Womit haben wir das verdient?

Dezember 2, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Kiffen lieber Kopftuch tragen

Mutter Wanda hilft mäßig begeistert beim Burkini-Kaufen: Caroline Peters, Chantal Zitzenbacher und Duygu Arslan. Bild: © Mona Film

„Geht die Nina als Gespenst?“, fragt unschuldig der kleine Bruder, als er seine Schwester zum ersten Mal mit Hijab sieht. Die 16-Jährige ist nämlich zum Islam konvertiert, nennt sich nun Fatima – und hat das Kiffen zugunsten ihres Kopftuchs aufgegeben. Eltern im Schockzustand. Und während der Vater wenigstens versucht, ein wenig Verständnis aufzubringen, ist die Mutter ausschließlich schäumend vor Wut.

Wofür und wogegen – Frauenrechte/Adventkranz – hatte man in StudentInnentagen nicht alles protestiert, und nun das. „Kannst du nicht einfach katholisch werden?“, herrscht die Mutter die Tochter an: „Das wäre für mich schon schlimm genug!“ Solcherart ist der Humor in Eva Spreitzhofers Komödie „Womit haben wir das verdient?“, die am Freitag in die Kinos kommt – frech und sophisticated und so, dass alle Seiten ihr Fett abkriegen. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at nannte die Regisseurin und Drehbuchautorin „Monsieur Claude und seine Töchter“ als Genre-Vorbild, und tatsächlich ist ihr diese Art, gesellschaftspolitisch brisante Themen mit einer verspielten Leichtigkeit zu nehmen, perfekt gelungen. Spreitzhofer stellt Weltanschauungen auf den Prüfstand, eine vermeintliche Weltoffenheit, die beim ersten Windhauch in sich zusammenbricht, ebenso, wie eine vermutete Radikalisierung, ohne jemals einen publikumserzieherischen Zeigefinger zu erheben.

Im Mittelpunkt der Irrungen und Verwirrungen steht Burgtheaterschauspielerin Caroline Peters als Ninas Mutter Wanda, erfolgreiche Chirurgin, Feministin, Atheistin und Matriarchin einer Patchworkfamilie. Chantal Zitzenbacher spielt die Nina, Simon Schwarz Vater Harald. Auch sonst ist der Film mit Hilde Dalik, Alev Irmak, Pia Hierzegger, David Oberkogler, Mehmet Ali Salman oder Johannes Zeiler hochkarätig besetzt. Die Peters überzeugt und unterhält in ihrer Rolle auf ganzer Linie. Wie sie sich auf Erkenntnissuche begibt, ist einfach zu komisch.

Nina/Fatima wird von ihrem Stiefbruder mit einem Würstchen erwischt …: Chantal Zitzenbacher und Angelo Konzett. Bild: © Mona Film

… und wieder rettet Wanda die Situation: Caroline Peters und Chantal Zitzenbacher. Bild: © Mona Film

Ebenso, wie die Meinungen, die sie zu ihrem Problem einzuholen vermag. Vom Schuldirektor, der von Ninas Hijab begeistert ist, Motto: soll doch jeder auf dem Kopf tragen, was er will, Baseballkappen im Klassenzimmer aber verbietet. Über Wandas muslimischen Chirurgenkollegen, der ihr bescheidet: „Der Islam ist voll hipster geworden“. Über ihren Freund, der meint: „Wir schauen uns eine IS-Doku an und dann hat sich das“. Bis zum Imam, der weiß: „Dass Menschen deppert sind, hat mit Allah nichts zu tun“.

Bis zum Burkini lässt Spreitzhofer nichts aus, das irgend für öffentliche Debatten sorgt, doch nichts gerät ihr dabei schwarzweiß, immer stellt sie die auf allen beteiligten Seiten zu findende Bigotterie und Hypokrisie aus. Und während sich Nina/Fatima auf Youtube anschaut, was alles haram ist – Gummibärchen und Fahrradfahren, findet Wanda, um nichts weniger spießig und starrsinnig als ihre „Opponenten“, ausgerechnet in der Mutter von Ninas bester Freundin, Hanife, eine Verbündete.

Auch die ist alles andere als begeistert von der plötzlichen Religiosität der Mädchen. Eva Spreitzhofer ist mit „Womit haben wir das verdient?“ eine feine Satire gelungen, die auf feinfühlige Weise die Bruchstellen, Widersprüche und Grenzen von „Multi-Kulti“ ausleuchtet, und dabei durchaus spaßig ins Schwarze trifft. Großartig, wie eine Figur, die eben noch auf der einen Seite stand, sich gleich darauf argumentativ auf der genau anderen befindet. Dass Spreitzhofer ein, zwei Mal übers Ziel hinausschießt – Wandas Adoptivtochter stammt aus dem Vietnam, und ist somit eine, die sich ihr Andersaussehen nicht ausgesucht hat, der Sohn des Imams muss schwul sein -, dafür entschädigen Einfälle wie dieser:

Die Eltern verkleiden sich für Ninas vermutete Zwangverheiratung: David Oberkogler, Simon Schwarz und Caroline Peters. Bild: © Mona Film

Als Wanda und Harald überzeugt sind, ihre Tochter solle in der Moschee in eine Zwangsehe gedrängt werden, wollen sie das undercover, heißt: mit Tschador verkleidet, verhindern – und geraten prompt in eine Polizeikontrolle. Und weil sie umständlich die Umstände erklären, und der Beamte keine Ahnung hat, wie er mit dem vollverschleierten Ehepaar umgehen soll, ist sein Angebot schließlich: „Wann’s anfoch auf a Gschnas gangerten, tat‘ ma uns alle leichter.“

Am Ende verschiebt Eva Spreitzhofer bei ihrem Feel-Good-Movie noch einmal Grenzen. Zu viel sei nicht verraten, nur, dass die Filmemacherin die Frauensolidarität über alle Konflikte stellt, ebenso wie gegenseitiges Verständnis und ständige Verständigung. Und auch für Mutter Wanda bietet sich eine Lösung – nämlich einfach dies zu sein: Mutter. Die schönste Szene ist, Wanda findet Nina, wie sie auf dem Boden kauernd verzweifelt Bußgebete spricht. Sie konnte dem Würstl im Eiskasten nicht widerstehen. Da nimmt Caroline Peters Chantal Zitzenbacher einfach in den Arm, und ihr das Stückchen Schweinefleisch ab – und steckt es sich selber in den Mund.

Regisseurin Eva Spreitzhofer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30758

www.womithabenwirdasverdient.at

  1. 11. 2018

Womit haben wir das verdient? – Regisseurin Eva Spreitzhofer im Gespräch

November 27, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Debatte ums Kopftuch nicht den Rechten überlassen

Nina eröffnet ihrer Mutter, dass sie zum Islam konvertiert ist: Chantal Zitzenbacher und Caroline Peters. Bild: © Mona Film

Diesen Freitag kommt die Komödie „Womit haben wir das verdient?“ in die Kinos. Darin muss eine Familie ihre stets behauptete Weltoffenheit angestrengt unter die Lupe nehmen, ist doch die pubertierende Tochter zum Islam konvertiert. Nina nennt sich nun Fatima, und die Mutter fällt aus allen Wolken.

