Madame Nielsen: Das Monster

April 10, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Passionsgeschichte eines Performance-Messias

Der erste Satz geht gleich mal über eineinhalb Seiten, das Jahr ist 1993, die Stadt New York, und zu erfahren ist, dass ein namenlos bleibender Mann übers Meer ebendahin kam, um der neue Messias zu werden. Dies durchaus in spirituellem Sinne, hat er doch Willem Dafoe in „The Last Temptation of Christ“ gesehen, und ist nun zwar überzeugt, dass der amerikanische Schauspielstar nicht nur auf der Leinwand als Heiland wirkt, aber auch, dass die Welt dringend einen europäischen Erlöser braucht. In diesem Glauben macht sich der Menschensohn auf zur Wooster Group, um sich deren Leiterin Elizabeth LeCompte als „the missing link zwischen der Avantgarde und den Massen“ anzubieten.

Er wird so eine Art „Volunteer“ – der den group members rund um ihre eisige Königin mit seinen gutgemeinten Performativ-Ratschlägen – „why not let Willem look more directly into the camera“ – allerdings von Anfang an auf die Nerven fällt. In Selbstfindungsübungen und darob in So-what-Coolness probt man gerade eine noch diffuse Dekonstruktion von Tschechows „Drei Schwestern“, „Brace Up!“ wird die Produktion später heißen, und zu wissen ist, dass The Wooster Group eine dem Poststrukturalismus huldigende Theatertruppe ist.

Gegründet Mitte der 1970er von Regisseurin LeCompte und dem blutjungen Dafoe, der 27 Jahre lang ihr Lebenspartner war und ihr bis heute ein künstlerischer ist. Ursprünglich für diese beiden prägte Andrzej Wirth den Begriff vom postdramatischen Theater. Festwochen-Besuchern sind die Woosters keine unbekannten, im Juni sollte ihre Arbeit „The Mother“ in Wien uraufgeführt werden (www.festwochen.at/the-mother), nachdem sie zuletzt 1997 mit Willem Dafoe als „The Hairy Ape“ hier zu Gast waren. Auch Madame Nielsen war zeitweilig Wooster-„associate“, und selbstverständlich strotzt ihr aktueller Roman „Das Monster“ vor Reminiszenzen.

Sind doch Leben und Kunst im Werk der Autorin, Sängerin, Performerin naturgemäß verbunden. Ob sie nun ihre bürgerlich-männliche Identität auf einem dänischen Friedhof verabschiedete, mit weißer Flagge im Irak die demokratische Idee Europa als Anti-US-Konzept verbreitete oder ein Jahr als Obdachlose auf den Kopenhagener Straßen zubrachte, immer ist bei Madame Nielsen das Nebeneinander von Fakt und Fiktion das bestimmende Moment. Als eine Demonstration, dass Wahrheit nicht unbedingt Wirklichkeit sein muss.

Gemeinsam mit dem Protagonisten, dessen 15 Minutes of Bandleader-Fame als Wind-Of-Change-Ausruf „Hello, CCCP, now get up and dance with us!“ vorüberwehte, und tatsächlich war die Nielsen früher Sänger und Gitarrist der Formation Creme X-Treme, begibt man sich auf gefährliches Manhattaner Terrain. In grandios süffisantem Tonfall, doch ohne Hybris, denn der Mann ist sich seiner Sendung sicher, insiderisch und namedroppend – Lou Reed, Paul Auster, Laurie Anderson, Susan Sontag, David Byrne und wen er sonst so trifft, LeCompte-Dafoe-Sohn Jack ist elf und liest Heidegger – absolviert er seine Gedanken-Gänge. Die Atmosphäre atmet Original-SoHo, und ist zugleich Attitüde, von Cast-Iron-Architektur bis Fake-Barock-Fassade eine Klischeekulisse.

Das alles ist sublime Hirnwichserei, eine surreale Avantgarde-Satire, und Madame Nielsen, allein optisch eine David Bowies Genieschädel mit geharnischtem Intellekt entsprungene Athene, präsentiert diesen auf dem Silberschild. Und alldieweil ihre Hauptfigur es als Offenbarung wähnt, in einer Bar für den echten Dafoe gehalten zu werden, folgt auf die Apokalypse das Armageddon. Zu dessen Austragungsort wird ein Appartement 412 West 25th Street, in das er als Untermieter einzieht, komplett ausgekleidet mit dunklem Samt, der Velvet Underground für eine Kunstfolterkammer, einen Andy-Warhol-Reliquienschrein mit Reproduktionen von „Car Crash“, „Lavender Disaster“ und Original oder Kopie des „Electric Chair“, bewohnt von den Bruce & Jerry-Wesen.

Zwillinge in einmal hellrosa, einmal hellblauem Seidenpyjama, klein, seltsam feminisiert, weißblond, blass, meist hysterisch kreischend, „wie eine Parodie von Andy Warhol, der wohl auch nur eine Parodie seiner selbst, des Künstlers und des amerikanischen Traums gewesen war“, in deren Parallelwelt sich David-Lynch-auf-LSD-Dinge ereignen werden, Scheinhinrichtungen, rezeptiver Analsex unterm Zwei-Minuten-Film „Flash – November 22, 1963“ (über die Ermordung JFKs), kleiner und „großer“ Tod, eine „Woge aus Schmerz und Wollust“, verursacht von „Extraterrestrials, ohne Augen und die nackten, glänzenden Schädel zu breiten Mündern gespalten“ #BestePenisanalogieEver, die alles bisher Erlebte als ein Prelude to Madness erscheinen lassen.

