Volksoper: Die Dubarry

September 4, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Babylon Berlin meets Wiener Walzerseligkeit

Endlich zur Mätresse des Königs aufgestiegen: Annette Dasch als Gräfin Dubarry und Harald Schmidt als Ludwig XV. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kommt man nach der Pause zurück in den Saal, sitzen auf der Bühne bereits Oliver Liebl als Hauslehrer und Annette Dasch, die von diesem vom Arbeitermädchen Jeanne Beçu zur Gräfin Dubarry erzogen werden soll – allerdings nicht für den Hof des französischen Königs Ludwig XV., sondern laut Liebls Zungenschlag eindeutig für den kaiserlichen zu Wien. Da gibt’s freilich viel zu lachen bei diesem Zwischenspiel, wenn der Berlinerin vom Wiener Kaffeeunterricht erteilt wird,

wenn die „Piefkenesin“ an der Knödelfrage „Hauptspeis‘, Zuaspeis‘, Nachspeis‘?“ scheitert, das Hand-Ablecken ist gleich den Handkuss pervers findet, und sich schief lacht über die Anrede „Eiergnaden“. Liebls „Lecker is bei uns goar nix!“ wird von jenem Teil des Publikums mit einem Jauchzer begrüßt, der auch am Schluss für Jubel und Applaus sorgte, während der andere ob des Niveaus indigniert das Leading Team mit Buhrufen bedachte.

Das war sie also die Eröffnungspremiere der Direktion Lotte de Beer an der Volksoper, „Die Dubarry“, mit einem ZuschauerInnen-Unentschieden als Endstand, wobei an dieser Stelle von einem verheißungsvollen Start die Rede sein soll. Hausdebütant Regisseur Jan Philipp Gloger turnt bei seiner theatralen Recherche über die Weibsbilder toxischer Männlichkeit eine Rolle rückwärts, vom Heute in die 1930er-Jahre zum Ende des 19. Jahrhunderts zu Louis Quinze, was weniger mit der von dem betriebenen Beilegung des Habsburgisch-Französischen Gegensatzes zu tun hat, als mit der Zeitlinie, die der Operette eingeschrieben ist:

Der Aufführung des selten gespielten, weil doch ziemlich angestaubten Werks im Jahr 2022, der Originalfassung des österreichischen Komponisten Carl Millöcker anno 1879, der Neufassung vom Deutschen Theo Mackeben von 1931 und der Handlung rund ums Jahr 1769. Entstanden ist so eine frisch aufgebrühte Melange mit dem melodie-verliebten Charme der goldenen Operettenära in der Donaumetropole und einer schmissig-schnoddrigen Revue-Operette à la an der Spree, sozusagen ein Babylon Berlin meets Wiener Walzerseligkeit, eine Konfetti-Explosion voll Witz und Ironie fürs Genre, dessen Dekonstruktion zweifellos – aber durchaus mit dem gebotenen Respekt.

Und in der Titelpartie eine entfesselte Annette Dasch, die mit ihrer Stimme sowieso und ihrem Spiel begeistert, eine grandiose Komödiantin, die ihren Charakter aber auch in Tiefen gleiten lassen kann, wenn es gilt die antiquiert-anzüglichen Frauenfantasien der besseren Herren zu hinterfragen – wobei trotz Feminismus und Büstenhalter-Verbrennung die bittere Essenz des Abends ist, dass Emanzipation bis zum Anschlag immer noch nicht stattgefunden hat. In allen vier Teilen bleibt die Frau mehr oder minder (Sex-)Objekt des Mannes, das alles gut getarnt im Dreivierteltakt als „Weiblicher Reize Macht“.

Los geht’s im Jetzt: Die „Putzmacherinnen“ im Atelier Madame Labille dekorieren Schaufensterpuppen, schwatzen über die neueste Emma-Ausgabe und, dass sie lieber bei Cartier als bei Kik shoppen würden, die Dasch rauscht mit Timbre und Temperament heran. Noch ist sie die aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Jeanne Bécu, doch mit bester Freundin Margot, entzückend quirlig wie stets: Juliette Khalil, schmiedet sie größere Pläne. Die so rotzfrechen wie leichtlebigen Gören haben noch was vor: reiche Männer gegens eigene Elend aufreißen. Ergo raus aus dem Modesalon, rein ins Nachtleben, wo Marco Di Sapia als Graf Dubarry, Daniel Ohlenschläger, Oliver Liebl, Martin Enenkel und Wolfgang Gratschmaier ihr zynisches „Cherchez la femme“ anstimmen, Motto: Klug muss sie nicht sein, aber schön. „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.“

Die Putzmacherinnen und die Blaublüter anno 2022, M.: Wolfgang Gratschmaier und Juliette Khalil. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Bohème-Romantik kann er sich einrahmen lassen: Annette Dasch und Lucian Krasznec als Maler René Lavallery. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In den Berliner 1930ern, gestrandet als Sängerin im Bordell: Annette Dasch und Marco Di Sapia als Graf Dubarry. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im k.u.k.-Reich Seiner Majestät: Martin Enenkel, Wolfgang Gratschmaier, Marco Di Sapia, Annette Dasch und Oliver Liebl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Vor allem gefällt hier Wolfgang Gratschmaier als Marquis de Brissac, ein in die Jahre gekommener schlitzohriger Don Juan, dessen Ähnlichkeit mit einem bekannten Wiener Rechtsanwalt rein zufällig ist. Gemeinsam mit Khalil wird er in zahlreichen Bravourszenen ein akklamiertes Buffo-Paar abgeben. Margot wird nämlich die Geliebte des alten Gockels und hat sich in den Kopf gesetzt, sich von ihm die Schauspielerei finanzieren zu lassen.

Zwischen kleinen Gags, kurzem Augenzwinkern und dem Schießen von Selfies darf derweil Lucian Krasznec als Kunstmaler René Lavallery seine Schellackstimme strahlen lassen. Es stand hier schon in der Rezension zum „Bettelstudent“ (www.mottingers-meinung.at/?p=19470), dass da einer ziemlich nah an den großen Adolf Dallapozza heranreicht, ein Eindruck, der sich bei seinem Schmachten um Jeanne wiederholt. In ihren Szenen sind Dasch und Krasznec musikalisch als das dramatische Liebespaar der Operette ausgewiesen, auch wenn ihn Besitzgier und häusliche Gewalt fehlleiten und die wichtigste Frage an die Geliebte ist, was sie denn vorhabe zu kochen. Bühnenbildner Christof Hetzer setzt Renés Bohème-Stube in einen blattgoldenen Bilderrahmen, in den –  einmal rausgestiegenJeanne kein Zurück mehr findet.

