Theater zum Fürchten: Die Zofen

März 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Leben nur als Spiegelbild

Der Lindenblütentee ist schon vergiftet: Wolfgang Lesky als Gnädige Frau mit den Zofen Johanna Withalm und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Die beiden Frauen sind sichtlich eingesperrt, nicht durch Schlösser oder von Türriegeln, sondern in ihrem Kopf. Darin träumten sie gern von einer anderen Realität, von Flucht sogar, doch alles, was sie kennen, sind die Demütigungsrituale zwischen Herrin und Dienerin. Und so werden ihre Fantasien zu nichts mehr als Zerrbildern ihres Lebens in den Spiegeltüren, die von allen Seiten das Geschehen fassen. Sie spielen Gnädige Frau und Zofe, und sie spielen die Ermordung ihrer Peinigerin.

Sie scheitern jedes Mal an der Knappheit der Zeit. Doch sind sie weniger armselige Kreaturen, als ein gewitztes Schwesternliebespaar. Und in ihrem Wahn bis über den Schluss hinaus davon überzeugt, dass ihre Rechnung noch aufgehen wird. In der Art interpretiert Babett Arens Jean Genets absurde Groteske „Die Zofen“. Die Regisseurin, auch zuständig für die Raumgestaltung, zeigt ihre Produktion fürs Theater zum Fürchten derzeit an dessen Wiener Spielstätte, der Scala. Aus den diversen Geschlechtertauschmöglichkeiten des Stücks hat sich Arens dafür entschieden, die Zofen von Schauspielerinnen, die Gnädige Frau aber von einem Schauspieler darstellen zu lassen. Das macht Sinn, kennt man die Vorliebe Genets für das Mannweib. Der poète maudit bevölkerte sein Werk mit Hingabe mit jenen opulenten Fantasiegeschöpfen, die man heute Drag Queens nennt. Die berühmteste von ihnen – la Divine aus seinem ersten und sofort Skandalroman „Notre-Dame-des-Fleurs“.

Die Fantasie im Zerrspiegel der Realität: Johanna Withalm und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Eine Perlenkette eignet sich nicht zum Mordinstrument: Johanna Withalm und Wolfgang Lesky. Bild: Bettina Frenzel

In der Scala nun ist Wolfgang Lesky eine Göttliche. Und er ist eine Erscheinung. Gebieterisch und einschüchtern mit seinen beinah zwei Metern Größe. Ein Kunstwerk mit fuchsrotem Haar und Fuchs um die Schultern, mit zu viel Makeup und affektierten Gesten. Wie Lesky mit einer Armbewegung echte Haltung und falsches Gefühl zugleich auszudrücken vermag, wie er seine Texte moduliert und zelebriert, das gibt der Figur echte Bühnenaura. Ihre Kleingeistigkeit zeigt sich jedoch auch – daran, dass Madame jede Handbreit ihrer Wohnung kennt und ergo jede Veränderung mit Adlerauge erkennt. Lesky (wer denkt, dass ihm das Gesicht bekannt ist: Ja, natürlich! ist er der Biobauer mit dem Schweinderl) lässt die Stimme beben, gibt sich artig und manierlich und in dieser Manier die gemeinsten Bosheiten von sich. Seine Gnädige Frau glaubt sich als Gönnern, doch sie traktiert die Zofen. Deren Schmähung ist durchs Geschlechterspiel umso stärker. Sie, die eigentlich ein Er ist, darf allen weiblichen Attributen Ausdruck geben, darf ganz Frau sein.

Die Zofen dagegen sind in mausgraue Hausdienerlivrees verdammt, müssen Herrenschlüpfer (mit Beinchen!) und Sockenhalter tragen. Kein Wunder, dass bei solcher Antierotik sogar der Milchmann Reißaus nimmt. Johanna Rehm und Johanna Withalm schlüpfen in die Rollen der Claire und der Solange, Rollen auch insoweit, als die Identitäten der beiden ja immer wieder verschwimmen, und sie von Zeit zu Zeit ganz aus der Rolle fallen. Solange ist vielleicht die Zupackendere, die Entschlossenere, Claire die Zögerliche, die es im entscheidenden Moment nicht schafft, den vergifteten Lindenblütentee an den Mann/die Frau zu bringen. Rehm gestaltet vielleicht die Lusterfülltere, die mädchenhaft Verspieltere, Withalm mehr das Rotzig-direkte, das aggressiv Zielgerichtete. Doch die Grenzen zwischen Solange und Claire sind fließend. Wie ein Mantra wiederholen sie: „Die gnädige Frau vergiftet uns mit ihrer Güte! Denn die gnädige Frau ist gütig! Die gnädige Frau ist schön! Die gnädige Frau ist sanft!“ In diesen Momenten sind die beiden starr vor Devotion.

