Wiener Festwochen: Mary Said What She Said

Juni 1, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sensationelles Solo einer Schauspielkönigin

Bild: © Lucie Jansch

Die Aura eines Weltstars einzuatmen, dafür ist das Wiener Theaterpublikum immer schon zu haben gewesen. Nun also findet man sich im MuseumsQuartier von Angesicht zu Angesicht mit der grandiosen Isabelle Huppert, die französische Schauspielikone und Michael-Haneke-Intima, die bei den Festwochen einen Maria-Stuart-Monolog vollführt. „Mary Said What She Said“ heißt der fulminante Abend, natürlich restlos ausverkauft.

Für den Huppert nach „Orlando“ 1993 endlich wieder mit Regiegroßmeister Robert Wilson und Autor Darryl Pinckney zusammenarbeitet. Pinckneys Test orientiert sich an Originaldokumenten wie Briefen ebenso, wie am Stefan-Zweig-Roman und mutmaßlich auch an Schillers großem Königinnendrama. Mit einem Verweis für Auskenner geht die Aufführung auch los, die drei Schläge der dilettantischen Hinrichtung, die später dumpf zu hören sein werden, und die Mär vom Schoßhündchen, das Maria unter ihren Röcken versteckt hielt, und das, nachdem der Kopf schließlich gefallen war, blutverschmiert und verängstigt unter dem roten Stoff hervorstiebte. Wilson lässt in einem goldenen Bilderrahmen, der einen royalen Samtvorhang teilt, einen kleinen Terrier in Loops laufen. Er spitzt die Ohren zur Drehorgelmusik, fixiert die eintreffenden Zuschauer, dann geht’s wieder im Kreis dem eigenen Schwanz hinterher. Bis es als Untertitel dasteht: „You fool me, I’m not too smart“, ein weiterer, ein zynischer Fingerzeig auf die Ausweglosigkeit der Lage, in der sich die Getriebene in der Gefangenschaft befindet.

Vorhang hoch und Blick frei auf den Wilson-typischen leeren Raum. Die schottische Königin steht weit entfernt, eine Silhouette im Gegenlicht eines gigantischen Rundhorizonts, in dem beständig dämmriges Grau, rote Schlieren, bleiches Blau ineinander verschwimmen. Als wär’s ein Gemälde in Bewegung. Das Spiel der Huppert darin ist statisch, in dunkelbrokatener Robe inszeniert sie majestätisch Gesten und Posen, zelebriert sie den Auftritt Marias als immer noch Herrscherin. In Wilsons raffinierter Bewegungschoreografie wirkt sie wie eine Marionette, die der Meister per einer rätselhaften Maschine kontrolliert. Musik setzt ein, komponiert von Ludovico Einaudi, wechselt von feierlich zu melodramatisch zu bedrohlich – und ist mitunter so dicht, dass sie wie eine weitere von außen wirkende Kraft ist, gegen die die Königin sich stemmen muss. Was Darryl Pinckney der Huppert auf den Leib geschrieben hat, ist der Gedankenstrom, der in den letzten Momenten vor ihrem Tod durch Marias Kopf wirbelt.

Bild: © Lucie Jansch

Bild: © Lucie Jansch

Wild kreist ihre Gefühlswelt, wenn sie über Familie spricht, ihre kindlich-geilen, seelisch schwachen Männer, die Last ihrer Schönheit, den Hass auf die Schwiegermutter, ihre Feindin, „die gepuderte Jungfrau“, die Liebhaber durch die Hintertür hereinlässt, immer wieder kommt die Rede auf jene anderen vier Marys, wie sie damals kleine Mädchen, die ihr als Kammerdienerinnen nach Frankreich mitgegeben wurden. Sie grübelt über das Schicksal ihrer Haustiere, über Katholizismus und Kerkerhaft, über Macht, Liebe und Verrat. Dabei enthalten ihre Worte keinen Funken Verzweiflung oder Bedauern, sie sind vielmehr ein Versuch, ein Leben in politischen und privaten Vorkommnissen, zwischen Intrige, Mord und dem Chaos der eigenen Existenz zu fassen. Die Marys von früher adressiert sie dabei, als könnte sie sie tatsächlich noch ansprechen – vor wem sich rechtfertigen und wofür?

Lange agiert Huppert im Schatten. Jacques Reynauds Kostüm lässt ihren Kopf wirken, als wäre er bereits vom Körper abgetrennt, totenweiß gepudert liegt er auf der Halskrause, ein Objekt in Wilsons in ihrem Minimalismus plakativen Tableaux, wie ein hell leuchtender Schuh oder gegen Ende ein Stuhl, den Lichtstrahlen und Nebelschwaden auf seine wohl transzendente Bedeutung hin betonen. Alldieweil wird Mary auf ihrem Weg auf die andere Seite zunehmend jenseitiger. Huppert steigert sich in rasantem Tempo und ungeheurer Präzision in einem Sog aus Emotionen, der tiefe Fall einer hoheitlichen Frau, dass es einen Staunen macht.

Ihr Gesicht dabei eine einzige Verachtung, Hohn und Spott über ihre Gegner, dann wieder grelles Lachen, ein Grunzen, ein Brabbeln, ein Antworten auf die eigene Stimme, als würde der Wahnsinn sie längst regieren. Sie tanzt eine einsame Quadrille, durchmisst die Bühne mit rudernden Armen oder im Rückwärtsgang die Schräge hinauf – in furioser Trance schneidet sie Wilsons Raum in Teile, der sich prompt von oben herab meldet. „Mary Said What She Said“ ist als Gesamtkunstwerk perfekt, die Ästhetik, kühl und kühn, kontrastiert mit der exaltierten Performance der Huppert. Dass Maria Stuart sich immer als „die einzig Wahre“ bezeichnet hat, ist bekannt. Gleiches mag nach diesem Solo einer Schauspielkönigin auch für Isabelle Huppert gelten.

