Kammerspiele: Die Migrantigen

September 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kebap mit polit-scharf

Aus dem Schauspieler Benny und Start-up-Bobo Marko werden Omar Sharif und Tito: Luka Vlatković und Jakob Elsenwenger. Bild: Jan Frankl

Der Lieblingszweizeiler ereignet sich immer noch an Oktay Oncels Kebapbude, „Mit scharf?“ – „Nein, mit Lamm …“ Für die gestern in den Kammerspielen uraufgeführte Bühnenfassung des Erfolgsfilms „Die Migrantigen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25292) haben Regisseur Arman T. Riahi und seine beiden Hauptdarsteller Aleksandar Petrović und Faris Rahoma, die drei schon die Drehbuchautoren, den Spieß allerdings weitergedreht und mit einer Prise Politwitz gewürzt.

Die Welt rotierte in den zwei Jahren seit dem Kinostart bekanntlich nicht nur astronomisch nach rechts, und so kreisen die Sticheleien nun rund um Ibiza und doppelte Buchführung, „Zack, zack, zack“ Jobverlust für Journalisten – und Özaydin Akbaba, der dieselbe Figur auch im Film verkörperte, wettert als stolzer Marktstandler Oncel über den Mangel an gutem Personal, seit die Regierung Asylwerber mitten in der Lehre abschiebt.

Darüber regt er sich auf der Suche nach sozialen Hängemattlern beim AMS auf, wo die Handlung diesmal einsetzt. Mit der großartigen Susanna Wiegand als exjugoslawischer Putzfrau Romana. „Links, rechts, Mitte“ werde sie bis 29. September noch feudeln, verspricht sie, und ein Publikum, das Sarantos Georgios Zervoulakos‘ Inszenierung mit 90 Minuten Dauerlachen bedankt, schenkt ihr zustimmend den ersten Applaus. Riahi hat die Tour de Farce, auf die er seine Protagonisten Benny und Marko schickt, geschickt gestrafft und die Charaktere kompakter gemacht, ohne dass die genüsslich bedienten Klischees und Vorurteile, Schubladendenken und Stereotype Schaden nehmen, bevor er selbst sie in ihre Bestandteile zerlegt.

Zervoulakos‘ Regie steht der Vorlage in Tempo und Timing und auch Liebenswürdigkeit in nichts nach; Ausstatterin Ece Anisoglu hat dazu eine schnell wandelbare Sichtbeton-Optik erdacht, und Kostüme vom ordinär Feinsten. Im solcherart kenntlich gemachten Problemviertel tummelt sich wie gehabt ORG-〈gesprochen: oarg〉-Redakteurin Marlene Weizenhuber, wie im Film spielt sie Doris Schretzmayer, die dringend „jemand Authentisches“ für ihren angedachten TV-Dokutrash sucht, mit dem sie zwecks Quote ein möglichst katastrophales Bild des „Rudolfsgrund“ auf die Fernsehschirme werfen will. Ihr im Nacken sitzt nämlich der Sendungsverantwortliche Wolfgang Grün, Martin Niedermair als Nach-oben-buckeln-nach-unten-treten-Typ, der von ihr nicht weniger als eine Sensation erwartet, sonst – siehe „Zack“.

Der Sendungsverantwortliche Wolfgang Grün erwartet von Redakteurin Marlene Weizenhuber eine Sensation: Doris Schretzmayer und Martin Niedermair. Bild: Philine Hofmann

Beim AMS spricht aus Frau Weber „das goldene Wienerherz“: Martina Spitzer mit Doris Schretzmayer und Tamim Fattal als Kameramann Andrea. Bild: Philine Hofmann

Als Benny und Marko laufen ihr in den Kammerspielen Luka Vlatković und Jakob Elsenwenger in die Arme, ersterer immer noch bei Mutti wohnender Schauspieler, der es satt hat, auf Ausländerrollen festgelegt zu werden, zweiterer gerade mit einem Energydrink pleitegegangener Startup-Bobo, dessen schwangere Freundin Sophie, Gioia Osthoff, nichtsahnend um tausende Euro Babyartikel shoppt. Die Bedingungen des Nullbegriffs „Migrationshintergrund“ erfüllen sie mit ägyptischen beziehungsweise serbischen Wurzeln jedoch beide.

