WUK – Bum Bum Pieces: ALT. Ein Robotermusical

Januar 13, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Immer schön lieb sein zur Maschine

Ein Schal für die Maschine: Victoria Halper performt und strickt. Bild: Marie Pircher

Die Gelenke knarzen, der Arm ist bleischwer, der Griff lockerer, auch langsamer als früher. Altsein ist als Zustand gnadenlos. Wie grausam, ausrangiert zu werden, weil, wer nicht länger arbeiten kann, keinen Wert mehr hat. Sie ist allein gelassen, einsam, und wenn sie leise weinend singt „Weißt du noch, wer ich bin? / Weißt du noch, wo ich bin? / Weißt du, eigentlich bin ich immer noch ich …“, ehrlich, dann hat man an seiner Betroffenheit schon zu schlucken.

Ein Seelenstich, den das Künstlerkollektiv Bum Bum Pieces selbstverständlich sehr bewusst setzt. Die Steirer Simon Windisch und Nora Winkler, die sich mit dieser Aufführung im WUK erstmals in Wien vorstellen, erzählen vom Altwerden – andersrum. In Zeiten, da der Pflegenotstand zum Kleingeld ranschaffenden Polit-Schlagwort geworden ist, sind Maschinen in der Seniorenbetreuung bereits keine Dystopie mehr. Von Geh- und Aufstehassistenten über automatisierte Streichelhände bis zu künstlichen Kuschelrobben ist alles da, was die zwischenmenschliche Beschäftigung mit der Vergänglichkeit hinfällig macht.

In „ALT. Ein Robotermusical“ ist der Apparat, der nicht mehr so recht funktioniert und daher der Fürsorge bedarf, allerdings keiner aus Fleisch und Blut, sondern ein Fertigungsgreifer. Empathische Elektrik, der Performerin Victoria Halper – gemeinsam mit Dramaturg Kai Krösche bekannt als Gründerin des Nestroypreis-2019-Nominees DARUM (www.darum.at) – als Pflegekraft einen Lebensabend in Würde bescheren soll. Das ist so absurd wie amüsant wie traurig, dies musikalische Kammerspiel, zu dem Manfred Engelmayr und Robert Lepenik die Live-Klangflächen beisteuern, so zutiefst menschlich, dass man bald keinen Gedanken mehr daran hat, dass es hier „nur“ um eine Maschine geht.

Nie wieder, geschworen! wird man nach diesem Abend den Laptop anpflaumen oder sich gewissenlos vom kaputten Toaster trennen! Dass einen derlei Gefühle überfluten, ist das Verdienst von Performerin Nora Winkler, sie auch die Sängerin der Band Binder & Krieglstein (www.binderundkrieglstein.com) und auch in „ALT“ für den Greifarm-Gesang zuständig, die den von Stefan Bauer eigens für das Stück gebauten Roboter wie eine überdimensionale Puppe bewegt, und so in Dialog mit Pflegerin Halper tritt.

Halper mit Robert Lepenik und Manfred Engelmayr. Bild: Marie Pircher

Nora Winkler ist als Roboter Trumpf, re: Victoria Halper. Bild: Marie Pircher

Der Blick, den einen Regisseur Windisch im Anschluss an die Vorstellung in den Rentner-Innenraum werfen lässt, macht Winklers Leistung noch großartiger, auf kleinstem Raum zu steuern, zu inter/agieren und dabei noch live Musik zu machen. Durch sie wird der Arm zum Lebewesen, das schaut, sichtlich denkt, buchstäblich begreift, reagiert. Berührend, wie dieses Geschöpf beim Die-Tage-Zubringen unter Depression und Langeweile leidet, bis ihm Halper den Fernsehapparat einschaltet und ihm Filme von seiner alten Fließbandarbeit vorspielt.

