Akademietheater: Woyzeck

April 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Manege frei für die Maniacs

Woyzeck kauft sich ein Messer, jedoch eines mit versenkbarer Klinge: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auf die rotweißgestreifte Zeltplane sind alte Filmaufnahmen projiziert. Raubtier- und Elefantennummern, die Tiere mühsam und nur mit Gewalt unter Kontrolle gehalten, kleine Hunde, die sich zum Affen machen müssen, Trapezkünstler in schwindelnden Höhen, menschliche Pyramiden und Kaskadeure. Gleich darauf, wenn Steven Scharf das Plastik heruntergerissen und die halbe Manege, vom Gittergang für die Großkatzen

bis zur Zuschauertribüne zerlegt haben, wenn nur noch eine armselige Handvoll Akrobaten übrig sein wird, enträtselt sich, worauf Regisseur Johan Simons abzielt. Das heißt, nicht zur Gänze. Denn ob Albtraum, Erbsenirrsinn oder einfach Ausflug in den Surrealismus, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. Simons, seit dieser Spielzeit Intendant des Schauspielhauses Bochum und die Aufführung ergo eine Koproduktion mit diesem, zeigt am Akademietheater seine Interpretation des „Woyzeck“. Es ist seine dritte Inszenierung des Dramenfragments, sein Zugriff auf Büchner diesmal als wäre dieser Beckett, der Verfechter eines Bühnenrealismus dargeboten, als wär’s ein Stück absurdes Theater.

Das Setting von Stéphane Laimé und die Kostüme von Greta Goiris verströmen Zirkusluft, wenn auch die eines ziemlich abgetakelten Etablissements, darin die sinnfreie Welt und der orientierungslose Mensch: Steven Scharf als Woyzeck, dressiert, gedemütigt, beglotzt, bestaunt und ob seiner Stärke gefürchtet – so wie’s Dompteure mit den von ihnen geknechteten Kreaturen tun. Und während er Wortfetzen vor sich hin murmelt, wimmert, brabbelt, Koen Tachelet geht in seiner Fassung mit dem Büchner-Text sehr sparsam um, sind die anderen prahlerische Ausrufer der eigenen Person. „Hepp!“ rufen sie, als wäre ihnen gerade ein besonderes Kunststück gelungen, mit großen Gesten wenden sie sich ans Publikum, wenn sie zu ihrer Vorführung wie wild geworden im Kreis herumtoben oder über diverse Gerüste turnen. Marie im zu großen Herrenanzug und überdimensionalen Clownsschuhen, der Tambourmajor als starker August im knappen Trikothöschen, der Hauptmann im grünen Trainingsanzug, der Doctor in Klinisch-weiß mit Gummistiefeln – es wird noch etliches an Regen fallen, darum.

Mit Marie und dem Drahtgestellsöhnchen: Anna Drexler und Steven Scharf. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Tanz um den Tambourmajor: Anna Drexler und Guy Clemens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Simons also hat Büchners dritte Szene, „Buden, Lichter, Volk“, zum Programm erklärt, lässt überhaupt die Szenen wie Nummern ablaufen. Und in der nächsten Abteilung sehen Sie …! Im Mittelpunkt ein Steven Scharf auf dem Höhepunkt seiner Schauspielkunst, das geschundene Individuum, das seine einstudierten Tricks vorführen muss. Verstörend ist das, wie Scharfs zunehmend besessener Woyzeck in Momenten größter Beleidigung und tiefster Gebrochenheit seinen Stolz zu wahren oder in zahlreichen und langen Sekunden des Schweigens sich als Subjekt zu behaupten sucht, nur um sich dann wieder selbst aufs Korn zu nehmen. Etwa, wenn er sich mit Marie als „das astronomische Pferd“ und dessen Conférencier abwechselt. Das rote Granulat auf dem Boden, auf dem er sich wälzt, wird später auf nackter Haut wie Blutstropfen wirken.

Im expressiven Spiel steht ihm Anna Drexler als Marie in nichts nach. Sie jauchzt und quiekst und überbetont die Worte, als ihr der Tambourmajor ins Auge sticht. Sie produziert sich vor ihm und buhlt ums Publikum, will mit beiden Blickkontakt herstellen, wohingegen sie in der Zwiesprache mit Woyzeck klar und wahrhaftig ist, je mehr Wahnsinn, umso wahrhaftiger. Dass ihr Söhnchen ein fragiles Drahtgestell mit Kinderfüßchen ist, passt ins Bild dieser lieblosen Mutter, die den Kleinen mit allerhand Gruselgeschichten zum Einschlafen nötigt. Drexlers wie Scharfs Performance ist irritierend, irisierend und so, dass an ihren Figuren immer etwas bleibt, ein Dunkel, ein Geheimnis, das man nicht zu fassen bekommt.

