WUK performing arts: On The Egde #8

November 8, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Ein Festival für zeitgenössische Zirkuskunst

Knights of the invisible (GB): Waiting for the Sea Eagle. Bild: © Richy Walsh

Was 2019 als Versuch startete, ist mittlerweile ein richtiges Festival geworden: „On The Edge“ im WUK geht in die dritte Runde. Das diesjährige Programm zeigt vom 18. bis 26. November Performances aus Österreich, Deutschland, Belgien, Tschechien, Irland und Schottland – allesamt unkonventionelle und mutige künstlerische Positionen, die den traditionellen Zirkus neu verhandeln. Installationen, Filmscreenings,

Diskursformate sowie KünstlerInnen-Gespräche runden das Festival ab. Neben neuartigen dramaturgischen und ästhetischen Zugängen innerhalb der Zirkuskunst beschäftigen sich die KünstlerInnen auch mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen – was dringender denn je erscheint, in Zeiten von vielfältigen Krisen. Die Themen reichen von Kommunikation und Empathie, über den Wert von veränderten Wahrnehmungsmustern und medialen Vorgaben, der Aneignung Raums, bis hin zur Infragestellung des konstanten Strebens nach Immer Mehr, des Scheiterns und den persönlichen Bewältigungsstrategien damit. Allen KünstlerInnen gemein ist das experimentelle Arbeiten und die Weiterentwicklung ihrer Zirkustechniken.

Das Programm:

Sandra Hanschitz (AT/DE): |||||. 18. und 19. 11., 19.30 Uhr. Im Tanz mit dem Cyr Wheel zelebriert Artistin Sandra Hanschitz das Loslassen. Die Stimmung ihrer Performance ||||| entwickelt sich von ruhevoller Balance über Kontrollverlust hin zu faszinierender Dynamik und schwebender Leichtigkeit. Von rohem Klang bis zu feinen Beats komponiert der Klangvirtuose Joël Beierer dabei die gesamte Geräuschkulisse aus dem Cyr Wheel selbst. Trailer – Sandra Hanschitz: IIIII: vimeo.com/747600670

Sinking Sideways (DE/BE): René. 18. und 19. 11., 21 Uhr. Die Künstlerinnen Xenia Bannuscher und Dries Vanwalle sind in ihrer Performance „René“ stetig auf der Suche nach Entwicklung, Variation und Überraschung. Mithilfe eines komplexen Systems von Taktstrichen wird die außerordentliche Synchronizität der AkrobatInnen durch minimalistische, immer wiederkehrende rhythmische Musikakzente unterstützt. „René“, choreografiert und interpretiert von Sinking Sideways, ist das Debüt des Tanzakrobatik-Kollektivs und vereint Zirkus und Tanz auf raffinierte Weise. Eine österreichische Erstaufführung

Sebastian Berger (AT): Is it a trick? 19. 11., 18 Uhr, 20. 11., 15 und 18 Uhr, 21. 11., 19.30 Uhr. „Is it a trick?“ ist ein zeitgenössisches Zirkusstück von Sebastian Berger, das fließend in eine Installation übergeht. Im Rahmen einer immersiven Performance bewegt sich das Publikum frei im Raum, sucht sich seinen Blickwinkel selbst und wird somit Teil der Performance und des zirzensischen Tricks. Etablierte Sehgewohnheiten und Wahrnehmungen werden dabei infrage gestellt. Besonderes Interesse gilt der Blickführung des Künstlers, seines Zeichens ein Meister der Objektmanipulation, als auch der Betrachtenden: Der Fokus ist nicht direkt auf das Objekt gerichtet, sondern wird beispielsweise über Spiegel gelenkt. Diese ungewohnte Sichtweise und der damit einhergehende Kontrollverlust versprechen spannende Neuentdeckungen von Altgewohntem.

Sebastian Berger (AT): Is it a trick? Bild: © Romain Maguaritte

Sandra Hanschitz (AT/DE): |||||. Bild: © Jennifer Rohrbacher

Viktor Černický (CZ): PLI. Bild: © Vojtěch Brtnický

Film – Chloé Moglia (F): Horizon. Bild: © Johann Walter Bantz

Viktor Černický (CZ): PLI. 20. 11., 19.30 Uhr, 21. 11., 21 Uhr. „PLI“ vereint 22 Konferenzstühle, einen besessenen Rhythmus und einen hingebungsvollen Performer. Auf einer weißen Plattform bemüht sich Viktor Černický entschlossen um die unendliche Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion des Universums. Das Ergebnis ist ein intelligentes und spielerisches Solo zwischen Zirkus und Tanz – und eine physische Metapher für endloses menschliches Streben und Durchhaltevermögen. In Anlehnung an die Philosophie von Gottfried Willhelm Leibniz ist „PLI“ eine unvorhersehbare und humorvolle Performance, bei der barocke Opulenz durch räumliche Bescheidenheit und materiellen Minimalismus ersetzt wird. Die Performance „PLI“ wurde von vielen europäischen Spielstätten und Festivals präsentiert – unter anderem in Paris, London, Ljubljana, Helsinki, Barcelona und Rom. Viktor Černický ist Twenty20-Künstler bei Aerowaves, einer renommierten Plattform für innovative Tanzproduktionen in Europa. Eine österreichische Erstaufführung.

