Das Beste fürs Patschenkino: 15 Filmtipps zum Streamen

Mai 6, 2020 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Meisterwerke von Jim Jarmusch bis Martin Scorsese

Suspiria: Mia Goth und Dakota Johnson. Bild: Courtesy of Alessio Bolzoni / Amazon Studios

Immer noch sind die Lichtspielhäuser #Corona-bedingt geschlossen, und kein Ende in Sicht. mottingers-meinung.at hat deshalb fünfzehn aktuelle Hochkaräter ausgewählt, die derzeit in diversen Online-Videotheken angeboten werden. Hier die Streaming-Tipps:

Suspiria. Seit Luca Guadagnino als Teenager Dario Argentos „Suspiria“ gesehen hat, wollte er seine eigene Version davon machen. Kein Remake, sondern eine Cover

Version ist es geworden, so seine Hauptdarstellerin Tilda Swinton – die hier mindestens zwei Rollen spielt – über das fulminante, packende und einzigartige Filmfeuerwerk. Ein visuelles Fest mit mitreißenden Tanzszenen, einem betörenden Soundtrack von Radiohead Thom Yorke, einem wunderbaren Ensemble – Dakota Johnson als Berliner Tanz-Stipendiatin mit düsterem Geheimis und Bildern voll atmosphärischen Horrors. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BY6QKRl56Ok

The Irishman. Großmeister Martin Scorsese und sein jüngstes Mafiaepos: Auftragskiller Frank Sheeran erinnert sich an die Zeiten, als er zum Nr.#1-Problemlöser von Big Boss Russell Bufalino avancierte und 1975 auf den korrupten Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa angesetzt wurde. Robert De Niro, Joe Pesci, Al Pacino – noch Fragen? Die Gang mal frisch aus dem CGI-Jungbrunnen, mal im Original, und stets einen originellen Spruch parat. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=WHXxVmeGQUc

Roma. In seinem 70er-Jahre-Drama fängt Alfonso Cuarón mit fast schmerzlicher Schärfe das Lebensgefühl in einer gutbürgerlichen Familie im Mexico City jener Jahre ein. Das wahre Drama erlebt allerdings deren Kindermädchen, die sich mit erschütternd stoischer Selbstverständlichkeit in ihre Klassenzugehörigkeit fügt. Mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet, erhielt der Film als erste Netflix-Produktion Chancen auf Anhieb drei Oscars. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=6BS27ngZtxg

Paterson. Heißt sowohl der von Adam Driver dargestellte Charaker, als auch die Stadt in New Jersey, in der er als Busfahrer arbeitet und daneben Gedichte an die kleinen Dinge des Lebens verfasst. Dieses ein ruhiger Fluss, das heißt: es wäre einer, hätte er nicht die quirlige Laura an seiner Seite. Mit dieser verschrobenen Ode an die Monotonie des Alltags zeigt sich Filmemacher Jim Jarmusch wieder einmal in Höchstform. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=32exBSNsaBw

Marriage Story: S. Johansson, A. Driver. Bild: © 2019 Netflix

Togo: Willem Dafoe. Bild: © Disney

Beautiful Boy: T. Chalamet, S. Carell. Bild: © Amazon Studios

Hell or High Water: C. Pine, Jeff Bridges. Bild: Lorey Sebastian

Marriage Story. Und noch einmal Adam Driver, diesmal in einer Tragikomödie von Noah Baumbach. Off-Broadway-Regisseur Charlie und sein Bühnenstar Nicole stehen vor dem Ende ihrer Ehe. Verläuft die Scheidung anfangs noch gesittet, bricht ein erbitterter Fight aus, als sich die zukünftige Ex Unterstützung von einer Anwältin holt. Scarlett Johansson und Laura Dern brillieren als Damendoppel in diesem Rosenkrieg, den sie so gar nicht als wehmütiges Postmortem einer gescheiterten Romanze führen. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=BHi-a1n8t7M

The Report. Adam Driver, die dritte. US-Senatsmitarbeiter Daniel Jones wird die entmutigende Mammutaufgabe übertragen, interne Ermittlungen zu Inhaftierungs- und Vernehmungspraktiken der CIA durchzuführen. Dabei „stolpert“ er über deren „erweiterten Verhörmethoden“ nach den Anschlägen vom 11. September, brutal, unmoralisch und außerdem ineffektiv, Folter wie Waterboarding, Anketten in sogenannten Stresspositionen und laute Heavy-Metal-Musik zum Mürbemachen. Seine Vorgesetzte, die demokratische Senatorin Dianne Feinstein legt daraufhin Barack Obamas Stabschef einen 6700-Seiten-Report vor. So geschehen am 9. Dezember 2014. Sehenswert. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=x79Gf4cJDDE

Togo. Willem Dafoe in einem Wettlauf gegen die Zeit und das Wetter. Als im alaskischen Städtchen Nome im Winter 1925 die Diphtherie ausbricht, müssen ein Hundeführer und sein Leittier per Hundeschlitten schleunigst das Heilmittel herbeischaffen. Regisseur Ericson Core erzählt sein Survivaldrama nach einer tatsächlich stattgefunden habenden Rettungsmission. Der Norweger Leonhard Seppala und sein Hund Togo übernahmen dabei den gefährlichsten Teil der Tour. Spektakuläre Actionszenen und Taschentuchalarm, was will man mehr? Bei Disney+. Trailer: www.youtube.com/watch?v=HMfyueM-ZBQ

