David Schalko: Schwere Knochen

Juni 11, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Erdberger Spedition“ räumt Wien aus

„Ferdinand Krutzler war damals der wichtigste Notwehrspezialist Wiens. Elfmal wurde er wegen tödlicher Notwehr freigesprochen. Nur am Schluss hat er es übertrieben. Da saß er inmitten des gefürchteten Bregovic-Clans. Bloß waren die sonst so lauten Jugoslawen ganz still. Das Einzige, was man hörte, war ihr Blut, das auf den Boden tropfte …“ So beginnt und, wie man sehen wird, endet David Schalkos Roman „Schwere Knochen“. Während der Autor gerade damit beschäftigt ist, Fritz Langs Filmklassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ als Miniserie in die Gegenwart zu hieven, bleibt sein Buch dem Geist der 1930er- bis 1950-Jahre treu.

Schalko erzählt von der „Erdberger Spedition“, einem Kleinganovenquartett, das sich darauf spezialisiert hat, in Windeseile Wohnungen und Häuser zu „evakuieren“, heißt: leerzuräumen –  der Wessely, genannt „der Bleiche“, der „Zauberer“ Sikora, der Fleischhauersohn Praschak und der Krutzler, das ist der mit den schweren Knochen, weil ein Bulle von einem Mann, und alle vier von den alten Herren der „großen Galerie“, das sind laut Glossar die hochrangigsten Verbrecher, mutmaßlich so genannt nach dem Fotoalbum der Polizei, ob ihres Einfallsreichtums wohl gelitten.

Die jungen Unterweltler werden jedoch übermütig und brechen beim „Nazi-Huber“ ein, just an jenem 15. März 1938, als der auf dem Heldenplatz der Hitler-Rede lauscht – und ab geht’s ins KZ, die einen Dachau, der Krutzler Mauthausen, wo die vier in der Sadistenschule die Unmenschlichkeiten lernen, die sie noch nicht beherrschen. Beim Krutzler sind das sein später legendärer „Halsstich“ und die „Bußzeit“; in der Lagerhierarchie standen die wegen Kriminalität einsitzenden Häftlinge ganz oben, machten sie sich doch, manche freiwillig, manche gezwungen, anstelle der SS die Hände schmutzig.

Derart skrupellos gemacht übernimmt die „Erdberger Spedition“ nach der Befreiung durch die Alliierten das Nachkriegs-Wien, je einer sitzt in jedem Sektor der Stadt, verdingt sich vorgeblich als Handlanger der neuen Herren, doch bald wird der Schmuggel von amerikanischen Zigaretten und russischem Wodka auf den Betrieb von Bordellen, das Stoßspielen und Schutzgeldeinnahmen ausgeweitet, und die Erdberger erleben ihr ganz eigenes Wirtschaftswunder …

Für seinen Roman hat Schalko einen charmant-hinterfotzigen Ton entwickelt, sehr Wienerisch, wiewohl mehr Jargon als Dialekt, und ob der durchgehaltenen indirekten Rede so pointiert wie distanziert. „An der Fassade hing eine rot-weiß-rote Fahne. Man hatte einfach das Hakenkreuz herausgetrennt. Und schon war Österreich fertig“, heißt es da beispielsweise. Auf diese Weise Zeitgeschichte zu erzählen, ist ein typisch für „Schwere Knochen“, auch wird deutlich, wie viel Recherchearbeit Schalko in seinen originellen Mix aus Krimi, Beziehungstragödie und Gesellschaftssatire investiert hat.

„Die SPÖ forderte opportun, statt den Kriegsgefangenen die ehemaligen Nazis nach Sibirien zu deportieren. Ein Ansinnen, mit dem auch Stalin leben konnte. Das Hetzplakat der ÖVP, auf dem „Ur-Wiener statt Wiener ohne Uhr“ stand, hing man erst gar nicht auf. Der Russe hatte von jeher ein Faible für teure „Uhras“. Aber was verstand die alteingesessene Bourgeoisie schon vom progressiven Sowjetmenschen. Für das Bürgertum waren die Arbeiter nur Rohmaterial ihrer Gewinne“, schreibt Schalko über die erste Wien-Wahl nach dem Krieg. So blutrünstig-brutal der zwischenmenschliche wie der „berufliche“ Umgang miteinander veranschaulicht wird, so gefühlvoll und bildhaft geraten einzelne Szenen.

Und so pittoresk die Schauplätze von Alliiertenpolitik und Exzessen aller Art – von Punschkrapferlwettessen in der „Aida“ bis zur Rauferei nach dem Damencatchen am Heumarkt – geschildert werden, so liebenswert-grotesk ist Schalkos Figurenpanoptikum aus rivalisierenden Verbrechern, korrupten Polizisten, skrupellosen Volksvertretern und gierigen Besatzungsoffizieren. Sehr plastisch geraten ihm „die Musch“, eine dragonerhafte Zuhälterin und langzeitgeliebtes „Wildvieh“ des Krutzler, der Podgorsky, der als Kommunist und Ex-KZler zum obersten Ordnungshüter der Stadt aufsteigt, der irre Arzt und Himmler-Feind Harlacher, der mit einem weiblichen Gorilla – siehe Buchcover – ein unsauberes Verhältnis pflegt, oder eben die Bregovic die Söhne zwecks Bildung einer Jungarmee zur Welt bringt, die dereinst die Erdberger an der Spitze ablösen soll.