Andy Warhol: Last Supper, 1986. The Andy Warhol Museum, Pittsburgh, floor 4 – Late Works gallery. Bild: © Abby Warhola

Willem Dafoe als Eugene O’Neills Schiffsheizer „The Hairy Ape“. Screenshot: thewoostergroup.org

Andy Warhol: Self-Portrait, 1986. The Andy Warhol Museum, © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.

„Brace up!“ mit Peyton Smith, Josephine Buscemi und Willem Dafoe. Screenshot: thewoostergroup.org

Zu spät erkennt Er, in diesem All-the-world’s-a-stage-and-everyone’s-an-actor-Universum braucht’s keinen, der theatralisch sein Kreuz trägt, doch da ist er längst Versuchsobjekt, ein orientierungsloses Huhn auf dem Möbiusband, Anti-Held eines warholisch seriellen american albdream, abendliches Sushi, Beischlaf, French-Toast-Frühstück mit einem Klecks Ketchup, das aus der Heinz-Flasche „wie blutiger Samen von einem halbsteifen Glied“ tropft, Dafoes In-die-Kamera-Genuschel, The-Strand-Buchhandlung, wo alle Tage ein weniger zerlesenes Exemplar von „The Andy Warhol Diaries“ aufliegt, die Bar, in der ihn die bankers, currency traders, stockbrokers und andere canned human beings bald The Savior nennen, bis alles mit Bedeutung Beladene von heiß und pervers zu schal und banal verfault.

Verfall, Verrottung als Zeichen der unaufhörlichen leisen Verschiebung, der Verrückt-heit des Menschseins – Spoiler: die Twin-Dwarfs werden zu madenzerfressenen Kadavern, das More of the same der Megametropole enttarnt sich via systemischer Mikroverwerfungen als eben dieses nicht – löst als Motiv die Doppelung, die Wiederholung ab. Wie das Buchcover, das Schwarzweißfoto einer All-american-Family, das in Bruce & Jerrys Küche hängt, mit dem Text korrespondiert wird mehr und mehr eklatant, in fließenden Bewegungen choreografiert Madame Nielsen ihre Prosa, variiert, rhythmisiert, dirigiert ihr Thema a bene placito, a capriccio, bis die Grenzen der Wahrnehmung penetriert sind.

„Das Monster“ mit seinem hartnäckig passiven, dabei durch nichts abzuschreckenden, sein Selbst als Spielfläche darbietenden Main Character ist ein Kunststück ganz aus Sprache, ein Biting Swipe auf eine Szene, die künstlerisch-gesellschaftliche Erkundigungen als körperpolitische Nabelschau inszeniert. Ist ein Nielsen’sches Raum-Zeit-Kontinuum, ein Gottesbeweis wie von Niels Bohr erdacht, ein wilder Ritt durch Diskurse übers Postmoderne, ein epikureisches Lesevergnügen, befremdlich, bizarr, in jeder Bedeutung des Wortes komisch. Das nicht zuletzt die Frage aufwirft: Was sind Westernbrüste?

Apropos, Weiblichkeit: Eine der schönsten Passagen zur Personenbeschreibung gelingt Madame Nielsen bei Wooster-Mitbegründerin und schnell Er’s Badewannengespielin Peyton Smith: „Er war besessen davon, Peyton Smith anzusehen, er konnte den Blick nicht von ihr lösen, ihren Brüsten, die – egal, welches neue Kleidungsstück sie (ganz oder, hypnotisierend frivol, nur ansatzweise) verbarg … riefen, riefen, riefen danach, befreit und gehalten zu werden, oh, die Art, wie sie plötzlich lächelte, und die Art, wie sie sich manchmal bückte und ihren Take-away-Kaffeebecher aufhob, nicht affenartig geschmeidig wie Dafoe, sondern ein klein bisschen wacklig … als die (recht füllige) bald vierzigjährige Vorstadthausfrau, die sie war, die kleine Extrafalte unterm Kinn, die … bebte, vor Lebensgenuss und zunehmendem Alter, … das kam ihm so unendlich rührend menschlich, ja liebenswert vor, dass er sich völlig im Klaren darüber war, dass er verliebt war.“

PS.: „Das Monster“ sind übrigens die Menendez-Brüder Joseph und Eric, die 1989 ihre Eltern in deren Schlafzimmer erschossen, bevor sie die Polizei über einen Einbruch mit mörderischem Ende informierten. Bis sie ein halbes Jahr später als Täter überführt waren, hatten sie eine satte Million Dollar an Erbschaft ausgegeben. Beide Brüder haben in Haft medienwirksam geheiratet, und klar ist, dass diese Natural Born Killers Madame Nielsens Interesse weckten.

PPS.: Steht an einer Tür „This is no exit“ kommt man trotzdem irgendwohin hinaus.

Über die Autorin: Madame Nielsen, geboren 1963 im dänischen Aalborg, ist Autorin, Sängerin, Performerin. Ihre Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, und sie war mehrfach für den Nordic-Council-Literature-Prize nominiert. Performances unter anderem in Berlin und Wien. Ihr Roman „Der endlose Sommer“ erschien 2017 auf Deutsch und war ein großer Erfolg. 2001 trug die Künstlerin ihre Geburtsidentität Claus Beck-Nielsen in einer Aktion zu Grabe, denn „Ich bin viel schöner als Frau, denn als magerer älterer Herr“.

Kiepenheuer & Witsch, Madame Nielsen: „Das Monster“, Roman, 240 Seiten. Übersetzt aus dem Dänischen von Hannes Langendörfer.

