MAK: Wiedereröffnung mit drei neuen Ausstellungen

Mai 8, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Wurm und die Frauen der Wiener Werkstätte

MAK-Ausstellungsansicht, 2021. Erwin Wurm. Dissolution. MAK-Expositur Geymüllerschlössel. © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Aslan Kudrnofsky/MAK

Ab sofort ist das MAK wieder geöffnet. Der Museumsbetrieb startet mit der Ausstellung „Breathe Earth Collectiv“ in der Creative Climate Care Galerie. Außerdem ist die Großausstellung „Die Frauen der Wiener Werkstätte“ zu sehen, die mit mehr als 800 Exponaten einen Einblick in das nahezu unbekannte und bisweilen radikale weibliche Design der WW ermöglicht. In der MAK-Expositur Geymüllerschlössel wird ab heute die Ausstellung „Erwin Wurm. Dissolution“ gezeigt.

Erwin Wurm. Dissolution

Das MAK lädt mit Erwin Wurm einen der international bedeutendsten Künstler der Gegenwart in die MAKExpositur Geymüllerschlössel ein. Unter dem Titel „Dissolution“ präsentiert Wurm in einer dramaturgischen Anordnung erstmals Skulpturen der gleichnamigen Serie von 2018 bis 2020 im musealen Kontext. Die plastische Masse aus Ton formte Wurm zu deutenden Händen, Mündern, Ohren oder anderen Fragmenten von Körperteilen, die mit den Sinnen Tasten, Hören, Riechen, Schmecken assoziiertwerden.

Die englische Bezeichnung „Dissolution“ bedeutet Auflösung, Verfall, Zersetzung oder Entgrenzung. Mit seiner gleichnamigen Serie öffnet Erwin Wurm einen Dialog zwischen einem fragilen, soziopolitisch konnotierten Material, zeitgenössischer Skulpturensprache und der Neuinterpretation des Malerischen durch oszillierende keramische Lasuren. Die Skulpturen, aus denen sich Finger, Hände, Lippen, Münder, Busen, Bäuche, Nabel, Nasen oder Ohren schieben, schrauben sich aus einer Masse von Ton. Die experimentellen, surrealen Gebilde aus isolierten Körperteilen und Sinnesorganen gewinnen ein Eigenleben, entwickeln eine expressive Präsenz.

MAK-Ausstellungsansicht, 2021. Erwin Wurm. Dissolution. MAK-Expositur Geymüllerschlössel. © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Aslan Kudrnofsky/MAK

V.l.n.r.: Ear Pointer, 2018. Double Ear Head, 2018. Courtesy Thaddaeus Ropac.  Geymüllerschlössel. © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Aslan Kudrnofsky/MAK

V.l.n.r.: Peace Cautious, 2018, Female, 2020. Courtesy Thaddaeus Ropac. Geymüllerschlössel. © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Aslan Kudrnofsky/MAK

Die keramischen Skulpturen bejahen das inhärent Plastische des Materials Ton. Sie erinnern an die Wirkmächtigkeit der Bozzetti, in denen Künstler ab der Renaissance ihren innersten Ideen der Gestaltung direkten Ausdruck verleihen konnten. Bozzetti waren erste skizzenhafte Modelle, die als Vorstufen für Werke genutzt wurden, die in schwieriger zu bearbeitenden Materialien ausgeführt wurden. Maler nutzten Bozzetti in Ton oder Gips für das Studium von Lichteinfall und Schattenwurf in ihren Gemälden und stellten sie auf miniaturhafte Bühnen. Bildhauer bereiteten ihre Werke in Stein und Keramik im Bozzetto aus Ton selbst vor. Bozzetti enthüllen die künstlerische Konzeption des Werkes, dessen „Idea“ und stehen für die Autonomisierung der Kreativität von Künstlerinnen und Künstlern.