Für viele seiner lokalen Legenden gebe es reale Vorbilder, sagt Schalko im Interview, natürlich auch für den Krutzler. So geht’s durch den Kalten Krieg und den Beginn der Ära Chruschtschow – „Endlich konnte man ungestört über das Wetter, Peter-Alexander-Filme und die herrlichen Kaiserzeiten parlieren. Endlich durfte man laut sagen, was man sich für die Nachkriegszeit zurechtgelegt hatte, was aber von den übereifrigen Russen zunichte gemacht worden war. Nämlich, dass man Hitler gehorchen musste, sonst wäre man zum Tode verurteilt worden. Die Russen hatten neuerdings Verständnis dafür.“  – bis zum Ungarnaufstand 1956.

Zu diesem sagt Bundeskanzler Raab, nachdem die politischen Flüchtlinge als Wohlstandsparasiten verunglimpft worden waren, man könne nicht Wohltäter für die ganze Welt spielen. Der Notwehr-Krutzler behauptet, „dass der Faschismus der Zukunft ein Notwehr-Faschismus sein werde. Er könne schon die Stimmen hören, die riefen, was hätten wir denn tun sollen, wir hatten Angst. Die Zukunft gehöre nicht den Angstfreien, sondern den Verängstigten. Mit Angst werde sich in Zukunft alles rechtfertigen lassen.“ Auch Absätze wie dieser machen „Schwere Knochen“ absolut lesenswert.

Über den Autor: David Schalko, geboren 1973 in Wien, lebt als Autor und Regisseur in Wien. Er begann mit 22 Jahren als Lyriker zu veröffentlichen. Bekannt wurde er mit revolutionären Fernsehformaten wie der „Sendung ohne Namen“. Seine Filme wie „Aufschneider“ mit Josef Hader und die Serien „Braunschlag“ und „Altes Geld“ genießen Kultstatus und wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. „Schwere Knochen“ ist David Schalkos vierter Roman.

Kiepenheuer & Witsch, David Schalko: „Schwere Knochen“, Roman, 576 Seiten.

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  1. 6. 2018

Michael Chabon: Moonglow

März 10, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Jagd nach Wernher von Braun

„Moonglow“, das ist ein berühmter Jazzsong aus den 1930er-Jahren, interpretiert von vielen, Benny Goodman bis Doris Day, ein Liebeslied, und dass Michael Chabon ihn möglicherweise im Ohr hatte, als er sein aktuelles Buch ebenso nannte, macht Sinn. Sein „Moonglow“ ist ebenfalls eine Liebeserklärung, an seinen Großvater mütterlicherseits, dessen abenteuerliche Lebensgeschichte der Autor in der letzten Woche dieses Daseins erfahren haben will. Gesprächig gemacht von einem Medikament gegen den Krebs, beginnt der Hochbetagte seine Biografie darzulegen.

Chabon ist ein Meister im Ausloten von Fakt und Fiktion. Das hat er mit seinen bisherigen, darunter eins mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten, Büchern bewiesen. Anscheinend mühelos wechselt er Genres und Themen, von magischem Realismus zum Krimi, von der Comicheldensaga zum akademischen Künstlerroman. Nun also dies. Larger than live. Denn kaum ist zu glauben, nicht ist zu trauen, was dem Großvater in einem Leben alles passiert sein soll. Schildbürgerstreiche und berührende Episoden wechseln einander ab. Dieses Buch hat den Blues, die Tragi- schrammt an der -komödie. Einmal mehr betritt Chabon das für ihn literarisch so fruchtbare Hinterland von Sein und Schein.

Ein Ich-Erzähler, genannt der erfolgreiche Schriftsteller Michael Chabon, führt durch das Dickicht der einzelnen Episoden. Aus den weitverzweigten Handlungssträngen treten vielleicht vier deutlich hervor. Denn „Moonglow“ ist Familiensaga und ein Buch über den Zweiten Weltkrieg, ist ein Bericht über das US-Raumfahrtprogramm und über eine Holocaust-Überlebende: Letztere die Großmutter, auch wenn sich am Ende alles als anders entpuppt, ein psychisch zerstörter Mensch, die sich von einem „gehäuteten Pferd“ verfolgt sieht. Welch ein Bild für die Massenvernichtung durch die Nazis.

Einen von deren prominentesten jagt der Großvater quer durchs besetzte Deutschland: Wernher von Braun. Beide Männer sind in der Raketenforschung tätig, der Großvater baute unter anderem Modelle für die NASA. Und dann ist da noch Sally Sichel, eine späte Liebe des Großvaters in einer Seniorenresidenz in Florida, und die Familienaufstellung, die der Autor mit seiner Mutter betreibt, der Onkel, der vom Rabbi zum professionellen Billard- und Pokerspieler wird, und wie der Großvater seinen Arbeitgeber fast ermordete und im Gefängnis war und und … Chabon springt zwischen den Jahrzehnten und den Ereignissen. Immer auf dem Höhepunkt der Spannung wechselt er in eine andere Story. Wie das Gedächtnis, das Erinnern einem eben seine Streiche spielt.

