Jüdisches Museum Wien: Genosse.Jude – Wir wollten nur das Paradies auf Erden

Dezember 4, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fruchtbarer Boden für eine Arbeiterbewegung

Parlament. Bild: Slg. Erich Klein

Ab 6. Dezember zeigt das Jüdische Museum Wien die Ausstellung „Genosse.Jude – Wir wollten nur das Paradies auf Erden“. „Alle Macht den Sowjets. Frieden, Land und Brot“. Für diese Devise begeisterten sich auch viele Juden. In Russland erhofften sie sich einen Bruch mit dem jahrhundertealten Antisemitismus des Zarenreichs. Die Strahlkraft der Revolution ging weit über die russischen Grenzen hinaus.

Weltweit und auch in Österreich begannen Juden für die Gleichstellung aller Menschen zu kämpfen. Sie alle träumten vom Paradies auf Erden. Dabei entstanden enge Beziehungen zwischen österreichischen und russischen Marxisten. Oft waren es jüdische Kommunisten, die zwischen diesen beiden Welten vermittelten. Diese Verbindungen auf diplomatischer, politischer, gesellschaftlicher und kultureller Ebene bilden den Ausgangspunkt für die Betrachtung der geschichtlichen Ereignisse beider Länder. Beginnend mit dem Exil Leo Trotzkis in Wien noch vor der Oktoberrevolution und endend mit dem Zerfall der Sowjetunion.

Viele bedeutende Vertreter der Arbeiterbewegung waren keine Juden. Ebenso waren die meisten Juden keine Revolutionäre, Sozialisten oder Kommunisten. Und dennoch trugen Juden und Jüdinnen, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, überproportional zur Entwicklung des Sozialismus bei. Dies zeigt sich bereits an den Gründerfiguren der Bewegung: Karl Marx, Moses Hess, Ferdinand Lassalle, Viktor Adler, Rosa Luxemburg und Leo Trotzki wurden zu Ikonen der internationalen Arbeiterbewegung. Ihre jüdische Herkunft wurde von den meisten nur am Rande thematisiert. Antisemitismus war für sie ein Symptom des Kapitalismus und würde in einer klassenlosen Gesellschaft nicht mehr existieren. Mit dem Untergang des Kapitalismus würden auch Juden sich völlig assimilieren.

Heimkehrerplakat. Bild: DÖW

Filmplakat „Jüdisches Glück“. Bild: Neboltai Collection!

Auf besonders fruchtbaren Boden stieß die revolutionäre Arbeiterbewegung in Osteuropa. Im zaristischen Russland lebten mehr als fünf Millionen Juden in den westlichen Provinzen. Ihr Leben war von ökonomischem Elend, restriktiven Gesetzen und Pogromen bestimmt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts organisierten sich politisch aktive Juden in den verschiedenen Teilen und Fraktionen der Arbeiterbewegung. Vom zaristischen Regime wurden Revolutionäre verfolgt, verhaftet und nach Sibirien in die Verbannung verschickt. Einige flüchteten über die österreichisch-russische Grenze in den Westen. Neben Zürich, Paris und Berlin war Wien ein wichtiger Zufluchtsort.

Einer der prominentesten politischen Flüchtlinge war Leo Trotzki, der sich mit kurzen Unterbrechungen von 1907 bis 1914 in der Kaiserstadt aufhielt. In Zusammenarbeit mit Adolf Joffe gab er in Wien die Prawda in russischer Sprache heraus, die über die galizische Grenze oder das Schwarze Meer nach Russland geschmuggelt wurde, um so die Revolution in Russland vorzubereiten. Im Café Central traf er mit den führenden Vertretern der österreichischen Sozialdemokratie zusammen: Otto Bauer, Max Adler und Karl Renner. Als er nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Wien überstürzt verlassen musste, war es Viktor Adler, der ihm 300 Kronen für die Flucht aus Österreich lieh. Zurück in Wien blieben Trotzkis Bibliothek und sein umfangreiches Archiv. Er selbst flüchtete mit seiner Familie über die Schweiz, Frankreich und Spanien in die USA. Nach dem Sturz des Zarenregimes kehrte er im Mai 1917 nach Russland zurück, um gemeinsam mit Lenin die Revolution zu vollenden.

Weltkampftag der Kommunisten. Bild: ÖNB

Als „10 Tage, die die Welt erschütterten“, nach dem Roman des amerikanischen Journalisten John Reed, ging die Oktoberrevolution in die Weltgeschichte ein. Die ganze Welt blickte auf Russland. Die Idee einer gerechten Welt erweckte vielerorts große Erwartungen. Der bewusste Bruch Sowjetrusslands mit dem Antisemitismus des Zarenreichs weckte bei vielen Juden und Jüdinnen enorme Hoffnungen. Vor allem die junge Generation engagierte sich für den neuen Staat.

Von Beginn an nahmen jüdische Genossinnen und Genossen wichtige Positionen in der KPÖ ein, andere leisteten Parteiarbeit im Hintergrund. Manche wie Malke Schorr fanden über die zionistische Arbeiterbewegung Poale Zion den Weg zur kommunistischen Partei. Sie wurde zur Leiterin der Österreichischen Roten Hilfe, die politische Flüchtlinge und deren Angehörige unterstützte. Auch die in der Bukowina geborene Prive Friedjung schloss sich zunächst der Poale Zion an, bevor sie Mitglied der kommunistischen Partei wurde. Religion spielte im Leben der jüdischen Kommunisten meist keine Rolle. Viele besiegelten dies mit dem Austritt aus der Israelitischen Kultusgemeinde. Manche wie Bruno Frei, die aus traditionellen jüdischen Familien stammten, blieben dem Judentum trotz kommunistischer Gesinnung ihr ganzes Leben lang treu.