Erwin Wurms skulpturale Körpersegmente nehmen die einzelnen Räume und Salons des Geymüllerschlössels von der Eingangshalle, der Bibliothek, dem Musikzimmer, dem Kuppelsaal, dem Schlafzimmer bis zum Orientzimmer ein und schaffen Tableaux vivants. Die Arbeiten, die an abstrakte Charaktere denken lassen, spiegeln Dekonstruktionen, Deformationen, Verzerrungen, Verdrehungen sowie Auflösung und Verfall wider. In den Formen verbindet der Künstler Realismus und Abstraktion. Die Besucherinnen und Besucher erwartet eine Inszenierung aus facettenreichen Gesten eines imaginären Rollenspiels, bei denen die abstrakten skulpturalen Formen figurative, menschliche Züge annehmen. In seinem Œuvre verbindet Erwin Wurm unterschiedliche Genres und überrascht mit der Vernetzung der malerischen Geste, der Bildhauerei, der Konzeptkunst, der Performance und der Erzählung. Gleichzeitig überzeichnet er die Funktionalität und Symbolhaftigkeit von Objekten.

Wurm testet die konzeptuellen Grenzen der skulpturalen Form und ihrer Materialien. Staub, den er als Werkstoff einsetzt, impliziert das Moment der Zeit, Kleidung als zweite Haut oder Gehäuse erklärt er zu skulpturalen Körpern, deren Proportionen er erweitert oder verzerrt. Wurm schreibt die Funktionen von Möbelstücken neu und pflanzt Versatzstücke derKonsumkultur einer surreal kippenden Welt – das Auto, das Haus oder Samples österreichischer Esskultur – als Skulpturen. Im Garten des Schlössels laden Erwin Wurms massive Skulpturen aus Carrara-Marmor als Diwane quasi zum Sitzen ein. Die eingedrückten oder gequetschten Skulpturen „Sitting on Freud’s House“ aus dem Jahr 2020 und „Sitting on Friedrich Nietzsche“, ebenfalls 2020 entstanden, spannen einen weiten Bogen zur Rolle des Künstlers, die Welt kritisch zu beleuchten und zu verzerren.

Charlotte Billwiller, Mathilde Flögl, Susi Singer, Marianne Leisching und Maria Likarz, Fotografie, 1924. © MAK

Fritzi Löw und Hedwig Schmidl, Dekorobjekte für die Kunstschau 1920 (Fotografie). © MAK

Die Frauen der Wiener Werkstätte

Mit der Ausstellung „Die Frauen der Wiener Werkstätte lenkt das MAK den Blick auf bisher wenig beachtete Gestalterinnen, die das Spektrum der Wiener Werkstätte wesentlich erweitert haben. Das Schaffen der Künstler der Wiener Werkstätte, allen voran Josef Hoffmann, Koloman Moser und Dagobert Peche, genießt weltweites Renommee. Den Künstlerinnen galt dagegen bisher nur vereinzeltes Interesse. Gudrun Baudisch, Mathilde Flögl oder Vally Wieselthier sind bekannt. Aber wer waren Martha Alber, Rose Krenn oder Anny Wirth? Mehr als 800 Exponate geben Einblick in das nahezu unbekannte und bisweilen radikale weibliche Design in Wien zwischen 1900 und 1930, das die einzigartige Stellung der WW zwischen Jugendstil und Bauhaus mitbegründet hat.

Eindrucksvoll belegt die MAK-Ausstellung den Ideenreichtum der Entwerferinnen und ihre maßgebliche Beteiligung an der Entwicklung des Wiener Kunsthandwerks. Chronologisch wie thematisch geordnet, zeichnet die MAK-Schau den Weg der Künstlerinnen von der Ausbildung bis zur Rezeption in den 1920er Jahren nach. Mit den Recherchen zur Schau leistete das MAK Pionierarbeit: Etwa 180 Künstlerinnen wurden als Mitarbeiterinnen der WW identifiziert, etliche Biografien konnten für den Katalog aktualisiert oder neu geschrieben werden.

Etwa die Hälfte der Künstlerinnen sind mit Werken in der Schau vertreten. Sie arbeiteten auf allen Gebieten des Kunsthandwerks und studierten mehrheitlich an der Wiener Kunstgewerbeschule, die von Anbeginn das Frauenstudium erlaubte. Die Studentinnen wurden zunächst in Blumen– und Dekorationsmalerei ausgebildet, später in den Spezialateliers für Emailarbeiten und Spitzenzeichnen, also in traditionell „weiblichen“ Bereichen. Das Spektrum vergrößerte sich unter dem 1899 bestellten Direktor Felician von Myrbach. Er verpflichtete die Secessionskünstler Hoffmann und Moser als Leiter der Fachschulen für Architektur und Malerei. Im Sinne der Gesamtkunstwerk-Idee weiteten sie die Lehre auf das gesamte Kunstgewerbe aus und banden die Schülerinnen in die Zusammenarbeit mit Produzenten ein.

