aktionstheater ensemble online: Immersion. Wir verschwinden

April 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Was könnte Sie noch interessieren?

Selbstironische Selbstdarsteller: Michaela Bilgerin, Andreas Jähnert und Martin Hemmer betreiben berufsbedingt Trauerbewältigung. Bild: ®Apollonia Bitzan

In seinem Bemühen zu „Streamen gegen die Einsamkeit“ zeigt das aktionstheater ensemble auf seiner Webseite aktionstheater.at nach „Heile Mich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39260) noch bis heute Mitternacht die Produktion „Immersion. Wir verschwinden“. Morgen ab 10 Uhr folgt, als Online-Ersatz zum Gastspiel beim Heidelberger Stückemarkt, „Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33672).

Immersion, so weiß es die Fachliteratur, beschreibt den durch eine Virtuelle Realität hervorgerufenen Effekt, das menschliche Bewusstsein durch illusorische Stimuli so weit auszuschalten, bis die VR als real empfunden wird. Mit anderen Worten: Selbst- durch Vortäuschung. Genau das führt Martin Grubers schnelle gesellschafts- politische Eingreiftruppe, diesmal bestehend aus Michaela Bilgeri, Martin Hemmer, Andreas Jähnert, Sonja Romei und Kristian Musser, in ihrer ersten Performance nach dem Nestroy-Preis auch vor.

Nämlich zuerst einmal sich selbst, die Protagonistinnen und Protagonisten eindeutig punziert als Exponenten dieses eitlen, traurigen, tollen Berufs „Künstler“, und 70 Minuten lang beobachten man deren ae-typischen, perfekt synchronisierten Danse macabre raus aus jedweder Logi- wie Faktizität. Dies durchaus nicht thesenreich theoretisierend, vielmehr temperamentvoll, redeschwallend, expressiv – und mit Musser-Musik, zu der Sonja Romei in Stimmlage Lachmöwe ihren Shalalala-Ohrgasmus singt.

In Form kleiner beiger Bodenplatten liegt, von der Bilgeri folgerichtig zum „Himmel und Hölle“-Hüpfen benutzt, der Frust herum, die Spielfelder gleich den Kreuzwegstationen des Selbstwertgefühls. Gegens Abgeschasselt-Werden und Ausgeschlossen-Fühlen, gegens Sich-Selbst-Abhandenkommen und soziale Abstiegsangst hilft am ehesten die Selbstdarstellung. Eine Disziplin, sollt‘ man meinen, die dem Schauspielerdasein inne ist, aber ach!

Hemmer, Jähnert, Bilgeri, hi: Sonja Romei und Kristian Musser. Bild: Gerhard Breitwieser

Andreas Jähnert, hinten: Romei, Hemmer, Musser und Bilgeri. Bild: Michael Grössinger

Sonja Romei bei ihrem Shalalala-Ohrgasmus. Bild: Screenshot aktionstheater ensemble

Durchsynchronisierter Danse macabre: Musser, Hemmer und Bilgeri. Bild: Gerhard Breitwieser

Wenn Andreas Jähnert als hoffnungsloser Lyriker ob seines auf einer VIP-Hochzeit verlesenen Poems nicht nur vom Sitznachbarn namens ausgerechnet Langenscheidt veralbert, sondern sich danach – im Gegensatz zu Veronica Ferres und Ehemann Carsten Maschmeyer – weder in der Bunten abgebildet noch in der FAZ erwähnt findet, dann kann man sich schon als Verlierer im Wettstreit um die Mediengunst fühlen.

Ist die Handschüttel-Gelegenheit erst mal verpasst, hilft auch kein Namedropping der prominenten Bekanntschaften, dazu Bilgeri hinreißend gelangweilt und lapidar: „Kenn‘ ich nicht, kenn‘ ich auch nicht …“, und in der Art wird die Jähnert-Figur nicht die einzige bleiben, die sich ans Celebrity-Leben diverser Instagram-Heros klammert. Drüben ist das Gras eben immer glamouröser.

Kollegenneid ist was Un-, bezüglich Spaßfaktor aber natürlich etwas Feines, Michaela Bilgeri echauffiert sich grün vor Eifersucht auf eine sexy(stische) Spaziergängerin in einem dümmlichen Werbefilmchen – „46.000 Shares! Ist die überhaupt Schauspielerin?“, bis ihr Haardutt w. o. gibt. Man muss sich halt engagieren fürs Engagement! Sogar wenn man sich wie Martin Hemmer, um bei Himalaya-Dreharbeiten für einen potenziellen Blockbuster dabeizusein, statt from Austria als Australier ausgeben muss, doch herrje, als sich die Story als von einem Freund „geborgt“ entpuppt, geht die Sache im Wortsinn in die Hose.

Immer mehr verspinnen sich die vom Trio verkörperten Aufmerksamkeitsdefizitler in Sprach- und weitere Verwirrungen, in ihr als solches empfundenes Unglück, und für den Betrachter ist ihr „Versuchen, Scheitern, noch beschämender Scheitern“ zum Kaputtspötteln ernst. Wie stets balanciert der Martin-Gruber’sche Trupp auf dem schmalen Grat zwischen Tragi- und -komödie, nach dem Motto: Humor ist, was man mit Trotz verlacht, und wirklich schade ist, dass bildschirm-bedingt lediglich Kamera-Ausschnitte zu sehen sind – vor allem, wenn Martin Hemmer moves like Jagger.

Sing your Loser-Song: Romei, Jähnert, Hemmer und Bilgeri beim Whitney-Houston-Husten. Bild: Gerhard Breitwieser

„Was könnte sie noch interessieren?“, fragt Michaela Bilgeri mitten in ihrer Trivial-Tirade übers Rauchen-Aufhören, die Rotwein-Ersatzdroge und die Sorge, ob schlechte Laune den Krebs nicht rascher verursacht als Nikotin, während der Rest enerviert-ennuiert in der Runde schaut. Kulturauszeichnungen, klar!

Ein Triumph für die Frau, war Hemmer zur Verleihung des Josefstadt-Ensemblepreises doch gar nicht eingeladen, und hat sich Jähnert für einen deutschen Literatur-Award erst angemeldet, hat Bilgeri beim Vorarlberger Kulturpreis den ersten Platz gemacht.

