brut im Gewerbehaus – Nestervals „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“

November 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Nervensanatorium wird die Stille zur Mord-Nacht

Lauter nette Leit: Performer Astôn Matters aka Herr Rainer empfängt die Weihnachtsgäste in seinem Patientenzimmer. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Um die frohe Botschaft als erstes zu verkünden: Weil die Tickets in kürzester Zeit weg waren, hat Nesterval von 18. 11. bis 12. 12. neun Zusatztermine hinzugefügt. Die Expertentruppe für immersives Theater, die Vorgänger- produktion „Das Dorf“  ist für den Nestroy-Spezialpreis nominiert (www.mottingers-meinung.at/?p=35311), lädt – auch diesmal in Kooperation mit brut Wien –  ins Gewerbe- haus zum Performance-Abenteuer „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“.

Eine weitere Episode aus der Geschichte der sagenumwobenen Familiendynastie, deren künstlerischer Teil sich mit Vorliebe dem Zirkus zuwandte, während die eigentlich Porzellanmacher sich im Zweiten Weltkrieg der Herstellung von Waffen widmeten – mittels Einsatz von Zwangsarbeitern, weshalb sich Magda Nesterval bei den Nürnberger Prozessen strafrechtlich verantworten musste. Tochter Martha entriss der Mutter schließlich die Vorstandsposition; ein Großteil des Vermögens ging in den „Nesterval Fonds für karitative Zwecke“ über – doch dann passierten die bis heute ungelösten Todesfälle im Familienhospiz Engel …

Soweit die Historie zur nun vom Ensemble dargebotenen Story. Es ist das Jahr 1954, es ist Weihnachten, und Anstaltsleiterin Oberschwester Martha Nesterval holt Freunde und Förderer des Hauses zum Christfest ins Nesterval’s Sanatorium Grimm. Keine Geringeren als die Gebrüder Jacob und Wilhelm haben für die Einrichtung eine Behandlungsform ausgeklügelt, die den Patientinnen und Patienten ein zu ihren psychischen Störungen passendes Märchen zuteilt – und die Besucher sind nun herzlich aufgefordert, sich mit dieser Therapie vertraut und mit den Pfleglingen bekannt zu machen.

Wie stets auf dem schmalen Grat von Fakt und Fiktion balancierend, geleiten einen 23 Performer, Drag Artists und Schauspieler durch den Abend, wobei das Publikum von Fräulein Stulle aka Martha Nesterval, der freundlichen Schwester Tabea, ist gleich Julia Fuchs, und den Geschwistern Berger, der herrischen Sibille, der hantigen Elsa und dem für die Punsch-Ausschank im Frühstücksraum zuständige Hons (Pamina Puls, Sabine Anders und Lu Ki), empfangen und zwecks Besichtigung per bunten Armbinden in Kleingruppen aufgeteilt wird. Eines der Dinge, die erfährt, wer aufmerksam zuhört, ist, dass die jene Namen nur angstvoll wispernden Patienten die Bergers als „die teuflischen Drei“ titulieren.

Die Insassen des Sanatoriums sind nämlich weit weniger irre, als von ihnen behauptet wird, und wieder einmal haben Herr Finnland und sein aus Autorin Frau Löfberg und Ausstatterin Andrea Konrad bestehendes Leading Team ein Denk-Spiel erdacht, das es zwischen Krippenspiel und dem „Wichteln“ genannten Verteilen kleiner Geschenke zu durchschauen gilt. Sachte und sensibel heißt es nun zu den verstörten Seelen vorzudringen. Des Rätsels Lösung lautet, je mehr man interagiert, Fragen stellt und Schlüsse zieht, desto erkenntnisreicher gestaltet sich die Sache, also ausschwärmen und Informationen einholen, schließlich gibt es für die siegreiche Mann- und Frauschaft ein Präsentpaket zu gewinnen.

Willy Mutzenpachner aka Herr Friedrich flüchtet vor Männern bis auf den Kaminsims. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Herr Finnland und Frau Löfberg vor den Weihnachtssocken, in denen die Tätertipps deponiert werden. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Nachdem man sich derart durch die Verhaltensregeln studiert hat, vom Personal vorm notorischen Lügner mit dem Gestiefelten-Kater-Syndrom gewarnt und punkto der Selbstmordabsichten des von Andy Reiter verkörperten Herrn Anton beruhigt, vom Pulloverzipfel zuzelnden Helmut des Herrn Walanka zur Krippe geführt und über seine Funktion als König Melchior beim folgenden Spiel in Kenntnis gesetzt wurde, beginnt ebendieses. Aber: ein Schrei, Antons entleibter Körper liegt im Stiegenhaus, ein Schwächeanfall ob der Aufregung beschwichtigt Fräulein Martha.