Denn die Dasch wirft den Würfel mit den zahlreichen Spielflächen selbst immer wieder händisch an, dreht die eigene Geschichte weiter, die Zeituhr zurück in die 1930er-Jahre, wo sie als Sängerin mit Künstlerinnennamen Manon in einem anrüchigen Etablissement auftritt. Alles atmet hier die Exzellenz der Dekadenz, als erneut Marco Di Sapia als eiskalt-eleganter, sinistrer Graf Dubarry erscheint, um der desillusionierten Jeanne, die er sofort als solche erkennt, ein unmoralisches Angebot zu machen: Um sein politisches Ränkeschmieden in Versailles voranzutreiben, will er sie als Gräfin Dubarry zur Mätresse des Königs machen. Schließlich habe sie nicht nur den Körper, sondern auch den Geist, um in dieser monarchisierten Form der Prostitution zu reüssieren.

Und während Dasch in einer De-facto-Vergewaltigungsszene beim Roulettetisch „Ich schenk mein Herz nur dem allein, dem ich das Höchste könnte sein“ singt, zeigt Margot, wie’s mit dem „Der Mann denkt, aber die Frau lenkt“ richtig geht: Sie trotzt dem Marquis de Brissac Luxuslabel-Sackerl um Luxuslabel-Sackerl ab, singt ihm ein fröhliches „Wenn Verliebte bummeln gehen“, während der alte Bock dasteht wie ein Packesel.

Der König der Late-Night-Shows kündigt seinen Gast an: Harald Schmidt als Ludwig XV. Bild: © B. Pálffy/Volksoper Wien

Die Dubarry rockt Versaille: Gi­tar­re­ra Annette Dasch und Harald Schmidt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Aus dem Schaf wird keine Schauspielerin: Juliette Khalil als Margot. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Am Ende steht die Guillotine: Daschs Dubarry wird zum Opfer der französischen Revolution. Bild: © B. Pálffy/Volksoper Wien

In der zweiten Hälfte der Aufführung findet man sich in Millöckers k.u.k.-Wien wieder, beim „Alles Walzer!“ mit weißroten Gala- und Husaren-Uniformen à la Ungarland. Nach wie vor bewegt sich die nunmehrige Gräfin Dubarry in einer Männerwelt – und gallig klingt der Dasch mit erhobener linker Faust dargebotenes „Ob man gefällt oder nicht gefällt“, von Kai Tietje mit krassen Dissonanzen und gehetztem Rhythmus dirigiert, derweil sich die Szenerie vom neuen Resident Lichtdesigner Alex Brok ins Teuflische, Albtraumhafte verändert.

Nicht nur die Herren liefern Großteils mehrere Rollen ab, die großartige Ulrike Steinsky wechselt von Couturière Madame Labille über Bordellbesitzerin Marianne Verrières bis zur Marschallin von Luxemburg von Chefinnen-Gekeife über Raucherlungen-Tonfall zu Paula-Wessely’schem Schönbrunner Näseln. Der Steinsky gelingt jedes dieser Kabinettstücke vom Feinsten, immer toller werden die Kapriolen, die sie macht, und auffällt, wie präzise und exquisit die „Nebenfiguren“ geführt sind.

Zu guter Letzt: Auftrittsapplaus für Harald Schmidt als Ludwig XV. im Epoche-gemäßen Justaucorps, Annette Dasch mit Cul de Paris, endlich der Moment, an dem sich Kostümbildnerin Sibylle Wallum austoben durfte. Und Volksopern-Debütant Schmidt macht gar nicht den Versuch majestätisch zu sein. Die Entertainerlegende spielt sich selbst als König der Late-Night-Shows (auch der echte Ludwig XV. verstand es, sich als le Bien-Aimé zu inszenieren), er „dirigiert“ das Orchester wie Helmut Zerlett und die ARD-Showband, stellt ganz Talkmaster seinem Volk als Gast die Dubarry vor – und dieser dann dumme Fragen, die sie mit einem „Glauben Sie nicht, dass das ziemlich erniedrigend ist?“ quittiert.

Worauf der absolutistische Herrscher übers Ancien Régime der Fernsehunterhaltung sich bis über beide Ohren verliebt. Ein Gag über einen Film, den Johnny Depp als ER/Ludwig XV. gerade in Frankreich dreht, darf auch nicht fehlen. Die neue Favoritin des Königs singt als „Gstanzl“ mit Gitarre noch einmal „Ich schenk mein Herz nur dem allein, dem ich das Höchste könnte sein“, bevor beim beliebten Schäferspiel alle in den Gassenhauer „Ja, so ist sie, die Dubarry, wer sie einst sah, vergisst sie nie“ einstimmen. „Das hisst das Regietheater die weiße Fahne, und ich spüre Originaltext in mir aufsteigen“, flachst Schmidt und schließt so den Kreis zum ersten Bild.

Satire as Satire can. Mit tausend und einer Idee lässt Jan Philipp Gloger die Operette einen g’feanzten Blick auf die eigene Beschaffenheit werfen. Charmant und sympathisch wie Lotte de Beer hat sich ihr neues Team schon mal in die Hälfte der Herzen hineingespielt. Also: Alles Friede, Freude, Eierkuchen, Eiergnaden? Mitnichten, denn Gloger, der in der Aufführung immer wieder auch auf die Täterin-Opfer-Brüche der Person Dubarry hinweist, erzählt ihre Geschichte anders als Millöcker und Mackeben zu Ende. In der Volksoper wird sie dazu mitten im Trubel des Hofballs von Schergen der französischen Revolution abgeführt, wird ihr die bombastische Perücke vom Kopf gerissen – und ab unter die Guillotine.

www.volksoper.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=dH0k4fzsV8Y           Harald Schmidt über König Ludwig XV.: www.youtube.com/watch?v=ejo1alus1RU

TV-TIPP: Heute Abend ist die gestrige Volksopern-Premiere von „Die Dubarry“ um 20.15 Uhr auf ORF III zu sehen.