Videolesung „Das Monster“ von Madame Nielsen: www.youtube.com/watch?v=yEyxFgjPS88, Madame Nielsen im Gespräch über ihr Projekt Obdachlosigkeit, ihre Friedensperformances im Irak und ihren Weg vom Mann zur Frau: www.youtube.com/watch?v=Lww4ehNICfw

„Brace up!“ nach Tschechows „Drei Schwestern“, inszeniert von Elizabeth LeCompte, mit Willem Dafoe ist bis 13. April kostenlos zu streamen: thewoostergroup.org/blog/2020/04/06/brace-up-complete-production, Willem Dafoe als „The Hairy Ape“: thewoostergroup.org/blog/2018/08/04/summer-of-dafoe-from-the-archives-the-hairy-ape-1996

www.kiwi-verlag.de           nielsen.re           thewoostergroup.org           www.warhol.org

  1. 4. 2020

Sibylle Berg: Nerds retten die Welt

April 4, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gefinkelte Fragen einer versierten Untergangsprophetin

„Haben Sie sich heute schon um die Welt gesorgt?“ – mit dieser Frage beginnt Sibylle Berg die 17 Gespräche, die sie mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt zum Akutzustand ebendieser geführt hat. Permanent mit News und deren Fakes, alternativen Wahrheiten und multistabilen Wahrnehmungen konfrontiert, die weder einzuordnen noch auszuwerten sind noch zu einem wie-auch-immer Handeln befähigen, versucht die Schriftstellerin sozusagen zum Erdkern vorzudringen.

Während der Arbeit an ihrem Roman „GRM“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34122)  sprach Sibylle Berg über zwei Jahre hinweg mit Expertinnen und Experten aus verschiedensten Disziplinen – mit Systembiologen, Neuropsychologen, Kognitionswissenschaftlern, Meeresökologen, Männlichkeits- Konflikt- und Gewaltforschern. Über einen Befund aus ihren Fachgebieten. Und über Ideen für eine Zukunft, die sich nicht wie ein Albtraum ausnimmt.

Was kommt nach der Demokratie? Warum lieben Diktatoren Krisen? Welche Folgen hat Femizid? Kann man als Frau religiös

und emanzipiert sein? Kann man alle Menschen zu Vegetariern machen? Wann wurde außerirdisches Leben entdeckt? Warum wissen wir so wenig über Nekrophile? Warum ist Coden ein Männerding? Was soll man gegen den aufkommenden Faschismus tun? Gegen schmelzende Gletscher? Gegen Überwachung? Gegen Gentrifizierung und die Verknappung des Wohnraums? Wie sich wehren gegen Parolen, die den Verstand beleidigen? Wie verhalten zu einer Politik des Spaltens, die gerade ein globales Erfolgsmodell zu sein scheint? Was bedeutet die digitale Revolution? Und gibt es eigentlich noch Hoffnung?

Berg stellt gute Fragen und bekommt noch bessere Antworten, und tatsächlich an keiner Stelle lässt die Tagesaktualität – #Corona – die Texte alt aussehen. Berg bricht die speziellen Kompetenzen ihrer Interviewpartner auf Normalverstand herunter. Frech und frei von der Leber weg redet sie mit Politologin Valerie M. Hudson über Geschlechterungleichgewicht, Misogynie als Folge monotheistischer Religionen, Gewalt gegen Frauen als eine Form von Terrorismus und Kinderkriegen ohne Spermien.

Mit Ingenieurin Odile Fillod ortet sie statt des sprichwörtlichen Penisneids eine männliche Angst vor der Klitoris, dieser reinen Dienerin „der sexuellen Lust von Frauen, ohne Beziehung zur Fortpflanzung und zu dem, was Männern Freude bereitet“, und durch die Entdeckung des G-Punktes die Zerstörung des „Zauberstab“-Mythos. Dass die beiden angesichts von der WHO geschätzten jährlich drei Millionen Genitalbeschneidungen an Mädchen den Kampfruf „Osez le clito! / Wagt euch an den Kitzler!“ ausgeben, ist ebenso sibyllen-systemimmanent, wie ihre Frage an die laut Selbstbeschreibung „ausgelaugte Optimistin“ Hudson, wie man zugleich Mormonin und Feministin sein könne.

Auch Bonmots à la „Das Aussterben der Menschheit ist ja auch kein Spektakel, dem man öfter beiwohnt“ sind typisch Berg. Die versierte Weltuntergangsprophetin erweist sich als gewohnt scharfsinnig, melancholisch bis pessimistisch – „Sorge ist mein zweiter Vorname“ –, kokett selbstverliebt und tendenziös sarkastisch. Und zeigen ihre Gegenüber dunkle Perspektiven und dystopische Situationen auf, fühlt sich die Berg in ihrem Lieblingsfeindbild, der neoliberalistischen Brave New World mehr als bestätigt. Dann erst ist ihr richtig wohl.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

„Nerds retten die Welt“, und Sibylle Berg reiht sich selbst in diese Spezies, ist ein wilder Ritt auf einer genialen Achterbahn, die einem gleich dieser Jahrmarktsattraktion akademisch das Gehirn durchwirbelt. Besonders schön sind die Gespräche, in denen Berg vom Hundertsten ins Tausendste kommend einem das U mit dem X nicht vormacht, sondern verbindet. Das passiert etwa mit Robert Riener, seines Zeichens Spezialist für Sensomotorische Systeme, mit dem es von Robotik und virtueller Realität direttissima zu Terminator und Iron Man geht, mit Neurobiologe Iddo Magen beim Philosophieren über des Cannabis‘ Fluch und Segen, mit Dirk Helbing, er ist Professor für Computational Social Science, beim Herstellen eines Konnex‘ von Big-Data-Diktatur, Flüchtlings-„Krise“ und Konsumlethargie.