Einige dieser Arbeiten fließen in die Ausstellung ein, darunter Service von Jutta Sika und Therese Trethan, ausgeführt von der Porzellanmanufaktur Josef Böck, oder Stoffmuster von Else Unger, ausgeführt von Joh. Backhausen & Söhne. Unger entwarf auch Möbel, Gisela von Falke bemerkenswerte Keramiken. Gemeinsam mit Marietta Peyfuss und fünf Studienkollegen gründeten sie 1901 die Vereinigung „Wiener Kunst im Hause“, einen direkten Vorläufer der Wiener Werkstätte. Den Auftakt der MAK-Ausstellung bilden früheste Arbeiten der WW-Künstlerinnen wie Entwürfe für Postkarten, die die Wiener Werkstätte ab 1907 vertrieb. Die Sujets zeigen Glückwünsche, Städtebilder, Landschaften, Kinderspiele und vor allem Mode. Besonders kreativ waren hier Mela Koehler und Maria Likarz, die die Gebrauchsgrafik der WW bis zuletzt prägte.

Mathilde Flögl (Dekor) und Josef Hoffmann (Form), Exglas, 1919. © MAK/Katrin Wißkirchen

Vally Wieselthier, Kaminverkleidung, um 1925. © MAK/Christoph Schleßmann

Gudrun Baudisch, Keramikfigur (WW-Originalkeramik Nr. 5941), 1927. © MAK/Katrin Wißkirchen

1910 entstand die Stoffabteilung der WW, 1911 folgte die Modeabteilung. Die umfangreichen Modeentwürfe dokumentiert das Mappenwerk „Mode Wien 1914/5“, an dem mehrheitlich WW-Künstlerinnen beteiligt waren. Bei der großen Modeausstellung 1915 im Museum für Kunst und Industrie, heute das MAK unternahmen sie mitten im Ersten Weltkrieg den Versuch, sich gegenüber der französischen Konkurrenz zu behaupten. Hier fanden sich bereits alle Namen, die man gemeinhin mit den WW-Künstlerinnen verbindet: Mathilde Flögl, Hilda Jesser, Fritzi Löw, Reni Schaschl, Felice Rix oder Vally Wieselthier. 1916 gründete die WW eine eigene Künstlerwerkstätte, die die Aufmerksamkeit der Presse erregte. „Ein Emaillierofen, eine Nähmaschine, ein Treibtischchen für Metallarbeiten, Kleistertöpfe, ein Batikapparat […] ein Schrank voll von geheimnisvollen Tiegeln wie in einer Zauberküche, dazwischen eine Schar lachender, junger Mädchen und ganz selten einmal ein männliches Wesen, – so sieht es in der Künstlerwerkstätte aus“, berichtete etwa das Neue Wiener Journal.

Tatsächlich waren hier, auch kriegsbedingt, anfänglich vor allem Frauen tätig. Als „Ideenlaboratorium“ bot die Künstlerwerkstätte Möglichkeiten zum uneingeschränkten Experimentieren, die Ergebnisse wurden von der WW angekauft oder abgelehnt. Von Buntpapieren, Perlarbeiten und bemalten Gläsern über Stickereien, Schmuck und Spielzeug bis zu expressiver Keramik und sensationellen Stoffdesigns reichte das Produktionsspektrum. Arbeiten in größerem Maßstab ermöglichte die Gestaltung der WW-Filiale in der Kärntner Straße 32, die 1918 für den Verkauf von Spitzen, Stoffen und Lampen eingerichtet wurde. Die Wände und Decken wurden von Lotte Calm, Lilly Jacobsen und Anny Schröder mit Natur- und szenischen Motiven bemalt und werden in der Ausstellung fotografisch dokumentiert.