Zwei Dienerinnen zwischen Wahn und Witz: Johanna Withalm und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

„Die Gnädige Frau ist gütig!“: Wolfgang Lesky mit Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Rehm, Withalm und Lesky bestechen durch ihr intensives, sensitives Spiel. Arens stattet den Abend mit einigen weniger, dafür umso zwingenderen Ideen aus, das lässt den Dreien die Luft, ihr Spiel zu entfalten. Sie beherrschen nicht nur die Exzentrik, die Exaltiertheit, sondern auch die leisen Töne, das Verzweiflungsflüstern und das Tränenersticken. Arens hat Genet auch darin verstanden: in seinem subtilen Humor, seiner Komödiantik, wie in seinen Depressionen und seiner daraus resultierenden Untätigkeit. Und sie setzt die Steilvorlage dieser Tragifarce perfekt um. „Der Dreck fühlt keine Liebe für den Dreck“, heißt es an einer Stelle im Text. Also bitte!, diese tolldreiste Darstellung von drei Dreckstücken kann man nichts anderes als lieben.

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Wien, 22. 3. 2017

Theater zum Fürchten: Das Maß der Dinge

September 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit einer Pointe, die einem den Boden wegzieht

Neue Liebe vs alte Freundschaften: Johanna Withalm als Evelyn, Hendrik Winkler als Adam, Florian Graf als Phillip und Selina Ströbele als Jenny. Bild: Bettina Frenzel

Neue Liebe vs alte Freundschaften: Johanna Withalm als Evelyn, Hendrik Winkler als Adam, Florian Graf als Phillip und Selina Ströbele als Jenny. Bild: Bettina Frenzel

Henry Higgins hat’s ja dereinst schon besungen. Kaum hat Frau den erlegten Mann in Händen, beginnt sie ihn neu zu stylen. Was, packt man ihn an der richtigen Stelle an, ja, genau da, auch keine große Hexerei ist. Frisur, Brille, Outfit sind einfach, die Schwimmreifenfigur schwierig, aber machbar – und Künstlerinnen schaffen schlussendlich sogar die Nasenkorrektur.

Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Neil LaButes „Das Maß der Dinge“. In der Studentenmilieukomödie geht’s genau darum: Wie manipuliert man einen hässlichen Enterich zum stolzen Hahn? Evelyn lernt Adam, und nein, die biblischen Namen sind nicht zufällig gewählt, im Museum kennen. Da will die Kunststudentin einer durch ein Gipsfeigenblatt verunstalteten Marmorstatue mittels Graffiti-Penis ihre Würde zurückgeben und der Literaturstudent und Aushilfswärter genau dies verhindern.

Sie findet ihn ganz süß, aber die Optik!, also beginnt sie sich ein neues Aussehen für ihn aus der Rippe zu stanzen. Evelyn macht aus Adam ihren Elizo Doolittle, ihr Pygmalion-Projekt. Schwört sie doch – Stichwort: – auf die Wahrheit der Kunst. Seine Freunde Jenny und Phillip reagieren ob der Brachialumwandlung entsetzt und beargwöhnen Evelyns Eingriffe in Adams Leben, bis Jenny entdeckt, dass nur das unschmucke Äußere bis dato Adams innere Werte verdeckt hat. Es kommt zum Kuss und zum Eklat. Neil LaBute wäre nicht der Autor, der er ist, wenn am Ende nicht der große Crash, der Twist in der Handlung, die Schlusspointe warten würde, die dem Publikum den Boden unter den Füßen wegzieht …

Der hässliche Enterich: Johanna Withalm und Hendrik Winkler ... Bild: Bettina Frenzel

Der hässliche Enterich Adam: Johanna Withalm und Hendrik Winkler … Bild: Bettina Frenzel

... wird dank Nasen-OP zum stolzen Hahn: Winkler mit Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

… wird dank Nasen-OP zum stolzen Hahn: Winkler mit Florian Graf. Bild: Bettina Frenzel