Casting JonBenét. Zu Weihnachten 1996 wurde die sechsjährige JonBenét in ihrem Elternhaus in Boulder, Colorado, ermordet. Bis heute ist dies Verbrechen ungeklärt. Was natürlich den wildesten Spekulationen Tür und Tor öffnete – zumal es sich beim Todesopfer um ein kleines Mädchen handelte, das barbiehaft zurechtfrisiert und in nationalfarbene Rüschen gepackt eine ganze Reihe Little-Miss-Wahlen gewonnen hatte. Regisseurin Kitty Green lud für ihren doku-fiktionalen Film Menschen aus JonBenéts Umfeld zum „Casting“ für einen freilich nur fiktiven Spielfilm ein. Und lässt sie ihre Sicht auf die Ereignisse schildern und – schauspielern. Das Ergebnis ist so experimentell wie verstörend. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=-KMEOaMCJss

Hala: G. Viswanathan. Bild: © Courtesy of Sundance Institute

Roma: Marina de Tavira. Bild: Carlos Somonte

The Irishman: Robert De Niro und Al Pacino. Bild: © Netflix 2019

Casting JonBenet: Hannah Cagwin. © Netflix 2017

Beautiful Boy. Basierend auf dem Buch des New York Times-Autors David Sheff und seines Sohnes Nic spielt Steve Carell in Felix Van Groeningens Film den besorgten Vater des Crystal-Meth-abhängigen Sprösslings. Timothée Chalamet ist als Nic von schmerzhafter Eindringlichkeit, der Jungstar agiert, als ob sein Leben davon abhänge, wechselt Stimmungen in Sekunden, raunt, lallt, weint und zeigt die körperlichen und geistigen Veränderungen eines Süchtigen mit beinahe gespenstischer Präsenz. Ein Drogendrama nicht in irgendwelchen Slums, sondern gemäß der realen Geschichte in einem Wohlstandsghetto. Bei Amazon. Trailer: www.youtube.com/watch?v=y23HyopQxEg

Hala. Die 17-jährige Hala, eine Amerikanerin mit pakistanischen Wurzeln, kämpft darum, ihre Wünsche und Sehnsüchte mit ihren familiären, kulturellen und religiösen Verpflichtungen in Einklang zu bringen. Bald aber trägt sie sie ein Geheimnis mit sich herum, das ihre traditionell denkenden Eltern in Aufruhr versetzen würde, wenn’s denn herauskäme. Geraldine Viswanathan im Film von Minhal Baig – ein Muss! Bei Apple TV+. Trailer: www.youtube.com/watch?v=4aS-qGHH6E0

Die zwei Päpste. Anthony Hopkins und Jonathan Pryce brillieren in Fernando Meireilles‘ Drama als Päpste Benedikt XVI. und Franziskus, zwei Pontifexe ganz unterschiedlicher Art im hintersinnig-witzigen Dialog über Gott und die Welt und die Kirche. Regisseur Meireilles entwirft großartige Bilder und Szenarien, wie sie vielleicht gewesen sein könnten. Bei Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=otP0z24W1yg

Hell or High Water. Um ihre Ranch vor dem finanziellen Ruin zu retten, werden zwei Brüder zu Outlaws. Der ungestüme Tanner Howard und sein jüngerer Bruder Toby beginnen einen Raubzug durch Texas, keine Bank, keine Postfiliale ist vor ihnen sicher, bis sie schließlich sogar einen Treuhandfonds anlegen können. Grandiose Loserstory mit Chris Pine, Ben Foster und Jeff Bridges als Texas Ranger. Regisseur David Mackenzies setzt mit seinem Neo-Western statt auf sinnlosee Schießereien auf eine souveräne Dramaturgie und ausgearbeitete Charaktere. Netflix. Trailer: www.youtube.com/watch?v=JQoqsKoJVDw

Systemsprenger: Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Systemsprenger. Bei Neflix. Filmkritik: Lauter Schrei nach Liebe

Wenn dieses Mädchen pink sieht, hat das nichts mit einer Barbie-Puppen-Welt zu tun. Grelles Rosa durchströmt Bennis Kopf, wenn sie einen ihrer Ausraster hat. Dann tobt die zierliche Neunjährige, schlägt – sogar nach Erwachsenen -, attackiert Gleichaltrige bis deren Blut fließt, schmeißt mit Tretautos, bis selbst Sicherheitsglas birst.

Die Bobbycars, die in einer der ersten Szenen durch die Luft fliegen, sind als Synonyme für eine glückliche Kindheit und eine frühe Zugehörigkeit zur Konsumgesellschaft gleichsam Bennis Feindbild. Derlei ist ihr nämlich verwehrt. Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule: Alles hat sie schon hinter sich, und überall fliegt sie wegen ihrer aggressiven, unberechenbaren Art wieder raus. Benni ist das, was man beim Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Fingscheidt hat für dies Debüt, das auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann und als deutscher Bewerber für den Auslands-Oscar eingereicht wurde, intensiv recherchiert. „Systemsprenger“, erklärt sie, „sind Kinder mit unglaublicher Kraft und Ausdauer. Aber sie sind tragische Figuren, weil sie so früh schon Schlimmes erleben müssen, im schlimmsten Fall gewalttätige Jugendliche werden, und als nunmehr ,Täter‘ ihre Chancen für die Zukunft aufs Spiel setzen.“

