gallenbergers Film setzt 1973 an. Ein – warum auch immer deutscher – Fotograf, der mit der politischen Opposition sympathisiert, und seine – warum auch immer deutsche, ja, wir haben’s verstanden, es ist doch eine deutsche Geschichte – Freundin/Lufthansa-Stewardess geraten in die Fänge des Regimes. Er wird in die Colonia verschleppt, sie folgt ihm zwecks Befreiung und trotz Warnungen von allen Seiten undercover nach. Als gebe es rund um Schäfers Scheußlichkeit nicht genug Storys zu erzählen, haben sich die Drehbuchautoren Gallenberger und Torsten Wenzel genau die eine ausgedacht, die ganz bestimmt nicht wahrscheinlich ist. Und damit nicht genug. Gallenberger, der Politthriller-Vorbilder wie „Die drei Tage des Condors“ und „Die Unbestechlichen“, leider nicht Costa-Gavras’  hervorragenden „Vermißt“, im Munde führt, konnte sich offenbar nicht entscheiden, welche Art von Film er machen wollte.

Er wabert zwischen Betroffenheitskiste und Gefängnisausbruchfilm und Splatter für ärmere hin und her. Die Lagerzäune sind hoch, die Keller sind tief, die Schießhunde bellen. Bildgestalter Kolja Brandt gestaltet alles schön schrecklich, als wäre Folter nicht schrecklich genug. Nur, dass der sonst vorzügliche Daniel Brühl die Gehirnschäden nach den Peinigungen mit Strom nicht derspielt. Mag sein, dass der sensible Schauspieler die Darstellung nicht zu nah an sich herankommen lassen wollte? An Gallenbergers Film ist jedenfalls trotz des Einsatzes aller dramatischer Mittel nichts „echt“. Im Sinne von: glaubwürdig. Manches ist sogar lächerlich. Das Ganze schaut aus, als hätte Eli Roth einen seiner humorloseren Tage gehabt. Handlung nein, Misshandlung ja.

Was da Peitschenhiebe auf weibliche Rücken niedersausen, was Emma Watson – in ihrer ersten Hauptrolle seit „Harry Potter“ – an den tatsächlich stattgehabten „Herrenabenden“ an Demütigungen zu ertragen hat. Gerade noch hüpfte sie glücklich-nackt wie ein junges Fohlen mit ihrem Daniel durch die sonnendurchflutete Wohnung … Man nimmt der fröhlichen Flugbegleiterin und ihrem Auslöser auch nicht die große Liebe ab, die zulässt, das alles zu erdulden. Die gesofteten Szenen in Santiago sind eher wie ein Urlaubsflirt, aus dem heraus sich die Charaktere nicht weiterentwickeln. Sie bleiben Scherenschnitte.

Es kommt ein Zeitpunkt, an dem einem die Schauspieler nur noch leid tun. Richenda Carey hat als Aufseherin Gisela das Wort „Fotze“ zu ihrem Lieblingsfluch gemacht; Michael Nyqvist spielt, Klischee as Klischee can, den sinistren Filmbösewicht wie einen sinistren Filmbösewicht. August Zirner als deutscher Botschafter in Chile und Martin Wuttke als Leiter des Amnesty-International-Büros in Santiago kommen gleich gar nicht zum Spielen. Ein Glück. So ersparen sie sich einen Großteil der platten Dialoge. Gallenberger verwendet den historischen Horror für seinen Horrorfilm, ohne das Publikum mittels weiterführender Aussage irgendwo hinzuführen. Es geht ihm offenbar weniger um das Ausloten repressiver politischer und religiöser Systeme, als um das Ausstellen von deren Gräueltaten. Das ist zu wenig. Für die Zuschauer und als Dokument über die Opfer.