Regisseurin und Drehbuchautorin Eva Spreitzhofer karikiert in ihrem erstem Spielfilm nicht nur leichtfüßig und lustvoll die gängigen Klischees, sie geht auch furchtlos die großen Fragen an: Was heißt radikal? Wie weit kann Toleranz gehen? Wie steht es anno 2018 tatsächlich um die Frauenrechte? Mit Caroline Peters, Simon Schwarz, Alev Irmak oder Mehmet Ali Salman ist „Womit haben wir das verdient?“ hochkarätig besetzt. Chantal Zitzenbacher spielt die Nina. Eva Spreitzhofer im Gespräch:

MM: Wie frech ist es, die Kopftuch-Debatte in „Womit haben wir das verdient?“ als Komödie anzulegen?

Eva Spreitzhofer: Ich finde, es geht gar nicht anders. Ein so komplexes und umfehdetes Thema ist weder politisch noch im Film ohne Humor anzupacken. Wenn man mit anderen über Dinge lacht, diese Dinge auch zuspitzen kann, dann befreit das den Kopf. Es gibt zu diesem Thema viele Herangehensweisen, es könnte auch eine Doku sein, die vermutlich nicht so viele Leute anschauen würden, wie eine Komödie, aber als Sozialdrama hätte es meines Erachtens gar nicht funktioniert.

MM: Haben Muslimas und Muslime den Film schon gesehen, und haben die gelacht?

Spreitzhofer: Sehr. Und sie waren total begeistert. Die Rückmeldungen sind von allen Seiten so, dass sie sich verstanden gefühlt haben, auch verarscht gefühlt haben, aber in einer Art und Weise, wie sie’s gut nehmen konnten. Das ist ein großes Kompliment für mich. Ich glaube, bis auf echte religiöse Ideologen und Ideologinnen, die naturgemäß völlig humorlos sind, werden sich alle gut amüsieren – und das ist tatsächlich das, was mir am allerwichtigsten war. Ich habe eine ganz klare Haltung zu dem Thema, es ist mir auch wichtig, dass ich von der ausgegangen bin, aber ich wollte einen „Disney-Film“ machen, bei dem die Kinder über etwas anderes lachen als die Erwachsenen. Ich wollte gerne alle abholen, ich habe für jede einzelne Position in diesem Problemfeld eine Figur erfunden. Es gibt keinen Charakter im Film, für den es nicht ein Role Model in der Realität gibt, und es gibt keine Situation, die kein Vorbild hat.

MM: Und Ihre klare Haltung ist?

Spreitzhofer: Im 21. Jahrhundert geht es nicht, dass Frauen unsichtbar gemacht werden. Weder in der Sprache, noch in der Bundeshymne, noch im öffentlichen Raum. Deshalb bin ich fürs Binnen-I, für die Töchter in der Bundeshymne, und bin ich dafür, dass Frauen ihre Reize nicht verdecken müssen, damit Männer nicht geil werden. Wenn Menschen das machen wollen, aus religiösen oder privaten Gründen, dann können sie das gerne tun, aber sie sollen Kinder und junge Mädchen in Ruhe lassen. Und auch zugeben, dass das Kopftuch keine Frage der Selbstbestimmung von Frauen ist, sondern, dass die Art Religion über die gleiche Sexualisierung wie die Werbung funktioniert. Wenn man heute eine Religion oder Ideologie erfinden würde, in der Männer mit Handschellen gefesselt durch die Stadt gehen müssten, damit sie nicht mehr „deppert“ irgendwohin greifen könnten, würde ich mich auch dagegen verwehren. Ich fände das falsch, und ich würde nicht hinnehmen, dass Vertreter dieser Idee sagen: Wir wollen nicht, dass sich jemand einmischt.

MM: Niemand thematisiert allerdings, ob Sikh-Buben einen Patka tragen wollen, oder jüdische eine Kippa.

Spreitzhofer: Weil das einen ganz anderen Ursprung hat. Das kommt nicht daher, dass man’s aufsetzen muss, weil dadurch eine Sittsamkeit, eine Anständigkeit präsentiert wird. Das wird verschleiert von den Menschen, die das Kopftuch als Freiwilligkeit ausgeben, was individuell zweifellos vorkommen kann, aber das ganze Paket, das mit dem Kopftuch mittransportiert wird, bedeutet, eine Frau hat ehrbar, sittsam, anständig zu sein, vor allem unsichtbar zu sein. Und je nach religiöser Radikalität wird das stärker, wird die Schamgrenze unterschiedlich ausgelegt, im schlimmsten Fall mit einer Verhüllung von oben bis unten, also mit Niqab. Das macht ein anderes Straßenbild, als wenn Männer eine Kippa aufsetzen oder einen Turban tragen. Das Problem ist, dass sich weder die Rechten noch die Linken wirklich mit dem Islam beschäftigen, und deswegen lauter Blödsinn verhandelt wird. Das weiß ich natürlich auch erst, seit ich so wahnsinnig viel recherchiert habe.

MM: Wenn man betrachtet, aus welcher Richtung immer wieder der Vorstoß zur Verschärfung des Kopftuchverbots kommt, ist man da als Filmemacherin nicht in Gefahr, sich ins falsche politische Eck zu stellen?

Spreitzhofer: Ganz im Gegenteil. Wir müssen uns die Debatte wieder retour holen, es kann nicht sein, dass wir uns das Thema von den Rechten wegnehmen lassen, die überhaupt keine Lösungen anbieten, die das Ganze nur instrumentalisieren, um Hass und Hetze zu schüren, die selbst ein Frauenbild haben, das genau das gleiche, wie das der Islamisten ist, wie in Österreich, wo die Bundesregierung unheimlich vielen Frauenorganisationen das Geld streicht … Das kann man doch dann nicht ernst nehmen. Auf der anderen Seite steht, dass die SPÖ dazu keine klare Haltung hat, außer der: Da muss man halt ein Integrationspaket schnüren. Das ist natürlich richtig, aber Fakt ist, es gibt unglaublich viele Musliminnen, die selbst der Meinung sind, dass das Kopftuch ein patriarchales Unterdrückungsinstrument ist. Und diese Stimmen muss man endlich einmal hören.

MM: Das wird nicht getan?

Spreitzhofer: Die SPÖ, aber auch die Grünen, haben viel mehr Kontakt mit Vertretern, und jetzt sage ich nicht VertreterInnen, obwohl ich normalerweise gendere, aus islamischen Verbänden, aber nicht mit liberalen Musliminnen und Muslimen, die eine ganz andere Meinung dazu haben. Jetzt ist die große Aufregung, dass Seyran Ateş eine Einladung der FPÖ angenommen hat. Ich halte es auf der einen Seite für ganz falsch, vor denen zu reden, weil sie sich damit instrumentalisieren lässt, es muss da eine hygienische Grenze geben. Auf der anderen Seite muss man sagen: Die SPÖ hat Seyran Ateş meines Wissens noch nie eingeladen. Das ist das Problem. Man treibt solche Leute den Rechten in die Arme. Siehe auch Susanne Wiesinger, die auch erst gehört wird, seit sie sich mit rechteren Medien ins Bett gelegt hat.

MM: Hat Sie als sozusagen Systemfremde nie das Gefühl beschlichen, sie kümmern sich um Dinge, die Sie gar nichts angehen?