Auch bei Benni ist nur der Rucksack mit ihren paar Habseligkeiten leichtes Gepäck, der emotionale Ballast samt Trauma aus der Babyzeit wiegt schwer. Und wenn ihr die Wut der Verzweiflung gar unkontrollierbar hochkommt, landet die Außenseiterin in der Kinderpsychiatrie, von Medikamenten „ruhiggestellt“ und im Bett fixiert. Helena Zengel, mit elf Jahren schon ein Profi vor der Kamera, spielt die Benni. Wie diese junge Schauspielerin mit einer jede Minute neu explodierenden Energie die Benni verkörpert, ist einfach phänomenal. Zengel changiert zwischen Frechheit und Fragilität, zwischen Tragi- und -komik, wenn sie das gibt, was man auf Wienerisch ein Rotzmensch nennt. Zum Herzbrechen traurig ist ihr ausdrucksloses Gesicht, wenn sie unter Drogen gesetzt auf Station liegt. Beängstigend wirkt ihr zuckender Körper, wenn sie ein anderes Kind krankenhausreif prügelt … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=34792

The Big Sick: Kumail Nanjiani. © 2017 Comatose Inc., Bild: Nicole Rivelli

The Big Sick. Bei Amazon. Filmkritik: Multi-Kulti Love Story

Es kommt nicht oft vor, dass eine Liebeskomödie so gehyped wird wie „The Big Sick“. Nach der Weltpremiere beim Sundance Film Festival standen die Kritiker vor Freude Kopf, in Locarno gab’s den Publikumspreis, von Rotten Tomatoes 98 Prozent, und der Siegeszug geht weiter. Es scheint, als wäre Hauptdarsteller Kumail Nanjiani, der mit seiner

Frau Emily V. Gordon ihr Kennenlernen zu Papier brachte, ein Wurf gelungen.  Dabei beginnt „The Big Sick“ wie das Abziehbild jeder romantic comedy, die man jemals gesehen hat, die Charaktere klassische Archetypen, die Handlung eh-schon-wissen. Und dann kommt es auf einmal ganz anders. Kumail Nanjiani spielt sich selbst, den zur damaligen Zeit mäßig erfolgreichen Stand-up-Comedian (später machte er mit der Startup-Comedy „Silicon Valley“ Karriere) und Taxifahrer Kumail. Einen US-Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln, der eher orientierungslos durchs Leben driftet. Nach einem Auftritt lernt er in der Bar Emily, gespielt von Zoe Kazan, kennen, man landet gleich im Bett, Beziehung kommt erst später. Doch der Haken an der Sache ist, Kumail bringt es nicht übers Herz, seinen liebenswert nervtötenden und natürlich schwer traditionellen Eltern von seiner „weißen“ Freundin zu erzählen. Ein Cousin hat nämlich eine, und ein Baby namens Da-ve, wer nennt sein Kind schon Da-ve?, und ist nun für die Familie gestorben.

Während Kumail sein Gewissen und vor allem Emily plagen, unternimmt die Mutter (Zenobia Shroff) in Endlosschleife hinreißend peinliche Versuche, ihn zu verkuppeln, an ihrer Seite Anupam Kher als stylischster Vater aller Zeiten. Was sich wie eine weitere Version von Multi-Kulti-„My Big Fat Pakistani Wedding“ anlässt, ist aber nur der erste Akt, die erste halbe Stunde, bis sich vor die -komödie ein Tragi- schiebt. Denn der Plot nimmt eine ungeahnte Wendung, die der bisherigen Fluffigkeit einen ernsteren Ton verschreibt. Man trennt sich, no na. Doch dann erkrankt Emily schwer an einem Lungeninfekt, der Virus bringt ihr Herz fast zum Stillstehen. Kumail rast ins Krankenhaus, wo ihre Eltern kein Interesse am Ex-Lover ihrer Tochter haben. Kumail muss sich beweisen und entscheiden, wie er sein Leben leben will … Die Gags sind trocken, die Dialoge witzig, die Story ist herzlich, Mentalitäten werden ausgelotet, ohne plakativ zu werden – das Ganze zündet fantastisch … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=27314

Beasts of No Nation: Idris Elba. Bild: Netflix

Beasts of No Nation. Bei Netflix. Filmkritik: Der Tod als Kindergesicht

Es gibt dieses 15-minütige Gemetzel. Da ist Agu schon unter Drogen gesetzt und setzt die Machete ein, wie’s und wo’s geht. Köpfe fliegen und Hände, und die Röcke von Frauen bei den Vergewaltigungen. Regisseur Cary Fukunaga rechtfertigt die gezeigten Grausamkeiten mit der Feststellung, der Krieg sei grausamer als jeder Film über den Krieg. Die Message hätte dieses Gemetzel nicht gebraucht, man versteht schon.

Aber die erste große Filmproduktion des Onlineanbieters Netflix will auf Hollywood machen. Irgendwo zwischen „Inglourious Basterds“ und „Gesichter des Todes“. Hier hat der Tod ein Kindergesicht. „Beasts of No Nation“ ist ein Film über Kindersoldaten in Afrika. Nach Angaben des sogenannten Machel-Berichts der UNO gibt es derzeit etwa 20.000 kämpfende Kinder im Alter zwischen neun und 18 Jahren. Olara Ottuno, der UN-Sonderbeauftragte für Kinder in bewaffneten Konflikten, schätzt, dass zwischen 1990 und 2000 etwa zwei Millionen Kinder gefallen sind, sechs Millionen Kinder zu Invaliden wurden und zehn Millionen Kinder schwere seelische Schäden davontrugen. „Beasts of No Nation“ ist ein wichtiger Film. Er basiert auf dem 2005 erschienen Debütroman von Uzodinma Iweala mit dem Titel „Du sollst Bestie sein!“ Der erschütternde Text ist eine Zusammenfassung von Schilderungen real gewesener Kindersoldaten, die Iweala „verstehen, nicht entschuldigen“ will.