Verena Schneider & Charlotte Le May (AT/FR): ALTER – cirque introspectif. 24. und 26. 11., 19. 30 Uhr. „ALTER – cirque introspectif“ ist die erste Stückentwicklung von Verena Schneider & Charlotte Le May. Die beiden Akrobatinnen gestalten eine intensive physische Performance, in der Akrobatik, Tanz und Text zusammentreffen. Der Körper wird dabei zum Kommunikations-, Erfahrungs- und Klangmittel. Die Bewegungen und akrobatischen Figuren sind explosiv, energetisch, präzise und sanft. Die in der Performance verwendeten Texte sind von den Künstlerinnen selbst verfasst und basieren auf einem Interview mit einer Person namens „Lara“. Die Texte beschäftigen sich vor allem mit der Frage der Sozialisierung und der Beziehung zum anderen.

Knights of the Invisible (SCT/GB): Waiting for the Sea Eagle. 24. 11., 21 Uhr, 25. 11., 19.30 Uhr. Die schottische Kontorsionistin und Tänzerin Iona Kewney arbeitete mit Wim Vandekeybus und Alain Platel zusammen, bevor sie ein eigenes künstlerisches Universum entwickelte, indem sie den Körper mit Klängen auf die Probe stellte und die Gesten bis zum Äußersten trieb. „Waiting for the Sea Eagle“ von Knights of the Invisible aka Iona Kewney und Joseph Quimby – die beiden verstehen sich als radikale Tanzkompanie mit hyperrealistischen Details und surrealistischen Visionen, ihre Performances sind zutiefst energetisch, wild und pur – ist eine österreichische Erstaufführung.

Darragh McLoughlin (IRL): STICKMAN. 25. Und 26. 11., 21 Uhr. Eine Person balanciert einen langen, dünnen Stock auf verschiedenen, oft unbeholfenen Körperteilen und setzt ihn dadurch in Bewegung. Ein Fernseher versucht, die Wahrnehmung des Publikums zu beeinflussen, indem er ihm vorschreibt, was es zu sehen hat. Das Publikum gerät ins Sinnieren: Ist das, was es liest, das, was es sieht? Was genau macht die Person mit dem Stock, der Stock mit der Person? Durch den Einsatz verschiedener psychologischer Methoden erforscht Darragh McLoughlin das Thema Wahrheitshoheit, indem er sie dem Publikum auf komische und manchmal aggressive Weise aufzwingt. Ist man noch in der Lage, Entscheidungen über die Welt, die einen umgibt, zu fällen oder wird man einfach nur von einer Menge an Informationen vor sich hergetrieben? Eine österreichische Erstaufführung.

Darragh McLoughlin (IR): STICKMAN. Bild: © Philippe Deutsch

Sinking Sideways (DE/BE): René. Bild: © Jostijn Ligtvoet

Verena Schneider & Charlotte Le May (AT/FR): ALTER – cirque introspectif. Bild: © Verein Freifall

Festival Closing Party mit einem Konzert von Zion Flex. @ Soda Salon – Bild: Käthe deKoe

coffee & circus curated by Initiative feministischer Zirkus. 20. 11., 11 Uhr. „coffee & circus“ ist das neue Vernetzungs- und Diskursformat von „On The Edge“, zu dem die Initiative feministischer Zirkus einlädt. Im gemütlichen Rahmen gestalten VertreterInnen der Zirkusszene den Sonntagvormittag mit ihren Themen. Ob Vortrag, Diskussionsrunde oder kollektive Performance: den Formaten sind keine Grenzen gesetzt. Gleichzeitig soll der Vormittag auch als Inspiration dienen, mit eigenen Entscheidungen eine diskriminierungssensiblere Szene zu gestalten. Coffee und Snacks gehen aufs WUK. Die Initiative feministischer Zirkus setzt sich für eine gleichberechtigte und sichere Zirkusszene ein. Ihr Ziel ist, eine erhöhte Aufmerksamkeit sowie mehr Veränderungswillen im Hinblick auf patriarchale Strukturen, Inklusion, Respekt und Sensibilität zu generieren.