Bild: pixabay.com

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Das ist nicht (nur) gemein von Chabon, das treibt einen lustvoll durch die fast 500 Seiten, immer auf der Suche nach dem, wo’s weitergeht, von dem man mehr erfahren will. Leerstellen gibt es natürlich, kein Leben, und sei es noch so schön erfunden, kann auserzählt werden. In Fußnoten ergänzt Chabon wofür er in seiner Erzählung keinen Platz zu haben glaubt, die Ereignisse des 20. Jahrhunderts in großer sprachlicher Eleganz serviert. „Moonglow“ besticht durch seine poetische Prosa. „Bei ihr drohte es immer zu regnen; er war mit einem Schirm unterm Arm zur Welt gekommen“, schreibt Chabon etwa über die Ehe der Großeltern.

Sehr plastisch sind die Schrecken des Krieges dargestellt. „Moonglow“ berichtet ausführlich darüber, „was in Nordhausen passiert ist“, über das Konzentrationslager Dora-Mittelbau, in der Häftlinge für die ortsansässige Raketenfabrik schufteten und starben. Unfassbare 60.000 Menschen kostete die Anlage das Leben. Es war das erste KZ, das US-Truppen je sahen, die Bilder gingen um die Welt. Kein Wunder, dass Chabon seine heutige Leserschaft darauf aufmerksam machen will, „dass die Wurzeln der technologischen Entwicklung Amerikas nach dem Krieg, insbesondere im Bereich der biologischen Kriegsführung, der Luftfahrt und der Raumfahrt, in den abscheulichen Kriegsverbrechen der Nazis und der systematischen Vertuschung dieser Verbrechen durch die Amerikaner lagen“.

Über den Autor: Michael Chabon wurde 1963 in Washington, D.C., geboren und wuchs in Columbia, Maryland, auf. Er besuchte die Carnegie Mellon University und wechselte bald zur University of Pittsburgh, wo er 1984 den Bachelor of Arts erlangte. Für den Master of Fine Arts im Fach Creative Writing ging er an die University of California, Irvine. Er erhielt für sein umfangreiches Werk zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Pulitzer-Preis für „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“. Er lebt heute mit seiner Frau, der Schriftstellerin Ayelet Waldman, und den vier Kindern in Berkeley, Kalifornien.

Kiepenheuer & Witsch, Michael Chabon: „Moonglow“, Roman, 496 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer.

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  1. 3. 2018

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

Juli 3, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der perfekte Dreiklang entsteht mit Wodkagläsern

„Schicksal“, schreibt Julian Barnes. „Das ist nur ein großes Wort für etwas, was man nicht ändern konnte. Wenn das Leben ,Also‘ sagte, dann nickte man und nannte es Schicksal.“

Es ist das Jahr 1937, Leningrad. Allabendlich steht ein Mann vor seiner Wohnung neben dem Fahrstuhl und wartet darauf, dass die Geheimpolizei ihn auf Nimmerwiedersehen abholt. Dies will er in Anzug und Krawatte erledigt wissen, nicht im Nachtgewand – und vor allem nicht unter Wehklagen seiner Frau und seiner kleinen Tochter. Der Mann, der da steht, ist der weltberühmte Komponist Dmitri Schostakowitsch. Sein Vergehen: Genosse Stalin verließ vorzeitig eine Repertoirevorstellung seiner „Lady Macbeth von Mzensk“. Samt Molotow, Mikojan und Schdanow.

Man weiß bis heute nicht, was am 26. Jänner 1936 im Bolschoi Theater geschah. Das Orchester jedenfalls hypernervös. Und am nächsten Tag eine vernichtende Kritik in der Prawda – über eine Oper „ohne Sittsamkeit und Bescheidenheit“. Vernichtend, das war zu Zeiten des Großen Führers der Sowjetunion im Wortsinn zu nehmen. Die Rezension, sagt die mangelnde Orthografie, soll Stalin selbst geschrieben haben …

Entlang dieser für ein Menschenleben alles entscheidenden Begebenheit führt Barnes seinen Roman „Der Lärm der Zeit“. Es ist ein dicht komponierter Text, von meisterhafter Knappheit und spartanisch in der Wortwahl, der hier Auskunft über Kunst in Zeiten der Repression gibt. Er ist, viel mehr als eine Künstlerbiografie, die Analyse eines Regimes, in dem Arroganz, Heuchelei und Ignoranz gegen alles, das irgend „anders“/entartet ist, gebündelt werden. Er ist sowohl das Psychogramm eines Menschen als auch eines politischen Systems. Er entlarvt den Irrwitz des Apparats wie der Apparatschiks.

Es ist der Stoff, der Tragödien im Rückblick zu Farcen macht. Schostakowitsch, der sich von diesem Schlag nie wieder erholen wird, sieht sein Leben fortan nicht mehr als große Dichtung, sondern als Gogol’sche Satire, die Realität erscheint ihm schrecklicher als sein Gedankenchaos. Er legt ein Album an, in dem er Schmähartikel sammelt, er geht regelmäßig zu den Verhören ins Große Haus am Liteiny-Prospekt, bis sein dortiger Peiniger selbst verhaftet wird und verschwindet. Schostakowitsch, man weiß es, wurde nicht ermordet, und dennoch zum Opfer des Stalinismus. Er starb 1975 am dritten Herzinfarkt. Nach sehr viel Wodka, die der vorherige Abstinenzler ab 1937 seine Kehle hinunter laufen ließ.