Ein Gebäudeabriss mit Longfront-Bagger wird da zum Actionreißer à la „Terminator“, während die Pflegerin sorgsam kalibriert und schmiert, Halper fabelhaft, wie sie die unaufgeregte Selbstverständlichkeit der stoischen Fachfrau darstellt. Herzzerreißend, wie die beiden Karten spielen, „Zehner, König, König, Trumpf“ singt die Maschine beim Zweierschnapsen, und auch „Liebe, Liebe, Liebe, Ass“, eine Schicksals- gemeinschaft, die zwischen Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis changiert, bevor, auch das ist Betroffenen bekannt, aus Innigkeit Renitenz wird. Und Inkontinenz.

Und Halper, die ihren Charakter beinah ausschließlich mit Gesten sprechen lässt, Putztuch/Erwachsenenwindel angewidert entsorgt. Als aber der Arm einen Albtraum hat, ist alles wieder gut zwischen ihnen, den Schal, den Halper an seiner Seite strickt, wird sie ihm zum Schluss als Geschenk umlegen – auch sie bis dahin im körperlichen Volleinsatz, da sie den Riesenarm samt Insassin Winkler mittels Hubwagen/Rollstuhl über die Spielfläche befördert.

Von – natürlich kostengünstigen – Pflegemaschinen, die niemals müde werden, schwärmen deren Hersteller. Nach Ansicht von „ALT“ können einem jedoch Zweifel kommen, ob die künstliche Intelligenz tatsächlich nicht zu Stimmungsschwankungen, Ungeduld, Erschöpfung neigt. In Japan ist Parlo auf dem Siegeszug, der kleine Serviceroboter, der 365 Unterhaltungsprogramme abspulen kann, vom Rätselraten bis zum Rhythmusspiel. Für jeden Tag eins in der Tristesse der Seniorenheime. Die Frage, ob alte Menschen derart nicht eigentlich noch mehr isoliert, da von wirklicher Kommunikation abgeschnitten werden, wird womöglich eine sein, die unsere Generation am eigenen Leib beantwortet finden wird. Wobei diese nach „ALT“ eindeutig so ist, dass man sich eine Pflegerin, wie die gezeigte wünscht …

Nächste Vorstellungen von 15. bis 19. Jänner.

bumbumpieces.at           www.wuk.at

  1. 1. 2020

Volkstheater: Der gute Mensch von Sezuan

Oktober 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Brechts Parabel bleiben ein paar illegale Teigtascherl

Im Schatten des im Wortsinn großen Bert Brecht: Andreas Patton, Steffi Krautz, Claudia Sabitzer, Nils Hohenhövel, Jan Thümer, Constanze Winkler, Lukas Watzl, Isabella Knöll und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wenn zum Schluss der Kurz’sche Satz fällt „Sozial ist, was stark macht“, dann ist die mutmaßliche Stoßrichtung des Abends endlich formuliert. Klar, Bert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ ist das Stück der Stunde, Robert Gerloff hat’s nun am Volkstheater inszeniert, wo man auch höchst p.c. die Autorinnen- schaft von Ruth Berlau und Margarete Steffin anführt. Einen Konnex zum „kapitalistischen Surrealis- mus“, wie ihn Markus Metz und Georg Seeßlen beschreiben, gibt der Regisseur als Referenz an.

Was bedeutet, wo’s früher „Ohne Fleiß kein Preis“ hieß, sind die Systemmacher heute die mit der größten Fähigkeit, aus nichts ein Etwas zu kreieren – Stichwort: Erfindungs/Reichtum. In dieses Konzept wird nun gezwängt, was sich nicht wehren kann. Gerloff schraubt seine extrem stilisierte, durchchoreografierte Inszenierung bis zum Anschlag auf artifizielles Konstrukt, als könne maximale Künstlichkeit ein Mehrwert fürs Zur-Kenntlichkeit-Entstellen sein. Dies ist wohl, was er unter epischem Theater versteht, und passend zu dieser fixen Idee ist das Bühnenbild von Gabriela Neubauer eine Art „Turm zu Babel“-Baustelle, von welcher der übermenschengroße, tatsächlich Zigarre qualmende Kopf des Godfather auf seine Kreaturen blickt, und sind es die Kostüme von Johanna Hlawica aus einem zu eigener Körperhaftigkeit gestärkten Kunst-Stoff.