www.festwochen.at

  1. 5. 2019

Museum der Moderne Salzburg: Ana Mendieta …

März 28, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

… im Dialog mit dem Wiener Aktionismus

Ana Mendieta: Untitled (Glass on Body Imprints), 1972, Suite of six colour photographs, estate prints, 65 x 48 x 2,3 cm; Untitled (Body Tracks), 1974, Colour photograph, lifetime print, 25,4 x 20,3 cm, Collection Igor DaCosta; Untitled (Facial Hair Transplant), 1972, Suite of seven colour photographs, estate prints 1997, 32,4 x 48,9 cm; alle: © The Estate of Ana Mendieta Collection, L.L.C. Courtesy Galerie Lelong, New York and Paris and Alison Jacques Gallery, London

Ana Mendieta: Untitled (Glass on Body Imprints), 1972, Suite of six colour photographs, estate prints, 65 x 48 x 2,3 cm; Untitled (Body Tracks), 1974, Colour photograph, lifetime print, 25,4 x 20,3 cm, Collection Igor DaCosta; Untitled (Facial Hair Transplant), 1972, Suite of seven colour photographs, estate prints 1997, 32,4 x 48,9 cm; alle: © The Estate of Ana Mendieta Collection, L.L.C. Courtesy Galerie Lelong, New York and Paris and Alison Jacques Gallery, London

Ab Mitte März werden im Museum der Moderne Salzburg die ersten Ausstellungen und Veranstaltungen präsentiert, die unter der neuen Leitung von Sabine Breitwieser ausgerichtet werden. Los geht’s am 29. März mit Ana Mendieta. Traces. Das Museum der Moderne Salzburg widmet der US-amerikanischen Künstlerin erstmals im deutschsprachigen Raum eine umfangreiche Retrospektive und stellt ihre Werke mit der parallel gezeigten Ausstellung Im Dialog: Wiener Aktionismus inhaltlich zueinander in Beziehung.

Ana Mendieta zählt zu den bedeutendsten und einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit. Sie wurde 1948 in Kuba geboren und im Alter von zwölf Jahren von ihren Eltern gemeinsam mit ihrer Schwester in die USA geschickt, um dort aufzuwachsen. Sie kam 1985, mit erst 36 Jahren, in New York ums Leben. Ihr bahnbrechendes  Werk wurde in großen Retrospektiven in den USA und Europa gewürdigt und ist in Sammlungen wichtiger Museen vertreten. Eine umfassende Ausstellung im deutschsprachigen Raum, insbesondere in Österreich, und die erste deutsche Monografie über Ana Mendieta sind längst überfällig. Die Ausstellung präsentiert mit rund 150  zentralen Arbeiten in einer Vielzahl von Medien, die von Fotografie, Film und Skulptur  bis zur Zeichnung reichen, einen umfangreichen Überblick. In einer großen Sektion  wird das Archiv der Künstlerin präsentiert; Kleinbilddias und Fotografien, Notizbücher und Postkarten werden eigens für die Ausstellung aufbereitet. Mendieta widmete ihre Arbeit der Suche nach ihrer Herkunft und Identität. Im  Laufe ihrer kurzen Karriere – und ihres ebenso kurzen Lebens – schuf die Künstlerin ein radikales wie originelles Werk, in dem sich ihr Interesse an der Wechselbeziehung zwischen Ritualen und Skulptur, zwischen Körper und Natur manifestiert. Unter Einsatz ihres eigenen Körpers in Verbindung mit elementaren Materialien wie Blut, Feuer, Erde und Wasser kreiert sie „Körperbilder“ und vergängliche „Erdkörper“-Skulpturen. Mendieta lotet darin Themenkomplexe wie Leben und Tod, Wiedergeburt und spirituelle Transformation aus. Der Schmerz und Bruch durch kulturelle Vertreibung und Exil sind in einigen ihrer Werke deutlich lesbar. Die Umrisse des Körpers der Künstlerin werden beispielsweise durch Schwarzpulver, Feuerwerk oder Wasser ausgelöscht. Mendieta formt Darstellungen von antiken Göttinnen aus Sand, ritzt sie in Felsen, schreibt sie in Ton oder auf Blättern ein. Die künstlerischen Medien, die sich Mendieta in ihren Arbeiten zunutze macht, könnten unterschiedlicher nicht sein, aber die Bilder, die sie herstellt, sind von einer unverwechselbaren, überwältigenden und mystischen Poetik gekennzeichnet.

Zeitgleich beginnt die Schau Im Dialog: Wiener Aktionismus. Gezeigt werden Arbeiten von Renate Bertlmann, Günter Brus, VALIE EXPORT, Adolf Frohner, Anestis Logothetis, Otto Muehl, Hermann Nitsch, Friederike Pezold und Rudolf Schwarzkogler. Das Museum der Moderne Salzburg widmet erstmalig eine eigene Ausstellung  KünstlerInnen und Werken aus der Sammlung, die mit dem sogenannten Wiener Aktionismus assoziiert werden. Zusätzlich werden in einem Raum Werke von Künstlerinnen gezeigt, die einen gänzlich anderen Körperbegriff und ein neues Frauenbild ins Zentrum rücken und in Zusammenhang damit eine Medienkritik einbringen. Dieser spezielle Fokus auf die Sammlung des Museum der Moderne Salzburg erschließt überraschende Bestände, die durch ihren Umfang und mit bislang kaum gezeigtem Material beeindrucken. Aus dieser Vielfalt kann eine Geschichte der Repräsentation von körperbezogener Kunst abgelesen werden, die deren Entwicklung in den letzten Dekaden verdeutlicht.

