Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Januar 22, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der grotesk-grimmige Rachefeldzug einer Mutter

Mildred Hayes (Frances McDormand) lässt drei Plakatwände für ihre verstorbene Tochter affichieren. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Dies ist ein Film über Rache und Rassisten, über Gewalt und Gegengewalt – und schließlich die Akzeptanz des Todes. Dies ist ein Western, schon allein, weil im mittleren Westen der USA angesiedelt, und weil die Protagonistin eine Desperada ist, die als eine gegen alle antritt. Dass die Musik diese Atmosphäre unterstützt, ist gut so … Dies ist auch ein Film über eine amerikanische Unterschicht, die abschätzig so genannten Wohlstandsverlierer.

Ein Film über die sich als – von wem auch immer – entrechtet ansehenden Weißen in den USA. Jene also, denen Donald Trump versprach, eine Stimme zu geben. Dass sich die Ostküstenpresse mit diesem Film, trotz vier Golden Globes und ergo Oscar-Hype, schwertut, lässt sich nachlesen. Schon ist die Debatte entbrannt: Darf man das mögen? Man darf. Man muss. Am 26. Jänner kommt „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ endlich in die heimischen Kinos. Mit einer brillanten Frances McDormand, die seit „Fargo“ niemals besser war, mit Woody Harrelson und Peter Dinklage und einem herausragenden Sam Rockwell, der wohl mit der besten Leistung seiner bisherigen Karriere über die Leinwand fegt. Regie bei dem schwarzhumorigen Drama führte Martin McDonagh.

„Three Billboards …“ erzählt vom grotesk-grimmigen Rachefeldzug der Mildred Hayes (McDormand). Deren Tochter wurde vergewaltigt und ermordet, nun lässt die verwaiste Mutter an einer Landstraße drei Plakatwände mit Anklagesprüchen gegen den ehrenwerten Polizeichef Willoughby (Harrelson) und seine Mannen affichieren: Noch immer keine Verhaftungen? Wie kann das sein? Ein Akt des Ungehorsams gegen die Obrigkeit, der die ganze Dorfgemeinschaft (ver-)stört. Geschlossen steht man hinter seinem Chief, selbst der Ortspfarrer taucht bei Mildred auf, um zu beschwichtigen. Und auch der Sohn möchte lieber endlich vergessen, als durch die drei Tafeln täglich erinnert werden. Doch Mildred greift zu immer radikaleren Mitteln, um ihrem toten Kind Recht zu verschaffen …

Anschlag auf die Polizei. Mildred schreckt auch vor extremen Mitteln nicht zurück: Frances McDormand. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

James gibt Mildred ein Alibi und verlangt dafür ein Rendezvous: Frances McDormand mit Peter Dinklage. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Beinah behutsam muss man die Art nennen, in der McDonagh das freudlose Ebbing-Biotop zeichnet. Nach und nach führt er Figuren ein, macht aus seinem Film eine Sozialstudie, mit der er das Mildred umgebende Kleinstadtmilieu seziert. Das tut er zwar mit melancholisch-elegischer Baseline, aber auch mit einem so abgründigen Humor, dass der mitunter verquer zur Tragik der Situationen steht. McDormand gibt die Mildred mit stoisch-sturer Unerbittlichkeit, mit zum Stirnband gebundenen Kopftuch und in Arbeitskluft ist sie eine gramerfüllte Kriegerin, jenseits von Hoffnung oder Angst – auch, was den Umgang mit ihren Mitmenschen betrifft.