Was Hemmer – siehe Kollegenneid – zu ihrem Ärger in Gänsefüßchen kommentiert, und wie er als Heulsusen-Sensibelchen ihren allumfassenden Furor konterkariert, alldieweil der stille Dulder-Dichter in Wahrheit zu den gröbsten Gemeinheiten befähigt ist, wie hier aneinander vorbei seelengestripteased wird, das ist große Kunst.

In Tränen aufgelöst rezitiert Bilgeri die Jury-Begründung hinsichtlich ihrer durchlässigen Darstellung und ihrer situativen Wachheit, ihres mit großer Wahrhaftigkeit ausgespielten tragödischen Talents, ihrer unvermittelt-überraschenden Atmosphäre-Wechsel und der Gabe, ihre Gefühlsklaviatur bis zur Peinlichkeit zu nutzen. All dies ist tatsächlich zum Weinen schön, und was „Immersion. Wir verschwinden“ betrifft: Wo kann man das unterschreiben? Grenzgenial ist noch ein Begriff, der einem zu diesem zwischen Popsongs und Pop Art angesiedelten Abend einfällt, der jenen prekären Jahrmarkt der Eitelkeiten auch genannt Showbusiness selbstironisch-selbstreflektiv erst ent-, dann erneut verzaubert.

Am Ende dieser famosen Trauerbewältigung erkennt sich das aktionstheater ensemble als solches wieder. Den Hype dieser 2016er-Aufführung müsse man hochhalten, um mit den hausgemachten Satiren mehr zu bewirken, mehr Publikum zu erreichen. Trump ist noch nicht Geschichte, Putin so gut wie Alleinherrscher auf Lebenszeit, Nachbar Ungarn auf dem Weg zum autoritären Maßnahmenstaat, die heimischen Rechtspopulisten nur #Corona-bedingt schweigsam, und die Menschen immersieren sich dieser Tage sua sponte. Es gibt also noch viel zu erzählen, aktionstheater, packen wir’s an! Wie singt ihr so schön zum Schluss: I Wanna Dance With Somebody!

Trailer „Immersion“: vimeo.com/189901179          vimeo.com/200016049

Trailer „Wie geht es weiter“: vimeo.com/352342879                   aktionstheater.at

25. 4. 2020

Herrschaft der Niedertracht: Robert Misik im Gespräch

März 29, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Kurz ist der Mann mit dem gewissen Nichts“

Robert Misik. Bild: © Helena Wimmer

Nach einem Jahr türkisblauer Koalitionsregierung geht Publizist Robert Misik mit deren Protagonisten, ihren Ideen und dem politischen Zeitgeist, der nun weht, ins Gericht. Wie konnte sich der „neue Stil“, der weltweit auf dem Vormarsch zu sein scheint und den die österreichische Mitte-Rechts-Regierung für sich reklamiert, durchsetzen und wie gelangt er zu den verblüffend hohen Zustimmungsraten? Robert Misik im Gespräch über sein kürzlich im Picus Verlag erschienenes Buch „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“:

MM: Inhaltlich kann dieses Gespräch nur eine Überforderung werden, gibt es doch täglich etwas Neues zu berichten über diese Regierung. Lassen Sie uns bei der von ihr angekündigten Auflösung der Identitären beginnen: Sie selber haben bereits angemerkt, dass eine solche rechtsstaatlich problematisch sei, und auch Vereinsrechtsexperte Maximilian Kralik sieht sie als unwahrscheinlich. Ist das nicht ein weiteres Blendmanöver, eine Angelegenheit, die im Nichts versickern wird, wie die Prüfung der Burschenschaften?

Robert Misik: In dem Fall sehe ich es anders, weil die Sache für die Regierung, insbesondere die FPÖ, sehr unangenehm ist, weil es nicht nur um personelle Verstrickungen mit den Identitären geht, sondern auch um ideologische. Diese Idee vom großen Austausch, in diesem Phantasma, wir würden hier durch Demografie ausgerottet und müssen daher Angst haben, steckt auch die FPÖ tief drinnen. Wenn solche Formulierungen sich nun auch im Manifest dieses Massenmörders in Neuseeland finden, ist man natürlich peinlich berührt, weil man auf eine Art und Weise mit etwas verbunden ist, das Menschenleben gekostet hat, heißt: wo die Verhetzung durch diese mörderische Ideologie von jemandem wörtlich genommen wird. Deswegen muss man sich distanzieren von den Identitären und sie prüfen. Natürlich ist das eine Blendgranate, und das ist gut so, weil es nicht die Aufgabe der Regierung ist, in einem rechtsstaatlichen System Vereine zu verbieten. Das ist die Aufgabe der zuständigen Behörden, und am Ende des Tages auch des Gerichts. Ich will von einem Bundeskanzler nicht hören, dass irgendetwas verboten ist. Das ist nicht sein Job.

MM: In Ihrem aktuellen Buch „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“ nehmen Sie sich kein Blatt vor den Mund. Der Text ist sehr angriffig, an etlichen Stellen sogar polemisch zu nennen. Geschah das getreu der Redensart, dass auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört?

Misik: Eine polemische Sprache, eine Angriffslust auch in der Formulierung, ist nicht unbedingt ein grober Keil, sondern ein bestimmter Gestus. Ich habe, um bei der Stilistik des Buches zu bleiben, Karl Marx und Kurt Tucholsky gelesen, all diese großen Polemiker des Pamphletismus, um mich beim Schreiben inspirieren zu lassen und in einen bestimmten Sound zu kommen – und mich, getreu des Brecht-Mottos, lax in Fragen des geistigen Eigentums zu sein, bei ihnen auch schamlos bedient. Ich glaube, dass das notwendig ist, denn dieses bedächtige Hin und Her, einerseits, andererseits, die nüchterne Sprache des Analysierenden, ist etwas anderes, als die politische Streitschrift. Und eine Streitschrift sollte es ein.

MM: Diese Streitschrift fällt nicht in die Kategorie Satire. Wie leicht kann man da geklagt werden.