In den 1930er-Jahren verschärfte sich in der Sowjetunion das gesellschaftliche und politische Klima. Rund um Stalin entwickelte sich ein Personenkult, der groteske Ausmaße annahm. Zahlreiche Sowjetbürger gerieten in die Fänge des Sicherheitsdienstes NKWD, weil sie sich vor der Oktoberrevolution in anderen Parteien organisiert hatten, weil sie Kontakte ins Ausland unterhielten oder weil sie im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten. Besonders gefährdet waren Personen, die im Verdacht standen, Trotzkisten zu sein. Zwar war die stalinistische Kampagne gegen „Abweichler“, „Andersdenkende“, reale und vermeintliche politische Gegner nicht von einer expliziten antisemitischen Propaganda begleitet. Doch waren viele sowjetische Juden vor 1917 im Bund oder in anderen jüdischen Arbeiterbewegungen engagiert gewesen, etliche hatten familiäre Beziehungen ins Ausland. Allein aus diesen Gründen fielen sie häufig den Repressionen zum Opfer.

Poale Zion-Fahne. Copyright: Yad Tabenkin. Bild: Sebastian Gansrigler

Mit dem Angriff Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion wurden alle Kräfte für die Verteidigung des Landes mobilisiert und daher auch aus taktischen Gründen die politischen Repressionen zum Teil zurückgefahren. Die bedeutendsten sowjetischen Künstler und Schriftsteller, unter ihnen viele Juden wie El Lissitzky, Boris Jefimow, Alexander Labas, Ossip Brik, Ilja Ehrenburg und Samuil Marschak, stellten sich in den Dienst der sowjetischen Kriegspropaganda.

Während die polnischen Juden ihre Heimat nicht freiwillig verließen, sondern aus ihren Ämtern entlassen und verjagt wurden, entschieden sich einige sowjetische Juden bewusst für die Auswanderung. Diese Möglichkeit stand ihnen als einziger nationalen Gruppe offen, ein Privileg, das gleichzeitig auch zum Makel wurde. Nach Jahrzehnten der kommunistischen Erziehung ohne Bindung an Religion und nationale Herkunft machten sich viele Anfang der 1970er-Jahre auf die Suche nach ihrer verlorenen jüdischen Kultur und Tradition …

www.jmw.at

4. 12. 2017

Julian Pölsler im Gespräch über „Wir töten Stella“

September 26, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Art „Tatort“-Dramatik wollte er nicht

Regisseur und Drehbuchautor Julian Pölsler am Set der „Wir töten Stella“-Dreharbeiten. Bild: ©Thimfilm / Dieter Nagl

Mit „Wir töten Stella“ kommt am 29. September die zweite Verfilmung eines Marlen-Haushofer-Stoffs durch Julian Pölsler in die österreichischen Kinos. In ihrer Novelle erzählt die oberösterreichische Autorin von der Studentin Stella, unerfahren und jung, und wie sie ahnungslos ihrem Untergang entgegengeht. Sie wird für ein Studienjahr „Logiergast“ in einer mit ihren Eltern befreundeten Familie. Hausherr Richard verführt sie, seine Frau Anna beobachtet die Affäre mit kühlem Blick.

Stella wird das Opfer einer kaputten, bürgerlichen Familienidylle, die mit allen Mitteln aufrechterhalten werden muss. Annas Niederschrift der eigenen Mitschuld ist die beklemmende Bestandsaufnahme einer einsamen Antiheldin, Ehefrau und Mutter. Es spielen Martina Gedeck, Matthias Brandt, Mala Emde und Julius Haag. Julian Pölsler im Gespräch:

MM: Was finden Sie an Marlen Haushofer, dass Sie nach „Die Wand“ mit „Wir töten Stella“ schon den zweiten Text von ihr verfilmen?

Julian Pölsler: Das suche ich mir ja nicht aus, die Stoffe suchen sich mich aus – anscheinend. Was mir zum einen gefällt ist die Sprache, das ist große österreichische Literatur, zum anderen finde ich die Frauenthematik spannend. Das ist eine Welt, die mir fremd ist, und ich habe es gerne, wenn ich im Kino in solche Welten versetzt werden. Im Übrigen sind es eigentlich drei Ich-Erzählungen, die zusammengehören: „Die Wand“ ist der dritte, „Wir töten Stella“ ist der zweite und „Die Mansarde“ ist der erste.

MM: Sie haben Ihren Film in einer unbestimmten Jetztzeit angesiedelt; die Novelle ist aus dem Jahr 1958. Damals war „Wir töten Stella“ zweifellos ein gewagter Titel. Hat das Moralapostel auf den Plan gerufen?

Pölsler: Ja, freilich, viele Apostel. Weil viele gemeint haben, die Thematik sei überholt, was ich bis heute nicht finde, das Thema ist aktueller denn je. Außerdem gab es Aufregung, weil eine Frau die „Heldin“ ist, die so passiv ist. Man ist ja bemüht, Bilder von Frauen zu zeigen, die sehr aktiv sind; ich finde Haushofer berichtet darüber, wie Frauen die dehnbaren Wände die sie seit Jahrhunderten umgeben, durchbrechen. Darum ist es mir im Film auch gegangen. Ich bin nicht für die vordergründige, emanzipatorisch-kämpferische Art, die Weise, die die Haushofer gewählt hat, ist leiser – und nachhaltiger vor allem. Darum ist der Stoff auch noch immer aktuell.

