WUK – Bum Bum Pieces: ALT. Ein Robotermusical

Januar 13, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Immer schön lieb sein zur Maschine

Ein Schal für die Maschine: Victoria Halper performt und strickt. Bild: Marie Pircher

Die Gelenke knarzen, der Arm ist bleischwer, der Griff lockerer, auch langsamer als früher. Altsein ist als Zustand gnadenlos. Wie grausam, ausrangiert zu werden, weil, wer nicht länger arbeiten kann, keinen Wert mehr hat. Sie ist allein gelassen, einsam, und wenn sie leise weinend singt „Weißt du noch, wer ich bin? / Weißt du noch, wo ich bin? / Weißt du, eigentlich bin ich immer noch ich …“, ehrlich, dann hat man an seiner Betroffenheit schon zu schlucken.

Ein Seelenstich, den das Künstlerkollektiv Bum Bum Pieces selbstverständlich sehr bewusst setzt. Die Steirer Simon Windisch und Nora Winkler, die sich mit dieser Aufführung im WUK erstmals in Wien vorstellen, erzählen vom Altwerden – andersrum. In Zeiten, da der Pflegenotstand zum Kleingeld ranschaffenden Polit-Schlagwort geworden ist, sind Maschinen in der Seniorenbetreuung bereits keine Dystopie mehr. Von Geh- und Aufstehassistenten über automatisierte Streichelhände bis zu künstlichen Kuschelrobben ist alles da, was die zwischenmenschliche Beschäftigung mit der Vergänglichkeit hinfällig macht.

In „ALT. Ein Robotermusical“ ist der Apparat, der nicht mehr so recht funktioniert und daher der Fürsorge bedarf, allerdings keiner aus Fleisch und Blut, sondern ein Fertigungsgreifer. Empathische Elektrik, der Performerin Victoria Halper – gemeinsam mit Dramaturg Kai Krösche bekannt als Gründerin des Nestroypreis-2019-Nominees DARUM (www.darum.at) – als Pflegekraft einen Lebensabend in Würde bescheren soll. Das ist so absurd wie amüsant wie traurig, dies musikalische Kammerspiel, zu dem Manfred Engelmayr und Robert Lepenik die Live-Klangflächen beisteuern, so zutiefst menschlich, dass man bald keinen Gedanken mehr daran hat, dass es hier „nur“ um eine Maschine geht.

Nie wieder, geschworen! wird man nach diesem Abend den Laptop anpflaumen oder sich gewissenlos vom kaputten Toaster trennen! Dass einen derlei Gefühle überfluten, ist das Verdienst von Performerin Nora Winkler, sie auch die Sängerin der Band Binder & Krieglstein (www.binderundkrieglstein.com) und auch in „ALT“ für den Greifarm-Gesang zuständig, die den von Stefan Bauer eigens für das Stück gebauten Roboter wie eine überdimensionale Puppe bewegt, und so in Dialog mit Pflegerin Halper tritt.

Halper mit Robert Lepenik und Manfred Engelmayr. Bild: Marie Pircher

Nora Winkler ist als Roboter Trumpf, re: Victoria Halper. Bild: Marie Pircher

Der Blick, den einen Regisseur Windisch im Anschluss an die Vorstellung in den Rentner-Innenraum werfen lässt, macht Winklers Leistung noch großartiger, auf kleinstem Raum zu steuern, zu inter/agieren und dabei noch live Musik zu machen. Durch sie wird der Arm zum Lebewesen, das schaut, sichtlich denkt, buchstäblich begreift, reagiert. Berührend, wie dieses Geschöpf beim Die-Tage-Zubringen unter Depression und Langeweile leidet, bis ihm Halper den Fernsehapparat einschaltet und ihm Filme von seiner alten Fließbandarbeit vorspielt.