Rüdiger Hentzschel hat die witzig zugespitzten, so scharfsinnigen wie scharfzüngigen Dialoge wunderbar auf der Bühne umgesetzt. Die, der Regisseur ist auch für den Raum zuständig, besteht aus einer weißen Teppichbodentreppe und Videos. Bildern, die ein Mehr an Kulisse gleichsam ersetzen. Auf ihnen sieht man Adams morgendlichen Blick in den Badezimmerspiegel, viel nackte Haut bei seiner Gefügigmachung durch abendlichen Sex, und sogar grauslich seine besagte Nasen-OP. In ihrer Machart gibt die Inszenierung fortwährend Hinweise auf den sarkastischen Clou, das dicke Ende, das noch kommen wird. Dazu die Musik schön spooky, der Song „Little Boxes“ von Malvina Reynolds karikiert die Konformität der US-Mittelschicht, et voilà. „Das Maß der Dinge“ ist ein Abend, der einem erst ein Lächeln ins Gesicht zaubert, nur um es dann wieder wegzuwischen.

Ganz vorzüglich spielt das sympathische Darsteller-Quartett Hendrik Winkler und Johanna Withalm, Selina Ströbele und Florian Graf. Withalm gibt die Evelyn als unkonventionell verrücktes Huhn, als Gegenstück zu Winklers Adam, der zwischen Nerd und nettem Jungen von nebenan changiert. So bestimmt und selbstbestimmt wie sie ist, ist ganz klar, dass sie in der Beziehung die Führung übernimmt, doch wie sie seine Freunde einerseits leichter Hand mit Intimitäten über Adam füttert, andererseits eben diese durch ihre eloquent vorgetragenen extremen Ansichten zu Spießern degradiert, da kommt man über die Figur doch ins Grübeln. Withalms Evelyn nervt einen bald – und das ist gut so.

Bei Neil LaBute hat das Ganze natürlich einen doppelten Boden: Johanna Withalm. Bild: Bettina Frenzel

Bei Neil LaBute hat das Ganze natürlich einen doppelten Boden: Johanna Withalms Evelyn nervt zusehends. Bild: Bettina Frenzel

Neben ihr ist Selina Ströbele als Jenny ein Weibchen. Naiv und ins Rollenbild eingepasst, versucht sie Florian Graf als Feschak Phillip zu Diensten und zu Willen zu sein, doch sowohl Jenny als auch Adam werden sich emanzipieren wollen. Worauf Phillip, Graf macht aus ihm einen liebenswerten Schnösel und hat auch deshalb einiges an Lachern auf seiner Seite, der alleinigen Vormachtstellung als Ladykiller beraubt, die Welt nicht mehr versteht. Happy End? Naja … das liegt im Auge des Betrachters.

Mit „Das Maß der Dinge“ haben TzF-Intendant Bruno Max und Regisseur Rüdiger Hentzschel für den Wiener Saisonstart auf unterhaltsame Art einen Zeitgeistnerv getroffen, sind die Themen des Stücks doch das beständige Polieren der ohnedies schon glatten Oberfläche, der Zwang zur Selbst/Optimierung – und eine darob aufkommende Skrupellosigkeit in der „Sache“ Liebe. Und schließlich stellt LaBute noch die allentscheidende Frage, die ebenso fürs Theater interessant ist, die Frage danach, was Kunst ist und wie weit sie gehen darf. Spannend!

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Wien, 22. 9. 2016

Theater zum Fürchten: Tannöd

November 29, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Publikum ist Augenzeuge und Ermittler

Bernie Feit, Johanna Withalm, Carina Thesak, Hermann J. Kogler, Wolfgang Lesky Bild: Bettina Frenzel

Bernie Feit, Johanna Withalm, Carina Thesak, Hermann J. Kogler, Wolfgang Lesky. Bild: Bettina Frenzel

Die Leitern reichen bis in den Himmel, aber bis zum Herrgott wird trotzdem keiner gelangen. Mit dem von ihm gestalteten Raum gibt Regisseur Rüdiger Hentzschel die Richtlinie des Abends vor. Im dichten Wald der Sprossen-Wände ist kein hoch-, weiter- oder vorbeikommen. Man muss durch Neid und Niedertracht und Vernaderei. Und die Fürbitten bleiben ungehörte Anträge. Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, „Tannöd“. Landkrimi live, sozusagen. Maya Fanke und Doris Happl haben den mit dem Glauser-Preis ausgezeichneten Bestseller von Andrea Maria Schenkel dramatisiert.