Spreitzhofer: Ich überlasse es auch nicht der katholischen Kirche, den sexuellen Missbrauch nicht aufzuklären, wie sie es seit Jahrzehnten tut, sondern finde, die Gesellschaft muss sich einmischen. Ich akzeptiere prinzipiell nicht, dass wir nicht darüber diskutieren können, wo wir uns als Gesellschaft hin entwickeln und welche Werte wir dabei vertreten. Ich bin natürlich für Religionsfreiheit, aber die darf niemals über Frauen- und Kinderrechten stehen. Ich halte viel von dem Satz: Das Private ist politisch. So bin ich aufgewachsen, und das gilt immer mehr. Vor nicht allzu langer Zeit, bis 1989!, war Vergewaltigung in der Ehe straffrei, da waren die Argumente: Kommt jetzt die Polizei ins Schlafzimmer? Wie soll man noch Sex haben? Das erinnert mich sehr an die #MeToo-Debatte, wo man jetzt angeblich nicht mehr weiß, wie man flirten soll.

MM: Und mit dem Kopftuch …?

Spreitzhofer: … ist es das Gleiche: Wenn jemand ihr Frauenbild öffentlich vor sich her trägt, dann reagiere ich darauf. Wenn Frauen sich ein Kopftuch aufsetzen und weite Gewänder anziehen, damit sie eben ihre Reize verhüllen, und wenn das zunimmt in einer Gesellschaft, wenn damit ein Frauenbild verbunden wird, das ich nicht für zeitgemäß halte, dann werde ich das doch hinterfragen dürfen. Egal, ob ich diese Religion habe oder nicht. Ich finde nicht, dass Atheistinnen und Atheisten weniger Rechte haben sollten, als religiöse Menschen.

MM: Sie haben vorhin von Ihrer Recherche gesprochen? Wie sind Sie vorgegangen? Wie sind Sie auf das Thema für Ihren Film gekommen?

Spreitzhofer: Auf das Thema bin ich sehr privat gekommen, als meine Töchter, die nun 18 und 20 sind, am Anfang der Pubertät waren. Ich saß in einer Gruppe von Eltern, und wir haben überlegt, was in den nächsten Jahren Arges auf uns zukommen wird: Schule schwänzen, Drogen, Rechtsradikal werden …, und ich sagte, das Schlimmste, das ich mir vorstellen könnte, wäre, wenn meine Töchter religiös werden und ein Kopftuch tragen würden. Alle, die mich als Atheistin und Feministin kennen, fanden das sehr lustig. So war die Idee zum Film geboren, denn wenn der Protagonistin das Schlimmste passiert, das sie sich vorstellen kann, dann ist das immer ein guter Ausgangspunkt für eine Komödie.

MM: Damals, 2016, war das Thema noch nicht so aufgeheizt.

Spreitzhofer: Es war am Beginn der großen Eskalation, und es war klar, dass man jetzt beginnen muss, das Thema filmisch anzugehen. Was mir Spaß gemacht hat, war es aus diesem liberalen Milieu heraus zu erzählen. „Monsieur Claude und seine Töchter“ hat es von der großbürgerlich-katholischen Seite abgehandelt, das fand ich sehr lustig, ich wollte aber in eine Lebenssituation, in die Patchwork-Familie gehen, die ich sehr gut kenne und die sich dafür sehr gut eignet. Was die Recherche betrifft: Ich bin immer sehr vergnügt, wenn ich in eine mir neue Welt eintauche, weil ich dann sehr offen bin für Zwischentöne. Ich habe mich mit einer schiitischen Hausmeisterin getroffen, mit einem Aleviten, mit dem Leiter der Deradikalisierungsstelle der Stadt Wien, und habe von jedem Tipps bekommen, mit wem ich noch reden könnte. Neben den Fakten habe ich versucht, Persönliches zu hören.

Wanda sucht Rat bei Hanife: Caroline Peters und Alev Irmak. Bild: © Mona Film

Ninas Vater versucht sich getarnt „bei den Muslimen“ einzuschleichen: Simon Schwarz mit David Oberkogler. Bild: © Mona Film

MM: Nämlich?

Spreitzhofer: Was die Leute am Lustigsten finden, was am Schlimmsten. Ich habe mich bemüht, ein möglichst großes Spektrum an Meinungen einzufangen. Über Anekdoten bekommt man einen guten Einblick in eine Gemeinschaft. Außerdem kann man solche Geschichten nie erfinden, die Realität ist immer absurder als das, was man sich ausdenken würde.

MM: Ganz blauäugig gefragt: Gibt es Konvertitinnen?

Spreitzhofer: Jede Menge. Nicht mehr so aktuell sind im Moment die Mädchen, die zum IS gefahren sind, ich erinnere mich da zum Beispiel noch an zwei dm-Lehrlinge mit 15, 16 Jahren, das hat ziemlich aufgehört, weil der IS jetzt anders rekrutiert. Und die, die konvertieren, sind halt oft fanatischer, wie bei vielen anderen Gelegenheiten, wo Leute, die neu in eine Gruppe kommen, und sich dort erst beweisen müssen, radikaler werden als die anderen sind.

MM: Die Figur Nina ist ja so. Würde ich das islamische Pendant kennen, müsste ich nicht sagen, sie ist päpstlicher als der Papst.

Spreitzhofer: Genau. Sie will zeigen, dass sie die Super-Muslima ist. Es gibt da aber auch eine Sinnsuche, ein Verzweifeln an komplexen Problemen, für die die Religion einfache Lösungen bietet. Obwohl mir von vielen Musliminnen und Muslimen versichert wurde, dass der Islam die strengste und komplizierteste Religion ist. Aber da, wo’s viele Regeln gibt, gibt es auch viele Wege sie zu umgehen. Für Nina ist das nicht so. Mir war es jedenfalls wichtig, dass die Muslime mit denen wir in der Moschee gedreht haben, auch im echten Leben muslimisch sind …

MM: Sie haben auch in einer Moschee gedreht?

Spreitzhofer: Wir haben eine nachgebaut, weil wir keine gefunden haben, in der wir drehen durften. Also, wie gesagt, wirkliche Muslime, ich wollte da keine Codes verletzen, mir war wichtig, dass die Komparsen Teil der muslimischen Religion sind, und da wurde es natürlich lustig, denn ich hatte 40 Auskenner am Set, die mir in den unterschiedlichsten Sprachen wertvolle Tipps geben wollten. Ich war da sehr offen, aber Tatsache war, dass sie sich in ihren Tipps sehr widersprochen haben, was meine Annahmen zum Thema Religion nur bestätigt hat.

MM: Ninas entsetzte Mutter heißt Wanda. So intellektuell, liberal, atheistisch sie ist, ist sie doch eine Missionarin für Ihre Weltanschauung.

Spreitzhofer: Natürlich. Wanda ist im Prinzip ich. Und ich bin durchaus ungeduldig, intolerant, besserwisserisch, muss allen für ihr Leben Tipps geben, und ich habe wie Wanda nicht nur immer das Gefühl, es gibt für alles eine Lösung, sondern: ich habe für alles eine Lösung. Gleichzeitig bin ich in einem Alter, in dem ich das immer mehr mit einem Augenzwinkern sehen kann, und deswegen kann ich das auch persiflieren. Es gibt da eine Szene, wo sich Wanda darüber aufregt, dass man eine Frau in einen Käfig gesperrt hat, dabei ist das eine Demonstration gegen das Tragen von Pelzen. Solche Momente, in denen man überschwappt, kenne ich gut. Wanda kann einfach nicht aufhören, die kann ihre Tochter nicht in Ruhe lassen.

MM: Welche Mutter kann das schon?

Spreitzhofer: Ich besonders schlecht, sagen meine Töchter. Die im Film übrigens mitspielen, und zwar sind sie in den Youtube-Videos zu sehen, die sich Wanda von Konvertitinnen ansieht. Das war für mich noch berührender, weil meine Töchter improvisiert haben, ich habe ihnen gesagt, was ich haben möchte, aber sie haben’s mit eigenen Worten aus ihrem eigenen Leben umgesetzt.

