Volksoper: Into the Woods

Mai 29, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Musical als kunterbuntes Pop-up-Märchenbuch

Familie Aschenputtel trifft Hans‘ Mutter: Martina Dorak, Franz Suhrada, Elisabeth Schwarz, Theresa Dax, Christian Graf und Ursula Pfitzner. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der eigene Vater, da selber früher ein kindliches Opfer von deren Gruselschockern, hatte die Gebrüder Grimm ja aus Töchterchens Zimmer verbannt. Stattdessen wurden „Die schönsten Tiermärchen aus aller Welt“ über Verständnis und Versöhnung, Frieden und Freundschaft verlesen. Doch wie’s schon so ist, mit der dunklen Seite des Wünschens und dem Reiz des Verbotenen, die berühmt-berüchtigte Sammlung fand sich in der öffentlichen Bibliothek

– und heimlich, sozusagen mit Taschenlampe unter der Bettdecke, konnte man sich nun dem süßen Erschauern ob brennender Hexen, sich selbstverstümmelnder Stiefschwestern und dem Massakrieren gefährdeter Tierarten hingeben. So ähnlich mag’s vielleicht Stephen Sondheim ergangen sein, dem scharfsinnigen Satiriker unter den Musicaltitanen, dessen Geniestreiche „Die spinnen, die Römer!“ und „Sweeney Todd“ die Volksoper bereits höchst erfolgreich aufführte, bevor man nun gestern* des Hauses Erstaufführung von dessen Märchen-Mash-up „Into the Woods“ besorgte.

Im weiland Broadway-Hit gehen Sondheim und sein Autor James Lapine, die deutsche Übersetzung ist von Michael Kunze, jenem „happily ever after“ nach, das es nach Verarbeitung durch die spöttelnden Fabelverschwurbler angesichts der Unbelehrbarkeit der Menschheit einfach nicht geben kann. So viel zum Verbotenen und zum Wünschen, ist der eine erfüllt, wird schon der nächste auf die Liste gesetzt. Das geht nicht ohne Kollateralschäden ab: In „Into the Woods“ hat es mehr Tote als im „Hamlet“, und gefragt, ob’s denn trotzdem was wäre für die ganze Familie: Ja. Es gibt, wie auch in der US-amerikanischen Comic-Literatur üblich, eine Ebene zauberhaften Humors für die Kleinen, jedoch dahinter, als Subtext jene Art hinterhältig bitterbösen Witz, der die Volksoper zum Ankünder „Auch Erwachsene brauchen Märchen!“ veranlasste.

Sondheim und Spießgesellen haben eine Rahmenhandlung erdacht, in die sie Grimm’sche Klassiker sonder Zahl einbetten: Ein Bäckersehepaar möchte nichts dringlicher als ein Kind, aber die alte Hexe aus der Nachbarschaft verlangt für die Magie dieser künstlichen Befruchtung eine milchweiße Kuh, ein blutrotes Mäntelchen, maisblonde Haare und einen goldenen Schuh. Womit, man ahnt es, Rotkäppchen, Rapunzel und Aschenputtel ins Spiel kommen, nebst Hans aus „Jack and the Beanstalk“, vom britischen Buchhändler Benjamin Tabart 1807 nieder- geschrieben, und wohl weltweit bekannt geworden, als Mickey, Goofy und Donald die Bohnenranke erklommen.

In der Regie von Oliver Tambosi und Simon Eichenberger, Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann, Kostüme von Lena Weikhard, verwandelt sich das Musical zum kunterbunten Pop-up-Märchenbuch. Mit Robert Meyer als „Es war einmal …“-Erzähler und Geheimnisvollem Mann, über dessen Existenz nichts weiter verraten sein soll, und während Entertainment Weekly über die Stars-funkelnde Hollywood-Verfilmung mit immerhin Meryl Streep, Emily Blunt, Chris Pine und Johnny Depp zusammenfasste, nach der wilden Jagd des Bäckerpaars sei der Film „wie ein luftloser Ballon“, verhält es sich an der Volksoper genau umgekehrt.