Der basiert auf einer wahren Geschichte: Auf einem Bauernhof in Oberbayern wurden sechs Menschen ermordet gefunden, das Austragsbauernehepaar, die Kinder, die Magd. Bis heute wurde kein Täter ausgeforscht. Schenkel verlegte die Handlung von 1922 nach 1955. Die NS-Vergangenheit einiger Dorfbewohner kann so eine Rolle spielen. Hentzschel zeigt mit acht Schauspielern eine ganze Dorfgemeinschaft. Zeigt Engstirnigkeit und Kleingeistigkeit, „die geistige Enge ist fast körperlich zu spüren“, heißt es an einer Stelle, und das Schicksal der armen Leute.

Verwandte, Bekannte, Nachbarn, ein Handwerker auf Montage, eine polnisch-jüdische Zwangsarbeiterin, die sich erhängt hat, die Pfarrersköchin. Keine Freunde, denn der Danner und die Dannerin hatten keine. Die in der Einschicht waren einsilbige Eigenbrödler. Die Dörfler machen ihre Aussagen, teils mit selbstmitleidigen Tränen in den Augen, der hat etwas gesehen, der auch, wenn’s nur wen zum Ausrichten gibt … Der Dorftratsch rotiert. Die Aufregung ist so groß wie das Mitleid gering. So reihen sich Beobachtungen und Erinnerungen aneinander; katholische Spukgeschichten, wie die von der wilden Jagd, Gerüchte und Hörensagen verschränken sich ineinander. Was dem einen an einem Menschen „brav“ ist, nennt ein anderer „blöd“. Aus dem Mosaik ergibt sich allmählich ein Gesamtbild. Auch die Opfer kommen zu Wort. Und der Täter, noch als solcher unerkannt. Am liebsten reden die Leut‘ eh über sich selber. Am besten wird Gift und Galle gespuckt. Manche Szenen sind choreografiert wie aufgespielt zu einem Landler. Das Publikum ist Augenzeuge und Ermittler, verliert sich in falschen Verdächtigungen und unrichtigen Vermutungen. Die Schreckspirale dreht sich schneller und schneller.

Es ist ein vom Krieg verhärteter Menschenschlag, den das TzF-Ensemble zeigt. Die Gesichter der Darsteller, darunter Birgit Wolf, Monica Anna Cammerlander, Carina Thesak und Sebastian Anton Maria Brummer, sind wie von Wind und Wetter verhärmt. So wie sie sind, sind sie ein Bauernstand wie von Egger-Lienz gemalt. Kantig, knurrig, gefühlskalt. An die dreißig Figuren werden gestaltet. Hut auf, Jacke aus – neuer Protagonist. Für jeden findet die Truppe eine Stimme, eine Stimmlage aus Angst und Wut und Augen verschließen vor dem Leid anderer, aber manchmal auch der Entschlossenheit, etwas zu ändern. Bernie Feit spielt den kleinkriminellen Einsteiger Michl, der unfreiwillig und mit dem man Zeuge der Morde wird. Wolfgang Lesky ist als verwitweter Schwiegersohn nun scharf auf die andere Tochter. „Die Männer sind alle gleich in ihrer Gier, in ihrer widerlichen Lüsternheit.“ Hermann J. Kogler ist Bürgermeister und Pfarrer, beide von Vergangenheit-ruhen-lassen-Mentalität, und als Danner ein herrischer Hoftyrann. Johanna Withalm ist die unschuldige Magd Marie, getötet an ihrem ersten Arbeitstag, und Danner-Tochter Barbara. Sie, die die Siegerin sein könnte, wird zu des Rätsels Lösung.

Am Ende gibt es drei Verdächtige, ein Kind, das einen Vater zu viel hat, und die Aufdeckung eines grausigen Inzest. Das heißt: Gewusst haben es alle, aber … Rüdiger Hentzschel ist eine ausgezeichnete, atmosphärisch dichte Untersuchung der bigotten-postfaschistischen Provinz gelungen, sein Versuch einer Erklärung, wie (männliche) Macht und Gewalt den einzelnen bis zur Wahnsinnstat knechten, hebt diesen Abend aber über die Dorfgrenzen hinaus. Das Ensemble agiert großartig, wie aus einem Guß, so wie sie sind, möchte man sie in einen „Tannöd“-Film stellen, doch das braucht’s nicht, denn der Spielraum Scala ist für Close-ups ja gut geeignet. Für eine Aufführung wie diese müsste der Begriff luzider Albtraum erfunden werden. Die Furchtbarkeiten auf dem Dorf werden noch kein Ende haben, unter dem Mordsblut blitzen noch ganz andere Geheimnisse auf. Manchmal gibt es Schlimmeres, als mit der Reuthaue erschlagen zu werden.