Misik: Es ist relativ wenig drinnen, das geklagt werden kann, das kann man nur bei Beleidigungen und Falschbehauptungen, und so etwas habe ich nicht geschrieben. Allerdings stimmt es, die FPÖ klagt gerne, selbst in Fällen, wo sie nicht gewinnen kann. Wie man am Fall des Herrn Strache gegen Rudi Fußi sieht, und seiner Behauptung, dass ein echtes Foto gefälscht ist. Man kann jeden Unsinn klagen, da ist die FPÖ ganz geübt darin. Bei meinem Buch, denke ich, werden sie’s eher bleiben lassen, denn müsste ich in der Praxis das beweisen, was ich geschrieben habe, einen größeren Gefallen könnten sie mir gar nicht tun.

MM: Der Kabarettist Thomas Maurer hat in einem seiner Programme die Frage gestellt, wie viel Toleranz man gegenüber den Intoleranten aufbringen müsse. Was meinen Sie?

Misik: Das ist eine schwierige Frage, weil sich damit auch die Frage stellt, von welchen Menschen wir da reden. Ich brauche keine Toleranz gegenüber einer Regierung der Intoleranten zu haben. Bei Menschen, die vielleicht angesteckt sind, von einigen Motiven davon, Angst um die Zukunft, Angst um das Leben in der Stadt, da muss ich nicht den Inhalten gegenüber tolerant sein, den Menschen gegenüber aber sehr wohl. Mit denen dann in ein Gespräch zu kommen und Meinungen auszutauschen, ist wichtig. Abgesehen davon, dass nicht jeder, der nicht meiner Meinung ist, mein Gegner ist.

MM: So, wie Sie mit der gegenwärtigen Regierung ins Gericht gehen, möchte ich Sie fragen: Muss man ein Wahlergebnis nicht zur Kenntnis nehmen?

Misik: Ein Wahlergebnis muss man zur Kenntnis nehmen, man muss generell gesellschaftspolitische Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen. Nur, das hindert mich nicht daran, zu versuchen, diese Wirklichkeit zu verändern. Das ist ja der Sinn von Opposition in einer Demokratie: Sie muss die Regierung vom ersten Tag an bekämpfen und versuchen, dieses Wahlergebnis und diese Mehrheitsverhältnisse wieder zu verändern. Gerade bei der jetzigen Regierung gibt es ein großes Fragezeichen der Legitimität dieses Wahlergebnisses, denn die Überschreitung der Wahlkampfkosten ist keine Kleinigkeit gewesen. Wenn jemand statt sieben Millionen 13 Millionen ausgibt, dann ist das eine grobe Verzerrung der Grundlagen, so dass man die Rechtmäßigkeit des Wahlergebnisses zumindest diskutieren kann.

MM: Orten Sie so etwas wie eine wahre Stimmung im Land?

Misik: Die wahre Stimmung gibt es nicht. Es gibt keine Volksstimmung, weil es kein Volk, sondern nur eine Bevölkerung gibt. Es gibt verschiedenste Bevölkerungsgruppen und Milieus, die auf verschiedenste Weise ticken. Es ist immer ein Amalgam von Stimmungen, die die einzelnen Menschen, die einzelnen Gruppen haben. Wenn wir an der Oberflächlichkeit pro Regierung, contra Regierung bleiben, einem Fehlschluss erliegen, weil weder die Anhänger der Regierung noch die, die ihren Ansichten ein bisschen zuneigen, allesamt Rassisten, Ausländerfeinde, Menschen mit Hartherzigkeit sind, noch sind die anderen vollkommen das Gegenteil. Es gibt eine große Grauzone in der Mitte, in der viele sagen, diese Gehässigkeit, diese Politik der Niedertracht geht mir zu weit, aber ich verstehe schon, im Jahr 2015 haben wir uns mit den Flüchtlingen übernommen, heißt: dass in der Mitte der Bevölkerung beide Motive in einer Person schlummern können. Die wahre Stimmung im Land besteht eher aus diesem und vielen anderen Mischungsverhältnissen.

MM: Interessant, dass Sie das sagen. Der Soziologe Heinz Bude hat bei der Leipziger Buchmesse gerade gesagt, die so genannte Mitte gibt es nicht, sie ist eine Illusion, die es nie gegeben hat.

Misik: Das glaube ich ja auch, aber das heißt aber noch lange nicht, dass wir in der Gesellschaft nur aus zwei Menschenschlägen bestehen, die einen 100%-ig rechts, die anderen 100%-ig links. Nun kann man sich natürlich die Frage stellen, was diese Kategorisierungen heute für Wahlentscheidungen überhaupt noch bedeuten und inwieweit sie relevant sind. Es gibt definitiv Leute, die der Meinung sind, sie erhalten den Sozialstaat und die da oben richten sich’s, was eher eine sozialdemokratische Haltung wäre, und die gleichen Leute haben in Sicherheitsfragen oder Diversityfragen eher Haltungen, die wir als rechts bezeichnen würden. Na, was ist dann eine solche Person? Das ist ganz schön kompliziert.

MM: Ein ganzes Kapitel Ihres Buches widmen Sie Bundeskanzler Sebastian Kurz. Sie bezeichnen ihn unter anderem als Künstliche Intelligenz. Was meinen Sie damit?