Der Ausstellungsparcours mündet in die Rezeption der „weiblichen“ WW-Kunst in den 1920er Jahren. Im Zuge des Ersten Weltkriegs erforderte die wirtschaftliche Situation der Frauen Erwerbstätigkeit und ließ einen neuen Typus Frau entstehen: eigenständig und souverän. In der zeitgenössischen Literatur wird er durch die kurzhaarige, rauchende und extravagant gekleidete „Kunstgewerblerin“ versinnbildlicht. Diesen Beruf umgab etwas Elitäres: Er garantierte keinen sicherenVerdienst und war daher eine Domäne für Frauen aus begüterten Verhältnissen. Adolf Loos sah in ihnen gelangweilte höhere Töchter, die sich „‚Künstlerinnen‘ nennen, weil sie batiken können“. Die Kritik kulminierte in der Bezeichnung „Wiener Weiberkunstgewerbe“ durch den Grafiker Julius Klinger.

Dieser Diffamierung stand die Würdigung bei großen Ausstellungen der Zwischenkriegszeit, etwa der Deutschen Gewerbeschau in München 1922 oder der Art-déco-Ausstellung in Paris 1925, gegenüber. Der von Gudrun Baudisch, Mathilde Flögl und Vally Wieselthier gestaltete Katalog zum 25-Jahr-Jubiläum der Wiener Werkstätte 1928 führte das grafische und plastische Können noch einmal beispielhaft vor Augen.

Aerosol Installation, Ausstellung Dynamics of Air, RMIT Gallery, Melbourne, 2018. © Mark Ashkanasy

Breathe Earth Collective, Airship.01-Kulturwald, Tulln, 2018. © eSeL

Airship.02-Evapotree im Öster. Skulpturenpark, Artist-in-Residence-Programm des Joanneum. © Simon Oberhofer

Breathe Earth Collective, Breathe.Austria, Österreichischer Expo-Pavillon, Mailand, 2015. © Breathe Earth Collective

Breathe Earth Collective. Klima-Kultur

Die Ausstellung „Breathe Earth Collective. KlimaKultur“ in der Creative Climate Care Galerie des MAK stellt Prinzipien einer neuen, vom transdisziplinären Breathe Earth Collective entworfenen Klimakultur vor. GezeichneteVisionen, atmosphärische Videoaufnahmen und Bildmaterialien von bisherigen Projekten machen ein klimapositives Leben sichtbar. Das MAKProjekt steht in direktem Bezug zum Grazer Kulturjahr, wo das Breathe Earth Collective den KlimaKulturPavillon, einen Prototyp zur Kühlung der Stadt Graz, umsetzt. Der Waldpavillon schafft einen multisensorischen Erfahrungsraum und fungiert als Agora für einen vielfältigen Diskurs zu Klimathemen. Mittels VideoLiveSchaltung werden die Waldatmosphäre und die Aktivitäten vor Ort im MAK sichtbar gemacht und aktiver Teil der Ausstellung.

Das Breathe Earth Collective entwickelte schon bisher diverse prototypische Klimaund Luftinstallationen, die als Inspiration und 1:1Modelle für großmaßstäbliche Transformationen in den Städten dienen sollen. Im Rahmen der MAKSchau werden erstmals konkrete Transformationen und Visionen im urbanen Kontext von Wien präsentiert. Dabei werden bauliche und systemische Veränderungen an Stadt und Raum mit alltäglichen Praktiken vernetzt. Die Visionen sind damit weit mehr als Utopien in einer unerreichbaren Zukunft. Sie beginnen im Jetzt mit jeder Entscheidung, Klimakultur Raum und Zeit zu geben und im Rahmen alltäglicher Handlungen mitzutragen.

„Es bringt nichts, ständig über Zukunft zu sprechen, wir müssen sie jetzt bereits gestalten,um bis 2030 auch nur annähernd unsere Klimaziele zu erreichen! Bevorstehende Veränderungen gesetzlicher Rahmenbedingungen oder planetare Grenzen spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Vielzahl an bereits aktiven Initiativen, Institutionen und Einzelpersonen, die mit allen Kräften an einem KlimakulturWandel arbeiten“, so das Breathe Earth Collective. Die Ausstellung will jede und jeden einladen, Teil bevorstehender Transformationen zu werden und mitzuwirken. Begleitend zur Aus-stellung startet im MAK eine KlimaKulturDiskussionsreihe, die im KlimaKulturPavillon in Graz weitergeführt wird. Die Links zur KlimaKulturDiskussionsreihe im Rahmen von MAK im Dialog und alle weiteren Programmpunkte können direkt über MAK.at/breatheearthcollective abgerufen werden.

www.mak.at

8. 5. 2021

Volx/Margareten: Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Völlig losgelöst von der Erde

Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Ende der 1970er-Jahre zeigte endlich auch der ORF die britische Science-Fiction-Serie „Star Maidens“, ein nicht bierernst gemeinter Battle of Sexes, ein Umkehrspiel tatsächlich bestehender Machtverhältnisse, nach dem wir Mädchen so verrückt waren, dass wir per Androhung eines Aufstands im Aufenthaltsraum des Schikurszentrums einen Fernsehapparat ertrotzten, um nur ja keine Folge zu verpassen.