4. 9. 2022

Theater in der Josefstadt: Medea

September 10, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandra Cervik mit einer gnadenlos guten Performance

Sandra Cervik als Medea. Bild: © Astrid Knie

Es ist dies der Abend der Sandra Cervik. Wie sie ihr Gefühlsbrodeln lange Zeit unterdrückt, um die Ratio walten zu lassen, wie der Zorn, die Verzweiflung plötzlich aus ihr bricht, wie sie dem Publikum die entblößte Schmerzensbrust darbietet, die Barbarin der zivilisierten Gesellschaft. Wie sich Kolchis‘ zauberkundige Königstochter schließlich auf ihre Sitten und Riten besinnt, einen Insektenschwarnm entfesselt und Kreusa unter einer Blutdusche zu Tode bringt, das ist grandiose Kunst.

Am Theater in der Josefstadt inszenierte Elmar Goerden „Medea“, keine Überschreibung wie im TAG (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36752), keine Neuschreibung wie am Burgtheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31048), und doch Grillparzer 2.0. Mit Joseph Lorenz als Jason und Michael König als Medeens Amme Gora scheint einem die Besetzung anfangs ungewöhnlich, doch – Wolfgang Hübsch gibt den Kreon, Katharina Klar die Kreusa – der Schein trügt, sie ist schlichtweg ideal.

Leicht ließe sich der Stoff aufs Aktuelle anspielen, aufs Flüchtlings- und Fremdsein,

auf Heimat und sozialen Halt, auf Asylsuche und allüberall Anecken angesichts der Unkenntnis von Korinths Gesetzen. Doch Goerden will seine Arbeit für derlei nicht Echokammer sein lassen. Wiewohl der Widerklang als Bassline mitschwingt, zeigt er in seinem Kammerspiel einen fatalen, ins Handgreifliche ausartenden Ehekrieg, in dem einer den anderen auffordert: „Gib‘ mir mich zurück!“

Auf der zumeist kahlen Bühne von Silvia Merlo und Ulf Stengl, mal ausgestattet mit schilfgesäumtem Pool samt funktionstüchtiger Brause – zum Abkühlen der Gemüter, jede und jeder steht da drunter, mal mit Medeas Kartonhäuschen, legt Goerden den Fokus auf zwei aneinander gefesselte Schicksale, deren eines sich zum Besseren wenden wird, sobald das andere besiegelt ist. Cervik und Lorenz agieren wie in einem Druckkochtopf, an dem schon das Ventil pfeift, eindreiviertel Stunden kurz, zwei Leben auf die Essenz reduziert.

Als bewusst jenseits des üblichen Heldenalters gewählte Besetzung geben sie der Beziehung von Medea und Jason Bodenhaftung, man ist in den Jahren des Beisammenseins gemeinsam älter geworden, hat sich in Schuld verstrickt, gestritten, versöhnt. Die Liebe, eine fast animalisch zu nennende, brennende Leidenschaft, Goerden zeigt sie an den ekstatischen Küssen der beiden. Doch, wie gesagt: Die Ratio ist noch das Gebot der Stunde, aber alsbald abgelöst von Rache und Raserei – das Ende einer Ehe, dargeboten mit einer Intensität, die sticht und trifft. „Ich kann nicht mehr“, wird er dann sagen, und sie erwidern: „Du nahmst mich einfach, wie ich war, bitte behalte mich, wie ich bin.“

Wolfgang Hübsch, Katharina Klar, Sandra Cervik, Johnny Waldeck, Moritz Hammer und Joseph Lorenz. Bild: © A. Knie

Charakterstudie mit dünnen Zöpfen: Michael König als Amme Gora und Sandra Cervik. Bild: © Astrid Knie

Konfrontation der Königstöchter: Sandra Cervik und Katharina Klar als Kreusa. Bild: © Astrid Knie

Sandra Cervik, Joseph Lorenz, Wolfgang Hübsch und Katharina Klar. Bild: © Astrid Knie

Ein Glück. Goerden hat Grillparzers Medea dieses Moment hinzugefügt. Auftritt Cervik zunächst Zähne putzend, aus der Thermoskanne trinkend, seltsam abgeklärt und sich – ganz „Magd“ – nicht ohne Sarkasmus andienend: „Ich will ja tun, was ihr mir sagt, nur was …“ Das von ihm verabscheute Kopftuch wird ihr Jason-Lorenz als Erstes vom gekräuselten Haar reißen, in Griechenland ist es weder passend noch empfehlenswert. Nicht nur darob lamentiert Michael König als Amme Gora, König, dem es mühelos gelingt, an Gender-Ideen vorbeizudribbeln. Seine Gora ist keine schrullige Travestienummer, sondern eine moralische Instanz, eine warnende Stimme, letzter Halt und Verankerung an Kolchis. Eine Vaterfigur, Königs fulminante Charakterstudie.

Und, apropos König: Wie Kostümbildnerin Lydia Kirchleitner die Gora mit Folklore-Look und dünnen Zöpfen versehen hat, so erscheint Wolfgang Hübsch als gutgelaunter Korintherkönig Kreon im Freizeitoutfit Hawaiihemd und Panamahut. Oh, wie schön ist’s am Isthmus! Jovial, rotbackig und Eis essend hat der eiskalte Politiker den Paradeschwiegersohn alsbald ins Visier genommen. Hübsch muss die Brutalität dieses kalkulierenden, auf Goldene Vlies scharfen Rechners gar nicht eigens ausstellen, man glaubt sie ihm sowieso.

Die Sache ist für ihn so klar, wie Schauspielerin Katharina Klar als Kreusa, die großartig rotzfrech zwischen majestätischer Göre, Frauensolidarität und von Medeas Söhnen vergötterter Stiefmama changiert. Die Buben hat sie sich mit Konsumgütern schnell gekauft. Mit Palmwedeln und Akkordeontönen zwingt Jason sie den Kreon zu begrüßen, sehr zum Ärger von Muttertier Medea, und zu den ungelösten Geheimnissen der Regie zählt, neben Klars Zottelbärenkostüm und einem Blowjob, den Kreon als Medeas Abschiedsgeschenk missdeutet, warum der jüngere im Rollstuhl sitzen muss – es sei denn, da Mermeros mehr der Mutter, Pheres mehr dem Vater ähnelt, es wäre dies ein Hinweis auf Jasons vererbte empathische Verkrüppelung, die durch den Sohn an den Tag tritt.