Misik: Kurz hat hohes Talent, das ist unbestritten, sonst hätte er es nicht so weit gebracht. Seine Talente liegen, könnte man sagen, im Intrigantentum, positiv formuliert in der Bildung einer Seilschaft, einer verschworenen Prätorianergarde, die schon, als er noch „nur“ ein Ministeramt hatte, sich auf die Übernahme von allem vorbereitet hat. So zielstrebig mit einer Gruppe, die an einem Strang zieht und auch weiß, wo sie hin will, habe ich noch nie einen Politiker agieren sehen. Und das eigentlich, ohne dass es irgendwo rumpelt. Das zweite Talent ist, dass Kurz für nichts steht. Als er als Integrationsminister in diese Regierung gekommen ist, war er der junge Mann, der seine Partei symbolisch entlüftet hat, der von Willkommenskultur gesprochen hat. Das hat er glaubhaft verkörpert, bis er auf die Idee gekommen ist, dass, wenn er das Gegenteil behauptet, ihm das politisch nützlicher ist. Und auch das hat funktioniert, und zwar permanent umwölkt von Slogans, die nichts aussagen. Der Wahlkampf, der inhaltlich überhaupt nichts aussagte, war diesbezüglich der Höhepunkt. Das heißt, Kurz ist geradezu genial darin, nichts zu repräsentieren, außer offen für alle Projektionen zu sein. Deswegen nenne ich ihn ja auch, und das kann man zynisch oder auch gemein nennen, den Mann mit dem gewissen Nichts. Er ist einer, der versucht, so wenig wie möglich an Eigenschaft zu repräsentieren, und stattdessen offen zu sein für die Zuschreibungen von allen. Kurz hat diese Rolle immer perfekt gespielt. Wenn man ihm zuhört, hat man nie das Gefühl, da ist irgendein Satz nicht auswendig gelernt, da ist irgendeine Äußerung authentisch. Er redet wie ein Roboter.

MM: Wie steht’s um seine Machtpolitik hinter den Kulissen? Siehe die Kurz nachgesagten Verquickungen mit Investor René Benko.

Misik: Diese Verbandelung mit der Wirtschaft beherrscht Kurz als ÖVP-Schüler sehr gut. Aber über die Geschichte Kurz-Benko weiß man noch zu wenig, als dass ich da schon etwas analysieren möchte. Nicht zuletzt, da Benko es sich zum eigenen Vorteil gern mit vielen gutstellt – und was er mit der Kronen Zeitung vorhat: keine Ahnung? Oder mit dem Kurier.

MM: Sie besprechen auch den Umstand, dass es den privaten Sebastian Kurz nicht gibt, im Gegensatz zu H.C. Strache, der uns an seinem Vaterglück teilhaben lässt, oder dem neuerdings öffentlich frühstückenden Innenminister Kickl.

Misik: Wenn Kickl im Radio frühstückt, um bei diesem Beispiel zu bleiben, ist das auch eine Medieninszenierung. Was an Kurz interessant ist, ist, dass er diszipliniert ist, und das, was an ihm echt ist, nie nach außen dringen darf. Es wird schon irgendwas echt an ihm sein, es wird einen privaten, authentischen Kurz geben, nur hat den in der Öffentlichkeit noch niemand zu Gesicht bekommen.

MM: Wie kann man mit diesem Konzept reüssieren? Die Leute wollen doch in der Regel den Menschen hinter dem Macher erspüren, einen Schlüssellochblick auf die Mächtigen erhaschen.

Misik: Ja, das ist eine interessante Frage, in einer Zeit, in der auch Authentizität so hoch gehandelt wird, warum ein Politiker, der so unauthentisch ist, so gut funktioniert. In Wirklichkeit weiß jeder Zuseher, Kurz spielt eine Rolle und er spielt sie gut. Es gibt vielleicht eine Art Hochachtung vor dieser Professionalität, vor jemandem, der das durchzieht, ohne jemals zu stolpern und ohne jemals links oder rechts zu schauen.

MM: Es gibt einen Punkt in Ihrem Buch, mit dem ich nicht d’accord gehe. Sie bezeichnen den Innenminister als überfordert. Ist es nicht so, dass Herbert Kickl der Chefideologe, der Stippenzieher, und als solcher unantastbar ist.

Misik: Auch Kickl macht das, was er sein will, nämlich der Unruhestifter, der durch irrwitzige Forderungen die Unique Selling Proposition der FPÖ hervorkehrt, was gar nicht so einfach ist, nachdem ihnen die ÖVP die Hälfte des Wahlprogramms geklaut hat, hervorragend. Das hat schon eine Professionalität. Auf der anderen Seite führt er ein schwieriges Ministerium, und da ist er nicht erfolgreich, da misslingen ihm die Dinge dauernd. Den BVT so zu zerschlagen, dass es eine Staatsaffäre wird, und einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss am Hals zu haben, da gehört was dazu.

MM: Was wurde eigentlich aus der SPÖ?

Misik: Die SPÖ hat kurzfristige und langfristige Probleme. Das kurzfristige ist, dass sie aus der Regierung in die Opposition gekommen ist, was immer schwierig ist, weil du Politiker hast, die geschult sind, Regierungsarbeit zu machen, Ministerien zu administrieren, und die nicht die Rolle des angriffigen Underdogs positiv übernehmen. Das braucht eine Zeit, sich darauf einzustellen. Das langfristige Problem der SPÖ ist, dass ihre Anhängerschaft in zwei Milieus zerfallen ist, die früher eine Allianz waren: die unteren Mittelschichten, die ehemalige Arbeiterklasse, und die urbanen, liberalen Bürgerlichen. Aufgrund dessen hat sich auch eine Art Fraktionskampf entwickelt, auf der einen Seite die Vorstadt-, die Proletariats-Sozialdemokraten, auf den anderen die moderne Sozialdemokratie – sehr sehr versimpelt gesagt. Derartige Fraktionskämpfe werden zu Machtkämpfen, da werde Wunden geschlagen, bis sich am Ende alle gegenseitig hassen. Das gärt in der SPÖ schon länger, und das alles zusammen führt zu dem Zustand, in dem die SPÖ zurzeit ist. Dazu kann man negativ sagen, das ist die Abwärtsspirale aus der es kein Entrinnen mehr gibt, oder positiv, das ist eine andere Lage: Es gibt eine neue Vorsitzende, einen neuen Wiener Bürgermeister, der nächstes Jahr lebenswichtige Wahlen zu schlagen hat, man wird sich also zunehmend zusammenraufen. Man wird sehen, man weiß es nicht. Es ist zu früh, um da jetzt Prognosen abzugeben.

MM: Ist Frau Rendi-Wagner eventuell zu vornehm, um sich gegen die diversen Zurufer aus den Bundesländern zu wehren?

Misik: Das glaube ich nicht. Wenn ein Landeshauptmann aus dem Burgenland dauernd gegen die in Wien keppelt, dann nützt ihm das im Burgenland. Aber auf Bundesebene kann er damit nichts erreichen. Der Nummer eins das Leben schwer zu machen, ist etwas ganz anderes, als die Nummer eins zu sein.

