Naturhistorisches Museum Wien: Ablaufdatum

Dezember 7, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Wenn aus Lebensmitteln Müll wird

©NHM Wien / A. Schumacher

Mit der Wiedereröffnung am 7. Dezember zeigt das Naturhistorische Museum Wien die Ausstellung „Ablaufdatum. Wenn aus Lebensmitteln Müll wird“. Eine Schau, die den Ursachen der Lebensmittelverschwendung auf den Grund geht. Von der Landwirtschaft über die Lebensmittelproduktion, den Handel bis zum  Haushalt oder die Gastronomie, die Ursachen sind so vielfältig wie verstörend. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es unvorstellbar, genießbare Nahrung wegzuwerfen.

Das hat sich inzwischen radikal geändert. Schätzungen zufolge landet mindestens ein Drittel der globalen Lebensmittelproduktion auf dem Müll, mit drastischen sozialen und ökologischen Folgen. Das Mindesthaltbarkeitsdatum, umgangssprachlich oft als Ablaufdatum bezeichnet, ist nur einer von vielen Faktoren für den Verlust von Lebensmitteln. Zumeist bleiben sie über dieses Datum hinaus genießbar, doch der Handel entsorgt die Ware in der Regel bereits vor diesem knapp bemessenen Datum, um Platz für Neues zu schaffen.

Nimmt man die gesamte Wertschöpfungskette der Lebensmittel unter die Lupe, so zeigt sich das dramatische Ausmaß der Verschwendung. Sie beginnt in der Landwirtschaft und endet im privaten Haushalt. Aktuellen Studien zufolge landen in jedem österreichischen Haushalt jährlich bis zu 133 Kilogramm an genussfähigen Lebensmitteln im Müll. Das entspricht einem Wert von 250 bis 800 Euro.

Das Recht auf Nahrung ist ein grundlegendes Menschenrecht. Gleichzeitig belastet die Herstellung von Nahrungsmitteln die natürlichen Ressourcen der Erde. Ein Drittel aller Klimagase stammt aus der Lebensmittelerzeugung. Eine bloße Halbierung des Lebensmittelmülls würde ebenso viele Klimagase sparen, wie eine Stilllegung jedes zweiten Autos. Die industrielle Landwirtschaft verbraucht 70 Prozent des Süßwassers. Massentierhaltung und die Überfischung der Weltmeere gefährden unzählige Ökosysteme. Monokulturen und der Einsatz von Dünge- und Spritzmitteln zerstören eine Vielfalt von einzigartigen Lebensräumen und vernichten jedes Jahr zigtausende Tier- und Pflanzenarten.

©NHM Wien / A. Schumacher

©NHM Wien / A. Schumacher

Jährlich werden 30 Millionen Hektar Wald gerodet, planiert und der maschinellen Landwirtschaft geopfert. Saatgut wird mit Fungiziden gegen Schimmel behandelt. Mehrmals pro Jahr werden Insektizide gegen „Schadinsekten“ und Herbizide zur „Unkrautvernichtung“ eingesetzt. Diese chemischen Substanzen tragen massiv zum Insektensterben bei. Der Schwund von insektenfressenden Tierarten wie beispielsweise Feldlerchen und Kiebitzen ist die logische Folge. Am häufigsten wird das umstrittene Pflanzenvernichtungsmittel Glyphosat verwendet, das 2017 von der EU für weitere fünf Jahre zugelassen wurde.

In der Intensivlandwirtschaft werden massiv chemische Gifte eingesetzt: um unerwünschte Wildkräuter, Pilze und Insekten zu töten oder um die Haltbarkeit von Saatgut zu verbessern. Diese Gifte haben Auswirkungen auf die gesamte Umwelt. Neonicotinoide, als Saatgut-Beizmittel und Sprühmittel verwendet, sind hochwirksame Insektizide. Etwa zehn Tonnen werden jährlich in Österreich versprüht. Sie werden unter anderem für das Bienensterben verantwortlich gemacht.

