Salon5: La Pasada – Die Überfahrt

November 20, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Erni Mangold brilliert als zaubermächtige Prospera

Flora und ihr über alles geliebter Enkel Ariel: „Prospera“ Erni Mangold und Flavio Schily. Bild: Christoph Hochenbichler

Mit „La Pasada – Die Überfahrt“ entzückte Regisseurin Anna Maria Krassnigg 2015 am Thalhof, ihrer Wortwiege an der Rax, nicht nur, weil ihr mit dem Theaterstück die Wiederbelebung der Kunst der Kinobühnenschau geglückt war. Nun ist das Werk endgültig auf der Leinwand angekommen, am 23. November hat im Metro Kinokulturhaus eine Filmfassung von „La Pasada“ Premiere.

Erzählt wird im Text von Anna Poloni von Flora Stern. Erni Mangold ist im Film dieses ewigjunge Mädchen, und wenn sie mit schelmischem Augenzwinkern sagt, dass die Kamera ihr Freund ist, weiß sie, wie sehr man sie verehrt. Flora hat im Leben schon Überfahrten angetreten, von einer Welt in die andere, nun steht ihr offenbar die letzte bevor. Poloni zitiert Shakespeares „Sturm“, doch diese zaubermächtige Prospera hat sich selbst auf ihre Insel getrieben, auf diese blutrote Erinnerung an Sand und Sonne. Man muss viele Kompromisse eingehen, um kompromisslos seinen Weg zu gehen. Flora ging. „Leben. Statt tot sein im Leben. Das muss man wollen.“ Doch im Weggehen wird sie eingeholt.

„Jeder Zeit eine Diva, und ihre Zeit war lang“, wird Doina Webers Dolores sie schelten. Erni Mangold spielt hingegen hinreißend unprätentiös, das heißt: sie spielt nicht, sie ist, sie schillert. Oft fragt man sich, wieviel vom Gesagten … Mangold oszilliert zwischen der Manipulation ihrer Mitmenschen und dem aufrichtigen Wunsch zur Berichterstattung. Ihre Flora ist abgeklärt, aber nicht abgekühlt; mit heißem Herzen lässt sie zu, dass längst Verdrängtes sich zurückmeldet. Sie will zum guten Ende zusammenführen, was zusammen gehört. Und die Kamera soll ihr dabei als Mittler dienen. Alles ist zugeschnitten auf sie.

Doina Weber und Erni Mangold. Bild: Christoph Hochenbichler

Martin Schwanda als Liebhaber Ari. Bild: Christoph Hochenbichler

Eingerahmt wird Mangolds Flora von zwei guten Geistern. Da ist Ariel, die sich in die Lüfte erhebende Jugend. Er ist von Zuhause ausgebüchst und sucht bei der, die er für seine Großmutter hält, Asyl. Er sucht für seine Zukunft nach seinen Wurzeln. Flavio Schily beeindruckt in dieser Rolle sehr. Er changiert zwischen rotzfrech und sophisticated, echt Teenager eben. Wie er der Mangold sagt, dass sie „schon schräg“ ist, das ist sehr schön.

In einer Art, in ihrer Art ähneln die beiden einander, eine Reagenz, die sich aus dem Film ins Publikum überträgt. David Wurawa als Cal, als Caliban, ist derjenige, dem Flora Asyl gegeben hat. Auch er hat eine Passage hinter sich, von Afrika her, der schwarze Mann mit dem schweren Schicksal. Cal wird zum Katalysator der Handlung, er macht die Vergangenheit öffentlich. Er hat für Flora den Film im Film gedreht und nun zur Séance geladen. Doch das Kamera-Objektiv bleibt für andere subjektiv eine Lüge. Wer hätte denn sein Daheim ohne Deformation verlassen?

Seine Gäste sind Doina Weber und Martin Schwanda. Die Frau mit dem Steinmetzblick und der Stotterer. Auch ihre Verwandtschaft wird sich offenbaren. Schwanda spielt in einer Doppelrolle sowohl Anton, „el doctor“ als auch Ari, Floras Liebhaber, die junge Flora dargestellt von Gioia Osthoff. Die Männer sehen einander nicht nur gleich, sie üben auch den selben Beruf aus. Schwanda brilliert als schrulliger, kommunikationsunfähiger Linguist, ein Spezialist für aussterbende Sprachen. Doch ist Schwanda nicht nur Kauz, Antons gestammelte Sprachlosigkeit verweist darauf, wie fragil das Leben, wie man es kennt, ist.

