Hilary Mantels „Wölfe“

Februar 22, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Europageschichte aus der Sicht eines Außenseiters

81neSrwlY4L._SY445_Die BBC-Miniserie „Wölfe“ ist nun via Polyband auf DVD erhältlich. Die sechs Folgen basieren auf Hilary Mantels historischen Romanen „Wölfe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=153) und „Falken“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=2951), Mantel selbst verfasste gemeinsam mit Peter Straughan, bekannt etwa für „Männer, die auf Ziegen starren“, die Drehbücher. An Darstellern kann die BBC natürlich alles auffahren, was im Vereinigten Königreich schauspielerisch Rang und Namen hat: „Homeland“-Star Damian Lewis, Globe-Theatre-Schauspieler und -Regisseur Mark Rylance, Jonathan Pryce, ehrenwertes Mitglied der Royal Shakespeare Company, mit Thomas Brodie-Sangster eines der größten Insel-Talente, und als Gast sogar Mathieu Amalric als französischen Botschafter.

Mantel erzählt aus der Zeit des britischen Königs Heinrich VIII. Allerdings aus einer besonderen Perspektive, der Thomas Cromwells. Cromwell kam aus der untersten Gesellschaftsschicht und arbeitete sich bis in den innersten Kreis Heinrichs hoch. Dass ihn das letztlich den Kopf kostete, ist systemimmanent. Immerhin aber ist Cromwell, Vorfahr von Karl-I.-Enthaupter Oliver, der einzige, der vom cholerischen König Posthum ein Pardon erhielt. Heinrich bedauerte bald sehr seinen „treuesten und loyalsten Diener“ hingerichtet zu haben. Und gab die Schuld daran selbstverständlich falschzüngigen Beratern. „Wölfe“ ist very british, eine Ausstattungsoper, ganz BBC ruhig, authentisch, aber freilich weniger sexy als Jonathan Rhys Meyers in „Die Tudors“.

Regisseur Peter Kosminsky erzählt Cromwells Geschichte, die des geprügelten und deshalb geflüchteten Hufschmiedsohns, in Rückblicken. Niederländische Kaufleute lasen den vom Vater schwer Verletzten am Themse-Ufer auf und nahmen ihn mit nach Kontinentaleuropa, wo er das Kriegshandwerk und Sprachen lernte. Und das Finanzwesen. Und schließlich Jus. Er wird in Großbritannien Teil des neuen Bürgertums, auf das Heinrich in Gelddingen lieber setzte als auf seine blaublütigen Jagdfreunde. Und: Er ist ein „Ketzer“, ein Puritaner, der die Bibel nicht länger auf Latein, sondern in Englisch lesen will. Dies das einzige, was ihn mit seiner Todfeindin Anne Boleyn verbindet. Cromwell wird Heinrichs Weg zum Religionsgründer vorbereiten. Der Defender of the Faith macht sich – auch aus heiratstechnischen Gründen – zum Oberhaupt der anglikanischen Kirche. Am Glauben wird Cromwell, dann schon Lord Great Chamberlain, auch zu Grunde gehen. Doch soweit ist Hilary Mantel noch nicht. Der dritte Band ihrer „Wölfe“-Reihe steht noch aus.

Wenig ist über das Politgenie als Privatmensch bekannt. Die Quellenlage ist katastrophal. Mantel recherchierte intensiv, durchforstete jahrelang die königlichen Archive, um Material für ihr Psychogramm dieses außergewöhnlichen Mannes zusammenzutragen. Mark Rylance spielt ihn nun mit berührender Einfachheit. Sein Cromwell ist weder Held noch Hasardeur, sondern ein Analytiker und Pragmatiker. Er ist in Wahrheit ein wahnsinnig langweiliger Charakter, aber in dieser Fadheit irgendwie rätselhaft. Es ist mutig, diese historische Randfigur zum TV-Hauptdarsteller zu machen – und dieser Mut hat sich belohnt. Rylances Cromwell spielt sich durch Intelligenz in die Mitte des Geschehens. Und Mantel füllt die Leerstellen seines Lebens mit Fantasie.

Schön etwa der Erzählstrang, wie Cromwell nach dem Tod seiner Frau deren Schwester heiratet. Das ist zunächst eine Vernunfthandlung: Er braucht eine weibliche Hand für den Haushalt und will Gerede wegen eines „schlampigen Verhältnisses“ vermeiden. Doch nach und nach wird aus dieser Altersehe zarte Zuneigung und schließlich eine späte Liebe. Cromwell nimmt den verwaisten Rafe Sadler, ihn spielt Thomas Brodie-Sangster, als Mündel an. Er erkennt in dem jungen Mann nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch Potenzial, und das will er fördern, wie er einst gefördert worden ist. Und dann ist da Cromwells Liebe zu Hunden. Immer umgibt ihn einer. Sein Vater hatte seine vierbeinige Jugendspielgefährtin totgeschlagen, nur um das Kind Thomas zu peinigen. Nun sucht er lebenslang Ersatz für diesen Verlust. In diesen Szenen geht Mark Rylance trotz oder gerade wegen seines stoischen Gesichtsausdrucks ans Herz.

Auf Action hat Peter Kosminsky verzichtet. Er taucht sein Kammerspiel um die Macht in Licht wie von einem Vermeer-Gemälde. An historischen Drehorten herrschte kein Mangel, und so kann er der Welt der Höflinge eine gediegene, gemütliche Bürgerlichkeit gegenüberstellen, die zwar weniger Prunk, aber mehr Charme hat. Auch das zerstörte Castle Cawood, es existieren nur noch Pförtnerhaus und Banketthalle, wurde als Verbannungsort für den von Jonathan Pryce dargestellten Erzbischof Wolsey herangezogen.