MM: Ihr Film endet damit, dass Frauensolidarität über allem steht. Das ist Ihre Vision?

Spreitzhofer: Ja. Viele Menschen, die ich kenne, sind fassungslos über die USA unter Trump, über den Rechtsruck in Europa, über das Wiederkehren vieler Dinge, die wir eigentlich überwunden glaubten, und plötzlich wird vieles wieder infrage gestellt. Das macht mich betroffen und auch ohnmächtig, ich will aber nicht, dass wir glauben, bestimmte Errungenschaften könnten so einfach wieder rückgängig gemacht werden. Für mich war die Frage, wie komme ich intelligent und komödiantisch aus dem Film raus. Es wäre ja nicht gegangen, dass die Nina kein Kopftuch mehr trägt und aus. Ich verrate jetzt nicht, wie’s ausgeht, aber ich finde, dass man am Ende von den Frauen und ihrem Zusammenhalt berührt ist. Der die radikalen Muslime und die Rechten, die sich ja in vielem ähnlich sind, auf einmal hinwegfegt.

MM: Da verschieben Sie die Fronten.

Spreitzhofer: Genau. Ich wurde unlängst bei einer Diskussion in Deutschland gefragt, was meine Lösung fürs Zusammenleben ist, und ich sagte: Bildung, Demokratie und Feminismus. Das wären die Dinge, die uns schon ganz gut weiterbringen würden, der Rest wird sich dann fügen.

MM: Sie haben einen wunderbaren Cast: Caroline Peters, Chantal Zitzenbacher, Duygu Arslan, Alev Irmak, die man vom aktionstheater ensemble, aber auch als Vorarlbergerische Gerichtsmedizinerin in den „CopStories“ kennt.

Spreitzhofer: Ich brauchte die beste Komödiantin, die man kriegen kann, und das ist einfach Caroline Peters. Sie fand das Drehbuch großartig, wir haben uns gut verstanden, damit war das eingetütet. Dann habe ich eine Familie rund um sie gebaut, habe überlegt, wer könnte mit ihr zusammenpassen. Als Simon Schwarz dazukam, haben Caroline und er beim Textlesen nur gelacht, also war das auch klar. Für die Nina wollte ich jemanden, der schon Dreherfahrung hat und mit den Erfahrenen mithalten kann, so kam Chantal dazu. Alev Irmak finde ich einfach seit den Umut-Dag-Filmen grandios. Ich finde es super, wie sie zwischen Österreichisch und Türkisch switcht. Und Duygu Arslan wurde mir von Eva Roth, meiner Casterin, vorgeschlagen, das ist ihr erster Kinofilm, und ich bin sehr glücklich mit ihr.

Wanda in der Deradikalisierungsstelle der Stadt Wien: Caroline Peters. Bild: © Mona Film

MM: Ihnen war auch wichtig, Schauspieler in anderen Rollen als den üblichen Klischees zu besetzen.

Spreitzhofer: Deshalb spielt zum Beispiel Mehmet Ali Salman alias Ali Capone, der Bösewicht aus den „Migrantigen“, bei mir einen Arzt. Der durfte bisher bevorzugt Taxifahrer spielen, dabei schauen so die Oberärzte heute doch aus.

MM: Welches Publikum wünschen Sie sich für Ihre Satire?

Spreitzhofer: So viel wie möglich. Ich habe bis jetzt Fernsehdrehbücher geschrieben, „Schnell ermittelt“ erfunden, und alles, was ich bis jetzt abgeliefert habe, ist im Fernsehen Tagessieger gewesen. Das heißt, ich bin schon publikumsverwöhnt.

Die Kritik zum Film: www.mottingers-meinung.at/?p=30834

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27. 11. 2018

Jüdisches Museum Wien: Genosse.Jude – Wir wollten nur das Paradies auf Erden

Dezember 4, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fruchtbarer Boden für eine Arbeiterbewegung

Parlament. Bild: Slg. Erich Klein

Ab 6. Dezember zeigt das Jüdische Museum Wien die Ausstellung „Genosse.Jude – Wir wollten nur das Paradies auf Erden“. „Alle Macht den Sowjets. Frieden, Land und Brot“. Für diese Devise begeisterten sich auch viele Juden. In Russland erhofften sie sich einen Bruch mit dem jahrhundertealten Antisemitismus des Zarenreichs. Die Strahlkraft der Revolution ging weit über die russischen Grenzen hinaus.

Weltweit und auch in Österreich begannen Juden für die Gleichstellung aller Menschen zu kämpfen. Sie alle träumten vom Paradies auf Erden. Dabei entstanden enge Beziehungen zwischen österreichischen und russischen Marxisten. Oft waren es jüdische Kommunisten, die zwischen diesen beiden Welten vermittelten. Diese Verbindungen auf diplomatischer, politischer, gesellschaftlicher und kultureller Ebene bilden den Ausgangspunkt für die Betrachtung der geschichtlichen Ereignisse beider Länder. Beginnend mit dem Exil Leo Trotzkis in Wien noch vor der Oktoberrevolution und endend mit dem Zerfall der Sowjetunion.

Viele bedeutende Vertreter der Arbeiterbewegung waren keine Juden. Ebenso waren die meisten Juden keine Revolutionäre, Sozialisten oder Kommunisten. Und dennoch trugen Juden und Jüdinnen, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, überproportional zur Entwicklung des Sozialismus bei. Dies zeigt sich bereits an den Gründerfiguren der Bewegung: Karl Marx, Moses Hess, Ferdinand Lassalle, Viktor Adler, Rosa Luxemburg und Leo Trotzki wurden zu Ikonen der internationalen Arbeiterbewegung. Ihre jüdische Herkunft wurde von den meisten nur am Rande thematisiert. Antisemitismus war für sie ein Symptom des Kapitalismus und würde in einer klassenlosen Gesellschaft nicht mehr existieren. Mit dem Untergang des Kapitalismus würden auch Juden sich völlig assimilieren.

Heimkehrerplakat. Bild: DÖW

Filmplakat „Jüdisches Glück“. Bild: Neboltai Collection!

Auf besonders fruchtbaren Boden stieß die revolutionäre Arbeiterbewegung in Osteuropa. Im zaristischen Russland lebten mehr als fünf Millionen Juden in den westlichen Provinzen. Ihr Leben war von ökonomischem Elend, restriktiven Gesetzen und Pogromen bestimmt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts organisierten sich politisch aktive Juden in den verschiedenen Teilen und Fraktionen der Arbeiterbewegung. Vom zaristischen Regime wurden Revolutionäre verfolgt, verhaftet und nach Sibirien in die Verbannung verschickt. Einige flüchteten über die österreichisch-russische Grenze in den Westen. Neben Zürich, Paris und Berlin war Wien ein wichtiger Zufluchtsort.

Einer der prominentesten politischen Flüchtlinge war Leo Trotzki, der sich mit kurzen Unterbrechungen von 1907 bis 1914 in der Kaiserstadt aufhielt. In Zusammenarbeit mit Adolf Joffe gab er in Wien die Prawda in russischer Sprache heraus, die über die galizische Grenze oder das Schwarze Meer nach Russland geschmuggelt wurde, um so die Revolution in Russland vorzubereiten. Im Café Central traf er mit den führenden Vertretern der österreichischen Sozialdemokratie zusammen: Otto Bauer, Max Adler und Karl Renner. Als er nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Wien überstürzt verlassen musste, war es Viktor Adler, der ihm 300 Kronen für die Flucht aus Österreich lieh. Zurück in Wien blieben Trotzkis Bibliothek und sein umfangreiches Archiv. Er selbst flüchtete mit seiner Familie über die Schweiz, Frankreich und Spanien in die USA. Nach dem Sturz des Zarenregimes kehrte er im Mai 1917 nach Russland zurück, um gemeinsam mit Lenin die Revolution zu vollenden.