Und so wittert der eine Ruhm, der andere hofft auf Geld, als sie das Angebot der Weizenhuber annehmen, die Stars ihrer Serie zu werden. Auf absurd-aberwitzige Art zeigt Riahi nun, wie allzu leicht man Meinung macht, vor allem, wenn es die ist, an die ohnedies geglaubt werden will. Die Fehlerhaftigkeit dieses Ansatzes wird mit allen Mitteln der Satire durchdekliniert, das textende Trio verschont auch am Theater niemanden. Weder die Zuwanderer, die in ihrer mitgebrachten Mentalität steckenbleiben, noch die Einheimischen, die nicht über den Tellerrand hinaus sehen wollen. Und schon gar nicht die Medien, die sich auf der Suche nach Berichtenswertem aus sozialen Brennpunkten, nach dem Culture-Clash, wie die Trüffelschweine durch Blut und Boden wühlen.

Dass die beflissene „Weizi“ ob der neu angenommenen Namen der frisch erfundenen Kleinkriminellen „Omar Sharif“ und „Tito“ nicht stutzt, kommentiert die übliche Scheuklappensicht aufs vermeintlich Fremde. Dass die Bühnenfassung der „Migrantigen“ sich im Gegensatz zum Film keine Zeit nimmt, etwas über Bennys und Markos Zivilleben zwischen Castings und Geschäftsterminen zu erzählen, um so das von ihnen angenommene Anderssein als nicht gegeben zu entlarven, ist denn auch die einzige Schwachstelle der Aufführung. Schließlich haben Benny und Marko keine Ahnung, wie Gangsta geht, es gilt unter den „Brüdern“ im Ghetto zu recherchieren, und so engagieren sie den „echten“ Ganoven Juwel, um es ihnen beizubringen.

Der selbsternannte King im Grätzel ist eigentlich Oncels Gemüselieferant, aber Attitude und Machogehabe stimmen, Wilhelm Iben spielt das mit ausladender „Oida, wos geht?“-Geste, während er Vlatković mit glitzerndem Prolohemd und Elsenwenger mit Trainingsanzug einkleidet. Doch da er sich über die Möchtegerns, die sich in sein Revier vorwagten, ärgert, tischt er ihnen jeden nur erdenklichen Schwachsinn über Drogen-Sex-Geldwäschedeals und illegale Boxkämpfe im Wettbüro auf, der in Juwels Wortlaut an die Weizi weitergegeben wird, die von Flunkerei zu Flunkerei karrieretechnisch mehr aufblüht.

Benny „betreut“ Markos Sliwowitz-seligen Papa Herrn Bilic: Ljubiša Lupo Grujčić und Luka Vlatković. Bild: Philine Hofmann

Juwel zeigt den „Migrantigen“ wie Ausländer wirklich sind: Wilhelm Iben mit Jakob Elsenwenger und Luka Vlatković. Bild: Philine Hofmann

Die Stimme des Volkes, im Film spricht in einer sehr schönen Szene Prekariatsösterreich in die Kamera, wird auf der Bühne Martina Spitzer überantwortet. Als ehemalige Standlerin Frau Weber, die ihren in Konkurs gegangen Betrieb an Oktay Oncel abtreten musste, geht ihr erst im AMS „das goldene Wienerherz“ über, wenn sie über ein Leben ohne Leberkäs lamentiert, weil den verkaufen „die“ ja nicht und darüber will sie das von Weizi versprochene Millionenpublikum dringend informieren, bevor sie als nunmehrige Mitarbeiterin des Marktamts ihrem Erzfeind Oncel auf den Leib rückt.

Die Spitzer macht das sehr spaßig, naserümpfend-borniert, wie sie ihr verdächtige Lebensmittelproben in Plastiksackerln tütet und die Buchhaltung nach illegalen Einnahmen durchforstet. Alldieweil tanzen Vlatković und Elsenwenger urkomisch ihren verzweifelten Tanz auf Messers Schneide, um mit ihrem Schwindel nicht aufzufliegen. Was ihnen bei Sophie natürlich nicht gelingt, weshalb Gioia Osthoff einen Glanzauftritt als zu Hilfe eilende „Ostblocknutte Olga“ hat, der es immerhin gelingt, mit dem grauslichen Energydrink und werbewirksamem Twerking-Popo vor Tamim Fattals Kamera zu posieren.