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Wien, 29. 11. 2015

stadtTheater Walfischgasse: Zweifel

Januar 15, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Diese „Sister“ agiert beinhart

Anita Ammersfeld, Alexander Rossi, Johanna Withalm Bild: Sepp Gallauer

Anita Ammersfeld, Alexander Rossi, Johanna Withalm
Bild: Sepp Gallauer

Für ihre letzte Rolle am stadtTheater Walfischgasse wählte Intendantin Anita Ammersfeld eine, in der sie brilliert, wie in keiner tragischen  am eigenen Haus bisher. Sie zieht alle Register ihres schauspielerischen Könnens, ist Dreh- und Angelpunkt der Handlung, verkörpert eine Figur, über die man sich ärgern kann, aber auch lachen – und vor allem Verständnis haben muss. Eingeschnürt, wie sie ist, ins Korsett der katholischen Kirche. Klug ausgesucht!

Gegeben wird „Zweifel“ von John Patrick Shanley. Pulitzer-Preis-, Drama-Desk-Award- und Tony-ausgezeichnet. Verfilmt mit Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman. Der Inhalt: St. Nicholas in der Bronx, New York. Der charismatische Pater Brendan Flynn versucht die strengen Sitten einer katholischen Schule auf den Kopf zu stellen, die mit eiserner Hand von Direktorin Schwester Lukas (Ammersfeld) geführt wird. Doch der Wind des politisch liberalen Wandels weht durch die Gemeinde und so nimmt die Schule ihren ersten schwarzen Schüler auf. Aber dann berichtet die naive Schwester James der autoritären Direktorin, dass Pater Flynn dem neuen Schüler zu viel private Aufmerksamkeit widmet. Messwein ist im Spiel. Und ein Knabenunterhemdchen. Unverzüglich sieht sich Schwester Lukas zum Handeln gezwungen – mit verheerenden Folgen. Das Stück ruft unweigerlich die Missbrauchsfälle in Erinnerung, die die katholische Kirche in den letzten Jahren erschütterten …

Schwester Lukas ist keine „Sister Act“. Sie urteilt streng, agiert beinhart, betet ihre Regeln wie den Rosenkranz. Zufriedenheit ist das Laster Einfältiger. Zu denen gehört in ihren Augen Lehrerin Schwester James (Johanna Withalm), die den Glauben an das Gute im Menschen noch verinnerlicht hat. Lehrer, rügt sie sie, hätten von Gott Herz UND Verstand bekommen. Ersteres hat warm zu bleiben, Zweiterer muss kühl sein. So sehr unterdrückt die Direktorin ihre Gefühle, bewahrt sie stets Haltung, dass sie die anderer (möglicherweise?) missdeutet. Dabei  ist sie trotzdem mit trockenem Humor ausgestattet. Anita Ammersfeld spielt das fabelhaft und weiß den Publikumsjubel auf ihrer Seite.

Regisseurin Christine Wipplinger inszeniert das so straight, so auf „Minustemperatur“, so versteinert, wie die Gesellschaft, die sich im „steineren“ Bühnenbild von Walter Vogelweider bewegt. Ausschließlich wird hier um den heißen Brei herumgeredet. Wobei Shanleys Anliegen durchaus klar werden: „Zweifel“ erzählt vom äußerst schmalen Grat zwischen Überzeugung und Ungewissheit und von der veränderten Wahrnehmung unter den Vorzeichen eines Verdachts. Es hält die Schuldfrage über das Ende hinaus geschickt in der Schwebe und deutet die moralischen Abgründe auf beiden Seiten der Frontlinie an. Jeder Dialog dynamisiert die Handlung, doch keiner davon lässt für den Zuschauer eine letztgültige Schlussfolgerung, was richtig und was falsch ist, zu. Die „Wahrheit“ wird nicht einmal auf dem Nachhauseweg zu finden sein. Zu sehr kann man Fürs und Widers abwägen.