Dass ihre drei Plakatwände zum Katalysator werden, der in Ebbing Dinge in Gang setzt, die sie nicht mehr kontrollieren wird können, erkennt sie zu spät. Denn ihre Tat treibt nicht nur den auf den Tod an Krebs erkrankten Willoughby – Woody Harrelson als so liebe- wie sorgenvoller Gesetzeshüter – zum äußersten, sondern auch den schwer komplexbeladenen, begriffsstutzigen Officer Dixon. Sam Rockwell kann in der Rolle des Muttersöhnchens mit Hang zur Verprügler viele Facetten seines Könnens zeigen, seine Figur, die vielleicht schillerndste im ganzen Film, darf sich denn auch vom Schwarzen-Folterer zum mitfühlenden Nachbarn entwickeln. (Dies tatsächlich einer der Kritikpunkte der US-Presse: Man nutze Rassismus allzu leichtfertig, um die moralische Reise des Dixon-Charakters zu illustrieren …)

Officer Dixon dreht wieder einmal durch: Sam Rockwell mit Woody Harrelson als Polizeichef Willoughby. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Peter Dinklage spielt gewohnt witzig und geistreich den Ebbing-Einwohner Charles, der Mildred gegen eine Verabredung zum Abendessen ein Alibi nach einem ihrer Ausraster verschafft. Immer wieder überrascht an „Three Billboards …“ die Schärfe mit der die Tragikomödie und der leise Schmerz durch Wut- und Gewaltausbrüche gebrochen werden. In diesen Momenten ist man schockiert und distanziert sich schnell von McDonaghs ironischem Tonfall.

Doch dies nur für Sekunden. Dann hat man begriffen, dass hier kein Platz für good cops und bad guys ist. Dafür ist „Three Billboards …“ zu vielschichtig, zu komplex, es gibt, wie im Leben, keine einfachen Lösungen. „Magischen Realismus“ nennt Frances McDormand im Interview die Art, in der der Film gemacht ist. Dem ist nichts hinzuzufügen.

www.foxsearchlight.com/threebillboardsoutsideebbingmissouri/

  1. 1. 2018

Viennale mit Woody Allen, Nanni Moretti & Todd Haynes

Oktober 9, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch Österreich ist im Programm stark vertreten

Cate Blanchett und Rooney Mara in Todd Haynes’ „Carol“ Bild: Viennale

Cate Blanchett und Rooney Mara in Todd Haynes’ „Carol“
Bild: Viennale

Das Wichtigste zuerst: Der Kartenvorverkauf beginnt am 17. Oktober, die Viennale selbst am 22. Oktober. Am Freitag stellte Direktor Hans Hurch das Programm 2015 mit dem Satz „So viel Film war noch nie!“ vor. So gibt es neben dem Tribute für Tippi Hedren, in dessen Rahmen „Die Vögel“ und „Marnie“ gezeigt werden, der Hitchcock-Star wird dazu Wien beehren, weitere große Namen und die Preisträger der diesjährigen Filmfestivals, die den Hauptabend im Gartenbaukino behübschen:

Cate Blanchett und Rooney Mara als lesbisches Liebespaar in Todd Haynes’ elegantem Drama „Carol“  machen den Auftakt. Der in Cannes uraufgeführte Film erzählt die Liebesgeschichte zwischen einer Frau der gehobenen Gesellschaft und der jungen Warenhausverkäuferin Therese. Basierend auf einer Geschichte von Patricia Highsmith ist „Carol“ eine subtile melodramatische Studie über Geschlechterbeziehung und Klassenverhältnisse im Amerika der frühen Fünfzigerjahre. Von Woody Allen wird „Irrational Man“ gezeigt.  Des Altmeisters neuen Film macht vor allem die schauspielerische Leistung von Joaquin Phoenix zu einem lichten und souveränen Moment. Mit subtiler Selbstironie und verzweifelter Coolness spielt Phoenix einen schäbigen und depressiven Philosophie-Superstar, der auf einer amerikanischen Elite-Uni zu Besuch ist und dem die Frauen hysterisch verfallen. Es wäre nicht der alte Fuchs Allen, wenn die simple Geschichte nicht unversehens zu einer spannenden und doppelbödigen Crime-Story geriete. Auch „Mia Madre“ von Nanni Moretti ist zu sehen. Der Film ist so italienisch und so Moretti, wie er nur sein kann. Es geht um Familie, um alle Generationen, die Tochter und den Bruder und die alte und kranke Mama und mittendrin die großartige Margherita Buy als Regisseurin in der Midlife-Crisis, die vergeblich versucht, es allen Recht zu machen, alles zu schaffen und für alle da zu sein. Dazu kommen noch die aktuellen Dreharbeiten für ihren neuen Film und dessen unerträglicher, amerikanischer Star – eine Traumrolle für John Turturro. Und Moretti selbst ist der brave Sohn der alten Mama in einem seiner besten Filme seit Jahren.

