Interview mit Burgstar Martin Wuttke

Februar 8, 2013 in Bühne

07.02.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/8

Eine masochistische Komödie nach Buñuel

Frei nach Buñuel:Martin Wuttke zeigt im Burg-Kasino sein Stück „Nach der Oper. Würgeengel“. Sonntag ist Premiere.

Wie ketzerisch ist das?
Da legt ein Regisseur seine Sichtweise eines Werks eines anderen Regisseurs dar – wohl wissend, dass dieser andere (weil 1983 in Mexiko kremiert) in der Urne aufwirbeln würde, wüsste er, dass man ihn „interpretiert“.

Filmemacher Luis Buñuel hat „Sichtweisen“ auf sein Schaffen mit geradezu diebischer Freude stets die Blickwinkel verstellt. Burgschauspieler Martin Wuttke legte nun trotzdem sein Augenmerk auf Buñuels 1962 entstandenes Meisterwerk „Der Würgeengel“. Er inszeniert es im Kasino des Hauses. Hat dem Titel ein „Nach der Oper“ vorangestellt und das Ganze „Eine masochistische Komödie“ genannt.

Jelinek bis Woody

Allen Das Stück werde „keine Filmadaption fürs Theater, sondern eine Erweiterung“, erklärt er. Eine Reverenz, wie es sie von Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“ bis zu Woody Allens „Midnight in Paris“ gibt. „Eigentlich“, so Wuttke, „ist unsere Arbeit wie eine Recherche zum Film. Ich folge Konstruktionen, die Buñuel vorgeschlagen hat, hangle mich an seinen Spuren entlang.“

Diese Spuren zu lesen ist eigentlich einfach
– unmöglich.

Da versammelt sich eine illustre Abendrunde zum Nach-der-Oper-Souper im Salon eines reichen Gastgebers, um alsbald festzustellen, dass sie den Raum nicht mehr verlassen kann. Die Dienerschaft, bis auf Majordomus Julio, haut zwischenzeitlich ab. Die Gäste werden je nach Temperament zunehmend lethargisch, panisch oder geladen.
Es gibt Tote. Ein ferner Verwandter von Gomez Addams’ „eiskaltem Händchen“ wird mit einer Vase erschlagen. Eine Herde Schafe verirrt sich in die gar nicht mehr gute Stube – und wird bis auf die Knochen abgenagt …

Aus, deutet Wuttke.

Unterbricht den Versuch einer Inhaltsangabe. Lacht. Er wird keine Tiere durchs Kasino treiben. „Das erspare ich mir. Und den Schafen.“

Buñuel, sagt er, tauche in seinem Leben immer wieder auf. Bilder, die sich einbrennen, sich aufdrängen, ihn „verfolgen“. Im Sinne von: großen Nachhall haben.
Diesmal hatte er bei sich zu Hause zwar einen ganz anderen Film gesucht, im Regal aber zuerst den „Würgeengel“ entdeckt. Und „wieder mal“ reingeschaut. Und „es“ plötzlich gesehen. Dass da eine Gesellschaft aus der Stimulanz der Oper, der Erfahrung eines Theaterabends nicht mehr rauskommt.
Das ist es, was den Theatermann beschäftigt.

Von Donizetti zu Wagner

Wobei er die von Buñuel bevorzugte „Lucia di Lammermoor“ gegen Wagners „Tristan und Isolde“ tauschte. Die Buñuel wiederum 1930 in „L’âge d’or“ verwendete …
Regisseur Wuttke bewegt diesmal ein üppiges Ensemble aus Schauspielern und Sängern. 22 Köpfe plus ein ganzes Orchester.
Was daraus entstehen soll?