War ja auch zu schön, die All-Schwestern, die über ihren Planeten Medusa regierten, während die Männer, der berühmteste davon Pierre Brice, ihnen als „Abhängige“ oder „Unfreie“, erstere als Haussklaven, zweitere wegen Ungehorsam auf die toxische Oberfläche strafversetzt, zu dienen hatten. Ähnliches hat sich Autorin Sibylle Berg für ihre Groteske „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ überlegt, die Felix Hafner nun im Volx/Margareten inszeniert hat.

Das Setting ist ein chauvinistisches System, ein vereintes Europa ist Vergangenheit, der Kontinent im Würgegriff von Nationalismus und Faschismus, Fremdwörter und jede Form gesellschaftspolitisch korrekter Sprache sind verboten, „alle Länder werden von Männern regiert, die nackt auf Pferden sitzen und eine Mauer um ihr Land gebaut haben“. Berg untermauert ihre Thesen mit trübbrauen Sätzen. Was der Frau also bleibt, ist die Flucht. Völlig losgelöst von der Erde wollen vier Weltraumfahrerinnen auf dem Mars eine matriarchale Siedlung gründen. Allein, um den Fortbestand dieser zu sichern, braucht es Männer, notgedrungen, fürs Geschlechtliche …

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

 

Mit Glitzervorhang, Matratze, Polstern und Decken schafft Hafner das utopisch-schwülstige Ambiente für Bergs wuchtigen Text, der mit etwa „Das kann einen doch verrückt machen, dass ein Mensch, mit dem man in einem Bett liegt, seine eigenen Gedanken hat, fast wie jeder beliebige Fremde, und dass man nie, nie eine Nähe herstellt …“  vor schönen, wahren, traurigen Sätzen strotzt. Nach „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ und „Und dann kam Mirna“ ist „Nach uns das All“ der letzte Teil von Bergs Menschen-mit-Problemen-Trilogie, und ihre Antiheldin des 21. Jahrhunderts muss diesmal zur Rettung der Menschheit bei einer Castingshow antreten. Mission Mars, heißt das Motto, doch die Besiedelung ist paarweise zu bewerkstelligen, also müssen Partner her.

Berg hat in ihrem Text nicht vorgegeben, wie viele Personen diesen zu realisieren haben. Gelesen werden könnte er auch als verzweifelter Monolog einer Frau mit multiplen Persönlichkeiten, die diese immer wieder anruft. Hafner hat sich mit Anja Herden, Saskia Klar und Isabella Knöll, Peter Fasching, Sebastian Plass und Lukas Wurm für drei Frauen und drei Männer entschieden, die meist im Chor sprechen und nur selten als Individuen auftreten. Es sind also sechs Millennials, die sich im Schlagschatten einer Raketenstartrampe mit Bio- und Psychotests und dem IT-Wissen Sechzehnjähriger auf die Flucht vor der Unerträglichkeit vorbereiten. Die Situation unterfüttert der Regisseur mit Tschechows „Drei Schwestern“, statt Gemma, Lina und Mirna werden auch Olga, Irina und Mascha angerufen, nur heißt’s eben nicht mehr: Nach Moskau!, sondern Zum Mars!

In vielen kleinen Inszenierungsdetail entwickelt Hafner die Charaktere, und derart treten drei selbstbewusste, selbstironische Frauen einem Grüppchen Männer entgegen, einer schwul, einer arbeitslos, einer nimmt aus einer nationalen Verbindung Reißaus, denen es selbst am meisten ausmacht, auf die Rolle des Samenspenders reduziert zu sein. Sie versuchen sich um nichts weniger von ihren Qualitäten zu überzeugen, als die Damenwelt, die sich zwischendurch durchaus mal lüstern räkelt, aber nur um gleich darauf den weiblichen Macho zu markieren, und die Männer in ihre Schranken zu weisen.