Damian Lewis ist Heinrich VIII. optisch durchaus ähnlich. Und auch die Kostüme von Joanna Eatwell sind weitestgehend korrekt. Lewis gibt den in den Zwängen seines Amtes gefangenen Machtmenschen. Er belauert seine Opfer wie ein Löwe vor dem Sprung, er lächelt schelmisch, doch seine Augen sprechen eine andere Sprache. Wie er Stirn an Stirn mit Cromwell steht, weil dieser als einziger in seinem Umfeld nicht bereit ist, einen Meter von seinen Überzeugungen zurückzuweichen, dieses Zusammentreffen von Lewis und Rylance macht die Serie sehenswert. Fans des rothaarigen Londoner können sich freuen: In der Verfilmung tritt Heinrich wesentlich öfter auf als im Roman. Das ist logisch. Part braucht Gegenpart. Der wahre Cromwell hat seinen König mutmaßlich nicht so oft zu Gesicht bekommen.

Trailer, englisch: www.youtube.com/watch?v=5kT2lMkhldc

polyband.de

Wien, 22. 2. 2016

Hilary Mantel: Wölfe

Februar 4, 2013 in Buch

Buch

Hilary Mantel: Wölfe

Auf die „Wölfe“ folgen die „Falken“

SONY DSC

Divorced, Beheaded, Died, Divorced, Beheaded, Survived.

Das ist der Kinderreim, mit dem sich englische Schüler den Frauenverschleiß von König Heinrich VIII. (1491 – 1547) merken. Die britische Autorin Hilary Mantel hat vor, dem berühmtesten aller Tudor-Könige eine Roman-Trilogie zu widmen. Und ihr gelingt damit offenbar ein einzigartiges Meisterwerk. Teil eins, „Wölfe“ („Wolf Hall“) wurde ebenso mit dem begehrten Booker-Preis ausgezeichnet, wie sein eben erschienener Nachfolger „Falken“ („Bring Up the Bodies“), er am 25. Februar in deutschsprachiger Übersetzung erscheinen wird. „Die größte englische Schriftstellerin lässt in ihrem Roman die berühmteste Periode der englischen Geschichte auferstehen“, urteilte die Jury.

Die Rechte auf beide Bände – und voraussichtlich auch auf den dritten – hat sich der Dumont-Verlag gesichert.

Tatsächlich ist Hilary Mantel mit „Wölfe“ etwas sehr Rares gelungen: ein spannendes Historienbuch, fernab von Kategorien wie „Schinken, „Schwarte“ oder „verstaubt“. All diesen möglichen Attributen zum Trotz ist „Wölfe“ höchst zeitgemäß und erforscht so die Choreografie der Macht. Dies nicht etwa durch Herzöge oder andere Höflinge, sondern durch Thomas Cromwell, den Unbedeutenden, den als Kind vom Vater fast zu Tode geprügelten Hufschmiedssohn, den holländische Kaufleute mitnahmen und ihm so das Leben retteten. Cromwell ist schlau, ein Rechner, und er versteht es, sich in das Machtvakuum nach dem Tod des Lordkanzlers Wosley einzuschleichen, einzuschmeicheln.

Aus seiner Perspektive wird der Roman erzählt – ohne eine Ich-Erzählung zu sein. Der Leser weiß, was Gönner und Missgönner ihm zutragen, was er bei geheimen und offiziellen Anlässen hört und sieht. Was er denkt und sagt. Oder besser: Nicht sagt.

Denn 1520  ist das Kingdom, um einen männlichen Erben verlegen, ziemlich in der Bredouille. Da Heinrich keinen Sohn zeugt, warten die Aasgeier vom spanischen über den französischen König bis zum Heiligen Römischen Reich. Henry möchte seine Ehe mit der kastilischen Katharina annullieren lassen und Anne Boleyn heiraten. Der Papst, ja ganz Europa, sind dagegen. Und so arbeitet Cromwell mit allen Mitteln eines politischen Genies: Bestechung, Einschüchterung, Charme. Er macht Karriere. Der Triumph des einst armen Mannes über eine Herrscherclique, deren Legitimation einzig davon zehrt, unter den Blaublütern geboren zu sein. Doch auch Cromwell wird sich in den Fallstricken des Hofes fangen. Ein Glück: Mantel verzichtet auf ausschweifende Beschreibungen von Folterungen, Hinrichtungen auf dem Scheiterhaufen oder durch die Henkersaxt. Plastische Schilderungen von Brutalität braucht sie nicht, um zu beschreiben, wie Heinrich sein Land umbaut (Stichwort: anglikanische Kirche). Sie eliminiert alles Betuliche, Überflüssige, sprachlich Banale. Am Schluss, als leicht zu übersehende, graue Maus, aber: schon Annes Hofdame, steht bereits Jane Seymour in der Tür. Der Sitz der Seymours ist „Wolf Hall“.

Man darf auf die Fortsetzung gespannt sein.

Dumont-Verlag, Hilary Mantel: „Wölfe“, 767 Seiten, übersetzt von Christine Trabant.
Band zwei, „Falken“, erscheint am 25. Februar 2012.

www.dumont-buchverlag.de
Von Rudolf Mottinger
Wien, 4. 2. 2013