Den Einsatz des weiteren Personals hat Simons wie die Handlung auf die Essenz konzentriert. Extrem körperlich legt Daniel Jesch den Hauptmann an, ein Kraft- und Machtmensch, der Woyzecks philosophische Versponnenheiten gar nicht mag. Im Gegensatz zu ihm ist Guy Clemens‘ Tambourmajor ein Möchtegern, der die Gewichte kaum stemmt, die Woyzeck mit einer Hand hebt, und sich lächerlich macht, als er hinter Marie her in Rösselsprüngen die Manege durchmisst. Falk Rockstroh ist als Doctor ein pragmatischer Wissenschaftler, der für sein Versuchsobjekt keine Empathie aufbringt. Und obwohl all diese nicht viel zu agieren haben, bleiben sie die ganze Zeit so bühnenpräsent, dass sei einem nie aus dem Fokus geraten. Bestes Beispiel dafür ist Martin Vischer, der als Großmutter der einzige Zirkusbesucher ist, und der über beinah zwei Stunden nur sitzt, schaut, tonlos gestikuliert, den Mund offen, wie’s bei sehr alten Menschen manchmal so ist, bevor er endlich das Märchen vom armen Waisenkind erzählen darf.

Der Wahnsinn der Erbsendiät: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Im Regen stehen lassen: Falk Rockstroh, Steven Scharf und Daniel Jesch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich tritt Steven Scharf mit Zirkusdirektorenzylinder und Regenschirmchen in die Arena, allein im Scheinwerferkegel sprechen Stimmen zu ihm, verlangen Maries Ermordung. Gespenstisch ist, was Scharf da mit minimalster Mimik und Gestik ausdrückt, an Psychose, an Schizophrenie, an Leid und Elend. Er wird ein Messer kaufen, und es wird ein Theatermesser mit versenkbarer Klinge sein. Denn in Woyzecks Wahn ist Marie nicht zu töten, sondern wird ihm übers Sterben hinaus noch Anweisungen geben. Damit ist der Realitätsverlust besiegelt, die Reise in Woyzecks Kopf am Ende. John Simons‘ Büchner-Umschreibung ist mit all den Fragen, die sie offen lässt, ein Abend, der nachwirkt. Wobei es gerade seine Auslassungen sind, die dies am gewaltigsten tun.

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019

Volkstheater: Woyzeck

Dezember 20, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Vollgas Richtung Vernichtung

Christoph F. Krutzler, Susa Meyer, Thomas Bauer, Haymon Maria Buttinger, Ronald Kuste, Thomas Kamper Bild: © Lalo Jodlbauer

Christoph F. Krutzler, Susa Meyer, Thomas Bauer, Haymon Maria Buttinger, Ronald Kuste, Thomas Kamper
Bild: © Lalo Jodlbauer

Der Buttinger ist ein Viech. Geschunden, gehetzt, gedemütigt; einer, der leicht zu verletzen ist in seinem Käfig. In diesem Sinne ein Viech. Einer, der anrührt – und da, plötzlich, die Bestie in sich bloßlegt. Ein Viech eben. Haymon Maria Buttinger ist der „Woyzeck“ am Volkstheater. Ein Ausnahmeschauspieler. Keiner Regel unterworfen, außer der simpel verzwickten zu sein. Michael Schottenberg inszenierte ihn und um ihn das Fragment von Büchners Fragment, nämlich die Fassung von Robert Wilson, Wolfgang Wiens und Tom Waits. Letzterer schuf dafür Songs wie „Misery Is the River of the World“ www.youtube.com/watch?v=UDjEDmgytOA , „Everything Goes to Hell“ www.youtube.com/watch?v=1V-sKVGDEiU, „Lullaby“ www.youtube.com/watch?v=TzVN7gjXXOU oder „A Good Man Is Hard to Find“ www.youtube.com/watch?v=3mOS1msOfT8 (alle auf dem Blood-Money-Album, 2002). Am Volkstheater findet die wundersame Waits-Vermehrung statt. Unterstützt von Imre Lichtenberger-Bozokis Band und Beatboxerin Sara „Herzschlag“ Siedlecka rauzt, röhrt, röchelt, reibeist sich das Ensemble durch die Musik, dass es eine Freude ist. Und die Stimmung rockkonzertmäßig. Am Volkstheater sind sie immer am besten, wenn sie stromaufwärts schwimmen. Das Publikum jubelt.