Mit „Nach uns das All“ ist Hafner der derzeit definitiv gewitzteste, selbstkritischste und in jeder Hinsicht gegenwärtigste Theaterabend gelungen, der das Publikum nicht über Zukunft, sondern über die Gegenwart nachdenken lässt. „Wir hätten sie nicht verärgern sollen, die 80 Prozent“, skandiert das Ensemble. „Im Sekundentakt wollten wir freie Drogen, kein Fleisch mehr an Schulen, das Recht, als Frau nackt durch die Straßen zu laufen, wir wollten, dass jeder jeden heiraten kann und dass Geräte, Pflanzen und Tiere Menschenrechte haben.“ Welch eine Übertreibungskunst.

Saskia Klar und Sebastian Pass. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die hier zelebrierte Ironie trifft so knapp vor den EU-Wahlen nicht nur den Kern des europäischen Rechtsrucks, sondern auch die Links-Intellektuellen in ihrer Resignationsblase. Langer Applaus am Ende eines Abends, der die Frage stellt: Muss es wirklich so weit kommen? Und: Mit wem an Bord wird die Rakete schlussendlich abheben? Von Sibylle Berg gibt es dieses Frühjahr noch mehr: Erst kürzlich erschien ihr Roman „GRM – Brainfuck“, am 24. Mai bringt Ersan Mondtag bei den Wiener Festwochen ihr „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ zur Uraufführung. Beides wird an dieser Stelle rezensiert werden.

www.volkstheater.at

15. 5. 2019

Albertina: Erwin Wurm. Peace & Plenty

November 18, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein gezeichnetes Tagebuch

Erwin Wurm: Gurke, 2017. Bild: © Studio Erwin Wurm

Erwin Wurm zählt längst zu den Weltstars der zeitgenössischen Kunst. Die Albertina widmet dem Ausnahmekünstler, der im vergangenen Jahr den österreichischen Pavillon bei der Biennale in Venedig bespielte, nun mit „Peace & Plenty“ ab 20. November eine reine Zeichnungsausstellung. Gezeigt wird eine Auswahl aus mehreren hundert Blättern, die Wurm in den letzten Jahren geschaffen hat. Thematisch wie technisch sind sie sehr vielfältig: Bleistift, Farbstift, Kugelschreiber, Wasserfarbe, Collage, mal ganz feine Linien oder auch dicke, großzügige Pinselstriche.

Ob zu Hause oder auf Reisen, Erwin Wurm zeichnet fast täglich und hält so fest, wohin seine Gedanken schweifen. Dabei arbeitet er mit dem vor Ort verfügbaren Papier, in verschiedenen Qualitäten und Formaten. Der Ausstellungstitel verweist einerseits auf das gleichnamige Hotel in George Town, Great Exumas, in dem unzählige Zeichnungen entstanden sind, und andererseits auf das große Konvolut an Werken.

Wurms Zeichnungen sind Reflexion, Kommentar zu aktuellen internationalen Geschehnissen sowie Ideenspeicher und umfassen den gesamten Werkkosmos des Künstlers. Thematisch gleichen sie einem Tagebuch, tauchen darin neben Selbstporträts doch vor allem Menschen auf, mit denen Erwin Wurm in Kontakt ist – Künstlerfreundinnen und –freunde sowie Familienmitglieder. Etliche Zeichnungen sind „One Minute Sculptures“ gewidmet: Ein Mann balanciert eine Tube Handcreme auf seiner Nase, ein anderer versucht auf den Armlehnen eines Stuhls zu stehen, während ein dritter so lange ausharrt, bis er nur noch als Skelett an der Wand lehnt – „One Minute for Ever“.