Ein Gebäudeabriss mit Longfront-Bagger wird da zum Actionreißer à la „Terminator“, während die Pflegerin sorgsam kalibriert und schmiert, Halper fabelhaft, wie sie die unaufgeregte Selbstverständlichkeit der stoischen Fachfrau darstellt. Herzzerreißend, wie die beiden Karten spielen, „Zehner, König, König, Trumpf“ singt die Maschine beim Zweierschnapsen, und auch „Liebe, Liebe, Liebe, Ass“, eine Schicksals- gemeinschaft, die zwischen Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis changiert, bevor, auch das ist Betroffenen bekannt, aus Innigkeit Renitenz wird. Und Inkontinenz.

Und Halper, die ihren Charakter beinah ausschließlich mit Gesten sprechen lässt, Putztuch/Erwachsenenwindel angewidert entsorgt. Als aber der Arm einen Albtraum hat, ist alles wieder gut zwischen ihnen, den Schal, den Halper an seiner Seite strickt, wird sie ihm zum Schluss als Geschenk umlegen – auch sie bis dahin im körperlichen Volleinsatz, da sie den Riesenarm samt Insassin Winkler mittels Hubwagen/Rollstuhl über die Spielfläche befördert.

Von – natürlich kostengünstigen – Pflegemaschinen, die niemals müde werden, schwärmen deren Hersteller. Nach Ansicht von „ALT“ können einem jedoch Zweifel kommen, ob die künstliche Intelligenz tatsächlich nicht zu Stimmungsschwankungen, Ungeduld, Erschöpfung neigt. In Japan ist Parlo auf dem Siegeszug, der kleine Serviceroboter, der 365 Unterhaltungsprogramme abspulen kann, vom Rätselraten bis zum Rhythmusspiel. Für jeden Tag eins in der Tristesse der Seniorenheime. Die Frage, ob alte Menschen derart nicht eigentlich noch mehr isoliert, da von wirklicher Kommunikation abgeschnitten werden, wird womöglich eine sein, die unsere Generation am eigenen Leib beantwortet finden wird. Wobei diese nach „ALT“ eindeutig so ist, dass man sich eine Pflegerin, wie die gezeigte wünscht …

Nächste Vorstellungen von 15. bis 19. Jänner.

bumbumpieces.at           www.wuk.at

  1. 1. 2020

Armes Theater Wien: Waisen

November 16, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Familienabend mit Folteropfer

In schwierigen Zeiten hält die Familie zusammen: Thomas Weißengruber, Krista Pauer und Adrien Papritz. Bild: Vondru

In schwierigen Zeiten muss die Familie zusammenhalten: Thomas Weißengruber, Krista Pauer und Adrien Papritz. Bild: Vondru

Das Arme Theater Wien zeigt im WUK-Projektraum Dennis Kellys „Waisen“. Diese sind die Geschwister Helen und Liam, und als das Stück einsetzt, ist etwas passiert, dass die Vorstellungskraft eines normalen Menschen übersteigt. Mitten in eine intime Feier des Ehepaars Helen und Danny – man begeht die Empfängnis des zweiten gemeinsamen Kindes – platzt blutverschmiert der Bruder.

Er hätte dem Opfer eines Messerattentats mitten auf offener Straße helfen wollen, erklärt er, und tischt so immer weiter Lügen auf, bis er endlich die Wahrheit serviert. Der „Araber“ wurde gefoltert. Doch weil der ohnedies keiner „von uns“ ist, trifft die Familie in Folge ein paar fatale Entscheidungen …

Regisseur Erhard Pauer hat Kellys plakatives Suspencestück aus dem Jahr 2009 vortrefflich inszeniert, er hat den Holzhammer des Autors gegen die ihm eigene feine Theaterklinge gewechselt und so einen Abend zur Zeit erschaffen. Es geht ihm um Alltagsrassismen und Ausgrenzung des „Fremden“ ebenso wie um Mitmenschlichkeit und Mitgefühl und wann und warum der einzelne bereit ist, beides abzulegen. Nämlich immer dann, wenn das „Ausländerproblem“ vor seiner persönlichen Haustür ankommt. Entstanden ist so eine Aufführung, die von der Achtung der Würde des Menschen geprägt ist. Denn im Gegensatz zu dem, was in der Verfassung, Artikel zwei, steht, ist diese dieser Tage sehr wohl wieder antastbar.