Feinziselierer Goerden hat Grillparzers Figuren tiefenpsychologisiert, modern mag man das nennen, ohne dass es aufdringlich gewirkt hätte, Medeas frühfeministischer Monolog über ihr Frau-Sein: „Was“, fragt die Cervik, „zu viel geredet oder zu laut?“ Auch Joseph Lorenz durchmisst die Emotionenskala, kann im Sorgerechtsstreit grausam, flehentlich, kaltherzig sein – „Ich bring‘ dich um, wenn du nicht gehst“, zischt er Medea im Vorbeigehen zu – und bei der Klar beherzt zupacken. Der geschmeidige Schnitzler-Spieler (beide eben noch in „Der Weg ins Freie“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47389) präsentiert hier eine andere Facette seines Könnens.

Der Ehekrieg und Sorgerechtsstreit …: Sandra Cervik und Joseph Lorenz. Bild: © Astrid Knie

… wird zum Flehen um die beiden Söhne: Joseph Lorenz und Sandra Cervik. Bild: © Astrid Knie

Kaum größer als eine Hundehütte: Sandra Cervik und Michael König vorm Kartonhäuschen. Bild: © Astrid Knie

Der Bub ist tot: Michael König, Moritz Hammer, Sandra Cervik und Joseph Lorenz. Bild: © Astrid Knie

Einen toxisch-männlichen Egoisten, einen so selbst- wie ungerechten Jason, keifend und in Sekunden von Null auf 180, einen, bei dem bereits der Herzkasperl anklopft, und der punkto Kreusa in romantisierter Nostalgie schwelgt. „Da war ich zwölf Jahre alt“, begehrt diese auf, und macht damit Fragen nach dem Altersunterschied platt; Katharina Klars Kreusa, man glaubt ihr nicht wirklich, dass sie den Jason mit Freuden heiratet. Zur Ratio gesellt sich die Staatsräson.

Und einmal noch die Cervik, die spielt, mit einem wie Drachenschuppen aussehenden, archaischen Schulterbranding, als holte sie ihren den Blicken verborgenen Grund der Seele ins Rampenlicht. Was eine Szene, in der sie versucht, Kreusa Jasons und ihre Passion zu erklären, wie sie ihm – von Kreusa mit High Heels und Lingeriehemdchen verkleidet, welch Inbegriffe von Zivilisation!, Leonard Cohens „Dance Me to the End of Love“ zuwispert, wie sie der gemeuchelten Kreusa die blondgelockte Perücke als Trophäe vom Kopf reißt, wie sie ihr Hundehütten-kleines Kartonhäuschen jenem Erdboden gleichmacht, auf dem für sie kein Platz sein soll. Herzzerreißend ist das, von Leid und Irrsinn umzingelt einen Hauch overacted.

Zum Song „A Horse With No Name“ von America kommt’s zum Äußersten, zum Kindsmord unterm Würfelhimmel und in aller Stille. Blackout. Dann: Eine Geburtstagsparty mit Kerzen auf dem Guglhupf, und alle sind sie wieder da, Mermeros und Pheres, Opa Kreon, Oma Gora, Tante Kreusa, Mama und Papa. Medea und Jason. Ein Traumbild einer heilen Welt. Nach dem antinaturalistischen Dekor und der künstlich überhöhten Ästhetik der Aufführung eine letzte Überraschung von Elmar Goerden. Manche im Publikum hat’s irritiert. Viel Applaus gab’s dennoch für alle, extra Jubel für Sandra Cervik.

Video: www.youtube.com/watch?v=ZQ0xGHuX5Fg           www.josefstadt.org

  1. 9. 2021

wortwiege: Bloody Crown – Season II

August 27, 2021 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Uraufführung von Ian McEwan in Wiener Neustadt

Nina C. Gabriel in „Dantons Tod“. Bild: © Ludwig Drahosch

Unter der künstlerischen Leitung von Anna Maria Krassnigg geht das Theaterfestival „Bloody Crown“ in den historischen Kasematten von Wiener Neustadt in die zweite Runde. Nach dem großen Erfolg des Eröffnungsjahres stehen 2021 abermals zwei brisante europäische Macht-Spiele auf dem Programm: „Nussschale“ von Ian McEwan und „Dantons Tod“ von Georg Büchner. Der britische Bestsellerautor Ian McEwan steuert, als Begleiter des Salon Royal, seine Gedanken im Kontext bei.

War im Eröffnungsjahr das Thema Diffusion, Auseinanderbrechen und Aufbrechen alter Strukturen und Bündnisse – in Europa, zwischen den transatlantischen Partnern bis hinein in die intimsten Familienstrukturen – inhaltlich prägend, so ist es im Jahr 2021 die vielstimmige Analyse einer Art unruhigen Stillstandes, die Auseinandersetzung mit der Frage, wie die Gesellschaften – seit jeher und weltweit – auf epochale Ereignisse der Veränderung und Bedrohung reagieren. Was brütet dieser unheimlich stille Unruhezustand für die Zukunft aus: Aufbruch? Zusammenbruch? Neuordnung?

Die Premieren: „Nussschale“ und Dantons Tod – Narren, Schurken, Engel“

Nussschale“ nach dem Roman von Ian McEwan, Premiere am 15. September, ist die denkbar kühnste Fortschreibung der Hamlet-Geschichte. Der raffinierte Kunstgriff liegt darin, dass dieser Neo-Hamlet ungeboren ist, aber dennoch in seiner „Nussschale“ alles wahrnimmt. Die bejubelte Neuinterpretation des Shakespeare-Stoffes ist in einer Bühnenfassung der wortwiege zu erleben. Dazu arbeitet das Team erneut im Genre der Kinobühnenschau, einer weitgehenden Verwebung der beiden darstellenden Künste Film und Bühne – neben anderen raren Formaten der darstellenden Kunst ein Markenzeichen der Compagnie.