Mit Liev Schreiber, Michael Keaton, Mark Ruffalo und Stanley Tucci ist Thomas McCarthys „Spotlight“ eine weitere hochkarätig besetzte US-Produktion im Programm. Inhalt: Ein Redaktionsteam des „Boston Globe“ erhält den Auftrag, einen etwas älteren Fall von angeblichem Kindesmissbrauch durch einen Pater zu recherchieren. Was sich wie journalistische Routine anlässt, wird zu einem Skandal ungeahnten Ausmaßes innerhalb der amerikanischen Kirche, der alle nur möglichen politischen Mächte und Widerstände mobilisiert. „Spotlight“ beginnt als „kleine“ Story und steigert sich zu einem Thriller von ziemlicher Ungeheuerlichkeit. Ein feiner Ensemblefilm. In „99 Homes“ von Ramin Bahrani geht es um Zwangsräumungen. Am Höhepunkt der US-amerikanischen Immobilienkrise 2010 können viele Familien die Hypotheken auf ihre Häuser nicht mehr bezahlen und verlieren das Dach über dem Kopf. Einmal mehr untersucht Bahrani jene Strukturen der kapitalistischen Gesellschaft, die zur Ausgrenzung und Marginalisierung ihrer Mitglieder führen. Ein zorniges moralisches Lehrstück mit Andrew Garfield, Michael Shannon und Laura Dern.

Österreich-Premiere haben mit „Dheepan“ von Jacques Audiard der diesjährige Preisträger der Goldenen Palme, mit „Right Now, Wrong Then“ von Hong Sangsoo der Gewinner von Locarno sowie mit „Me and Earl and the Dying Girl“ und „The Diary of a Teenage Girl“ zwei Sundance-Publikumslieblinge. Als Gast geplant war die vergangenen Dienstag völlig überraschend verstorbene belgische Filmemacherin Chantal Akerman, deren letzter Film, ein sehr persönliches Porträt ihrer Mutter und damit ihrer selbst mit dem Titel „No Home Movie“, nun neben den letzten, nachgelassenen Werken von Direct-Cinema-Pionier Albert Maysles und denen des 106-jährig verstorbenen Regiegenies Manoel de Oliveira läuft.

Filme aus Österreich: „Last Shelter“, „Lampedusa im Winter“, „Einer von uns“

Aus dem Schaffen der heimischen Filmemacher hat Hurch sieben Lang- und zahlreiche Kurzfilme ausgewählt, darunter zwei gesellschaftskritische Dokumentarfilme: Jakob Brossmanns „Lampedusa im Winter“ zeigt in hoher Verdichtung die klaustrophobische Situation in dieser kontaminierten geopolitischen Zone. Die Einwohner von Lampedusa sind überfordert vom permanenten Andrang und von einer allgemeinen Mangelsituation, die Asylsuchenden wiederum kämpfen verzweifelt um ihr Recht und ihre Würde. Ein Close-up auf jenes Problem, das die EU nun schon seit Monaten bis zur Kenntlichkeit entstellt. Gerald Igor Hauzenbergers „Last Shelter“ holt das Flüchtlingsthema noch näher heran. Bis vor die Haustür. Es ist noch in lebendiger Erinnerung, dass vor nicht allzu langer Zeit eine Gruppe von Asylwerbern die Votivkirche besetzte, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen und die drohende Abschiebung zu verhindern. Von großem medialem Echo begleitet, harrten die Menschen in der Kirche aus. Doch was wurde aus ihnen? Dieser Frage geht „Last Shelter“  nach und schlägt einen Bogen zur aktuellen, sogenannten Flüchtlingskrise. Beide werden, wie Hurch ihn „ein bisschen keck“ nennt, am „Internationalfeiertag“, am 26. Oktober, gezeigt. Auch dem einzigen österreichischen Langspielfilm im Programm liegen wahre Begebenheiten zugrunde: Stephan Richter arbeitet mit „Einer von uns“ den Tod eines 14-jährigen Einbrechers in einem Kremser Supermarkt durch die Schüsse eines Polizisten „sehr unspektakulär, genau und auf feine Weise und ohne Kapital aus dieser Geschichte zu schlagen“ auf, so Hurch. In einem eigenen Schwerpunkt für heimische Kurzfilme ist unter anderem der in Cannes uraufgeführte Found-Footage-Film „The Exquisite Corpus“ von Peter Tscherkassky erstmals in Österreich zu sehen.