Doch wer Augen hat zu sehen – um an dieser Stelle die Offenbarung des Johannes zu zitieren. Zur Ablenkung der Gäste dürfen diese nun die Patientenzimmer und Behandlungsräume inspizieren, jedes einzelne mit Röhrenradio oder einstmals als „Psyche“ bezeichneter Spiegelkommode bis in diverse Fifties-Details liebevoll dekoriert, und von den Bewohnern mit rotem Riesenkugelmobile, einem papierenen Schneeflockenwald oder einer Geschenkpaket- pyramide verschönert. Wer – je nach Sichtweise – Glück oder Pech hat, kann aber auch von den Ehrengästen weil Geldgebern, der hochschwangeren Helga und ihrem Ehemann Tomasz Nesterval, abgefangen werden.

Um bei herablassend genäseltem Smalltalk in den schier endlosen Lobgesang über die regelmäßigen Finanzspritzen für ihre Kranken einzustimmen. Längst ist da klar, die feucht-fröhliche Adventstimmung ist eine vorgegaukelte, die Stichworte dazu: Abzocke und Unfreiwilligkeit, und zumal hier einer mit Vergnügen über den anderen tratscht und dessen Geheimnisse ausplaudert, tun sich allmählich gewaltige Abgründe auf. Die bigotte Atmosphäre von Betstuhl, Kruzifix, Heiligenbüste verwandelt sich ins Bedrohliche, das heimelige Licht scheint plötzlich düsterer, was eben noch skurril war, wird spooky, denn was Nesterval im Gewerbehaus veranstalten, ist im Wortsinn ein Psychothriller. In dessen Verlauf es logischerweise nicht bei einer Leiche bleiben kann.

Von Tobsuchtsanfällen und Tränen, von Zoff hinter verschlossenen Türen und Todesahnungen beim Kartenlegen, vom unerlaubten Entwenden einer Akte bis zum Unzucht-Gekreische bei einer Séance, erlebt jeder Zuschauer den Abend so, wie er ihn sich arrangiert. Allemal interessant ist es, Willy Mutzenpachners Herrn Friedrich in der Isolierzelle aufzusuchen, allerdings Achtung: der „Froschkönig“ fürchtet sich vor Männern. Auch eine Begegnung mit dem im Rollstuhl sitzenden Fräulein Adelheid, ist gleich Laura Hermann, mit Johannes Scheutz‘ an den „Sieben Geißlein“ leidenden Herrn Konrad im Arztzimmer und mit dem großen Herz des Ganzen, Romy Hrubeš‘ auralesendem Fräulein Charlotte, sind aufschlussreich. Denn niemand im Sanatorium Grimm ist ohne Schuld, die meisten jenseits von Gut bei Böse, und Katz-und-Maus ihr bevorzugtes Spiel.

Dank des Nebengeschäfts des Herrn Theodor von Bernhard Hablé wird die Spurensuche zwar zumindest kurzzeitig unbeschwerter, doch schon erklingt aus dem Frühstücksraum „Jingle Bells“ als schwermütige Trauermusik. Das ist der Moment, an dem Operation Dunkle Weihnacht beginnt … Bei der Premiere entpuppte sich übrigens Gruppe grün als Meisterdetektive, obwohl Herrn Finnlands Maxime ja die vom Dabeisein ist, das alles ist. „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“ ist ein Mordsspaß, bei dem einmal hingehen und mitmachen nicht ausreicht, um alle Facetten dieser verrückten Vorführung genießen zu können. Und wenn sie nicht gemeuchelt sind, dann metzeln sie noch heute …

Video: www.youtube.com/watch?v=7t3yirtPOSU           www.nesterval.at           brut-wien.at

  1. 11. 2019

Willy Vlautin: Die Freien

April 4, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Leben und Sterben im amerikanischen Albtraum

