Akademietheater: Willkommen bei den Hartmanns

November 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An den falschen Stellen gelacht

Gelebte Willkommenskultur: David Wurawa als Diallo und die Hartmanns Valentin Postlmayr, Markus Hering, Alexandra Henkel, Alina Fritsch und Simon Jensen. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die von Peter Wittenberg inszenierte Bühnenversion von Simon Verhoevens Filmerfolg „Willkommen bei den Hartmanns“ überzeugte Sonntagabend das Premierenpublikum am Akademietheater. Großen Jubel und viel Applaus gab es für die knapp dreistündige Uraufführung, für die Angelika Hager eine Wienerische Bearbeitung verfasste. Wobei Hager auf Schablonen, Stereotypen und eingefahrene Vorstellungen setzt.

Um so wichtige Themen wie fehlgeleitete Willkommens- kultur und einen „gut gemeinten“ Alltagsrassismus anzusprechen. Mehr als einmal ertappt man sich beim platten Text an den falschen Stellen gelacht zu haben. So outriert wie die Vorlage auch das Spiel. Zwölf Schauspieler gestalten in Doppel- und Dreifachrollen die überkandidelte Familie Hartmann, deren soziales, noch übertriebeneres Umfeld und die Bewohner eines Flüchtlingsheims. Allen voran überzeugt immerhin David Wurawa als nigerianischer Flüchtling Diallo, dessen schließliche Schilderung der Daseins-, eigentlich Todesdrohungsumstände, die ihn zum Aufbruch ins sichere Europa bewegten, überaus eindrücklich sind. Wie er die Hartmanns mit Schmäh nimmt, ihm gleichzeitig die Trauer um sein verlorenes Leben und die Angst, ob ihm ein neues gewährt werden wird, in den Augen steht, das ist schöne Schauspielkunst.

Der Rest ist Knallchargerei. Alexandra Henkel gibt die dauertrinkende Pensionistin Angelika, die im Film von Senta Berger dargestellt wurde, Markus Hering ihren Ehemann Richard als latent rassistischen und von Jugendwahn befallenen Oberarzt – dies mit unglaublichem Körpereinsatz und breit angelegtem Mienenspiel. Alina Fritsch ist eine endlos studierende Tochter Sofie, Simon Jensen der Workaholic-Sohn Philipp. Valentin Postlmayr hat als Enkel Basti, dem HipHop vor Schule geht, die Sympathien auf seiner Seite. Sven Dolinksi spielt den zukünftigen, türkischstämmigen Schwiegersohn Tarek. „So schnell hat man einen Migrationshintergrund“, befindet Richard ob der Sachlage.

Im Gemeindebau herrscht offene Ausländerfeindlichkeit: Sabine Haupt mit David Wurawa und Alexandra Henkel. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Rotarier-Damen von Döbling planen mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau: Petra Morzé und David Wurawa. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt zieht viele herzhafte Lacher als esoterische Flüchtlingshelferin auf sich. Als Gemeindebaulerin, Klischee as Klischee can, muss sie natürlich Ausländerfeindin sein, weil sie angesichts der Mindestsicherung für Asylwerber um ihre Rente fürchtet. Im Programmheft, „Das muss man doch noch sagen dürfen!“, entwirft Hager ein ebensolches Bild von einem früh pensionierten Schweißer, tätowiert, mit schwerem Zungenschlag, der auf „Hacäh“ setzt. Dass Wittenberg zu Kurz in erster Linie dessen Ohren einfallen, ist, bei aller politischen Gegnerschaft, nicht einmal Geschmackssache. Da gäbe es über den künftigen Bundeskanzler Wichtigeres zu erzählen.

In ihren zahlreichen Rollen von der exjugoslawischen, ebenfalls ausländerfeindlichen Putzfrau (ihr Argument, warum ihre Flucht anders war: „Der Jugoslawienkrieg war ja vor eurer Haustür!“) über die alltagsrassistische Bäckerei-Angestellte (die über Diallo stets befindet: „Is der liab!“) bis zum Go-Go-Girl gibt Petra Morzé alles. Als Anführerin der Rotarier-Damen von Döbling will sie mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau inszenieren. Dietmar König spielt den Schönheitschirurgen-Ehemann der Dame.