Filmscreenings. 18. bis 21. 11., 19 Uhr. Während des Festivals zeigt das WUK im Foyer Kurzfilme aus dem Bereich der experimentellen Zirkuskunst. Mit Filmen von Elodie Guézou, Chloé Moglia, Laura Murphy, Verena Schneider & Charlotte Le May und Darragh McLoughlin.

Am 26. 11., 22 Uhr, findet die Festival Closing Party mit einem Konzert von Zion Flex statt. Zion Flex ist eine preisgekrönte Künstlerin aus Bristol, die in Wien lebt und international auftritt. Sie hat mehrere Singles, Alben und Musikvideos veröffentlicht. Als Singer-Songwriterin macht sie elektronische Musik mit melodischem Gesang, Spoken Word sowie Rap. Eine einzigartige Ästhetik, ein faszinierendes Hörerlebnis. Videos: www.youtube.com/watch?v=OJlRr3wpHV8           www.youtube.com/watch?v=n8KrbaADNi8

Mehr Infos und Tickets unter dem jeweiligen Programmpunkt hier: www.wuk.at/programm/on-the-edge-8

TIPP: Die Vorstellungen am 19. November finden im Rahmen der Europäischen Theaternacht statt. Das WUK öffnet daher die Saaltüren zum pay as you wish | canPreis und empfiehlt sich rechtzeitig vorher Karten zu sichern. Pro Person können pro Vorstellung maximal vier Karten gebucht werden. Reservierungen bitte an performingarts@wuk.at. InhaberInnen eines Kulturpasses (www.hungeraufkunstundkultur.at) melden sich mit ihren Kartenwünschen sowie einem Scan oder Foto des gültigen Ausweises ebenfalls bei performingarts@wuk.at.

  1. 11. 2022

WUK: On The Edge #9 – experimentelle Zirkuskunst

November 3, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Männer in Pferdegeschirren und Omas in luftigen Höhen

Un loup pour l’homme: Cuir. Bild: © Edouard Barra

Wer heutzutage Zirkus sehen will, findet sich nicht mehr zwangsläufig in einem Zelt zwischen Tieren, Popcorn und Wohnwagen wieder. Die zeitgenössischen Formen des Zirkus sind mittlerweile international und – insbesondere europaweit – bestens etabliert. Und so zeigt das WUK von 5. bis 13. November das Festival für experimentelle Zirkuskunst „On The Edge #9“. Das Festival öffnet einen Raum für Zirkuskunst, die sich an der Schnittstelle zu Performance

und Bildender Kunst bewegt. „On The Edge“ zeigt Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die die eigene Praxis abstrahieren oder dekonstruieren und den Raum, die experimentelle Ausdrucksform oder die Rolle des Publikums neu denken. Das Festival fördert mutige künstlerische und politische Positionen und einen reflektierten Umgang mit Genderrollen auf der Bühne.

„On The Edge #9“ wird von den Residenz-Künstlerinnen und -künstlern eröffnet: Vier Artistinnen und Artisten aus Österreich, Deutschland, Luxemburg und der Schweiz wurden im Rahmen des circus re:searched Programms eingeladen ihre aktuellen Projekte und Forschungen während zwei-wöchigen Studio-Residenzen zu vertiefen oder bestehende Arbeiten zu präsentieren. Nachwuchskünstlerinnen und -künstler treffen auf etablierte Zirkusschaffende und frische Experimente auf bereits bestehende Stücke. Die Performances von Anne Kugener und Julian Vogel beschäftigen sich beide mit der Schnittstelle von Zirkus und Bildender Kunst – von Vogel ist auch die Installation „China Series #11“ zu sehen. Das Duo Maja Karolina Franke und Ralph Öllinger untersucht das Geschlechterverhältnis und die Rollenverteilung in der partnerakrobatischen Praxis.

Hier schließt auch die Künstlerin Kathrin Wagner an, die ihre Rolle und Erfahrungen als Frau und Performerin in der Zirkuswelt reflektiert. Aus persönlichen Erfahrungen mit Sexismus und Berichten anderer Performerinnen entstand das Slam-Gedicht „I was told“, das zusammen mit dem Text „Love Letter to myself“ Ausgangspunkt für die aktuelle Kreation ist. Nachdem Jonglage und Poetry Slam von der Künstlerin als separate Disziplinen erlernt wurden, entstand der Drang, eine tiefere Verbindung zu schaffen. In der Kombination aus gesprochener Sprache und Jonglage bereichern sich nun beide gegenseitig und verändern die Wahrnehmung des Publikums auf die einzelnen Genres.