Der einfache Soldat Franz Woyzeck, der seine Freundin Marie und das gemeinsame uneheliche Kind finanziell zu unterstützen versucht, arbeitet als Bursche für seinen Hauptmann. Um sich einen zusätzlichen Verdienst zu seinem mageren Sold, den er restlos an Marie abgibt, zu sichern, lässt er sich von einem skrupellosen Arzt zu Versuchszwecken auf Erbsendiät setzen (Buttinger ließ sich als äußeres Zeichen für die Mangelernährung büschelweise die Haare ausrasieren). Hauptmann und Arzt nutzen Woyzeck physisch und psychisch aus, sie quälen ihn in aller Öffentlichkeit. Als Marie heimlich eine Affäre mit einem Tambourmajor beginnt und Woyzecks aufkeimender Verdacht sich bestätigt, glaubt er, innere Stimmen zu hören, die ihm befehlen, die treulose Marie umzubringen. Weil sein Geld für den Kauf einer Pistole nicht ausreicht, besorgt er sich ein Messer, führt Marie auf einem abendlichen Spaziergang in den nahegelegenen Wald und ersticht sie dort am Ufer eines Sees … Das Bühnenbild von Hans Kudlich, die Kostüme von Erika Navas, das Spiel unter Schottenbergs Anleitung haben weniger mit Stadt, Land, Kasernenhof zu tun. Sie erinnern an Peter Brooks 1967er-Arbeit über Peter Weiss‘ „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“. Ein Schlammschlachthaus ist auf die Bühne gestellt, grauslicher Gatsch, in dem sich die dreckigspitalsweiß gewandete Menschheit suhlt. Das Leben besteht aus Blut und Scheiße. Und wenn Woyzeck in den Himmel kommt, wird er dort nicht fürs Donnern, sondern für die Regentränen zuständig sein. Thauet, Himmel, den Gerechten, Wolken, regnet ihn herab, rief das Volk in bangen Nächten … Hier endet’s mit Feuer. Und beginnt mit Darstellern, die wie Marionetten vom Schnürboden herabgelassen werden. Der Bad-Hair-Day ist Programm und gäbe es Geruchstheater würde es brunzeln. Bühnen- und Unterbühnenturnen ist angesagt, Tempo alles. Stürmen, wenn’s einen drängt. Denn wenn schon, denn schon: Mit Vollgas Richtung Vernichtung.

So verkündet es auch Thomas Bauer als nosferatuhafter Ausrufer. Er spricht anfangs Passagen aus Büchners Schrift „Der Hessische Landbote“, ein Appell ans Publikum: „Die Herren sitzen in Fräcken beisammen und das Volk steht gebückt vor ihnen“ … Thomas Kamper gibt den alles Schnelle fürchtenden Hauptmann, „Doctor“ Ronald Kuste agiert wie auf Speed. Unter lauter Irren umzingelt ihn der Wahnsinn am Wahrhaftigsten. Er holt sich dafür Szenenapplaus ab. Tany Gabriel ist ein sexy Stromgitarrengott Andres, tätowiert und unfrisiert, dessen Warnungen naturgemäß in den Wind geschlagen werden. Christoph F. Krutzler verfolgt als Tambourmajor seine sinistren Pläne mit behäbiger Beharrlichkeit. Groß = mächtig = brutal. Matthias Mamedof mit seinem hinreißenden Sopran ist der Narr Karl, ein gespenstischer Alien-Albino mit weißem Schlotterhaar, farblosen Augen, Windel – und gleichzeitig auch Alter Ego von Maries und Woyzecks Sohn. Verloren, verlassen, wird er die Reise zu Sternen antreten, die ihm nicht leuchten. Next Generation No Future. Soundmachine Susa Meyer spielt eine in jeder Spielart des Wortes geile Nachbarin Margreth. Was kann diese Frau singen! Und Hanna Binder! Wie sie „A Good Man Is Hard to Find“ www.youtube.com/watch?v=Ntanv10we4M#t=0 interpretiert. Only strangers sleep in my bed. Marie, meist eine dralle, dummdreiste Dirne, wird bei ihr zum fragilen Vergewaltigungsopfer. Irgendwie verwirrt, irgendwie auf Droge, taumelt sie durchs Geschehen und mit offenem Herzen ins Messer. Ein Opfertier. Wie ihr Viech Woyzeck, der Buttinger, an dem sich die Zeit ihre Zähne angenagt hat. Er ist der König dieser Kummergesellschaft. Schont sich nicht,verprügelt sich, so es die anderen nicht tun, selbst. Mit einer Stuhllehne. Kaum zum Aushalten. Und deshalb brillant. Nie wurde eine Marie liebevoller zu Tode gebracht. Am Ende eine Umarmung. Aber eine mit scharfer Klinge. If there’s one thing you can say about Mankind, there’s nothing kind about man.