In einem Wohnviertel, das nach dem Gefühl seiner Bewohner mehr und mehr „von denen“ übernommen wird, sagt und tut einer, was viele andere denken, aber nicht auszusprechen oder auszuführen wagen. „Die Regierung überlässt uns den wilden Tieren“ heißt es dazu im Text. Pauers präzise Arbeit besticht durch eine vor Nervosität flirrende Atmosphäre und durch das intensive Spiel der drei Darsteller. Ihnen gelingt es die Schablonenhaftigkeit von Kellys Figuren, denn natürlich muss Liam einen Neonazi-Freund mit NS-Memorabilia-Sammlung haben, natürlich müssen er und seine Schwester aus den denkbar schlechtesten sozialen Verhältnissen stammen, zu nachvollziehbaren Charakteren auszubauen.

So ist das Stück weniger, wie schon gesehen, ein Krimi als eine Erkundung der Ängste und einer latenten Ausländerfeindlichkeit und den daraus entstehenden Loyalitäten, die einen der Protagonisten dazu bringen, zu tun, was er nicht tun wollte. „Waisen“ ist die schmerzhafte Überprüfung, wie leicht die moralischen Grundwerte einer sich als aufgeklärt rühmenden Gesellschaft zu korrumpieren sind. Wessen Blut an Liam klebt und warum, hält das Publikum bis zum Schluss in Atem. Von einem Satz zum nächsten rinnt die eben erst etablierte Realität dem Schauspielertrio quecksilbrig durch die Finger; Pauer spannt so sein Netz grundsätzlicher, gesellschaftspolitischer Fragen, und stetig gewinnt es an Komplexität.

Helen zwischen Bruder Liam: Krista Pauer und Adrien Papritz ... Bild: Vondru

Helen zwischen Bruder Liam: Krista Pauer und Adrien Papritz … Bild: Vondru

... und Ehemann Danny: Krista Pauer und Thomas Weißengruber. Bild: Vondru

… und Ehemann Danny: Krista Pauer und Thomas Weißengruber. Bild: Vondru

Ein wenig ist man an Beate Zschäpe und ihre Aussagen im NSU-Prozess erinnert, wenn auf der Bühne die Furchtbarkeiten ihren Lauf nehmen. Kelly hat drei Archetypen menschlicher Verhaltens- und Handlungsmuster erfunden und arbeitet an ihnen seine Interpretation von rechts ab. Im Zentrum der Inszenierung steht Helen, brillant dargestellt von Krista Pauer, hin und her geworfen zwischen Familienbanden und Eheversprechen. Wie sie zu ihrem Bruder erst auf Distanz geht, weil sie ihn sehr wohl kennt, dann aber schließlich ihre radikalen Ansichten durch die angeheiratete bürgerliche Fassade brechen, das ist großartig gelöst. Je mehr sie das Tun des einen schönredet, umso mehr erpresst sie den anderen, und währenddessen spült es bis dahin im Verborgenen gehaltene Konflikte und den Zorn darüber an die Oberfläche.

Thomas Weißengruber als Danny steht dem hilflos gegenüber. Er ist der Humanist, der sein Weltbild in sich zusammenfallen sieht, seit er im Viertel von einer jugendlichen Migrantenbande brutal verprügelt wurde, er will nicht denken, dass der Mensch so sein kann, doch stetig wird auf ihn eingeredet, dass doch. Am Ende wird er für die Familie die Angelegenheit bereinigen, aber daraus Konsequenzen ziehen. Weißengruber besticht als grüblerischer, ob der Tat verzweifelter Ehemann, der dem Treiben seiner Frau und seines Schwagers fassungslos gegenübersteht, bis er schließlich selber zum Täter wird.