65f019bf90In „Meine verlorene Stadt“ schreibt F. Scott Fitzgerald: In einem amerikanischen Leben gibt es keinen zweiten Akt. Ein Glück, haben die USA wenigstens das Happy End erfunden. Und das nutzt Willy Vlautin weidlich aus. Denn für alle seine Figuren in „Die Freien“, bis auf eine, geht’s gut aus. Die Menschen finden eine neue Liebe oder bekommen ihre Kinder zurück oder kriegen zumindest einen besseren Job. Selbst für den, der sterben wird, ist der Tod das gütigere Aus. Das ist ein schönes Märchen, die Armen sind bei Vlautin die besseren Menschen, die, die selbst nichts haben, lassen sich vom Schicksal der anderen rühren und helfen nach Kräften, und das ist so liebevoll geschildert, dass man überlesen möchte, wie stereotyp es wirkt. Vlautin möchte glauben, dass der Mensch im Innersten edel ist, und man sollte ihm in diesem Glauben folgen. Sein Roman ist so bittersüß wie die Folkrocksongs, denen sich der Autor hauptberuflich verschrieben hat, geschrieben schon fast wie ein Drehbuch, also, wenn die Story keiner verfilmt, dann … ist Donald Trump US-Präsident geworden und hat’s persönlich verboten.

Dabei ist „Die Freien“ keine Feel-good-Lektüre, das Buch ist im Gegenteil kaum zum Aushalten. Und wenn die Leute darin nicht so nett zueinander wären, schon gar nicht. Vlautin erzählt die USA von unten. Seine Protagonisten sind die working poor, die zwei, drei Jobs machen und trotzdem auf keinen grünen Zweig kommen. Er zeigt die Verlierer des american dream und die Vereinigten Staaten als gnadenlos kaltes, als grausames Land, in dem die Gestrauchelten und Gefallenen von keiner Gemeinschaft aufgefangen werden. Im land of the free konnte sich selbst Barack Obama seine Ideen von sozialer Gerechtigkeit rexen, und man kann beim Lesen, bei dem es einen schon so erschöpft, dass man sich fragt, wie die Menschen dieses 24-Stunden-Arbeitsleben aushalten, nicht anders, als Österreichs (noch) als Insel der seligen sozialstaatlichen Errungenschaften zu gedenken. Erstaunlich, wie keine der Figuren gegen ihr Schicksal aufbegehrt, das eigene Elend wird stoisch ertragen, man gibt sich am Versagen der Gesellschaft selbst die Schuld. „Ich habe alle enttäuscht“, sagt etwa Freddie angesichts seiner ausweglosen Situation. Sein Vergehen? Er hat sich hoch verschuldet, weil seine Krankenversicherung die Operationskosten für seine körperbehindert zur Welt gekommene Tochter nicht trägt. Welch eine barrikadensturmbefreite Mentalität, dieses only the strong survive und der Rest hat’s ohnedies nicht verdient.

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

„Du schnallst einfach nicht, dass wir einmal das größte Land der Welt gewesen sind. Das größte Land aller Zeiten. Jetzt ist es bloß noch ein Dreck und Menschen wie du haben es zerstört“, heißt es an einer Stelle. Die ist allerdings aus einem Komaalbtraum. Leroy, schwerstversehrt aus dem Irak zurückgekehrt, träumt ihn.

Da hat sein eingedelltes Gehirn den letzten lichten Moment schon gehabt, in dem er jenen Selbstmordversuch unternimmt, der ihn in die Betäubtheit zurückgeworfen hat. Der Science-Fiction-Fan entwirft in der Ohnmacht eine gar nicht so dystopische Welt, in der ein Test die „Denkenden“ von den perfekten Soldaten scheidet. Erstere werden weil Staatsfeinde von einer Bürgerwehr, die sich „Die Freien“ nennt, zur Strecke gebracht. Searching, seek and destroy. Das ist nicht so Trivialliteratur, wie es hier steht, sondern eine brutale, endgültige Geschichte, in der Leroy seine gewesene und aktuelle Realität, seine Schmerzen und seine durch Medikamente ausgelöste Euphorie, mit seinem Kopfkino mischt. Am Ende, bei seiner Erlösung, wird beides in einem langen Liebesgespräch verschmelzen, in dem der tatsächlich Hinüberschlafende seine Verlobte Jeanette in ein von seiner Pflege befreites Leben entlassen, doch der in der Illusion Sterbende seine Fluchtgefährtin Jeanette in einer ungewissen Zukunft zurücklassen wird. Wer da nicht weint, hat kein Herz. Auch wenn nichts an Vlautins Sätzen weinerlich ist.

