Theater in der Josefstadt: Rechnitz (Der Würgeengel)

Januar 16, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tanz der Nazi-Vampire

Sona MacDonald. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald singt „Zu Asche, zu Staub“, den Hit aus der Fernsehserie „Babylon Berlin“, wo ihn die mysteriöse Severija performte: „Du bist dem Tod so nah / Und doch dein Blick so klar / Erkenne mich, ich bin bereit / Und such‘ mir die Unsterblichkeit …“ Sprechen wird Sona MacDonald nicht, sie bleibt beinah zwei Stunden ohne Sprechtext, bevor sie am Ende vor dem Vorhang Zeugnis ablegt. Bis dahin ist die glatzköpfige Schönheit der

Geist der Vergangenheit, eine Endzeitdiva, eine Vampirin (der Eindruck bestätigt sich, als sie einmal Tamim Fattal in den Hals beißt) – eine Spiegelung jener Gräfin Margit Batthyány, auf deren burgenländischem Schloss in der Nacht vom 24. auf den Palmsonntag 25. März 1945 ein Gefolgschaftsfest stattfand. Die Rote Armee rückt näher, da will man sich einmal noch amüsieren, und so lösen sich kurz vor Mitternacht 15 Personen von der Party, um im Kreuzstadl 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter zu erschießen, zu erschlagen, zu verscharren – das Massengrab wurde bis heute nicht gefunden. Dies Massaker hat Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in ihrem Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ dramatisch aufbereitet. Wie stets hat sie eine Textfläche verfasst, Botinnen und Boten berichten vom Vorgefallenen, widersprechen sich, wissen’s auch nicht so genau.

Seit der Uraufführung durch Jossi Wieler 2008 hat man „Rechnitz“ nun schon einige Male gesehen, und die meisten Inszenierungen hangelten sich an der Wieler-Arbeit entlang. Jetzt hat Regisseurin Anna Bergmann, die an der Josefstadt schon „Fräulein Julie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15214) und „Madame Bovary“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28773) realisierte, einen ganz anderen, außergewöhnlichen Blick auf das Werk geworfen. Sie hat zum einen die Botinnen und Boten zu Typen gemacht: ein Waffenmeister, ein SS-Mann, ein Nazi-Bonze, ein Priester, eine Society-Lady, Köchin, Magd, Chauffeur, Fleischhauer, Oliver Rosskopf als der örtliche Gestapo-Führer Franz Podezin, Götz Schulte als Gutsverwalter Hans Joachim Oldenburg, Dominic Oley als Ehemann Graf Ivan Batthyány …

In der Szene „Eine Vorstadtsiedlung“ hat sich schon die Ur-Wiener Nachkriegsgemütlichkeit breitgemacht. Mit Käsekrainern am Kugelgrill und Robert Joseph Bartl als populistischem Politiker samt Rauhaardackel, der sein „So sind wir nicht“ erklärt, und hofft, „dass die bloß nix ausgraben“. Oder Dominic Oley, Oliver Rosskopf und Götz Schulte als den „Hiesiegen“, denen die bekannte Textstelle: „Es können nicht alle Opfer sein!, jemand muss auch Täter sein wollen, bitte melden Sie sich, wir brauchen jeden Täter, den wir kriegen können, denn dann können wir uns selbst dazurechnen, ohne dass man es merkt …“ nachgeboren, unschuldsvermutend von den Lippen perlt.

Tamim Fattal und Michaela Klamminger. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald singt „El male rachamim“. Bild: © Philine Hofmann

MacDonald, Elfriede Schüsseleder und Michaela Klamminger. Bild: © P. Hofmann

Dies der Bergmann zweiter Streich, ihre Spielfassung gliedert den Text in vier Bilder, „Das Fest“, „Die Dienstbotenküche“, „Das Massengrab“, eben „Eine Vorstadtsiedlung“ und einen Epilog für die MacDonald – doch wenn man eine derart grandiose Sängerin an der Seite hat, wäre es eine Schande sie nicht singen zu lassen. Bühnenbildnerin Katharina Faltner hat ein sich drehendes Rundpodest gebaut, die oftmals gewechselten Kostüme sind von Lane Schäfer, in der Mitte Sona MacDonald in Gottesanbeterinnen-Grün, und rund um sie shaken und schütteln sich die Zombie-Blutsauger im Danse Macabre. Tanz der Nazi-Vampire! Ein erstes der folgenden überwältigenden Bilder. Ein Näherrücken-Lassen des Publikums an die Banalität des Bösen, wird doch die Jelineck’sche abstrakte Distanz, die reflexive Ruhe ihrer „Boten“ zum Geschehen durch diese Spielart bis zu einem gewissen Grad ausgehebelt.