Und, so Hurch weiter, habe die Viennale bisher davon abgesehen, „anlassbezogen auf politische Entwicklungen unmittelbar“ zu reagieren, so gibt es heuer neben dem Flüchtlingsthema gleich noch einen brandaktuellen Programmpunkt. Unter dem Titel „Griechenland – Noch einmal mit Gefühl“ wird mit griechischen Filmen der vergangenen zehn Jahre die Frage gestellt, „wie das Kino über die ökonomische, politische und gesellschaftliche Entwicklung eines Landes“ erzählen kann.

www.viennale.at

Mehr zur Viennale: www.mottingers-meinung.at/?p=14433

Wien, 9. 10. 2015

Die Kinohighlights im Herbst

August 6, 2015 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das flimmernde Dutzend

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson Bild: The Weinstein Company

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson
Bild: The Weinstein Company

Alles wird leinwand: Neben dem neuen James-Bond-Abenteuer „Spectre“ und „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ gibt es im Kinoherbst allerlei Sehenswertes. mottingers-meinung.at freut sich auf folgende zwölf Filme:

September

Black Mass

Endlich einmal ohne Dreadlocks! Johnny Depp besinnt sich auf seine Kernkompetenz, nämlich Schauspieler statt Berufspirat zu sein, und gibt in Halbglatze den skrupellosen US-Verbrecher Joseph „Whitey“ Bulger, der seine lange Karriere auch dem Umstand zu verdanken hatte, dass er dem FBI als Informant im Kampf gegen die Mafia – die in seinem Territorium wilderte – diente. Verspricht ein spannender Mix aus Gangsterfilm und Biopic zu werden. An Depps Seite agieren unter anderem Benedict Cumberbatch und Kevin Bacon. Regie: Scott Cooper. Die Bostoner Unterweltlegende Bulger diente übrigens schon als Vorbild für Jack Nicholsons Figur Frank Costello in „Departed – Unter Feinden“.

www.blackmassthemovie.com

Oktober

Macbeth

Justin Kurzels Adaption von Shakespeares schottischem Stück ging beim diesjährigen Rennen um die Goldene Palme in Cannes zwar leer aus, das bildgewaltige Epos scheint aber allemal sehenswert zu sein. Michael Fassbender, derzeit im Western „Slow West“ in den heimischen Kinos zu sehen, und Marion Cotillard geben Macbeth und seine Lady. Laut Trailer sehr duster und sehr schön vom Wahnsinn umzingelt.

www.macbeth-movie.com

Hotel Transsilvanien 2

Teil eins des Animationsspaßes füllte 2012 weltweit die Kinokassen mit knapp 360 Millionen Dollar. Nun kommt die Fortsetzung der Gruselkomödie: Hotelbesitzer und Oberblutsauger Dracula hat, da sein Schwiegersohn ja einer ist, sein Haus nun auch für Sterbliche geöffnet. Sorgen macht ihm allerdings sein Enkel Dennis, der die Vampirsache nicht so recht ernst nimmt. Dracs Freunde Werwolf, Mumie und Frankensteins Monster sollen dem Nachtschattensprößling auf den Spitzzahn fühlen. Sicher wieder ein Riesenspaß.