Leroys Krankenhausbett ist der Treffpunkt der anderen Protagonisten. Freddie war der Nachtdienst in seiner Behindertenwohngemeinschaft und kommt seinen Schützling zwischen dieser Aufgabe und seinem Tagesjob in einem Farbengeschäft besuchen. Sein Haus steht zum Verkauf, seine Frau hat ihn verlassen, doch er kämpft und kämpft. Für seine beiden Mädchen. Pauline ist Krankenschwester auf der Station und versorgt neben dieser aufreibenden Tätigkeit noch ihren manisch-depressiven Vater und eine minderjährige Drogensüchtige. Sie ist die gute Seele des Ganzen, der leicht übergewichtige – denn ihr Essen besteht aus Zeitmangel und Geldnot meist aus der „Kotztüte zum Mitnehmen“, heißt: Fast Food – Silberstreifen am Horizont, in Liebesdingen schwer beziehungsgestört, aber mit ausgeprägtem Helfersyndrom. Über ihr Verhältnis zu ihrem Vater heißt es: „Ein Leben lang hasste sie ihn und gleichzeitig tat er ihr leid. Am Ende erfüllte sie ein Verantwortungsgefühl, dem sie nicht entkommen konnte. Ein unbestimmtes Pflichtgefühl, das sie nicht ganz verstand.“ Auch die junge, sexuell missbrauchte und Heroin abhängig gemachte Jo will sie um jeden Preis retten, das Straßenkind, die Rotzgöre, und gibt für diese neuerliche Aussichtlosigkeit mitmenschlich alles.

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Vlautin gibt seinen einfachen Menschen eine einfache, unsentimentale und unprätentiöse Sprache. Wobei nie simpel ist, was sie sagen. Viele von ihnen sind ironiebegabt. Wie Leroys Mutter Darla, die ihrem Sohn die Sci-Fi vorliest, die ihr selber wenig sagt: Über einen fernen Planeten ziehen halbnackte Nomadinnen, glücklich, wenn sie nicht Opfer jener Aliens werden, deren einzige Nahrung sie sind.

„Und sie waschen einander ständig. Schon fünfmal in noch nicht einmal drei Kapiteln. Und sie sind alle wunderschön und küssen einander andauernd.“ – Pauline: „Das hat bestimmt ein fetter alter Sack geschrieben.“ – Darla lacht: „Stimmt genau. Ich habe nachgesehen. Aber das macht es wenigstens komisch.“ Darla kennt die Kehrseite der Medal of Honor. In einer der stärksten Szenen wirft sie Leroys Ex-Arbeitgeber, der ihn zum Hurrapatriotismus und in die Arme der Armee getrieben hat, und einen Militärkaplan aus dem Krankenzimmer. „Wissen Sie, zuerst, als wir in Afghanistan einmarschiert sind und dann im Irak, war ich begeistert. Ich habe das verfolgt wie ein Sportereignis, eine Abenteuergeschichte … Und dann ist Leroy in die Wohngruppe gekommen … Das hat mir die Augen geöffnet“, sagt Freddie. Ein Erweckungserlebnis, das etlichen US-Bürgern wohl versagt geblieben ist. Gottsuchenden, wie Freddies Chef Pat, die in die hausgemachte Verblendung rennen. Knapp vor 11/8 sollten die USA sich ihrer Mitverantwortlichkeit an der aktuellen Weltmisere bewusst werden.

Doch dies das einzige Politstatement, das sich Vlautin erlaubt. Mehr muss er an Offensichtlichem auch nicht leisten. Er behandelt die Themen zur Zeit in den Gesprächen seiner Figuren. Die Kriegstreiberei als Kind des wirtschaftlichen Niedergangs der Nation, und wie die Migrantenfeindlichkeit ihre Ursache auch in der Angst um den Arbeitsplatz und vor der Altersarmut hat, all das wird bei Plaudereien hingesagt. Unkommentiert. Das ist gewagt. Das fordert auf zum selbstständig Denken. Interessant auch, dass der Autor an seinen Figuren alles beschreibt, außer der Hautfarbe. Vlautin, der Schutzpatron der Underdogs, wie ihn Schriftstellerkollege T. C. Boyle nennt, der Karohemdenträger mit dem Sensorium fürs Abgründige, rettet seine Protagonisten wie gesagt knapp vor der Klippe. Sogar für ein Kaninchen wird alles super. Er hat ein Patentrezept für die Probleme der Menschen und deren Bewältigung. Das geht eigentlich ganz leicht. „Ich weiß, wir sind alle müde“, sagte Freddie. „Aber wenn man müde ist, muss man vor allem weiter nett sein. Freundlich sein, das darf man nicht vergessen. Und das wollen wir jetzt machen, verstanden?“