Ergo sind die berührenden Momente des Films nur die letzten, wenn tatsächlich dokumentarische Bilder der Colonia gezeigt werden. 350 Menschen haben hier gelebt und gelitten. Nachzulesen in Klaus Schnellenkamps Autobiografie „Geboren im Schatten der Angst“, erschienen 2007 im Herbig-Verlag. Das Buch gilt bislang als der einzige umfassende Bericht eines Zeitzeugen der Sekte. Es ist ein wertvolles Argument zu Gallenbergers Film. Und kann als faktische Ergänzung der Fiktion gelesen werden.

www.coloniadignidad.de

Filmdoku über Paul Schäfer und die Colonia Dignidad: www.youtube.com/watch?v=5oObdFq78_s

Wien, 17. 2. 2016

Burgtheater: Die Krönung Richards III.

März 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon die zweite Vorstellung wurde abgesagt

Martin Wuttke Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Martin Wuttke
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Freitag, 16.45 Uhr, wogten die Zuschauermassen durchs Foyer des Burgtheaters wie Wellen bei schwerem Seegang. Erst hieß es, die Vorstellung finde nicht statt. Also hin zur Kassa, Karten hergeben, Geld entgegennehmen. Dann hörte man, nein, die Vorstellung werde doch gespielt. Also Geld retour, Karten retour. Schließlich ließ Frank Castorf die zweite Vorstellung von „Die Krönung Richards III.“ absagen. Zwei Damen des Ensembles seien stimmlos. Oliver Masucci verlässt das Haus über den Bühneneingang,lässig, mit Sonnenbrille. Ein deutsches enttäuschtes Paar: „Bei uns schließen sie die Theater, die Burg sperrt sich von innen zu.“ Der mittlerweile auch schon entnervte Mann an der Kassa: „Wenn jetzt alle ihr Geld wollen, habe ich zu wenig Bares da.“ Nanu? Bares ging doch sonst am Haus in 100.000er-Summen über den Tisch.

Tags zuvor hatte manch Premieren-Printschreiber von Massenfluchten des Publikums berichtet. Nun wären die wahren Castorfianer da gewesen, um sich an der jüngsten Dekonstruktion des Grumpy Old Man des deutschen Diskurstheaters sechs Stunden lang zu laben. Der viel gemühte Sager vom Stückezertrümmerer ist nämlich ein blöder. Auch für „Heiterkeiten“ zum Thema Hinternwundsitzen besteht kein Anlass. Castorf macht größer, führt Gedanken der von ihm bearbeiteten Autoren fort und aus. Diesmal um Texte von Antonin Artaud – was könnte besser zu Hans Henny Jahnn passen, als dessen Theater der Grausamkeit -, Georges Batailles surrealistisch-dekadente-erotische Prosa  und, weil Bataille stark von ihm beeinflusst war und Castorf ohne ihn sowieso nicht kann: Karl Marx. Ans Ende stellte der Theatermacher Heiner Müllers „Der Auftrag“. Dessen, Martin Wuttkes als Richard III., vorletzter, viel belachter, von „Qualitätszeitungen“ als aktuell improvisiert interpretierter Satz „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Ich entlasse uns aus unserem Auftrag“, steht 1:1 so bei Heiner Müller. Lernen Sie Kultur, Herr Redakteur. Martin Wuttke, die treue Seele, war’s dann auch, die sich freitags anbot, auf der Bühne Material aus dem und ums Stück zu lesen.

Hans Henny Jahnn war ein Unbequemer, einer der großen produktiven Außenseitern des Zwanzigsten Jahrhunderts. Im Ersten Weltkrieg Kriegsdienstverweigerer, von den Nazis verfemt, man solle seine Stücke und Romane verbrennen, statt aufführen, meinte und tat das Dritte Reich, später einer der ersten öffentlichen Gegner der Atombombe. Und Tierversuchsgegner. Begründer der Künstlergruppe Ugrino. Orgelbauer und Pazifist, obwohl oder wohl weil er nicht an das Gute im Menschen glaubte. Er kämpfte in den frühen fünfziger Jahren gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, gegen die Zerstörung der Umwelt und auch gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie, weil er die Lagerung des atomaren Mülls schon damals für unverantwortlich hielt. Den Menschen hat er einmal als „Schöpfungsfehler“ bezeichnet, der zentrale Gedanke seines Werks ist eine antichristliche Schöpfungsmythologie. In seinen Aufsätzen, Reden und in seinen Romanen beobachtet er mit wachsendem Entsetzen das Ausmaß an Grausamkeit und Destruktivität, dessen der Mensch fähig ist. „Der Mensch ist Körper zuerst, und dann vielleicht Geist“, sagt er einmal. „Der Trieb, die Gier, die Aggression sind unmittelbar“. Gott ist bei Jahnn nicht tot, er hat aufgegeben.