„Sprache ist ein Dialekt, der Glück gehabt hat“, ist nicht nur einer der bestechensten Sätze Polonis, sondern verweist auch auf dessen Mehrsprachigkeit. Anton ist einer, der will, aber nicht kann; Ari dagegen – ein Funkenflug, ein geschmeidiger Löwe, dem sich sein Opfer unter Seufzern hingab. Ari wandert durch Floras Gedanken und Gefühle. Eine Seifenblase. Ewig lebt, wen man nicht sterben lässt. Und Schwanda lässt seinen Ari traumtänzerisch gerne leben.

Einer, der tatsächlich alles verloren hat: David Wurawa als Cal bei der Totenandacht. Bild: Christoph Hochenbichler

Doina Weber ist Dolores. Flora war die Geliebte ihres Vaters, Dolores wähnt sich als Tochter einer ungeliebten Mutter, die wie ein schwarzer Rabe durch die Jahre ging. Doch keiner ist hier, was er glaubt zu sein. Weber verkörpert Verbitterung,  sie gibt dieser kalten Frau, die lieber aus Steinen Menschen klopft, als unter ihnen zu existieren, messerscharfe Konturen. Sie wird es auch sein, die das happy end verwehrt.

Zu sehr hat das Falsche ihr Leben bestimmt, als das sie sich jetzt dem richtigen zuwenden könnte. Die Verfehlungen, die Verirrungen werden von einer Generation zur nächsten als Erbsünde weitergegeben. Doina Weber ist schmerzhaft stark. Wie sie sich selber nicht, kann man ihr auch kaum vergeben. „Du blinde Frau hast alles“ sagt Cal, dessen Familie im Mittelmeer ertrunken ist, zu Dolores am Ende, nachdem alle seine Bemühungen gescheitert sind. Der Entwurzelte hat im Gegensatz zu der sich betrogen Fühlenden verstanden, dass Wahrheit ein Relativitätsbegriff ist. Immerhin Prospera-Floras „Nachfahre“ Ariel kann aufbrechen, über den Strand in die Freiheit. Noch unberührt, noch kompromisslos …

www.la-pasada.at

20. 11. 2017

Akademietheater: Willkommen bei den Hartmanns

November 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An den falschen Stellen gelacht

Gelebte Willkommenskultur: David Wurawa als Diallo und die Hartmanns Valentin Postlmayr, Markus Hering, Alexandra Henkel, Alina Fritsch und Simon Jensen. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die von Peter Wittenberg inszenierte Bühnenversion von Simon Verhoevens Filmerfolg „Willkommen bei den Hartmanns“ überzeugte Sonntagabend das Premierenpublikum am Akademietheater. Großen Jubel und viel Applaus gab es für die knapp dreistündige Uraufführung, für die Angelika Hager eine Wienerische Bearbeitung verfasste. Wobei Hager auf Schablonen, Stereotypen und eingefahrene Vorstellungen setzt.

Um so wichtige Themen wie fehlgeleitete Willkommens- kultur und einen „gut gemeinten“ Alltagsrassismus anzusprechen. Mehr als einmal ertappt man sich beim platten Text an den falschen Stellen gelacht zu haben. So outriert wie die Vorlage auch das Spiel. Zwölf Schauspieler gestalten in Doppel- und Dreifachrollen die überkandidelte Familie Hartmann, deren soziales, noch übertriebeneres Umfeld und die Bewohner eines Flüchtlingsheims. Allen voran überzeugt immerhin David Wurawa als nigerianischer Flüchtling Diallo, dessen schließliche Schilderung der Daseins-, eigentlich Todesdrohungsumstände, die ihn zum Aufbruch ins sichere Europa bewegten, überaus eindrücklich sind. Wie er die Hartmanns mit Schmäh nimmt, ihm gleichzeitig die Trauer um sein verlorenes Leben und die Angst, ob ihm ein neues gewährt werden wird, in den Augen steht, das ist schöne Schauspielkunst.

Der Rest ist Knallchargerei. Alexandra Henkel gibt die dauertrinkende Pensionistin Angelika, die im Film von Senta Berger dargestellt wurde, Markus Hering ihren Ehemann Richard als latent rassistischen und von Jugendwahn befallenen Oberarzt – dies mit unglaublichem Körpereinsatz und breit angelegtem Mienenspiel. Alina Fritsch ist eine endlos studierende Tochter Sofie, Simon Jensen der Workaholic-Sohn Philipp. Valentin Postlmayr hat als Enkel Basti, dem HipHop vor Schule geht, die Sympathien auf seiner Seite. Sven Dolinksi spielt den zukünftigen, türkischstämmigen Schwiegersohn Tarek. „So schnell hat man einen Migrationshintergrund“, befindet Richard ob der Sachlage.