©NHM Wien / A. Schumacher

©NHM Wien / A. Schumacher

Lebensmittel werden in Supermärkten als preisgünstig präsentiert. Und noch sind die Müllcontainer hinter den Supermärkten gefüllt mit Lebensmitteln, die aus Bequemlichkeit, wegen winziger optischer Mängel oder aus anderen Gründen entsorgt wurden, bevor sie das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht hatten. Der Platz im Supermarktregal ist heiß umkämpft. Die Müllmengen, die im Handel anfallen, sind ein gut gehütetes Geheimnis. Der Lebensmittelmüll eines einzigen großen Supermarktes wird auf 500–600 Tonnen im Jahr geschätzt.

Dem vorzubeugen hilft in der Schau das Geruchs- und Geschmacklabor: „Ist das noch gut?“ der Wiener Tafel. Hier erleben Museumsbesucherinnen und -besucher Lebensmittel nicht nur als ihre Lebensgrundlage, sondern bekommen die Möglichkeit, ihre körpereigene „Laborausstattung“ dafür einzusetzen, Frische, Qualität und Verträglichkeit von Lebensmitteln einzuschätzen. Neben der Rettung von Lebensmitteln zählt die Vermeidung von Foodwaste durch Bewusstseinsbildung zu den selbst definierten Kernaufgaben der Wiener Tafel.

Die Verschwendung von Lebensmitteln wird sich die Menschheit bald nicht mehr leisten können. In der Ausstellung werden eindrucksvolle Daten und Fakten präsentiert. Aber noch viel wichtiger ist das Aufzeigen konkreter Wege aus dem Teufelskreis der Verschwendung. Denn das Konsumverhalten aller kann dazu beitragen, die Welt zu verändern.

Der Blog zur Ausstellung:           www.nhm-wien.ac.at/ablaufdatum/blog           www.nhm-wien.ac.at

  1. 12. 2020

Alles wird gut: Street Art im MuseumsQuartier

April 23, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein positives Zeichen in die Stadt setzen

Street Art im MuseumsQuartier Wien / Maria Legat. Bild: @Artis.love

Gemeinsam mit dem Künstler und Kurator Sebastian Schager / @Artis.Love präsentiert das MuseumsQuartier ab sofort sieben ausgewählte Arbeiten, die unter dem Motto „Alles wird gut“ stehen. Die Beiträge stammen von Boicut, Denise Rudolf Frank, Maria Legat, Rudolf Fitz sowie Sebastian Schager. Die Werke sind vor dem MQ Haupteingang und auf dem Projektionsturm zu sehen.

www.mqw.at

23. 4. 2020

Street Art / Rudolf Fitz. Bild: @Artis.love

Street Art / Sebastian Schager. Bild: @Artis.love

Street Art / Denise Rudolf Frank. Bild: @Artis.love

Street Art / Boicut. Bild: @Artis.love

 

mumok – Heimrad Bäcker: es kann sein, dass man uns nicht töten wird und uns erlauben wird, zu leben

September 29, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fotografien gegen das Vergessen

Heimrad Bäcker: Wehrmachtsmitglied umgeben von einer Gruppe Kindern, 1933-34. Bild: © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Michael Merighi

Ab den 1960er-Jahren – lange bevor die Erinnerung an NS-Verbrechen in Österreich eine kollektive Prägung erfuhr – entstanden Heimrad Bäckers Fotografien auf dem Areal der Konzentrationslager Mauthausen und Gusen. Es handelt sich dabei um eine umfangreiche fotografische Dokumentation des zunächst verlassenen, später anders genutzten Areals: die Bestandsaufnahme eines Ortes in mehr als 14.000 Fotografien.

Bäcker, dessen dichterisches und verlegerisches Werk zu den herausragenden Leistungen der österreichischen Literatur nach 1945 zählt, verstand Mauthausen und Gusen als Gedächtnisorte im Sinne des französischen Historikers Pierre Nora. Dieser hatte den Begriff „lieux de mémoire“ geprägt, um damit Orte zu bezeichnen, an denen sich das kollektive Gedächtnis kristallisiert. So wird Erinnerungskultur und historisch motivierte Identitätsstiftung ermöglicht.