Dirk Nocker macht den Leiter des Flüchtlingsheims. Michael Masula ist ein starker Auftritt gegönnt, als identitärer Taxifahrer und als radikaler Islamist, der alles ablehnt, was den Westen ausmacht – und trotzdem in Österreich bleiben will -, ist also in der Inszenierung insgesamt für die Fundamentalisten zuständig.

In beinah filmischen „Schnitten“, temporeich und gut getimt, treibt Regisseur Wittenberg sein Personal in dieser atemlosen, chaotischen Arbeit über die Bühne, auf der ein Laufband schnell zum OP-Tisch oder zum nächtlichen Club werden kann. Darsteller melden sich via Vidiwall telefonisch oder lassen an der Rampe in Monologen die Befindlichkeit ihrer Figuren ab. Herzstück des Hartmann’schen Haushalts ist eine überdimensionale, aufblasbare Couch. Sie verwandelt sich am Ende in ein sinkendes Boot …

„Willkommen bei den Hartmanns“ ist vom Burgtheater als Familienstück ab 12 Jahren angekündigt. Es würde interessant sein zu erfahren, wie Angelika Hagers anspielungsbemühte Sprache – und vor allem ihr Versuch, in dieser gechillt „jung“ zu sein, bei der Zielgruppe ankommt.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2017

Akademietheater: Die Wiedervereinigung der beiden Koreas

Mai 6, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die unerträgliche Leichtigkeit der Liebe

Markus Hering und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe ist … ein Tanz zwischen Nähe und Distanz: Markus Hering und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Es ist so, wie wenn Nord- und Südkorea ihre Grenzen öffnen würden, sagt der Mann zu seiner an Gedächtnisverlust leidenden Frau. Und erklärt ihr damit die Liebe. Beziehungsweise die Abwesenheit, weil prinzipielle Unmöglichkeit derselben. Das ist in Szene 15 von 19, und der Allerwerteste tut bereits weh, und man kriegt allmählich genug vom Gleichen, man liest ja auch nicht anderthalb Dutzend Kurzgeschichten auf einen Satz, und sogar Zuschauer X in Reihe y wird nun verstanden haben, worum’s hier geht. Akademietheater. Joël Pommerat. Die Wiedervereinigung der beiden Koreas. Ah!

Nach Yasmina Rezas simpel gestricktem „Bella Figura“ ist dies der zweite Glücksfall aus Frankreich, noch ein Stück, in dem das Ensemble glänzen kann, und wie es das tun, nie gab’s daran auch nur den leisesten Zweifel. Ihre „Libido“ sei es nicht, das Publikum mit sperrigen Arbeiten vor den Kopf zu stoßen, sagte Burgtheater-Chefin Karin Bergmann kürzlich im profil-Interview: „Ich brauche die Sicherheit, dass unser Stammpublikum die Inszenierungen annimmt.“ Na dann. Mission erfolgreich erfüllt.

Aufs erste Reinfühlen lässt sich gar nicht beschreiben, wie fabelhaft, vielschichtig und facettenreich das alles ist, jede Formulierung muss wohl oder übel zu kurz greifen. Neun Schauspieler gestalten zweiundfünfzig, in Zahlen: 52!, Rollen, die Prostituierte und den Priester, den Boss und seine Büroangestellte, Putzfrauen, Psychiater, hetero- und homosexuelle Paare, alle in Abhängigkeits- oder andersartig abartigen Verhältnissen, alle in ihren Beziehungen am Point of no Return angelangt, und ein Schelm, wer dabei an Klischees denkt. Bei Szene 7, „Hochzeit“, kichert das Publikum vergnügt in sich hinein, weil so was von klar ist, dass der Bräutigam mit allen vier Schwestern der Braut vorab … wasn Spaß.

Den übrigens Peter Wittenberg, nach der Ära Peymann erstmals als Burgheimkehrer tätig, inszeniert hat. So zwischen Sarkasmus, Skurrilitätenschau und Sentiment. Die Bühne von Florian Parbs ist so leer wie die Herzen der Figuren, die sie bevölkern. Für Auskenner dürfen die sonst ungern gesehenen, weil übergroß den Bildhintergrund befüllenden Heizkörper nun mittels Bodydoubles die Ausstattungshauptrolle spielen. Nach jeder Episode fährt ein raumfüllendes Kopiererleuchtkreuz von einer Seite zur anderen. Als Symbol für den Ablauf des sich selbst erklärenden Abends offenbar.