www.volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/volkstheater-direktor-michael-schottenberg/ im Gespräch mit Woyzeck-Darsteller Haymon Maria Buttinger

Wien, 20. 12. 2013

Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg …

November 7, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

… im Gespräch mit seinem Woyzeck-Darsteller

Haymon Maria Buttinger

Haymon Maria Buttinger Bild: © Lalo Jodlbauer

Haymon Maria Buttinger
Bild: © Lalo Jodlbauer

Am 22. November hat am Volkstheater „Woyzeck“ Premiere. Allerdings nicht das Stück-Fragment von Georg Büchner, sondern eine konzeptive Fassung von Wolfgang Wiens und Robert Wilson mit Songtexten von Tom Waits. Hausherr Michael Schottenberg führt Regie, Haymon Maria Buttinger spielt den Woyzeck. Woyzeck ist eine jener leidenden Gestalten, die Büchners Mitleid immer wieder hervorgerufen haben, wie ein Brief an die Familie im Februar 1834 zeigt: „Ich verachte niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden – weil wir durch gleiche Umstände wohl alle gleich würden, und weil die Umstände außer uns liegen.“ Das Fragment, das auf einer wahren Begebenheit beruht, die sich 1824 in Leipzig zugetragen hat, spiegelt die Grundüberzeugung des Dichters: hellsichtiger Hass gegen die Besitzenden und Gebildeten, ohnmächtiges Mitleid für die Leidenden, Unterdrückten. Das Stück Woyzeck basiert auf dem gleichnamigen Dramenfragment Georg Büchners aus den Jahren 1836/37 vom Stadtsoldaten Franz Woyzeck. Er ist völlig mittellos, lebt mit seiner Geliebten und einem Kind ohne den Segen der Kirche. Neben seinem armseligen Sold verdient er sich ein paar Groschen als Barbier beim Hauptmann und als Versuchsobjekt bei den bizarren Experimenten des Doktors. Seine Existenz wird in völliger Verdinglichung gezeigt. Woyzeck ist für seine Umwelt, seine Vorgesetzten und Dienstherren nur ein Objekt, dessen man sich bedient. Ein einziger menschlicher Bereich, Marie und das Kind, ist ihm noch geblieben. Um ihretwillen nimmt er alle sonstige Entmenschlichung in Kauf. Aber er verliert auch diesen Besitz, weil er zu arm ist, ihn zu halten und Marie vor den Nachstellungen des Tambourmajors zu bewahren. Seine Unfreiheit und Selbstentfremdung, die unveränderlichen gesellschaftlichen Bedingungen, lassen Woyzeck zum Verbrecher werden. Woyzeck (uraufgeführt im November 2000 in Kopenhagen und in den USA unter dem Titel Blood Money herausgekommen) war nach The Black Rider und Alice die dritte Zusammenarbeit von Robert Wilson und dem Songwriter Tom Waits. „Woyzeck handelt von Wahnsinn und von Obsessionen, von Kindern und von Mord – Dinge, die uns berühren. Das Stück ist wild und geil und spannend und fantasieanregend“, so Waits. Er schrieb gemeinsam mit seiner Frau Kathleen Brennan eine gleichermaßen kraftvolle wie mitfühlende Musik. Ihre düstere Stimmung, die aggressive Rhythmik und die romantischen Melodien geben seismografisch genau die Gemütsverfassungen und das menschliche Leid von Büchners Figuren wieder. Mit Buttinger spielen unter anderem Hanna Binder, Thomas Kamper, Christoph F. Krutzler, Ronald Kuste, Susa Meyer und Matthias Mamedof. Musikalische Leitung: Imre Lichtenberger-Bozoki, Bühne: Hans Kudlich.

MM: Warum jetzt Woyzeck? Warum Haymon Maria Buttinger?