Dass diese Ausstellung parallel zur Retrospektive von Ana Mendieta stattfindet, passiert natürlich nicht ohne Grund. Während ihres Studiums bei Hans Breder am Intermedia Program an der School of Art and Art History der University of Iowa, USA, das dieser ab 1968 mehr als drei Dekaden lang geführt hatte, wurde Mendieta mit der Arbeit von KünstlerInnen wie Vito Acconci, Mary Beth Edelson, Hans Haacke, Allan Kaprow oder Robert Wilson, aber auch mit den Wiener Aktionisten  vertraut. Das hat in den Performances und der künstlerischen Praxis von Mendieta einen deutlichen Widerhall gefunden. Die teilweise radikale Auseinandersetzung mit  dem Körper als künstlerischem Medium, die gezielte Auswahl von Fotografien, denen  die Aufgabe zukommt, ein performatives Werk im Galerienkontext zu vermitteln, sowie  der experimentelle Umgang mit Konzepten und Disziplinen sind nur einige dieser  Verbindungen, die wir heute erkennen können.

www.museumdermoderne.at

Wien, 28. 3. 2014

Berlinale: Grand Budapest Hotel

Februar 3, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wes Andersons Komödie ist der Eröffnungsfilm

Gustave H. (Ralph Fiennes), Zero Moustafa (Tony Revolori), Madame D. (Tilda Swinton) Bild: © 2013 Fox Searchlight

Gustave H. (Ralph Fiennes), Zero Moustafa (Tony Revolori), Madame D. (Tilda Swinton)
Bild: © 2013 Fox Searchlight

Ralph Fiennes, F. Murray Abraham, Mathieu Amalric, Adrien Brody, Willem Dafoe,  Jeff Goldblum, Harvey Keitel, Jude Law, Bill Murray, Edward Norton, Tilda Swinton, Owen Wilson. Das ist eine Auswahl der Stars, die sich in Wes Andersons jüngstem Streich „Grand Budapest Hotel“ tummeln. Die Komödie wird am 6.  Februar als Weltpremiere  die  64.  Internationalen Filmfestspiele Berlin im Wettbewerb eröffnen und Mitte März in die Kinos kommen. Die Produktion  erzählt  im  typischen  Wes-Anderson-Stil  von Gustave H. (Fiennes), dem legendären Concierge  eines  berühmten europäischen Hotels, und seinem Hotelpagen und Protegé  Zero  Moustafa. Zur Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, als  Europa sich im Umbruch befindet, schweißen  die  Turbulenzen  und  Abenteuer rund um den Diebstahl eines wertvollen  Renaissance-Gemäldes  und  der Streit  um  ein  großes  Familienvermögen die beiden zusammen. Angesiedelt in einem fiktiv-nostalgischen (osteuropäischen) Kurort der Republik Zubrowka schuf Anderson eine märchenhafte Post-Belle Epoque-Welt in satten Farben. Unter denen Nationalsozialismus-Braun und Kommunismus-Rot nicht fehlen. Er habe sich, sagt der Regisseur im Interview, von den Screwball-Comedies der 1930-Jahre ebenso inspirieren lassen wie natürlich von Stefan Zweig. So entstand Andersons ureigene Welt von gestern.“Ich habe in der Vorbereitung aber auch Hannah Arendts ‚Eichmann in Jerusalem‘ und ‚Suite Française‘ von Irène Némirovsky gelesen. Obwohl beide Bücher nicht unmittelbar mit meinem Film zu tun haben, lieferten sie mit ihren scharfen Politanalysen den historischen Subtext.“

Als Anderson die Figur des Gustave H. schuf, hatte er als Darsteller bereits Ralph Fiennes im Hinterkopf. Der zeigt sich nun als konfus-chaotischer Concierge nicht nur von seiner besten schauspielerischen Seite, sondern auch äußerst angetan von der Zusammenarbeit: „Ich liebe den bittersüßen Unterton des Films. Er ist so distinguiert. Wes gelingt ein ungewöhnlicher Mix aus Leichtigkeit, schweren Themen und heftigen Emotionen. Sein Sinn für Humor, sein Blick auf die Welt sind einzigartig“, sagt er. Und über seine Rolle: „Gustave ist wie ein Fleisch gewordener Schlüssellochblick auf die ,gute, alte Zeit‘ während sich diese gerade verabschiedet.“ Für Action im Film sorgt das Ableben der 84-jährigen Komtesse Madame Céline Villeneuve Desgoffe und Taxis, genannt Madame D., gespielt von der fabelhaften Tilda Swinton. Damit nämlich beginnt das Hauen und Stechens um angeblich immense Erbe. Es treten auf Adrien Brody als sinistrer Bösewicht-Sohn der Verblichenen, dessen Gefolgsmann Willem Dafoe – der sich „wie in einen Lubitsch- oder Billy-Wilder-Film zurückversetzt“ fühlte – und Militärpolizeichef Albert Henckels, gespielt von Edward Norton. Letzterer lobt nicht nur die Arbeit vor der Kamera, sondern auch die Stimmung dahinter: „Wes schafft es am Set eine familiäre Atmosphäre zu schaffen. Wir kamen uns vor, als wären wir tatsächlich Mitglieder der von ihm erfundenen Gesellschaft der gekreuzten Schlüssel, in der Concierges aus den besten Hotel in aller Welt versammelt sind, die dem des Mordes an der Komtesse verdächtigten Gustave zu Hilfe eilt.“ Norton lacht. Das wird bald auch das Publikum. Denn Wes Anderson gelang einmal mehr ein Film für Herz und Hirn, zum Nach-Denken und Er-Spüren, ein Nachweis dafür, dass der tiefste Ernst in der luftigsten Komödie steckt.

www.berlinale.de

www.grandbudapesthotel.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=1Fg5iWmQjwk

Wien, 3. 2. 2014

Volkstheater: Woyzeck

Dezember 20, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Vollgas Richtung Vernichtung

Christoph F. Krutzler, Susa Meyer, Thomas Bauer, Haymon Maria Buttinger, Ronald Kuste, Thomas Kamper Bild: © Lalo Jodlbauer