Die formidabelste Leistung bringt Adrien Papritz als Liam. Er macht aus seiner Rolle einen verhaltensauffälligen Sonderling, der sich im Laufe des Abends zum angsteinflößenden, gewaltbereiten Psychopathen entwickelt. Wie er Argumente dreht und wendet, bis sie ihm mundgerecht sind, das kennt man. Auch, wie er objektive Richtigkeit in seine eigene verwandelt. Anfangs noch mit spitzbübischem Grinsen, später mit blankem Terror versucht er, seine Warnungen vor dem „aggressiven Zuwanderungsislamismus“ an Mann und Frau zu bringen. Er bringt die Stimmung zum Brodeln, bis sie kippt. Dass Widersprüche und tatsachenwidrige Behauptungen seine Zuhörer nicht irritieren, ist Teil des Phänomens Liam. Man werde sich noch wundern, was alles möglich sei, sagte hierzulande ein Politiker. „Waisen“ im WUK ist nicht nur wegen dieses Satzes sehenswert.

www.armestheaterwien.at

Wien, 16. 11. 2016

Armes Theater Wien: Nach dem Ende

November 16, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Gewalt noch mehr Gewalt erzeugt

Krista Pauer, Oliver Arno Bild: Martin Hauser

Krista Pauer, Oliver Arno
Bild: Martin Hauser

Terroristen haben eine Kofferatombombe gezündet. Ein Mann rettet eine bewusstlose Frau aus Trümmern und Toten in seinen Bunker. Dort entspinnt sich ein Zweikampf um gesellschaftliche Grundwerte und menschliche Grundrechte. Die Spirale dreht sich. Gewalt erzeugt Gewalt erzeugt noch mehr Gewalt. Das Arme Theater Wien zeigt im WUK Projektraum Dennis Kellys „Nach dem Ende“.

Regisseur Erhard Pauer inszeniert ganz im Sinne des Autors. Er macht aus dem Beziehungskrieg einen größeren, ein Abbild der Welt im Krieg gegen den Terror. Er thematisiert ein Ausgeliefertsein denen gegenüber, die nur das beste von einem und für einen wollen. Also entweder Kopf ab. Oder in die Köpfe rein. Er thematisiert Spitzelwesen und Kontrollwut. Wie Ausgrenzung zu Täterschaft führt. Und was aus dem Opfer wird, wenn es sich radikalisiert. „Es ist leicht eine Meinung zu haben, wenn niemand sie auf den Prüfstand stellt“, heißt es im Text. Und, dass Zorn nichts ändert an richtig oder falsch. Zu zerstören ist nur, wer sich einschüchtern lässt.

Kelly und Pauer sind durchtriebene Zersetzer von Gewissheiten. Alles ist anders, als man anfänglich glauben will. Und dann nochmals und nochmals anders. Vor allem den anscheinend hehren Motiven der Bühnenfiguren darf man jeweils gründlich misstrauen. Macht- und Ohnmachtsverhältnisse kehren sich um und um. Damit spielt dieses Kammerspiel.

Oliver Arno ist der rettende Mark. Anfangs ganz unauffälliger, freundlicher Nachbar. Eigentlich der Bürokollege. Doch schon seine schwelgerisch poetischen Sprachbilder von den verkohlten Leichen „draußen“ machen stutzig. Ist wirklich was passiert? Mark entpuppt sich als Außenseiter mit seltsamen Ansichten, tagsüber deswegen ein Mobbingopfer, nachts ein Stalker. Arno spielt diesen Jekyll & Hyde mit der gebotenen Ambivalenz. Er schwankt zwischen Allmachtsfantasien und Depression, flüchtet sich nach einer Aggressionsattacke winselnd in den Schoss der Frau. Immer wieder hat man Mitleid mit diesem ewigen Verlierer im Gesellschaftspiel, bis er dann erneut … Arnos Mark ist ein Raubtier auf der Lauer. Er wird seinem Opfer schließlich die Nahrung verweigern, weil es ihm nicht zu Willen ist. Da hat sich der äussere Terror längst in einen inneren verkehrt, die Inbesitznahme einer Person durch eine andere – bis hin zur Vergewaltigung. Erhard Pauer zeigt die Figuren so nackt und bloß, wie es auch die bis auf ein paar Versatzstücke leergefegte Bühne ist. Schutzlos im Schutzraum. Zu Kellern ist die Beziehung in Österreich ja prinzipiell eine eigene.