Agiert wird intensiv und expressiv. Jede Szene hält für jede Darstellerin, jeden Darsteller – außer MacDonald – eine neue, albtraumhafte Karikatur bereit. Elfriede Schüsseleder ist mal Professorin, mal Köchin, Michaela Klamminger mal Fernsehmoderatorin, mal Magd. Tamim Fatal ist mal Fleischhauer mit blutiger Schürze, dann anrührend das Mordopfer Nikolaus W., dem fröhlich ein Grab geschaufelt wird, in dem der „hohle Mensch“, entleibt seiner Menschenwürde, dem Nichterinnern anheimgegeben, lebendigen Leibes versinken möge. In der Dienstbotenküche singen alle gemeinsam „Is schon still uman See“. Dann senken sich von oben an ein Schlachthaus gemahnende Plastikplanen herab, hüllen die Manege des Grauens ein. Durch die rotmilchigen Folien sieht man einen nackten Männerkörper an einem Fleischerhaken, er zappelt, windet sich, stöhnt.

Das Ensemble beim Untotentanz. Bild: © Michaela Mottinger

Jagdgesellschaft: Robert Joseph Bartl, Tamim Fattal, Dominic Oley, Elfriede Schüsseleder, Michaela Klamminger und Oliver Rosskopf. Bild: © Philine Hofmann

Götz Schulte, Dominic Oley, Robert Joseph Bartl und Elfriede Schüsseleder. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald, Tamim Fattal, mit den Schaufeln: Götz Schulte und Dominic Oley. Bild: © Philine Hofmann

Es naht die Zeit der Abschüsse. Sona MacDonald, die brillante Performerin kann auch Oper. Zu „Wie nahte mir der Schlummer“ und „Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen“ aus dem „Freischütz“ kommt die Flinte zum Einsatz. Drei Notenzeilen, drei Mal Anlegen – KlickKnall. In einem fulminanten letzten Auftritt findet Sona MacDonald endlich ihre Sprechstimme, da steht das Schloss schon in Flammen, um die Beweise zu vernichten, und der Daimler zur Flucht bereit. „Ertrage mich jetzt, liebes Land“, fordert die Kriegsverbrecherin von den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Dann die MacDonald auf großer Leinwand, ein stiller Schluss nach all dem vor wütendem Zynismus bebenden Remmidemmi. Sie wandert über den Rechnitzacker zum Kreuzstadl, unterwegs liest sie sterbliche Überreste der Opfer auf, es sind nur noch Knochenfragmente. Auf der Bühne bettet sie sie auf einen Tallit. Sie singt „El male rachamim“, ein Gebet für Begräbnisse, Gemeuchelte der Shoa und dieser Zeiten auch Terroropfer. Welch eine Aufführung, welche ein eindringlicher Appell gegen kollektives Schweigen und lautstarkes Verdrängen. Einmal wirft Elfriede Schüsseleder den Satz in die Arena: „Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch.“ Das ist zwar aus Brechts „Arturo Ui“, deswegen nicht weniger wahr.

Anna Bergmanns Trauerarbeit, die der Jelinek ihr Debüt an der Josefstadt bescherte, überzeugt durch Klugheit, Einfallsreichtum und großem Respekt vor dem Werk der Literaturnobelpreisträgerin. Bergmann hat Jelinek gelesen, neu gelesen. Das exzellente Ensemble, dass sich in seinen Rollen immer wieder selbst erschießt, nur um als Wiedergänger um die nächste Ecke zu biegen, denn solcherart weiß Jelinek, weiß Bergmann stirbt nicht aus, tut das Übrige. Es mag dies der Beginn der etwas anderen Jelinek-Rezeption sein. Und nachdenklich auf dem Nachhauseweg sinniert man über den Spießrutenlauf beim Hinweg zum Theater. Samstag war’s, Corona-Maßnahmen- und Impfgegner-Demonstration am Ring. 27.000 Teilnehmende samt rechtem, nein: nicht Rand, rechter Mitte am historisch missbrauchten Heldenplatz. Und auf dem Podium kreischend geifernd … tja, ja …