McEwans Roman greift die Ermordung von Hamlets Vater auf. Der Sohn wird Zeuge der Verführungs- und Machtspiele seiner Verwandtschaft, der Königsmord wird in ein heutiges Londoner Setting versetzt. Der Neo-Hamlet verfügt somit über die Freiheit eines utopischen Zeitgenossen, die Gesellschaft und das Verhalten seiner Mitmenschen zu durchschauen und mit Zorn, Kritik und Humor zu verfolgen. Er ist ein König der Fantasie, der sich von Beobachtungen anregen lässt. Er ist dabei, wenn die Mutter und ihr Geliebter Pläne schmieden, ihren Gatten und seinen Bruder zu ermorden und kann sehen, wie diese Pläne von unvorhergesehenen Ereignissen durchkreuzt werden, bis der Mord selbst schließlich zu einer überstürzten Wahnsinnstat wird.

Bild: © Bloody Crown – Season II

Flavio Schily in „Nussschale“. Bild: © Martin Schwanda

Neben dem Reiz eines ungewöhnlichen szenischen Settings erwartet das Publikum eine mit schwarzem britischen Humor erzählte Kriminalgeschichte, eine ironische Bestandsaufnahme der Gegenwart und ihrer Marotten sowie ein berührender Appell für das Recht auf Leben – innere und äußere Krisen hin oder her. In der Regie von Jérôme Junod und Anna Maria Krassnigg spielen Nina C. Gabriel, Flavio Schily, Jens Ole Schmieder, Martin Schwanda, Petra Staduan und Isabella Wolf.

Die zweite Produktion, „Dantons Tod – Narren, Schurken, Engel“, Premiere am 17. September, ist die zeitgenössische Bearbeitung des Klassikers von Georg Büchner durch die wortwiege. Sie zeigt das Drama über die Hintergründe der Französischen Revolution des damals 22-jährigen Autors aus weiblichem Blick und vereint Polit-Thriller, Revolutionsgeschichte und Metaphysik. Die Inszenierung besorgen auch hier Jérôme Junod und Anna Maria Krassnigg; es spielen Nina C. Gabriel, Judith Richter, Petra Staduan und Isabella Wolf.

Salon Royal – Begleitende Gespräche, Impuls und Dialog

Sowohl Hamlet als auch Danton erleben Zeiten gewaltiger Umbrüche. Autoritäten und Traditionen bröckeln, die Macht zeigt ihre grinsende Fratze und die Sicht auf die Zukunft erscheint zweifelhaft. Im Salon Royal sprechen an fünf Sonntags-Matinéenn hochkarätige Gesprächsgäste aus Kunst, Literatur und Wissenschaft über Fragen von Macht, deren Bedingungen, Verführungen, Verschiebungen, unterschiedliche Gesichter und Spiele in Gegenwart und Zukunft: Die österreichische Schriftstellerin Olga Flor, die deutsch-georgische Autorin Nino Haratischwili, die Schweizer Autorin, Journalistin und Architektin Zora del Buono, die Philosophin Lisz Hirn, der Schriftsteller und Psychiater Paulus Hochgatterer sowie der Kulturphilosoph und Essayist Wolfgang Müller-Funk sowie der britische Bestsellerautor Ian McEwan.

Der Kartenvorverkauf hat begonnen.

www.bloodycrown.at           www.wortwiege.at

27. 8. 2021

Sommernachtskomödie Rosenburg: Ein Käfig voller Narren

Juli 7, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kapriziöse Drag-Show mit deutlichem Toleranzappell

Patrick Weber, Wolfgang Lesky, Herbert Steinböck, Elisabeth Engstler und Futurelove Sibanda. Bild: © Kastnermedia Martin Hesz

Seit 2015 ist die Sommernachtskomödie Rosenburg unter der Intendanz von Nina Blum und mit Haus- (in diesem Falle: Zelt-)Regisseur Marcus Ganser ein Garant für beschwingte Sommerunterhaltung mit einem Schuss Selbstbesinnung fürs Publikum. Nach etwa den „Kalender Girls“ oder „Monsieur Claude und seine Töchter“ lädt das Team dies Jahr in den „Käfig voller Narren“ – und dem Ensemble entströmt die Spielfreude nach der Corona-bedingten Pause 2020 buchstäblich aus jeder Lachfalte.

Schon beim Platznehmen wird man von den Nachtclubkünstlerinnen begrüßt, allesamt sind sie herr-liche Damen, und wer sich für eine der acht exklusiv angelegten Bühnenlogen im Etablissement von Georges und Albin entschieden hat, dem kredenzen Mercedes oder Salome sogar höchstpersönlich eine Flasche

Sekt. Erstere, die silberblonde, vollschlanke Versuchung, ist als Zeremonienmeisterin voll in ihrem Element, Patrick Weber als Mercedes, der von Elfriede Ott ausgebildete Schauspieler, der auch als „Kleinkunstprinzessin“ Grazia Patricia und deren aktuellem Programm „Teilzeitfrau“ bekannt ist: www.kleinkunstprinzessin.at

Weber wird nicht die einzige Überraschung an diesem Abend bleiben, im handverlesenen Ensemble findet sich mindestens noch eine Augenweide, doch dazu später. Die Story darf nach zwei Verfilmungen und etlichen Theaterproduktionen als geläufig vorausgesetzt werden: Georges, Inhaber von „La Cage aux Folles“ und seine große Liebe Albin, als bezaubernde Zaza der Star jeder Show, sind seit vielen Jahren ein homosexuelles Paar. Aus Georges‘ einzigem Abenteuer mit einer Frau stammt sein Sohn Laurent, der von den beiden Männern liebevoll großzogen wurde. Nun ist Laurent unsterblich verliebt und will seine Barbara endlich heiraten. Einziges Problem: Die Verlobte ist die Tochter des erzkonservativen Politikers Dieulafoi.