Das tollste Teil trägt die „achtköpfige Familie“ in Form eines riesigen Ponchos mit je einem Kopfdurchschlupf für jeden von der Verwandtschaft – die Mischpoche als ein mächtiger Parasit. Das alles ist von ansprechender Ästhetik, allerdings verheddert sich Gerloff im Bemühen, Brechts Protagonistin Shen Te einer Gesellschaftsanalyse à la Metz/Seeßlen zu unterwerfen. Selbstverständlich kann man der Figur den Versuch einer aberwitzigen Verbindung von Profitgier mit humanistischem Gedankengut in die Schuhe schieben, freilich will die von der Prostituierten zur Tabakhändlerin Avancierte mittels eines imaginären Vetters ihre wirtschaftliche Interessen mit ihren Moralillusionen synchronisieren.

Nur steckt im Brecht-Text mehr Kritik an wachstumsimmanenten Unsinnigkeiten, sozialen Ungerechtigkeiten, am Primat permanenter Profitmaximierung, ergo an der Ausbeutung von Arbeitskraft, als die postfaktische Schulweisheit sich träumt. Was, während der Zuschauer in der Reihe hinter einem, weiß, männlich, offensichtlich wohlsituiert, laut über das längst überfällige Abschaffen von Arbeitnehmervertretungen angesichts „der zunehmenden Zufriedenheit der Berufstätigen mit dem Zwölf-Stunden-Tag“ philosophiert, hätte sich über die Verhältnisse in Sezuan nicht alles anmerken lassen?

Shen Te verwandelt sich Shui Ta: Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Jan Thümer als mit seinem Schicksal hadernder Flieger Yan Sun. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Über Abgehängte, Arbeitslose und den diesen aufgezwungene Ich-AGs, über Gehaltsschere und Schere im Kopf, über die sogenannten betrieblichen Umstrukturierungen, die immer beim Personalabbau in der Belegschaft beginnen … Doch ein wirkliches weiteres Ausführen der Parabel bis zur Situation der Gegenwart passiert nicht. Wiewohl Shen Te die Götter natürlich fragt, „Wie soll ich gut sein, wo alles so teuer ist?“, und diese vor der kapitalistischen Ökonomie kapitulieren. Am Volkstheater springinkerln sie ihr fröhliches Liedchen trällernd über die sich beständig drehende Bühne. Imre Lichtenberger Bozoki hat Paul Dessaus Musik für die dreiköpfige Band Raphael Meinhart, Oliver Stotz und er selbst der Trompeter eingerichtet, und wechselt den Sound zusätzlich von Genesis‘ „I Can’t Dance“ – samt dazu ausgeführtem Video-Walk – zum „The End“ der Doors.

Gerloff lässt sein Ensemble dazu hopsen und im Gleichschritt tänzeln. Louis de Funés‘ berühmtes „Nein! – Doch! – Oh!“ kommt zu Ehren, und da das Ganze bekanntlich in China angesiedelt ist – hurra, was ein Spaß! -, die berüchtigten sich illegal in Österreich aufhaltenden Teigtascherl. In dieser Sinnspruchszenerie spielt Claudia Sabitzer die Shen Te mit einem Anstand und einer Würde, die alles überstrahlt, und um nichts schlechter ihren ausgeklügelt gemeinen Cousin Shui Ta, ihr gewinnorientiertes zweites Ich, das der gutmütigen Wohltäterin die Schmarotzer vom Leib schneidet. Die neben Sabitzer eindrücklichste Rollengestaltung gelingt Gertrud Roll, die als die Shin die Ereignisse mit staubtrockenem Sarkasmus kommentiert – und trotzdem für Momente die warmherzige Mitmenschlichkeit dieses Charakters aufblitzen lässt.