Weltkampftag der Kommunisten. Bild: ÖNB

Als „10 Tage, die die Welt erschütterten“, nach dem Roman des amerikanischen Journalisten John Reed, ging die Oktoberrevolution in die Weltgeschichte ein. Die ganze Welt blickte auf Russland. Die Idee einer gerechten Welt erweckte vielerorts große Erwartungen. Der bewusste Bruch Sowjetrusslands mit dem Antisemitismus des Zarenreichs weckte bei vielen Juden und Jüdinnen enorme Hoffnungen. Vor allem die junge Generation engagierte sich für den neuen Staat.

Von Beginn an nahmen jüdische Genossinnen und Genossen wichtige Positionen in der KPÖ ein, andere leisteten Parteiarbeit im Hintergrund. Manche wie Malke Schorr fanden über die zionistische Arbeiterbewegung Poale Zion den Weg zur kommunistischen Partei. Sie wurde zur Leiterin der Österreichischen Roten Hilfe, die politische Flüchtlinge und deren Angehörige unterstützte. Auch die in der Bukowina geborene Prive Friedjung schloss sich zunächst der Poale Zion an, bevor sie Mitglied der kommunistischen Partei wurde. Religion spielte im Leben der jüdischen Kommunisten meist keine Rolle. Viele besiegelten dies mit dem Austritt aus der Israelitischen Kultusgemeinde. Manche wie Bruno Frei, die aus traditionellen jüdischen Familien stammten, blieben dem Judentum trotz kommunistischer Gesinnung ihr ganzes Leben lang treu.

In den 1930er-Jahren verschärfte sich in der Sowjetunion das gesellschaftliche und politische Klima. Rund um Stalin entwickelte sich ein Personenkult, der groteske Ausmaße annahm. Zahlreiche Sowjetbürger gerieten in die Fänge des Sicherheitsdienstes NKWD, weil sie sich vor der Oktoberrevolution in anderen Parteien organisiert hatten, weil sie Kontakte ins Ausland unterhielten oder weil sie im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten. Besonders gefährdet waren Personen, die im Verdacht standen, Trotzkisten zu sein. Zwar war die stalinistische Kampagne gegen „Abweichler“, „Andersdenkende“, reale und vermeintliche politische Gegner nicht von einer expliziten antisemitischen Propaganda begleitet. Doch waren viele sowjetische Juden vor 1917 im Bund oder in anderen jüdischen Arbeiterbewegungen engagiert gewesen, etliche hatten familiäre Beziehungen ins Ausland. Allein aus diesen Gründen fielen sie häufig den Repressionen zum Opfer.

Poale Zion-Fahne. Copyright: Yad Tabenkin. Bild: Sebastian Gansrigler

Mit dem Angriff Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion wurden alle Kräfte für die Verteidigung des Landes mobilisiert und daher auch aus taktischen Gründen die politischen Repressionen zum Teil zurückgefahren. Die bedeutendsten sowjetischen Künstler und Schriftsteller, unter ihnen viele Juden wie El Lissitzky, Boris Jefimow, Alexander Labas, Ossip Brik, Ilja Ehrenburg und Samuil Marschak, stellten sich in den Dienst der sowjetischen Kriegspropaganda.

Während die polnischen Juden ihre Heimat nicht freiwillig verließen, sondern aus ihren Ämtern entlassen und verjagt wurden, entschieden sich einige sowjetische Juden bewusst für die Auswanderung. Diese Möglichkeit stand ihnen als einziger nationalen Gruppe offen, ein Privileg, das gleichzeitig auch zum Makel wurde. Nach Jahrzehnten der kommunistischen Erziehung ohne Bindung an Religion und nationale Herkunft machten sich viele Anfang der 1970er-Jahre auf die Suche nach ihrer verlorenen jüdischen Kultur und Tradition …

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4. 12. 2017

Julian Pölsler im Gespräch über „Wir töten Stella“

September 26, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Art „Tatort“-Dramatik wollte er nicht

Regisseur und Drehbuchautor Julian Pölsler am Set der „Wir töten Stella“-Dreharbeiten. Bild: ©Thimfilm / Dieter Nagl

Mit „Wir töten Stella“ kommt am 29. September die zweite Verfilmung eines Marlen-Haushofer-Stoffs durch Julian Pölsler in die österreichischen Kinos. In ihrer Novelle erzählt die oberösterreichische Autorin von der Studentin Stella, unerfahren und jung, und wie sie ahnungslos ihrem Untergang entgegengeht. Sie wird für ein Studienjahr „Logiergast“ in einer mit ihren Eltern befreundeten Familie. Hausherr Richard verführt sie, seine Frau Anna beobachtet die Affäre mit kühlem Blick.

Stella wird das Opfer einer kaputten, bürgerlichen Familienidylle, die mit allen Mitteln aufrechterhalten werden muss. Annas Niederschrift der eigenen Mitschuld ist die beklemmende Bestandsaufnahme einer einsamen Antiheldin, Ehefrau und Mutter. Es spielen Martina Gedeck, Matthias Brandt, Mala Emde und Julius Haag. Julian Pölsler im Gespräch:

MM: Was finden Sie an Marlen Haushofer, dass Sie nach „Die Wand“ mit „Wir töten Stella“ schon den zweiten Text von ihr verfilmen?

Julian Pölsler: Das suche ich mir ja nicht aus, die Stoffe suchen sich mich aus – anscheinend. Was mir zum einen gefällt ist die Sprache, das ist große österreichische Literatur, zum anderen finde ich die Frauenthematik spannend. Das ist eine Welt, die mir fremd ist, und ich habe es gerne, wenn ich im Kino in solche Welten versetzt werden. Im Übrigen sind es eigentlich drei Ich-Erzählungen, die zusammengehören: „Die Wand“ ist der dritte, „Wir töten Stella“ ist der zweite und „Die Mansarde“ ist der erste.

MM: Sie haben Ihren Film in einer unbestimmten Jetztzeit angesiedelt; die Novelle ist aus dem Jahr 1958. Damals war „Wir töten Stella“ zweifellos ein gewagter Titel. Hat das Moralapostel auf den Plan gerufen?

Pölsler: Ja, freilich, viele Apostel. Weil viele gemeint haben, die Thematik sei überholt, was ich bis heute nicht finde, das Thema ist aktueller denn je. Außerdem gab es Aufregung, weil eine Frau die „Heldin“ ist, die so passiv ist. Man ist ja bemüht, Bilder von Frauen zu zeigen, die sehr aktiv sind; ich finde Haushofer berichtet darüber, wie Frauen die dehnbaren Wände die sie seit Jahrhunderten umgeben, durchbrechen. Darum ist es mir im Film auch gegangen. Ich bin nicht für die vordergründige, emanzipatorisch-kämpferische Art, die Weise, die die Haushofer gewählt hat, ist leiser – und nachhaltiger vor allem. Darum ist der Stoff auch noch immer aktuell.

MM: Die Figuren im Film sind im Wortsinn sprachlos, dafür gibt es einen ausführlich Off-Text, bei dem Sie ganz bei Haushofer geblieben sind, bei dieser poetischen und brutalen Sprache.