MM: Die Figuren im Film sind im Wortsinn sprachlos, dafür gibt es einen ausführlich Off-Text, bei dem Sie ganz bei Haushofer geblieben sind, bei dieser poetischen und brutalen Sprache.

Pölsler: Das war mir wichtig. Das habe ich bei der „Wand“ schon gemacht, und das habe ich auch bei der „Mansarde“ vor. Ich finde die Stilistik sehr wichtig. Wenn man „Stella“ aufmerksam liest, merkt man, wie sich Haushofers sprachliche Stilmittel durch ihre Arbeiten ziehen. Das umzusetzen, darauf muss man in den Filmen wert legen.

MM: Anna, die Figur, die Martina Gedeck spielt, gibt die Temperatur des Films vor?

Pölsler: Ja, allerdings, das ist die Protagonistin. Das Spannende ist, dass sie so passiv ist, dass sie alles über sich ergehen lässt – anscheinend, aber sie ist die einzige, die aus dem Drama ihre Lehren zieht und diesen Bericht schreibt, den sie uns dann mitteilt. Damit wir vielleicht nicht die Fehler machen, die sie gemacht hat. Deshalb hält sie das alles fest.

MM: Es ist das zweite Mal, dass Martina Gedeck Haushofer spielt. War es einfach, Sie zu diesem Dreh zu bitten?

Pölsler: Ja, sie hat ja von Anfang an gewusst, dass es drei Teile sind. Während der „Wand“ habe ich ihr schon erzählt von der Trilogie, deshalb war sie schon vorbereitet. Wir können beruflich gut miteinander. Sie ist eine ganz tolle Schauspielerin, und es ist spannend mit ihr zu arbeiten. Das Problem bei Martina Gedeck ist, dass sie so viel beschäftigt ist, und da ist es nicht leicht, einen Termin zu finden, an dem sie Zeit hat. Aber wir haben es geschafft.

MM: Und „Die Mansarde“ werden Sie auch gemeinsam machen?

Pölsler: An und für sich ja. Aber jetzt arbeite ich einmal an einem Christine-Lavant-Stoff und dann an einem Robert-Seethaler-Stoff, und dann ist es Zeit für den Abschluss der Haushofer-Trilogie.

Anna schreibt ihre Lebensbeichte auf: Martina Gedeck. Bild: © Thimfilm

Matthias Brandt als Familienvater Richard: ein gefährliches Raubtier mit jovialem Auftreten. Bild: © Thimfilm

Mala Emde spielt die Stella mit hoher Intensität. Bild: © Thimfilm

MM: Während dieser ganzen Handlung, auch angesichts dieser Mitleidlosigkeit, die Anna zweifellos hat, dachte ich mir: Das sind so gutsituierte Leute, die ein Spiel spielen, dass sie nicht verlieren können.

Pölsler: Die verlieren schon auch, und was da passiert, ist, glaube ich, auch kein Phänomen der besseren Gesellschaft. So etwas kann es durch alle Schichten geben, nur würde es dort eben anders verhandelt werden.

MM: In der Novelle ist Anna mehr „Haustrampel“, eine bessere Dienstbotin des Gatten …

Pölsler: Ich habe die Figur moderner gemacht, aber nichtsdestotrotz die Problematik eins zu eins beibehalten.

MM: Stella wiederum ist der ungewünschte Eindringling, die sich mit dem Stehsatz „Störe ich?“ permanent für ihre Existenz entschuldigt. Sie wird von Mala Emde dargestellt. Wie sind Sie auf sie gekommen?

Pölsler: Ich wollte eigentlich eine Österreicherin für die Stella haben, habe auch ein paar gecastet, aber die richtige war nicht dabei. Mala Emde hat mich aufgrund ihrer starken Persönlichkeit überzeugt, die sie aber auch zurückfahren kann, wenn es erforderlich ist. Was sie im Film über Strecken muss, weil Stella, genauso wie Anna, durch Passivität gekennzeichnet ist. Sie spricht ja auch kaum. Das arme Mädel tut nichts schlimmes, außer, dass sie sich verliebt – und daraus entsteht größtes Unglück. Da stolpern lauter Menschen in Dinge, für die sie nichts können. Aber auch Richard, Annas Ehemann und Stellas Verführer oder Vergewaltiger, kann nichts dafür. Bei der Frau, die der hat …

MM: Das ist die männliche Perspektive.

Pölsler: Nein, das ist Haushofer, die Figuren zeigt, die nicht die Kraft aufbringen, die Wand, die sie einengt zu durchschlagen. Allen voran natürlich Anna.

MM: Wie sehr spricht Haushofer in ihren Texten von Emanzipation?

Pölsler: Sehr stark, nur auf eine sehr stille, subtile Art. Sie ist nicht umsonst eine Gallionsfigur der Frauenemanzipation geworden, und dann der Frauenbewegung der 1980er-Jahre, als man sie wiederentdeckt hat.

MM: Wie’s mit Stella endet, ist von Anfang an klar, denn Sie beginnen mit einem starken Bild: Die Kamera umkreist den Leichnam, zeigt auf der einen Seite ein schönes, auf der anderen Seite ein bis zum Skelett entstelltes Gesicht. Ein Memento mori?

Pölsler: Ja, weil Tod und Leben so eng bei einander liegen, und weil wir das so gerne vergessen. Man muss immer daran denken, dass der Tod zum Leben gehört.

MM: Sie haben für die Frauenfiguren und für den Film generell ein „Farbleitsystem“ entwickelt. Alles, was Martin Gedeck betrifft, ist in Blautönen gehalten, Mala Emde durchkreuzt diese Farbe mit ihren roten Kleidern; die Stadt ist blass, das Salzkammergut strahlend und farbintensiv.