www.josefstadt.org           Trailer: www.youtube.com/watch?v=Ahb-OZfVFrs

  1. 1. 2022

Interview mit Burgstar Martin Wuttke

Februar 8, 2013 in Bühne

07.02.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/8

Eine masochistische Komödie nach Buñuel

Frei nach Buñuel:Martin Wuttke zeigt im Burg-Kasino sein Stück „Nach der Oper. Würgeengel“. Sonntag ist Premiere.

Wie ketzerisch ist das?
Da legt ein Regisseur seine Sichtweise eines Werks eines anderen Regisseurs dar – wohl wissend, dass dieser andere (weil 1983 in Mexiko kremiert) in der Urne aufwirbeln würde, wüsste er, dass man ihn „interpretiert“.

Filmemacher Luis Buñuel hat „Sichtweisen“ auf sein Schaffen mit geradezu diebischer Freude stets die Blickwinkel verstellt. Burgschauspieler Martin Wuttke legte nun trotzdem sein Augenmerk auf Buñuels 1962 entstandenes Meisterwerk „Der Würgeengel“. Er inszeniert es im Kasino des Hauses. Hat dem Titel ein „Nach der Oper“ vorangestellt und das Ganze „Eine masochistische Komödie“ genannt.

Jelinek bis Woody

Allen Das Stück werde „keine Filmadaption fürs Theater, sondern eine Erweiterung“, erklärt er. Eine Reverenz, wie es sie von Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“ bis zu Woody Allens „Midnight in Paris“ gibt. „Eigentlich“, so Wuttke, „ist unsere Arbeit wie eine Recherche zum Film. Ich folge Konstruktionen, die Buñuel vorgeschlagen hat, hangle mich an seinen Spuren entlang.“

Diese Spuren zu lesen ist eigentlich einfach
– unmöglich.

Da versammelt sich eine illustre Abendrunde zum Nach-der-Oper-Souper im Salon eines reichen Gastgebers, um alsbald festzustellen, dass sie den Raum nicht mehr verlassen kann. Die Dienerschaft, bis auf Majordomus Julio, haut zwischenzeitlich ab. Die Gäste werden je nach Temperament zunehmend lethargisch, panisch oder geladen.
Es gibt Tote. Ein ferner Verwandter von Gomez Addams’ „eiskaltem Händchen“ wird mit einer Vase erschlagen. Eine Herde Schafe verirrt sich in die gar nicht mehr gute Stube – und wird bis auf die Knochen abgenagt …

Aus, deutet Wuttke.

Unterbricht den Versuch einer Inhaltsangabe. Lacht. Er wird keine Tiere durchs Kasino treiben. „Das erspare ich mir. Und den Schafen.“

Buñuel, sagt er, tauche in seinem Leben immer wieder auf. Bilder, die sich einbrennen, sich aufdrängen, ihn „verfolgen“. Im Sinne von: großen Nachhall haben.
Diesmal hatte er bei sich zu Hause zwar einen ganz anderen Film gesucht, im Regal aber zuerst den „Würgeengel“ entdeckt. Und „wieder mal“ reingeschaut. Und „es“ plötzlich gesehen. Dass da eine Gesellschaft aus der Stimulanz der Oper, der Erfahrung eines Theaterabends nicht mehr rauskommt.
Das ist es, was den Theatermann beschäftigt.

Von Donizetti zu Wagner

Wobei er die von Buñuel bevorzugte „Lucia di Lammermoor“ gegen Wagners „Tristan und Isolde“ tauschte. Die Buñuel wiederum 1930 in „L’âge d’or“ verwendete …
Regisseur Wuttke bewegt diesmal ein üppiges Ensemble aus Schauspielern und Sängern. 22 Köpfe plus ein ganzes Orchester.
Was daraus entstehen soll?