Und natürlich muss Berg mit Systemtheoretiker und Science-Slammer Lorenz Adlung über „die Abnahme der Intelligenz der Menschheit“ lästern. Persönliche Favoriten, Stichwort: Nerd, sind der Gedankenaustausch mit dem Meeresökologen und Tier- und Naturschutzaktivisten Carl Safina und mit Astrophysiker Abraham „Avi“ Loeb. Safina, weil er voll Empathie vom Kichern gekitzelter Ratten erzählt, weil er sich ärgern kann, dass so viele Menschen sich scheuen, Tieren Emotionen zuzusprechen, und weil er fordert, dass, wer Fleisch essen will, das Vieh doch selber schlachten soll.

Loeb, weil der Alien-Gläubige, der erwartet noch zu Lebzeiten beim ersten Kontakt mit Extraterrestriern dabei zu sein, beim Schwadronieren über Gott und den Kosmos den berühmten Breslower Rabbi Nachman zitiert: „Die ganze Welt ist lediglich ein sehr schmaler Steg, und das Entscheidende ist, keine Angst vor ihm zu haben.“ In diesem Sinne also. Ist dieses Buch eins für alle, die wissen wollen, ob wir noch zu retten sind.

Über die Autorin: Sibylle Berg lebt in Zürich. Ihr Werk umfasst 25 Theaterstücke, von denen zwei in Wien zu sehen waren, „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ am Volkstheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33385) und „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ bei den Wiener Festwochen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33485), und 14 Romane, die in 34 Sprachen übersetzt wurden. Berg fungierte als Herausgeberin von drei Büchern und verfasst Hörspiele und Essays. Sie erhielt diverse Preise und Auszeichnungen, unter anderem, den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor 2019 sowie den Thüringer Literaturpreis 2019, den Nestroypreis für das Beste Stück („Hass-Triptychon“) 2019, den Bertolt-Brecht-Preis 2020 und den Schweizer Grand Prix Literatur 2020. Zuletzt erschien bei Kiepenheuer & Witsch „GRM. Brainfuck“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34122).

Kiepenheuer & Witsch, Sibylle Berg: „Nerds retten die Welt“, Gespräche, 336 Seiten.

Video: www.youtube.com/watch?v=ITE5kBpcyw8

www.kiwi-verlag.de           www.sibylleberg.com

  1. 4. 2020

Sibylle Berg: GRM. Brainfuck

Juli 22, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Definitiv keine Dystopie

„Das ist keine Dystopie“, richtet die Autorin ihren Lesern via Klappentext aus, und damit hat sie definitiv recht. Frau Berg, im Wortsinn eine Sibylle, mixt auch in ihrem aktuellen Roman „GRM. Brainfuck“ Fakt und Fiktion und jede verfügbare Verschwörungstheorie zu einem Cocktail so explosiv, wie den nach Wjatscheslaw Molotow benannten. Alles an „GRM“ ist too much, too loud, too exaggerated, ein Überforderungsbuch, das seine Motive in Endlosschleife wiederholt, und dabei die diesen innewohnende Realsatire als Sprachschmutz verschleudert.

Daher nämlich der Titel: „GRM“ klingt bei Ausruf nicht nur wie die verbitterte Entäußerung einer Comicfigur, sondern meint Grime, einen in Großbritannien erfundenen Musikstil zwischen HipHop und Dubstep, „wütende Drecksmusik für Kinder in einem Drecksleben“, und dass der Begriff Crime leise mitgroovt, ist garantiert voll Absicht. Schauplatz der Handlung: erst fucking Rochdale, „ein Ort, den man ausstopfen und als Warnung in ein Museum stellen müsste“, später London. Die Protagonisten: vier vernachlässigte, verwahrloste Jugendliche. In Kürzestsätzen und Satzfragmenten, die Wortwahl markig, die Absätze und Enden gewählt willkürlich, stellt Sibylle Berg ihre Viererbande vor:

Die dunkelhäutige Don, klein, wütend, lesbisch, ohne Interesse daran, eine Ghetto-Frau zu werden; die asiatisch anmutende Hannah, mit der herausragendsten Eigenschaft Egozentrismus; die hochbegabte Karen, wegen eines Gendefekts Albino, und Autist Peter, dieser, so wird sich später herausstellen, von michelangelesker Schönheit. Berg taggt ihr sarkastisches Gegenwartsgraffiti wie den Teufel an die Wand, Unterschicht und untergehende Mittelschicht im Sozialbau, eine Generation der Abgehängten, die sich die Tristesse mittels ihrer High-Tech-„Endgeräte“ schönflimmert. Alles am Szenario der versierten Untergangsprophetin ist desolat, deformiert, trostlos – und so nah am Heute, dass man bitter auflachen muss.

Nun wird den Zweck- und Zwangsfreunden in weiterer Folge Unrecht getan. Väter in Ausweglosigkeit erhängen sich, Mütter prostituieren sich für ein reicheres Leben an der Seite eines russischen Unternehmers, Erziehungsberechtigte ertrinken in Aggression, Alkohol und Drogen. Was beispielsweise Hannah widerfährt, ist tatsächlich passiert. 2012 haben pakistanisch-stämmige Jungs in Rochdale Mädchen erst vergewaltigt, dann als deren Zuhälter an Freier verkauft. Als der letzte Erwachsene aus dem Blickfeld verschwindet, macht sich das Quartett auf nach London. Im Gepäck eine abzuarbeitende Todesliste ihrer Peiniger.