In diesem Sinne erklären sich alle Arten von Sadismus und Perversion, die „Die Krönung Richards III.“ ausmachen. Im Gegensatz zu Shakespeare stirbt der Antiheld am Ende nicht. Er muss leben. Weiterleben. Weil es Gewalt und Grausamkeit auch tun. In Ewigkeit, Amen. An der Burg spielen hoffentlich bald wieder: Martin Wuttke als Richard III., Ignaz Kirchner, Fabian Krüger, Jasna Fritzi Bauer, Oliver Masucci als Herzog Buckingham, Marcus Kiepe, Hermann Scheidleder, Dirk Nocker, Sophie Rois als Königswitwe Elisabeth, Markus Meyer, Marc Hosemann und Moussa Baba, Azamat Chabkhanov, Jovita Domingos-Dendo, Robin Furlic, Simon Jung, Anasiudu Kenechukwu, Tobias Margiol, Bernhard Mendel, Adam Nakaev, Marie-Christiane Nishimwe, Christoph Prochart und Philipp Schwab. Bühne und Kostüme: Bert Neumann.

Die nächste Vorstellung wäre am 20. März.

www.burgtheater.at/Content.Node2/home/ueber_uns/aktuelles/Vorstellungsabsage_14-03-2014.at.php

www.hans-henny-jahnn.de

Wien, 15. 3. 2014

TAG: Der diskrete Charme der smarten Menschen

Februar 26, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Buñuels Patrizier als schicke Sechster-Bezirk-Bobos

Bild: © Anna Stöcher

Bild: © Anna Stöcher

Es ist ja nicht so, dass hierzulande noch nie etwas „frei nach Buñuel“ passiert wäre. Martin Wuttke versuchte dessen Filmklassiker „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ im Kasino des Burgtheaters umzusetzen www.mottingers-meinung.at/interview-mit-burgstar-martin-wuttke/ , Jan Mikulášek beim Young-Directors-Projekt der Salzburger Festspiele www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-young-directors-projekt/ . Nun also Ed. Hauswirth im TAG. Immerhin, der macht’s „sehr frei“. Hauswirth ist hauptberuflich künstlerischer Leiter des Grazer Theaters im Bahnhof – und gerade das gerät hier zum Nachteil. Man hätte von ihm etwas Absurderers, Skurrileres, irrwitzig Wirres erwartet. Surrealist Buñuel hätte es hergegeben. Aber irgendwie bleibt die Sache im TAG halbgar sitzen. Das Konzept, das Regisseur und Schauspieler überlegt haben, geht nicht auf wie gewünscht.

Hauswirth entwickelte mit dem TAG-Ensemble Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Julia Schranz, Georg Schubert und Elisabeth Veit eine Versuchsanordnung über die Werte des großstädtisch-kreativen (Wiener) Mittelstands. Menschen wie du und ich also, ohne zu wissen, was dieses Du und Ich sein soll, die Schwammigkeit des Begriffs Mittelstand einkalkulierend, bevölkern die Szenerie. Ein bisschen brav ist das, wo im Film doch alle Arten von Abartigkeit gezeigt werden, das Großbürgertum, eine aus der Oper kommende High Society, mit Spott ob der dekadenten Sinnentleertheit seiner Rituale übergossen wird. Ärger als Sigmund Freud fährt der spanische Filmemacher in diesem Horrorschwank seine Albtraumdeutung auf. Jeder Traum führt zum Trauma des Träumenden. Symbol ist alles. Da werden Lämmern die Kehle durchgeschnitten, ein eiskaltes Händchen rutscht übers Piano, Panzer fahren auf und treiben die Menschen in die Kirche … 1962 ist Buñuels Polit-Parabel über die Unzustände seiner Zeit entstanden. Was aber kann man den Innergürtel-Bobos vorwerfen, außer, dass sie für die Fußgängerzone Mariahilfer Straße sind?