Jan Thümer gibt den Flieger Yang Sun gebrochen genug, um seinen Weg vom schäbigen Liebhaber zum kleinlaut die bösartigen Einflüsterungen seiner Mutter befolgenden Söhnchen zum Peitschen schwingenden Vorarbeiter in der Tabakfabrik nachvollziehbar zu machen. Ein Anti-Held, wie er bei Brecht steht. Steffi Krautz ist als Mutter Yang wie Hausbesitzerin Mi Tzü geldgierig und intrigant, und versteht es, beide Frauen messerscharf gezeichnet über die Rampe zu bringen. Und apropos, Rampe: Immer wieder treten die Schauspielerinnen und Schauspieler auf Brecht-Manier in einen Lichtspot und aus ihren Rollen, um sich mit ihren Bemerkungen direkt ans Publikum zu wenden.

So tut’s auch „die achtköpfige Familie“, mit Thümer sind es Isabella Knöll, Günther Wiederschwinger, Constanze Winkler und Lukas Watzl, die wiederholt für witzige Einlagen sorgen. Sie alle agieren vielfach, wie Andreas Patton unter anderem als zwielichtiger Barbier, der gedenkt, sich durch eine Heirat mit Shen Te deren „Marke“ der Ehrbarkeit einzukaufen, oder Nils Hohenhövel, der als Schreiner vom zahlungsunwilligen Shui Ta in den Konkurs getrieben wird. Watzl bestreitet als Wasserverkäufer auch die erste Begegnung mit den Göttern.

„Die Shin“ Gertrud Roll kommentiert staubtrocken das Geschehen; hinten: Claudia Sabitzer und Steffi Krautz als Hausbesitzerin Mi Tzü. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Aber, wie gesagt: Mehr Sinnieren über Ursache und Wirkung vom Geld-regiert-die-Welt ist nicht, auch nicht über das mit dem Abhacken des ganzen Arms endende Reichen des kleinen Fingers, oder über Wohltätigkeit als Wertschöpfungsmaßnahme, oder über politische Veränderung, die im Kleinen gern beginnen kann, aber im Großen weitergehen muss. Der pädagogische Fingerzeig, der am Volkstheater mitunter überschnell zur Stelle ist, hinkt den hehren Absichten der Aufführung diesmal gehörig hinten nach. Schade. Über „Sezuan ist überall und insbesondere im neoliberalistischen Hierzulande“ wäre Ausführlicheres zu sagen gewesen.

Ein Satz zu Beginn dieser Rezension, einer zum Schluss: „Mir ist nicht so wichtig, wer mit wem regiert, mir ist wichtig, wer wofür regiert“, so Bundespräsident Van der Bellen bei der Erteilung des Regierungsbildungsauftrags an Sebastian Kurz. Hoffentlich steckt dieser Spruch in der Lichtenfelsgasse schon hinter einem der Spiegel.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2019

Volksoper: Orpheus in der Unterwelt

Juni 3, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wahrhaft himmlischer Höllenritt

Angestachelt von Pluto proben die Götter den Aufstand: Vincent Schirrmacher (li.) mit Gernot Kranner als Merkur, Birgid Steinberger als Diana, Elvira Soukop als Minerva, Jakob Semotan als Cupido, Christian Graf als Juno, Martin Winkler als Jupiter, Annely Peebo als Venus, Daniel Ohlenschläger als Mars und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Eric Stoklossa

Bei Jacques Offenbach werden die wirklich wichtigen Fragen gestellt, zum Beispiel: Muss man erst tot sein für ein Gläschen Rotwein? Kommt darauf an, gibt’s in der Hölle doch keine Promille- und ergo keine Schamgrenze, während im alkoholfreien Olymp gähnende Langeweile herrscht – neben Göttervater Jupiter, versteht sich. Also auf nach unten, wo Pluto nicht am Rebensaft und die Damen und Herren Teufelchen nicht an nackter Haut sparen. Welch ein Spaß ist diese Wiederaufnahme von „Orpheus in der Unterwelt“ an der Wiener Volksoper.

Anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten holt Hausherr Robert Meyer die Eröffnungspremiere seiner Direktionszeit aus dem Jahr 2007 auf die Bühne zurück, die Inszenierung von Helmut Baumann neu einstudiert von Karin Schnyol-Korbay, am Pult Guido Mancusi, und bis auf Meyer selbst als Hans Styx und Gernot Kranner als Merkur sämtliche Solistinnen und Solisten in Rollendebüts. Das Ergebnis ist ein gut gelaunter Operettenabend, ein wahrhaft himmlischer Höllenritt, mit viel ironischem Wortwitz und etlichen Ibiza-Anspielungen.

Das Ensemble zeigt sich einmal mehr nicht nur gesanglich sattelfest, sondern auch als großartige Komödianten, die mit Schwung und Spaß bei der Sache sind, und gilt es auf hohem Niveau zu mäkeln, dann einzig darum, dass man ein wenig mehr von dem Feuer, das die numinosen Brüder mit Blitz und Donner versprühen, auch das Orchester für die mal tirilierende und gurrende, mal tanzwütige und champagnerprickelnde Partitur hätte entflammen können. Durchaus mehr Einfallsreichtum hätte die Choreografie von Roswitha Stadlmann vertragen, wiewohl es sicher nicht einfach ist, etwas Neues zum Cancan zu erfinden.

Martin Winker als Göttervater Jupiter. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf als Juno und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer als Hans Styx und Rebecca Nelsen als Eurydike. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss als Orpheus mit den kessen Teufelchen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Ouvertüre wird zum Prolog, der erzählt, dass der Fürst der Finsternis eine Ehe als himmlisches Bündnis zu brechen gedenkt, um seine Macht zu demonstrieren. Da hat er beim „drittklassigen Tutti-Spieler“ Orpheus und der ihm überdrüssigen Eurydike nicht viel zu tun, sie verfällt dem vermeintlichen Schäfer – und Exitus. Rebecca Nelsen, mit schönem, höhensicherem, geschmeidig jubilierendem Sopran und Carsten Süss sind fabelhaft als letztlich Spießerpaar zwischen Blumentapeten-Tristesse, er ein sich selbst lorbeerkränzender Künstler, der an seine Geigenschülerinnen grapscht, sie ringend mit sehr viel Sexappeal samt entsprechendem Appetit. Auftritt Vincent Schirrmacher, wie immer auch stimmlich eine Freude, in Rockstarkluft, der die Schöne per Riesenjoint gefügig macht, was er eigentlich gar nicht muss.

Er ist ein charismatischer Unterweltler, und auch seine kuriose Truppe schwarzgeflügelter Untoter, die ihm stets auf den Fersen ist, macht Laune. Und während Süss‘ Orpheus noch den Abgang der Gattin bejubelt, trifft ihn die Öffentliche Meinung wie ein Schlag, Regula Rosin als knallharte Reporterin, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, die abendländischen Werte zu verteidigen und folglich und schon gar nicht einem Celebrity ein Lotterleben durchgehen lassen kann. Als Bittsteller machen sich die beiden auf Richtung Olymp, den Mathias Fischer-Dieskau weiland als Luxusspa angelegt hat, in dem die Götter in Bademänteln auf Wellnessliegen herumlungern und sich fadisieren, der Chor eine schläfrige High Society. Bis Pluto kommt, und ihnen zeigt, wie man den Aufstand probt für, natürlich, mehr antike Demokratie.