Christoph F. Krutzler, Susa Meyer, Thomas Bauer, Haymon Maria Buttinger, Ronald Kuste, Thomas Kamper
Bild: © Lalo Jodlbauer

Der Buttinger ist ein Viech. Geschunden, gehetzt, gedemütigt; einer, der leicht zu verletzen ist in seinem Käfig. In diesem Sinne ein Viech. Einer, der anrührt – und da, plötzlich, die Bestie in sich bloßlegt. Ein Viech eben. Haymon Maria Buttinger ist der „Woyzeck“ am Volkstheater. Ein Ausnahmeschauspieler. Keiner Regel unterworfen, außer der simpel verzwickten zu sein. Michael Schottenberg inszenierte ihn und um ihn das Fragment von Büchners Fragment, nämlich die Fassung von Robert Wilson, Wolfgang Wiens und Tom Waits. Letzterer schuf dafür Songs wie „Misery Is the River of the World“ www.youtube.com/watch?v=UDjEDmgytOA , „Everything Goes to Hell“ www.youtube.com/watch?v=1V-sKVGDEiU, „Lullaby“ www.youtube.com/watch?v=TzVN7gjXXOU oder „A Good Man Is Hard to Find“ www.youtube.com/watch?v=3mOS1msOfT8 (alle auf dem Blood-Money-Album, 2002). Am Volkstheater findet die wundersame Waits-Vermehrung statt. Unterstützt von Imre Lichtenberger-Bozokis Band und Beatboxerin Sara „Herzschlag“ Siedlecka rauzt, röhrt, röchelt, reibeist sich das Ensemble durch die Musik, dass es eine Freude ist. Und die Stimmung rockkonzertmäßig. Am Volkstheater sind sie immer am besten, wenn sie stromaufwärts schwimmen. Das Publikum jubelt.

Der einfache Soldat Franz Woyzeck, der seine Freundin Marie und das gemeinsame uneheliche Kind finanziell zu unterstützen versucht, arbeitet als Bursche für seinen Hauptmann. Um sich einen zusätzlichen Verdienst zu seinem mageren Sold, den er restlos an Marie abgibt, zu sichern, lässt er sich von einem skrupellosen Arzt zu Versuchszwecken auf Erbsendiät setzen (Buttinger ließ sich als äußeres Zeichen für die Mangelernährung büschelweise die Haare ausrasieren). Hauptmann und Arzt nutzen Woyzeck physisch und psychisch aus, sie quälen ihn in aller Öffentlichkeit. Als Marie heimlich eine Affäre mit einem Tambourmajor beginnt und Woyzecks aufkeimender Verdacht sich bestätigt, glaubt er, innere Stimmen zu hören, die ihm befehlen, die treulose Marie umzubringen. Weil sein Geld für den Kauf einer Pistole nicht ausreicht, besorgt er sich ein Messer, führt Marie auf einem abendlichen Spaziergang in den nahegelegenen Wald und ersticht sie dort am Ufer eines Sees … Das Bühnenbild von Hans Kudlich, die Kostüme von Erika Navas, das Spiel unter Schottenbergs Anleitung haben weniger mit Stadt, Land, Kasernenhof zu tun. Sie erinnern an Peter Brooks 1967er-Arbeit über Peter Weiss‘ „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“. Ein Schlammschlachthaus ist auf die Bühne gestellt, grauslicher Gatsch, in dem sich die dreckigspitalsweiß gewandete Menschheit suhlt. Das Leben besteht aus Blut und Scheiße. Und wenn Woyzeck in den Himmel kommt, wird er dort nicht fürs Donnern, sondern für die Regentränen zuständig sein. Thauet, Himmel, den Gerechten, Wolken, regnet ihn herab, rief das Volk in bangen Nächten … Hier endet’s mit Feuer. Und beginnt mit Darstellern, die wie Marionetten vom Schnürboden herabgelassen werden. Der Bad-Hair-Day ist Programm und gäbe es Geruchstheater würde es brunzeln. Bühnen- und Unterbühnenturnen ist angesagt, Tempo alles. Stürmen, wenn’s einen drängt. Denn wenn schon, denn schon: Mit Vollgas Richtung Vernichtung.

So verkündet es auch Thomas Bauer als nosferatuhafter Ausrufer. Er spricht anfangs Passagen aus Büchners Schrift „Der Hessische Landbote“, ein Appell ans Publikum: „Die Herren sitzen in Fräcken beisammen und das Volk steht gebückt vor ihnen“ … Thomas Kamper gibt den alles Schnelle fürchtenden Hauptmann, „Doctor“ Ronald Kuste agiert wie auf Speed. Unter lauter Irren umzingelt ihn der Wahnsinn am Wahrhaftigsten. Er holt sich dafür Szenenapplaus ab. Tany Gabriel ist ein sexy Stromgitarrengott Andres, tätowiert und unfrisiert, dessen Warnungen naturgemäß in den Wind geschlagen werden. Christoph F. Krutzler verfolgt als Tambourmajor seine sinistren Pläne mit behäbiger Beharrlichkeit. Groß = mächtig = brutal. Matthias Mamedof mit seinem hinreißenden Sopran ist der Narr Karl, ein gespenstischer Alien-Albino mit weißem Schlotterhaar, farblosen Augen, Windel – und gleichzeitig auch Alter Ego von Maries und Woyzecks Sohn. Verloren, verlassen, wird er die Reise zu Sternen antreten, die ihm nicht leuchten. Next Generation No Future. Soundmachine Susa Meyer spielt eine in jeder Spielart des Wortes geile Nachbarin Margreth. Was kann diese Frau singen! Und Hanna Binder! Wie sie „A Good Man Is Hard to Find“ www.youtube.com/watch?v=Ntanv10we4M#t=0 interpretiert. Only strangers sleep in my bed. Marie, meist eine dralle, dummdreiste Dirne, wird bei ihr zum fragilen Vergewaltigungsopfer. Irgendwie verwirrt, irgendwie auf Droge, taumelt sie durchs Geschehen und mit offenem Herzen ins Messer. Ein Opfertier. Wie ihr Viech Woyzeck, der Buttinger, an dem sich die Zeit ihre Zähne angenagt hat. Er ist der König dieser Kummergesellschaft. Schont sich nicht,verprügelt sich, so es die anderen nicht tun, selbst. Mit einer Stuhllehne. Kaum zum Aushalten. Und deshalb brillant. Nie wurde eine Marie liebevoller zu Tode gebracht. Am Ende eine Umarmung. Aber eine mit scharfer Klinge. If there’s one thing you can say about Mankind, there’s nothing kind about man.