Agu, Darstellerentdeckung Abraham Attah wurde in Venedig mit dem Marcello-Mastroianni-Preis ausgezeichnet, flieht in den Dschungel nachdem seine Familie abgeschlachtet wurde. Die Terrormiliz des Commandante greift ihn halbverhungert auf, Agu ergibt sich den Umständen. Kinder und Jugendliche sind in der Regel leichter zu rekrutieren als Erwachsene. Sie suchen Schutz, hoffen, ihre Existenz zu sichern, wollen soziale Anerkennung und möglicherweise ein Machtgefühl, das sie als Unbewaffnete nie hätten. Manche sinnen auf Rache, weil ein Feind Angehörige ermordet hat. „Sie zu töten war nicht schwer“, sagte der damals 15-jährige Sylvère in weltweiten Interviews, nachdem er von der UNO aus den Fängen der burundischen Hutu-Rebellenorganisation FNL befreit wurde. „Wer hat dieses Ding hierher gebracht?“, fragt der Commandante. Und man weiß nicht, ob das „Ding“ Agu ist oder der ganze Krieg. Idris Elba spielt den Anführer mit der lässigen Eleganz eines Brad Pitt als Lieutenant Aldo Raine … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=15922

www.amazon.de           www.netflix.com          www.disneyplus.com/de-at           www.apple.com/at/apple-tv-plus

  1. 5. 2020

 

Madame Nielsen: Das Monster

April 10, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Passionsgeschichte eines Performance-Messias

Der erste Satz geht gleich mal über eineinhalb Seiten, das Jahr ist 1993, die Stadt New York, und zu erfahren ist, dass ein namenlos bleibender Mann übers Meer ebendahin kam, um der neue Messias zu werden. Dies durchaus in spirituellem Sinne, hat er doch Willem Dafoe in „The Last Temptation of Christ“ gesehen, und ist nun zwar überzeugt, dass der amerikanische Schauspielstar nicht nur auf der Leinwand als Heiland wirkt, aber auch, dass die Welt dringend einen europäischen Erlöser braucht. In diesem Glauben macht sich der Menschensohn auf zur Wooster Group, um sich deren Leiterin Elizabeth LeCompte als „the missing link zwischen der Avantgarde und den Massen“ anzubieten.

Er wird so eine Art „Volunteer“ – der den group members rund um ihre eisige Königin mit seinen gutgemeinten Performativ-Ratschlägen – „why not let Willem look more directly into the camera“ – allerdings von Anfang an auf die Nerven fällt. In Selbstfindungsübungen und darob in So-what-Coolness probt man gerade eine noch diffuse Dekonstruktion von Tschechows „Drei Schwestern“, „Brace Up!“ wird die Produktion später heißen, und zu wissen ist, dass The Wooster Group eine dem Poststrukturalismus huldigende Theatertruppe ist.

Gegründet Mitte der 1970er von Regisseurin LeCompte und dem blutjungen Dafoe, der 27 Jahre lang ihr Lebenspartner war und ihr bis heute ein künstlerischer ist. Ursprünglich für diese beiden prägte Andrzej Wirth den Begriff vom postdramatischen Theater. Festwochen-Besuchern sind die Woosters keine unbekannten, im Juni sollte ihre Arbeit „The Mother“ in Wien uraufgeführt werden (www.festwochen.at/the-mother), nachdem sie zuletzt 1997 mit Willem Dafoe als „The Hairy Ape“ hier zu Gast waren. Auch Madame Nielsen war zeitweilig Wooster-„associate“, und selbstverständlich strotzt ihr aktueller Roman „Das Monster“ vor Reminiszenzen.

Sind doch Leben und Kunst im Werk der Autorin, Sängerin, Performerin naturgemäß verbunden. Ob sie nun ihre bürgerlich-männliche Identität auf einem dänischen Friedhof verabschiedete, mit weißer Flagge im Irak die demokratische Idee Europa als Anti-US-Konzept verbreitete oder ein Jahr als Obdachlose auf den Kopenhagener Straßen zubrachte, immer ist bei Madame Nielsen das Nebeneinander von Fakt und Fiktion das bestimmende Moment. Als eine Demonstration, dass Wahrheit nicht unbedingt Wirklichkeit sein muss.

Gemeinsam mit dem Protagonisten, dessen 15 Minutes of Bandleader-Fame als Wind-Of-Change-Ausruf „Hello, CCCP, now get up and dance with us!“ vorüberwehte, und tatsächlich war die Nielsen früher Sänger und Gitarrist der Formation Creme X-Treme, begibt man sich auf gefährliches Manhattaner Terrain. In grandios süffisantem Tonfall, doch ohne Hybris, denn der Mann ist sich seiner Sendung sicher, insiderisch und namedroppend – Lou Reed, Paul Auster, Laurie Anderson, Susan Sontag, David Byrne und wen er sonst so trifft, LeCompte-Dafoe-Sohn Jack ist elf und liest Heidegger – absolviert er seine Gedanken-Gänge. Die Atmosphäre atmet Original-SoHo, und ist zugleich Attitüde, von Cast-Iron-Architektur bis Fake-Barock-Fassade eine Klischeekulisse.

Das alles ist sublime Hirnwichserei, eine surreale Avantgarde-Satire, und Madame Nielsen, allein optisch eine David Bowies Genieschädel mit geharnischtem Intellekt entsprungene Athene, präsentiert diesen auf dem Silberschild. Und alldieweil ihre Hauptfigur es als Offenbarung wähnt, in einer Bar für den echten Dafoe gehalten zu werden, folgt auf die Apokalypse das Armageddon. Zu dessen Austragungsort wird ein Appartement 412 West 25th Street, in das er als Untermieter einzieht, komplett ausgekleidet mit dunklem Samt, der Velvet Underground für eine Kunstfolterkammer, einen Andy-Warhol-Reliquienschrein mit Reproduktionen von „Car Crash“, „Lavender Disaster“ und Original oder Kopie des „Electric Chair“, bewohnt von den Bruce & Jerry-Wesen.