Um einen Eklat und das Platzen der Hochzeit zu vermeiden, erklärt sich Georges bereit, eine bürgerlich-biedere Familie vorzutäuschen. Also lädt er zum Kennenlern-Dinner Laurents „biologische“ Mutter Simone ein, zum Ärger von Albin, der sich nicht so leicht ausladen lässt. So wird eifrig verwirrt, verwechselt und die Katastrophen überschlagen sich …

Wolfgang Lesky und Herbert Steinböck. Bild: © Kastnermedia Martin Hesz

Futurelove Sibanda und Steinböck. Bild: © Kastnermedia Martin Hesz

Futurelove Sibanda, Herbert Steinböck und Wolfgang Lesky. Bild: © Kastnermedia Martin Hes

Der Fernsehzuschauerinnen liebster Biobauer, ja, natürlich der mit dem Schweinchen, Wolfgang Lesky schlüpft auf der Rosenburg in Fummel, Federboas und High Heels. In seinem Stammhaus, dem Theater zum Fürchten, zeigte der Schauspieler schon einmal seine tadellosen Beine und sein Talent fürs Schrullige, als Gnädige Frau in Jean Genets absurder Groteske „Die Zofen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24361), nun brilliert er als Drag- wie Drama-Queen, deren beste Jahre im „Unterröckchen aus Osterglöckchen“ schon hinter ihr liegen. Ihm zur Seite steht Herbert Steinböck als Georges, und wie Steinböck als dieser versucht, alle Bälle in der Luft zu halten, ist große Klasse.

Dritter im Haushalt ist, man weiß es, Kammerkätzchen Jacob, das crazy Chicken im heißen Höschen, und der aus Zimbabwe stammende Futurelove Sibanda ist als Komödiant, Sänger und Tänzer ganz klar die Nummer eins dieser Produktion: www.futurelovesibanda.com Derart bewegt sich die Aufführung – beispielsweise mit der berühmten Zwieback-Szene – nah an der Verfilmung von Édouard Molinaro und hat doch eine spezielle, eine eigene Qualität. Zu den eindeutig zweideutigen Wortspielereien gesellt sich Aktuelles: Prinz Harry ist ohne Meghan Gast im Club, Madame Dieulafoi spricht von „Lügenpresse“, Georges bittet Jacob „weniger Josephine Baker und mehr David Alaba“ zu sein – ein Wunsch, dessen Erfüllung zu Riesenjubel und Szenenapplaus führt.

Das Ehepaar Florentin Groll und Babett Arens geben das Ehepaar Dieulafoi, er verniederösterreichert nun Präsident der christlich-sozialen Bauern, sie im Wortsinn kampferprobte Hausfrau an der Seite ihres Mannes. Beide sind sie ganz großartig, Groll um Contenance bemüht, Arens den Betrug sofort witternd. Fabelhaft ist auch Elisabeth Engstler als Simone, die neben der schauspielerischen auch ihre Gabe als Sängerin ausleben darf. Verständlich, dass ihr Grolls Dieulafoi nicht widerstehen kann … Michael Duregger besorgte als „Abendspielleiter“ Francis auch die Choreografie für die Truppe. Zauberkünstler und Kampfsportler Raphael Macho spielt die Kaugummi-blasende Salome.

Raphael Macho, Patrick Weber, Sibanda, Steinböck und Michael Duregger. Bild: © Kastnermedia Martin Hesz

Sohn Laurent und Vater Georges …: Felix Krasser und Herbert Steinböck. Bild: © Kastnermedia Martin Hesz

… hoffen auf die Hilfe der Mutter: Herbert Steinböck und Elisabeth Engstler. Bild: © Kastnermedia Martin Hesz

Wolfgang Lesky, Patrick Weber, Felix Krasser, Futurelove Sibanda, Herbert Steinböck und Babett Arens. Bild: © Kastnermedia Martin Hesz

Felix Krasser, in Wien kennt man ihn vom Bronski & Grünberg www.mottingers-meinung.at/?p=36320 bis zum Werk X www.mottingers-meinung.at/?p=29956, ist ein charmant verzweifelter Laurent, Veronika Petrovic eine verwunderte Barbara. Engstler-Tochter Amelie ist als Simones Assistentin Irene zu sehen. Für Kostüme und Maskendesign waren Ágnes Hamvas und Gerda Fischer zuständig, sowie Marcus Ganser auch fürs erstaunliche Bühnenbild, das aus ungeahnten Versenkungen mal den Salon von Albin, mal das Büro von Simone an die Oberfläche befördert.

Und während sich derart alle möglichst auffällig unauffällig benehmen und sich die Zuschauerinnen und Zuschauer närrisch amüsieren, verliert Marcus Ganser nie aus dem Blickfeld, wie zeitgemäß Jean Poirets 1973 verfasstes Stück beinah 50 Jahre später in Europa – siehe nicht nur Orbáns Ungarn – bedenklicherweise immer noch ist. Zwar will sich Georges nicht „umschwulen“ lassen und besteht auf seiner Ehe mit Albin, doch muss er sich hinsichtlich „Werteverfall“ belehren lassen. Und auch Futurelove Sibanda macht nachdenklich, wenn er die von Weißen so erwartete „Stimme des echten schwarzen Mannes“ imitiert.

Auf der Rosenburg freilich gibt’s ein Happy End. Die Liebe besiegt alle Konventionen, die Narren retten die selbsternannten Normalen – und Schlussbild: die Darstellerinnen und Darsteller als flammenrote Follies, darunter herzallerliebst Florentin Groll, und Elisabeth Engstler singt „It’s Raining Men“. Halleluja!

Vorstellungen bis 1. August.

sommernachtskomoedie-rosenburg.at

  1. 7. 2021

Wiener Staatsoper streamt: Serebrennikows „Parsifal“

April 20, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Bühnenweihspiel der Häfnbrüder

Kurz vor der Befreiung erscheint der Häftlingsschar der Mensch gewordene Gral (Film oben). Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

In besonderen Zeiten setzt die Kunst gern besondere Zeichen. Das hat in diesem Fall selbstverständlich mit Corona zu tun, aber auch damit, dass der russische Regimekritiker und Regisseur Kirill Serebrennikow, nach einem lachhaften Prozess zu Hausarrest verurteilt, die Inszenierung von seiner Moskauer Wohnung aus besorgte. Die seit Sonntag via TVthek.ORF.at und ARTE Concert gestreamte „Parsifal“-Produktion der

Wiener Staatsoper ist also in doppelter Hinsicht eine Online-Premiere, ein zweifacher Clou auch, da Serebrennikow Jonas Kaufmann und Nikolay Sidorenko als Titelhelden auf die Bühne stellt. Neben allerhand Überraschungen, in Serebrennikows Lesart wird das Wagner’sche zum Bühnenweihspiel der Häfnbrüder, die Gralsburg zur Gefängnisanlage, gibt es allerdings ein herausragendes Ereignis: Elīna Garanča in ihrem Rollendebüt als Kundry, die Sängerin-Schauspielerin, die auf atemberaubende Art überzeugt, ihre Kundry hier eine Fotojournalistin fürs Hochglanzmagazin des Klingsor und unter den Häftlingen auf ambiguer Motivsuche, auf Sinnsuche. Kundry, die Amfortas nicht nur mit Medikamenten versorgt, sondern zum Schluss auch nicht sterben muss und gemeinsam mit dem zurückgetretenen König durch die geöffneten Kerkertore in die Freiheit treten darf.