Pölsler: Das war mir wichtig. Das habe ich bei der „Wand“ schon gemacht, und das habe ich auch bei der „Mansarde“ vor. Ich finde die Stilistik sehr wichtig. Wenn man „Stella“ aufmerksam liest, merkt man, wie sich Haushofers sprachliche Stilmittel durch ihre Arbeiten ziehen. Das umzusetzen, darauf muss man in den Filmen wert legen.

MM: Anna, die Figur, die Martina Gedeck spielt, gibt die Temperatur des Films vor?

Pölsler: Ja, allerdings, das ist die Protagonistin. Das Spannende ist, dass sie so passiv ist, dass sie alles über sich ergehen lässt – anscheinend, aber sie ist die einzige, die aus dem Drama ihre Lehren zieht und diesen Bericht schreibt, den sie uns dann mitteilt. Damit wir vielleicht nicht die Fehler machen, die sie gemacht hat. Deshalb hält sie das alles fest.

MM: Es ist das zweite Mal, dass Martina Gedeck Haushofer spielt. War es einfach, Sie zu diesem Dreh zu bitten?

Pölsler: Ja, sie hat ja von Anfang an gewusst, dass es drei Teile sind. Während der „Wand“ habe ich ihr schon erzählt von der Trilogie, deshalb war sie schon vorbereitet. Wir können beruflich gut miteinander. Sie ist eine ganz tolle Schauspielerin, und es ist spannend mit ihr zu arbeiten. Das Problem bei Martina Gedeck ist, dass sie so viel beschäftigt ist, und da ist es nicht leicht, einen Termin zu finden, an dem sie Zeit hat. Aber wir haben es geschafft.

MM: Und „Die Mansarde“ werden Sie auch gemeinsam machen?

Pölsler: An und für sich ja. Aber jetzt arbeite ich einmal an einem Christine-Lavant-Stoff und dann an einem Robert-Seethaler-Stoff, und dann ist es Zeit für den Abschluss der Haushofer-Trilogie.

Anna schreibt ihre Lebensbeichte auf: Martina Gedeck. Bild: © Thimfilm

Matthias Brandt als Familienvater Richard: ein gefährliches Raubtier mit jovialem Auftreten. Bild: © Thimfilm

Mala Emde spielt die Stella mit hoher Intensität. Bild: © Thimfilm

MM: Während dieser ganzen Handlung, auch angesichts dieser Mitleidlosigkeit, die Anna zweifellos hat, dachte ich mir: Das sind so gutsituierte Leute, die ein Spiel spielen, dass sie nicht verlieren können.

Pölsler: Die verlieren schon auch, und was da passiert, ist, glaube ich, auch kein Phänomen der besseren Gesellschaft. So etwas kann es durch alle Schichten geben, nur würde es dort eben anders verhandelt werden.

MM: In der Novelle ist Anna mehr „Haustrampel“, eine bessere Dienstbotin des Gatten …

Pölsler: Ich habe die Figur moderner gemacht, aber nichtsdestotrotz die Problematik eins zu eins beibehalten.

MM: Stella wiederum ist der ungewünschte Eindringling, die sich mit dem Stehsatz „Störe ich?“ permanent für ihre Existenz entschuldigt. Sie wird von Mala Emde dargestellt. Wie sind Sie auf sie gekommen?

Pölsler: Ich wollte eigentlich eine Österreicherin für die Stella haben, habe auch ein paar gecastet, aber die richtige war nicht dabei. Mala Emde hat mich aufgrund ihrer starken Persönlichkeit überzeugt, die sie aber auch zurückfahren kann, wenn es erforderlich ist. Was sie im Film über Strecken muss, weil Stella, genauso wie Anna, durch Passivität gekennzeichnet ist. Sie spricht ja auch kaum. Das arme Mädel tut nichts schlimmes, außer, dass sie sich verliebt – und daraus entsteht größtes Unglück. Da stolpern lauter Menschen in Dinge, für die sie nichts können. Aber auch Richard, Annas Ehemann und Stellas Verführer oder Vergewaltiger, kann nichts dafür. Bei der Frau, die der hat …

MM: Das ist die männliche Perspektive.

Pölsler: Nein, das ist Haushofer, die Figuren zeigt, die nicht die Kraft aufbringen, die Wand, die sie einengt zu durchschlagen. Allen voran natürlich Anna.

MM: Wie sehr spricht Haushofer in ihren Texten von Emanzipation?

Pölsler: Sehr stark, nur auf eine sehr stille, subtile Art. Sie ist nicht umsonst eine Gallionsfigur der Frauenemanzipation geworden, und dann der Frauenbewegung der 1980er-Jahre, als man sie wiederentdeckt hat.

MM: Wie’s mit Stella endet, ist von Anfang an klar, denn Sie beginnen mit einem starken Bild: Die Kamera umkreist den Leichnam, zeigt auf der einen Seite ein schönes, auf der anderen Seite ein bis zum Skelett entstelltes Gesicht. Ein Memento mori?

Pölsler: Ja, weil Tod und Leben so eng bei einander liegen, und weil wir das so gerne vergessen. Man muss immer daran denken, dass der Tod zum Leben gehört.

MM: Sie haben für die Frauenfiguren und für den Film generell ein „Farbleitsystem“ entwickelt. Alles, was Martin Gedeck betrifft, ist in Blautönen gehalten, Mala Emde durchkreuzt diese Farbe mit ihren roten Kleidern; die Stadt ist blass, das Salzkammergut strahlend und farbintensiv.

Pölsler: Nicht das Salzkammergut, die Natur. Ich habe das auch mit dem Garten von Annas und Richards Haus gemacht, aber Anna geht ja nie in den Garten hinaus, sie steht immer nur am Fenster. Was die Frauen betrifft, haben Sie recht. Das hat mehrere Gründe. Zum einen steht Martina Gedeck die Farbe Blau sehr, und es passt auch zu Anna – was Kühles, Distanziertes. Die Farben habe ich eigentlich aus der Haushofer übernommen, bei ihr stürzt Stella in ihrem roten Mantel in einen gelben LKW. Den habe ich auch, ich habe mich brav an die Haushofer gehalten.

Julian Pölsler hinter der Kamera … Bild: ©Thimfilm / Dieter Nagl

… und mit Martina Gedeck. Bild: ©Thimfilm / Dieter Nagl

MM: Und diese schön fotografierte Natur, mit der docken Sie an der „Wand“ an?

Pölsler: Ja, das ist etwas, das ich übernommen habe. Sie sagen „andocken“, ich sage, ich habe mich stilistisch angenähert.

MM: Richard wird gespielt von Matthias Brandt. Mir fiel dazu ein: das Raubtier mit der randlosen Brille. Nun sagen Sie, er kann nichts dafür.

Pölsler: Natürlich kann er was dafür, aber er ist auch ein Opfer. Seine Schuld liegt darin, dass er es sich praktisch eingerichtet hat. Er hat eine herzeigbare, fesche Frau, gutgeratene Kinder und Geliebte, wann er immer er will. Er ist erfolgreich im Beruf. Warum sollte der etwas an seinem Leben ändern wollen? Dass ihm dann so ein halbes Kind in die Quere kommt, ist ungeplant und daher blöd.

MM: Das Fremdgehen, die Abtreibung, alle diese Momente höchster Dramatik finden nicht statt. Haushofer und Sie erzählen die Geschichte über den Rahmen. Literatur ist das eine, aber ist es für einen Film nicht besser, Tragik und Drastisches zu zeigen?