Zwillinge in einmal hellrosa, einmal hellblauem Seidenpyjama, klein, seltsam feminisiert, weißblond, blass, meist hysterisch kreischend, „wie eine Parodie von Andy Warhol, der wohl auch nur eine Parodie seiner selbst, des Künstlers und des amerikanischen Traums gewesen war“, in deren Parallelwelt sich David-Lynch-auf-LSD-Dinge ereignen werden, Scheinhinrichtungen, rezeptiver Analsex unterm Zwei-Minuten-Film „Flash – November 22, 1963“ (über die Ermordung JFKs), kleiner und „großer“ Tod, eine „Woge aus Schmerz und Wollust“, verursacht von „Extraterrestrials, ohne Augen und die nackten, glänzenden Schädel zu breiten Mündern gespalten“ #BestePenisanalogieEver, die alles bisher Erlebte als ein Prelude to Madness erscheinen lassen.

Andy Warhol: Last Supper, 1986. The Andy Warhol Museum, Pittsburgh, floor 4 – Late Works gallery. Bild: © Abby Warhola

Willem Dafoe als Eugene O’Neills Schiffsheizer „The Hairy Ape“. Screenshot: thewoostergroup.org

Andy Warhol: Self-Portrait, 1986. The Andy Warhol Museum, © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.

„Brace up!“ mit Peyton Smith, Josephine Buscemi und Willem Dafoe. Screenshot: thewoostergroup.org

Zu spät erkennt Er, in diesem All-the-world’s-a-stage-and-everyone’s-an-actor-Universum braucht’s keinen, der theatralisch sein Kreuz trägt, doch da ist er längst Versuchsobjekt, ein orientierungsloses Huhn auf dem Möbiusband, Anti-Held eines warholisch seriellen american albdream, abendliches Sushi, Beischlaf, French-Toast-Frühstück mit einem Klecks Ketchup, das aus der Heinz-Flasche „wie blutiger Samen von einem halbsteifen Glied“ tropft, Dafoes In-die-Kamera-Genuschel, The-Strand-Buchhandlung, wo alle Tage ein weniger zerlesenes Exemplar von „The Andy Warhol Diaries“ aufliegt, die Bar, in der ihn die bankers, currency traders, stockbrokers und andere canned human beings bald The Savior nennen, bis alles mit Bedeutung Beladene von heiß und pervers zu schal und banal verfault.

Verfall, Verrottung als Zeichen der unaufhörlichen leisen Verschiebung, der Verrückt-heit des Menschseins – Spoiler: die Twin-Dwarfs werden zu madenzerfressenen Kadavern, das More of the same der Megametropole enttarnt sich via systemischer Mikroverwerfungen als eben dieses nicht – löst als Motiv die Doppelung, die Wiederholung ab. Wie das Buchcover, das Schwarzweißfoto einer All-american-Family, das in Bruce & Jerrys Küche hängt, mit dem Text korrespondiert wird mehr und mehr eklatant, in fließenden Bewegungen choreografiert Madame Nielsen ihre Prosa, variiert, rhythmisiert, dirigiert ihr Thema a bene placito, a capriccio, bis die Grenzen der Wahrnehmung penetriert sind.

„Das Monster“ mit seinem hartnäckig passiven, dabei durch nichts abzuschreckenden, sein Selbst als Spielfläche darbietenden Main Character ist ein Kunststück ganz aus Sprache, ein Biting Swipe auf eine Szene, die künstlerisch-gesellschaftliche Erkundigungen als körperpolitische Nabelschau inszeniert. Ist ein Nielsen’sches Raum-Zeit-Kontinuum, ein Gottesbeweis wie von Niels Bohr erdacht, ein wilder Ritt durch Diskurse übers Postmoderne, ein epikureisches Lesevergnügen, befremdlich, bizarr, in jeder Bedeutung des Wortes komisch. Das nicht zuletzt die Frage aufwirft: Was sind Westernbrüste?

Apropos, Weiblichkeit: Eine der schönsten Passagen zur Personenbeschreibung gelingt Madame Nielsen bei Wooster-Mitbegründerin und schnell Er’s Badewannengespielin Peyton Smith: „Er war besessen davon, Peyton Smith anzusehen, er konnte den Blick nicht von ihr lösen, ihren Brüsten, die – egal, welches neue Kleidungsstück sie (ganz oder, hypnotisierend frivol, nur ansatzweise) verbarg … riefen, riefen, riefen danach, befreit und gehalten zu werden, oh, die Art, wie sie plötzlich lächelte, und die Art, wie sie sich manchmal bückte und ihren Take-away-Kaffeebecher aufhob, nicht affenartig geschmeidig wie Dafoe, sondern ein klein bisschen wacklig … als die (recht füllige) bald vierzigjährige Vorstadthausfrau, die sie war, die kleine Extrafalte unterm Kinn, die … bebte, vor Lebensgenuss und zunehmendem Alter, … das kam ihm so unendlich rührend menschlich, ja liebenswert vor, dass er sich völlig im Klaren darüber war, dass er verliebt war.“

PS.: „Das Monster“ sind übrigens die Menendez-Brüder Joseph und Eric, die 1989 ihre Eltern in deren Schlafzimmer erschossen, bevor sie die Polizei über einen Einbruch mit mörderischem Ende informierten. Bis sie ein halbes Jahr später als Täter überführt waren, hatten sie eine satte Million Dollar an Erbschaft ausgegeben. Beide Brüder haben in Haft medienwirksam geheiratet, und klar ist, dass diese Natural Born Killers Madame Nielsens Interesse weckten.