Und ein schelmisches Teufelchen sieht einen intellektuell geforderten Geheimdienstler neben Serebrennikow am Laptop sitzen, um endlich Anlass zu finden, seines Amtes als Politzensor zu walten … und am Ende kein Speer, keine Pneuma-Taube, keine heiligen Embleme, sondern Serebrennikows Flammenschrift, und deren kleinster Funke noch symbolisch opulent und von subtiler, sehr persönlicher politischer Botschaft. Er liest den „Parsifal“ als Befreiungsoper, auch von überkommenen Ritualen, und führt seine Protagonisten vier Stunden lang zur Erkenntnis, dass der Weg dorthin von jedem selbst einzuschlagen ist. „Durch Mitleid wissend“, das kritzelt Gurnemanz mit Kreide an die Wand, und das trifft freilich auf Parsifal zu, ja, die ganze Gralsgesellschaft wird davon erfasst, mit Kundry als ihrer stärksten Kraft.

Jonas Kaufmanns Parsifal wird sein vergangenes, törichtes, junges Ich, das ihn in Gestalt des deutsch-russischen Schauspielers Nikolaj Sidorenko [der schon mit Frank Castorf, Luk Perceval und Ersan Mondtag gearbeitet hat] in Gedanken und Gefühlen peinigt, hinter sich lassen. Seine Läuterung wird sich auf die anderen Sträflinge übertragen, dies überzeugend und ohne Purifikationskitsch, und der Gral enthüllt sich, wiederaufersteht in Menschengestalt – Gottes „Schatz in irdenen Gefäßen“ [Korinther 2.4], über dessen Ecce-Homo-Moment noch zu sprechen sein wird. Kirill Serebrennikow, dies an etlichen Elementen deutlich, hat sich voll Empathie ins Werk geworfen und dessen Charaktere per psychologischer Tiefenbohrung neugedeutet.

Nikolay Sidorenko und Elīna Garanča. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Nikolay Sidorenko. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Jonas Kaufmann. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Jonas Kaufmann und Nikolay Sidorenko. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Serebrennikows Psychoanalyse des Parsifal wird in der Staatsoper zu dessen Therapiesitzung, Kaufmann beobachtet in der Figur Sidorenkos sich selbst in den Verfehlungen der Vergangenheit. Die Jugendtorheit, die Erinnerung ist ein Film im Kopf. Im Wortsinn, denn als wär’s das Freud’sche Über-Ich flimmern schwarzweiße Videos über den Mauern von Montsalvat. „Ein Weibchen zu suchen flog er …“, von wegen, im Waschraum sieht man den nackten Parsifal unter der Dusche, ein weißblonder Schwanen-Jüngling näher sich in intimer Absicht, schnell die Rasierklinge aus dem Mund, ein Schnitt quer über die Kehle, Blut fließt über die Fliesen … und Jonas Kaufmann sieht’s von seinem Posten auf einer tiefergelegenen Sitzbank aus.

Der „Gefangenen-Chor“ kommt für Sport und Raufhandel zum Hofgang, welch sinistre Typen Serebrennikow da aus den Staatsopern-Kräften gefiltert hat, und ein Bravo dem Team, das die unzähligen Tattoos anfertigte; im Spiel ist Gurnemanz der Tätowierer, die graue Eminenz im Knast, und einer der schönsten Regieeinfälle ist, dass er den Rittern die Gralssaga in den Leib sticht. Auf Armen, Bauch und Rücken erzählen die Körperbilder Amfortas‘ Leidensgeschichte. Mit Georg Zeppenfeld hat die Inszenierung einen souveränen und textdeutlichen Gurnemanz, einen ergebenen, fürsorglich-besorgten Diener Amfortas‘, der jedoch tatsächlich der Strippenzieher ist, und Zeppenfeld wird dieser Zuschreibung mit Stimme, Bestimmtheit und Bestimmung voll gerecht.

Mit seinem weit ausholenden, sehr schmiegsamen und nicht zu dunklen Bass beweist er ein feines Gespür für mimische Finesse. Ebenso Bariton Ludovic Tézier, der mit seinem Rollendebüt als Amfortas neue Maßstäbe setzt – sein Gralskönig ein Schmerzensmann auf Krücke, seinen blutigen Verbänden und einem Stanleymesser nach zu schließen neben der Speerwunde ein Ritzer, der zur Selbstbestrafung Schmerz gegen Schmerz, auch seelischen tauscht, im Geiste verfolgt von Christian Cerny als Titurel mit Stacheldraht-Dornenkronen-Tattoo, bis Amfortas in Christus-Pose auf einen Hocker sinkt.

All dies, Serebrennikows detailverliebte Arbeit, die Essensausgabe, der Zigarettenschmuggel, das anzügliche Posen vor Kundrys Fotoapparat, die Gefangenenwärter, die aus den für die Häftlinge bestimmten Hilfslieferungen auch Menora und Gebetsteppich auspacken, die Anklänge an das Schicksal von Alexei Nawalny und Pjotr Pawlenski, die exzellenten Gesichter auf die die Kamera in der Bildregie von Michael Beyer zoomt, wären „live“ vielleicht weniger ins Auge gefallen.

Elīna Garanča. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Ludovic Tézier. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Georg Zeppenfeld. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Elīna Garanča und Wolfgang Koch. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Dies vor allem auch zutreffend auf den zweiten Akt, den sowohl Serebrennikow als auch Musikdirektor und Dirigent Philippe Jordan als Dreh- und Angelpunkt der Aufführung annehmen, als Höhepunkt in der Ausein- andersetzung zwischen Kundry und Parsifal, Elīna Garanča, Nikolay Sidorenko und Jonas Kaufmann. Der junge stolz und trotzig, der ältere gebeugt und schuldbewusst, ignorantia legis non excusat, die Blumenmädchen aka Stylistinnen für die Fotosession in Klingsors Redaktion wollen erst dem einen, dann dem anderen an die Wäsche.