Pölsler: Diese Art Dramatik, die man in jedem „Tatort“ sieht, das wollte ich nicht. Ich will innere Dramatik zeigen, und wie sie diese beiden Frauen auffrisst. Wenn man sieht, wie es in den Nahaufnahmen im Gesicht von Martina Gedeck arbeitet, dann ist das nicht nur große Schauspielkunst, sondern sagt auf subtile Art auch mehr aus, als wenn ich die Sensationslust bedient hätte. Anna braucht das nicht, die ist eine starke Frau.

MM: Anna hat sozusagen ein freies Wochenende, Mann und Kinder sind weg, an dem sie diese Lebensbeichte niederschreibt. Wie kann es mit dieser Ehe weitergehen?

Pölsler: Das schreibe ich im Abspann des Films, also beantwortet sich die Frage für alle, die sich den Film bis zu Ende anschauen.

MM: Der Sohn des Hauses muss sich mit dem Troja-Mythos beschäftigen, und er tut es via eines Videos, in dem Christa Wolf „Kassandra“ liest. Woher kam diese Idee?

Pölsler: Ich bin ein großer Verehrer von Christa Wolf, und daher war das eine freie Assoziation. Ich finde das Video spannender, als wenn der Sohn nur in einem Buch geblättert und mit der Mutter darüber gesprochen hätte. Die Kassandra habe ich aus der Haushofer-Erzählung übernommen, denn dieser Bub soll bei einer Schultheateraufführung den Achilles spielen, doch der ist ihm zu angeberisch, und er sagt, er möchte lieber Kassandra sein. Und so bin ich auf die Christa Wolf gekommen. In ihrer „Kassandra“ gibt es den Wahnsinnssatz: Immer noch die Frage, aus welchen Stoff die Stricke sind, die uns ans Leben binden.

MM: Schon wieder ein emanzipatorischer Text. Sie sind Feminist.

Pölsler: Ja, es ist schrecklich mit mir. (Er lacht.)

MM: Julius Hagg spielt den Sohn, ein sehr feinnerviger Schauspieler, der etwas ganz Zartes hat.

Pölsler: Er ist großartig. Ich habe ihn Julia Stemberger und Fanny Altenburger zu verdanken. Er kam zum Casting, stellte sich vor und sagte den ersten Satz, und ich wusste: das ist er. „Zart“ ist er nur im Film, das spielt er nur, in Wirklichkeit ist er ein Macho.

MM: Ich unterstelle, Sie arbeiten mit Ihrer Trilogie an einer Haushofer-Wiederentdeckung?

Pölsler: Wiederentdeckung ist zu viel. Sagen wir so: Ich will im Bewusstsein der Öffentlichkeit halten, dass es hier eine erstklassige Schriftstellerin aus Oberösterreich gibt, deren Texte immer lesenswert sind. Das ist mir ein Anliegen. 

www.stella-derfilm.at

Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26303

  1. 9. 2017

Wir töten Stella

September 26, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Martina Gedeck brilliert in der Haushofer-Verfilmung

Anna hat zwei Tage Zeit für ihre Lebensbeichte: Martina Gedeck spielt nach „Die Wand“ zum zweiten Mal Haushofer. Bild: © Thimfilm

Ein starkes Bild. Die Kamera umkreist einen Leichnam in der Prosektur. Umrundet das schöne, klare, in sich ruhende Gesicht einer jungen Frau, wechselt auf die andere Seite und – zeigt eine bis zu den bloßliegenden Zähnen entfleischte Fratze. Ein starkes Bild. Ein Memento mori. Die junge Frau ist vor ein Fahrzeug gelaufen.

„Wir töten Stella“ heißt der neue Film von Regisseur Julian Pölsler, der am 29. September in den österreichischen Kinos anläuft. Bis dato galt Marlen Haushofers 60-Seiten-Novelle als schwer verfilmbar, wird alles Geschehen doch einzig aus der Innenschau einer der Figuren erzählt. Doch der Haushofer-erfahrene Pölsler, der 2012 bereits mit dem dystopischen Heimatfilm „Die Wand“ reüssierte, schuf nun mit „Wir töten Stella“ eine Art Prequel, jedenfalls den zweiten Teil der von ihm geplanten Haushofer-Trilogie, die mit „Die Mansarde“ der legendären oberösterreichischen Autorin vollendet werden soll. Als Protagonistin steht ihm auch diesmal die großartige Martina Gedeck zur Seite. Sie spielt Anna, Ehefrau und Mutter, die an Stellas Freitod nicht unschuldig ist, und der ihr Leben entzweischlagen wird.

„Ich bin allein.“ Das ist Annas erster Satz, das heißt: eigentlich erster Gedanke, und er gilt für ihre gesamte Existenz. In zwei schlaflosen Tagen und Nächten, Ehemann Richard und die Kinder sind an diesem Wochenende außer Haus, verfasst Anna eine Lebensbeichte. Für zehn Monate hat die Familie die Studentin Stella bei sich aufgenommen. Doch die Welt des Rechtsanwaltsclans verträgt keine Eindringlinge, nicht einmal selbst eingeladene. Stella, die zurückhaltende, schüchterne junge Frau, ist eine Störung, die das exakt austarierte Familienkonstrukt aus den Fugen bringt. Doch ist sie auch von genau der naiven Sexyness, die Richard anzieht. Und so dauert es nicht lange, bis ihm Stella in den Schoß fällt …

Pölsler, spätestens seit den „Polt“-Filmen als Meister der Entschleunigung bekannt, lässt der Story Zeit, sich zu entwickeln. Gesprochen wird wenig, in dieser verstörenden Familienaufstellung hat man einander ohnedies nicht mehr viel zu sagen. Die Sätze, die durch Mark und Bein gehen, Haushofers Sprache, so brutal wie poetisch, so hart und messerscharf, und von Pölsler in maximaler Texttreue übernommen, gehören der Gedeck; sie sind ihre Gedanken, ihre Niederschrift, und sie spricht sie aus dem Off. Der Rest ist lautes Schweigen. Es ist die Figur der Anna, die die Temperatur des Films vorgibt.

Pölsler hat die Novelle aus dem Veröffentlichungsjahr 1958 geschält, und den Film in einem unbestimmten Jetzt angesiedelt. Anna, bei Haushofer noch deutlich mehr „Haustrampel“ als Richards angetraute Dienstbotin, wird in der Darstellung der Gedeck zur unterkühlten, sich von ihrer Umgebung distanzierenden Wohlstandsdame. Alles, was sie tut, ist, aus einem der zahlreichen Zimmer ihrer Villa in den Garten zu sinnieren. Selbst als dort unter enervierend eindringlichem Piepsen ein Amselküken stirbt, kann sie sich nicht aufraffen aus ihrem goldenen Käfig ins Freie zu treten und zu helfen. Mit Richard führt sie eine „postzynistische“ Ehe, was bedeutet, dass man sich offenbar schon alles, was irgend möglich war, an den Kopf geworfen hat, die Lieblosigkeit, die Reserviertheit, die Seitensprünge – und dann zum gemeinsamen Rotweintrinken zurückgekehrt ist.

„Wir töten Stella“ ist ein spröder Film, der dem Betrachter keinen Rettungsring zuwirft, weder findet sich eine sympathische Figur (am ehesten noch Julius Hagg als Sohn Wolfgang) noch eine entlastende Situation. Jeder ist hier in seinen Zwängen gefangen, ohne Ausweg, und daher ohne Mitleid. Ein Aufatmen? Unmöglich. Pölslers Film ist so ruhig wie gnadenlos.