www.volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/volkstheater-direktor-michael-schottenberg/ im Gespräch mit Woyzeck-Darsteller Haymon Maria Buttinger

Wien, 20. 12. 2013

Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg …

November 7, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

… im Gespräch mit seinem Woyzeck-Darsteller

Haymon Maria Buttinger

Haymon Maria Buttinger Bild: © Lalo Jodlbauer

Haymon Maria Buttinger
Bild: © Lalo Jodlbauer

Am 22. November hat am Volkstheater „Woyzeck“ Premiere. Allerdings nicht das Stück-Fragment von Georg Büchner, sondern eine konzeptive Fassung von Wolfgang Wiens und Robert Wilson mit Songtexten von Tom Waits. Hausherr Michael Schottenberg führt Regie, Haymon Maria Buttinger spielt den Woyzeck. Woyzeck ist eine jener leidenden Gestalten, die Büchners Mitleid immer wieder hervorgerufen haben, wie ein Brief an die Familie im Februar 1834 zeigt: „Ich verachte niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden – weil wir durch gleiche Umstände wohl alle gleich würden, und weil die Umstände außer uns liegen.“ Das Fragment, das auf einer wahren Begebenheit beruht, die sich 1824 in Leipzig zugetragen hat, spiegelt die Grundüberzeugung des Dichters: hellsichtiger Hass gegen die Besitzenden und Gebildeten, ohnmächtiges Mitleid für die Leidenden, Unterdrückten. Das Stück Woyzeck basiert auf dem gleichnamigen Dramenfragment Georg Büchners aus den Jahren 1836/37 vom Stadtsoldaten Franz Woyzeck. Er ist völlig mittellos, lebt mit seiner Geliebten und einem Kind ohne den Segen der Kirche. Neben seinem armseligen Sold verdient er sich ein paar Groschen als Barbier beim Hauptmann und als Versuchsobjekt bei den bizarren Experimenten des Doktors. Seine Existenz wird in völliger Verdinglichung gezeigt. Woyzeck ist für seine Umwelt, seine Vorgesetzten und Dienstherren nur ein Objekt, dessen man sich bedient. Ein einziger menschlicher Bereich, Marie und das Kind, ist ihm noch geblieben. Um ihretwillen nimmt er alle sonstige Entmenschlichung in Kauf. Aber er verliert auch diesen Besitz, weil er zu arm ist, ihn zu halten und Marie vor den Nachstellungen des Tambourmajors zu bewahren. Seine Unfreiheit und Selbstentfremdung, die unveränderlichen gesellschaftlichen Bedingungen, lassen Woyzeck zum Verbrecher werden. Woyzeck (uraufgeführt im November 2000 in Kopenhagen und in den USA unter dem Titel Blood Money herausgekommen) war nach The Black Rider und Alice die dritte Zusammenarbeit von Robert Wilson und dem Songwriter Tom Waits. „Woyzeck handelt von Wahnsinn und von Obsessionen, von Kindern und von Mord – Dinge, die uns berühren. Das Stück ist wild und geil und spannend und fantasieanregend“, so Waits. Er schrieb gemeinsam mit seiner Frau Kathleen Brennan eine gleichermaßen kraftvolle wie mitfühlende Musik. Ihre düstere Stimmung, die aggressive Rhythmik und die romantischen Melodien geben seismografisch genau die Gemütsverfassungen und das menschliche Leid von Büchners Figuren wieder. Mit Buttinger spielen unter anderem Hanna Binder, Thomas Kamper, Christoph F. Krutzler, Ronald Kuste, Susa Meyer und Matthias Mamedof. Musikalische Leitung: Imre Lichtenberger-Bozoki, Bühne: Hans Kudlich.

MM: Warum jetzt Woyzeck? Warum Haymon Maria Buttinger?

Michael Schottenberg: Wenn man ihn hat, wenn man ihn kriegt, muss man ihn besetzen! Fix lässt er sich ja nicht einspannen. Ich wollte „Woyzeck“ schon immer machen. Es gibt so Stücke, die man machen will, an denen man sich abarbeiten will, die einen immer faszinieren. Mich fasziniert an „Woyzeck“ die Sprödheit, das Leben Büchners, wann und unter welchen Umständen er das geschrieben hat, welchen Mut er hatte, diesen Text zu schreiben, zu einer Zeit, wo das komplett anarchistisch war. Welch ein Leben Büchner hatte! Ein Revolutionär, der auf der Flucht seine Diss in Medizin geschrieben hat, ein Universalgenie. Ein Hochbegabter, der sich auf ein 100-Meter-Brett gewagt hat, der mit Mitte Zwanzig gestorben ist. „Woyzeck“ ist ein Stück über Sprachlosigkeit, Horvath verwandt. Dieses Sich-nicht-ausdrücken-Können verlangt ein ungeheures Sprachgefühl – wem Büchner wann welche Worte  in den Mund legt und die Figur dadurch charakterisiert. Damit kann ich sehr viel anfangen. Das ist eine Endzeit-Welt, mit der ich mich identifizieren kann. Die Zeit der Wölfe, die Zeit der Eisberge. Ein Universum an Worten, die nicht ausgesprochen werden – das provoziert bei mir Bilder. Wie es so ist, mit Stücken, die lange liegen, lange reifen, verliert man sie mitunter aus den Augen. Dann erinnert man sich an diese alte Liebe. Jetzt ist es da: Wir leben in einer sprachlosen Welt, in einer Welt voll Gewalt und Täuschung, wo Verbrechen hoffähig ist – und man weiß im Grunde gar nicht, wie man darauf reagieren soll. Da kommt einem Büchner mehr denn je verwandt vor. Ein Mutiger, der gegen die Ist-Zustände rebelliert. Ich bin nicht so mutig, ich brauche das Theater zur Rebellion – obwohl man dafür auch mutig sein muss. Vor Jahren habe ich diese Fassung von Wolfgang Wiens/Robert Wilson/Tom Waits gesehen, die sich vom Original eminent unterscheidet, weil noch einmal zwei Drittel Text weg gestrichen sind. Ich liebe Musiktheater, ich verehre Tom Waits, der bei „Woyzeck“ überall dort Musik einsetzt, wo Worte nicht mehr ausreichen, ich weiß, wie Haymon Buttinger singt – also? Sind Ihre Fragen damit beantwortet?