Denn genau sie, die Mariahilfer, Neubauer, Josefstädter will Hauswirth ansprechen. Ihr Lebensgefühl, ihre Lebensrealität, Vorstellungen und Verhaltensweisen an Buñuels Personal überprüfen. „Der diskrete Charme der smarten Menschen.“  Die Abendgesellschaft, die aus unerklärlichen Gründen das Haus nicht verlassen kann, trifft sich im TAG zum Abendessen. Regelmäßig sucht man gemeinsam den Gourmet-Kick, jeder kocht einen Gang (von Kohlrabi-Carpaccio à la Sarah Wiener bis Schokoladentörtchen auf Himbeerspiegel mit Bourbon-Vanilleeis), fiktiv, denn gegessen wird nicht. Dafür philosophiert man über Gott an sich und die Welt im Besonderen. Die Gespräche drehen sich nicht nur im Kreis, sondern um die Banalität und Belanglosigkeit der Themen unserer Tage. Die Umsetzung eines europäischen Rauchverbots zum Beispiel. Ja oder Nein oder Vielleicht? Wenn Hauswirth sagt, dass er Teile des Textes aus von ihm geführten Interviews gestaltet hat, glaubt man ihm aufs Wort. Vermutlich Straßenbefragung auf der Mahü 😉 Konversation muss entgleisen, damit sie zum Theater taugt. Und das tut sie. Ein Glück. So gelingt es den prächtigen „typgerechten“ Darstellern, den Typen, die sie verkörpern, gerecht zu werden. Besonders prächtig: Julia Schranz, die sich an Ulrich Seidls „Paradies“-Trilogie aufgeilt, Michaela Kaspar mit dem Leidensdruck der Frau, Gebärende sein zu müssen, und Elisabeth Veit, wie sie schamlos geschickt am Dessert werkelt. Die Herren werden stereotyper eingesetzt, Jens Claßen als Macho-Ehemann, Georg Schubert als Quasi-Amokschütze, so viel Filmzitat muss sein, Raphael Nicholas als Softie mit Hoppala-Sprößling.

Hauswirth kocht aus Buñuels Meisterwerk sein eigenes Süppchen. Das wäre prinzipiell gut so. Doch eignet sich die In-Zu-An-Auf-Küche (Copyright: der hochverehrte Werner Schneyder) als Würze für einen ganzen Abend? „Wenn ich Leute sehen will, die eingesperrt fadisiert herumsitzen, schaue ich in den Spiegel“ (Eigenzitat, ursprünglich anlässlich einer Houellebecq-Neuerscheinung). Das Leben der schicken Smarties als sündiges Genusskunstwerk, als Sucht, als Suche nach dem einzig-ewigen Event zu zeigen, hätte als Sittenbild mehr berührt. Die Verbiedermeierlichung der aktuellen Generation ist nämlich tiefergreifend, als es Hauswirths diskrete Untiefen vermuten lassen. So bleibt eine charmante Salonkomödie mit gelungenen Regieeinfällen und sehr fein agierendem Ensemble. Vergnüglich! Wo es doch mehr wehtun hätte dürfen. Was nicht so sehr an fehlender Schärfe lag, als daran, dass Bitter kein gängiger Geschmack ist.

www.dastag.at

Trailer: https://vimeo.com/83973842

Wien, 26. 2. 2014