Dabei ging es Bäcker im Gegensatz zu Nora nicht vorrangig um nationale Anliegen, sondern um die Verantwortung für ein Wissen und dessen Aufarbeitung. Seit 2015 befindet sich der fotografische Nachlass von Heimrad Bäcker als Schenkung seines Stiefsohns Michael Merighi im mumok. Es handelt sich dabei um ein Konvolut, das Zeugnis von einer lebenslangen Auseinandersetzung mit dem Ort und der ihm impliziten nationalsozialistischen Massenvernichtung ablegt. Im Rahmen der Ausstellung „es kann sein, dass man uns nicht töten wird und uns erlauben wird, zu leben“, zu sehen ab 27. September, wird eine Auswahl von etwa 140 Fotografien, Notizen, Textarbeiten und Fundstücken gezeigt. Auf den Fotografien sind brachliegende Anlagen zu sehen, die von Pflanzen überwuchert sind, oder aber bewusst einer anderen Verwendung zugeführt worden waren. Es sind oft ähnliche Motive, die graduelle Unterschiede in der Nachbearbeitung aufweisen und häufig seriell montiert sind.

Heimrad Bäcker: Jourhaus des KZ Gusen-Mauthausen (Zustand 1945-1993), 1975. Bild: © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Michael Merighi

Heimrad Bäcker: Seziertisch Mauthausen, undatiert. Bild: © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Michael Merighi

Heimrad Bäcker: „Todesstiege“ zum Steinbruch Wiener Graben des KZ Mauthausen, 1970-75. Bild: © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Michael Merigh

Heimrad Bäcker: Hinrichtungsraum Berlin-Plötzensee, undatiert. Bild: © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Michael Merighi

Die Bilder und Texte geben einen Einblick in die Herangehensweise Bäckers und können parallel zu seinen Textarbeiten „nachschrift“ aus dem Jahr 1986 und „nachschrift 2“ aus dem Jahr 1997 begriffen werden, die als „Erkenntnisarbeit zur Genese und Struktur des Holocaust“  eine Aufklärung über Nationalsozialismus und Schoah anstrebt. Es handelt sich dabei um eine Zitatensammlung aus der Perspektive von Täterinnen und Tätern, Opfern, Angeklagten und Klägerinnen und Klägern, die mit den Mitteln von Text und Sprache ein Narrativ der Vernichtung erstellt. Ausschnitte aus „nachschrift“ sind in der Ausstellung in einem von Bäcker selbst gesprochenen Text zu hören. Bäcker hatte in Zusammenhang mit der „nachschrift“ von einer „möglichkeit zur konkretion“ gesprochen.

Das vorgefundene Textmaterial weist eine gewisse Parallele zu seiner fotografischen Spurensuche auf und erschließt ebenfalls Fundstücke: Gegenstände, die er auf dem Areal gesammelt hatte, seien es kleine Nägel oder größere Holz- oder Betonfragmente. Bäcker suchte nach einer Form der Narration, die auf überprüfbaren Dokumenten basiert. Er verzichtet auf „einfälle und phantastik“, wie er es nannte, um in seinen Texten und Fotografien die Orte Mauthausen und Gusen gegen das Vergessen in Stellung zu bringen

Der Präsentation des Werks von Heimrad Bäcker werden im mumok zwei Arbeiten zeitgenössischer Künstler zur Seite gestellt: In der Sound-Arbeit „Ein mörderischer Lärm“ von Tatiana Lecomte berichtet der Zeitzeuge Jean-Jacques Boijentin, unterstützt vom professionellen Geräuschemacher Julien Baissat, vom unerträglichen Lärm in den Arbeitsstollen des Konzentrationslagers Gusen, verursacht durch die schweren Maschinen, die im Stollen zum Einsatz kamen. Rainer Iglars Fotostrecke „Mauthausen 1974“, die er als zwölfjähriges Schulkind bei einer Exkursion in das ehemalige Konzentrationslager angefertigt und als erwachsener Mann wiedergefunden hat, zeigt das Zusammentreffen der persönlichen Geschichte des Fotografen und der Geschichte des Ortes: „Der Ort ist markiert, es ist kein unschuldiger Ort.“

 

www.mumok.at

25. 9. 2019

Belvedere: Johanna Kandl

September 7, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Sudan bis Sumatra den Stoffen auf der Spur