Bild: pixabay.com

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Dazwischen liegen Jahrzehnte des Dauerzitterns, drei Ehen, zwei Kinder. Stalin in seiner Paranoia des Heute-Freund-morgen-Feind verheert die Sowejtunion. Seine Macht lässt sich nie in die Karten schauen, das Nichtvorhersehbare ist ihr Prinzip. Vom Volkshelden zu dessen Verräter ist es nur ein kleiner Schritt. Und Schostakowitsch galt in diesem Konstrukt als „parteiloser Bolschewik“.

Im Zwölf-Jahres-Rhythmus, so will es ihm erscheinen, wird gegen ihn vorgegangen. Seine Fünfte Symphonie nennt die Zensur eine „optimistische Tragödie“ – und erkennt nicht, dass er sich längst in die musikalische Satire gerettet hat: „Sie merkten nichts von der gellenden Ironie des letzten Satzes, diesem Hohn auf den Triumph. Sie hörten nur den Triumph selbst, ein Treuebekenntnis zur sowjetischen Musik, zum Leben unter der Sonne der Stalin’schen Verfassung. Er hatte die Symphonie fortissimo und in Dur ausklingen lassen. Und wenn er sie pianissimo und in Moll hätte ausklingen lassen? Von so etwas konnte ein Leben abhängen.“

Schostakowitsch wird überschwemmt von Selbstekel. Der Komponist ist zum Helden nicht gemacht, er ist mehr Ducker und Anpasser – und Barnes stellt dies dar, ohne jemals den Zeigefinger eines Nachgeborenen zu heben. „Der Lärm der Zeit“ liest sich auch als Parabel über die Unfreiheit der Kunst aufgrund ihrer Vereinnahmung durch Gönner, hieße heute: Sponsoren. Stalins verqueres Verhältnis zu seinen Künstlern ist bekannt – siehe etwa Michail Bulgakow, den er nicht publizieren, aber per wöchentlichem Fresspaket auch nicht verhungern ließ. Auch über Schostakowitsch Überleben gibt es ein Ondit: „Stalin sagt, man soll ihn nicht anfassen.“

Schostakowitsch wird er erst zu einer desaströsen „Friedens“-Konferenz in den USA drängen, wo er – ganz Parteilinie – seinem Idol Strawinsky abschwören muss, dies der Sündenfall, den er sich lebenslang nicht verzeihen wird, später Chruschtschow ihn in die Position des Vorsitzenden des Komponistenverbandes zwingen. Der zweite Frevel. Noch mehr Grauen, noch mehr Alkohol. „Früher hatten sie ausgelotet, wie weit sein Mut reichte. Jetzt loteten sie aus, wie weit seine Feigheit reichte.“ Barnes zoomt sich in die Befindlichkeiten seines Protagonisten, er dreht an dessen geistigem Lautstärkenregler, wenn’s im Hirn gellt: Selbstverrat! „Nun ja, er lügt wie ein Augenzeuge, wie das Sprichwort sagt“, notiert der Autor über den Seelenslalom seiner Hauptfigur. Diese Innen-im-Er-Perspektive ist reizvoll, man muss sie als Leser aber auch aushalten, und wo Barnes Daten und Fakten einfügen muss, hatscht sie ein wenig.

„Insgesamt hatte er den Stalinpreis sechs Mal bekommen, auch den Leninorden erhielt er in regelmäßigen Zehnjahresabständen: 1946, 1956 und 1966. Er schwamm in Ehrungen wie eine Garnele in Garnelen-Cocktailsoße. Und bis 1976 hoffte er, tot zu sein.“ Barnes mag das Garnelen-Cocktailsoßen-Zitat. Er verwendet es mehrmals. Auch Anekdoten und Witze recycelt er bis zum Formalismus. Wie das Gleichnis von der Katze, die den Papagei am Schwanz hinter sich herzieht. Sein Kopf knallt gegen jede Stufe, aber der Papagei sagt … Flaubert lässt grüßen. Barnes zeichnet jenseits des Musikalischen einen Mann, der solche Witze mochte, der Fußballfan war und sich zum Volleyballschiedsrichter ausbilden ließ, der Kandelaber liebte und große Standuhren.

Bild: pixabay.com

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Der Komponist wird zum System-Schulbub. Ihm wird ein Tutor zur Seite gestellt, er muss Zusammenfassungen über Stalins schwülstige Weisheiten verfassen. 1959 entsteht sein 8. Streichquartett; mit der Widmung „Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges“ meint Schostakowitsch sich selbst. 1. Wegen Stalin. 2. Wegen Hitler. Bei der Belagerung durch reichsdeutsche Truppen war Schostakowitsch von einem Schrapnell im Kopf getroffen worden, das nie entfernt werden konnte. Er, der Sohn aus gutbürgerlichem Hause, verabscheut beider Seiten „Rassenwahn“: Den kommunistischen, dem die proletarische Reinheit ebenso wichtig ist, wie dem nationalsozialistischem die arische Reinheit.