Dieses Handlungsgerüst umhüllt Berg mit einer neoliberalistischen Brave New World, in der sie von der Erschaffung der AI bis zur Manipulation des ZNS nichts, aber auch wirklich nichts auslässt, was es im 21. Jahrhundert bis dato an politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftspolitischen Auswüchsen aufs Korn zu nehmen gilt. „Zunehmend wurden die Länder des Westens von absurd albernen Diktatoren regiert“, heißt es da, während China längst – Verschwörungstheorie Nummer 569 – die Weltmärkte übernimmt, bis diese ein Eigenleben entwickeln wie Frankensteins Monster. Weder lässt Berg den Klimawandel aus, noch ein von einem sinistren Politiker geplantes Massensterben durch multiresistente Keime, noch die Gedanken eines Hirschs bei dessen Erschießung durch eine Jagdgesellschaft.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Und weil man sich grad so gut wälzt im apokalyptischen Sozialporno, serviert die Berg grenzgenialisch ein neues Feindbild – da „die große Umvolkung – der weiße Mensch, der durch den Araber ausgetauscht werden soll – nicht stattgefunden“ hat, stattdessen die Armen. Deren Slum-Gräueltaten nun medial ausgeschlachtet werden. „Die Verachtung der Kapitalisten gegenüber den Armen hatte sich institutionalisiert. Obdachlose, Arbeitslose, Arbeitsunfähige, Kranke, Schwache mussten akribische, nicht nachvollziehbare bürokratische Schwachsinns- anforderungen erfüllen, um einen Minimalbetrag zu erhalten, der ihre Lebensfunktionen aufrechterhielt. Der unverwertbare Teil der Gesellschaft konnte durch kleine Formfehler sämtliche Unterstützung verlieren …“

Der brave, kleine Mann hingegen wird mit einem Chip am Handgelenk versehen, wahlweise auch mit Bodycam, ein totaler Überwachungsapparat mit einem belohnenden Punktesystem: „Der Kunde blickte in eine Kamera. Das Gesicht wurde an die Datenbank übermittelt, in Sekundenbruchteilen ein Chip mit den Daten des Betreffenden geladen. Geräte-IDs, biometrische Passangaben, Konten, Adresse, Krankheitsakte, Strafregister, sexuelle Vorlieben, Freundeskreis, Familie, soziale Auffälligkeiten, Vorstrafen.“ Der Untertitel „Brainfuck“ ist der Name einer real existierenden, esoterischen Programmiersprache, die all dies ermöglichen soll.

Mit einer Brutalität hart an der Grenze des Erträglichen, jede Bemerkung eine berserkerte Pointe, alle zusammen ein schwer zu überlebendes Flächenbombardement, erweitert Berg ihre Anfangsvier um Dutzende Figuren, ein vulgärer Menschenzoo, von der Hackergruppe „Die Freunde“ bis zum mysteriösen Ma Wie, von MI5 Piet bis zur künstlichen Intelligenz Ex2279, vom Rich Kid Thome, dieser nicht nur in sexuellen Belangen pervers, siehe: Säurebad für die Stiefmutter, bis zu seinem Vater, der das Amt des Premierministers anstrebt. Später wird klar werden, welche IT-Maschine hier alle steuert.

Alldieweil aber betrachten die Kinder erstaunt die Begeisterung der Menschen für ihre (geistige) Beschränkung: „Menschen mit verschlissener Kleidung, schlechten Zähnen, aufgedunsenen Gesichtern, von Alkohol gezeichnetem Blick tanzten geradezu ausgelassen in die Nacht. Sie hatten wieder einen Glauben an ihre Regierung. Einen Stolz auf ihr Land, Stolz, Brite zu sein. Stolz, Teil eines weltweiten Reiches zu sein.“

Den Hacker-„Freunden“ gelingt es schlussendlich tatsächlich, das staatliche Überwachungssystem zu outen, und das ist der letzte traurige Höhepunkt in „Grime“. Die Leute können sich plötzlich auf den öffentlichen Bildschirmen sehen und dazu die auf ihren Chips gespeicherten Informationen lesen. Die Demokratie enttarnt sich als Fake, der neue Regierungschef agiert via Avatar. Doch, was Wunder?, statt Empörung und Aufstand freut sich jeder Geoutete über seine 15 minutes of fame in den Social Media. Womit der Begriff SM eine völlig neue Bedeutung bekommt. Und Sibylle Berg einen Roman erschaffen hat, der mit großem Zorn auf den Status Quo die Klassenfrage stellt. Ein Roman, der sein „Fuck it!“ mit einem „Kümmert euch umeinander!“ verbindet. Wie sich die Bilder gleichen. Schließlich könnte Europa bald flächendeckend so aussehen, wie die Sibylle es gesehen hat.

Über die Autorin: Sibylle Berg lebt in Zürich. Ihr Werk umfasst 25 Theaterstücke, von denen zwei vergangene Saison in Wien zu sehen waren: „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ am Volkstheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33385) und „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ bei den Wiener Festwochen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33485), 14 Romane und wurde in 34 Sprachen übersetzt. Berg fungierte als Herausgeberin von drei Büchern und verfasst Hörspiele und Essays. Sie erhielt diverse Preise und Auszeichnungen, unter anderem den Wolfgang-Koeppen-Preis (2008), den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis (2016), den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor (2019) sowie den Thüringer Literaturpreis (2019).

Kiepenheuer & Witsch, Sibylle Berg: „GRM. Brainfuck“, Roman, 640 Seiten.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=157&v=gaZo0Kd_9kI

www.kiwi-verlag.de           www.sibylleberg.com

  1. 7. 2019

Burghart Klaußner: Vor dem Anfang

Januar 20, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Schwejkiade während der Schlacht um Berlin

„Vor dem Anfang“, damit meint Burghart Klaußner die Zeit vor der bedingungslosen Kapitulation der nazideutschen Streitkräfte. Es ist der 23. April 1945 in Berlin, und der Schauspieler, Sänger, Regisseur, nun auch Buchautor erzählt in seinem Debütroman von der Schicksalsgemeinschaft zweier Soldaten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Fritz, der eine, der jüngere, ein Rausreder, Durchlavierer und kein Kind von Traurigkeit, hat die Front nicht einmal noch von Weitem gesehen. Schulz, der andere und im Schützengraben schon einmal schwer verwundet, ist stiller, zäher, grüblerischer, vorausplanender – und daher ratloser.