www.hoteltmovie.com

Life

Anton Corbjins Biopic über James Dean lief schon bei der Berlinale. Dort war die Handlung manchen zu blutleer, allgemein gelobt wurden aber die schönen Bilder. Teenieschwarm Robert Pattinson schlüpft in die Rolle von Magnum-Fotograf Dennis Stock, der für das Life-Magazine Film-Enfant-terrible James Dean (Dane DeHaan, Variety nannte sein Spiel „magnetisch“) ablichten soll. Der Auftrag führt die beiden Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, quer durch die USA. Das Leben des mit seinen 26 Jahren schon ziemlich biederen Familienvaters Stock wird von der Kinoikone kräftig zentrifugiert – bis aus Staunen Freundschaft entsteht. True Story! Mal schauen.

lifethefilm.com

The Walk

1974 balancierte der französische Hochseilartist Philippe Petit in schwindelnder Höhe zwischen den New Yorker Twin Towers. Robert Zemeckis (Drehbericht samt Aufnahmen des und Interview mit dem echten Philippe Petit: www.mottingers-meinung.at/?p=10367) machte aus dessen Buch „To Reach The Clouds“ einen hoffentlich spannenden Film. Joseph Gordon-Levitt spielt den Wolkenkraxler.

thewalkmovie.tumblr.com

November

Spectre

Wie’s im Geheimagentenbusiness nun mal so ist, ist das Meiste streng geheim. Da kann man trotzig ein Schnütchen ziehen wie Daniel Craig, hilft alles nix. Aber egal. Ist ja nicht anzunehmen, dass das jüngste James-Bond-Abenteuer „Spectre“ in den bewährten Händen von Regisseur Sam Mendes, der auch schon für „Skyfall“ verantwortlich zeichnete, nicht wieder zum Riesenspektakel wird. Handlung: Eine mysteriöse Botschaft aus Bonds Vergangenheit bringt den Superspion auf die Spur einer sinistren Organisation. Während M – Ralph Fiennes folgte bekanntlich auf Judy Dench – gegen Politkräfte kämpfen muss, die dem Secret Service ans Leder wollen, enthüllt die Doppelnull die Machenschaften von „Spectre“. Monica Bellucci fungiert als „Bond-Girl“, Ben Whishaw wieder als Q, Christoph Waltz gibt den Bösewicht mit dem österreichischen Namen Oberhauser. Ob der Blofeld ist oder nicht, sagt uns erst .. Auch darüber, wer den Bond-Song singt, brodelt derzeit noch die Gerüchteküche.

www.007.com/spectre

The hateful Eight

Pflichtprogramm! Quentin Tarantino zum zweiten Mal auf der Fährte der beiden Sergios. Mit „The hateful Eight“ schuf er wohl wieder eine astreine Hommage an den Italowestern, diesmal im Schnee wie weiland Corbuccis Meisterwerk „Leichen plastern seinen Weg (Il grande silenzio)“. Wie Klaus Kinski ist auch Kurt Russell als Kopfgeldjäger mit Postkutsche und Verbrecherin (Jennifer Jason Leigh) unterwegs, allerdings will er die Holde nicht à la Vorbild im Schnee tieffrieren, sondern sie – um eben dies zu verhindern – in einer Stagecoachstation zwischenparken. Dort gibt sich bereits allerlei lichtscheues Gesindel ein Stelldichein: Man hat noch eine Bürgerkriegsrechnung miteinander offen. Mit Samuel L. Jackson, Tim Roth, Channing Tatum und dem großartigen Bruce Dern als abgehalftertem General. Ennio Morricone macht die Musik.

thehatefuleight.com

Irrational Man

Woody Allen kann auch mit beinah 80 nicht aus seiner Haut, muss er auch nicht, er hat ja Erfolg damit. „Irrational Man“ heißt sein jüngster Alter-Ego-Film, Joaquin Phoenix darf diesmal den Stadtneurotiker spielen, allerdings in einem beschaulich-ländlichen College, wo er als Philosophieprofessor am Sinn-des-Lebens-Bezweifeln und Zwischen-zwei-Frauen-Stehen laboriert. Und deshalb (?) an Erektionsstörungen. Die angeblich schwarzhumorige Komödie, die sich zum Krimi entwickelt, soll bissfester sein als ihr Vorjahrsvorgänger „Magic in the Moonlight“.  UK- und US-Kritiken waren nicht durchwegs freundlich, also selber ein Urteil bilden.