Über den Autor:
Willy Vlautin, geboren 1967 in Reno, Nevada, ist Sänger und Songschreiber der Folkrockband Richmond Fontaine. Seine Romane „Motel Life“, „Northline“ und „Lean on Pete“ wurden zu internationalen Erfolgen, „Motel Life“ wurde mit Emile Hirsch, Dakota Fanning und Stephen Dorff in den Hauptrollen verfilmt. Willy Vlautin lebt in Portland, Oregon. Mit Richmond Fontaine tourt er immer wieder um die Welt.

Berlin Verlag, Willy Vlautin: „Die Freien“, Roman, 320 Seiten. Aus dem amerikanischen Englisch von Robin Detje.

www.berlinverlag.de

willyvlautin.com

Wien, 4. 4. 2016

Theater in der Josefstadt: Die Kameliendame

Dezember 19, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandra Cervik stirbt im Schnee

Katja Bellinghausen, Josef Ellers, Alexander Absenger, André Pohl, Susanne Wiegand, Sandra Cervik Bild: Moritz Schell

Katja Bellinghausen, Josef Ellers, Alexander Absenger, André Pohl, Susanne Wiegand, Sandra Cervik
Bild: Moritz Schell

Es ist der Stoff aus dem die tränentriefenden Schmonzetten sind. Ein Groschenroman getarnt als Weltliteratur. Überlebensgroß gemacht durch Verdis „La Traviata“. Paris‘ größte Kurtisane wird zur Mätresse, zur aufrichtig Liebenden eines jungen Mannes, der glaubt, zum Leben genüge Luft und Leidenschaft. Leider nein. Vom Lobgesang auf den Genuss bis zum Totenbett einer an Tuberkulose Sterbenden geht’s durch drei Akte. Generationen von Regisseuren haben sich an der „vom Weg Abgekommenen“ schon fix und fertig gekitscht.

Das Theater in der Josefstadt spielt nun „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas dem Jüngeren. Er selbst funktionierte sein Buch schon 1852 zum Stück um; hier ist allerdings eine grandios entstaubte Fassung von Herbert Schäfer – der gemeinsam mit Vasilis Triantafillopoulos auch für Bühnenbild und Kostüme zuständig war – zu hören. Torsten Fischer inszenierte. So haben also Fischer und Schäfer der Kunst-Gewerblichen allen Flitter und Firlefanz runtergeräumt. Eiseskalt ist diese Welt, Schnee fliegt und bleibt liegen. Die Gesellschaft vergibt nicht, was man war und nicht mehr sein will. „Hure“ ist das Wort, das Kokottische entrümpelt. Ein riesiger „Spiegel der Gesellschaft“, einmal so gedreht, dass sich das Publikum bis in den obersten Rang darin sehen kann, ist das zentrale optische Instrument. Das war mal was, hat aber mittlerweile einen Bart, länger als der vom Weihnachtsmann. Sei’s drum. Schäfer schafft dadurch auch Bildkompositionen von fantastischer Schönheit.

Die Geschichte ist wahr. Alexandre Dumas verehrte eine Käufliche namens Marie Duplessis. Sie liebte Kamelien, Luxus, war schwindsüchtig, verstarb mit 23 Jahren. Und damit beginnt auch Fischers Arbeit: Das Ende als Anfang. Zu Willy DeVilles „Heaven Stood Still“ mischen sich Fakt und Fiktion. Die erdachte Figur Marguerite Gautier (Sandra Cervik) stirbt in den Armen von Alexandre Dumas (Tonio Arango in einer seiner Funktionen). Der Totentanz kann beginnen, denn kurz darauf erscheint Figur Armand Duval (Alexander Absenger) – und A. D. sagt zu A. D.: „Das bin ja ich.“ Beginn eines Zwiegesprächs. Die beiden werden nicht mehr zu trennen sein. Etwa, wenn Marguerite mit Dumas tanzt, während sie Duval ihre Lebenssituation zu erklären sucht. Beim Beischlaf mit Zweiterem, den Ersterer bei einer Flasche Rotwein und einer Zigarette beobachtet. Viel nackte Haut und monströse Krinolinen machen die Damengarderobe aus. Die Herren sind entweder in Frack und Zylinder oder teilweise bis ganz unbekleidet.