Privatbesitz Johanna Kandl © H&J. Kandl, 2018. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Bilder erzählen Geschichten. Sie tun dies über Form und Inhalt, aber auch über ihre Materialität. Die verwendeten Mal- und Farbmittel, ihre Herkunft und die Art ihrer Gewinnung vermitteln parallel zum Bildsujet oft spannende Inhalte. Die österreichische Künstlerin Johanna Kandl widmet sich dieser Inhaltsebene, indem sie ihre eigenen Werke mit zahlreichen Gemälden aus der Sammlung des Belvedere sowie mit in der Malerei verwendeten Grundstoffen in Beziehung setzt. „Johanna Kandl. Material. Womit gemalt wird und warum“ heißt die so entstandene Schau, die ab 12. September in der Orangerie zu sehen ist.

Johanna Kandl beschäftigt sich in dieser Ausstellung mit der substanziellen Seite der Kunstwerke. Ihr geht es dabei nicht um reine Materialkunde, sondern um das Aufzeigen aktueller Fragestellungen, in der Wissenschaft seit einigen Jahren als „Material Turn“, Wende zum Material, bezeichnet. Die Neuaufwertung des Analog-Stofflichen ist als Paradigmenwechsel im Zeitalter der Digitalisierung zu sehen. Dieser Forschungsansatz analysiert den Stellenwert von Material in der Gesellschaft.

Privatbesitz Johanna Kandl © H&J.Kandl, 2018. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Privatbesitz Johanna Kandl © H&J. Kandl, 2018. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Kandl recherchiert diesbezüglich seit einigen Jahren und reist zu den jeweiligen Herkunftsorten, zum Beispiel auf die Insel Hormus, in den Sudan, nach Sumatra oder auch in die Slowakei. So werden beispielsweise anhand von harz- und gummigebenden Pflanzen, Gummi arabicum etwa im Sudan, Themen wie wirtschaftliche Nachhaltigkeit für die Bewohnerinnen und Bewohner der betroffenen Region angesprochen. Im Zusammenhang mit Pigmenten werden wiederum problematische Auswirkungen des Bergbaus auf die Umwelt und Konflikte zwischen Aktivisten und globalen Abbaufirmen thematisiert.

Privatbesitz Johanna Kandl © H&J. Kandl, 2018. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Privatbesitz Johanna Kandl © H&J.Kandl, 2018. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Werke aus der Sammlung des Belvedere und Arbeiten der Künstlerin– Gemälde, Fotos und Filmbeiträge – interagieren mit Mineralien, Pigmentproben, Präparaten und Archivalien. So entsteht ein Narrativ, das zwischen sachlicher Dokumentation und persönlicher Fiktion oszilliert. Johanna Kandl bringt in die Ausstellung nicht nur ihren distanziert-wissenschaftlichen Blick ein, sondern auch die emotional-persönlicheVerbundenheit, die sich von ihrer Herkunft aus einer Familie von Farberzeugern und -händlern und ihrer Ausbildung zur Restauratorin herleitet. Gemeinsam mit ihrem Mann Helmut Kandl geht sie den Geschichten hinter diesen Stoffen nach und deckt dabei auch akute gesellschaftliche Fragen auf.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=44&v=EpogXBOrn1s           www.belvedere.at

7. 9. 2019

Neu am Volkstheater: Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner

März 10, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spielen in „Isabelle H. (geopfert wird immer)“

Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner
Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Am 10. März startet das Volkstheater gemeinsam mit dem Max Reinhardt Seminar und den Wiener Wortstaetten das Festival Neues Wiener Volkstheater. In dessen Rahmen wird Thomas Köcks mit dem Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis ausgezeichnetes Stück „Isabelle H. (geopfert wird immer)“ aufgeführt.