„Der Lärm der Zeit“, das sind die Abtransporte während der stalinistischen Säuberungswellen, das ist politisches Krakeelen, die gehobelten Späne des Sowjetsozialismus, und das sind seine Opfer in ihrem letzten Aufseufzen. Schostakowitsch wäre lieber von ihm verschont geblieben. Im Gegenzug – „Kunst“, schreibt Julian Barnes, „ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“ Es ist nur konsequent, dass diese Kunst, die Musik, nicht aber ihre Überlebenskraft, die große unbesprochene Leerstelle des Romans bleibt. Nur an einer Stelle analysiert Schostakowitsch sein Metier: einen perfekten Dreiklang. Da geht’s um einen Bahnsteig, einen weltkriegsversehrten, beinamputierten Bettler und drei Wodkagläser beim endgültigen Anstoßen. Welch ein Abschlussbild für dieses abgründige, tiefgründige Buch.

Über den Autor:
Julian Barnes, geboren 1946 in Leicester, England, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen britischen Autoren. Er wuchs in London und Northwood auf. Bis 1968 studierte er am Magdalen College in Oxford Moderne Sprachen und schloss das Studium mit Auszeichnung ab. Drei Jahre lang arbeitete er als Lexikograph für das Oxford English Dictionary supplement, trat dann eine Stelle als Redakteur bei der New Review und dem New Statesman an, bevor er von 1979 bis 1986 erst als Fernsehkritiker für den New Statesman und den Observer tätig war. 1979 heiratete Barnes seine Agentin Patricia Olive Kavanagh, die 2008 den Folgen eines Gehirntumors erlag. Julian Barnes setzt sich mit dem plötzlichen Tod seiner Frau in seinem Buch „Lebensstufen“ auseinander. Er widmet ihr den Großteil seiner Werke. Schon 1980 veröffentlichte Julian Barnes mit „Metroland“ seinen ersten Roman. Mit „Flauberts Papagei, seinem dritten Roman, gelang Barnes 1984 der internationale Durchbruch, mit diesem Titel stand er zum ersten Mal auf der Shortlist des Man Booker Prize, den er 2011 für „Vom Ende einer Geschichte“ erhielt. Julian Barnes lebt und arbeitet in London.

Kiepenheuer & Witsch, Julian Barnes: „Der Lärm der Zeit“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Gertraude Krueger.

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  1. 7. 2017

Benjamin Black = John Banville: Tod im Sommer

August 10, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Blick auf den irischen Antisemitismus

9783462315493_10Der große irische Autor John Banville hat unter seinem Krimi-Pseudonym Benjamin Black einen weiteren Quirke-Roman vorgelegt. Es ist das vierte Buch, in dem der Dubliner Pathologe ermittelt, und auch, wenn nie wieder die Genialität der Handlung des ersten Falls „Nicht frei von Sünde“ erreicht werden kann, erzählt es eine fesselnde Geschichte. Diesmal wird der verhasste Zeitungsverleger Richard Jewell zu Tode gebracht, ein Großteil seines Kopfes mit jener Schrotflinte weggepustet, die er noch in seinen klammen Fingern hält. Doch weder Quirke noch Inspektor Hackett glauben an Selbstmord. Bei der Obduktion der Leiche stellt sich heraus, was davor nicht allgemein bekannt war: Der sagenhaft reiche „Diamond Dick“ war jüdisch …

Es ist das erste Mal, dass Banville-Black in seinen 1950-Jahre-Krimis auf den irischen Antisemitismus zu sprechen kommt. Auch Quirkes Assistent Sinclair, weil Tennispartner der Schwester des Ermordeten, als dritter in den Fall eingebunden, „outet“ sich und wird deshalb einiges erleiden müssen, inklusive des Verlusts eines Fingers. Wiewohl ihm vorab sogar noch Schlimmeres angedroht worden war:

„Hör zu, Judenbürschchen“, sagte die Stimme, „wenn du deine dicke fette Nase in Angelegenheiten steckst, die dich nichts angehen, dann werde ich sie dir abschneiden. Danach passen dein Schwanz und deine Judenfresse wieder gut zusammen“. Der Autor schlägt statt seines üblichen verweht nostalgischen, mittelschwer melancholischen Tonfalls diesmal härtere Töne an. Denn die Welt, in die er die Leser im aktuellen Band eintauchen lässt, ist manchen seiner Protagonisten noch gar nicht so sehr versunken.

Das Schicksal der Juden in Irland hat direkt mit dem Dritten Reich zu tun. Die irische Regierung wollte die Neutralität des Landes nicht riskieren und nahm deshalb keine jüdischen Flüchtlinge auf. Tatsächlich spielten neben der Sympathie mit Hitler-Deutschland, dem Gegner von Irlands Erzfeind England, auch antisemitische Beweggründe eine Rolle. Das Justizministerium wollte sich kein „Judenproblem“ ins Land holen und bediente sich dabei der NS-Rassengesetze. Kritische Stimmen verhallten ungehört. Selbst Irlands Präsident Eamon de Valera, weit davon entfernt, Antisemit zu sein, hielt sich zurück. Erst als nach dem Krieg etwa 100 Waisen aus dem KZ Bergen-Belsen abgewiesen werden sollten, hob de Valera, der als Widerstandskämpfer selbst lange Zeit in politischer Haft war, die Entscheidung seines Justizministers auf. Die Staatsgründung Israels veranlasste später viele Juden dazu, Irland den Rücken zu kehren.