I was told. Bild: © Jan Ole Laugesen

Grand Mère. Bild: © Alexandre Fray

Anne Kugener. Bild: © Natali Glisic

„In the maze of your perception, I resonate …“ von Tänzerin Elena Lydia Kreusch und Straßenkünstler Andrea Salustri ist eine interdisziplinäre Rauminstallation: Kleine Publikumsgruppen können sie gemeinsam begehen und Klanginstallationen, Videokunst und interaktive Skulpturen eigenständig erkunden. Die präsentierte Auswahl ist Teil eines langfristigen Forschungsprojekts, im Rahmen dessen das Duo mit alternativen und nicht-performativen Formaten für zeitgenössischen Zirkus experimentierte. Zirkuskörper und -disziplinen werden dekonstruiert und Zirkusgesten und -objekte werden in einen neuen Kontext gesetzt. Die Infragestellung etablierter Blickwinkel eröffnet neue Perspektiven auf ein vertrautes Genre.

Als „Acrobalance: Extreme Symbiosis“ präsentieren das schwedische Künstlerpaar Henrik Agger und Louise von Euler Bjurholm eine intime 55-minütige dokumentarische Lecture Performance. In „Extreme Symbiosis“ geben sie dem Publikum einen Einblick in ihre Arbeit, Praxis und ihr Leben als Paarakrobaten. Indem sie die Bedeutung eines konstanten geistigen und körperlichen Trainings in ihrer Kunstform zeigen und hervorheben, hoffen sie, das Verständnis für diese Kunstform zu erweitern. „Was geschieht in der Interaktion zwischen uns, wenn wir unsere Praxis ausüben? Eine Zusammenarbeit zwischen Körper und Geist, individuellen Systemen und gemeinsamen Sinnen. Eine langjährige PartnerInnenschaft, die auf extremem Vertrauen basiert und in der Praxis täglich herausgefordert wird.”

Zwei Männer, zwei Ledergeschirre. Das ist „Cuir“ der Compagnie „Un loup pour l’homme“. Was wie ein Spiel um Dominanz und Unterwerfung aussieht, entpuppt sich als subtiles Duett, das das menschliche Verlangen nach gegenseitigem Verständnis erforscht. „Un loup pour l’homme“ benutzt die Geschirre – die normalerweise von Zugpferden getragen werden – um die Seele des Menschen zu durchpflügen und die Zerbrechlichkeit persönlicher Beziehungen aufzudecken. „Cuir“ ist eine akrobatische Tour de Force bei der die Energie in jeder Sekunde auf’s Publikum überspringt.

Der flämische Akrobat Toon Van Gramberen setzt sich seit einigen Jahren mit dem alternden Körper auseinander. Sein Vater erklärte sich bereit, ihn in einem gemeinsamen Prozess zu begleiten. Er ist sechzig Jahre alt und hat keinerlei akrobatische Vorkenntnisse. Dies war der Anfang von „Carrying my father“, einem Bühnenstück, das mittlerweile vier Akrobaten und ihre Väter involviert. Begleitend zum Kreationsprozess von „Carrying my father“ entstand die Fotoausstellung, die einen intimen Einblick in den Probenprozess gibt.

Un loup pour l’homme: Cuir. Bild: © Edouard Barra

Maja Karolina Franke und Ralph Öllinger. Bild: © Claude Hofer

Acrobalance: Extreme Symbiosis. Bild: © Arts printing house

In the maze of your perception … Bild: © Kreusch & Salustri

Wenn der alternde Körper in den Mittelpunkt der akrobatischen Forschung gestellt wird, werden die Vorstellungen von körperlicher Virtuosität notwendigerweise dekonstruiert und neu definiert. So verschieben sich zwangsläufig auch Perspektiven auf den Körper des Akrobaten und auf die gesamte Disziplin. Der Dokumentarfilm „Vaders Dragen – Carrying fathers“ zeigt den Entstehungsprozess einer Zirkusproduktion in der sich vier Akrobaten die Bühne mit ihren Vätern teilen.

Das „Projet Grand Mère“ des Akrobaten Alexandre Fray, Mitglied von „Un Loup pour l’Homme“, untersucht die Geste des Tragens im Rahmen einer Recherche mit älteren Menschen: Tragen als Symbol des „Sich Kümmerns“. Es geht Fray darum, sich Zeit zu nehmen, miteinander in Beziehung zu treten, viel zuzuhören und eine Atmosphäre zu schaffen, die Vertrauen und Verbundenheit fördert. Dies ist die Basis für die Entwicklung einer gemeinsamen körperlichen Arbeit. Ziel ist das Finden einer Intimität, die von einer großen Zartheit durchdrungen ist. Gemeinsam mit älteren Frauen, welche nie oder selten getragen wurden, hinterfragt der Akrobat die Herausforderungen einer Disziplin, die vom Horizont der Höchstleistungen oft in den Schatten gestellt wird.