MM: Trotzdem ist es eine Kunst, den Gemeindebau so ziemlich komplett zu verlieren. Was rennt da falsch?

Misik: Zum einen trauen diese Menschen der SPÖ nicht mehr zu, dass sie ihre ökonomischen und materiellen Bedingungen verbessert. Gleichzeitig haben sie das Gefühl, die SPÖ-Politiker sind vom Lebenskulturellen her nicht mehr ihre Leut‘, sondern die kommen aus einer anderen Welt. Diese Menschen haben das Gefühl, ihnen hört niemand mehr zu, ihre Interessen vertritt niemand, sie werden gesellschaftlich abgehängt, und das führt zu einem populistischen Moment, wenn einer kommt, der sagt, ich bin einer von euch, ich bin gegen die da oben, dann rennt man dem eher nach, sogar dann, wenn es einem eigentlich gar nicht so schlecht geht – und umso mehr, wenn man das Gefühl hat, zunehmend an den Rand gedrängt zu sein.

MM: Ihr Buch beinhaltet auch eine ziemlich harsche Medienschelte. Was konkret werfen Sie der österreichischen Presse vor?

Misik: Dass man in der Berichterstattung über eine bestimmte Angelegenheit nach zwei Monaten das Gefühl hat, das ist doch eh Normalität. Schluss mit der Dauerempörung, bleiben wir doch cool! Diese Haltung, die eine menschliche ist, führt dazu, dass man Dinge als gegeben nimmt, von denen man es nicht dürfte. Das betrifft im Prinzip jeden, doch bei den Kolleginnen und Kollegen von den Medien ist es besonders fatal, weil die eigentlich die Aufgabe hätten, die Regierung mit oppositioneller Verve zu verfolgen, und nicht, sich an sie anzubiedern. In diesem generellen Mechanismus gibt’s noch ein paar, die sich diesbezüglich besonders hervortun, und noch dazu dabei mitmachen, der Opposition nachzustellen, statt der Regierung nachzustellen. Auch da gibt es so eine Art Korpsgeist, man dürfe sich als Journalisten nicht gegenseitig kritisieren. Ich pfeife auf diesen Korpsgeist, den gibt es für mich nicht, das ist ja absurd.

MM: Hat diese Kniefallberichterstattung mit der Macht der Regierungsinserate und deren aktueller Verschiebung Richtung genehm berichtender Medien zu tun?

Misik: Die Inseratengeschichte spielt sicher eine Rolle, dass Medien, die ohnedies regierungstreu sind, mit Inseraten belohnt werden, während die, die regierungskritisch sind, mit Inseratenentzug bestraft werden. Alleine wissend um die Möglichkeit, dass das passieren könnte, führt ja das schon zu einem Anpassungsdruck. Dass in einem kleinen Land wie Österreich, in einer Zeit der Printkrise, das Ganze noch einmal ärger ist, ist logischerweise klar. In Deutschland können sich kritische Medien allein durch Wirtschaftsinserate von der Regierung unabhängig machen, in Österreich ist jeder finanziell zumindest ein bisschen abhängig von den Regierungsinseraten.

MM: Welche Position nehmen Sie als freier Journalist da ein – Gewissen der Nation, Aufdecker, Aufrüttler?

Misik: Freier Journalist zu sein, ist nur noch ein ganz kleines Spielbein von mir. Ich schreibe Bücher, halte Vorträge, kuratiere Veranstaltungen, mache Ausstellungen, Theaterstücke … Ich bin als Autor sicher einer der unabhängigsten, da ich so diversifiziert arbeite. Ich brauche mir weder um Medienkonzerninteressen noch politische Anpassungen große Gedanken zu machen, wenn mich wer nicht mehr will, bricht mir halt ein Teil meines Einkommens weg, den ich mir woanders wieder reinhole. Das gibt mir eine wahnsinnige Freiheit, die mich nur meiner persönlichen politischen Haltung verpflichtet hält.

MM: Wie wurde Ihr Buch denn bis dato rezensiert?

Misik: Nicht sehr. Die taz hat berichtet. Der Standard auch. Manches wird vielleicht noch kommen. Aber bei bestimmten Medien gibt es sicher so etwas, wie ein Totschweigen des Buchs, eine ganz kleine Verschwörung, darüber nicht zu schreiben.

MM: Ein Fazit aus dem, was sie geschrieben haben: Ist der Zug nun abgefahren oder nicht?

Misik: Der Zug ist nie abgefahren. Wir sind ein demokratisches Land mit einer Bevölkerung, der man diese Demokratie noch nicht ausgetrieben, die man nicht eingeschüchtert hat. Wir sind nicht Ungarn. Wir können aber Ungarn werden, ohne Zweifel. Nur ist Kurz nicht Orbán, Strache wäre Orbán. Wir haben eine schiefe Ebene etabliert, indem wir nun diese Regierung haben, die alles zur Delegitimierung der parlamentarischen Opposition, der zivilgesellschaftlichen Opposition tut. Sie tut alles, damit kritische Stimmen aus der Öffentlichkeit tendenziell verschwinden, damit die Medien auf Linientreue getrimmt werden …

MM: Was bleibt dann als Positives an diesem Land?

Misik: Dass es ganz viel Widerstand gibt. Die Wiener Bevölkerung ist grosso modo in Opposition. Es gibt Demonstrationen jeden Sonntag in Vorarlberg, die Caritas wehrt sich, es gibt viele Leute, die in einer Art positiver Kampfeslaune gegen diesen politischen Stil sind. Ich glaube, dass das irgendwann zu einem Kippeffekt führen muss. Die Leute werden für blöd verkauft, sie sind es aber nicht, sie durchschauen dieses Schüren von Hass, dieses Aufganseln, dieses Verbreiten simpler Wahrheiten. Das werden die Menschen bald satt haben, und wissend, dass die Wirklichkeit etwas Komplexes ist, wieder die komplexen Antworten hören wollen. Wir werden uns noch wundern, wie schnell die Menschen das satt haben werden.