Michael Schottenberg: Wenn man ihn hat, wenn man ihn kriegt, muss man ihn besetzen! Fix lässt er sich ja nicht einspannen. Ich wollte „Woyzeck“ schon immer machen. Es gibt so Stücke, die man machen will, an denen man sich abarbeiten will, die einen immer faszinieren. Mich fasziniert an „Woyzeck“ die Sprödheit, das Leben Büchners, wann und unter welchen Umständen er das geschrieben hat, welchen Mut er hatte, diesen Text zu schreiben, zu einer Zeit, wo das komplett anarchistisch war. Welch ein Leben Büchner hatte! Ein Revolutionär, der auf der Flucht seine Diss in Medizin geschrieben hat, ein Universalgenie. Ein Hochbegabter, der sich auf ein 100-Meter-Brett gewagt hat, der mit Mitte Zwanzig gestorben ist. „Woyzeck“ ist ein Stück über Sprachlosigkeit, Horvath verwandt. Dieses Sich-nicht-ausdrücken-Können verlangt ein ungeheures Sprachgefühl – wem Büchner wann welche Worte  in den Mund legt und die Figur dadurch charakterisiert. Damit kann ich sehr viel anfangen. Das ist eine Endzeit-Welt, mit der ich mich identifizieren kann. Die Zeit der Wölfe, die Zeit der Eisberge. Ein Universum an Worten, die nicht ausgesprochen werden – das provoziert bei mir Bilder. Wie es so ist, mit Stücken, die lange liegen, lange reifen, verliert man sie mitunter aus den Augen. Dann erinnert man sich an diese alte Liebe. Jetzt ist es da: Wir leben in einer sprachlosen Welt, in einer Welt voll Gewalt und Täuschung, wo Verbrechen hoffähig ist – und man weiß im Grunde gar nicht, wie man darauf reagieren soll. Da kommt einem Büchner mehr denn je verwandt vor. Ein Mutiger, der gegen die Ist-Zustände rebelliert. Ich bin nicht so mutig, ich brauche das Theater zur Rebellion – obwohl man dafür auch mutig sein muss. Vor Jahren habe ich diese Fassung von Wolfgang Wiens/Robert Wilson/Tom Waits gesehen, die sich vom Original eminent unterscheidet, weil noch einmal zwei Drittel Text weg gestrichen sind. Ich liebe Musiktheater, ich verehre Tom Waits, der bei „Woyzeck“ überall dort Musik einsetzt, wo Worte nicht mehr ausreichen, ich weiß, wie Haymon Buttinger singt – also? Sind Ihre Fragen damit beantwortet?

MM: Herr Buttinger, Sie haben sich für den Woyzeck die Frisur ruinieren lassen. So dringend „Method-Acting“? Der Wunsch, bei dieser Produktion dabei zu sein?

Haymon Maria Buttinger: Method Acting … wir haben einfach die Haare geschnitten, es war lustig, da was weg und da was weg. Der Schotti war eh dabei. Und erst als ich die Maske verlassen habe, hab’ ich realisiert, wie ich aussehe. Meine Freundin hat gesagt: Das ist aber jetzt nicht wahr! Doch. Ich genieße das. Das ist das Schöne an dem Beruf, dass man ins Extreme gehen kann, dass man plötzlich mit so einem Kopf herumläuft (siehe Foto, Anm.).

MM: Ich habe Ihre Gedichte gelesen (www.haymonline.at). Da kommt Endzeitstimmung, da kommt Woyzeck  durch. Eine Ihrer Grundstimmungen?

Buttinger (rezitiert): Ich bin nicht immer so bedrückt/doch manchmal wär’ ich sehr entzückt/ wär’ ich blind, taubstumm und verrückt. Ich schreibe gern und viel und wundere mich immer, was dabei aus mir herauskommt. Ich inszeniere Worte in Gedichten: Ein Hirsch erdolcht sein letztes Reh/die beste Kuh zerplatzt im Klee … da müssen nur Konsonanten und Vokale zusammenpassen. Leute sagen oft: Das ist schrecklich, das ist fürchterlich. Für mich nicht. Ich versuche manchmal lustige Sachen zu schreiben, das gelingt mir einfach nicht.

MM: Morbide, aber doch humorvoll. Sie vertonen Ihre Texte auch, spielen dazu Gitarre. Können Sie eigentlich Gitarre spielen?

Buttinger: Ich kann NICHT. Ich habe durch ein Theaterstück, „Kinder der Sonne“ in Bochum, eine Schnelllehre gemacht, drei Griffe in drei Wochen. Jetzt bin ich 60 und spiele halt. Ich habe auch eine Rockband mit Lothar Scherpe, „Haymon und die Lothringer“ (www.youtube.com/watch?v=0hcLHNK9FyQ) und werde am 25. November und und 10. Dezember mit Tany Gabriel – meinem Andres – jeweils nach der Woyzeck-Aufführung „Haymons rauhe Romanzen“ in der Roten Bar des Volkstheaters präsentieren (http://www.youtube.com/watch?v=v4BxGzEXno8).

MM: Auch Sie beide sind eine „alte Liebe“ Sie haben erstmals 1986 bei „Das Diarium des Dr. Döblinger“ zusammengearbeitet?

Buttinger: Dein erster Film und mein letzter als Requisiteur.