Nicht immer geht’s ja gut mit Aktualisierungen, oft genug bleiben Politanspielungen unfreiwillig peinlich, doch die aufgepeppte Textfassung von Peter Lund bringt das Premierenpublikum zum lauten Lachen. Wenn die Kinder des Olymp Chef Jupiter zu „Wir kennen dich, Jupiterlein“ jede Vorbildfunktion absprechen, weil er sich beim letzten Fremdgehen dummerweise auf Video hat aufnehmen lassen, was „Jupi“ freilich als mediale Schmutzkübelkampagne abtut. Wenn Pluto auf Jupiters korruptes Ansinnen, die entführte Eurydike miteinander zu teilen, reimt „kaum glaubst du, du hast den Hauptgewinn, hängst du schon im Verein mit drin“. Worauf Daniel Ohlenschläger als Mars meint, die Regierungsgewalt müsse nun Zack! Zack! Zack! von der nächsten Generation übernommen werden …

Die Unterwelt beehrt den Olymp: Vincent Schirrmacher als Pluto mit gruseliger Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Fortgang der Geschichte ist bekannt, Lokalaugenschein in der Unterwelt, wo Jupiter versucht, Eurydike als Stubenfliege zu erobern, die Öffentliche Meinung – und nicht nur sie – mit dem Vergessenswasser des Lethe betrunken gemacht wird, und sich alles im köstlichen Galop infernal auflöst. Wunderbar ist Martin Winkler mit dem ihm eigenen voluminösen Bariton als Jupiter, den er zwischen komisch-gravitätisch und tollpatschig intrigant changieren lässt.

Robert Meyer im HipHop-Aufzug ist ein hinreißend untertänigst nervtötender Hans Styx. Wie er in seinem Couplet „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ ein Höchstmaß an bezirzender Höflichkeit zusammenstammelt, ist vom Feinsten. Birgid Steinberger als Diana, Annely Peebo als Venus und Elvira Soukup als Minerva sind ganz im Divenmodus, Jakob Semotan ist ein aufmüpfiger Teenager-Cupido. Bleibt die Götterkönigin der Herzen, Christian Graf, der die Juno nicht nur mit seiner delikaten Silhouette, sondern auch mit Opéra-bouffe-mäßiger Würde ausstattet. Mit einer solch „herrlichen“ Grande Dame im Ensemble, könnte sich die Volksoper trotz des großen Vorbilds ruhig wieder an eine „La Cage aux Folles“ wagen.

Video: www.youtube.com/watch?v=s2vZOZgt-8E

www.volksoper.at

  1. 6. 2019

Theater Drachengasse: nach Lulu

Dezember 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Verführerin ist in die Jahre gekommen

Michaela Hurdes-Galli und Lorenzo Tonello. Bild: © Barbara Pálffy

Ein Gedankenexperiment wagen Michaela Hurdes-Galli und Tochter Pippa Galli derzeit im Theater Drachengasse. Als Drachengasse-Koproduktion mit ihrer Truppe „Theaterblau“ zeigen sie die Versuchsanordnung „nach Lulu“. Eine Uraufführung nach Frank Wedekind. Dessen wilhelminisches Enfant terrible ist in die Jahre gekommen. Eine alternde Verführerin ist es, die Michaela Hurdes-Galli spielt, doch scheint sie sich im Laufe des Abends zu verjüngen.

Bis erneut ein Kind auf der Bühne steht. Ihr zur Seite Lorenzo Tonello, der letztverbliebene Mann und doch auch alle Männer in Lulus Leben. Goll, Schwarz, Schigolch und natürlich Dr. Schön. Als solcher, „Erdgeist“-Kenner wissen es, gleichsam auch ein Alter Ego des Autors. Klug gehen die beiden Projektentwicklerinnen nicht nur der Frage nach dem Mythos der Wedekind’schen Figur nach, sondern auch der, wieweit sich das Frauenbild seit 1898 verändert hat. Dazu gibt es spielshowartige Sequenzen, in denen Themen erörtert werden, wie „Wie unsicher muss man sein, um es nötig zu haben, sich überlegen zu fühlen?“ In diesen Momenten ist die Aufführung Satire.

Der Text ist eine Collage, umfasst neben eigenen Passagen unter anderem auch Marguerite Duras, Daphne du Maurier, Jean Cocteau, Marcel Proust, Else Lasker-Schüler, Paul Celan – und Christiane F. Diese Off-Texte kommen via Video von Anna Maria Eder, Pippa Galli, Manfred Baschiera, Thomas Kamper, Hans Wagner und Hendrik Winkler.