Pölsler: Nicht das Salzkammergut, die Natur. Ich habe das auch mit dem Garten von Annas und Richards Haus gemacht, aber Anna geht ja nie in den Garten hinaus, sie steht immer nur am Fenster. Was die Frauen betrifft, haben Sie recht. Das hat mehrere Gründe. Zum einen steht Martina Gedeck die Farbe Blau sehr, und es passt auch zu Anna – was Kühles, Distanziertes. Die Farben habe ich eigentlich aus der Haushofer übernommen, bei ihr stürzt Stella in ihrem roten Mantel in einen gelben LKW. Den habe ich auch, ich habe mich brav an die Haushofer gehalten.

Julian Pölsler hinter der Kamera … Bild: ©Thimfilm / Dieter Nagl

… und mit Martina Gedeck. Bild: ©Thimfilm / Dieter Nagl

MM: Und diese schön fotografierte Natur, mit der docken Sie an der „Wand“ an?

Pölsler: Ja, das ist etwas, das ich übernommen habe. Sie sagen „andocken“, ich sage, ich habe mich stilistisch angenähert.

MM: Richard wird gespielt von Matthias Brandt. Mir fiel dazu ein: das Raubtier mit der randlosen Brille. Nun sagen Sie, er kann nichts dafür.

Pölsler: Natürlich kann er was dafür, aber er ist auch ein Opfer. Seine Schuld liegt darin, dass er es sich praktisch eingerichtet hat. Er hat eine herzeigbare, fesche Frau, gutgeratene Kinder und Geliebte, wann er immer er will. Er ist erfolgreich im Beruf. Warum sollte der etwas an seinem Leben ändern wollen? Dass ihm dann so ein halbes Kind in die Quere kommt, ist ungeplant und daher blöd.

MM: Das Fremdgehen, die Abtreibung, alle diese Momente höchster Dramatik finden nicht statt. Haushofer und Sie erzählen die Geschichte über den Rahmen. Literatur ist das eine, aber ist es für einen Film nicht besser, Tragik und Drastisches zu zeigen?

Pölsler: Diese Art Dramatik, die man in jedem „Tatort“ sieht, das wollte ich nicht. Ich will innere Dramatik zeigen, und wie sie diese beiden Frauen auffrisst. Wenn man sieht, wie es in den Nahaufnahmen im Gesicht von Martina Gedeck arbeitet, dann ist das nicht nur große Schauspielkunst, sondern sagt auf subtile Art auch mehr aus, als wenn ich die Sensationslust bedient hätte. Anna braucht das nicht, die ist eine starke Frau.

MM: Anna hat sozusagen ein freies Wochenende, Mann und Kinder sind weg, an dem sie diese Lebensbeichte niederschreibt. Wie kann es mit dieser Ehe weitergehen?

Pölsler: Das schreibe ich im Abspann des Films, also beantwortet sich die Frage für alle, die sich den Film bis zu Ende anschauen.

MM: Der Sohn des Hauses muss sich mit dem Troja-Mythos beschäftigen, und er tut es via eines Videos, in dem Christa Wolf „Kassandra“ liest. Woher kam diese Idee?

Pölsler: Ich bin ein großer Verehrer von Christa Wolf, und daher war das eine freie Assoziation. Ich finde das Video spannender, als wenn der Sohn nur in einem Buch geblättert und mit der Mutter darüber gesprochen hätte. Die Kassandra habe ich aus der Haushofer-Erzählung übernommen, denn dieser Bub soll bei einer Schultheateraufführung den Achilles spielen, doch der ist ihm zu angeberisch, und er sagt, er möchte lieber Kassandra sein. Und so bin ich auf die Christa Wolf gekommen. In ihrer „Kassandra“ gibt es den Wahnsinnssatz: Immer noch die Frage, aus welchen Stoff die Stricke sind, die uns ans Leben binden.

MM: Schon wieder ein emanzipatorischer Text. Sie sind Feminist.

Pölsler: Ja, es ist schrecklich mit mir. (Er lacht.)

MM: Julius Hagg spielt den Sohn, ein sehr feinnerviger Schauspieler, der etwas ganz Zartes hat.

Pölsler: Er ist großartig. Ich habe ihn Julia Stemberger und Fanny Altenburger zu verdanken. Er kam zum Casting, stellte sich vor und sagte den ersten Satz, und ich wusste: das ist er. „Zart“ ist er nur im Film, das spielt er nur, in Wirklichkeit ist er ein Macho.

MM: Ich unterstelle, Sie arbeiten mit Ihrer Trilogie an einer Haushofer-Wiederentdeckung?

Pölsler: Wiederentdeckung ist zu viel. Sagen wir so: Ich will im Bewusstsein der Öffentlichkeit halten, dass es hier eine erstklassige Schriftstellerin aus Oberösterreich gibt, deren Texte immer lesenswert sind. Das ist mir ein Anliegen. 

www.stella-derfilm.at

Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26303

  1. 9. 2017

Wir töten Stella

September 26, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Martina Gedeck brilliert in der Haushofer-Verfilmung

Anna hat zwei Tage Zeit für ihre Lebensbeichte: Martina Gedeck spielt nach „Die Wand“ zum zweiten Mal Haushofer. Bild: © Thimfilm

Ein starkes Bild. Die Kamera umkreist einen Leichnam in der Prosektur. Umrundet das schöne, klare, in sich ruhende Gesicht einer jungen Frau, wechselt auf die andere Seite und – zeigt eine bis zu den bloßliegenden Zähnen entfleischte Fratze. Ein starkes Bild. Ein Memento mori. Die junge Frau ist vor ein Fahrzeug gelaufen.