Eine bösartig-morbide, humorvolle Aufführung: „Motive des Melodrams vermischt mit analytischen-dokumentarischen Elementen, darauf eine komisch-absurde Szene.“ Dass er nicht mitwirkt – wo doch die Figur Julio wie für Wuttke erfunden scheint –, darüber tröstet er sich mit zwei Sätzen hinweg:

„Regisseur zu sein ist halt ein anderes Vergnügen, als selber rumzuspringen. Und letzten Endes hab’ ich in dieser Funktion ja ein bisschen an allen Rollen teil.“

Zum Stoff: Buñuel gibt’s nun für die Bühne

Luis Buñuel (1900–1983) ist einer der herausragendsten Vertreter des surrealistischen Films. Zentrale Themen seines Werks sind der Kampf gegen ein in sinnloser Wiederholung erstarrtes Bürgertum und Kritik an der Kirche. Um dem Franco-Regime zu entgehen, arbeitete Buñuel einige Jahre in Mexiko, wo u. a. „Der Würgeengel“ entstand. Andere Werke: „Ein andalusischer Hund“, „Belle de Jour“, „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“.

Martin Wuttke Schuf nach Buñuel-Motiven sein Stück „Nach der Oper. Würgeengel“. In seiner Inszenierung spielen u. a. Andrea Clausen, Maria Happel, Bibiana Zeller, Ignaz Kirchner, Peter Matić und Branko Samarovski. Es gibt vier Opernsänger und ein Orchester.

Hommage an den Meister

Februar 8, 2013 in Bühne

Zwischen Kunst-Salon und Zitatefriedhof: Während die Schauspieler vorne über Kultur debattieren, laufen sie hinten als „Buñuel“-Film.
13.02.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/8

„Würgeengel“: Ein Drei-Stunden-Fest

Martin Wuttke zeigt im Burg-Kasino seine Version von Buñuels „Würgeengel“. Eine Herausforderung, die man annehmen muss.

Keine Frage: Martin Wuttke hat ein Meisterwerk geschaffen. Eine Abstraktion des Abstrakten, eine traumhafte Überhöhung des ohnehin schon Surrealen. Aber wie’s halt so sein kann mit Meisterwerken, erschließt sich auch dieses nur unter Anleitung.

Heißt: Voraussetzung für den Besuch von „Nach der Oper. Würgeengel“, der so genannten „masochistischen Komödie“, die der Burgstar selbst schrieb und im Kasino des Hauses in Szene setzte, ist im Grunde eine „Spezialführung“ durch die eigene Audio- und Videothek.

Wuttke nahm sich „Der Würgeengel“, den 1962 entstandenen Film von Luis Buñuel, als Folie für seine Fantasien – und verknüpfte ihn mit Wagners Oper „Tristan und Isolde“ und Schönbergs „Erwartung“. Wer weder Ersteren noch Zweitere kennt, wird sich mit dem neu entstandenen Dritten schwer tun. Für „Auskenner“ freilich war der Abend ein Drei-Stunden-Fest, visuell wie darstellerisch. Geprägt von Martin Wuttkes signifikanter Regiehandschrift.

Denkanstrengung

In Interviews beklagte der Theatermacher die Verweigerung von Denkanstrengung beim Publikum. Nun spaltete er das seine in zwei Gruppen: die schleichenden Abgeher und die tosenden Applaudierer. Nicht weniger als siebzehn Schauspieler, vier Sänger und ein zwölfköpfiges Kammerorchester (die Sänger und die Violoncellistin haben an der Handlung teil) braucht Wuttke für seine „Würgeengel“-Version.

Auch in dieser kann eine illustre Abendgesellschaft, die sich nach der Oper zum Souper im Salon Nóbile trifft, diesen aus unerfindlichen Gründen nicht mehr verlassen. Fadesse oblige. Also beginnt man – Buñuels Politkritik außen vor lassend – einen Diskurs über Oper.

Kunst-Salon

Über Realität und Spiel, über Wahrheit und Lüge, und Lüge, die zur Wahrheit wird. Der Salon wird dieser Gemeinschaft zur Kunstwelt, in die man sich vor der Wirklichkeit flüchtet. Zum Kunst-Salon.

Aus der Kultur gibt’s kein Entrinnen. Großartige u. a. Ignaz Kirchner, Catrin Striebeck, Oliver Masucci, Peter Matić, Maria Happel und Bibiana Zeller stellen das dar.

Sie sind auch die Protagonisten der wunderbaren Hintergrund-Videos im Buñuel-Stil. Eine schwarzweiße Hommage. Ein Zitatefriedhof, wiederbelebt.