Was bedeutet es, sich den Gesetzen des Gleichgewichts und der Schwerkraft zu widersetzen, wenn Gelenke rosten und Muskeln schmelzen? Wie kann man „loslassen“, wenn der Körper dies verlernt um sich selbst zu schützen? Was bedeutet Virtuosität für den alternden Körper – kann auf einem Bein stehen mit 80 Jahren dasselbe Risiko kommunizieren wie ein Rückwärtssalto? Die Foto-Ausstellung „Projet Grand Mère“ dokumentiert die besonderen Begegnungen des Akrobaten mit Frauen im Alter von „Großmüttern“ von 2016 bis heute, die den Schritt ins Leere wagen und sich in die Luft heben lassen.

Arne Mannott, Choreograf, Zirkusperformer und Kurator, beschließt die Woche mit der Videoinstallation „circus“. Dafür wurden zehn Akteurinnen und Akteure verschiedenen Alters, verschiedener Herkunft und mit verschiedenen künstlerischen Hintergründen zu ihrer Sichtweise zu Zirkus befragt. Im Fokus der Interviews steht die Frage nach dem „Was ist eigentlich Zirkus?“ – und damit auch danach, wodurch sich die Kunstform Zirkus selbst definiert und welche besonderen Merkmale dabei zustande kommen. Die Porträtierten sind alle seit Jahren oder Jahrzehnten in der Zirkuskunst tätig und treten für dieses Video in einen ganz persönlichen Dialog mit sich selbst.

Mehr Infos und alle Termine: www.wuk.at

3. 11. 2021

Neues Zentrum für die freie Theater-, Tanz- und Performance-Szene im 20. Bezirk

April 19, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch brut, das WUK und die Festwochen ziehen ein

brut-Intendantin Kira Kirsch und Kulturstadträtin Veronica Haup-Hasler. Bild © PID/Votava

Im Stadtentwicklungsgebiet Nordwestbahnhof entsteht in einer ehemaligen Industriehalle aktuell ein neues Zentrum für die freie Performance, Tanzund Theaterszene. Auf Initiative von brut wird das Gelände als Performing Arts Areal entwickelt, in dem brut mit der neuen Spielstätte brut nordwest, die freie Szene, die Wiener Festwochen und das WUK bis Ende 2023 ein neues Zentrum finden werden. Die Mischnutzung ermöglicht Austausch, Kooperationen und Synergien.

Im Zentrum des Areals steht die 1.600 m² große Spielstätte brut nordwest, die eine Blackbox für 180 Personen, weitere flexible Flächen für Veranstaltungen, einen Backstagebereich für nstlerinnen und Künstler, Foyer und Theaterbuffet für das Publikum, einen Probenraum, Büro- und Lagerräume sowie Freiflächen im Innenhof umfasst. Die Adaptierungsarbeiten wurden im März 2021 von brut erfolgreich abgeschlossen. In Planung ist, ab September 2021 auf weiteren 600 m² vier durch die Stadt Wien geförderte Probenräume für die freie Performance-, Tanz- und Theaterszene zur selbstbestimmten Verwendung zu öffnen. Ziel ist es, mehr Räume für Kunst und Kultur zu schaffen. Die Nutzung soll jeweils von Juli bis April möglich sein.

Die Wiener Festwochen planen ab Mai das gesamte Areal zu bespielen. Aktuell werden die Probenräume in den Obergeschossen von den Wiener Festwochen adaptiert. Auch das sich in Generalsanierung befindliche WUK wird ab Sommer weitere Flächen für seine vielfältigen Aktivitäten zwischen Performing Arts und Soziokultur nutzen können.Der Standort kann bis Ende 2023 genutzt werden, ab dem Jahr 2024 wird auf dem Stadtentwicklungsgebiet Nordwestbahnhof ein neuer Stadtteil entstehen.

brut nordwest. Bild: © PID/Votava

brut nordwest. Bild: © PID/Votava

brut nordwest. Bild: © PID/Votava

brut nordwest. Bild: © PID/Votava

Kira Kirsch, künstlerische Leiterin von brut, ist begeistert: „Die Entwicklung des Standorts als Zentrum für Performance, Tanz und Theater rund um unsere neue Spielstätte brut nordwest bietet enormes Potential für Vernetzung und Austausch und gute Bedingungen für das künstlerische Arbeiten der freien Szene. Wir sind glücklich, diesen Ort entdeckt und entwickelt zu haben und freuen uns, gemeinsam mit den Mitnutzerinnen und Mitnutzern an der Etablierung des neuen Areals zu arbeiten.“