„Wir töten Stella“ heißt der neue Film von Regisseur Julian Pölsler, der am 29. September in den österreichischen Kinos anläuft. Bis dato galt Marlen Haushofers 60-Seiten-Novelle als schwer verfilmbar, wird alles Geschehen doch einzig aus der Innenschau einer der Figuren erzählt. Doch der Haushofer-erfahrene Pölsler, der 2012 bereits mit dem dystopischen Heimatfilm „Die Wand“ reüssierte, schuf nun mit „Wir töten Stella“ eine Art Prequel, jedenfalls den zweiten Teil der von ihm geplanten Haushofer-Trilogie, die mit „Die Mansarde“ der legendären oberösterreichischen Autorin vollendet werden soll. Als Protagonistin steht ihm auch diesmal die großartige Martina Gedeck zur Seite. Sie spielt Anna, Ehefrau und Mutter, die an Stellas Freitod nicht unschuldig ist, und der ihr Leben entzweischlagen wird.

„Ich bin allein.“ Das ist Annas erster Satz, das heißt: eigentlich erster Gedanke, und er gilt für ihre gesamte Existenz. In zwei schlaflosen Tagen und Nächten, Ehemann Richard und die Kinder sind an diesem Wochenende außer Haus, verfasst Anna eine Lebensbeichte. Für zehn Monate hat die Familie die Studentin Stella bei sich aufgenommen. Doch die Welt des Rechtsanwaltsclans verträgt keine Eindringlinge, nicht einmal selbst eingeladene. Stella, die zurückhaltende, schüchterne junge Frau, ist eine Störung, die das exakt austarierte Familienkonstrukt aus den Fugen bringt. Doch ist sie auch von genau der naiven Sexyness, die Richard anzieht. Und so dauert es nicht lange, bis ihm Stella in den Schoß fällt …

Pölsler, spätestens seit den „Polt“-Filmen als Meister der Entschleunigung bekannt, lässt der Story Zeit, sich zu entwickeln. Gesprochen wird wenig, in dieser verstörenden Familienaufstellung hat man einander ohnedies nicht mehr viel zu sagen. Die Sätze, die durch Mark und Bein gehen, Haushofers Sprache, so brutal wie poetisch, so hart und messerscharf, und von Pölsler in maximaler Texttreue übernommen, gehören der Gedeck; sie sind ihre Gedanken, ihre Niederschrift, und sie spricht sie aus dem Off. Der Rest ist lautes Schweigen. Es ist die Figur der Anna, die die Temperatur des Films vorgibt.

Pölsler hat die Novelle aus dem Veröffentlichungsjahr 1958 geschält, und den Film in einem unbestimmten Jetzt angesiedelt. Anna, bei Haushofer noch deutlich mehr „Haustrampel“ als Richards angetraute Dienstbotin, wird in der Darstellung der Gedeck zur unterkühlten, sich von ihrer Umgebung distanzierenden Wohlstandsdame. Alles, was sie tut, ist, aus einem der zahlreichen Zimmer ihrer Villa in den Garten zu sinnieren. Selbst als dort unter enervierend eindringlichem Piepsen ein Amselküken stirbt, kann sie sich nicht aufraffen aus ihrem goldenen Käfig ins Freie zu treten und zu helfen. Mit Richard führt sie eine „postzynistische“ Ehe, was bedeutet, dass man sich offenbar schon alles, was irgend möglich war, an den Kopf geworfen hat, die Lieblosigkeit, die Reserviertheit, die Seitensprünge – und dann zum gemeinsamen Rotweintrinken zurückgekehrt ist.

„Wir töten Stella“ ist ein spröder Film, der dem Betrachter keinen Rettungsring zuwirft, weder findet sich eine sympathische Figur (am ehesten noch Julius Hagg als Sohn Wolfgang) noch eine entlastende Situation. Jeder ist hier in seinen Zwängen gefangen, ohne Ausweg, und daher ohne Mitleid. Ein Aufatmen? Unmöglich. Pölslers Film ist so ruhig wie gnadenlos.

Anna kerkert sich in ihrem Haus ein …: Martina Gedeck. Bild: © Thimfilm

… und beobachtet ihre Konkurrentin Stella: Mala Emde. Bild: © Thimfilm

Die Beziehung mit Stella lässt sich an, wie ein Spiel, das reiche Leute beginnen, und das sie nie verlieren werden, weil nur sie die Regeln kennen. Die stille, ihrer Sprache wie beraubte Stella spielt Mala Emde sehr intensiv. Zwar sehr zurückgenommen, aber gerade darum mit noch mehr Tiefe. Emde hat ihre Figur bis zum Grund ausgelotet, und verleiht ihrer Rolle eine Art verwehter Todeseleganz.

Ihre Stella, ausgestattet mit der Unterwerfungsfrage „Tschuldigung, störe ich?“, begeht den kapitalen Fehler. Sie unterläuft, sobald von ihm abserviert, Richards Fremdgehsystem. Und plötzlich sind da Gefühle, Tränen, Verzweiflung, und weder Richard noch Anna wollen das: den inneren Aufruhr unter ihrer glatten Oberflächenwelt.