Schottenberg: Er hat Innenrequisite gemacht, ich wusste nicht, dass er „abwandern“ will, dass er wieder Schauspieler werden will. Dann haben wir einander lange nicht gesehen, er hat inzwischen die verschiedensten seltsamen Regisseure abgegrast, aber der Butti ist immer ein Geheimtipp. Das hat sich jeder zugeraunt; auch der Paulus Manker, bei dem er in der „Alma“ war, ist ein großer Buttinger-Fan. Ich habe lange auf diese Beute gelauert, um mit ihm das Richtige zu tun. Dann hat er am Haus 2010 in „Liliom“ den Wolf Beifeld gespielt – herrlich, brutal und gemein. Da haben wir uns wieder gefunden, da reifte in mir die Überzeugung, ich muss was für ihn finden.

Buttinger: Der Schotti sagte dann zu mir: Was willst? Und ich dachte mir, jetzt bin ich frech und sage: Black Rider, auch von Wilson/Waits. Ich kam dann in sein Büro und er: Du, warum mach’ ma ned den Woyzeck? Und ich war wirklich: Hallo …? Das hab’ ich dir noch gar nicht gesagt. Wir waren also, was die Produktion betrifft, von Anfang an auf einer Linie. So lebe ich mein Leben. Ich bin keiner, der Arbeit sucht, sondern warte, was an mich herankommt, und hoffe, dass durch die Arbeit wieder Arbeit entsteht.

Schottenberg: Der Buttinger weiß ziemlich genau, was er will, und reagiert nach Instinkt. Er würde nicht jedes Engagement annehmen. Er macht, was mit ihm zu tun hat, was ihn interessiert, was ihn aufregt.

Buttinger: Aber, wenn mein Bauch Nein sagt, da leiden wir nur drei Monate, sage ich ab. Warum soll ich mir das antun?

Schottenberg: Der „Woyzeck“ ist nun eine Art von Musiktheater, wie wir es am Haus noch nicht gemacht haben. Wir riskieren es. Auch die extreme Art der Inszenierung: ein performatives Konzert. Das gilt es zu bebildern. Dabei will ich nicht klüger sein, als der Autor, aber man hat hier das Fragment eines Fragments, einen genialen Rumpf. Wir dürfen also keine stringente Geschichte erzählen, das ist eine Falle, in die man nicht tappen darf, ich brauche nur Schlaglichter, muss Situationen erhellen. Ganz klar, „ungeschminkt“, seelenblutig. Ich darf nichts schlüssig machen, nichts einkasteln und damit einplatten. Das ist für unser Publikum vielleicht ungewohnt. Das erinnert mich ans „Theater im Kopf“ im Zelt, wo ich auch nur Erde unter den Füßen hatte.

MM: Andererseits müsste es sowohl Ihrem Ensemble entgegen kommen als auch dem Publikum nicht fremd sein. Sie sind ja berühmt für musiktheatralische Produktionen nach dem Motto: Schrammeln bis der Arzt kommt.

Schottenberg: Na bitte, das muss man erst einmal singen können! Hier ist die Musik die Wahrhaftigkeit, im Singen müssen wir glaubhaft sein. Es gibt die Showszenen mit dem Arzt, dem Hauptmann. Aber der Rest soll wie „improvisiert“ sein; da sollen sich die Schauspieler nichts schenken – wie die Musiker bei einem Drahdiwaberl-Konzert. Manchmal habe ich sogar Angst um meine Schauspieler, weil ich nicht weiß, was im nächsten Moment passiert. Einzige Prämisse: Sie dürfen sich nicht verletzen, sich nicht wehtun.

Buttinger: Also, gestern habe ich mitgezählt, da habe ich auf der Probe an die 200 Schläge kassiert. Nachher kam die Susa Meyer ganz lieb zu mir und sagte: Alles in Ordnung? Du weißt eh, das geht nicht gegen dich, das ist die Rolle. Entzückend. Aber aushalten muss man das schon, wenn fünf, sechs Stunden lang alle auf dich losgehen. Da geht man nicht beschwingt nach Hause. Da fährt einem manches im Kopf herum. Das ist schon heftig.

MM: Ich habe mir lange überlegt, ob ich die Frage nach der Verrücktheit stellen soll. Ich glaube, jetzt mach’ ich’s: Wie ver-rückt sind Sie?