Krista Pauer spielt Louise mit losem Mundwerk. In Gefangenschaft ist sie die emotional Überlegene. Sie lockt und faucht, provoziert und beschwichtigt. Sie reitet ihre Angriffe mit vollem Körpereinsatz, zunehmend genervt über diesen Alles-Ausdiskutierer. Und wie sie den Verrückten in den Wahnsinn treibt. Es kommt zu Eskalation und Verletzungen. Schicht für Schicht legen sich die Charaktere frei, mit großer Glaubwürdigkeit werfen sich die Darsteller in dieses Dialoggemetzel. Pauer ist wie immer wahrhaftig, „echt“, sie holt die Politparabel ins schmerzhaft Private, sie umhüllt Kellys Behauptungen mit Psychologie wie der zuckende Muskel den Knochen – am Ende, wenn es Spitz auf Knopf, das heißt: Fleischhammer gegen Tranchiermesser steht. Kelly wirft Fragen auf, die Pauer Vater und Tochter geschickt weiterreichen. Das Publikum muss seine Fragen dazu stellen, denn für Antworten gäbe es wohl den Friedensnobelpreis. „Nach dem Ende“ ist ein Stück zum Ungeist der Zeit.

„Nach dem Ende“ läuft Krista Pauer zur Hochform auf. Wenn sie den mittlerweile wieder moderaten Mark im Gefängnis besucht und in grausig heiterem Ton erzählt, dass sie nun ihrerseits ein schwächeres Wesen zum Aus-dem-Leben bringen gefunden hat. Wie im Selbstgespräch erklärt sie, warum sie gekommen ist: „Ich gehe hin und bitte ihn, sich umzubringen.“ Gespenstisch ist das: der Hyde-Blick hat den Besitzer gewechselt. Die Kette, an der die Grausamkeit hängt, ist endlos, diese Welt ein Irrenhaus. Es entspinnt sich ein Zweikampf um gesellschaftliche Grundwerte und menschliche Grundrechte. Die Spirale dreht sich. Gewalt erzeugt Gewalt erzeugt noch mehr Gewalt. Beschädigungen bleiben. Lousie sagt: „Ich versuche rauszukriegen, wie ich vorher war, und spiele das dann.“

Zu sehen bis 20. November.

www.armestheaterwien.at

Wien, 16. 11. 2015

donaufestival im WUK

Dezember 10, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

REAL DEAL!  Festival für Postspekulative Kultur

RealDeal Bild: (c) godsentertainment

RealDeal
Bild: (c) godsentertainment

12./13. 12. Hosted by God’s Entertainment & dem designierten Intendanten der Wiener Festwochen Tomas Zierhofer-Kin.

Die fortschreitende Kapitalisierung der Gesellschaft geht auch an der Kunst – und Kulturpolitik nicht spurlos vorbei. Wo Förderungen gerechtfertigt werden müssen, fallen vorrangig Begriffe wie Umwegrentabilität, Indexanpassung oder Kosteneffizienz. Die Terminologie des ökonomischen Denkens dominiert die Strategien und Überlegungen zur Auf – und Umverteilung der vorhandenen aber schwindenden Ressourcen quer durch die Institutionen. Subventionsgeber spekulieren mit Theatern, Theater spekulieren mit Künstlern, die Künstler mit der Kunst und alle zusammen mit dem Publikum. Dabei übersehen oder ignorieren die Repräsentanten oft genug, dass die, die sie repräsentieren sollen und wollen, weder auf der Bühne noch im Zuschauerraum vertreten sind. Oder andersrum, aber auch nicht viel besser, dass sie ausschließlich vertreten sind.