Katharina Klar (mehr: www.volkstheater.at/person/katharina-klar/) und Christoph Rothenbuchner (mehr: www.volkstheater.at/person/christoph-rothenbuchner/) spielen den aus dem Afganistan-Einsatz heimgekehrten Soldaten Daniel C. und eine illegale Immigrantin, die sich nach der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert nennt. Das Verhältnis der beiden, gefangen in einer Schicksalsgemeinschaft, scheint von klaren gesellschaftlichen Vorzeichen geprägt. Doch der traumatisierte Soldat und die eigenwillige Flüchtlingsfrau offenbaren Seiten an sich, die gängige Klischees unterlaufen. Die Machtfrage wird in jeder Situation neu verhandelt. Regie führt Felix Hafner, Student der Schauspielregie am Max Reinhardt Seminar, Premiere ist am 12. März. Ein Gespräch mit den Darstellern:

MM: „Isabelle H. (geopfert wird immer)“ ist Teil des neuen Festivals Neues Wiener Volkstheater. Was verstehen Sie darunter?

Die beiden lachen. Christoph Rothenbuchner: Entschuldigung, aber diese Frage haben wir uns bei den Proben auch schon gestellt. Ich weiß nicht, ob das Stück genau ins Wiener Volkstheater reinpasst, aber es betrifft das Volk und Wien und es ist neu. Also insofern sind alle drei Aspekte erfüllt.

Katharina Klar: Wir hatten eine Diskussion darüber, dass man den Begriff weit fassen muss. Wir haben uns dann geeinigt, dass es Stücke mit aktuellem Zeitbezug sind, die vielleicht auch etwas mit Wien zu tun haben. Ich habe zum Begriff Volkstheater bisher keine Beziehung, außer, dass unser Theater eben so heißt. Hoffentlich bin ich nach dem Festival klüger. Ich finde die Fragestellung fast ein bisschen künstlich, warum man hier Volkstheater machen sollte. Die Frage nach Relevanz für die Zeit und auch den Ort muss sich Theater sowieso immer stellen.

Rothenbuchner: Und gerade unter einer neuen Intendanz, die mit neuem Konzept und neuer Besetzung kommt. Die Frage ist, wie wir hier Theater machen, nicht ob das Volkstheater ist. Für mich ist eine schöne Nische, die Rote Bar zu bespielen, da kann man sich anders ausdrücken als am großen Haus. Da habe ich letztens etwas gemacht, einen Syrien-Abend, der meiner Meinung nach ins Volkstheater passt. Weil es ein halb aufklärerischer Abend war, ein sinnlicher Aufklärungsabend, simpel und einfach gehalten, das passt für mich in ein Volkstheater.

MM: Ist das eine Qualität dieses Hauses? Die vielen Spielorte, an denen man sich in mehreren Schienen erproben kann? Frau Klar, Sie haben sich in der Roten Bar schon als Autorin und in einem musikalischen Abend gezeigt. Herr Rothenbuchner, wann wird man Sie in Wien als Tänzer sehen?

Rothenbuchner: Nächste Spielzeit, vielleicht.

Klar: Ich hoffe, dass es uns gelingt, die Rote Bar und das Volx/Margareten in der Außenwahrnehmung wieder stärker zu einem Teil des Volkstheaters werden zu lassen. Das ist ein großer Wunsch des Ensembles. Wir hatten in Graz zwei gut funktionierende Nebenspielstätten, die Probebühne und die Ebene 3, und das soll es in Wien auch geben. Wir wollen die beiden Spielorte zum Leben erwecken und nicht immer nur diesen riesigen Kasten bespielen.

Rothenbuchner: Man kann in kleineren Räumen intimer arbeiten, sich anders präsentieren und auch ganz andere Inszenierungen zeigen.

Klar: Bei kleineren Inszenierungen werden ganz andere Risiken eingegangen und das ist etwas, das ich mir sehr wünsche.

Rothenbuchner: Insofern ist, zumindest für mich, die Hoffnung da, dass es nächstes Jahr vielseitiger wird. Und dass es, um Ihre Frage zu beantworten, vielleicht zum Tanzen kommt.

MM: In „Isabelle H.“ geht es um …

Klar: … einen Soldaten und eine Flüchtlingsfrau. Sie verschanzen sich in einer Lagerhalle vor der Polizei, nachdem sie sich zufällig an einer Raststätte kennengelernt haben. Daniel C. hat einen Polizisten erschossen und jetzt überlegen die beiden, wie sie aus der Sache wieder rauskommen. Wie sie weiter vorgehen werden. Wir erfahren sehr viel über Daniel C.s Geschichte, aber weniger über Isabelle H., weil sie das verweigert. Die Figur steigt immer wieder aus der Handlung aus und stellt sie und die ganze Geschichte permanent infrage. Und ihre Rolle als Opfer, weil sie so nicht besetzt sein will.