„Jeder Mensch trägt sein Gesetz in sich, und es sind ihm Grenzen gezogen, die er nicht überschreiten kann, ohne sich zu zerstören“, sagt/denkt Anna. Haushofer, deren Thema in jeder Umschreibung die Emanzipation war, weiß, dass zur Selbstbehauptung manchmal auch die Selbstzerstörung zählt. Pölsler macht die Verschiedenheit seiner Protagonistinnen auch in Farben deutlich: Wo Gedecks Anna ist, sind alle Nuancen von einem Todesengelblau, so auch von Haushofer vorgegeben, durchbrochen von Mala Emdes Stella in ausschließlich roten Kleidern. Die hat ihr Anna gekauft, ohne dass die Kindfrau ahnte, was dieses Rot bedeutet … Brüche nehmen Pölsler und Szenenbildner Enid Löser auch filmisch vor, mit schonungslosen Nahaufnahmen von atemraubender Intensität, immer wieder kehrenden Albtraumsequenzen, und allerlei anderen rätselhaften Bildern. Mehrmals im Film kämpfen Anna und Stella gegen eine Wand, das Gesicht und die Hände zeichnen sich in einer durchsichtigen Plastikmembrane ab, doch für Frauen gibt es hier kein Durchkommen.

Während in der Stadt alles wirkt, als hätte man ihr die Farbe entzogen, strahlt bei Ausflügen die Natur in frischestem, mit Haus und Hund und Bauersfrau auf „Die Wand“ querverweisenden Grün. Pölsler hat sich alles Reißerische verboten. Er spart das Drama aus, er lässt es hinter den Kulissen, und bleibt in der Position der Anna. Der Liebesakt, die Abtreibung, die Stella darob vornehmen lässt, ihr Suizid, finden im Film nicht statt. Die tödlichen Zumutungen, die Depression und die Demütigungen, all das schildert ausschließlich Anna. Und auch sie oft nur zwischen den Zeilen.

Pölsler macht zum psychologischen Kammerspiel, was ebensogut ein „Krimi“ hätte werden können. Er folgt ganz und gar der Haushofer und der Gedeck. Wie sie ihre Kakteen hegt und pflegt. Statt ihrer Mitmenschen. In der Sache Stella bleibt sie eine vom Rand her Beobachtende, als wäre ihr die ganze Angelegenheit zu unwichtig, um einzugreifen, und damit vielleicht Stellas Leben zu retten. Vielleicht gefiel sich die in ihrer Ehe ohnmächtige Anna aber auch darin, durch ihre heimtückisch eingesetzte Passivität den „Jungvogel“ zu vernichten.

Studentin und Untermieterin Stella hat bald ein Verhältnis mit dem Hausherrn: Mala Emde und Matthias Brandt als Richard. Bild: © Thimfilm

Für den sensiblen Sohn Wolfgang wird die Situation immer unerträglicher: Julius Hagg. Bild: © Thimfilm

Denn es ist ihr von Beginn an und aus eigener Erfahrung klar, dass Stella gegen Richard nicht bestehen wird können. Stella bleibt sogar in ihrem Sterben zurückhaltend und rücksichtsvoll. Als sie tot ist und Anna ihre Leiche identifiziert, gibt es keinen Eklat, ist doch endlich die Ordnung wiederhergestellt: „Stella war tot, und eine große Erleichterung überfiel mich.“

Den Täter, Richard, gibt Matthias Brandt als Gewaltmenschen und Lebemann, den Anna in ihrer Aufzeichnung einen „gütigen Mörder“ nennt. Brandt gestaltet die Figur als Raubtier mit randloser Brille, als Egomanen, dem sein Ich über alles geht, als Workaholic auch, der daheim sofort demonstrativ hinter den rosa Seiten der Financial Times verschwindet. Brandt illustriert Richards Dominanzverhalten mit einem Minimum an Gestik und Mimik.

Wendet sich Richard schließlich seiner Familie zu, ist er in seiner aufgesetzten Jovialität beinah furchteinflößend. Dass er Stella lange Zeit mit nonchalanter Ablehnung begegnet, ist klar, das geschieht zur Ablenkung. Eine wunderbare Performance ist auch die von Julius Hagg als Sohn Wolfgang, der, von der Mutter liebkost, vom Vater ignoriert, seinen Platz und seinen Stellenwert in dieser Gesellschaft nicht findet, und innerlich längst auf der Flucht vor diesem Dasein ist. Im Schultheater will der sensible, feinnervige junge Mann nicht den arroganten Achill spielen, sondern lieber die kluge Kassandra. Er hat auf dem Laptop eine Christa-Wolf-Lesung gespeichert, und als die Mutter danach sucht und herumstöbert, findet sie nicht nur grauenhafte Unfallvideos, sondern auch heraus, dass Wolfgang das komplette Haus mit Kameras bestückt und sie alle überwacht hat. Erst diese Aufnahmen führen Anna auf die Fährte dessen, was wirklich unter ihrem Dach passiert ist …

„Wir töten Stella“ erzählt von einem patriarchalen Machtapparat, der seine Unterdrückten gerade so viel hätschelt, wie er sie als Systemerhalter braucht. Deren Duldungsstarre ist dabei in Privattyrannei so obligatorisch wie in jeder Diktatur. Niemand sieht das und schreibt das klarer auf, als Anna, die Chronistin ihres eigenen Untergangs – Martina Gedeck einmal mehr als schauspielerische Ausnahmeerscheinung. „Jeder von uns ist sein eigener Teufel, und wir machen uns diese Welt zur Hölle“, sagte Oscar Wilde einmal. Mit „Wir töten Stella“ erweist sich Julian Pölsler nicht nur als fabelhafter Filmemacher, sondern auch als Feminist. Sein Film ist, darüber hinaus, das beklemmende Sezieren einer Familienangelegenheit zu sein, eine beunruhigende Bestandsaufnahme der Gesellschaft. Mit dem Fazit, dass sich im Mann-Frau-Verhältnis seit 60 Jahren wenig verändert hat. Einmal fragt Anna ihren Mann, warum er an ihr in einer freudlosen Ehe festhalte. „Weil du mir gehörst“, lautet darauf einer der schrecklichen Sätze Richards.