REAL DEAL! will keine Kunden sondern Komplizen, will keine Kritik an bestehenden Verhältnissen, sondern andere Verhältnisse. Die Veränderung von Koordinaten der festgelegten Strukturen ist das Ziel die Realität selbst neu zu denken und jedes Vorhaben unabhängig von vorgegebenen Strukturen zu verwirklichen.

Mit REAL DEAL! analysieren, psychedelisieren, dekonstruieren und theatralisieren God’s Entertainment zusammen mit Christina Kubisch, geheimagentur, Ann Liv Young, Shrack!, The Bug, Lady Leshurr, Jaap Blonk, Ventil, Billy Roisz, etc. die Emotionen hinter den Fassaden des WUK.

REAL DEAL! remixt Performancekünste und Club Kultur: ein Karneval der diplomierten Zuschauer, ein Mantra für Unbefriedigte, eine Pre-formance für ein neues Zeitalter, eine Turbospekulation.

www.gods-entertainment.org

www.wuk.at

www.donaufestival.at

Wien, 10. 11. 2012

Armes Theater Wien: Tape

Oktober 28, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Verhör um Sex und Gewalt

Rüb, Pauer, Bocek Bild: © Martin Hauser Photography

Rüb, Pauer, Bocek
Bild: © Martin Hauser Photography

Polanski, Kachelmann, Strauss-Kahn – die Öffentlichkeit diskutiert immer wieder ausgiebig und mit voyeuristischen, vorurteilsdummen Ausfällen über die Grenze zwischen einvernehmlichem und erzwungenem Sex. Da kommt Stephen Belbers amerikanisches Erfolgsstück „Tape“ von 1999, das jetzt von Erhard Pauer im WUK Projektraum inszeniert wurde, zeitgerecht. Nicht nur, weil das Well-made-Play, in dem drei ehemalige Schulkameraden in knapp anderthalb Stunden Echtzeit in einem Motel-Zimmer aufeinandertreffen, sich ebenfalls um jenen kritischen Punkt dreht. Sondern weil Belber raffiniert offen lässt, ob es sich bei dem fraglichen Vorfall auf der Highschool-Abschluss-Party vor zehn Jahren bloß um Sex oder schon um Gewalt gehandelt hat – jeder der drei hat seine eigene Version.

Außerdem dreht Belber den Spieß um: nicht die Frau ist es, die den Mann der Vergewaltigung anklagt. Vielmehr will sich Jon – auf Druck von Vincent, der seiner Jugend-Liebe Amy immer noch hinterhertrauert – bei Amy für eine Vergewaltigung entschuldigen, die er ihrer Meinung nach gar nicht begangen hat. „Wir haben unterschiedliche Wahrnehmungen davon, was passiert ist“, fasst sie schlicht zusammen – und weder Vincent (der von einer Vergewaltigung überzeugt ist, weil er sich nicht erklären kann, wie Amy sonst mit Jon, aber nicht mit ihm hätte schlafen können), noch Jon (dessen Geständnis Vincent zuvor heimlich auf der titelgebenden Kassette aufgenommen hatte) wollen das fassen. Aus dem Gespräch über alte Zeiten schält sich allmählich ein Verhör heraus. Ein Duell um Kopf und Kragen. Amy entzieht sich nämlich der Opferrolle und ihrer Vereinnahmung durch die beiden Männer, indem sie deren Geschichte ihre eigene entgegensetzt und somit im psychologisch fein gedrechselten Gespräch letztlich am besten abschneidet. Belbers Dialoge sind von messerscharfem Realismus, gerade weil er den Figuren Unschärfen, Widersprüche, Füllmaterial, Wiederholungen und Verlegenheitsrepliken erlaubt.

Es spielen die wunderbaren Darsteller Peter Bocek, Krista Pauer und Daniel Ruben. Zu sehen bis 2. November.

www.armestheaterwien.at

Wien, 29. 10. 2014