MM: Wie stellt Thomas Köck das dar?

Rothenbuchner: Nicht als Betroffenheitsstück. Er spielt mit den Ebenen des Theaters und damit, wie Geschichten erzählt werden. Es geht ihm um Rollenzuschreibungen in unserer Gesellschaft und da hat er als Beispiel den Flüchtling gewählt, den man glaubt zu kennen und dem man alles Mögliche zuschreibt. Dazu kommt der psychisch Kranke. Ich finde die Bilder, die Köck findet, teilweise sehr brutal, sehr stark. Aber es ist sicher nicht Betroffenheitstheater.

Klar: Es ist sogar eine Abrechnung damit. Thomas Köck stellt das total infrage, das Einzelschicksal, von dem man sich kurz rühren lässt, bevor man wieder nach Hause geht …

Rothenbuchner (unterbricht): Dagegen verwehre ich mich. Ich möchte den Daniel C. schon als berührendes Schicksal zeigen.

Klar: … Thomas Köck war mal bei einer Probe und hat da erklärt, dass die beiden Charaktere für ihn damals, als er das Stück geschrieben hat, beide für das standen, was eine Gesellschaft ausblendet. Wie für Abgrenzung gesorgt wird und was ausgegrenzt wird. Durch die aktuellen Ereignisse hat aber die Flüchtlingsseite so einen Fokus bekommen, dass sie auch die Gewichtung im Stück verschiebt. Wie werden sehen, ob das interessant ist, oder seltsam.

MM: Sie wollten was sagen?

Rothenbuchner: Nämlich, dass sich auch Daniel C. nicht als Opfer sehen will. Er erzählt seine Geschichte, die von außen betrachtet vielleicht simpel und typisch ist. Deshalb empfinde ich diese Form von Theater auch als Volkstheater, und dieser Geschichtenaufbau funktioniert absolut, da muss man Kitsch und Tragik hernehmen, um zu erzählen und um diese Erzählung wieder brechen zu können. Mich interessiert, dass man sich immer gemütlicher damit abfindet, Opfer zu sein. Mit diesem “Man kann ja nichts machen, Geld haben wir nicht, Zeit auch nicht, was sollen wir also schon groß ausrichten”. Ich merke auch bei mir, dass ich mich mit solchen Argumenten rechtfertige, warum ich das und das nicht tue. Das ist im Grunde eine Opferhaltung. Die Rolle macht mir das Leben einfacher. Alles, was ich mache, ist dadurch legitimiert, dass ich Leid erfahren habe. Und das ist die Rolle, die Isabelle H. ganz klar zugeschrieben wird, und die der Soldat sich über die Theatererzählung einverleibt.

Klar: Das macht Opfersein zu einer begehrten Rolle, weil man in diesem Opferstatus unangreifbar ist. Andererseits wird die Opferrolle ja oft extrem zurückgewiesen. Niemand will Mitleid, wenn’s wirklich schlimm ist, oder?

MM: Das klingt alles so wahnsinnig ernst. So schreibt Thomas Köck doch gar nicht.

Rothenbuchner: Das Publikum wird schon lachen können.

Klar: Das Stück unterläuft sich ja ständig selber. Es gibt sehr viele sehr gut geschriebene Pointen drin. Es wird immer wieder etwas aufgebaut und dann kaputt gemacht, was ja doch meistens witzig ist.

MM: Wie ist das Arbeiten mit Felix Hafner, der im letzten Jahr seines Schauspielregie-Studiums am Max Reinhardt Seminar ist? Während Sie schon fertig und geprüft sind?

Klar: Er ist der erste Regisseur, der jünger ist als ich.

Rothenbuchner: Es ist sehr entspannt. Es gibt einen guten Umgang miteinander. Wir können auch nicht den Mund halten, manchmal, also meistens, und so haben wir oft Spaß.

Klar: Er ist überhaupt sehr humorbegabt, deshalb sind die Proben sehr witzig.