Christophe Slagmuylder,Intendant der Wiener Festwochen, die an einer coronabedingt adaptierten Festivaledition 2021 arbeiten, schätzt das brut nordwest als eine der avisierten Spielstätten: „Das neue Gelände bietet eine Infrastruktur, die in dieser Form nicht allzu häufig in Wien in vergleichbarer Weise zu finden ist. Das Areal bietet sich für verschiedenste Formate an, als ‚klassische‘ Spielstätte, aber auch für diskursive Formate und Workshops und als sozialer Ort für Austausch und Begegnungen. Die Wiener Festwochen freuen sich darauf, für und an diesem Ort Inhalte zu denken und zu verwirklichen, Voraussetzung ist allerdings, dass es baldige Entscheidungen bezüglich der nächsten Öffnungsschritte für die Kultur gibt.

brut-wien.at           brut-wien.at/de/Magazin/brut-nordwest

19. 4. 2021

WUK – Bum Bum Pieces: ALT. Ein Robotermusical

Januar 13, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Immer schön lieb sein zur Maschine

Ein Schal für die Maschine: Victoria Halper performt und strickt. Bild: Marie Pircher

Die Gelenke knarzen, der Arm ist bleischwer, der Griff lockerer, auch langsamer als früher. Altsein ist als Zustand gnadenlos. Wie grausam, ausrangiert zu werden, weil, wer nicht länger arbeiten kann, keinen Wert mehr hat. Sie ist allein gelassen, einsam, und wenn sie leise weinend singt „Weißt du noch, wer ich bin? / Weißt du noch, wo ich bin? / Weißt du, eigentlich bin ich immer noch ich …“, ehrlich, dann hat man an seiner Betroffenheit schon zu schlucken.

Ein Seelenstich, den das Künstlerkollektiv Bum Bum Pieces selbstverständlich sehr bewusst setzt. Die Steirer Simon Windisch und Nora Winkler, die sich mit dieser Aufführung im WUK erstmals in Wien vorstellen, erzählen vom Altwerden – andersrum. In Zeiten, da der Pflegenotstand zum Kleingeld ranschaffenden Polit-Schlagwort geworden ist, sind Maschinen in der Seniorenbetreuung bereits keine Dystopie mehr. Von Geh- und Aufstehassistenten über automatisierte Streichelhände bis zu künstlichen Kuschelrobben ist alles da, was die zwischenmenschliche Beschäftigung mit der Vergänglichkeit hinfällig macht.

In „ALT. Ein Robotermusical“ ist der Apparat, der nicht mehr so recht funktioniert und daher der Fürsorge bedarf, allerdings keiner aus Fleisch und Blut, sondern ein Fertigungsgreifer. Empathische Elektrik, der Performerin Victoria Halper – gemeinsam mit Dramaturg Kai Krösche bekannt als Gründerin des Nestroypreis-2019-Nominees DARUM (www.darum.at) – als Pflegekraft einen Lebensabend in Würde bescheren soll. Das ist so absurd wie amüsant wie traurig, dies musikalische Kammerspiel, zu dem Manfred Engelmayr und Robert Lepenik die Live-Klangflächen beisteuern, so zutiefst menschlich, dass man bald keinen Gedanken mehr daran hat, dass es hier „nur“ um eine Maschine geht.

Nie wieder, geschworen! wird man nach diesem Abend den Laptop anpflaumen oder sich gewissenlos vom kaputten Toaster trennen! Dass einen derlei Gefühle überfluten, ist das Verdienst von Performerin Nora Winkler, sie auch die Sängerin der Band Binder & Krieglstein (www.binderundkrieglstein.com) und auch in „ALT“ für den Greifarm-Gesang zuständig, die den von Stefan Bauer eigens für das Stück gebauten Roboter wie eine überdimensionale Puppe bewegt, und so in Dialog mit Pflegerin Halper tritt.

Halper mit Robert Lepenik und Manfred Engelmayr. Bild: Marie Pircher

Nora Winkler ist als Roboter Trumpf, re: Victoria Halper. Bild: Marie Pircher

Der Blick, den einen Regisseur Windisch im Anschluss an die Vorstellung in den Rentner-Innenraum werfen lässt, macht Winklers Leistung noch großartiger, auf kleinstem Raum zu steuern, zu inter/agieren und dabei noch live Musik zu machen. Durch sie wird der Arm zum Lebewesen, das schaut, sichtlich denkt, buchstäblich begreift, reagiert. Berührend, wie dieses Geschöpf beim Die-Tage-Zubringen unter Depression und Langeweile leidet, bis ihm Halper den Fernsehapparat einschaltet und ihm Filme von seiner alten Fließbandarbeit vorspielt.