Der Krieg liegt in den letzten Zügen, die Russen rücken näher, und weil die beiden von der Fliegerreserve auf dem Flugplatz Johannisthal absolut nichts mehr zu tun haben und bei einer Zigarette dem Müßiggang frönen, verpassen sie den Abzug ihrer Truppe. Was dazu führt, dass sie vom letzten sich noch nicht verdünnisiert habenden Vorgesetzten dazu verdonnert werden, die Geldkasse der Einheit dem Reichsluftfahrtministerium zu überbringen. Der Auftrag bedeutet eine Tour quer durch die beschossene Stadt auf den einzig verbliebenen Fortbewegungsmitteln – zwei Fahrrädern.

Was folgt ist eine Schwejkiade während der Schlacht um Berlin. Klaußner schreibt unprätentiös und prägnant, klar und kraftvoll, seine knappe Sprache ein Synonym für die durchs Pedale-Treten und die permanente Angst vor Fliegerbomben und Granaten erzeugte Atemlosigkeit seiner Protagonisten. Deren Dialoge schwanken zwischen Lakonie und trockenem Humor, und dass Klaußner sie so wunderbar berlinern lässt, macht zum Gutteil den Charme des Buches aus. Man spürt die große Wärme, die der Autor seinen Figuren entgegenbringt, etwa, wenn er ihnen hilft, dem Irrsinn der vor ihnen liegenden vierundzwanzig Stunden mit dem einzig möglichen Mittel beizukommen: indem sie den Ereignissen mit Gelassenheit und Ironie begegnen.

Nicht nur stoßen die Kameraden, Fritz und Schulz sind keine Freunde und durchaus aufeinander misstrauisch, auf einen schießwütigen Leutnant, der mit bunt zusammengewürfeltem Volkssturm-Haufen eine ohnedies verlorene Stellung hält, sondern sie geraten immer wieder auch in Straßenkontrollen der Feldgendarmerie, die die Echtheit ihres Marschbefehls anzweifelt. Deserteure gibt es dieser Tage allüberall, an die Wand gestellt ist man schnell, und es ist Fritz‘ Berliner Schnauze zu danken, dass derlei brenzlige Situationen glimpflich ausgehen. Tatsächlich schmiedet das Duo Pläne zur Fahnenflucht, wenn auch unterschiedlicher Art. Schulz will sich in einer verlassenen Gartenkolonie, durch die sie radeln, verstecken, Fritz an den Wannsee, wo der besser situierte Promi-Gastwirt ein Segelboot liegen hat. Mit Zivilkleidung und genug Proviant, um das Ende der Auseinandersetzungen abzuwarten.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Was diese „Traute“ betrifft, unterfüttert der passionierte Segler Klaußner seine Momentaufnahme des Krieges mit als Rückblenden eingeschobenen Erinnerungssplittern, manchmal auch traumartigen Sequenzen. Diese Aufgabe obliegt Fritz, der an Augenblicke des Glücks auf seinem Schiff zurückdenkt, aber auch an seine Kindheit zwischen alkoholsüchtigem Vater und energischer Mutter, an Deformationen, die ihm seine Erziehung beigebracht hat, und an die Zeit seiner Selbstentdeckung, als er in einem aus der Erwachsenen-Bibiliothek entwendeten Buch „Brüste“ statt Bürste las. Auch die Verfolgung der Juden taucht aus Fritz‘ Gedanken auf, als ihm eine frühe Demütigung eines älteren Herrn mit Davidstern durch einen wütenden Mob wieder einfällt.

Klaußner erschafft plastische Nebencharaktere und pointierte Beschreibungen, die sich zu einer authentischen Kulisse für diesen Roadtrip durch Ruinen fügen. Eine der besten dieser Episoden ereignet sich in einem Luftschutzkeller, in dem Fritz und Schulz Unterschlupf finden, erst feindselig beäugt vom Luftschutzwart, „der aussah wie ein kaiserlicher Polizist, mit dickem Schnauzbart und friedensmäßiger Plauze“, bis ihnen eine Frau ein Stück ihres in Sicherheit gebrachten Kuchens anbietet – mit den Worten: „Ranjeklotzt und nich jezittert, ran an Sarg und mitjeweent!“ Schön auch die Szene, in der sich Fritz im ausgebombten Schillertheater auf einen der wenigen noch intakten Sitze setzt, und vor seinem geistigen Auge die Feenwelt der letzten hier gesehenen Vorstellung von „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ aufersteht. Dies ein beinah biografischer Exkurs über das Haus, an dem Klaußner zu Beginn seiner Karriere engagiert war.

„Die Welt existierte zuletzt nur noch in einem Umkreis von einigen Kilometern. Ein Kreis, der sich wie durch ein elastisches Band, je nach dem Stand der Informationen, ausdehnte oder zusammenzog“, schildert Klaußner die prekäre Unordnung im Schatten des untergehenden Dritten Reichs, in dem sich Menschen zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht in unsinnig gewordener Pflichterfüllung ergehen oder Fluchtversuche mit ungewissem Ausgang wagen. Aus diesem Hin und Her bezieht „Vor dem Anfang“ seine soghafte Spannung, die Frage stellt sich, ob Fritz und Schulz den Waffenstillstand überhaupt noch erleben werden. Denn als die Soldaten nach ihrer Odyssee endlich im Ministerium ankommen, ist dort alles in hektischer Auflösung, alles rennet, rettet, flüchtet, Verhängnisvolles wird vernichtet oder auf Lastwagen verladen, und dann ist plötzlich Schulz weg. Fritz steht allein im sich leerenden Gebäude, und wird, als er sich die Stempelwut der Wehrmacht für sein Soldbuch zu Nutze machen will, von einem SS-Offizier hopsgenommen und Richtung Gefechtslinie geschleppt. Ausgerechnet. Auf den buchstäblich letzten Metern noch eingefangen.