Im Gemeindebau herrscht offene Ausländerfeindlichkeit: Sabine Haupt mit David Wurawa und Alexandra Henkel. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Rotarier-Damen von Döbling planen mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau: Petra Morzé und David Wurawa. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt zieht viele herzhafte Lacher als esoterische Flüchtlingshelferin auf sich. Als Gemeindebaulerin, Klischee as Klischee can, muss sie natürlich Ausländerfeindin sein, weil sie angesichts der Mindestsicherung für Asylwerber um ihre Rente fürchtet. Im Programmheft, „Das muss man doch noch sagen dürfen!“, entwirft Hager ein ebensolches Bild von einem früh pensionierten Schweißer, tätowiert, mit schwerem Zungenschlag, der auf „Hacäh“ setzt. Dass Wittenberg zu Kurz in erster Linie dessen Ohren einfallen, ist, bei aller politischen Gegnerschaft, nicht einmal Geschmackssache. Da gäbe es über den künftigen Bundeskanzler Wichtigeres zu erzählen.

In ihren zahlreichen Rollen von der exjugoslawischen, ebenfalls ausländerfeindlichen Putzfrau (ihr Argument, warum ihre Flucht anders war: „Der Jugoslawienkrieg war ja vor eurer Haustür!“) über die alltagsrassistische Bäckerei-Angestellte (die über Diallo stets befindet: „Is der liab!“) bis zum Go-Go-Girl gibt Petra Morzé alles. Als Anführerin der Rotarier-Damen von Döbling will sie mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau inszenieren. Dietmar König spielt den Schönheitschirurgen-Ehemann der Dame.

Dirk Nocker macht den Leiter des Flüchtlingsheims. Michael Masula ist ein starker Auftritt gegönnt, als identitärer Taxifahrer und als radikaler Islamist, der alles ablehnt, was den Westen ausmacht – und trotzdem in Österreich bleiben will -, ist also in der Inszenierung insgesamt für die Fundamentalisten zuständig.

In beinah filmischen „Schnitten“, temporeich und gut getimt, treibt Regisseur Wittenberg sein Personal in dieser atemlosen, chaotischen Arbeit über die Bühne, auf der ein Laufband schnell zum OP-Tisch oder zum nächtlichen Club werden kann. Darsteller melden sich via Vidiwall telefonisch oder lassen an der Rampe in Monologen die Befindlichkeit ihrer Figuren ab. Herzstück des Hartmann’schen Haushalts ist eine überdimensionale, aufblasbare Couch. Sie verwandelt sich am Ende in ein sinkendes Boot …

„Willkommen bei den Hartmanns“ ist vom Burgtheater als Familienstück ab 12 Jahren angekündigt. Es würde interessant sein zu erfahren, wie Angelika Hagers anspielungsbemühte Sprache – und vor allem ihr Versuch, in dieser gechillt „jung“ zu sein, bei der Zielgruppe ankommt.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2017

Salon5 im Metro Kinokulturhaus: La Pasada

November 18, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kinobühnenschau über den Sturm, der sich Leben nennt

Erni Mangold und Flavio Schily Bild: Christoph Hochenbichler

Erni Mangold und Flavio Schily
Bild: Christoph Hochenbichler

Das Metro Kinokulturhaus atmet. Ein riesiger rotplüschiger Organismus, dessen Brustkorb sich senkt und hebt. Ausatmen – Vergangenheit, einatmen – Zukunft. Anna Polonis Text atmet mit, Stück und Aufführungsort als Zweitaktseele, Leinwand und Bühne ebenso. Regisseurin Anna Maria Krassnigg hat ihre Inszenierung von „La Pasada – Die Überfahrt“ vom Reichenauer Thalhof, ihrer frisch gedrechselten Wortwiege an der Rax, nach Wien gebracht. Hat es sorgsam eingehüllt, dieses Kleinod aus Spitzentuch und Seelenqual, und an der richtigen Stelle wieder enthüllt. Finster im Saal. Die Kinobühnenschau läuft. Bewegende Bilder. Auf der Leinwand eine Totenfeier, eine Banda spielt einen Trauermarsch; auf der Bühne eine Totenwache, die Verstorbene als Memento mori aufgebahrt, um sie Menschen versammelt. Ein Sturm hat sie hierher geweht. Ein Sturm, der sich Leben nennt.

Die Poetik der Bilder korrespondiert mit der Sprache des Dramas. Anna Poloni hat ein Spiel um Zeit und Raum geschrieben. Zeit vergeht, wird verspielt, will festgehalten werden und wird vergeudet. Lust- und leidvoll. Raum ist, wo das Meer die Menschen anspült, wo Berge einen festhalten. Zeit und Raum sind die Geliebten, die einen wie der Blitz spalten. Die Liebe ist lust- und leidvoll. In einer Lebensgeschichte verbirgt sich ein Familiengeheimnis, das Poloni Satz für Satz aufdeckt. Wie im Memory, das auf der Leinwand gespielt wird. „Vergangenheit – Möglichkeit, ich verwechsle das immer“, sagt eine Figur auf der Bühne. Dies gleichsam das Motto des Abends.