www.stella-derfilm.at

Regisseur Julian Pölsler im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=26318

  1. 9. 2017

Schauspielhaus Wien: kolhaaz (wir sind überall)

April 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus den Pferden wurde eine Parkbank

Polizeigewalt gegen Parkbankbesetzer: Valentin Postlmayr, Felix Kreutzer, Deniz Baser, Katharina Farnleitner, Naemi Latzer, Katharina Stadtmann, Florian Appelius und Anna Woll. Bild: © Wolfgang Simlinger

Auf der Fahrt ins Schauspielhaus Wien; Ringstraße; der nächste D-Wagen kommt in zehn Minuten; stehend warten, weil zum Sitzen kein Platz frei – die Bänke sind ja seit einiger Zeit mit metallenen „Armlehnen“ in zwei Hälften geteilt, da ist so eine Bank rasch voll besetzt. Die Armlehnen, sagt die Stadt Wien, sind, damit ältere MitbürgerInnen leichter aufstehen können. Die Armlehnen verhindern, dass sich ein Obdachloser im öffentlichen Raum vor einem der Nobelhotels einnistet.

Es ist kein Wunder, dass es wenig später zu einer Straßendemo kommt. Sandler, Streetartists, Spaziergänger, vereinigt euch! Nehmt den Raum, der euch zusteht! Das ist dann aber schon Theater. In der Porzellangasse. Wo’s von der Straße zur weiteren Handlung in den Spielraum geht. Regisseur Volker Schmidt hat hier mit der MUK Kleists „Michael Kohlhaas“ ins heutige Wien übersiedelt, hat die mehr als 200 Jahre alte Rosshändler-Story mit dem Text „An unsere Freunde“ des Unsichtbaren Komitees gespickt – und aus den Pferden eine Parkbank gemacht. „kolhaaz (wir sind überall)“ heißt die so entstandene Aufführung.

In dieser hat Restaurantbesitzer michael k. gegenüber seines Veggie-Burger-Ladens eine Bank aufgestellt und eine kleine Grünfläche angelegt. Rasch wird der Platz zu einem Kommunikationsort für Jung und Alt im Bezirk. Doch michael hatte keine behördliche Genehmigung  – und so soll er „rückbauen“. Dem Magistrat sind ein paar vergammelte Holzlatten lieber, als die Übertretung einer übrigens nicht vorhandenen Verordnung. Es kommt, wie bekannt. Ein „Heerhaufen“ formiert sich, es folgt Aufstand samt Brandstiftung, und am Ende wird für die Einigung zwischen den Herren und den Menschen ein Opfer gefordert: michael k.s tod.

Aus Kleists Kohlhaas wird ein bunny man wie Frank aus „Donnie Darko“: Valentin Postlmayr und Felix Kreutzer. Bild: © Wolfgang Simlinger

Derweil tanzen die innenministerin und ihr verbeamteter Erfüllungsgehilfe wenzel tronka den Staatstango: Naemi Latzer und Florian Appelius. Bild: © Wolfgang Simlinger

Es ist bemerkenswert, wie nahe Schmidt und seine Truppe bei Kleist bleiben, und trotzdem eine moderne und noch dazu sehr Wienerische Geschichte erzählen können. Einige ihrer (gar nicht so) bizarren Ideen, etwa die luxemburgische Privatfirma „Capital“, die alleinig mit der Planung im öffentlichen Raum beauftragt ist, sind so hiesig, dass sich das Publikum vor Lachen schier bog. Immerhin, man kann bei der Aktion „Meine Stadt – mein Leben“ Ideen einreichen, und wird dann mit Vorschriften, Auflagen, Broschüren zugemüllt.

Den Spaß – in einer gruselig albtraumhaften Sequenz zieht sich kolhaaz ein bunny-man-Kostüm à la Frank in „Donnie Darko“ an – konterkarieren das Echtheitszertifikat solcherart Überlegungen und die klugen Dialoge: „Entscheidungen trifft die Politik.“ – „Also wir selbst. Wir enteignen uns selbst.“

„kolhaaz (wir sind überall)“ ist eine großartige Satire. Die die Theorien der anonymen Autoren des Komitees sehr konkret macht. Und wie vom deutschen Romantiker vorgesehen, handelt das Ensemble in seiner Textfassung alle Kleist wichtigen Fragen ab.

Die Frage nach dem Recht auf Revolution. Ja, die Frage nach der moralischen Verpflichtung zum zivilen Ungehorsam in politisch brisanten Zeiten. Die Frage, wann Revolution zur Rebellion wird, und als solche ideologisch radikalisiert und politisch vereinnahmt. Die Frage nach der Größe eines Unrechts und der Unbotmäßigkeit der darob auf beiden Seiten verwendeten Mittel … Die jungen Darsteller sind allesamt fabelhaft. Vor allem Valentin Postlmayr als Gerechtigkeitsfanatiker kolhaaz und Felix Kreutzer als sein Freund bernhard sternbald alias computer-sterni haben eine bemerkenswerte Bühnenpräsenz.