Buttinger: Mmh? Wenn es verrückt ist, nur zu machen, was einem Spaß macht? Ich habe nie Rücksichten genommen, auch nicht auf mich selber. Bin ich verrückt? Ver-rückt bin ich schon. Wenn Sie auf eine Anekdote aus sind: Mit das Irrste, was ich je getan habe, war, mir bei Dreharbeiten die Haare anzünden zu lassen. In einer Tiefgarage, mit Klebeband an einen Stuhl gefesselt, ein bissl Feuerzeugbenzin auf dem Kopf, Teilperücke. Da kriegt man so eine Paste aufgeschmiert, damit’s nicht so heiß ist. Seither bin ich wieder ein Stück ruhiger, das ist das Schöne an dem Beruf, weil ich weiß, man verbrennt nicht bei lebendigem Leibe, man erstickt vorher. Ich saß nämlich plötzlich mitten in einer Rauchwolke, kriegte keine Luft mehr, konnte nicht mehr rufen. Niemand hat das bemerkt, außer der Maskenbildnerin, die mit einem Tüchl zu meiner Rettung eilte und mich „löschte“.

Schottenberg: Haymon ist einer, der sehr weit geht, und der das auch von anderen einfordert.

Buttinger: Ich war Komparse am Burgtheater, „König Ottokars Glück und Ende“ mit dem Reinke. Da musste ich jemanden abführen, drei Mal mit der Lanze, dann hat der Kollege darum gebeten, den einen Komparsen – mich – auszutauschen, weil er Angst hatte. Ich war halt ganz: Den verhaft’ i jetzt … komm’ her, i hab’ a Lanzn, du … Giorgio Strehler hat das an mir geliebt, der Burgschauspieler fürchtete sich. Dass ich wirklich einmal zusteche oder was weiß ich. Versteh’ ich nicht: Spüren will ich schon was. Man muss mich ja nicht so verdreschen, dass ich nach der Premiere nicht mehr spielen kann. Das ist auch eine Kunst am Theater: Wie und wie oft kann man sich schlagen lassen? Lieber zuerst weiter gehen, blaue Flecken inklusive, bevor man von Anfang an zurück nimmt.

MM: „Woyzeck“ ist auch ein vielfach geschundener Text. Welche Ideen haben sie zur Figur? Bei Büchner steht: „Er läuft ja wie ein offenes Messer durch die Gegend!“, oft wird der Woyzeck als Elegie-Bürscherl dargestellt. Beides sehe ich bei Ihnen nicht.

Buttinger: Ich gehe da mit Schotti d’accord: Woyzeck ist der einzig Normale, der durch seine Umwelt in eine Situation gedrängt wird, durch Erbsen, durch medizinische Untersuchungen, durch sein Dasein als Versuchskaninchen, Aussetzer hat. Man hat damals tatsächlich die Meinung vertreten, dass ErbSen was im Gehirn verändern. Ich habe versucht, während der Proben nur von Erbsen zu leben, es aber nach ein paar Tagen aufgegeben. Man ist ja auch Genussmensch. Der Woyzeck ist ein fleißiger, netter, gut erzogener, einfacher Mensch, der in eine Situation gerät, die ausweglos ist. Da wird man zum „offenen Messer“. Das hätte man zu mir auch schon sagen können.

Schottenberg: Diesen Ausspruch tätigt ja der Arzt über ihn. Sie stacheln ihn an, sie sagen und tun überspitzte Dinge, sie machen ihn zum Mörder. Sie  demütigen ihn von Anfang an, garen ihn in einem Druckkochtopf, bis er explodiert. Der Arzt will seine Theorie bewiesen sehen. Woyzeck ist kein Gewaltverbrecher, sondern das Opfer. Man entgeht seinen Tätern nicht, sie können aus dir einen Klumpen Fleisch machen. Das ist die Aussage des Textes.

Buttinger: Ich habe in Rainer Werner Fassbinders „Warum läuft Herr R. Amok?“ gespielt. 85 Minuten lang eine gutbürgerliche Familie, in der er der Verlachte ist. Am Schluss bringt er Frau und Kinder um. Ende der Geschichte. Auch so eine normale Figur. Das ist, wie bei Amokläufen, wo dann in den Zeitungen oder in „Wien heute“ Nachbarn etc. interviewt werden, die immer sagen: Jö, der? Der war so lieb, so hilfsbereit, so höflich, ein bissl schweigsam, zurückgezogen, aber er hat mir jeden Tag die Einkaufstaschen nach oben getragen … So soll mein Woyzeck sein. Ein gefrotzelter Verzweifelter.

Schottenberg: Und die Musik liefert zu dieser Gewalt die Zärtlichkeit, die Sehnsucht, die Erinnerung. Da könnte zum Gelingen beitragen, dass dieser Mensch keineswegs dieses Tier ist, sondern ein Liebender, der alle Anlagen hat, die ein Mensch hat. Aber die kann er nicht rauslassen, weil er ein Getriebener ist.