Mit „Vor dem Anfang“ fordert Burghart Klaußner zur Selbstbefragung darüber auf, wie es sich in einer entmenschlichten Zeit zu verhalten gilt. Dieser ethische Anspruch macht seinen kammerspielartigen Roman ebenso lesenswert, wie Klaußners Talent mit knappen Strichen Stimmungen und Sinneseindrücke zu zeichnen. Was den Schluss betrifft, so dies: Wie bei jeder guten Geschichte gibt’s auch hier einen Regenbogen. Und an dessen Ende findet sich bekanntlich ein Goldtopf …

Über den Autor: Burghart Klaußner, geboren 1949 in Berlin, absolvierte das Max Reinhardt Seminar und spielte nach Anfängen bei Tabori, an der Schaubühne und dem Schillertheater an nahezu allen bedeutenden deutschsprachigen Bühnen. Er ist ständiger Gast im Ensemble des Burgtheaters, wo er derzeit in „Der Besuch der alten Dame“ zu sehen ist (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28967). Für seine Darstellung des Pfarrers in Michael Hanekes „Das weiße Band“ und eines entführten Managers in Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“ wurde er jeweils mit dem Deutschen Filmpreis sowie dem Preis der deutschen Filmkritik als bester Darsteller ausgezeichnet. Grandios auch seine Leistung in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15024), für die er den Bayerischen Filmpreis erhielt. Burghart Klaußner ist Mitglied der freien Akademie der Künste in Hamburg und der deutschen Filmakademie. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg. „Vor dem Anfang“ ist sein erster Roman.

Kiepenheuer & Witsch, Burghart Klaußner: „Vor dem Anfang“, Roman, 176 Seiten.

Burghart Klaußner liest aus „Vor dem Anfang“: www.youtube.com/watch?v=juCCvLBMMkU

Burghart Klaußner im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=9361

www.burghartklaussner.de          www.kiwi-verlag.de

  1. 1. 2019

Vladimir Sorokin: Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs

Januar 19, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Stör-Schaschlik, serviert auf Dostojewski

„Wenn du ein Buch wirklich liebst, wird es dir alle Wärme spenden, die in ihm wohnt“, sagt der Ich-Erzähler in Vladimir Sorokins jüngstem Roman „Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs“ und meint das wörtlich. Dies nämlich ist der Beruf des Géza genannten Protagonisten, er ist ein Star der Kulinarik-Szene, ein Grillgenie, das von einem elitären Event zum nächsten jettet, um gutsituierten Gourmets wie Gourmands seine Künste vorzuführen. „Book’n’Grill“ heißt dieses im doppelten Sinn delikate Vergnügen, meint das Wort „Book“ hier nicht das Buchen eines Privat-Chefs, sondern das begehrte Brennmaterial Buch.

Das Jahr ist 2037 und die Gutenberg’sche Erfindung Geschichte, Literatur zu „lesen“ bedeutet nur noch, sie in Flammen aufgehen zu lassen. Ein Showküchen-Spektakel, das sich eine neureiche und dekadente Nachkriegsclique etwas kosten lässt. 10.000 Pfund für zehn Jahre Haft, resümiert Géza nach einem Job, ist das Ganze doch höchst illegal, werden doch ausschließlich exquisiteste Erstausgaben entfacht. Die von sogenannten Antiquaren, heißt: einer Gilde besonderer Diebe, weltweit aus Bibliomuseen entwendet werden.

Géza, Budapester Kind eines belarussischen Juden und einer polnischen Tartarin, beide Flüchtlinge, er vor christlich-orthodoxen Fundamentalisten, sie vor islamischen, schließlich in Ungarn aufeinander getroffen, konzentriert sich auf die russischen Klassiker. Dostojewski, dessen „Idiot“ speziell geeignet für Schaschlik vom Stör, Tschechow für Ribeyesteaks, Tolstoi, Turgenjew, Soschtschenko, Seeteufelfilet auf Platonow …

Mit „Manaraga“ legt Sorokin eine seiner zynischsten Dystopien vor. Der Moskauer Autor, einer der präzisesten Analytiker des Putin-Systems und nicht zuletzt deshalb mittlerweile mit seiner Familie in Berlin lebend, der mit seinen Sci-Fi-Schauergeschichten aus der nahen Zukunft gern auf die gesellschaftspolitische Gegenwart feuert, hat seine grotesk-realsatirischen Geschoße diesmal nicht nur auf das gegenwärtige Russland gerichtet. Mag sein, „Manaraga“ ist inspiriert von der Tatsache, dass Sorokins eigene Romane von einer patriotischen Jugendorganisation schon auf dem Scheiterhaufen zerstört wurden, auch wird der Begriff Bücherverbrennung auf ewig mit dem Totalitarismus des Dritten Reichs verbunden sein – und so entwirft Sorokin das Bild eines refeudalisierten Europas, in dem Oligarchen, Tycoons, der Geldadel das Sagen haben.