Erzählt wird von Flora Stern. Erni Mangold ist im Film dieses ewigjunge Mädchen, und wenn sie mit schelmischem Augenzwinkern sagt, dass die Kamera ihr Freund ist, weiß sie, wie sehr man sie verehrt. Flora hat im Leben schon Überfahrten angetreten, von einer Welt in die andere, nun steht ihr offenbar diese letzte bevor. Poloni zitiert Shakespeares „Sturm“, doch diese zaubermächtige Pospera hat sich selbst auf ihre Insel getrieben, auf diese blutrote Erinnerung an Sand und Sonne. Man muss viele Kompromisse eingehen, um kompromisslos seinen Weg zu gehen. Flora ging. „Leben. Statt tot sein im Leben. Das muss man wollen.“ Doch im Weggehen wird sie eingeholt. „Jeder Zeit eine Diva, und ihre Zeit war lang“, wird Doina Webers Dolores sie schelten. Erni Mangold spielt hingegen hinreißend unprätentiös, das heißt: sie spielt nicht, sie ist, sie schillert. Oft fragt man sich, wieviel vom Gesagten … Mangold oszilliert zwischen der Manipulation ihrer Mitmenschen und dem aufrichtigen Wunsch zur Berichterstattung. Ihre Flora ist abgeklärt, aber nicht abgekühlt; mit heißem Herzen lässt sie zu, dass längst Verdrängtes sich zurückmeldet. Sie will zum guten Ende zusammenführen, was zusammen gehört. Und die Kamera soll ihr dabei als Mittler dienen. Alles ist zugeschnitten auf die, die nicht auftreten wird.

Eingerahmt wird Mangolds Flora von zwei guten Geistern. Da ist Ariel, die sich in die Lüfte erhebende Jugend. Er ist von Zuhause ausgebüchst und sucht bei der, die er für seine Großmutter hält, Asyl. Er sucht für seine Zukunft nach seinen Wurzeln. Flavio Schily beeindruckt in dieser Rolle sehr. Noch agiert dieser prägnante Schauspieler hauptberuflich als Schüler an einem Wiener Gymnasium, aber bald! Schily changiert zwischen rotzfrech und sophisticated, echt Teenager eben. Wie er der Mangold sagt, dass sie „schon schräg“ ist, das ist sehr schön. In einer Art, in ihrer Art ähneln die beiden einander, eine Reagenz, die sich aus dem Film in den Saal überträgt. David Wurawa als Cal, als Caliban, ist derjenige, dem Flora Asyl gegeben hat. Auch er hat eine Passage hinter sich, von Afrika her, der schwarze Mann mit dem schweren Schicksal. Cal wird zum Katalysator der Handlung, er macht die Vergangenheit öffentlich. Er hat für Flora den Film gedreht und nun zur Séance geladen. Doch das Kamera-Objektiv bleibt für andere subjektiv eine Lüge. Wer hätte denn sein Daheim ohne Deformation verlassen?

Seine Gäste sind Doina Weber und Martin Schwanda. Die Frau mit dem Steinmetzblick und der Stotterer. Auch ihre Verwandtschaft wird sich offenbaren. Schwanda spielt in einer Doppelrolle sowohl Anton, „el doctor“, auf der Bühne, als auch Ari, Floras Liebhaber im Film, die junge Flora dargestellt von Gioia Osthoff. Die Männer sehen einander nicht nur gleich, sie üben auch den selben Beruf aus. Schwanda brilliert als schrulliger, vollbärtiger, kommunikationsunfähiger Linguist, ein Spezialist für aussterbende Sprachen. Doch ist Schwanda nicht nur Kauz, Antons gestammelte Sprachlosigkeit verweist darauf, wie fragil das Leben, wie man es kennt, ist. „Sprache ist ein Dialekt, der Glück gehabt hat“, ist nicht nur einer der bestechensten Sätze im Stück, sondern verweist auch auf dessen Dreisprachigkeit – Deutsch, Englisch, Spanisch. Anton ist einer, der will, aber nicht kann; Ari dagegen – ein Funkenflug, ein geschmeidiger Löwe, dem sich sein Opfer unter Seufzern hingab. Ari wandert durch Floras Gedanken und Gefühle. Eine Seifenblase. Ewig lebt, wen man nicht sterben lässt. Und Schwanda lässt seinen Ari traumtänzerisch gerne leben.