All dies kommt bei Benjamin Black nur als Subtext vor. Wie stets führt er den Leser auf viele Irrwege und legt dabei doch die ganze Zeit die richtige Fährte aus. Das Naheliegende kann mitunter tatsächlich die Lösung sein, weiß er, auch wenn er sich natürlich am Ende eine letzte Drehung ins Ungewisse erlaubt. Sein Fall führt Quirke zur Abwechslung nämlich nicht in allerhöchste Kreise, die bleiben schön im Dunkeln, was bedeutet, dass etliche Täter nicht zur Verantwortung gezogen werden können. Wie’s halt so ist. Und dennoch arbeitet sich der Schriftsteller, der selbst unter der Zucht und Ordnung katholisch-irischer Erziehungsanstalten zu leiden hatte, einmal mehr an seinen Lebensthemen ab: der Verlogenheit einer bigotten, grausamen Upper Class, die über ein Land herrscht, als wäre die Leibeigenschaft dort nie abgeschafft worden. Die Kirche, die Politik, die Wirtschaftsmächtigen, sie alle arbeiten daran, eine repressive Gesellschaft aufrecht zu erhalten.

Und, auch dies ein ständig wiederkehrendes Motiv in seinen Büchern, der Autor ist ein wortgewaltiger Mitstreiter im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Als 2009 in Irland ein riesiger Skandal aufgedeckt wurde, in katholischen Heimen und Schulen wurden jahrzehntelang tausende Minderjährige gequält, geschlagen, gedemütigt, vergewaltigt; schweigender Komplize war der Staat, der das System finanzierte, denn die Einrichtungen erhielten eine Kopfprämie für jedes Kind, schrieb John Banville wütende Essays in allen wichtigen Zeitungen. In „Tod im Sommer“ führen alle Spuren zum „Freundeskreis St. Christopher“, den „Wohltätern“ eines Waisenhauses, von den verantwortlichen Priestern in eine Kinderverwahranstalt für Pädophile umfunktioniert. Und Richard Jewell wusste das … und auch er ist nicht frei von Sünde …

Erst langsam, fast schon enervierend langsam baut sich dies als Spannung auf. Banville-Black empfiehlt sich erst als Experte im Umreißen des Dubliner Lokalkolorits, als Meister der Milieuschilderung. Er baut um die Handlung eine Kulisse aus alten Säufern und ausgemergelten halbwüchsigen Prostituierten. Seine Beschreibung des Personals ist prägnant, er genießt es offensichtlich, seine Figuren vorzustellen, deren „Augen glänzen, wie schwarze Nieten in einer Maske“ oder deren „Adamsapfel hüpft, wie an einem Gummiband“. Sie alle stolpern, straucheln, haben immer wieder Mühe, ins Gleichgewicht zu kommen. Und allen voran der mit seinem Alkoholismus ringende Quirke.

In Jewells Haus trifft er auf dessen Witwe Françoise, unter all den beschädigten Figuren des Romans die schönste und zerstörteste, wie eine uralte französische Porzellanpuppe, die ein schreckliches Geheimnis rund um ihren aus der Gestapo-Haft „erlösten“ Bruder, einem führenden Kopf der Résistance, birgt. „Es ärgerte ihn, dass er sich bei dieser Frau wie ein demütiger, untertäniger Bittsteller vorkam“, schreibt Banville-Black über Quirke, und selbstverständlich verliebt der sich in sie.

Was auch insofern problematisch ist, als die Schauspielerin Isabel Galloway, seit Band drei Quirkes Geliebte, immer noch mit von der Partie ist. Und auch der selbsternannte Aufdeckungsjournalist Jimmy Minor hat sich aus „Eine Frau verschwindet“ herübergerettet. Der Schmierfink ist ein zu schillernder Charakter, als dass er einfach zwischen den Buchdeckeln verschwinden hätte dürfen. Quirkes Halbbruder Malachy Griffin und die gemeinsame Stiefmutter und nunmehrige Ehefrau Malachys, Rose, sind ebenfalls wieder dabei. Und Phoebe. Quirke hatte seine Tochter nach ihrer Geburt, bei der seine Frau verstarb, Malachy überlassen. Zwanzig Jahre hielt Phoebe diesen für ihren leiblichen Vater, seit sie die Wahrheit erfahren hat, ist ihre ohnedies unglückliche Welt ein Stück eingebrochener.

Der Schatten der Vergangenheit schwebt über den Figuren. Quirkes Schicksal verquickt sich einmal mehr mit der Geschichte, auch er war früher Zögling in St. Christopher. Drei Kinder, ein irrer Sohn, eine psychisch labile Tochter und eine, deren Ruhe und Selbstbeherrschtheit beinah widernatürlich scheinen, werden ihn bei der Aufklärung aller Rätsel anleiten. Für den Leser bleibt eines, ein privates. Quirke versucht Phoebe mit Sinclair zu verkuppeln, das geht anfangs schrecklich schief, aber am Spitalsbett dann … man wird auf Band fünf warten müssen, um zu erfahren, wie das weitergehen kann …

Über den Autor:

Benjamin Black ist das Pseudonym des irischen Schriftstellers John Banville, das er ausschließlich für die Publikation seiner Kriminalromane verwendet. Banville wurde 1945 in Wexford, Irland, geboren, wo er erst die Christian Brothers Schule und später das St. Peters´s College besuchte. Nach dem College ging er für ein Jahr nach Amerika und arbeitete nach seiner Rückkehr als Angestellter für die Fluggesellschaft Aer Lingus, was es ihm erlaubte ausgiebig zu reisen, bis er 1969 eine Stelle bei der Irish Press antrat. Er war mehr als 30 Jahre lang als Journalist tätig, von 1988 bis 1999 arbeitete er als Literaturkritiker für die Irish Times und leitete das Literaturressort der Zeitung. Neben seiner Arbeit als Journalist verfasste er zahlreiche Drehbücher und Theaterstücke. John Banville lebt und arbeitet heute als freier Autor und Literaturkritiker in Dublin, er schreibt unter anderem Kritiken für die New York Review of Books.

Banville erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2005 den Man Booker Prize für seinen Roman „Die See“. In der Begründung der Jury hieß es, das Werk sei eine „meisterhafte Studie von Leid, Erinnerung und wieder bewusst gewordener Liebe“. 2011 bekam Banville den Franz-Kafka-Literaturpreis, 2013 wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet und erhielt den Irish Book Lifetime Achievement Award. Für 2014 wurde ihm der Prinz-von-Asturien-Preis zugesprochen. John Banvilles Kriminalgeschichten spielen in der Regel im Irland der 1950er-Jahre, um den Pathologen und Alkoholiker Quirke. Laut Banville stellt das Dublin jener Zeit das perfekte Setting für Kriminalgeschichten: schäbig, neblig – und über allem der dunkle Kohlestaub …

Kiepenheuer & Witsch, Benjamin Black alias John Banville: „Tod im Sommer“, Kriminalroman, 272 Seiten. Aus dem Englischen von Andrea O’Brien.

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Wien, 10. 8. 2016

Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung

April 1, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Camus‘ Mordopfer aus „Der Fremde“ hat einen Namen

buchAlbert Camus schrieb 1942 in Paris seinen Roman „Der Fremde“, machte den Protagonisten zum Prototypen des Existenzialismus und verschaffte Camus Weltruhm. Der Ich-Erzähler ist der Büroangestellte Meursault. Im Algerien der 1930er-Jahre tötet er einen Menschen, von dem er sich irgendwie bedroht sieht. Er will für sein Vergehen einstehen und wird so zum Sündenbock, an dem die Justiz erst zögernd, dann jedoch mit voller Härte ein Exempel statuiert. Vor Gericht macht man aus dem Totschlag Mord und verurteilt ihn zum Tod. Meursault ist bis zur Naivität ehrlich. Indem er seine Gleichgültigkeit offen zeigt, fordert er indirekt die von der Gesellschaft akzeptierten moralischen Standards heraus, die etwa Trauer über den Tod nahestehender Menschen erwarten lassen. Im späteren Gerichtsverfahren beschädigt seine Reaktion auf den Tod der Mutter – er kann darüber nicht weinen – sein Ansehen fast mehr, als der von ihm verursachte Tod des Arabers.

Geschrieben ist der Roman in einer kühlen, emotionslosen, knappen Sprache. „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht. Aus dem Altersheim bekam ich ein Telegramm: ‚Mutter verschieden. Beisetzung morgen. Vorzügliche Hochachtung.‘ Das besagt nichts. Vielleicht war es gestern.“

Dieses „Ich weiß nicht“, „Vielleicht“, „Das besagt nichts“ begleitet Meursaults Handlungen, oder wohl eher Nicht-Handlungen. Er „weiß“ auch nicht, ob er seine Geliebte „liebt“. Aber heiraten würde er sie, „vielleicht“. In seinem Leben, so scheint es, kann nichts irgendetwas verändern. Sein Leben hat keine Bedeutung, kennt keine Hoffnung. Es geschieht einfach. Wie die Tat am Strand bei Algier, wo er einen Araber mit fünf Schüssen tötet, den Feind eines beiläufigen Freundes. Er „weiß nicht“, warum. Die Hitze dieses Tages, die Sonne könnten „schuld“ daran gewesen sein, sagt er während des Prozesses. Und weil er beim Begräbnis seiner Mutter nicht geweint hat, gilt das dem bürgerlichen Gerichtshof als wesentliches Indiz seiner Mörderseele.

Siebzig Jahre später setzt Daouds Roman „Meursault – eine Gegendarstellung“ ein: Ein alte Mann, Haroun, sitzt Nacht für Nacht in einer Bar in Oran und erzählt einem gegenüber seine Geschichte. Er ist der Bruder jenes Arabers, der 1942 von Meursault am Strand von Algier erschossen wurde. Fünf Pistolenschüsse um 14 Uhr unter der gleißenden Sonne. Mit all dem Ärger, der Angst und Frustration eines Lebens im Schatten dieses Todes, gibt der alte Mann seinem Bruder seinen Namen zurück: Moussa hieß dieser, dessen Tod auch Harouns Leben für immer verändert hat. In Camus’ Roman „Der Fremde“ ist das namenlose Opfer dagegen nur ein „Araber“, einer von vielen. Daoud gibt ihm nun eine Identität und eine Geschichte. Eine Geschichte, die untrennbar mit der Algeriens verknüpft ist, von der französischen Kolonialzeit bis zum Unabhängigkeitskampf mit hunderttausenden Toten und dem Ende der französischen Herrschaft.