Darüber hinaus sind Deformierungen wie in „Blähungen und Verschnitte“ ein Thema und immer wieder tauchen Zigaretten wie in „Asthma“ und Waffen wie in „Bullets“ auf. Unter den zahlreichen Porträts finden sich große Figuren der Geistesgeschichte, Schriftsteller und Dirigenten wie Georg Büchner, Thomas Mann, Samuel Beckett oder Herbert von Karajan. Textelemente greifen Bildinhalte auf und können oft auch als Bildkommentar gelesen werden, wie „OH“ auf Frauenbildnissen oder die Jahreszahl „2018“, die den Alterungsprozess ins Visier zu nehmen scheint. Die Initialen „H v. K L“ benennen den Dargestellten: Das Porträt, das den Dramatiker Heinrich von Kleist auf Wikipedia zeigt, sitzt dabei auf einem Jungenkörper in Unterhose. Die Übergänge zwischen den Themen sind fließend, so verwandelt sich „2018“ in ein Gedärm, das in mehreren Zeichnungen anstelle des Kopfes steht – wie bei „Darmgesicht“, das gleichzeitig ein Selbstbildnis ist.

Erwin Wurm: blue head grey gun, 2017. Bild: © Studio Erwin Wurm

Erwin Wurm: Petrol Asthma, 2017/2018. Bild: Albertina, Wien © Studio Erwin Wurm

Erwin Wurm ist ein scharfer und unsentimentaler Beobachter der Wirklichkeit mit einem Sensorium für Schwachstellen und alltägliche Absurditäten. Die Zeichnungen zeugen von seinem bissigen Humor und auch davon, mit welcher Unverfrorenheit der Künstler mit der Welt und sich selbst umgeht. Situationskomik und prekäre Momente, Träume und Sehnsüchte spiegeln Wurms Interesse am Menschen mit all seinen Unzulänglichkeiten. Die Quelle seiner Arbeiten ist das Leben selbst – jene gewöhnlichen Dinge und Situationen, die Teil des Alltags sind. Dieser enge Bezug zum Leben und die Direktheit der Bildfindungen lassen die Werke unmittelbar zum Betrachter sprechen. Sie reflektieren nicht nur ironisch-kritisch den zeitgenössischen Alltag, sondern auch die Kunstgeschichte.

www.albertina.at

18. 11. 2017

Belvedere: Erwin Wurms „Fat House“

Mai 1, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein „fettes“, kleinbürgerliches Statussymbol

Erwin Wurm, Fat House, 2003. Bild: Johannes Stoll, Dominik Buda © Belvedere, Wien

An Erwin Wurm führt 2017 kein Weg vorbei. Er ist international in mehreren großen Ausstellungen vertreten und bespielt neben Brigitte Kowanz den Österreichischen Pavillon bei der Kunstbiennale in Venedig. Das Belvedere dokumentiert die Arbeit des renommierten Künstlers für die Biennale und zeigt ab Juni seine performativen Skulpturen und Plastiken im 21er Haus. Zum Auftakt begrüßt Wurms „Fat House“ ab 1. Mai die Museumsbesucher am Oberen Belvedere.

Erwin Wurm ergründet seit mehr als 30 Jahren die Ausdrucksmöglichkeiten der Bildhauerei. Sein vielfältiges, tiefgründiges und zugleich ironisches Œuvre umfasst nahezu alle Gattungen und erweitert den Skulpturbegriff um interaktive, soziale sowie zeitliche Aspekte. Mit seinen „Fat Sculptures“ – „verfettete“, kleinbürgerliche Statussymbole wie Autos oder Einfamilienhäuser – liefert der Bildhauer bissige und treffende Kommentare zur gegenwärtigen Konsumgesellschaft. Ab heute wird an der Südseite des Oberen Belvedere eines der berühmten dicken Häuser von Erwin Wurm stehen, das seit kurzem zur Sammlung des Belvedere gehört. Im Inneren des fettleibigen Hauses wird ein Video projiziert, in dem ein aufgequollenes und vor sich hin räsonierendes Auto den eintretenden Besuchern existentielle Fragen stellt, wie: „Wann ist ein Haus Kunst, und wer befindet darüber?“ Die bei freiem Eintritt begehbare Plastik im Garten gibt einen Vorgeschmack auf Wurms Biennale-Beitrag in Venedig sowie auf die Ausstellung „Erwin Wurm – Performative Skulpturen“, die ab 2. Juni im nahe gelegenen 21er Haus zu sehen sein wird.