Buttinger: Das stimmt, die Musik treibt einem die Tränen in die Augen. Vor allem das „Lullaby“. Da werde ich immer schwach.

Schottenberg: Wir haben dazu eine Beatboxerin, Sara Siedlecka, die wir im Hundsturm entdeckt haben. So viel zur Zusammenarbeit mit dem Hundsturm. Sie gibt den Herzschlag vor, eine subkutane Aufgeregtheit, einen inneren Rhythmus. Wenn ich solche Stilmittel einsetze, solche, klare Bilder setze, hoffe ich, einen Rahmen für meine Schauspieler zu schaffen, den sie befüllen können. Sie müssen loslassen und sich auf mich einlassen.

Buttinger: Der Schotti denkt sehr visuell, sehr filmisch. Das mag ich an ihm. Während er mir etwas sagt, sehe ich es innerlich schon. Deshalb fühle ich mich sehr wohl bei ihm.

MM: Apropos filmisch: Sie haben auch bei „Before Sunrise“ mitgespielt, eine der von der Kritik gelobeten „bizarren Randfiguren“, weil ansonst wurde der Film ja verrissen, und in „Schindlers Liste“.

Buttinger: „Schindlers Liste“ war sehr intensiv, sehr verrückt auch, wenn man vier Nächte in Auschwitz dreht und plötzlich fällt das Licht, fallen die Aggregate aus. Der Zug steht bei minus 15 Grad eine dreiviertel Stunde draußen in der Pampa, plötzlich wieder Strom, der Zug kommt rein, du spielst einen SSler, du weißt als Profi von der Requisite, die Kamera fährt schon quer, der Rauch aus der Verbrennungsanlage steigt auf, die Komparsen sind steif gefroren, steigen nicht aus, und du ziehst sie am Ärmel: Raus da, schneller, schneller. Und du kommst drauf, in jedem von uns steckt ein Riesenarschloch, denn auch der Haymon hat die Komparsen wie Hendln gescheucht. Am Abend brauchten wir in der Hotelbar ein paar Wodkas, auch Stephen Spielberg, der sonst ein braver Zu-Bett-Geher ist. Es war ein starkes Erlebnis, unerträglich. Ich bin auch kein Mystiker, aber in Auschwitz, bei Nacht, irgendwas ist da. Wenn ich dran denke, wird mir heute noch eiskalt. Bei „Before Sunrise“ war ich ein Barmann, ein Gequatsche, ich bin kein großer Fan von dem Film. Mich hat nur geärgert, dass ich mich nicht selber synchronisieren durfte. Das tut weh, das kränkt. Was ich empfehlen kann, ist „Die Kriegerin“ von Regisseur David Wnendt über die Neonazi-Szene in Deutschland, da spiele ich den Ösi-Nazi. Für die Rolle habe ich sogar ein eigenes Lied geschrieben: „Unser Banner wird gehisst. Zusammenstehen, zusammenstehen, bis der Endsieg unser ist …“ Wie Gottfried Küssel mit Gitarre und Brille. Hab’ ich auf youtube gefunden (www.youtube.com/watch?v=QsQsgei98sk, Anm. „Wahrheit macht frei. Dokumentation über Neonazis und Holocaustleugner“).

MM: Herr Schottenberg, Sie sind in Gleitpension …

Schottenberg: Na hallo, ich arbeite mich gerade zu Tode. Weder gleite ich wohin und schon gar nicht in Pension. Ich habe noch eineinhalb Jahre intensivster Arbeit vor mir. Dann werden wir schauen, wohin es mich schwemmt. Ich habe keinen Plan, nur ein Projekt, dass mit dem Beruf überhaupt nichts zu tun hat. Das möchte ich angehen, muss nur schauen, wie ich es finanziere. Also ich nehme gerne Geld

MM: Demnächst wird Ihr(e) NachfolgerIn verkündet. Eine Richtung, wie Sie sich wünschen, dass das Haus weiter geführt wird?

Schottenberg: Dieses Haus ist mir ans Herz gewachsen, hat mir Freude gebracht, wenn auch Energie genommen. Elf Jahr lang, also immerhin ein Sechstel meines Lebens, deshalb werde ich es wohl nie aus den Augen verlieren. Ich habe mich mit Haut und Haaren, mit aller Liebe überantwortet, also bin ich höchst interessiert, dass es erfolgreich weiter geht. Wiewohl es gleichzeitig wichtig ist, dass es nun mit anderen Ideen befüllt wird. Ich wünsche mir ein buntes, kräftiges, keine Kontroverse scheuendes Volkstheater.

www.volkstheater.at

Wien, 7. 11. 2013