Michaela Hurdes-Galli und Lorenzo Tonello. Bild: © Barbara Pálffy

Michaela Hurdes-Galli und Lorenzo Tonello. Bild: © Barbara Pálffy

Da steht es nun also, das süße Wunderkind, mit Stock und schlechtem Bein, und abgeflogen sind die Männer, und philosophiert übers sich wild Ausleben und die ideale Verbindung. Michaela Hurdes-Galli bestimmt das Bühnengeschehen, wie wohl nur sie es kann. Im Spiel träumt sie mehr als sie wacht, versucht Antworten zu erträumen auf Fragen, die unbeantwortet geblieben sind aus ihrem Leben.

Sie kontert den Stimmen, sie rebelliert und stimmt manchmal zu, anerkennend, dass was war, Gültigkeit hat, unveränderbar ist. Zukunft sieht sie keine mehr. Was ihr bleibt, ist der geistige Raum, das Erkennen, soviel als möglich noch, wenn geht … „Diese Abstumpfung“, zitiert sie Schön immer wieder, „braucht keine endgültige zu sein“. Oder sie sagt: „Sexualität bedroht prinzipiell jede gesellschaftliche Ordnung“.

Wer war und wer wahr ist, wer hier wen imaginiert, das müssen die Zuschauer selbst entscheiden. Denn sowohl behauptet Sie, dass er nicht da sei, als auch Er, dass sie ein Gedanke sei, den er „loswerden“ wolle. Loslassen müsse.

„nach Lulu“ ist ein rätselhafter Abend, der sich nie ganz die Maske vom Gesicht nimmt, und darum umso faszinierender. Eine spannende, moderne Auseinandersetzung mit einer der bekanntesten literarischen Frauengestalten – und gewollt auch wie eine Büchse der Pandora auf der Bühne.

www.drachengasse.at

www.muni.at/nach_lulu/start.html

  1. 12. 2017

Theater zum Fürchten: Der Herr der Zwiebelringe

November 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Tollkühns“ Meisterwerk zum Totlachen

Die Helden sind unzufrieden mit ihrem Gamemaster: Randolf Destaller, Robert Elsinger, Hendrik Winkler, Benjamin Ulbrich, Eva-Maria Scholz, Hans-Jürgen Bertram, Thomas Marchart und Samantha Steppan. Bild: Bettina Frenzel

Witziger und geistreicher als gestern Abend kann ein Fasching kaum beginnen. In der Scala, der Wiener Spielstätte des Theaters zum Fürchten, hatte rechtzeitig zum 11. 11. die aktuelle Dinnerproduktion „Der Herr der Zwiebelringe“ Premiere. Und es war köstlich zu sehen, wie genüsslich Intendant und Regisseur Bruno Max sich die gesamten heiligen Schriften von J.R.R. Tolkien aneignete.

Wie er sie verwurstete, und unter Beimengung der Gewürzmischung H.N. Beard und D.C. Kennedy, mit einem Schuss Saturday Night Live und einer Prise College Humour Network als Festschmaus kredenzte. Zwölf Darsteller und zwei Stunden braucht Bruno Max nun für seinen „endlosen Waldspaziergang durch magische Welten“, eine liebenswerte und feinsinnige Persiflage, die die Herzen der höchst amüsierten Gäste im Wirtshaus zum Grindigen Eber höherschlagen ließ.

Gespielt wird wie immer mitten unter ihnen, denn Bruno Max hat sich fürs Abenteuer einen Kniff einfallen lassen: Randolf Destaller fungiert als Gamemaster, der mit dem D20-Würfel über das Schicksal der Geschöpfe „Tollkühns“ in Oberuntererde verfügt. Da kann’s schon mal sein, dass bei einer Vier alle einen Schnupfen kriegen, oder bei 14 alle eine Runde aussetzen müssen, weil Glamrock seinen Zaubererhut verloren hat, und der gesucht werden muss. Kein Wunder also, dass die Helden bald mit ihrem Spielleiter Streit anfangen.