Ein Gebäudeabriss mit Longfront-Bagger wird da zum Actionreißer à la „Terminator“, während die Pflegerin sorgsam kalibriert und schmiert, Halper fabelhaft, wie sie die unaufgeregte Selbstverständlichkeit der stoischen Fachfrau darstellt. Herzzerreißend, wie die beiden Karten spielen, „Zehner, König, König, Trumpf“ singt die Maschine beim Zweierschnapsen, und auch „Liebe, Liebe, Liebe, Ass“, eine Schicksals- gemeinschaft, die zwischen Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis changiert, bevor, auch das ist Betroffenen bekannt, aus Innigkeit Renitenz wird. Und Inkontinenz.

Und Halper, die ihren Charakter beinah ausschließlich mit Gesten sprechen lässt, Putztuch/Erwachsenenwindel angewidert entsorgt. Als aber der Arm einen Albtraum hat, ist alles wieder gut zwischen ihnen, den Schal, den Halper an seiner Seite strickt, wird sie ihm zum Schluss als Geschenk umlegen – auch sie bis dahin im körperlichen Volleinsatz, da sie den Riesenarm samt Insassin Winkler mittels Hubwagen/Rollstuhl über die Spielfläche befördert.

Von – natürlich kostengünstigen – Pflegemaschinen, die niemals müde werden, schwärmen deren Hersteller. Nach Ansicht von „ALT“ können einem jedoch Zweifel kommen, ob die künstliche Intelligenz tatsächlich nicht zu Stimmungsschwankungen, Ungeduld, Erschöpfung neigt. In Japan ist Parlo auf dem Siegeszug, der kleine Serviceroboter, der 365 Unterhaltungsprogramme abspulen kann, vom Rätselraten bis zum Rhythmusspiel. Für jeden Tag eins in der Tristesse der Seniorenheime. Die Frage, ob alte Menschen derart nicht eigentlich noch mehr isoliert, da von wirklicher Kommunikation abgeschnitten werden, wird womöglich eine sein, die unsere Generation am eigenen Leib beantwortet finden wird. Wobei diese nach „ALT“ eindeutig so ist, dass man sich eine Pflegerin, wie die gezeigte wünscht …

Nächste Vorstellungen von 15. bis 19. Jänner.

bumbumpieces.at           www.wuk.at

  1. 1. 2020

Armes Theater Wien: Waisen

November 16, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Familienabend mit Folteropfer

In schwierigen Zeiten hält die Familie zusammen: Thomas Weißengruber, Krista Pauer und Adrien Papritz. Bild: Vondru

In schwierigen Zeiten muss die Familie zusammenhalten: Thomas Weißengruber, Krista Pauer und Adrien Papritz. Bild: Vondru

Das Arme Theater Wien zeigt im WUK-Projektraum Dennis Kellys „Waisen“. Diese sind die Geschwister Helen und Liam, und als das Stück einsetzt, ist etwas passiert, dass die Vorstellungskraft eines normalen Menschen übersteigt. Mitten in eine intime Feier des Ehepaars Helen und Danny – man begeht die Empfängnis des zweiten gemeinsamen Kindes – platzt blutverschmiert der Bruder.

Er hätte dem Opfer eines Messerattentats mitten auf offener Straße helfen wollen, erklärt er, und tischt so immer weiter Lügen auf, bis er endlich die Wahrheit serviert. Der „Araber“ wurde gefoltert. Doch weil der ohnedies keiner „von uns“ ist, trifft die Familie in Folge ein paar fatale Entscheidungen …

Regisseur Erhard Pauer hat Kellys plakatives Suspencestück aus dem Jahr 2009 vortrefflich inszeniert, er hat den Holzhammer des Autors gegen die ihm eigene feine Theaterklinge gewechselt und so einen Abend zur Zeit erschaffen. Es geht ihm um Alltagsrassismen und Ausgrenzung des „Fremden“ ebenso wie um Mitmenschlichkeit und Mitgefühl und wann und warum der einzelne bereit ist, beides abzulegen. Nämlich immer dann, wenn das „Ausländerproblem“ vor seiner persönlichen Haustür ankommt. Entstanden ist so eine Aufführung, die von der Achtung der Würde des Menschen geprägt ist. Denn im Gegensatz zu dem, was in der Verfassung, Artikel zwei, steht, ist diese dieser Tage sehr wohl wieder antastbar.