PPS.: Steht an einer Tür „This is no exit“ kommt man trotzdem irgendwohin hinaus.

Über die Autorin: Madame Nielsen, geboren 1963 im dänischen Aalborg, ist Autorin, Sängerin, Performerin. Ihre Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, und sie war mehrfach für den Nordic-Council-Literature-Prize nominiert. Performances unter anderem in Berlin und Wien. Ihr Roman „Der endlose Sommer“ erschien 2017 auf Deutsch und war ein großer Erfolg. 2001 trug die Künstlerin ihre Geburtsidentität Claus Beck-Nielsen in einer Aktion zu Grabe, denn „Ich bin viel schöner als Frau, denn als magerer älterer Herr“.

Kiepenheuer & Witsch, Madame Nielsen: „Das Monster“, Roman, 240 Seiten. Übersetzt aus dem Dänischen von Hannes Langendörfer.

Videolesung „Das Monster“ von Madame Nielsen: www.youtube.com/watch?v=yEyxFgjPS88, Madame Nielsen im Gespräch über ihr Projekt Obdachlosigkeit, ihre Friedensperformances im Irak und ihren Weg vom Mann zur Frau: www.youtube.com/watch?v=Lww4ehNICfw

„Brace up!“ nach Tschechows „Drei Schwestern“, inszeniert von Elizabeth LeCompte, mit Willem Dafoe ist bis 13. April kostenlos zu streamen: thewoostergroup.org/blog/2020/04/06/brace-up-complete-production, Willem Dafoe als „The Hairy Ape“: thewoostergroup.org/blog/2018/08/04/summer-of-dafoe-from-the-archives-the-hairy-ape-1996

www.kiwi-verlag.de           nielsen.re           thewoostergroup.org           www.warhol.org

  1. 4. 2020

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

April 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Genie, zur falschen Zeit zur Welt gekommen

Das Ohr ist ab: Willem Dafoe als Vincent van Gogh. Bild: © Filmladen Filmverleih

In der Schlüsselszene des Films, es ist auch die mit dem ausführlichsten Dialog, sitzt Vincent van Gogh in der psychiatrischen Klinik Saint-Rémy-de-Provence auf einer Klosterbank einem Priester gegenüber. Dieser, dargestellt von Mads Mikkelsen, wird nach dem Gespräch entscheiden, ob der Maler geistig gesund genug ist, um die Heilanstalt zu verlassen, aber er macht kein Hehl daraus, dass er mit der Kunst des Niederländers nichts anfangen kann.

Ja, dessen Bilder sogar ausgesprochen hässlich findet. Da sagt van Gogh, selber einmal Hilfsprediger unter härtesten Bedingungen im belgischen Kohlerevier Borinage: „Gott hat mir eine Gabe gegeben. Ich kann nur malen, nichts anderes. Doch vielleicht hat Gott für mich die falsche Zeit gewählt, vielleicht bin ich ein Maler für Menschen, die noch nicht geboren sind.“ Ein Genie, irrtümlich früh zur Welt gekommen. Mit diesem Gedanken des als solches Erkannt- und Berühmtwerdens erst nach seinem Tod spielt schon der Titel „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ von Julian Schnabels Film, der am Freitag in den Kinos anläuft. Dass sich ausgerechnet Willem Dafoe die Person des Pastorensohns, der sich stets nur einen „Pilger“ auf Erden nannte, anverwandelt hat, bekommt durch dessen cineastisches Vorleben als Jesus Christus eine besondere Referenz. Denn tatsächlich gibt Schnabel seinem van Gogh etwas verklärt Seherisches, wenn er sich bemüht, einen Seinszustand zu erreichen, in dem er mit den Dingen eins wird, wenn er sich die Natur aneignet, sie mit jeder Faser seines Körpers zu erspüren sucht, sie sich vertraut machen will, bevor er zu arbeiten beginnt.

Die Weizenfelder, die Sonnenblumen, die Äste und Blätter der Bäume, van Gogh wandert, die Staffelei auf den Rücken geschnallt, für seine Skizzen weite Strecken und geht dabei in der Schöpfung auf, das alles fängt Kameramann Benoît Delhomme auf so sinnliche und unmittelbare Weise ein, dass man beinah dem Gefühl erliegt, beim Anblick der Landschaftsbilder so zu empfinden wie der Künstler. Er male das Sonnenlicht, sagt Dafoes van Gogh an einer Stelle, und dasselbe lässt sich auch über Delhomme anmerken. Diese Schönheit wird konterkariert durch Szenen, die wirken, wie per Handkamera gedreht, im Gegenlicht, mit Schlieren quer über die Aufnahme, aus van Goghs Perspektive verschwommen und wie durch einen Filter gesehen.

Mit seinem Bruder Theo van Gogh: Willem Dafoe und Rupert Friend. Bild: © Filmladen Filmverleih

Van Gogh lernt Paul Gauguin kennen: Oscar Isaac und Willem Dafoe. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dazwischen immer wieder ein Zoom auf den Pinsel, der Farbe über die Leinwand wischt, der Autonomie erschafft, statt Realität zu kopieren, immer wieder van Goghs laufende Beine, als stecke man als Zuschauer in dessen Schuhen, dann als Kontrast Schwarzweiß-Fotografie oder auch solche in Grün-Gelb – Julian Schnabels Film ist ein impressionistisches Meisterwerk. Es versteht sich, dass der New Image Painter an einem konventionellen Biopic nicht interessiert war, Schnabels gemeinsam mit Lebensgefährtin Louise Kugelberg und Autorenaltmeister Jean-Claude Carrière verfasstes Drehbuch konzentriert sich auf van Goghs letzten beiden Lebensjahre.