MM: Herr Buttinger, Sie haben sich für den Woyzeck die Frisur ruinieren lassen. So dringend „Method-Acting“? Der Wunsch, bei dieser Produktion dabei zu sein?

Haymon Maria Buttinger: Method Acting … wir haben einfach die Haare geschnitten, es war lustig, da was weg und da was weg. Der Schotti war eh dabei. Und erst als ich die Maske verlassen habe, hab’ ich realisiert, wie ich aussehe. Meine Freundin hat gesagt: Das ist aber jetzt nicht wahr! Doch. Ich genieße das. Das ist das Schöne an dem Beruf, dass man ins Extreme gehen kann, dass man plötzlich mit so einem Kopf herumläuft (siehe Foto, Anm.).

MM: Ich habe Ihre Gedichte gelesen (www.haymonline.at). Da kommt Endzeitstimmung, da kommt Woyzeck  durch. Eine Ihrer Grundstimmungen?

Buttinger (rezitiert): Ich bin nicht immer so bedrückt/doch manchmal wär’ ich sehr entzückt/ wär’ ich blind, taubstumm und verrückt. Ich schreibe gern und viel und wundere mich immer, was dabei aus mir herauskommt. Ich inszeniere Worte in Gedichten: Ein Hirsch erdolcht sein letztes Reh/die beste Kuh zerplatzt im Klee … da müssen nur Konsonanten und Vokale zusammenpassen. Leute sagen oft: Das ist schrecklich, das ist fürchterlich. Für mich nicht. Ich versuche manchmal lustige Sachen zu schreiben, das gelingt mir einfach nicht.

MM: Morbide, aber doch humorvoll. Sie vertonen Ihre Texte auch, spielen dazu Gitarre. Können Sie eigentlich Gitarre spielen?

Buttinger: Ich kann NICHT. Ich habe durch ein Theaterstück, „Kinder der Sonne“ in Bochum, eine Schnelllehre gemacht, drei Griffe in drei Wochen. Jetzt bin ich 60 und spiele halt. Ich habe auch eine Rockband mit Lothar Scherpe, „Haymon und die Lothringer“ (www.youtube.com/watch?v=0hcLHNK9FyQ) und werde am 25. November und und 10. Dezember mit Tany Gabriel – meinem Andres – jeweils nach der Woyzeck-Aufführung „Haymons rauhe Romanzen“ in der Roten Bar des Volkstheaters präsentieren (http://www.youtube.com/watch?v=v4BxGzEXno8).

MM: Auch Sie beide sind eine „alte Liebe“ Sie haben erstmals 1986 bei „Das Diarium des Dr. Döblinger“ zusammengearbeitet?

Buttinger: Dein erster Film und mein letzter als Requisiteur.

Schottenberg: Er hat Innenrequisite gemacht, ich wusste nicht, dass er „abwandern“ will, dass er wieder Schauspieler werden will. Dann haben wir einander lange nicht gesehen, er hat inzwischen die verschiedensten seltsamen Regisseure abgegrast, aber der Butti ist immer ein Geheimtipp. Das hat sich jeder zugeraunt; auch der Paulus Manker, bei dem er in der „Alma“ war, ist ein großer Buttinger-Fan. Ich habe lange auf diese Beute gelauert, um mit ihm das Richtige zu tun. Dann hat er am Haus 2010 in „Liliom“ den Wolf Beifeld gespielt – herrlich, brutal und gemein. Da haben wir uns wieder gefunden, da reifte in mir die Überzeugung, ich muss was für ihn finden.

Buttinger: Der Schotti sagte dann zu mir: Was willst? Und ich dachte mir, jetzt bin ich frech und sage: Black Rider, auch von Wilson/Waits. Ich kam dann in sein Büro und er: Du, warum mach’ ma ned den Woyzeck? Und ich war wirklich: Hallo …? Das hab’ ich dir noch gar nicht gesagt. Wir waren also, was die Produktion betrifft, von Anfang an auf einer Linie. So lebe ich mein Leben. Ich bin keiner, der Arbeit sucht, sondern warte, was an mich herankommt, und hoffe, dass durch die Arbeit wieder Arbeit entsteht.

Schottenberg: Der Buttinger weiß ziemlich genau, was er will, und reagiert nach Instinkt. Er würde nicht jedes Engagement annehmen. Er macht, was mit ihm zu tun hat, was ihn interessiert, was ihn aufregt.

Buttinger: Aber, wenn mein Bauch Nein sagt, da leiden wir nur drei Monate, sage ich ab. Warum soll ich mir das antun?