Rothenbuchner: Er ist aber andererseits in aller Ernsthaftigkeit keiner, der einen Vorschlag nicht annimmt, nur weil die Idee nicht von ihm ist.

MM: Wie sind Sie beide Schauspieler geworden?

Klar: Ich bin übers Wiener Kindertheater zum Theater gekommen, eher zufällig damals. Und irgendwie irgendwann wollte ich dann unbedingt Schauspielerin werden.

Rothenbuchner: Ich hatte ein Erlebnis …

Klar: Wirklich, hattest du das? Ich möchte auch so gern erzählen können, das hat mich zur Bühne gebracht, aber so war das bei mir irgendwie nicht.

Rothenbuchner: Doch, das war eine Inszenierung am Wiener Schauspielhaus. Da sind die Zuschauer in Zwanzigergruppen mit je einem Darsteller zum Westbahnhof gezogen und wir waren wie in einer Prozession hinter einer spanischen Schauspielerin her und ich dachte, das ist es. Ich habe dann studiert, ein Jahr, und noch ein Jahr, und dann bin ich ans Theater und dachte, mal schauen, ob mir der Beruf überhaupt gefällt, und jetzt komme ich langsam dorthin, nicht mehr zu sagen, ich will Schauspieler sein, sondern ich bin Schauspieler.

MM: Sie beide sind nun vom Schauspielhaus Graz nach Wien gekommen. Sie sind aber ursprünglich Wiener. Aus Döbling und Floridsdorf. Wie war das Heimkommen in die Stadt?

Klar: Für mich sehr schön. Ich war lange in Graz, weil ich dort auch die Ausbildung gemacht habe, und ich genieße es, jetzt wieder in einer großen Stadt zu sein. Ich hatte erst Befürchtungen, dass das Nachhause kommen eng wird. Aber Wien ist wie eine neue Stadt, in der aber auch Menschen leben, die man schon lange kennt.

MM: Eng wird, im Sinne von: Die Mutti weiß wieder, was man macht?

Klar: Nein, davor habe ich keine Angst, ich bin sehr antiautoritär erzogen. Eng, weil man es aufgibt, ein Doppelleben zu führen. Ich hatte immer in Graz Arbeit, in Wien Urlaub, ein Leben da, ein Leben dort, getrennt, mit verschiedenen Personenkreisen. Ich mochte das auch gern, zwischen zwei Welten zu wechseln, jetzt mischt sich das mehr, aber: läuft.

Rothenbuchner: Ich war davor in Bern, dann Graz. Das war von 126.000 auf 260.000, jetzt sind’s 1,7 Millionen Menschen. Das hat mich anfangs schon geflasht. Ich bin sehr naturverbunden, ich mochte in Graz Mountainbiken, laufen, spazieren gehen, das geht mir in Wien ein bisschen ab. Ich bin halt ein Landei geworden. Aber Großstadt ist schon super. Ich bin extra nicht mehr in den 17., 18. Bezirk gezogen, sondern nach Favoriten, um nicht in alte Denkmuster und Gewohnheiten zu fallen. Ich muss sagen, es ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Ich wohn‘ beim Reumannplatz, das ist okay, aber die Distanzen sind enorm … Ich muss mir einfach ein gutes Rad besorgen.

Klar: So groß ist Wien auch wieder nicht. Man kann doch eh nicht durch die Burggasse gehen, ohne zwei Schauspieler zu treffen. Da weiß ich auch nicht, wie lange das gemütlich ist …

MM: Was wollen Sie vom Beruf? Was erwarten Sie sich?

Rothenbuchner: Dass ich ihn mit spannenden Projekten, mit Herausforderungen mein Leben lang ausüben kann. Ohne Angst. Dass ich nichts zum Essen habe. Dass ich ihn verliere. Sag‘ ich jetzt einmal so grad heraus.

Klar: Das Schöne an dem Beruf ist, als Gruppe in einen gemeinsamen Prozess zu gehen und etwas entstehen zu lassen, von dem man nicht weiß, wo es hinführt. Ich hätte gerne, dass das möglichst oft der Fall ist. Dass man ergebnisoffen arbeitet und, dass man wirklich zusammenkommt. Und vielleicht etwas erzählen kann, das für den Zuschauer die Perspektive verschiebt.