Als er, in Paris gescheitert, auf Anraten seines Freundes Paul Gauguin nach Arles fährt. Gauguin, Vincents Bruder Theo van Gogh und schließlich der Arzt Paul Gachet in Auvers-sur-Oise sind in dieser Zeit seine wichtigsten Beziehungen. Oscar Isaac gibt einen ruppigen, angriffigen Gauguin, der van Gogh im künstlerischen Diskurs in die Enge treibt.

Wenn er dem, der wie im Fieber malt, hastig, „in einer einzigen klaren Geste“, wie er sagt, bescheinigt, seine Oberflächen seien wie Lehm. Rupert Friend spielt als Theo van Gogh dessen unendlich große Bruderliebe aus; sein Theo ist einer, der erkennt, der versteht und wertzuschätzen weiß. In der zartesten Sequenz des Films, da ist Vincent gerade wieder einmal im Irrenhaus gelandet, liegen die beiden gemeinsam auf dem Bett, umarmen und trösten einander. Mathieu Amalric schließlich schlüpft für einen Kurzauftritt in die Rolle des Dr. Gachet, und so, wie man zuvor dabei ist, wenn van Gogh sein durch drei Ölgemälde legendäres „Schlafzimmer in Arles“ einrichtet, so sieht man ihn nun das „Porträt des Dr. Gachet“ anlegen. Das Stereotyp Genie und Wahnsinn zu bedienen, hat sich Julian Schnabel versagt. In seiner Interpretation ist van Gogh ein grüblerischer, in sich versunkener Einzelgänger, der jäh in Aggression ausbrechen kann, und es so seinen Mitmenschen durchaus schwer machte.

Dafoe, und dafür in Venedig als Bester Schauspieler ausgezeichnet, gestaltet die Figur als Schmerzensmann, der sich seines Andersseins, seines Seltsam-Seins sehr bewusst ist. Sein durchlässiges Spiel lässt die künstlerische Besessenheit im bescheidenen Auftreten durchschimmern. Dass Willem Dafoe mit seinen 63 doch deutlich älter ist, als der mit 37 Jahren verstorbene van Gogh, selbst daraus macht Schnabel eine Tugend, lässt er doch in dessen zerfurchtem Gesicht sich gewissermaßen die Entbehrungen von van Goghs Leben spiegeln. (Das Ohr-Abschneiden ist übrigens ein Geräusch aus dem Off.) So viel von Dafoe, so viel Schnabel steckt auch in diesem van Gogh, als benutze der Filmemacher ihn als Folie für die Fragen über das Wesen eigenständiger Kunst und die überhöhte visuelle Wahrnehmung des bildenden Künstlers, die ihn selbst seit Jahren umtreiben.

In Auvers-sur-Oise malt Vincent van Gogh das berühmte Porträt des Doktor Paul Gachet: Willem Dafoe und Mathieu Amalric. Bild: © Filmladen Filmverleih

In den besten Momenten des Films überblenden sich die Identitäten van Gogh, Schnabel, Dafoe wie bei einer Dreifachbelichtung. In Interviews erzählt Schnabel, der Dafoe auch schon porträtiert hat, man habe in Vorbereitung auf die Dreharbeiten gemeinsam gemalt, er seinem Schauspieler gezeigt, wie man Farbe anmischt, den Pinsel führt. Das Schlussbild des Films ist an Symbolkraft nicht zu überbieten. Da liegt Vincent aufgebahrt, seine Bilder rund um den Sarg gestellt.

Und allmählich finden sich erste Interessenten, wechseln in Theo van Goghs Händen Gemälde mit Geldscheinen. „An der Schwelle zur Ewigkeit“ heißt eines aus dem Jahr 1890. Darauf sitzt ein alter Mann auf einen Stuhl und hat das Gesicht in den Händen vergraben.

www.ateternitysgate-film.com           dcmworld.com/portfolio/van-gogh

  1. 4. 2019

The Florida Project

März 17, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Jenseits von Disney World

Bild: © Thimfilm

Die Touristen, die aus Brasilien angereist sind, um Micky Maus und Co. zu sehen, hat es irrtümlich in die falsche Herberge verschlagen. Kissimmee statt Disney World – eine Zumutung. Man reagiert entsetzt. „Das ist ein Motel für Arme“, stammelt der ob seiner Fehlbuchung gescholtene Ehemann. Richtig. Gleich hinter Walts Märchenschloss beginnt in Florida nämlich der Albtraum der Sozialhilfeempfänger.

Jener von der Gesellschaft Ausgesiebter, die Woche für Woche mühsam die Miete für ihre bonbonfarbene Bleibe zusammenkratzen. Alleinerzieherinnen, Familienväter ohne Arbeit, Großmütter, denen minderjährige Töchter die Kinder zur Erziehung hinterlassen haben, die sich selbst „Normalität“ vortäuschen und in Wahrheit versuchen, nicht in die Obdachlosigkeit abzugleiten. Leicht wäre es, diese Menschen White Trash zu nennen, doch der Blick, den Regisseur Sean Baker in seinem Film „The Florida Project“ – seit Freitag in den heimischen Kinos – auf sie wirft, ist viel zu liebevoll, um diese Formulierung zuzulassen. Baker erzählt seine Story aus der Sicht von Kindern, mit ihnen bleibt er den ganzen Film über auf Augenhöhe, zeigt, wie sie ihre ärmliche Welt zum Abenteuerspielplatz machen. Fröhlich und frech. So sympathisch ist das, dass man diese Arbeit nur wärmstens empfehlen kann. Sie macht einem das Herz weit. Die beiden Oscar-Nominierungen gab es völlig zu Recht.