Doina Weber ist Dolores. Flora war die Geliebte ihres Vaters, Dolores wähnt sich als Tochter einer ungeliebten Mutter, die wie ein schwarzer Rabe durch die Jahre ging. Doch keiner ist hier, was er glaubt zu sein. Weber verkörpert Verbitterung,  sie gibt dieser kalten Frau, die lieber aus Steinen Menschen klopft, als unter ihnen zu existieren, messerscharfe Konturen. Sie wird es auch sein, die dem Publikum, das sie einmal in direkter Anrede anklagt, das happy end verwehrt. Zu sehr hat das Falsche ihr Leben bestimmt, als das sie sich jetzt dem richtigen zuwenden könnte. Die Verfehlungen, die Verirrungen werden von einer Generation zur nächsten als Erbsünde weitergegeben. Doina Weber ist schmerzhaft stark. Wie sie sich selber nicht, kann man ihr auch kaum vergeben. „Du blinde Frau hast alles“ sagt Cal, dessen Familie im Mittelmeer ertrunken ist, zu Dolores am Ende, nachdem alle seine Bemühungen gescheitert sind. Der Entwurzelte hat im Gegensatz zu der sich betrogen Fühlenden verstanden, dass Wahrheit ein Relativitätsbegriff ist. Immerhin Prospera-Floras „Nachfahre“ Ariel kann aufbrechen, über den Strand in die Freiheit. Noch unberührt, noch kompromisslos.

Anna Maria Krassnigg hat mit diesem enigmatischen Stück, dessen Auflösung an dieser Stelle verweigert wird, die große Kunst der Kinobühnenschau auf beeindruckende Weise erneuert. Zwar ist das Metro nicht jener magische Ort zwischen mar y montana, den man in den Zuspielungen erkennt, doch bleibt er als Parfüm, unterstützt durch das Bühnenbild von Lydia Hofmann und die subtil eingesetzte Musik von Christian Mair. Im Gesamten kreiert sich hier aus der literarischen Sehnsucht des weiten Landes Floras „kaltes Land“. Auch das Metro kann Melancholie. Und wie. Das Metro atmet … dem Publikum stockt vor dem Applaus der Atem kurz. Der Kopf muss erst zurückkommen, von den vielen zur Verwirrung ausgelegten Fährten. Dann Bravo und Blumen. Als Spielfilm ist „La Pasada“ ab dem Frühjahr 2016 in den heimischen Kinos zu sehen. Der von Anna Maria Krassnigg und Christian Mair produzierte Film wird maßgeblich durch Crowd-Funding finanziert. Man darf gespannt sein.

Trailer: vimeo.com/144214612

salon5.at

Wien, 18. 11. 2015

Wiener Festwochen: „Die Kinder von Wien“

Mai 16, 2013 in Bühne

Grausame Groteske im Nachkriegskeller

Daniel Frantisek Kamen, Jens Ole Schmieder Bild: Barbara Palffy

Daniel Frantisek Kamen, Jens Ole Schmieder
Bild: Barbara Palffy

„Ein albtraumhaftes Märchen“ nannte Robert Neumann, aus Wien nach England und später in die USA emigrierter jüdischer Romancier und satirischer Sprachakrobat, seinen Roman „Die Kinder von Wien oder Howeverstillalive“  im Jahr 1946. Anna Maria Krassnigg, Erfinderin des wunderbaren Theaters Salon 5 und Professorin am Reinhardt-Seminar, hat für die Wiener Festwochen in der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik einen solchen inszeniert. Eine grausame Groteske in einem Nachkriegskeller. („Trotzdemimmernochlebendig“ war übrigens eine Bezeichnung, die Neumann auch für sich selbst benutzte.) Inhalt des nun dramatisierten Stoffes: In einer Kellerruine im Nachkriegs-Wien hausen der gerissene Schleichhändler Jid, ein KZ-Überlebender, der blonde Goy aus dem Kinderverschickungslager, „Curls“, Besitzer der Bruchbude, Ewa, minderjährige Prostituierte, weil sie in der Lagerkommandantur keinen anderen „Beruf“ gelernt hat, Ate, die Ex-BDM-Führerin und ein „Kindl“ mit Wasserbauch im Babywagen. Eine Teenager-WG, eine Vor- oder (wie für Jid und Ewa) eine Nachhölle, in die ein schwarzer US-Army-Reverend gerät – und Rettung verspricht. Das Ende  … ist bis 31. Mai zu erleben. Nur so viel: Faschismus und Krieg zerstören den Menschen. Er ist nicht mehr zu retten. Er reißt andere sogar mit ins Inferno. Das ist Neumanns beklemmende Parabel. Kaputt ist kaputt, verdorben ist verdorben. Eine verlorene Generation …