www.sonyclassics.com/irrationalman

The Martian

Ridley Scotts Ankündigung den faden „Prometheus“ mit einem Sequel zu adeln, darf zwar als gefährliche Drohung verstanden werden, trotzdem ist Science Fiction vom „Alien“-Altmeister ein Cineastenmuss. Des Sirs jüngste Mission führt zum Mars, er hat Andy Weirs Weltraumroman „The Martian“ für die Leinwand gebannt. Der Marsianer ist kein grünes oder andersfarbiges Männchen, sondern der von Matt Damon gespielte NASA-Astronaut Mark Watney, der von seinen Kollegen irrtümlich auf dem roten Planeten vergessen wird. Ohne Möglichkeit zur Kommunikation und mit beschädigter Ausrüstung beginnt für den Botaniker auf dem unwirtlichen fremden Himmelskörper der Überlebenskampf. Mit Jessica Chastain, Jeff Daniels und Sean Bean, der hier nach „Herr der Ringe“ und „Game of Thrones“ den Film mutmaßlich überstehen wird. Wir freuen uns auf erwartungsgemäß tolle Bilder und eine klaustrophobische Stimmung.

www.foxmovies.com/movies/the-martian

Steve Jobs

Gerade erst hat die Oper von Santa Fe für 2017 die Premiere von „The (R)evolution of Steve Jobs“ aus der Feder von Komponist Mason Bates angekündigt, da kommt auch schon der nächste Film über das Apple-Genie ins Kino. Dem kann man nur mehr Glück wünschen als Ashton Kutchers abgestürztem „jOBS“. Garanten für ein vielschichtiges Werk über einen faszinierenden Zeitgenossen wären Autor Aaron Sorkin, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Michael Fassbender jedenfalls. Dem gewieften Charakterdarsteller, dem keiner so schnell einen Apple für ein Ei vormacht (Tschuldigung, konnte nicht widerstehen 😉 ), sollte es doch möglich sein, Jobs überbordenden Geist, sein gefürchtetes Temperament, seine Kompromisslosigkeit und seinen Alleinherrscheranspruch in eine Figur zu gießen.

www.stevejobsthefilm.com

Dezember

Star Wars: Episode VII – The Force Awakens

Hurra, Harrison Ford, Carrie Fisher und Mark Hamill sind wieder da! Nach den unsäglichen Episoden I bis III geht’s nun mit Han, Leia und Luke hoffentlich in bewährter Manier flottilotti weiter. Über die Handlung des ersten Teils der dritten Trilogie ist nicht viel bekannt: Wiewohl der Todesstern hin ist, lebt das Imperium als „The First Order“ weiter. Prinzessin Leia schickt Piloten auf Erkundungsflüge, ein geheimnisvolles Lichtschwert soll der Schlüssel zu einem Grab der bösen Sith sein, weshalb Rebellenheld Han Solo sich der Sache annimmt. Der braucht die Hilfe von Jedi Luke Skywalker. Doch sein alter Freund und Schwager ist im Exil … Mit J. J. Abrams als Regisseur dürfen die Erwartungen ruhig hoch liegen. Harrison Ford hat nach Beinbruch am Set zwischenzeitlich bewiesen, dass er alles überleben kann, auch selbstfabrizierte Flugzeugabstürze. Carrie Fischer möge in ihrer berüchtigt grummeligen Leiar, äh Leier, für feministischen Touch sorgen. Das „Oh, Anakin!“-Gesäusel ihrer unemanipierten Mutter Padmé Amidala war ja nicht zum Aushalten. In diesem Sinne: Möge die Macht mit uns sein!