Die emotionalsten Szenen sind das: Kaufmann, der mit Händen greifen, verzweifelt verhindern, abwenden will und nicht einschreiten kann, zynisch mit den Augen rollt und die Wangen zu einem Pfuh! bläht. Der ausdrucksstarke, sonst ja stumme Sidorenko, bald ein Rockgott mit Kajalstrich und Kreuz, der Selfies zulässt und Autogramme gibt. Der Moment der Selbsterkenntnis, als sie sich kurz gegenüberstehen.

Die furiose Garanča, deren Kundry hin und her geworfen zwischen der Männer Entsagung und Lüsternheit, die diesen Wutzustand überzeugend singt; ihre warm ausbalancierte Stimme folgt ihr mühelos in alle Lagen, dramatisch und expressiv in der Höhe, brodelnd-fokussiert in der Tiefe. Kaufmann, seine Stimme und sein Spiel mit Eleganz nuancierend, erweist sich in beidem als gewiefter Stratege. Garanča überwältigt mit ihrer kühlen Sinnlichkeit. Hinterlist und Überheblichkeit im Blick macht sie klar, dass sie ihren Fluch als Verführerin gar nicht so ungern auslebt.

Ein inszenatorischer Höhepunkt ist: Kundry gaukelt Parsifal die dahingeschiedene Herzeleide als Dreifaltigkeit vor. Parsifal-Kaufmann versucht Parsifal-Sidorenko aus Kundrys Fängen zu befreien und gerät selbst in ihre Venusfalle. Die drei fighten, Parsifal packt Parsifal im Liebesakt. Garanča kost Sidorenko, das Video zeigt ihn mit Krone und Gral und einer Schlange, die sich um ihn windet, Kaufmann spürt den Kuss auf seinen Lippen und ruft: „Amfortas! Die Wunde!“ Man fährt auseinander, Kundry hat eine Pistole zur Hand und erschießt … Klingsor.

Elīna Garanča. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Die Tötung des Schwans. Video: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Aleksei Fokin und Yurii Karih

Ein Pjotr-Pawlenski-Bild. Video: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Aleksei Fokin und Yurii Karih

Elīna Garanča und Jonas Kaufmann. Screenshot: Parsifal, Wiener Staatsoper 2021. © Bildregie Michael Beyer, orf.at

Philippe Jordan hat sich zur Tristesse russe für den hellen, schnellen Wagner des Erlösungsgedanken entschieden und erlöst damit das Staatsopernorchester von Getragenheit und Pathos. Punkto Text-Bild-Schere gilt es natürlich das eine oder andere um die Ecke denken, mitunter enttarnt sich Serebrennikows sarkastischer Humor. Klingsor, der Entmannte, kommt aus dem Klo, hinter sich eine Pinwand voller Gay-Porn-Pics, und schließt geschwind noch den Hosenstall, bevor er Kundry entgegentritt. Wolfgang Koch ist brillant als ekelhafter #MeToo-Boss, zudringlich an ihren Haaren schnuppernd, bis ein Whiskeyglas fällt. „Meinem Banne wieder verfielst du“, schmettert der Medienmogul und Kundry lacht schallend. Doch erst wenn er zu „Dein Meister ruft dich Namenlose“ anhebt, denkt man mit Schmunzeln an Chefredakteure, an denen man schon gelitten hat.

Das Finale dieser Oper wirkt wie eine gesungene Trinität. Die bekehrte Kundry heilt Amfortas und nimmt ihn liebevoll in den Arm – Parsifal-Kaufmann, den nun auch das Gralsritter-„Sonne geht auf überm Meer“-Tattooo ziert, breitet schützend die Hände über die beiden. Letzte Gefangene nämlich wollten die Anstaltsruine als Zufluchtsort nicht aufgeben, mit Kruzifixen und Rosenkränzen küren sie Parsifal zum neuen Gralshüter. Lange war er – Sidorenko im Film – durch Schneelandschaften gewandert, hauste in verfallenden Gemäuern und absolvierte eine Etüde der Selbstbefragung, nun ist er das Symbol der Hoffnung.

Ein weißes Hemd als „weiße Weste“ belegt seine Integrität. Karfreitagszauber, Sidorenko kommt, küsst jene Kundry, die ihn im zweiten Akt schänden wollte, nunmehr glaubhaft innig, und entriegelt das Tor zum neuen Dasein. Allgemeine Aufbruchsstimmung. Schwan = Gral = Mensch erhebt sich und breitet schützend die Arme über alle … „Ich will und kann Wagners ‚Parsifal‘ nicht eins zu eins illustrieren“, bekannte Serebrennikow vorab in einem Gespräch und fügte hinzu: „Ich glaube vielmehr, dass sich die eigentliche Metaphysik im tatsächlichen Leben ereignet.“

Und wirklich sind hier nun die magischen Momente der „Wandlung“ zu erleben. Die von Garančas Kundry Oscar-reif, von der Sensationsreporterin im ersten über die mörderische Business-Redakteurin im zweiten hin zur zerfahrenen Flüchtigen im letzten Aufzug. Serebrennikows „Parsifal“ ist ein brutal-poetisches Gesamtkunstwerk. Sein Film-in-der-Not ist mit seinen unterschiedlichen Interpretationsräumen, der Bühne und den Überprojektionen ein unverbrauchter Zugang zu einem mittels Überhöhung mitunter zu Tode gespielten Wagner. Wer junges Publikum will, muss es darin unterweisen, sich in dieser Heilserwartungswelt zurechtzufinden – Serebrennikow hat einen schlüssigen Weg dafür gewiesen.

www.wiener-staatsoper.at

Die Inszenierung ist bis Freitag via TVthek.ORF.at und europaweit auf ARTE Concert bis 17. Juli kostenlos abzurufen. Online-Einführungsmatinee: www.youtube.com/watch?v=bejkMmmIHZo          tvthek.orf.at           www.arte.tv/de/arte-concert

Der Fall Parsifal: tvthek.orf.at/profile/Der-Fall-Parsifal/13892700/Der-Fall-Parsifal/14089194/Der-Fall-Parsifal/14901725

  1. 4. 2021