TIPP: Am 1. April um 19 Uhr lädt das Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog (www.kreisky-forum.org) zur Diskussion über das „System der Niedertracht“. Mit Robert Misik sprechen Balazs Csekö, Politologe, Journalist und Blogger, Lorenz Gallmetzer, Journalist und Buchautor, und Susanne Hofer, gf. Bundesjugendvorsitzende des ÖGB.

Die Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32356          www.misik.at          www.picus.at

29. 3. 2019

Robert Misik: Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!

März 10, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein österreichisches „Empört Euch!“

Nach einem Jahr türkisblauer Regierung platzte Robert Misik der journalistische Kragen. So lässt sich sein aktuelles Buch, eine schmale Streitschrift, erklären. „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“ heißt sie und liest sich, wie im Furor zu Papier gebracht – kämpferisch, provokativ, um deftige Worte nicht verlegen. Misik, bekannt als engagierter linker Intellektueller, geht mit der derzeitigen Staatsspitze hart ins Gericht. Er veranschaulicht deren geplanten Komplettumbau der Republik, die um sich greifende „Selber schuld“-Mentalität und wie diese den Abriss des Sozialstaats bedingt.

Und, nein, Misik denkt nicht, dass man ein Wahlergebnis einfach so zur Kenntnis nehmen muss, wenn er über „die Berufsparanoiden in Regierungsämtern“ und den „Klassenprimus der Diffamierung“ schreibt. Er diagnostiziert einen Konkurrenzkampf der Koalitionäre, einen „Überbietungswettbewerb darin, wer der schlimmere Finger, der autoritärere Typ, die fieseste Figur ist, wer wüster die Opposition attackiert, wer glaubwürdiger verkörpert, Ausländer zu sekkieren, Flüchtlinge abzuschrecken, Migranten zu quälen“. Und, nein, nach der Lektüre dieses Buches ist es nicht so, dass man tief und fest schlafen kann.

Für den neuen Stil macht Misik Bundeskanzler Sebastian Kurz hauptverantwortlich, dem er ein komplettes Kapitel widmet, in dem er ihn „Kunstfigur“, „Roboter“, „eine ganz eigene Form der Artificial Intelligence“, „eine Figur ohne Eigenschaften, der Mann mit dem gewissen Nichts“ nennt. Womit Misik einen Typus beschrieben haben will, der keinen anderen erkennbaren politischen Willen zu haben scheint, als den, die Verkörperung des Zeitgeists zu sein – weshalb er punkto Umfrage-Ergebnissen naturgemäß durchgängig oben sein muss. Mit einer Propaganda, die er selbst nicht glaube, stehe Kurz für „die Kapitulation der Bürgerlichkeit und ihrer Werte.“ Begriffe wie Anstand, Moral, Verantwortungsgefühl seien diesem System längst abhanden gekommen.

Dass diese Übung gelingt, ortet Misik auch als Verantwortung „der Bück- und Kniefallredakteure“, er, der seit Jänner diesen Jahres seinen Videoblog nicht mehr auf Standard online veröffentlicht, berichtet von der Einschüchterung von Journalisten, dem Austausch von Chefredakteuren und einer Inseratenpolitik, die sich Richtung zu Willen seiender Medien verschiebe. Die Verquickungen sind evident, den meisten Wirbel bis dato gab es um Rekrutierungsinserate für die Polizei in einem einschlägig rechten Wochenblatt, davor über ein E-Mail des Innenministeriums an die Landespolizeidirektionen, Infos für namentlich genannte kritische Medien zu beschränken. An diese floss im dritten Quartal 2018 auch kein Geld aus dem Werbeetat des BMI.

Für Befürworter dieser gesellschaftlichen Entwicklungen hat Misik das Wort „Lumpenbourgeoisie“ parat, und erläutert im Jargon der Sozialwissenschaft die „rohe Bürgerlichkeit“ als den sadistisch-masochistischen Gemütszustand jener Kleingeister, die stets von der Angst zerfressen sind, vor Selbstmitleid zerfließende Spießernaturen, die den Parolen folgen wie das Schlachtvieh seinem Schlachter. Zwischen Demokratien und Diktaturen, so Misik, beschleiche einen langsam die Ahnung, „dass es auch Grauzonen gibt“. Dass die etablierten Linksparteien in ihrem Bemühen um die Wählerinnen und Wähler versagt haben und weiter versagen, wird aber auch Robert Misik beglaubigen müssen.

In einem höchst emotionalen Schlussplädoyer wendet er sich ergo direkt an die Leserinnen und Leser: „Empört euch. Gebt nicht klein bei. Leistet keinen vorauseilenden Gehorsam. Seid nicht feige, seid mutig. Haltet nie die Mitte, wenn die Mitte Richtung Rohheit rutscht.“ Die neue Politik funktioniert, weil sie eine Angstkultur nutzt. Diese muss man beargwöhnen, aber nicht fürchten.

Über den Autor: Robert Misik, geboren 1966, ist Journalist und politischer Schriftsteller und schreibt regelmäßig für die Berliner tageszeitung, die Berliner Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung und den Wiener Falter. Zahlreiche Preise, etwa der Bruno-Kreisky-Förderpreis, 2010 Journalist des Jahres in der Kategorie Online. 2009 Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik. Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschienen im Picus Verlag „Was Linke denken“ (2015), „Ein seltsamer Held“ (2016) und, zusammen mit Christine Schörkhuber und Harald Welzer, „Arbeit ist unsichtbar“ (2018). 2019 erhielt er den Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft.

Picus Verlag, Robert Misik: „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen!“, Sachbuch, 144 Seiten.

Robert Misik im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=32551           www.misik.at          www.picus.at

FS-Misik Spezial Folge 586: www.youtube.com/watch?time_continue=4&v=6d657jhcnAg

  1. 3. 2019

Kosmos Theater: Jetzt müssen wir auf morgen warten

Januar 30, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sch(m)erzhaft satirische Selbstbetrachtungen

Claudia Kottal, Constanze Passin und Anna Kramer. Bild: Bettina Frenzel

Die akustisch besten Jahre? Das sind nämlich jene, von denen man ständig gesagt bekommt, man befände sich in ihnen, obwohl man sich gar nicht danach fühlt. Diese Feststellung ist nur eine der unzähligen treffenden aus Amina Gusners Text „Jetzt müssen wir auf morgen warten“, der gestern im Kosmos Theater Wien uraufgeführt wurde, in Koproduktion mit dem von Claudia Kottal und Anna Kramer ins Leben gerufenen Kulturverein XYZ.