Eine bösartig-morbide, humorvolle Aufführung: „Motive des Melodrams vermischt mit analytischen-dokumentarischen Elementen, darauf eine komisch-absurde Szene.“ Dass er nicht mitwirkt – wo doch die Figur Julio wie für Wuttke erfunden scheint –, darüber tröstet er sich mit zwei Sätzen hinweg:

„Regisseur zu sein ist halt ein anderes Vergnügen, als selber rumzuspringen. Und letzten Endes hab’ ich in dieser Funktion ja ein bisschen an allen Rollen teil.“

Zum Stoff: Buñuel gibt’s nun für die Bühne

Luis Buñuel (1900–1983) ist einer der herausragendsten Vertreter des surrealistischen Films. Zentrale Themen seines Werks sind der Kampf gegen ein in sinnloser Wiederholung erstarrtes Bürgertum und Kritik an der Kirche. Um dem Franco-Regime zu entgehen, arbeitete Buñuel einige Jahre in Mexiko, wo u. a. „Der Würgeengel“ entstand. Andere Werke: „Ein andalusischer Hund“, „Belle de Jour“, „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“.

Martin Wuttke Schuf nach Buñuel-Motiven sein Stück „Nach der Oper. Würgeengel“. In seiner Inszenierung spielen u. a. Andrea Clausen, Maria Happel, Bibiana Zeller, Ignaz Kirchner, Peter Matić und Branko Samarovski. Es gibt vier Opernsänger und ein Orchester.

Hommage an den Meister

Februar 8, 2013 in Bühne

Zwischen Kunst-Salon und Zitatefriedhof: Während die Schauspieler vorne über Kultur debattieren, laufen sie hinten als „Buñuel“-Film.
13.02.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/8

„Würgeengel“: Ein Drei-Stunden-Fest

Martin Wuttke zeigt im Burg-Kasino seine Version von Buñuels „Würgeengel“. Eine Herausforderung, die man annehmen muss.

Keine Frage: Martin Wuttke hat ein Meisterwerk geschaffen. Eine Abstraktion des Abstrakten, eine traumhafte Überhöhung des ohnehin schon Surrealen. Aber wie’s halt so sein kann mit Meisterwerken, erschließt sich auch dieses nur unter Anleitung.

Heißt: Voraussetzung für den Besuch von „Nach der Oper. Würgeengel“, der so genannten „masochistischen Komödie“, die der Burgstar selbst schrieb und im Kasino des Hauses in Szene setzte, ist im Grunde eine „Spezialführung“ durch die eigene Audio- und Videothek.

Wuttke nahm sich „Der Würgeengel“, den 1962 entstandenen Film von Luis Buñuel, als Folie für seine Fantasien – und verknüpfte ihn mit Wagners Oper „Tristan und Isolde“ und Schönbergs „Erwartung“. Wer weder Ersteren noch Zweitere kennt, wird sich mit dem neu entstandenen Dritten schwer tun. Für „Auskenner“ freilich war der Abend ein Drei-Stunden-Fest, visuell wie darstellerisch. Geprägt von Martin Wuttkes signifikanter Regiehandschrift.

Denkanstrengung

In Interviews beklagte der Theatermacher die Verweigerung von Denkanstrengung beim Publikum. Nun spaltete er das seine in zwei Gruppen: die schleichenden Abgeher und die tosenden Applaudierer. Nicht weniger als siebzehn Schauspieler, vier Sänger und ein zwölfköpfiges Kammerorchester (die Sänger und die Violoncellistin haben an der Handlung teil) braucht Wuttke für seine „Würgeengel“-Version.

Auch in dieser kann eine illustre Abendgesellschaft, die sich nach der Oper zum Souper im Salon Nóbile trifft, diesen aus unerfindlichen Gründen nicht mehr verlassen. Fadesse oblige. Also beginnt man – Buñuels Politkritik außen vor lassend – einen Diskurs über Oper.

Kunst-Salon

Über Realität und Spiel, über Wahrheit und Lüge, und Lüge, die zur Wahrheit wird. Der Salon wird dieser Gemeinschaft zur Kunstwelt, in die man sich vor der Wirklichkeit flüchtet. Zum Kunst-Salon.

Aus der Kultur gibt’s kein Entrinnen. Großartige u. a. Ignaz Kirchner, Catrin Striebeck, Oliver Masucci, Peter Matić, Maria Happel und Bibiana Zeller stellen das dar.

Sie sind auch die Protagonisten der wunderbaren Hintergrund-Videos im Buñuel-Stil. Eine schwarzweiße Hommage. Ein Zitatefriedhof, wiederbelebt.