Krassnigg, die in die Buffett-Hälfte des Riesenraums die Salon 5-Atmosphäre mit Teppichen, Tappas, Diwanen und gutem Rotwein, mitgebracht hat, hat in der Spiel-Hälfte eine Kinderschutthalde (Bühne: Lydia Hofmann, Kostüme: Antoaneta Stereva) aufgebaut. Mit Riesenteddybär und Miniatur-Teeservice, mit grindigen Matratzen und Gittern, hinter denen die Darsteller mitunter stehen. Sie haben mehreren Rollen („Curls“ wird, erkennbar an der Schirmmütze, von allen gespielt) zu bewältigen, sind nämlich Erzähler-Ich und Ich-Erzähler, Reden in der Vergangenheit von der Zukunft und in Zukunftszenen von … Misstrauen herrscht über allem. Die Leut‘ sind so brutal wie ihre Zeit. Neumann erfand dafür ein Sprachbabylon – Jiddisch, Englisch, Gaunerrotwelsch, Wienerisch, auch schönbrunnerisches (vom interessierten Kellerkäufer Martin Schwanda, der hier einen Nachtklub installieren will) , „Teutsch“ – wird durcheinander geredet. Als Solo, in Duetten, in einem Chor des Grauens. Vieles an diesem Abend macht das Tragische nicht unkomisch. Ein von Krassnigg eingelassenes Wechselbad der Gefühle, die manchmal wie beim Konzepttheater surrealistisch-distanziert keine Nähe zulässt, sich dann wieder so nah-emotional an die Schicksal heranzoomt, dass es einem das Wasser in die Augen treibt. Sind doch nur Kinder. Allerdings abgebrühte. Und das größte unter ihnen Militärpriester Smith (David Wurawa), einerseits verkappter Kommunist, andererseits mit der bis heute berüchtigten amerikanisch-überzeugten Weltretter-Naivität ausgestattet. Zum Todlachen lustig. Es wird die Kellergemeinde sein, das „Milieu“, das sein Leben „retten“ wird.

Neumanns Text ist eine szenische Fundgrube, die Vorwegnahme eines Brechtartigen „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, ein Unwohlsein bereitendes Beispiel für Überlebenstrieb und Durchhaltekraft und Zähigkeit. Gott glänzt wieder einmal durch Abwesenheit. Aber der Mensch hält was aus. Er ist sein eigener Wolf. Erfährt etwa ein „Freier“, der für Ewa Leben und Ledermantel lassen muss. Und trotz Bauchstich wieder aufsteht. Der Mensch ist ein Wiedergänger. Und den Satz mit dem „aus der Geschichte nichts lernen …“ kann man sich hier sowieso sparen. Dass Erwachsene Kinder spielen, und das unpeinlich, ist ein Verdienst von Anna Maria Krassnigg. Nicht einmal blitzt der Gedanke auf, dass da keine 13-, keine 15-Jährigen vor einem stehen. Den Abend dominiert ein großartiger Daniel Frantisek Kamen als melancholischer-knallharter (welch eine Mischung!), auch sprachlich perfekter Jid. Einer, der weder sich noch andere schont. Kirsten Schwab gibt eine Ewa, die sich ihrer Sexyness durchaus bewusst ist, aber ansonsten keine Hunderterbirne hat. Jens Ole Schmieder ist ein einmal kindlicher, dann wieder messerscharfer Goy. Petra Gstrein sucht als Ate nach Verlust des „Führers“ immer noch (totalitaristische) Führung – und findet sie bei den Russen. Werner Brix zeigt sich als Verwandlungskünstler des Abends. Er singt mit David Wurawa auch das von Christian Mair neu vertonte Wienerlied vom „Lieben Augustin“. Alles ist hin.

Neumann ist ein Autor, den es dringend wieder zu entdecken gilt. Anna Maria Krassnigg ist ihm schon verfallen: Ab 31. November zeigt sie im Salon5 „Hochstapler. Rasante Flucht nach Robert Neumann.“ Davor gibt es von 12. bis 14. Juni im Salon 5 den zweiten Teil von „Die Kinder von Wien“: die History hinter der Story sozusagen, Gespräche mit Zeitzeugen, Kindern von Wien, Wissenschaftlern und Künstlern.

www.festwochen.at

www.kindervonwien.at

Video: vimeo.com/dramashop/howeverstillalive

www.salon5.at

Interview mit Anna Maria Krassnigg: www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-julia/

Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 5. 2013

Wiener Festwochen: Die Kinder von Wien

April 29, 2013 in Bühne

Ein Gespräch (und mehr) mit Regisseurin

und Rechercheurin Anna Maria Krassnigg

„Howeverstillalive“ ist nicht nur der Untertitel der literarischen Entdeckung von Chef-Salo5istin Anna Maria Krassnigg (Rechte: Thomas Sessler Verlag). Der große streitbare Satiriker Robert Neumann hat sich selbst so genannt – wie auch immer: noch am Leben. 1946, so vermeldete der New Yorker Herald Tribune schrieb er „a violent, gentle story“. „Children of Vienna“ führt in den Winter 1945/46, in ein fiktives Nachkriegswien. Zwischen Ruinen und Bombentrichter. Zu Schleichhändlern, Amts-Alliierten, einem schwarzen Nichts-Erlöser-USA-Missionar – dem kindlichsten Kind in dieser kinderfeindlichen Umgebung. Führt zu Läusen, Dreck und Wanzen. Fünf irgendwie überlebende Jugendliche hausen in einem Keller. Eine Wohngemeinschaft des Mangels, aber auch einer anarchischen Freiheit. Sie begegnen dem Leben ohne Moral, aber mit tierischer Zähheit und einem Witz, der beißt. 1948 schimpfte das „Neue Österreich“ gegen die „Überfülle von Widerwärtigem“. „Es geht nicht an, dass Österreich widerspruchslos ein Buch akzeptiert, das für das Land, für die Stadt, ihr millionenfaches Blutopfer und die jahrelange Bitterkeit gequälter Menschen nichts anderes übrig hat als ein zynisches Kaleidoskop.“ Neumanns geniale Parabel hat die Jahre überlebt (sie wurde in 18 Sprachen übersetzt, nicht aber ins Deutsche. Fast drei Jahrzehnte nach Kriegsende, 1974 veröffentlichte Neumann sie erstmals in Deutschland in eigener Übersetzung. 1979 erschien eine Ausgabe mit einer Einführung von Christine Nöstlinger), hat die Wegstrecke zum Heute mühelos eingeholt, ein Zeitstück über „displaced persons“.

Foto Christian Mair

Foto Christian Mair

2013 kommen sie von allen Kontinenten. Versuchen sich mit ihrem „displaced slang“ ein neues Leben aufzubauen, doch da bleibt die Wut im Bauch und das Lachen im Hals stecken … „Flüchtlinge in der Votivkirche, an den Euro-Randzonen, wir können nicht so tun, als hätte das nichts mit uns zu tun“, empört sich Anna Maria Krassnigg. Ab 15. Mai will die Theatermacherin in der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik ihr Projekt stemmen. Es spielen Werner Brix, Petra Gstrein, Daniel Frantisek Kamen, Jens Ole Schmieder, Kirstin Schwab, Martin Schwanda und David Wurawa. „Trüffelschweine“, liebevoll, nennt Krassnigg ihren Bekanntenkreis, der ihr half, diesen „originär-originellen, nicht zurückgeholten, unglaublichen Wiener Literaturschatz“ ausgegraben zu haben. „Dieser schnelle, böse Humor!“ Acht große Romane hat Neumann geschrieben; Krassniggs „Überziel“ wäre eine Neuauflage des Werks zu initiieren. „Wobei“, sagt sie, „man das parabel-, märchenhafte, fantastische der ,Kinder von Wien‘ sofort erkennen muss. Das Buch ist keine dokumentierte Wahrheit, es ist seelische Wahrheit, und die ist stärker als jedes Dokument. ,Ich muss ein Märchen schreiben, denn nur Märchen sind wahr'“ meinte Neumann. Die Saturday Review of Literature nannte es dann „a nightmarish fairy tale.“ Eine Story über den Menschen durch Krieg und Faschismus. Krude, radikal, verzweifelt, beklemmend. Alles ist kaputt und verdorben.

So ist auch die Konstellation der Protagonisten: Da ist der gerissene Schleichhändler Jid aus dem KZ, der blonde Goy aus einem Kinderverschickungslager und „Curls“, Besitzer der Kellerruine. Ewa, 15 Jahre alt, ist Prostituierte; ihre Freundin Ate war beim „Bund deutscher Mädchen“ und hat den Stechschrittsprech auch noch drauf. Im Babywagen liegt ein „Kindl“ mit Wasserbauch, um das sich alle kümmern. Eine todkomische, mitreißende, schonungslose Sprachfantasie soll da im zehnten Bezirk uraufgeführt werden, die Halle eine imaginär-zerstörte Stadt, ein wienerisch-gemütliches Inferno aus der radikal Neubeginn wachsen soll. Die Amis und ihre Preachers sind ja da. „Die Expedithalle wird unser Vienna“, bestätigt Krassnigg. „Eine Nachkriegsgeisterstadt, in der’s dort nobel zugeht, wo das Schiebergeld locker sitzt.“ Erni Mangold, Zeitzeugin, und unsentimental wie man sie kennt und liebt, war Krassnigg eine große Hilfe. Sie stellte lapidar fest: „Die Leut‘ werden a Sach ned verstehen: Das es so war! Wie willst anarchistische Freiheit vermitteln? Des is schwer. Da musst ned nur a Lehrstunde über Hitler, sondern auch über Dollfuß und Schuschnigg abhalten.“