Der die Autorin nicht nur mit diesem Recherchestück beauftragte, sondern Gusner auch die Regie übertrug. Entstanden ist so ein Abend der sch(m)erzhaft satirischen Selbstbetrachtungen. Für den das in Klammern gefasste M bedeutet, dass hier zwar viel Vergnügtheit verbreitet wird, ist doch, wenn Schadenfreude einen selbst betrifft, das Lachen stets am schönsten, die Sätze aber genau aus diesem Grund auch tief ins Fleisch schneiden. Weil man etliches des Gesagten wie aus dem eigenen Leben gegriffen empfindet und daher als traurig, aber wahr bezeugen kann.

Claudia Kottal, ab Freitag auch in der Kinokomödie „Love Machine“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31598) zu sehen, Anna Kramer und Constanze Passin zeigen drei Schwestern, ob wirklich oder im Geiste ist schwer auszumachen, wird doch immer wieder von Scheidungstrauma, daraus entstandenem Mutterkomplex und einem nun zu versorgenden, weil alleinstehenden Vater gesprochen, im Ringen um ihre Existenzberechtigung und in der Erwartung, dass die kleinen Glücksversprechungen zum Dasein endlich eingelöst werden. Die Moral von der Geschichte lässt sich leicht vorwegnehmen und lautet, das Leben fängt erst an, wenn man anfängt zu leben.

Claudia Kottal. Bild: Bettina Frenzel

Constanze Passin. Bild: Bettina Frenzel

Doch bis diese Erkenntnis keimt, spielen die Schauspielerinnen, live unterstützt von Singer-Songwriterin Clara Luzia, ein schwarzhumoriges Spiel mit Klischees und stereotypen Rollenbildern, allesamt landläufig bekannte Schablonen, in die Frauen gedrängt werden – oder in die sie sich ganz von allein zwängen. Und so werden zwischen hingehauchten Luftküsschen und sekkanter Launenhaftigkeit Themen wie Dauerdiät, Hyaluron-Spritzen und Kaufrausch abgehandelt, ist einem das Erscheinungsbild doch eigentlich nie gut genug, – und natürlich der K(r)ampf unter den Geschlechtern.

Dieser für Frauen als ewiges Wechselbad zwischen Selbstzweifel, Selbstaufgabe und Selbstachtung dargestellt. Eine Tatsache, die die Geschiedene, die Beziehungsgeschädigte und die Langzeitehefrau vom Lebensziel „einen Mann kriegen“ übers Warten auf den einen Ring und der Angst „übrigzublieben“ bis zur gesellschaftlichen Wertigkeit und dem schwindenden Selbstwertgefühl bei Kinderlosigkeit abhandeln. Kommunikationsprobleme werden mit Rücksicht auf das Geschlecht, das beim Angenörgeltwerden in sich zusammen schrumpft, und mittels Hätscheln von dessen Selbstbewusstsein gelöst, wobei’s kein Ding sein darf, selber den Orgasmus vorzutäuschen.

Kottal, Kramer und Passin agieren mit vollem Einsatz, erschaffen spielerisch Übergänge von der Persiflage zu bitterer Ernsthaftigkeit und wechseln gekonnt die Tempi vom Stakkato-Sprechen zur raumgreifenden Stille. Sie tanzen, singen (unter anderem „Ich find‘ dich scheiße“ von Tic Tac Toe), wüten und schluchzen über Trennungsgespräche und Familienkonflikte und, ja, die mangelnde Frauensolidarität ist echt zum Schmunzeln, wenn der einen vorgeworfen wird, sie solle ihrem Partner gegenüber endlich „niedlich und anhimmelnd sein, statt ständig kritisierend“. Oder wenn, apropos Partner-in, darüber diskutiert wird, man müsse eine neue für den Vater finden, damit man selber nicht mehr für ihn waschen, kochen und putzen müsse.

Anna Kramer, Constanze Passin und Claudia Kottal. Bild: Bettina Frenzel

Amina Gusner hat – im Bühnenbild und mit den Kostümen ihrer Schwester Inken Gusner – keine Facette von Frau-Sein ausgelassen, ihre Figuren wollen weiblicher, am weiblichsten werden, und wenn zu deren selbstauferlegter Aufgabe, mitgegebene Muster ungefragt zu übernehmen, Sätze wie der von der Verantwortung fallen, die ungleich schwieriger sei, wenn man versuche man selber zu sein, und nicht das, was die anderen wollen, dann tut das schon weh.

Derart ist „Jetzt müssen wir auf morgen warten“, von Gusner auf der Grundlage von Gesprächen mit verschiedensten Frauen entwickelt, in Wortsinn aus dem Alltag gegriffen. Situationen zum Lachen, zum Weinen, zum Ärgern folgen Schlag auf Schlag, ein Puzzle an Begegnungen, die am Ende ein Ganzes ergeben, und immer geht es um ein persönliches Sich-Behaupten, ein Brücken bauen und Grenzen einreißen. Dies ja gleichsam das Vereinsmotto von XYZ: die Vielfalt von Lebensformen jenseits von Chromosomen-Normen sichtbar und spürbar zu machen. So sagen Claudia Kottal und Anna Kramer: „Empathie ist in diesen Zeiten ein vom Aussterben bedrohtes Gut und Theater einer der wenigen Orte, wo man sie nähren kann.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=_0mfElTOYtk

kosmostheater.at

  1. 1. 2019

Womit haben wir das verdient?

Dezember 2, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Kiffen lieber Kopftuch tragen

Mutter Wanda hilft mäßig begeistert beim Burkini-Kaufen: Caroline Peters, Chantal Zitzenbacher und Duygu Arslan. Bild: © Mona Film

„Geht die Nina als Gespenst?“, fragt unschuldig der kleine Bruder, als er seine Schwester zum ersten Mal mit Hijab sieht. Die 16-Jährige ist nämlich zum Islam konvertiert, nennt sich nun Fatima – und hat das Kiffen zugunsten ihres Kopftuchs aufgegeben. Eltern im Schockzustand. Und während der Vater wenigstens versucht, ein wenig Verständnis aufzubringen, ist die Mutter ausschließlich schäumend vor Wut.