Schottenberg: Der „Woyzeck“ ist nun eine Art von Musiktheater, wie wir es am Haus noch nicht gemacht haben. Wir riskieren es. Auch die extreme Art der Inszenierung: ein performatives Konzert. Das gilt es zu bebildern. Dabei will ich nicht klüger sein, als der Autor, aber man hat hier das Fragment eines Fragments, einen genialen Rumpf. Wir dürfen also keine stringente Geschichte erzählen, das ist eine Falle, in die man nicht tappen darf, ich brauche nur Schlaglichter, muss Situationen erhellen. Ganz klar, „ungeschminkt“, seelenblutig. Ich darf nichts schlüssig machen, nichts einkasteln und damit einplatten. Das ist für unser Publikum vielleicht ungewohnt. Das erinnert mich ans „Theater im Kopf“ im Zelt, wo ich auch nur Erde unter den Füßen hatte.

MM: Andererseits müsste es sowohl Ihrem Ensemble entgegen kommen als auch dem Publikum nicht fremd sein. Sie sind ja berühmt für musiktheatralische Produktionen nach dem Motto: Schrammeln bis der Arzt kommt.

Schottenberg: Na bitte, das muss man erst einmal singen können! Hier ist die Musik die Wahrhaftigkeit, im Singen müssen wir glaubhaft sein. Es gibt die Showszenen mit dem Arzt, dem Hauptmann. Aber der Rest soll wie „improvisiert“ sein; da sollen sich die Schauspieler nichts schenken – wie die Musiker bei einem Drahdiwaberl-Konzert. Manchmal habe ich sogar Angst um meine Schauspieler, weil ich nicht weiß, was im nächsten Moment passiert. Einzige Prämisse: Sie dürfen sich nicht verletzen, sich nicht wehtun.

Buttinger: Also, gestern habe ich mitgezählt, da habe ich auf der Probe an die 200 Schläge kassiert. Nachher kam die Susa Meyer ganz lieb zu mir und sagte: Alles in Ordnung? Du weißt eh, das geht nicht gegen dich, das ist die Rolle. Entzückend. Aber aushalten muss man das schon, wenn fünf, sechs Stunden lang alle auf dich losgehen. Da geht man nicht beschwingt nach Hause. Da fährt einem manches im Kopf herum. Das ist schon heftig.

MM: Ich habe mir lange überlegt, ob ich die Frage nach der Verrücktheit stellen soll. Ich glaube, jetzt mach’ ich’s: Wie ver-rückt sind Sie?

Buttinger: Mmh? Wenn es verrückt ist, nur zu machen, was einem Spaß macht? Ich habe nie Rücksichten genommen, auch nicht auf mich selber. Bin ich verrückt? Ver-rückt bin ich schon. Wenn Sie auf eine Anekdote aus sind: Mit das Irrste, was ich je getan habe, war, mir bei Dreharbeiten die Haare anzünden zu lassen. In einer Tiefgarage, mit Klebeband an einen Stuhl gefesselt, ein bissl Feuerzeugbenzin auf dem Kopf, Teilperücke. Da kriegt man so eine Paste aufgeschmiert, damit’s nicht so heiß ist. Seither bin ich wieder ein Stück ruhiger, das ist das Schöne an dem Beruf, weil ich weiß, man verbrennt nicht bei lebendigem Leibe, man erstickt vorher. Ich saß nämlich plötzlich mitten in einer Rauchwolke, kriegte keine Luft mehr, konnte nicht mehr rufen. Niemand hat das bemerkt, außer der Maskenbildnerin, die mit einem Tüchl zu meiner Rettung eilte und mich „löschte“.

Schottenberg: Haymon ist einer, der sehr weit geht, und der das auch von anderen einfordert.

Buttinger: Ich war Komparse am Burgtheater, „König Ottokars Glück und Ende“ mit dem Reinke. Da musste ich jemanden abführen, drei Mal mit der Lanze, dann hat der Kollege darum gebeten, den einen Komparsen – mich – auszutauschen, weil er Angst hatte. Ich war halt ganz: Den verhaft’ i jetzt … komm’ her, i hab’ a Lanzn, du … Giorgio Strehler hat das an mir geliebt, der Burgschauspieler fürchtete sich. Dass ich wirklich einmal zusteche oder was weiß ich. Versteh’ ich nicht: Spüren will ich schon was. Man muss mich ja nicht so verdreschen, dass ich nach der Premiere nicht mehr spielen kann. Das ist auch eine Kunst am Theater: Wie und wie oft kann man sich schlagen lassen? Lieber zuerst weiter gehen, blaue Flecken inklusive, bevor man von Anfang an zurück nimmt.

MM: „Woyzeck“ ist auch ein vielfach geschundener Text. Welche Ideen haben sie zur Figur? Bei Büchner steht: „Er läuft ja wie ein offenes Messer durch die Gegend!“, oft wird der Woyzeck als Elegie-Bürscherl dargestellt. Beides sehe ich bei Ihnen nicht.

Buttinger: Ich gehe da mit Schotti d’accord: Woyzeck ist der einzig Normale, der durch seine Umwelt in eine Situation gedrängt wird, durch Erbsen, durch medizinische Untersuchungen, durch sein Dasein als Versuchskaninchen, Aussetzer hat. Man hat damals tatsächlich die Meinung vertreten, dass ErbSen was im Gehirn verändern. Ich habe versucht, während der Proben nur von Erbsen zu leben, es aber nach ein paar Tagen aufgegeben. Man ist ja auch Genussmensch. Der Woyzeck ist ein fleißiger, netter, gut erzogener, einfacher Mensch, der in eine Situation gerät, die ausweglos ist. Da wird man zum „offenen Messer“. Das hätte man zu mir auch schon sagen können.

Schottenberg: Diesen Ausspruch tätigt ja der Arzt über ihn. Sie stacheln ihn an, sie sagen und tun überspitzte Dinge, sie machen ihn zum Mörder. Sie  demütigen ihn von Anfang an, garen ihn in einem Druckkochtopf, bis er explodiert. Der Arzt will seine Theorie bewiesen sehen. Woyzeck ist kein Gewaltverbrecher, sondern das Opfer. Man entgeht seinen Tätern nicht, sie können aus dir einen Klumpen Fleisch machen. Das ist die Aussage des Textes.