www.starwars.com/the-force-awakens

Bridge of Spies

In the shadow of war, one man showed the world what we stand for. So der erste Satz, mit dem sich der Film vorstellt. Und, ehrlich, wer möchte bei so viel US-Propaganda nicht sofort ins Kino laufen? Da ist bitte nur einem PR-Menschen der Schreiberling durchgegangen? Steven Spielberg und Tom Hanks stehen eigentlich für mehr Qualität. Und auch ihr deutschsprachiger Mitstreiter Sebastian Koch. Inhalt des Zeitgeschichtethrillers: Im Kalten Krieg wird ein amerikanisches Spionageflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen. Anwalt Hanks soll mit den Russen in Verhandlungen treten, um den Piloten vorm Arbeitslager zu retten. Ein Austausch auf der Glienicker Brücke in Berlin wird vorbereitet …

bridgeofspies.com

Wien, 6. 8. 2015

Volkstheater: Spiel’s nochmal, Sam

April 30, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Woody Allens Komödie in den Bezirken

Till Firit Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit
Bild: © Lalo Jodlbauer

Am 30. April hat im Volkstheater in den Bezirken Woody Allens romantische Komödie „Spiel’s nochmal, Sam“ Premiere. In der Regie von Anselm Lipgens spielen Till Firit, Clemens Matzka, Alexandra Maria Timmel, Marie-Christine Friedrich und Elisabeth Balog.

Inhalt: Allan Felix (Firit) ist ein Durchschnittstyp. Er ist etwas linkisch, nicht gerade das, was man einen Frauenhelden nennt, und – wie es sich für eine echte Woody-Allen-Figur gehört – leicht neurotisch. Er hat seine Leidenschaft für Hollywoodfilme zum Beruf gemacht: Er schreibt für ein kleines Kinomagazin. Und identifiziert sich mit den Liebesabenteuern seiner Leinwandhelden. Insbesondere liebt er den Film Casablanca und leidet mit dessen Helden: Vor allem imponiert ihm, wie heroisch Rick alias Humphrey Bogart auf seine große Liebe Ilsa, gespielt von Ingrid Bergman, verzichtet. Doch Allans Leben spielt sich nicht in „Rick’s Café“ ab. Seine Frau Nancy lässt sich von ihm scheiden. Und zu allem Unglück ist sein Psychiater gerade in den Ferien. Seine Freunde versuchen ihn vergeblich zu verkuppeln. Da erscheint ihm Humphrey Bogart und gibt ihm gut gemeinte Ratschläge: „Die Welt ist voller Weiber und du brauchst nur zu pfeifen!“ Allan schöpft wieder Hoffnung. Gibt es doch mehrere Millionen Frauen allein in New York und eine davon wird er bestimmt erobern: „Schau mir in die Augen, Kleines“.

1969 schrieb Woody Allen diese Komödie, die sich rasch zum Dauerbrenner entwickelte und drei Jahre später von Hollywood mit dem Autor in der Hauptrolle auch erfolgreich verfilmt wurde. Die liebevolle Hommage an die Kinoklassiker vergangener Tage (und an Casablanca im Besonderen) und ihre Stars erzählt berührend von der Midlife-Crisis eines Mannes, seiner Suche nach sich selbst und nach der großen Liebe. Am Ende ist Allans Leben dann doch wie im Kino – er durchlebt noch einmal die berühmte Schlussszene aus dem Film Casablanca, auf den auch der Titel anspielt (Play it again, Sam), obwohl der Satz in Michael Curtiz’ Film nie zu hören ist. Aber: Gibt es ein Happy End? Oder bleibt auch Allan wie Humphrey Bogart im Regen stehen? Mit nichts als dem „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“? Nach der Österreichischen Erstaufführung der Bühnenfassung von Purple Rose of Cairo steht mit Spiel’s nochmal, Sam erneut ein Stück von Woody Allen auf dem Spielplan des Volkstheaters.