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Der Roman zeigt nicht nur, wie die Vergangenheit die Gegenwart prägt, und über die ungebrochene Kraft der Literatur, eine tiefere Erkenntnis, eine verborgene Wahrheit ans Licht zu bringen, sondern er ist auch ein gelungener Versuch, einen Eindruck von den ungleichen Wahrnehmungen zu geben, die das algerisch-französische Verhältnis bis heute prägen. Denn der Autor verbindet das Schicksal seines Erzählers explizit mit dem Algeriens.

Auch Haroun begeht einen Mord, um 2 Uhr früh im Juli 1962 in einem Garten an einem Franzosen.  Dorthin, wo sich Haroun und seine Mutter niedergelassen haben, hat sich der Mann geflüchtet, um sich vor der Gewalt algerischer Unabhängigkeitskämpfer zu verstecken. Juli 1962: Das ist der Monat, in dem Algerien nach einem langen Krieg gegen die französische Kolonialmacht die Unabhängigkeit erlangte. „Ich drückte auf den Abzug und schoss zwei Mal. Zwei Kugeln. Eine in den Bauch und die andere in den Hals. Insgesamt also sieben, dachte ich absurderweise sofort. (Nur dass die ersten fünf, die Moussa getötet hatten, zwanzig Jahre früher abgegeben worden waren …).“ Die Tat selbst ist für Haroun kein Mord, sondern eine Restitution.

Moussas jüngerer Bruder landet zwar für kurze Zeit im Gefängnis, doch für seine Tat wird er gerichtlich nicht belangt, anders als Meursault in „Der Fremde“. Dafür wird er von seinen Landsleuten als „Feigling“ gebrandmarkt, weil er sich nicht dem algerischen Widerstand angeschlossen und gegen die Franzosen gekämpft hat. Dieses Vergehen wiegt in deren Augen schwerer als die Tat an dem Franzosen. Haroun muss erkennen, dass man ihn ohne Erklärung freilassen würde, während er doch verurteilt werden wollte. „Ich wollte von diesem so schwer auf mir lastenden Schatten befreit werden, der mein Leben in Finsternis verwandelte … Die Willkür von Moussas Tod war eine Zumutung. Und nun wurde meine Rache ebenfalls zu völliger Bedeutungslosigkeit verdammt.“

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Eine weitere Parallele zu Camus: Meursault wird nach seiner Verurteilung zum Tod von einem Priester besucht. Ein heftiger Diskurs über den Glauben und die Religion entbrennt. Meursault kann den Worten des Geistlichen nichts abgewinnen. Auch Haroun wird von einer „ganzen Meute von Frömmlern verfolgt, die mich davon überzeugen will … dass Gott über uns wacht. Ich schreie ihnen entgegen, dass ich mir schon seit Jahren dieses unvollendete Mauerwerk anschaue.“

Nicht die einzigen kritischen Äußerungen zum Islam: „Die Gebetszeit hasse ich am meisten, und zwar seit meiner Kindheit schon, aber seit einigen Jahren immer mehr. Die Stimme des Imam brüllt durch den Lautsprecher, der eingerollte Gebetsteppich unter ihren Achselhöhlen, die plakative Architektur der Moschee und dieses heuchlerische Eilen der Getreuen zum rituellen Waschen und zur Unaufrichtigkeit, zur Absolution und zum Rezitieren.“

Dafür wird der Schriftsteller auch mit einer Fatwa belegt. Wie bei Salman Rushdie war es auch im Fall Daouds die kritische Auseinandersetzung mit dem Islam und Religion, die den salafistischen Kleriker Abdelfattah Hamadache Zeraoui im Dezember 2014 zum Mordaufruf bewegten. Doch trotz zahlreicher Drohungen, denkt Daoud nicht daran, sein Heimatland Algerien zu verlassen und ins Exil zu gehen.

Am Ende treffen sich Haroun und sein Gegenüber noch einmal. „Sagt Dir meine Geschichte denn zu? … Ich bin Moussas Bruder oder der Bruder von niemandem. Nichts als ein Schwätzer, den du getroffen hast, um deine Hefte zu füllen … Du hast die Wahl, mein Freund. Das ist genauso wie mit der Biografie Gottes.“

Über den Autor:
Kamel Daoud, geboren 1970 im algerischen Mostaganem geboren, ist Journalist beim Quotidien d‘Oran, für den er seit vielen Jahren eine der meistgelesenen politischen Kolumnen in Algerien schreibt. Er lebt in Oran. Nach der Veröffentlichung eines Bandes mit Erzählungen erschien mit „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ sein erster Roman (2013 in Algier erschienen). Mit dem Buch war er 2014 in der Endauswahl für Frankreichs wichtigsten Literaturpreis, den Prix Goncourt, und wurde schließlich in der Kategorie „bester Debütroman“ ausgezeichnet.

Kiepenheuer & Witsch, Kamel Daoud: „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“, Roman, 208 Seiten. Aus dem Französischen von Claus Josten.

rororo, Albert Camus: „Der Fremde“, Roman, 160 Seiten. Aus dem Französischen von Uli Aumüller.

www.kiwi-verlag.de

www.rowohlt.de

Wien, 1. 4. 2016