Bettina Mönch als sexy Hexe. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Drew Sarich als böser Wolf. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Lauren Urquhart als Rapunzel und Julia Koci. Bild: © B. Pálffy / Volksoper Wien

Regelrecht giert man schon danach, dass nach der Pause die Dekonstruktion von „und wenn sie nicht gestorben sind“ beginnt, weil ja wie gesagt heftig abgelebt wird. Welch ein cleverer Spaß voll musikalischer Eleganz, der, ohne dies nun überstrapazieren zu wollen, eine allgegenwärtige Alb-Geschichte von Meinungsmachern, Opportunisten, Egoisten und Wutbürgern erzählt, denen gegenseitige Schuldzuweisungen wichtiger sind als das Wohl aller. Welch ein Sehnsuchtsruf nach „normalen“ Zeiten, und, ja, selbstverständlich gibt’s bei Sondheim eine Moral von der … nämlich, dass nur Gemeinschaft und Zusammenhalt die Auslöschung der Welt – hier durch die Riesin mit der Stimme von Erika Pluhar und den Saal erbeben lassenden Stampfschritten – verhindern können.

In rasanten Performances toben die Darstellerinnen und Darsteller durch das tragikomische Stück. Dies mit einer Tambosi’schen sexuellen Konnotation, der finstre Wald der wilden Triebe, die Grimms Märchen ohnedies unterstellt werden, und Dirigent Wolfram-Maria Märtig vermag es mit dem Volksopernorchester, den Themes, den musikalischen Motiven der einzelnen Figuren den entsprechenden Drive zu geben. Anfangs ist die Bühne dreigeteilt, Aschenputtel Laura Friedrich Tejero möchte zum Galaball des Prinzen, Hans‘ Mutter – superb Ursula Pfitzner als Oliver Liebls schreckschraubige Erziehungsberechtigte -, dass die Kuh endlich Milch gibt, Peter Lesiak und Julia Koci als Herr und Frau Bäcker schnellstens Nachwuchs.

„Ab in den Wald“, Ohrwurm #1 dieser Aufführung, singen sie alle, weil offensichtlich im dunklen Dicht der Baumstämme die Erfüllung aller Bedürfnisse lauert. Die fulminante Bettina Mönch hat ihren ersten Auftritt als gedreadlockte, rappende Megäre, bevor der Zaubertrank aus den geforderten Zutaten sie zum Sexy Hexy macht, im denkbar knappsten Kostümchen, das erahnen lässt, dass hier schon diverse Herren Hand angelegt haben. Alldieweil begegnet Rotkäppchen Juliette Khalil dem bösen Wolf – Publikumsliebling Drew Sarich wie stets mit Sonderapplaus bedacht, er im Exhibitionisten-Trenchcoat über den Bondage-Strapsen der volle Verführer. Es folgt die Defloration mittels Liebesschaukel/Sling mitten im Blütenmeer.

Die kinderlosen Bäckersleut‘ und die milchweiße Kuh: Julia Koci und Peter Lesiak. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Juliette Khalil als williges Rotkäppchen und Drew Sarich als rotbestrapster Wolf. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Wehrhaftes Enkelkind: Juliette Khalil im Wolfscape und Oliver Liebl als Hans. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Robert Meyer als Geheimnisvoller Mann, Bettina Mönch als noch böse alte Hexe. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Allein, die Story ist bekannt. Nicht nur richtet Regula Rosin als Rotkäppchens Großmutter eine Splatter-Schlächterei an, auch das Rotkäppchen ist äußerst wehrhaft. Es wird später ein Cape aus dem Fell des Wolfes tragen. Im Who is Who der Grimm-Welt geben außerdem Martina Dorak, Elisabeth Schwarz und Theresa Dax die Aschenputtel-Stieffamilie – und Franz Suhrada grandios den ob seiner miesen Wahl dauertrunkenen Vater. Lauren Urquhart muss als Rapunzel Haare lassen, und Christian Graf galoppiert als jene Art prinzlicher Kammerdiener, der mehr hoheitlicher Prinzipienreiter ist als sein Herr, durchs blindwütige Setting.

Was einen zum x-ten Kabinettstückchen der Produktion kommen lässt, Drew Sarich nunmehr als Aschenputtels Macho-Prince Charming im pathostriefenden Duett mit Martin Enenkel als jenem von Rapunzel über beider „Liebesqual“, zwei selbstverliebte Degenschwinger, die ihre Rösser à la Ritter der Kokosnuss reiten, die ihre Bestimmung im Wachküssen schlafender Schönheiten orten, und alsbald von den Gattinnen gelangweilt sich Schneewittchen und Dornröschen zuwenden …

Unzufriedenheit, Fremdgehen, ständiges Mehr-Wollen, Irrungen und Wirrungen und nicht zu vergessen eine dorfzertrampelnde Gigantin später hat sich das furios agierende Ensemble durch die schönsten Melodien des Musicals gesungen, Oliver Liebl sinniert über die „Riesen unter uns“, Bettina Mönch verkündet die „Mitternachts- stunde“. Man wähnt sich „von der Regierung verlassen“, und als eine Gottesgabe für die Fee-fi-fo-fum-Frau gesucht wird und die ohnedies geringe Solidarität perdu geht, versucht sich Robert Meyer mit den Worten „ich spiele doch gar nicht mit“ aus der Affäre zu ziehen. Vergebens, welch eine Rolle für den Herrn Direktor.