In einem Wohnviertel, das nach dem Gefühl seiner Bewohner mehr und mehr „von denen“ übernommen wird, sagt und tut einer, was viele andere denken, aber nicht auszusprechen oder auszuführen wagen. „Die Regierung überlässt uns den wilden Tieren“ heißt es dazu im Text. Pauers präzise Arbeit besticht durch eine vor Nervosität flirrende Atmosphäre und durch das intensive Spiel der drei Darsteller. Ihnen gelingt es die Schablonenhaftigkeit von Kellys Figuren, denn natürlich muss Liam einen Neonazi-Freund mit NS-Memorabilia-Sammlung haben, natürlich müssen er und seine Schwester aus den denkbar schlechtesten sozialen Verhältnissen stammen, zu nachvollziehbaren Charakteren auszubauen.

So ist das Stück weniger, wie schon gesehen, ein Krimi als eine Erkundung der Ängste und einer latenten Ausländerfeindlichkeit und den daraus entstehenden Loyalitäten, die einen der Protagonisten dazu bringen, zu tun, was er nicht tun wollte. „Waisen“ ist die schmerzhafte Überprüfung, wie leicht die moralischen Grundwerte einer sich als aufgeklärt rühmenden Gesellschaft zu korrumpieren sind. Wessen Blut an Liam klebt und warum, hält das Publikum bis zum Schluss in Atem. Von einem Satz zum nächsten rinnt die eben erst etablierte Realität dem Schauspielertrio quecksilbrig durch die Finger; Pauer spannt so sein Netz grundsätzlicher, gesellschaftspolitischer Fragen, und stetig gewinnt es an Komplexität.

Helen zwischen Bruder Liam: Krista Pauer und Adrien Papritz ... Bild: Vondru

Helen zwischen Bruder Liam: Krista Pauer und Adrien Papritz … Bild: Vondru

... und Ehemann Danny: Krista Pauer und Thomas Weißengruber. Bild: Vondru

… und Ehemann Danny: Krista Pauer und Thomas Weißengruber. Bild: Vondru

Ein wenig ist man an Beate Zschäpe und ihre Aussagen im NSU-Prozess erinnert, wenn auf der Bühne die Furchtbarkeiten ihren Lauf nehmen. Kelly hat drei Archetypen menschlicher Verhaltens- und Handlungsmuster erfunden und arbeitet an ihnen seine Interpretation von rechts ab. Im Zentrum der Inszenierung steht Helen, brillant dargestellt von Krista Pauer, hin und her geworfen zwischen Familienbanden und Eheversprechen. Wie sie zu ihrem Bruder erst auf Distanz geht, weil sie ihn sehr wohl kennt, dann aber schließlich ihre radikalen Ansichten durch die angeheiratete bürgerliche Fassade brechen, das ist großartig gelöst. Je mehr sie das Tun des einen schönredet, umso mehr erpresst sie den anderen, und währenddessen spült es bis dahin im Verborgenen gehaltene Konflikte und den Zorn darüber an die Oberfläche.

Thomas Weißengruber als Danny steht dem hilflos gegenüber. Er ist der Humanist, der sein Weltbild in sich zusammenfallen sieht, seit er im Viertel von einer jugendlichen Migrantenbande brutal verprügelt wurde, er will nicht denken, dass der Mensch so sein kann, doch stetig wird auf ihn eingeredet, dass doch. Am Ende wird er für die Familie die Angelegenheit bereinigen, aber daraus Konsequenzen ziehen. Weißengruber besticht als grüblerischer, ob der Tat verzweifelter Ehemann, der dem Treiben seiner Frau und seines Schwagers fassungslos gegenübersteht, bis er schließlich selber zum Täter wird.

Die formidabelste Leistung bringt Adrien Papritz als Liam. Er macht aus seiner Rolle einen verhaltensauffälligen Sonderling, der sich im Laufe des Abends zum angsteinflößenden, gewaltbereiten Psychopathen entwickelt. Wie er Argumente dreht und wendet, bis sie ihm mundgerecht sind, das kennt man. Auch, wie er objektive Richtigkeit in seine eigene verwandelt. Anfangs noch mit spitzbübischem Grinsen, später mit blankem Terror versucht er, seine Warnungen vor dem „aggressiven Zuwanderungsislamismus“ an Mann und Frau zu bringen. Er bringt die Stimmung zum Brodeln, bis sie kippt. Dass Widersprüche und tatsachenwidrige Behauptungen seine Zuhörer nicht irritieren, ist Teil des Phänomens Liam. Man werde sich noch wundern, was alles möglich sei, sagte hierzulande ein Politiker. „Waisen“ im WUK ist nicht nur wegen dieses Satzes sehenswert.

www.armestheaterwien.at

Wien, 16. 11. 2016