Der Kontinent, wie man ihn kennt, ist passé, en passant wird erzählt von einem Krieg, einem „salafistischen Frühling“, endlich dem Großen Transsilvanischen Frieden, dies alles nur Schwingungen, Atmosphäre, nichts Ausgeschriebenes im Text, und vom neuen Leben in einer Art „aufgeklärtem Mittelalter“. Gegen dessen zweifelhafte Zeiterscheinungen die Schweiz zum Schutz geflügelte Legionäre bezahlt. Sie sind nur einer von Sorokins Fantasy-Einfällen, so wie auswechselbare Fingerabdrücke, Tarnhologramme, ein Zoomorph mit Fuchsgesicht oder jene „Flöhe“, überlegene Überwacher unklarer Herkunft, die, eingepflanzt im Hirn und hinterm Ohr, Wissen soufflieren und für Wohlgefühl sorgen. Géza gönnt sich gleich drei davon.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Über dessen Klientel handelt Sorokin nun nicht nur seine Missbilligung politischen Extremismus aller Art ab, von Autokratismus bis Isolationismus, sondern liefert auch ganz großartige Karikaturen auf die Welt der klassischen Musik, ein Koks schnupfendes Opernsängerpaar, das sich auf M. Agejews „Roman mit Kokain“ Süßkram kandieren lässt, Persiflagen auf die Filmindustrie, wenn bei einem „Der Meister und Margarita“-Dreh samt Bulgakow-Brutzeln die Crew als dessen Figuren Schwarzmagier Voland, Literaturfunktionär Berlioz oder Kater Behemoth auftritt.

Oder ergießt seinen Spott über das postsowjetische Schriftgut, mit dem zu Werke zu gehen Géza ja verweigert: „Wankja fegte die vollgepisste Treppe hinab, gab der Haustür einen Tritt, als wärs die löchrige Panzerweste eines Scheißukrainers, und fiel wie ein furzendes Sturmgeschütz in den Hof ein … Der Hof hielt die Beine für den Frühling gespreizt, die Erde geilte, die Jungs nicht minder … Was er jetzt brauchte, war ein Kescher aus starken und zärtlichen Worten … Ingrimmig, dass ihm schwarz vor Augen wurde, sog Wankja die Frühlingsluft in sich ein und brüllte: ,Fotze, ich schlag dich tot!‘“ Grandios als Gegensatz eine Bibliophilen-Parodie, ein Auftraggeber, der sich für Tolstoi hält, seine Verwandten als dessen Frau Sofja Andrejewna, Tochter Tanja, seinen Diener als Dichter Afanassi Fet auftreten lässt, und über dem von ihm selber verfassten Manuskript mit dem Titel „Tolstoi“ Karottenlaibchen auf einem Kosakensäbel aus dem 18. Jahrhundert gebraten haben will.

Spät kommt Sorokin auf den Buchtitel zu sprechen: Manaraga, ein 1662 Meter hoher Berg in der im Ural gelegenen Republik Komi, in einer von dessen Höhlen ein Umsturz vorbereitet wird, eine Revolution, die die Essensbuchkultur von Grund auf verändern will. Die Edelköche sind in der wie eine Loge aufgebauten geheimen Bruderschaft der „Großen Küche“ organisiert, und die wird plötzlich von einem anonymen Feind angegriffen, der in einer mysteriösen Maschine auf dem Manaraga Nabokows „Ada“ am laufenden Band reproduziert. Lauter Erstausgaben-Klone, „festes Papier (wood pulp), 626 Seiten, Ganzleinen, Schutzumschlag aus Kreidepapier, brennt wie eine Kiefer aus Rhodos“, die sich von Meeresfrüchten bis Wildbret für vieles eignen. Eine billige, legale Konkurrenz zu den geraubten Originalen, eine Gefahr für den „Book’n’Grill“-Markt, dessen Garen für einen erlesenen Circle durch die Bücherflut zur Massenausspeisung werden wird. Folter in einer Riesenfritteuse soll den Verräter ermitteln, dann schickt die „Große Küche“ ausgerechnet Géza in den Kampf gegen den Vervielfältiger …

Mit diesem Twist Richtung Thriller gibt Sorokin seiner Satire auf den letzten 35 Seiten noch einmal ordentlich Zunder. Sein Gruß aus der Küche ist nicht nur eine geistreiche Abrechnung mit einer (bildungs-)bürgerlichen Überflussgesellschaft, der der Konsum als neuer Gott gilt und deren Vergnügungen zunehmend verrückter und weltschädigender werden, nicht nur ein Metakommentar zu jenen rechten Regimen, zu denen Europas Demokratien mehr und mehr mutieren, nicht nur eine Selbstironisierung seiner Rolle als Schriftsteller und der Tradition, auf der diese fußt, ein Abgesang aufs Gedruckte zugunsten des Digitalen, spannend und unterhaltsam, bissig und manchmal unerwartet lyrisch, sondern darüber hinaus ein Buch, das Lust auf Mehr- und Nachlesen macht. Der Fülle literarischer Anspielungen, Zitate und Querverweise muss man einfach hinterher spüren, und „Tschewengur“, „Krieg und Frieden“, „Verbrechen und Strafe“, „Gespenster“ wieder oder zum ersten Mal in die Hand nehmen. Um danach den nächsten Sorokin zu lesen.

Über den Autor: Vladimir Sorokin, geboren 1955, gilt als der bedeutendste zeitgenössische Schriftsteller Russlands. Er wurde bekannt mit Werken wie „Die Schlange“, „Marinas dreißigste Liebe“, „Der himmelblaue Speck“ und zuletzt „Der Tag des Opritschniks“, „Der Zuckerkreml“ und „Der Schneesturm“. Zuletzt erschien von ihm der große polyphone Roman „Telluria“. Sorokin ist einer der schärfsten Kritiker der politischen Eliten Russlands und sieht sich regelmäßig heftigen Angriffen regimetreuer Gruppen ausgesetzt.

Kiepenheuer & Witsch, Vladimir Sorokin: „Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Russischen von Andreas Tretner.

Videolesung von Vladimir Sorokin und Andreas Tretner: www.youtube.com/watch?v=nCIme600nQ8

www.kiwi-verlag.de

  1. 1. 2019