Erwin Wurm, House Attack, Performance 2012. Bild: © Gerald Y. Plattner

Erwin Wurm, House Attack, Performance 2012. Bild: © Gerald Y. Plattner

Die Einzelausstellung zeigt etwa 40 performative Skulpturen und Plastiken, darunter eine Reihe neuer Werke, die Erwin Wurm eigens für die Schau erarbeitet hat. In seinen jüngsten Arbeiten setzt sich der Ausnahmekünstler mit herausragenden Beispielen der Architektur und Objekten des täglichen Gebrauchs auseinander. Ausgangsbasis sind Modelle und Blöcke aus Ton, die in der Regel von Wurm selbst oder von Personen, die er instruierte, gezielt bearbeitet werden. Spannung entsteht im Dialog zwischen der Urform und den Spuren, die die performativen Eingriffe hinterlassen. Der Körper wird dabei zum Material und Medium von Handlungsvollzügen. Den Werken aus Ton stehen in der Ausstellung Abgüsse aus Bronze, Aluminium, Eisen oder Polyester gegenüber.

Kurator Alfred Weidinger begleitete Erwin Wurm und Brigitte Kowanz für das Belvedere filmisch bei den Vorbereitungen zur Biennale in Venedig – von den ersten Ideen bis zur Projektumsetzung. Die dabei entstandenen Dokumentationen und Künstlerporträts werden auf der Biennale im Mai 2017 erstmals gezeigt und sind anschließend auch im 21er Haus zu sehen.

www.21erhaus.at

Wien, 1. 5. 2017

Leopold Museum: Carl Spitzweg – Erwin Wurm

März 19, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Ironie gegen den Zeitgeist der Epoche

Erwin Wurm: Take your most loved philosophers , 2002. Bild: Studio Erwin Wurm, Kiasma – Museum of Contemporary Art, Helsinki © Bildrecht, Wien, 2016

Carl Spitzweg: Der Bücherwurm, 1850. Bild: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Etwas mehr als 130 Jahre nach seinem Tod präsentiert das Leopold Museum die erste umfassende Ausstellung des deutschen Malers Carl Spitzweg in Österreich, dessen Werk gemeinhin in engem Konnex mit den mit der Epoche des Biedermeier verbundenen Definitionen von Beschaulichkeit, kleinbürgerliche Idylle und Spießbürgertum gesehen wird. Um dieses Bild zurechtzurücken und die Rezeptionsweise zu erweitern, fokussiert ab 25. März die Ausstellung „Carl Spitzweg – Erwin Wurm: Köstlich! Köstlich?“– nicht zuletzt unter Einbezug historischer, sozialer und politischer Implikationen – explizit auf das gesellschafts- und zeitkritische Werk Carl Spitzwegs. Sie stellt seine mit sanfter Ironie vorgetragene, aber unzweifelhafte Kritik am oftmals scheinheiligen Klerus, der korrupten Legislative wie der gelangweilten Exekutive oder dem saturierten Bürger- und Beamtentum in den Mittelpunkt.

Zwar war Spitzweg kein Vertreter einer aktiven Partizipation in Bezug auf politische Auseinandersetzungen, aber ein distanzierter, manchmal bissiger Kommentator, der – wie die rund 100 präsentierten Exponate deutliche machen –, die Brüche und Konflikte seiner Zeit als aufmerksamer Beobachter künstlerisch dokumentierte. Insofern serviert Spitzweg mit heiterer Gelassenheit mittels seiner kritisch-analytischen Bildwerke einen anderen „Geist“ dieser Epoche. Gleichzeitig erschließt die Auseinandersetzung mit Carl Spitzwegs Werk die Aktualität seiner Themen, die sich in der „Generation Biedermeier“ des 21. Jahrhunderts wiederfinden und durch präzise gesetzte Interventionen von Erwin Wurm verdeutlicht werden.

Carl Spitzweg: Sennerin und Mönch,1838. Bild: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Erwin Wurm: 4 Landed Gentry (Hermés), 2008. Privatsammlung. Bild: Studio Erwin Wurm © Bildrecht, Wien, 2016

Ähnlich der Spitzwegschen Manier weist auch Wurms Werk vielfältige Facetten der Poesie und Idylle, des Humors und der (Selbst-)Ironie auf und ist gespickt mit politischen und kulturanalytischen Anspielungen. Beide Œuvres verbindet – so zeigt die Ausstellung auf – ein kritisch-reflektierter Humor, der als Waffe eingesetzt, den Alltag aus anderer Perspektive zeigt und damit vielschichtige Dimensionen evoziert.

www.leopoldmuseum.org

Wien, 19. 3. 2017