www.volkstheater.at

Wien, 30. 4. 2014

Auge um Auge

April 8, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Mann fürs Mittelmaß

Christian Bale Bild: Tobis Filmverleih

Christian Bale
Bild: Tobis Filmverleih

Er ist Batman, Patrick  „American Psycho“ Bateman, er nahm als „Der Maschinist“ 30 Kilo ab, für die Betrügersatire „American Hustle“ 20 Kilo zu. Christian Bale ist kein Mann fürs Mittelmaß. Er ist „Extremist“- wo er ist, ist das Extrem. Und zwar extrem gutes Schauspiel. Für „The Fighter“ gab’s 2010 einen Oscar. Zurzeit ist er in Scott Coopers Arbeiterdrama „Auge um Auge“ in den Kinos zu sehen. Wäre der Waliser nicht so ein hinreißender Familienvater (er ist seit dem Jahr 2000 mit Ex-Model Sibi Blažić verheiratet; die beiden haben eine Tochter), man müsste meinen, er gehörte zu der Kategorie Leinwandgenies, die mit ihren Dämonen Nacht für Nacht einen Kampf auf Leben und Tod ausfechten. Doch Bale schläft gut. Er rastet („Terminator: Die Erlösung“) an Filmsets zwar manchmal aus, wenn’s nicht nach seinem Schädel geht, aber ansonsten ist er normal geblieben.

Coopers „Auge um Auge“ zeigt den Abstiegskampf eines Stahlarbeiter. Vieles erinnert an „Die durch die Hölle gehen“. Die grindig heruntergekommene Vorstadtatmosphäre, die freudlos-düsterer Grundstimmung des Films, die Verzweiflung der Figuren. Wohlfühlkino geht anders. Bale ist wieder hager, langhaarig, ein Arbeiterklassenjesus am Hochofen. Gedreht wurde in Braddock, einer Kleinstadt in der Nähe von Pittsburgh. „Ich traf die Leute dort, trank ein Bier mit ihnen, hörte mir ihre Sorgen an, das färbt ab“, schildert Bale. „Man bekommt ein Gespür für die Menschen, die einmal Mittelschicht waren, und nun alles verlieren, die gegen den sozialen Abstieg kämpfen. In den USA bricht die Industrie ein, es gibt massiven Stellenabbau. Ich denke, unser Film kommt zur rechten Zeit. Er greift Konflikte auf, die in der Luft liegen.“

Stoisch macht sich Russell Baze alias Bale allmorgendlich zur Arbeit auf. Das Leben hat ihm nichts zu bieten. Er kümmert sich um seinen sterbenskranken Vater, seine Freundin und seinen nach mehreren Einsätzen im Irakkrieg traumatisierten Bruder Rodney (Casey Affleck in einer ihm auf den Leib geschneiderten Rolle). Im Fernsehen tritt Barack Obama auf. Rodney baut bei illegalen Straßenkämpfen Mist und endet mit einer Kugel im Kopf. Russell baut betrunken einen Autounfall, gerät in die Fänge der Justiz und die Welt aus den Fugen. Der Film mäandert nun zwischen Drogenkrimi und Rachethriller. Je zerbrechlicher, manischer, verlorener Rodney geworden ist, desto brutaler, kriegerischer, schärfer wird Russell. Es wird zu einer Wahnsinnstat kommen …

Vorher sei aber noch erwähnt, wie großartig Woody Harrelson als tätowierter, bösartiger Psychopath ist. Wie treffsicher Cooper sein Darstellerteam Willem Dafoe, Zoë Saldaña, Forest Whitaker, Sam Shepard … zu Höchstleistungen führt. Bale spielt mit Mikromimik. Ein zuckender Wangenmuskel, ein flackerndes Auge, schon sind Schmerz und Angst und Trauer spürbar. America the Beautiful hat sich an den Rand der Existenz gebracht. Das will Scott Cooper ausdrücken: die tiefe Enttäuschung darüber, dass es auch in den Jahren der Obama-Regierung nicht vorangegangen ist. Nur Turnen mit der First Lady und Empörung über Samsung-Selfies werden zu wenig sein. Laut Süddeutscher melden sich die Bushs in Gestalt von Sohn Jeb (61) zurück. So viele Hochöfen hat die Hölle gar nicht. Also, Vorsicht: „Auge um Auge“ ist kein Film für Patrioten.

www.augeumauge-derfilm.de

http://outofthefurnacemovie.tumblr.com/

Trailer:  www.youtube.com/watch?v=qAAWlQpIrNs

Wien, 8. 4. 2014