Und die Virtuosen üben sich im Virtuossein. Sie spielen, was intensiv bis zur Schmerzhaftigkeit geraten könnte, mit einem heiteren Achselzucken. Die unerträgliche Leichtigkeit der Liebe. Lebensentscheidendes wird leichthin gesagt, es gibt nur entweder das berühmte Wörtchen zu viel oder zu wenig. Als ob eine Silbe nicht alles verändern könnte. Es gibt kleine Gesten und große Abgänge, Augenzwinkern und dramatischen Augenaufschlag. Jede noch so mickrige Pointe wird bis zur Neige ausgekostet. Seht her, ich bin’s und ich kann’s! „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ ist eine Katastrophenkomödie über, ein Plauertonrequiem auf die Zwischenmenschlichkeit, auf die Vergeblichkeit des Hoffens und die Vergänglichkeit jedes Harrens.

Eine Raumpflegerin erzählt den anderen, wie sie ihrem Ehemann zurzeit scheidungstechnisch eine reinwürgt, dabei hat sich der längst über ihren Köpfen erhängt. Ein kinderloses Paar engagiert eine Babysitterin, nur um sie zur Schnecke zu machen. Schnitzler, Ibsen, Albee werden beschworen, nur was macht man bei einer Séance, wenn der Geist nicht kommt? Es ist die Szene 13, „Krieg“, Protagonisten: Mutter, Vater, junger Soldat, bei der einem erstmals wieder einfällt, dass der Begriff Liebe auch in „beliebig“ beinhaltet ist.

Daniel Jesch, Frida-Lovisa Hamann und Dirk Nocker. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe ist … ein Hin- und Hergezerre: Daniel Jesch, Frida-Lovisa Hamann und Dirk Nocker. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Daniel Jesch und Sabine Haupt. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe ist … natürlich auch Liebe machen: Daniel Jesch und Sabine Haupt. Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Liebe allein reicht nicht. Liebe ist eine Krankheit. Nichts als Körperchemie. Ein surreales Empfinden. Erfährt man. Endlich etwas Neues zum wichtigsten Thema der Theaterwelt. Und dann, aufs zweite Hinschauen, zeigt sich in den Miniaturen der inszenatorische Überhang. Dirk Nocker ist das vierschrötige Sensibelchen, Sabine Haupt die hypernervöse Hysterikerin, Dorothee Hartinger macht auf emanzipiert, ergo hart, Markus Hering gibt den Stadtneurotiker, Petra Morzé die angezählte Sexbombe, Frida-Lovisa Hamann die jugendliche Nicht-mehr-ganz-so-Naive.

Martin Reinke spielt den stillbrütenden Überlebensmenschen und Dörte Lyssewski die exaltierte „Grande Dame“. Auch als Nutte. Ob das alles wirklich so sein muss, und ob Pommerat oder Wittenberg diesen Einheitsbrei angerührt hat, lässt sich von jemandem, der die Vorjahres-Festwochenaufführung in Verantwortung des Autors versäumt hat, nicht sagen. Einzelne Darsteller tänzeln zwischendurch als ein Glitzerwesen, halb böse Fee, halb lasziver Clown, durchs Geschehen, doch verpuffen diese puck’schen Absichten mangels „Zauber“-kraft. Immerhin: Wittenberg hat seinen Schauspielern ein Fest bereitet und die feiern sich und ihre Kunst gehörig.

Und dann doch. Daniel Jesch als Lehrer, der einen Schüler in einer misslichen Lage getröstet hat und sich nun des Missbrauchs bezichtigen lassen muss. Und je gefühlsbetonter er erklärt, wie sehr er seine Arbeit und die Kinder mag, umso empörter reagieren die Eltern und die Schuldirektorin. Und der einzige, der selbstlos liebt, wird gesellschaftlich zerstört werden. Da bekam die Untiefe auf einmal Tiefgang. Mehr davon wäre mehr gewesen. Nun heißt es warten auf Árpád Schillings Europa-Dystopie „Eiswind“.

www.burgtheater.at

Wien, 6. 5. 2016