Anna kerkert sich in ihrem Haus ein …: Martina Gedeck. Bild: © Thimfilm

… und beobachtet ihre Konkurrentin Stella: Mala Emde. Bild: © Thimfilm

Die Beziehung mit Stella lässt sich an, wie ein Spiel, das reiche Leute beginnen, und das sie nie verlieren werden, weil nur sie die Regeln kennen. Die stille, ihrer Sprache wie beraubte Stella spielt Mala Emde sehr intensiv. Zwar sehr zurückgenommen, aber gerade darum mit noch mehr Tiefe. Emde hat ihre Figur bis zum Grund ausgelotet, und verleiht ihrer Rolle eine Art verwehter Todeseleganz.

Ihre Stella, ausgestattet mit der Unterwerfungsfrage „Tschuldigung, störe ich?“, begeht den kapitalen Fehler. Sie unterläuft, sobald von ihm abserviert, Richards Fremdgehsystem. Und plötzlich sind da Gefühle, Tränen, Verzweiflung, und weder Richard noch Anna wollen das: den inneren Aufruhr unter ihrer glatten Oberflächenwelt.

„Jeder Mensch trägt sein Gesetz in sich, und es sind ihm Grenzen gezogen, die er nicht überschreiten kann, ohne sich zu zerstören“, sagt/denkt Anna. Haushofer, deren Thema in jeder Umschreibung die Emanzipation war, weiß, dass zur Selbstbehauptung manchmal auch die Selbstzerstörung zählt. Pölsler macht die Verschiedenheit seiner Protagonistinnen auch in Farben deutlich: Wo Gedecks Anna ist, sind alle Nuancen von einem Todesengelblau, so auch von Haushofer vorgegeben, durchbrochen von Mala Emdes Stella in ausschließlich roten Kleidern. Die hat ihr Anna gekauft, ohne dass die Kindfrau ahnte, was dieses Rot bedeutet … Brüche nehmen Pölsler und Szenenbildner Enid Löser auch filmisch vor, mit schonungslosen Nahaufnahmen von atemraubender Intensität, immer wieder kehrenden Albtraumsequenzen, und allerlei anderen rätselhaften Bildern. Mehrmals im Film kämpfen Anna und Stella gegen eine Wand, das Gesicht und die Hände zeichnen sich in einer durchsichtigen Plastikmembrane ab, doch für Frauen gibt es hier kein Durchkommen.

Während in der Stadt alles wirkt, als hätte man ihr die Farbe entzogen, strahlt bei Ausflügen die Natur in frischestem, mit Haus und Hund und Bauersfrau auf „Die Wand“ querverweisenden Grün. Pölsler hat sich alles Reißerische verboten. Er spart das Drama aus, er lässt es hinter den Kulissen, und bleibt in der Position der Anna. Der Liebesakt, die Abtreibung, die Stella darob vornehmen lässt, ihr Suizid, finden im Film nicht statt. Die tödlichen Zumutungen, die Depression und die Demütigungen, all das schildert ausschließlich Anna. Und auch sie oft nur zwischen den Zeilen.

Pölsler macht zum psychologischen Kammerspiel, was ebensogut ein „Krimi“ hätte werden können. Er folgt ganz und gar der Haushofer und der Gedeck. Wie sie ihre Kakteen hegt und pflegt. Statt ihrer Mitmenschen. In der Sache Stella bleibt sie eine vom Rand her Beobachtende, als wäre ihr die ganze Angelegenheit zu unwichtig, um einzugreifen, und damit vielleicht Stellas Leben zu retten. Vielleicht gefiel sich die in ihrer Ehe ohnmächtige Anna aber auch darin, durch ihre heimtückisch eingesetzte Passivität den „Jungvogel“ zu vernichten.

Studentin und Untermieterin Stella hat bald ein Verhältnis mit dem Hausherrn: Mala Emde und Matthias Brandt als Richard. Bild: © Thimfilm

Für den sensiblen Sohn Wolfgang wird die Situation immer unerträglicher: Julius Hagg. Bild: © Thimfilm

Denn es ist ihr von Beginn an und aus eigener Erfahrung klar, dass Stella gegen Richard nicht bestehen wird können. Stella bleibt sogar in ihrem Sterben zurückhaltend und rücksichtsvoll. Als sie tot ist und Anna ihre Leiche identifiziert, gibt es keinen Eklat, ist doch endlich die Ordnung wiederhergestellt: „Stella war tot, und eine große Erleichterung überfiel mich.“

Den Täter, Richard, gibt Matthias Brandt als Gewaltmenschen und Lebemann, den Anna in ihrer Aufzeichnung einen „gütigen Mörder“ nennt. Brandt gestaltet die Figur als Raubtier mit randloser Brille, als Egomanen, dem sein Ich über alles geht, als Workaholic auch, der daheim sofort demonstrativ hinter den rosa Seiten der Financial Times verschwindet. Brandt illustriert Richards Dominanzverhalten mit einem Minimum an Gestik und Mimik.

Wendet sich Richard schließlich seiner Familie zu, ist er in seiner aufgesetzten Jovialität beinah furchteinflößend. Dass er Stella lange Zeit mit nonchalanter Ablehnung begegnet, ist klar, das geschieht zur Ablenkung. Eine wunderbare Performance ist auch die von Julius Hagg als Sohn Wolfgang, der, von der Mutter liebkost, vom Vater ignoriert, seinen Platz und seinen Stellenwert in dieser Gesellschaft nicht findet, und innerlich längst auf der Flucht vor diesem Dasein ist. Im Schultheater will der sensible, feinnervige junge Mann nicht den arroganten Achill spielen, sondern lieber die kluge Kassandra. Er hat auf dem Laptop eine Christa-Wolf-Lesung gespeichert, und als die Mutter danach sucht und herumstöbert, findet sie nicht nur grauenhafte Unfallvideos, sondern auch heraus, dass Wolfgang das komplette Haus mit Kameras bestückt und sie alle überwacht hat. Erst diese Aufnahmen führen Anna auf die Fährte dessen, was wirklich unter ihrem Dach passiert ist …

„Wir töten Stella“ erzählt von einem patriarchalen Machtapparat, der seine Unterdrückten gerade so viel hätschelt, wie er sie als Systemerhalter braucht. Deren Duldungsstarre ist dabei in Privattyrannei so obligatorisch wie in jeder Diktatur. Niemand sieht das und schreibt das klarer auf, als Anna, die Chronistin ihres eigenen Untergangs – Martina Gedeck einmal mehr als schauspielerische Ausnahmeerscheinung. „Jeder von uns ist sein eigener Teufel, und wir machen uns diese Welt zur Hölle“, sagte Oscar Wilde einmal. Mit „Wir töten Stella“ erweist sich Julian Pölsler nicht nur als fabelhafter Filmemacher, sondern auch als Feminist. Sein Film ist, darüber hinaus, das beklemmende Sezieren einer Familienangelegenheit zu sein, eine beunruhigende Bestandsaufnahme der Gesellschaft. Mit dem Fazit, dass sich im Mann-Frau-Verhältnis seit 60 Jahren wenig verändert hat. Einmal fragt Anna ihren Mann, warum er an ihr in einer freudlosen Ehe festhalte. „Weil du mir gehörst“, lautet darauf einer der schrecklichen Sätze Richards.

www.stella-derfilm.at

Regisseur Julian Pölsler im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=26318

  1. 9. 2017