MM: Sie sind hier am Haus in zwei Produktionen, „Zu ebener Erde und erster Stock“ und „Romeo und Julia“, denen von der Kritik nicht einstimmig zugejubelt wurde. Wie gehen Sie damit um?

Klar: Es weht hier ein schärferer Wind als in Graz. Was ja auch bis zu einem gewissen Punkt interessant ist. Wir arbeiten daran, Produktionen auch intern gemeinsam auszuwerten. Wir besprechen, was wir von Inszenierungen halten, unabhängig davon wie sie draußen ankommen. Das ist mir sehr wichtig. Mir hilft es, wenn ich weiß, was ich in einer Sache sehe, wenn ich dahinter stehe, dann ist mir ein bisschen egaler, ob sie bei der Presse ankommt oder nicht. Was mich zuletzt geärgert hat, war, dass wir Schauspieler als Opfer eines Regiekonzepts dargestellt wurden. Keiner will das Opfer sein, siehe oben. Und es stimmt auch so nicht. Ich weiß schon, was ich tu.

Rothenbuchner: Ich fühle mich nicht persönlich angegriffen, wenn ein Abend generell verrissen wird. Gut, es steigert jetzt nicht die Motivation oder die Lust so einen Abend zu spielen. Es ist schon ein Dämpfer, es hat eine andere Energie in einer gefeierten Produktion rauszugehen.

Klar: Es macht auch etwas mit der Produktion. Schlechte Kritiken brauchen ein paar Vorstellungen, bis sie aus den Köpfen raus sind. Man kann sich aber nicht nur danach richten. Wichtig ist, in welche Richtung sich das Haus entwickeln soll.

MM: Womit wir wieder bei Neues Wiener Volkstheater wären. Wie bekommt man dazu neues Wiener Publikum? Was hat „Isabelle H.“ einer jungen Zuschauergeneration zu bieten?

Rothenbuchner: Das ist die alte Frage, warum junge Leute wenig ins Theater gehen. Außer in Schülervorstellungen und da sind sie ja quasi gezwungen. So wie meine Freunde, die ich nötige. Wenn ich da ein Patentrezept wüsste … „Isabelle H.“ eröffnet einen Diskurs über die aktuelle Flüchtlingssituation. Das dürfte ja schon mal interessieren.

Klar: Das Stück hat Irritationen zu bieten. Wenn man sich das ansieht, werden viele Fragen offen bleiben. Ich glaube, das ist etwas Gutes. Und ich hoffe auch, man ist gut unterhalten.

Rothenbuchner: Ich würde es mir auf jeden Fall anschauen. Das Schicksal des Daniel C.s allein ist es wert, sich das anzuschauen.

Klar: Ja, ja.

MM: Herr Rothenbuchner, Sie haben am Haus auch ein Projekt Junges Volkstheater im Rahmen der „Spieltriebe“ (mehr: www.volkstheater.at/junges/spieltriebe-die-spielclubs-des-jungen-volkstheaters/).

Rothenbuchner: Genau, „Generationen“, gemeinsam mit Bérénice Hebenstreit. Da machen Menschen um die 17 bis 21 mit Menschen ab 65 gemeinsam Theater. Da ist sehr spannend, wir arbeiten viel über Improvisation und Tanz. Sehr viel geht um die Begegnung, um die Auseinandersetzung miteinander. Es ist schön so viele unterschiedliche Menschen auf der Bühne zu sehen, und deren Freude und Interesse ist so groß, dass ich gar keine Inszenierung bräuchte.Aber wir werden konkret werden und ein Stück unserer Arbeit zeigen, bei einem Festival im Mai. Wir sind sehr entspannt, weil wir so viel Material, so viele Geschichten haben, die wir erzählen können. Der Kurs ist immer am Dienstag. Ein Lichtblick in der Woche.

Klar: Das ist doch ein wunderschöner Abschluss eigentlich.

Rothenbuchner: Ich weiß nicht, ich bin noch nicht zu Ende … Die beiden lachen.

Mehr zum Festival Neues Wiener Volkstheater: www.mottingers-meinung.at/?p=17988

www.volkstheater.at

Wien, 10. 3. 2016