Wofür und wogegen – Frauenrechte/Adventkranz – hatte man in StudentInnentagen nicht alles protestiert, und nun das. „Kannst du nicht einfach katholisch werden?“, herrscht die Mutter die Tochter an: „Das wäre für mich schon schlimm genug!“ Solcherart ist der Humor in Eva Spreitzhofers Komödie „Womit haben wir das verdient?“, die am Freitag in die Kinos kommt – frech und sophisticated und so, dass alle Seiten ihr Fett abkriegen. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at nannte die Regisseurin und Drehbuchautorin „Monsieur Claude und seine Töchter“ als Genre-Vorbild, und tatsächlich ist ihr diese Art, gesellschaftspolitisch brisante Themen mit einer verspielten Leichtigkeit zu nehmen, perfekt gelungen. Spreitzhofer stellt Weltanschauungen auf den Prüfstand, eine vermeintliche Weltoffenheit, die beim ersten Windhauch in sich zusammenbricht, ebenso, wie eine vermutete Radikalisierung, ohne jemals einen publikumserzieherischen Zeigefinger zu erheben.

Im Mittelpunkt der Irrungen und Verwirrungen steht Burgtheaterschauspielerin Caroline Peters als Ninas Mutter Wanda, erfolgreiche Chirurgin, Feministin, Atheistin und Matriarchin einer Patchworkfamilie. Chantal Zitzenbacher spielt die Nina, Simon Schwarz Vater Harald. Auch sonst ist der Film mit Hilde Dalik, Alev Irmak, Pia Hierzegger, David Oberkogler, Mehmet Ali Salman oder Johannes Zeiler hochkarätig besetzt. Die Peters überzeugt und unterhält in ihrer Rolle auf ganzer Linie. Wie sie sich auf Erkenntnissuche begibt, ist einfach zu komisch.

Nina/Fatima wird von ihrem Stiefbruder mit einem Würstchen erwischt …: Chantal Zitzenbacher und Angelo Konzett. Bild: © Mona Film

… und wieder rettet Wanda die Situation: Caroline Peters und Chantal Zitzenbacher. Bild: © Mona Film

Ebenso, wie die Meinungen, die sie zu ihrem Problem einzuholen vermag. Vom Schuldirektor, der von Ninas Hijab begeistert ist, Motto: soll doch jeder auf dem Kopf tragen, was er will, Baseballkappen im Klassenzimmer aber verbietet. Über Wandas muslimischen Chirurgenkollegen, der ihr bescheidet: „Der Islam ist voll hipster geworden“. Über ihren Freund, der meint: „Wir schauen uns eine IS-Doku an und dann hat sich das“. Bis zum Imam, der weiß: „Dass Menschen deppert sind, hat mit Allah nichts zu tun“.

Bis zum Burkini lässt Spreitzhofer nichts aus, das irgend für öffentliche Debatten sorgt, doch nichts gerät ihr dabei schwarzweiß, immer stellt sie die auf allen beteiligten Seiten zu findende Bigotterie und Hypokrisie aus. Und während sich Nina/Fatima auf Youtube anschaut, was alles haram ist – Gummibärchen und Fahrradfahren, findet Wanda, um nichts weniger spießig und starrsinnig als ihre „Opponenten“, ausgerechnet in der Mutter von Ninas bester Freundin, Hanife, eine Verbündete.

Auch die ist alles andere als begeistert von der plötzlichen Religiosität der Mädchen. Eva Spreitzhofer ist mit „Womit haben wir das verdient?“ eine feine Satire gelungen, die auf feinfühlige Weise die Bruchstellen, Widersprüche und Grenzen von „Multi-Kulti“ ausleuchtet, und dabei durchaus spaßig ins Schwarze trifft. Großartig, wie eine Figur, die eben noch auf der einen Seite stand, sich gleich darauf argumentativ auf der genau anderen befindet. Dass Spreitzhofer ein, zwei Mal übers Ziel hinausschießt – Wandas Adoptivtochter stammt aus dem Vietnam, und ist somit eine, die sich ihr Andersaussehen nicht ausgesucht hat, der Sohn des Imams muss schwul sein -, dafür entschädigen Einfälle wie dieser:

Die Eltern verkleiden sich für Ninas vermutete Zwangverheiratung: David Oberkogler, Simon Schwarz und Caroline Peters. Bild: © Mona Film

Als Wanda und Harald überzeugt sind, ihre Tochter solle in der Moschee in eine Zwangsehe gedrängt werden, wollen sie das undercover, heißt: mit Tschador verkleidet, verhindern – und geraten prompt in eine Polizeikontrolle. Und weil sie umständlich die Umstände erklären, und der Beamte keine Ahnung hat, wie er mit dem vollverschleierten Ehepaar umgehen soll, ist sein Angebot schließlich: „Wann’s anfoch auf a Gschnas gangerten, tat‘ ma uns alle leichter.“

Am Ende verschiebt Eva Spreitzhofer bei ihrem Feel-Good-Movie noch einmal Grenzen. Zu viel sei nicht verraten, nur, dass die Filmemacherin die Frauensolidarität über alle Konflikte stellt, ebenso wie gegenseitiges Verständnis und ständige Verständigung. Und auch für Mutter Wanda bietet sich eine Lösung – nämlich einfach dies zu sein: Mutter. Die schönste Szene ist, Wanda findet Nina, wie sie auf dem Boden kauernd verzweifelt Bußgebete spricht. Sie konnte dem Würstl im Eiskasten nicht widerstehen. Da nimmt Caroline Peters Chantal Zitzenbacher einfach in den Arm, und ihr das Stückchen Schweinefleisch ab – und steckt es sich selber in den Mund.

Regisseurin Eva Spreitzhofer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30758

www.womithabenwirdasverdient.at

  1. 11. 2018