michaels Mitstreiter sind zunächst ein bunter Haufen, zusammengewürfelt aus reiner, gemeinschaftlicher Unmittelbarkeit: computer-sterni, ein virtual nerd, arbeitet für michael an der „digitalen Mobilmachung der analogen Öffentlichkeit“, also mittels Facebook und Twitter für die gute Sache. Anna Woll als queerer essenslieferant foodora-herse will aus dem Ausbeuter-rider-team zwar aussteigen, bleibt aber im Gedankengang, ob Freiheit bedeutet, Frauenkleider zu tragen oder Entscheidungskompetenz zu haben, hängen. Katharina Farnleitner als michaels Frau lisbeth würde ihn lieber mehr bei der gemeinsamen Tochter, als auf den Barrikaden sehen. Als sie versucht, auf eben jenen Frieden zu stiften, wird sie an den Augen durch einen Wasserwerfer schwer verletzt  – siehe Stuttgart 21; die „Transe“ herse wird zum ersten tragischen Todesopfer des Konflikts.

Auf der absolutistisch agierenden, gegnerischen Seite wirkt man adäquat wie einem Nestroystück entsprungen. Naemi Latzer trägt als innenministerin ein Empirekleidchen, und sonst gern die ganze Befehlsgewalt. Ihren Untergebenen, Florian Appelius zeigt als gelockter, verbeamteter wenzel tronka beachtliches komödiantisches Potential, wickelt sie nicht um den Finger. Sie verbiegt ihn stattdessen so brutal, dass er ihr folgen muss. Am Ende tanzen die beiden gemeinsam den Staatstango, und erklären frau sekretärin vogt – Katharina Stadtmann als aufrechte Staatsdienerin – warum die Obrigkeit gegen wild wuchernde Bänke vorgeht. Als Ort für Ruhe und Muße laden sie zum Denken ein, und ein denkendes Volk …

lisbeth wird auf den Barrikaden schwer verletzt: Katharina Farnleitner, Katharina Stadtmann und Valentin Postlmayr. Bild: © Wolfgang Simlinger

Als aus dem Online-Spiel ernst wird, kratzt computer-sterni erst einmal die Kurve. Auftritt Deniz Baser als nagelschmidt. Er ist der Typ auf jeder Party, den irgendeiner einmal mitgebracht hat, den aber keiner wirklich kennt. Und es ist immer der Typ, der für Unruhe und Eskalation sorgt. Baser verkörpert den Zynismus als Geist der Stunde. Er weiß um die Beschwörung der Dauerkrise als Mittel, um die Leute bei der Stange zu halten. Er trennt „Die“ vom „Wir“. Er kann Parolen und populistisch sein.

Und während die innenministerin noch glaubt, ihn vor ihren Karren spannen zu können, ist schon klar, dass er der Phönix aus der Asche dieser Auseinandersetzungen sein wird. Nur weiß man noch nicht, ob er von vorgestrig links oder von ewiggestrig rechts die Mitte sprengen wird. „kolhaaz (wir sind überall)“ ist eine intelligente, pointierte, situationistisch geprägte Analyse des Jetzt auf der Folie von Gewesenem. Volker Schmidt und seine Schauspieler packen gekonnt ihre gute Laune und ihre Spiellust in diesen Felsbrocken Wahrheit. Zum Schluss jubelten die Zuschauer über den Wiener Theaternachwuchs. Zumindest über dessen Zukunft muss man sich wohl keine Sorgen machen … Zu sehen bis 19. Mai.

Video: www.youtube.com/watch?v=lcN7ygRvecc

www.wirsindueberall.com

www.schauspielhaus.at

Wien, 2. 4. 2017

aktionstheater ensemble: Immersion. Wir verschwinden

November 23, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Nach dem Nestroy-Preis gleich die nächste Uraufführung

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Sie schimpfen auf „die da oben“ und empfinden sich als „die da unten“. Martin Gruber, das eben mit einem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnete aktionstheater ensemble und „Tanz Baby!“-Mastermind Kristian Musser widmen sich in ihrer neuesten Uraufführung „Immersion. Wir verschwinden“ den am gesellschaftlichen Kuchen Zukurzgekommenen, für die Aufmerksamkeit alles bedeutet und doch in ihrer Einsamkeit verloren gehen.

Selbstverständlich darf auch hier wieder der ironische Blick auf die eigene Theaterarbeit nicht fehlen. Premiere ist am 24. November im Werk X – Eldorado. Inhalt: Michaela entrüstet sich über das mangelnde Können einer Darstellerin aus einem Werbeclip für eine Provinzstadt. Das hätte sie wirklich besser gemacht. Andreas darf während einer Gala vor internationalen Finanzmogulen seine Gedichte vortragen. Eine Karriere als gefeierter Poet scheint sich aber doch nicht abzuzeichnen. Martin träumt vom großen Durchbruch als Schauspieler in einer französischen Filmproduktion. Bei den Dreharbeiten am Mount Everest wird er aber zum Statisten degradiert. Sein einziger Satz wird gestrichen. Von nun an geht’s bergab. Zurück in der Realität bleibt für alle ein Engagement beim Aktionstheater. Anlässlich eines drohenden Rechtsruckes, entschließt man sich nur noch Komödien zu machen. Das hat in früheren Zeiten auch schon einmal funktioniert …

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Um die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit vergessen zu machen, konterkarieren die Sängerin Sonja Romei und Kristian Musser das Geschehen mit minimalistischen Interpretationen vergangener Hits und sphärische Neukreationen. Eine poetische Intervention mit den Darstellern Susanne Brandt, Michaela Bilgeri, Martin Hemmer und Andreas Jähner.

Trailer: vimeo.com/189901179

www.aktionstheater.at

Wien, 23. 11. 2016