„Thomas Bernhard hätte die ganze Sache wahrscheinlich ,Die Kinder von Wien. Eine Anstrengung‘ genannt“, lacht Krassnigg. Und ist sich eines weiteren Problems bewusst: Wie peinlich es sein kann, wenn Erwachsene Heranwachsende verkörpern.“ Sie hofft bei ihren Darstellern auf das von ihnen schon oft bewiesene „Gretchengen“ beziehungsweise eine „parsifalekse“ Spielweise. Auch Neumanns Sprache ist eine „Klischeefalle“, eine Mischung aus jiddisch, gaunerrotwelsch, wienerisch, US-Slang, ein Sprachbabylon, eine bewusst-ironische Kunstsprache, ein „displaced person“-Idiom. „Aber in Traiskirchen ist es auch nicht anders“, so Krassnigg. Und außerdem habe jeder der Schauspieler Unterstützer gefunden. Kamen, der den Jid gibt, etwa „zwei entzückende jüdische Damen, die Neumann noch kannten, und mit Daniel üben.“ Auf einer zweiten Spielebene findet ein „Maturatreffen der Geister“, eine Verfremdung, eine Zeitreise, eine Kommentarebene, „was typisch Krassnigg’sches eben“ statt. Die Kinder scheinen einander nach Jahrzehnten wieder zu treffen. Aber ohne konkrete Erinnerung. „Waren wir nicht gemeinsam auf Landverschickung?“, fragt BDM-Ate beim Tee in der Konditorei die KZ-Ewa.

Damit niemals vergessen wird, hat der Abend einen zweiten Teil: Von 12. bis 14. Juni werden im Salon 5 Zeitzeugen zu Wort kommen und sich der Diskussion stellen. „Da wird der ehemalige Schuster aus Ottakring genauso dabei sein, wie berühmte Forscher oder Künstler.“ Erni Mangold, Franz Stadler, Helmut Schüller oder Zukunftsforscher Peter Zellmann sind eingeladen. Am 23. und 24. Oktober gastieren „Die Kinder von Wien“ dann im Posthof Linz.

Zur Person Robert Neumann: 1897 in Wien geboren, Studium der Medizin, Chemie und Germanistik, danach unter anderem Bankangestellter, Effektenkassierer, Schwimmtrainer und Matrose. Mit seinen Parodien „Mit fremden Federn“ (1927) und „Unter falscher Flagge“ (1932) erreichte er literarische Bekanntheit. Manche nannten ihne wegen seiner Mischung aus Witz, Spott, Angriffslust sogar einen heimlichen Moralisten, versteckt hinter der Maske des Spachvirtuosen. Freund Erich Kästner – und Neumann hatte nicht viele Freunde – schrieb über ihn: „Halb ein Bürgerschreck und halb ein erschrockener Bürger dichtet er sich leicht frierend durch das Menschengewühl.“ 1934 Emigration nach England, wo er weiter als Autor arbeitete; ab 1939 Tätigkeit für den österreichischen und internationalen P.E.N., dessen Vizepräsident er 1950 wurde. Neumann veröffentlichte mehr als 100 Bücher, Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher, zählt heute jedoch zu den großen unterschätzten Romanciers Österreichs, dessen Wiederentdeckung und literarische Neueinschätzung noch aussteht. Er starb 1975 in München.

Wieder zu entdecken wären: „An den Wassern von Babylon“, „Ein leichtes Leben“ (Geschichten aus dem Internierungslager, in das die Briten „feindliche“ Emigranten steckten), „Die Parodien“.

www.festwochen.at

www.kindervonwien.at

Ein „Wienerlied“ zum Reinhören: kindervonwien.at/?p=328  
Werner Brix und David Wurawa singen ein Update ((Musik: Christian Mair) des legendären Wienerliedes vom „Lieben Augustin“ über Pest und Überlebenswillen. Alle Vertriebseinnahmen werden der Gruft, dem Caritas-Betreuungszentrum für Obdachlose, zur Verfügung gestellt. 30 Käufer, die je 0,99 Euro bezahlen, finanzieren bereits eine warme Mahlzeit, eine Woche lang. „Howeverstillalive“ wurde unter eigenem Label (saucybark) verlegt und kann ab sofort online über iTunes, Google Play und zahlreiche andere Musikplattformen erworben werden.

www.salon5.at

www.ifflandundsoehne.com

www.dramashop.eu