Jahaha, es ist ein Teufelskreis vom Wunsch zu dessen Erfüllung. „Into the Wood“ ist zweifellos Stephen Sondheims skurrilstes Werk übers Sehnsuchtsvehikel Mensch, darüber, was wir von der Vorgängergeneration mitbekommen und an die nächste weitergeben wollen. „Niemand ist allein“, davon gibt’s in diesem Sondheim’schen Vexierspiegel einer real existierenden Gesellschaft Teil I und II. Die spielfreudige Volksopern-Truppe fühlt sich im Überdrüber des Drunter und Drüber sichtlich so pudelwohl, wie der von Faust beschworene Kern. Und so lebten sie vergnügt bis … zur nächsten Vorstellung kommenden Sonntag.

[* Die Rezension bezieht sich auf die Vorpremiere am 24. Mai 2021.]

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=HuLvf3JW4os           Das Ensemble im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=Z8pjeas414Q           www.youtube.com/watch?v=G6f8hZSndqU           www.volksoper.at

  1. 5. 2021

Love Sarah

September 8, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mehlspeis-Märchen kuriert die Multikulti-Gesellschaft

Dieses Ensemble kriegt’s gebacken: Rupert Penry-Jones, Shelley Conn, Celia Imrie, Shannon Tarbet und Bill Paterson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Sinnlichkeit feinster Süßspeisen ist nicht erst seit „Chocolat“ immer wieder beliebtes Filmthema, und schon Cissy Kraner besang in „Wie man eine Torte macht“ die Plagen einer Pâtissière. Nun zelebrieren Drehbuchautor Jake Brunger und Regisseurin Eliza Schroeder die hohe Kunst der Kuchenbäcker in „Love Sarah“, einem warmherzigen Feel-Good-Movie, das am Freitag in den Kinos anläuft.

Das heißt, gut fühlt sich hier anfangs niemand, stirbt doch Mehlspeis-Magierin Sarah just an dem Tag, an dem sie mit Best Friend Forever Isabella in Notting Hill eine eigene kleine Konditorei gründen wollte. Das stürzt diese nicht nur in

tiefe Trauer, sondern auch in schwere Existenznöte, wo keine Bäckerin, da keine Bäckerei, und beides teilt sie mit Sarahs Tochter Clarissa, die mitten in der Tanzausbildung von ihrem Lover vor die Tür gesetzt wird. Zu Sarahs Mutter Mimi hatten die drei längst den Kontakt abgebrochen, aber nun, da die Enkelin einen Schlafplatz und die Geschäftspartnerin der Tochter Geld braucht, scheint die wohlbetuchte Exzentrikerin die einzig rettende Hand. Als dann noch Michelin-Sterne-Koch Matthew auf der Bildfläche erscheint, mit dem Sarah und Isabella wohl mal eine himbeerheiße Ménage à Trois hatten, sind genug Konflikte beisammen, um diese zuckrigen Zutaten in die Rührschüssel zu tun.

Doch Eliza Schroeder und Kameramann Aaron Reid gelingt weit mehr, als De-Luxe-Törtchen pittoresk in Szene zu setzen. Das Spielfilmdebüt der deutschen Regisseurin, die nunmehr selbst in Notting Hill lebt, ist im London der Brexit-Verhandlungen ein sympathisches Stellungbeziehen für eine offene, multikulturelle Stadtgesellschaft. Matthews überkandidelte Kreationen nämlich finden keine Käufer, die Kunden aus der kunterbunten Nachbarschaft wünschen sich Süßes aus ihrer Heimat, „a home away from home“, wie Marketingstrategin Mimi es bald nennt, und so darf jeder ein Rezept vorbeibringen – und sich auf seine Naankhatai, Faworki, Maandazi, Klingeris oder Maamoul bil Tamr freuen.