„The Florida Project“ war der ursprüngliche Name, der Arbeitstitel fürs Walt Disney World Resort. Im Film nun sind Sommerferien, und die achtjährige Moonie macht mit ihren Freunden Scooty und Jancey die Motelanlage unsicher. Souverän bewegt sie sich auf den Gängen und über die Grünflächen des „Magic Castle“, vor dem die Kirche Essensrationen austeilt, und durch die Tristesse zwischen Imbissbuden und Giftshops. Über die Bewohner weiß sie alles: da wohnt der Bier trinkende Kriegsveteran, da der Mann, der oft verhaftet wird, da die Frau, die glaubt, dass sie mit Jesus verheiratet ist … Zu dritt übt sich die unbändige Rasselbande im Weitspucken auf Autos, sammelt „Spenden“ für ein Eis oder legt aus Jux die Stromversorgung lahm.

Bild: © Thimfilm

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Eine der eindrücklichsten Szenen diesbezüglich ist ein Ausflug in eine verlassene Wohnhausanlage, die deutlich macht, wie sehr die geplatzte Immobilienblase aus dem Jahr 2007, die Banken wie die Lehman Brothers in den Bankrott riss, die USA noch immer in den Fängen hält. Die soziale Realität spiegelt sich auch im Leben der Erwachsenen wider. Moonies Mutter Haley, selber noch ein halbes Kind, driftet in ihren Bemühungen, Geld zu beschaffen, immer mehr in die Illegalität ab.

Da sind es fast Peanuts, dass sie anfangs vor den besseren Hotels schwarz Parfüm zu verkaufen versucht, und mit ihrer Tochter unerlaubter Weise deren Frühstücksbuffets plündert. Schutz in dieser prekären Situation will der Motelmanager Bobbie bieten. Willem Dafoe glänzt als diese gute Seele des Ganzen, als Mann, der mehr Sozialarbeiter als Hausmeister ist. Zu seiner Mitmenschlichkeit passen die sonnendurchtränkten Bilder von Kameramann Alexis Zabé perfekt. Bria Vinaite ist eine brillante Halley. Eine Entdeckung ist die kleine Brooklynn Kimberly Prince, die die fabelhaften Kinderdarsteller anführt.

Als Referenz für seinen Film gibt Sean Baker im Interview die Serie „Die kleinen Strolche“ an, die in den USA ab 1922 die Depression begleitete. Auch darin machen sich Kinder in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ihren eigenen Reim auf die herrschenden Verhältnisse. Ein feiner Vergleich für seine Arbeit, die ab dem Titelsong „Celebration“ das Kindsein in allen Lebenslagen hoch leben lässt.

floridaproject.movie/

  1. 3. 2018

 

Viennale: Von John Ford bis Viggo Mortensen

Oktober 15, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Tributes, Specials und eine Western-Retrospektive

The Duke and his Director Bild: Österreichisches Filmmuseum

The Duke and his Director
Bild: Österreichisches Filmmuseum

Am 23. Oktober startet die Viennale 2014. Doch die Flamme, die auf den Plakaten lodert, ist eine Sparflamme. Es bleibt Berlin überlassen, den roten Teppich auszurollen. Die Viennale setzt nicht auf die Marke Wien, sondern aufs marginalisierte Kunsthandwerk. Nicht einmal Viggo Mortensen, dem ein Spezialprogramm gewidmet ist, kommt als Gast. Hu(r)ch, das Wort Star traut man sich ja gar nicht auszusprechen. Doch, ein Stargast wurde, wenn’s wahr wird, verlautbart:  „Bad Lieutenant“-Regisseur Abel Ferrara wird seinen neuen Film „Pasolini“  vorstellen und nimmt – sofern ihm dessen Management keinen Strich durch die Rechnung macht – Hauptdarsteller Willem Dafoe mit nach Wien.

Der Eröffnungsfilm, der mit dem österreichischen Cannes-Beitrag „Amour Fou“ von Jessica Hausner begangen wird, wird  ein erstes Highlight sein. Den Abschluss bestreitet am 6. November die bissige schwedische Komödie „Turist“ von Ruben Östlund. Das Festival verneigt sich damit vor dem lebendigen europäischen Autorenkino. Das Hauptprogramm wird wieder aus etwa 150  Spiel- und Dokumentarfilmen bestehen. So ist Jean-Luc Godards „Adieu au langage“ als bisher einziger 3-D-Film im Programm. Im heimischen Sektor wird Peter Kerns „Der letzte Sommer der Reichen“ seine Uraufführung bei der Viennale haben, während Sudabeh Mortezais „Macondo“ nach dem Wettbewerb bei der Berlinale nun Österreich-Premiere hat. Hinzu kommen aber etwa auch Olivier Assayas’ „Clouds of Sils Maria“ mit Kristen Stewart und Juliette Binoche und das neue Werk der Gebrüder Dardenne, „Deux jours, une nuit“. Auch Hubert Saupers neues Werk „We come as friends“ findet sich im Programm.

Die große Retrospektive ist heuer in Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum John Ford gewidmet. 45 Filme – vom Stummfilm bis zum Spätwerk der 1960er – werden im Rahmen der Schau zu sehen sein. Tariq Teguia aus Algerien erhält als einer der wichtigsten arabischen Filmemacher ebenfalls ein eigenes Tribute. Und in memoriam Harun Farocki zeigt die Viennale eine Auswahl der wichtigsten Arbeiten des vor wenigen Wochen verstorbenen deutschen Filmemachers.

www.viennale.at

Wien, 15. 10. 2014