Buttinger: Ich habe in Rainer Werner Fassbinders „Warum läuft Herr R. Amok?“ gespielt. 85 Minuten lang eine gutbürgerliche Familie, in der er der Verlachte ist. Am Schluss bringt er Frau und Kinder um. Ende der Geschichte. Auch so eine normale Figur. Das ist, wie bei Amokläufen, wo dann in den Zeitungen oder in „Wien heute“ Nachbarn etc. interviewt werden, die immer sagen: Jö, der? Der war so lieb, so hilfsbereit, so höflich, ein bissl schweigsam, zurückgezogen, aber er hat mir jeden Tag die Einkaufstaschen nach oben getragen … So soll mein Woyzeck sein. Ein gefrotzelter Verzweifelter.

Schottenberg: Und die Musik liefert zu dieser Gewalt die Zärtlichkeit, die Sehnsucht, die Erinnerung. Da könnte zum Gelingen beitragen, dass dieser Mensch keineswegs dieses Tier ist, sondern ein Liebender, der alle Anlagen hat, die ein Mensch hat. Aber die kann er nicht rauslassen, weil er ein Getriebener ist.

Buttinger: Das stimmt, die Musik treibt einem die Tränen in die Augen. Vor allem das „Lullaby“. Da werde ich immer schwach.

Schottenberg: Wir haben dazu eine Beatboxerin, Sara Siedlecka, die wir im Hundsturm entdeckt haben. So viel zur Zusammenarbeit mit dem Hundsturm. Sie gibt den Herzschlag vor, eine subkutane Aufgeregtheit, einen inneren Rhythmus. Wenn ich solche Stilmittel einsetze, solche, klare Bilder setze, hoffe ich, einen Rahmen für meine Schauspieler zu schaffen, den sie befüllen können. Sie müssen loslassen und sich auf mich einlassen.

Buttinger: Der Schotti denkt sehr visuell, sehr filmisch. Das mag ich an ihm. Während er mir etwas sagt, sehe ich es innerlich schon. Deshalb fühle ich mich sehr wohl bei ihm.

MM: Apropos filmisch: Sie haben auch bei „Before Sunrise“ mitgespielt, eine der von der Kritik gelobeten „bizarren Randfiguren“, weil ansonst wurde der Film ja verrissen, und in „Schindlers Liste“.

Buttinger: „Schindlers Liste“ war sehr intensiv, sehr verrückt auch, wenn man vier Nächte in Auschwitz dreht und plötzlich fällt das Licht, fallen die Aggregate aus. Der Zug steht bei minus 15 Grad eine dreiviertel Stunde draußen in der Pampa, plötzlich wieder Strom, der Zug kommt rein, du spielst einen SSler, du weißt als Profi von der Requisite, die Kamera fährt schon quer, der Rauch aus der Verbrennungsanlage steigt auf, die Komparsen sind steif gefroren, steigen nicht aus, und du ziehst sie am Ärmel: Raus da, schneller, schneller. Und du kommst drauf, in jedem von uns steckt ein Riesenarschloch, denn auch der Haymon hat die Komparsen wie Hendln gescheucht. Am Abend brauchten wir in der Hotelbar ein paar Wodkas, auch Stephen Spielberg, der sonst ein braver Zu-Bett-Geher ist. Es war ein starkes Erlebnis, unerträglich. Ich bin auch kein Mystiker, aber in Auschwitz, bei Nacht, irgendwas ist da. Wenn ich dran denke, wird mir heute noch eiskalt. Bei „Before Sunrise“ war ich ein Barmann, ein Gequatsche, ich bin kein großer Fan von dem Film. Mich hat nur geärgert, dass ich mich nicht selber synchronisieren durfte. Das tut weh, das kränkt. Was ich empfehlen kann, ist „Die Kriegerin“ von Regisseur David Wnendt über die Neonazi-Szene in Deutschland, da spiele ich den Ösi-Nazi. Für die Rolle habe ich sogar ein eigenes Lied geschrieben: „Unser Banner wird gehisst. Zusammenstehen, zusammenstehen, bis der Endsieg unser ist …“ Wie Gottfried Küssel mit Gitarre und Brille. Hab’ ich auf youtube gefunden (www.youtube.com/watch?v=QsQsgei98sk, Anm. „Wahrheit macht frei. Dokumentation über Neonazis und Holocaustleugner“).

MM: Herr Schottenberg, Sie sind in Gleitpension …

Schottenberg: Na hallo, ich arbeite mich gerade zu Tode. Weder gleite ich wohin und schon gar nicht in Pension. Ich habe noch eineinhalb Jahre intensivster Arbeit vor mir. Dann werden wir schauen, wohin es mich schwemmt. Ich habe keinen Plan, nur ein Projekt, dass mit dem Beruf überhaupt nichts zu tun hat. Das möchte ich angehen, muss nur schauen, wie ich es finanziere. Also ich nehme gerne Geld

MM: Demnächst wird Ihr(e) NachfolgerIn verkündet. Eine Richtung, wie Sie sich wünschen, dass das Haus weiter geführt wird?

Schottenberg: Dieses Haus ist mir ans Herz gewachsen, hat mir Freude gebracht, wenn auch Energie genommen. Elf Jahr lang, also immerhin ein Sechstel meines Lebens, deshalb werde ich es wohl nie aus den Augen verlieren. Ich habe mich mit Haut und Haaren, mit aller Liebe überantwortet, also bin ich höchst interessiert, dass es erfolgreich weiter geht. Wiewohl es gleichzeitig wichtig ist, dass es nun mit anderen Ideen befüllt wird. Ich wünsche mir ein buntes, kräftiges, keine Kontroverse scheuendes Volkstheater.

www.volkstheater.at

Wien, 7. 11. 2013