Stolz aufs hochwertige Pâtisserie-Sortiment: Celia Imrie, Shaonnon Tarbet und Shelley Conn. Bild: © Femme Films

Doch im multikulturellen London wünschen sich die Kunden Kuchen, der nach Heimat schmeckt. Bild: © Femme Films

Hier hatten die Spitzenköche Candice Brown und Yotam Ottolenghi die Finger im Spiel. Bild: © Femme Films

Die berüchtigte Matcha Mille Crêpe Torte ist gelungen: Shannon Tarbet und Celia Imrie. Bild: © Femme Films

So verschieden das neue Sortiment der Bäckerei, so auch die Charaktere ihrer Betreiber. Großartig allen voran ist Celia Imrie, die der Mimi einen herrlich herben Charme verleiht, der ehemalige Star auf dem Trapez, der mit Strenge Disziplin einfordert, und dem Jake Brunger Sätze wie „Müssen wir uns weiter durch diesen Smalltalk plagen, oder sagst du mir, worum’s geht?“, als sie die von ihr erhoffte Finanzspritze erahnt, und Dialoge wie: im noch als Bruchbude darniederliegenden Lokal –  Isabella: „Es hat Potenzial“, Mimi: „Als Crackhöhle!“, auf den Leib geschrieben hat. Mit ihrem feinen Lächeln verrät Celia Imrie, dass ihre Mimi auch über Gemüt verfügt.

Szenen, in denen Tanzelevin Clarissa, frisch und frech gespielt von Shannon Tarbet, die Oma in einen Trapezkurs schleppt, wo die frühere Zirkusdirektorin freilich samt der Kursleiterin alle aufmischt, sind vom Feinsten. Und dann ist da noch der Gentleman von gegenüber, Bill Paterson als skurriler Erfinder Felix, der Mimi nicht ohne deren Wohlwollen Avancen macht. Als Gegensatzpaar sind die ebenfalls starrköpfige Isabella und der nicht minder sture Matthew zur Stelle, Shelley Conn und Rupert Penry-Jones, denn sie misstraut ihm ob seiner zweifellos obskuren Beweggründe von der Haute Cuisine in die Niederungen des „Love Sarah“ genannten Kleinbetriebs zu wechseln.

Egal in welchem Alter, Liebe geht …: Bill Paterson als skurriler Erfinder Felix und Celia Imrie. Bild: © Femme Films

… durch die Backstube: Shelley Conn und Rupert Penry-Jones als undurchsichtiger Sternekoch Matthew. Bild: © Femme Films

Doch erst als endlich alle Konflikte in der Konditorei beseitigt sind …: Shelley Conn und Celia Imrie. Bild: © Femme Films

… kann die quirrlige Elevin Clarissa wieder nach Herzenslust tanzen: Shaonnon Tarbet. Bild: © Femme Films

Die Dame muss erst einmal nicht angebraten, sondern bebacken werden. Nur das Publikum weiß, dass Matthew mittels eines geklauten Clarissa-Haars einen Vaterschaftstest durchführen lässt … But together we’re sweet, könnte das Motto dieses Films lauten, all die Irrungen und Wirrungen, in denen ein bestellter Matcha Mille Crêpe Kuchen erst zum matschigen Dàtschen werden muss, bevor zusammenfindet, was offensichtlich zusammengehört, und der Ritter mit dem weißen Schneebesen seine holde Makronen-Maid heimführen darf. „Love Sarah“ ist ein zarter Film von tragikomischem Humor, und wer das Kitsch nennt, hat recht, aber kein Herz.

Die Leckereien, die so international sind wie es sich für die Bewohner einer Metropole gehört, wurden vom israelisch-britischen Spitzenkoch Yotam Ottolenghi, Food-Stylistin Rebecca Woods, Candice Brown, der Gewinnerin von „The Great British Bake Off“ 2016, und anderen kulturell vielfältigen Bäckereien in London gezaubert. Fazit: Aus der Begegnung von Menschen verschiedener Kulturen kann eine wunderbare Kreativität entstehen. „Die Tatsache, dass ich als begeisterte Bäckerin, die in Deutschland aufgewachsen und mit einem Franzosen verheiratet ist, in Brexit-Großbritannien lebt, hat mich dazu inspiriert, das vielfältige London in seiner ganzen Pracht zu porträtieren, das durch die Liebe zum Backen zusammengebracht wird“, sagt Eliza Schroeder. What else to say? If you got sweet tooth, check it out!

www.weltkino.de/Love-Sarah           www.facebook.com/LoveSarah.DerFilm

  1. 9. 2020