Arango ist der Motor des Abends, über dem die Schwermut als Gedanke liegt. Viel mehr als ein „Erzähler“ ist er Teilnehmer am Geschehen, ständiger Gast im Salon der Lustpaarkeiten, übernimmt kleine Rollen vom Croupier bis zum Totengräber, ist der älter gewordene Armand Duval, der als Last die Schuld trägt, nun den Grund für das Verschwinden Marguerites zu kennen (Stichwort: Georges Duval), will seinem jüngeren Ich helfen, kann aber nicht – und ist zum Glück Humorverweser im Sinne eines Reichsverwesers. Es ist erstaunlich, aber bei Arango eigentlich logisch, dass ausgerechnet er, der keine „Rolle“ hat, am besten spielt. Ein Darsteller, wie sich wenige finden!

Sandra Cervik legt die Kameliendame als vom Leben hart gewordene Frau an, die ihre Dämonen sehr gut kennt und sich selbst von allen vielleicht am meisten verachtet. Was sie mit Champagner kompensiert. „Ich bin ein blutspuckender Geldraffautomat“, sagt sie einmal. Cervik changiert zwischen nobel und nuttig. In ihrer famos gespielten Sterbeszene, „Armand“ (hier Arango) rufend, den verzweifelten Eifersüchtling, der ihr gerade 500 Franc für ihre Dienste hingeworfen hat, ist sie bei sich. Im Sterben im Schnee so allein wie im Leben. Davor gibt es einen Dialog zwischen A. und M., in dem Hochmut auf Demut trifft. Und die Konflikte dieser Amour fou, in der man sich selbst hasst, weil man den anderen liebt, entblößt werden. Diese Szene ist wohl der Höhepunkt der Inszenierung.

Alexander Absenger gibt mit Bravour den unbedarften, netten Bursch‘, dessen Wechselspiel mit Arango Fischer auf den Punkt inszeniert hat. Ein Auf-Augenhöhe-Spiel. André Pohl – und viele im Publikum waren gespannt, wie ihr liebenswerter Theaterwegbegleiter da sein wird – verkörpert mit Arthur de Varville den brutalen Unsympath, den „Vergewaltiger“, aber auch Finanzier nachdem Marguerite Duval verlassen musste. Er ist Täter und Opfer zugleich, lässt sie ihn doch nicht nur ihre Geringschätzung spüren, sondern ihn trotz Schuldentilgung auch nicht „ran“. Ein sehr gelungener, anderer, neuer Einsatz Pohls! Ein paar witzige Metaphern wurden gefunden, um über „es“ zu kommunizieren. Die Schönste: Wenn sich die Damen des Salons gegenseitig das Gesicht ab-budern. Da ist Marguerite bereits ein Gespenst an Varvilles Arm. Bei einem Fest kommt es zum Eklat mit Duval. Der Herr über den Körper gegen den Seelenfolterer, die Frau –  ein schon aus dem Leben schwindender Geist.

Den Schlamassel hat Armands Vater, Georges Duval, angerichtet. Als die Liebenden Zuflucht in einem Landhaus nehmen, wo sich Marguerite erholen soll, taucht er auf: Udo Samel bei seinem Debüt an der Josefstadt. Er verlangt die sofortige Trennung des Paares, hätte er doch eine Tochter zu verheiraten, deren Eltern niemals dulden würden … Es ist kein Platz im Schoß einer Familie für Marguerite, wo doch ihren schon so viele kannten. Samel, ganz strenger Vater, deklamiert emotionslos seine „Rechte“, während er mit der linken – Keuschheit und Religion im Mund – sanft über die Hurenbrust streicht. Nun ist der Georges Duval prinzipiell eine Wurzn. Ein Zehn-Minuten-Auftritt. Für den es Samel nicht gelingt, in seiner Rolle eine Figur zu finden. Auch das Match Burgtheaterdeutsch vs Josefstädterisch geht 0:1 aus. Der Ausnahmeschauspieler Udo Samel als Außenseiter, als Fremdkörper, das war hoffentlich eine Regieidee und kein Passiertsein.

www.josefstadt.org

Trailer: http://youtu.be/JCZLIfIyTTs

www.mottingers-meinung.at/tonio-arango-im-gespraech/

Wien, 19. 12. 2014