Die Helden, die da sind: Bingo Windbeutel und Spam Semmelschmarrn, Thomas Marchart und Robert Elsinger, zwei illegale Pfeifensubstanzen rauchende Wobbits, der eine genervt und depressiv, der andere naiv und notgeil. Der vergesslich-senile Zauberer Glamrock, Hans-Jürgen Bertram. Amalgan, Benjamin Ulbrich, ein selbstverliebt-dämlicher Waldläufer. Der Elb Lemongrass, Hendrik Winkler, der sich selbst über seine sexuelle Orientierung nicht so sicher ist (großartig auch das aus Markennamen bestehende Elbisch, das er mit seiner Königin Migraene spricht). Perlon, Eva-Maria Scholz, der martialische Zwerg. Und zwecks Frauenquote: W-Lana, Samantha Steppan, die WaldläuferIn.

Bingo findet das Geschöpf Scrotum …: Thomas Marchart und Peter Fuchs. Bild: Bettina Frenzel

… und Lemongrass und Perlon endlich zueinander: Eva-Maria Scholz, Hendrik Winkler, Samantha Steppan und Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Glamrock und der Bullprog von Mordio: Hans-Jürgen Bertram und Helmut Frauenlob. Bild: Bettina Frenzel

Bingo, bedroht von den Schwarzen Reitern: Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Absolutes Highlight des Abends ist Peter Fuchs als ehemaliger Schmierkaas, nun genannt Scrotum. Sind schon die anderen Darsteller optisch bestens Peter Jackson, so beweist Bruno Max mit der Figur Scrotum, dass er kein ausgeklügeltes CGI braucht, um atemberaubende Kreaturen und Bilder zu erschaffen. Fantasy ist eben eine Frage der Fantasie!

Die glorreichen Sieben brechen also auf, um Onkel Dildos Großen Ring im Berg der Verdammnis zu versenken, und treffen dabei wie vorgesehen auf allerlei düstere Wesen: Synonym, der Thesaurus, wird von Glamrock mit einem uralten Kartentrick besiegt, der alle ein Level höher bringt. Mit dem Bullprog von Mordio allerdings stürzt er in die Tiefe. Bingo wird von den Schwarzen Reitern bedroht, aber setzt er seine Nerd-Brille auf, müssen sich die Orks im Wortsinn totlachen. Als er aus dem Ring, um ihn sicher zu verwahren, einen Prinz Albert macht, erweist sich das bald als weniger gute Idee. Die Kampfschafreiterin von Ray Ban, Anna Sagaischek, eilt zur Hilfe. Doch gefährlich ist’s, den Satz zu sagen: Hier spu(c)kts ja wirklich!

Derweil muss sich W-Lana über eine Bikini-Rüstüng von Zwerg Dralon ärgern, doch Lemongrass und Perlon finden in der Gefahr endlich zueinander. Die Seherein AchundWeh, Jackie Rehak, sieht zu viel Gutes, auch Hillary Clinton als US-Präsidenten, dafür will der Truchsess von Danclor, Helmut Frauenlob als Donald-Trump-Klon, der Truppe nur Böses, und außerdem eine Mauer gegen die Orks bauen, die Sagrotan bezahlen soll. Der entpuppt sich schließlich als Großunternehmer mit Globalisierungsbestrebungen, der den schwach werdenden Helden eine Gewinnbeteiligung anbietet. Doch der Streit mit dem Gamemaster eskaliert, Alea iacta est, wie einer von Glamrocks lateinischen Sprüchen lauten würde, und so sind am Ende alle …

Noch schnell zum Menü: Es gibt Ente auf Elbenart (Warnhinweis: kann Spuren von Zwergen enthalten), Wobbinger Rotkraut mit Preisselbeeren, Erdtuffeln aus dem Sauenland, Berserker-Met – und natürlich Zwiebelringe.

Bruno Max im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27073

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 11. 2017