Denn der großartige Alexander Rossi, der unkonventionelle Priester und Lehrer Vater Flynn, bleibt ein undurchschaubarer Januskopf. Hält salbungsvolle Predigten, gibt sich allein im Kirchengarten seinen Wutausbrüchen hin, gibt für den schwarzen Schüler Donald, der vom eigenen Vater verprügelt wird, eine Art Ersatzvater, tauscht mit Schwester Lukas verbale Ohrfeigen aus. Dies die besten Szenen: der Machtkampf zwischen Direktorin und Lehrer, zwischen Priester und Nonne – in einer Funktion er ihr, in der anderen sie ihm unterstellt -, da wird sogar ausgefochten, wer in Besprechungen auf welchem Sessel sitzt. Rachelle Nkou wird als Donalds Mutter vorgeladen. Wütend spielt Nkou diese Mrs. Miller. Man möge sie doch bitte in all das nicht hineinziehen. Für ihren Sohn ist ihr lieber der „Klassenaufstieg“, die gute Schule, gefolgt vom besseren College, als die Frage, ob es da „Annäherungsversuche“ gegeben hätte. Auch das eine starke, aus der Warte der Figur fast verständliche, Aussage.

Schwester Lukas siegt, Vater Flynn wird versetzt. Ohne tatsächliche Beweise. Die „Zweifel“ bleiben also. Nur nicht daran, dass dies ein außergewöhnlicher Abend ist. Und der Wiener Theaterspielplan ohne das stadtTheater um eine spannende Spielstätte ärmer sein wird.

www.stadttheater.org

Wien, 15. 1. 2015

Scala: Orlando

Mai 19, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spiel mit den Geschlechtern

Bild; © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Ob Virginia Woolf ahnt, wie aktuell ihr Roman „Orlando“ dieser Tage ist? Ihre Hinterfragung der Rollen von Mann und Frau durch – zack – Wechsel des Geschlechts? Es ist jedenfalls ein gewagtes Unterfangen, das Werk auf die Bühne zu heben, hat man doch die wunderbar androgyne Tilda Swinton in Sally Potters Film mit Cross-Dresser Quentin Crisp als Königin Elizabeth I. in Erinnerung. Nun, wenn sich wer nicht fürchtet, so ist es das Theater zum Fürchten. Wo derzeit in der Scala Woolfs wohl persönlichstes Werk als Bühnenadaption zu sehen ist. Die Schein-Biografie ist eine Liebeserklärung an ihre Freundin Vita Sackville-West und zeigt die große englische Autorin von ihrer spielerischen Seite. Sprachlicher Übermut und Stilsicherheit halten sich unübertroffen die Waage. Regisseur Marcus Ganser erarbeitet daraus ein phantasievolles und bildreiches Spiel der Geschlechter, ein Märchen für Erwachsene.

Inhalt: Um das Jahr 1600 ist Orlando ein junger gutaussehender Gentleman am Hofe der alternden Queen Elisabeths. Diese befiehlt ihm, dass seine Schönheit nicht vergehen soll, und so durchlebt Orlando die nächsten vier Jahrhunderte, ohne zu altern, in verschiedenen Lebensentwürfen, mit Selbstverständlichkeit auf die wundersamste Weise die Rollen und die Geschlechter wechselnd, als Dichter, als Liebhaber, als Diplomat, als Frau, als Geliebte, als Mutter …

Ganser hat die phantastische und poetische Lebensreise fein herausgearbeitet. Besonders schön die Stellen, in denen sich Orlando im einen Geschlecht wundert, was das andere Geschlecht so an Seelenblähungen drückt. Eine sensible, feinfühlige, trotzdem nicht unhumorige, sondern unterhaltsame Arbeit. In einem kunstvollen Bühnenbild (Walter Vogelweider), das viele Kletter- und Rutschpartien möglich macht, sind Johanna Withalm als Orlando und Hermann J. Kogler als Queen Elizabeth I. oder auch als Poet Pope schlicht brillant. Auch Matthias Kofler als der Mann, der Orlando schließlich die Liebe lehrt, Christian Kainradl mit einer wenig schmeichelhaften Darstellerung  des Dichters Mr. Green, Randolf Destaller als köstliche Parodie einer Erzherzogin und Johanna Rehn als russische Adelige Sascha sind sehenswert.

Ein Beweis mehr, dass es sich in der Regel lohnt, in den Theatern von Bruno Max vorbeizuschauen.

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Wien, 19. 4. 2014