Herzstück des Abends ist Ljubiša Lupo Grujčić als Markos Vater Herr Bilic, ein vom Sliwo-Witz angeregter Philosoph im Rollstuhl, ein unbeirrbarer Verehrer seines Marschalls, einer, der seinem Sohn unentwegt und ungebeten ununterbrochen Weisheiten mit auf den Weg gibt. Grujčić gehört auch der Highlight-Moment des Abends, sein Kabinettstück, als es der Weizi gelingt, in seine Wohnung vorzudringen, und er sich im elegant-dunklem Anzug als grimmig-gefährlicher Consigliere über dem Geschehen erhebt, um zu verhindern, dass Bennys und Markos übertriebenes Gehabe auf seinem Rudolfsgrund ernsthaft Unheil anrichten …

Und so bleiben „Die Migrantigen“ jene herrlich hundsgemeine Chaos-Komödie wie gehabt, die sich scharfsinnig und mutig mit Identitätsangelegenheiten befasst, darunter der, ob Herkunft und Nationalität zum bestimmenden Charakteristikum eines Menschen zu erklären sind. Riahis Stoff, so das Premiere-Fazit, ist in jeder Spielart von einer wilden Wahrhaftigkeit. Mit Vlatković, Elsenwenger, Schretzmayer, Grujčić und den anderen spielt eine tolle Truppe. Von der inklusive Regisseur Sarantos Georgios Zervoulakos etliche wissen, wie es ist, mit Erschlagworten wie Vaterland und Muttersprache konfrontiert zu werden. Herr Bilic bringt die Antworten auf diese Fragen auf den Punkt: „Weißt du was diese Stadt wäre, wenn sie keine Menschen wie uns hätte? Was dieser Bezirk ohne uns wäre? Diese Stadt würde nicht funktionieren. Keine Stadt der Welt würde funktionieren.“

www.josefstadt.org

  1. 9. 2019

Bronski & Grünberg: Pension Schöller

Dezember 13, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fest an den lockeren Schrauben gedreht

Philipp Klapproth am Ende seiner Kräfte: Claudius von Stolzmann, Gioia Osthoff, Benjamin Vanyek und Martina Dähne. Bild: © Andrea Peller

Es ist, ob legendärer Inszenierungen an den Kammerspielen, immer ein gewisses Wagnis in Wien „Pension Schöller“ zu zeigen. Der dort regieerfahrene Fabian Alder hat’s nun im Bronski & Grünberg getan, hat radikal viel gewagt – und alles gewonnen. In seiner Neufassung dockt das beinah 130 Jahre alte Lustspiel von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs geradezu demonstrativ an der Jetztzeit an.

Alder hat, ohne Irr- oder Sprachwitz des Originals zu beschädigen, die Charaktere weitergedacht und fortgeschrieben, hat fest an deren lockeren Schrauben gedreht, und schafft es, mitten im größten Spaß, ein hinterlistiges Statement zum Heute abzugeben. Die Welt anno 2018 – ein Narrenhaus.

Die Handlung ist bekannt. Privatier Philipp Klapproth will, weil er eine seiner Villen in ein Sanatorium für nervlich Angegriffene verwandeln möchte, in Wien eine Klapsmühle besuchen. Sein Neffe Alfred, der vorhat, ein chices Geschäft für sinnlos überteuerte Wohnaccessoires zu eröffnen, und dafür dessen finanzielle Unterstützung braucht, führt den Onkel zu einem Gesellschaftsabend in der Pension Schöller.

Was in Wahrheit nicht mehr als ein Zusammentreffen eines freilich exaltierten, aber keineswegs geisteskranken Künstlerkreises ist, ist für Klapproth pure Psychiatrie. Doch weil sich Klapproth immer mehr in seinen Begegnungen mit den vermeintlichen Insassen verstrickt, nehmen die Verwirrungen naturgemäß ihren Lauf. Um deren grelle Komik zu illustrieren, hat Kaja Dymnicki ein mit pinker Luftpolsterfolie überzogenes Bühnenbild erdacht, die Kostüme von Julia Edtmeier kontrastierend dazu in ihrer spießigen Kleinkariertheit. Darin gelingt dem Ensemble mit viel Spielfreude und hohem Tempo, zwischen Handgreiflichkeiten und Slapstick-Stürzen, großartiger Boulevard.

Martina Dähne gibt mit Verve die beherzte Pensionswirtin, die mit ihren „internationalen“ Soiréen das Ende der Demokratie in Europa abwenden will – vorausgesetzt die Subventionen dafür fließen. Benjamin Vanyek bezaubert in der Paraderolle als Schöllers schwuler Sohn und „logopädisch herausgeforderter“ Jungschauspieler mit Abscheu vor der strukturellen Ausbeutung am Theater. Hinreißend, wie er als Showhighlight „Oh mein Papa“ nispelt, und nogisch, dass er in Dominic Marcus Singers aufgeräumtem Alfred sein Liebesglück findet.

Ein verdächtiges Geschenk vom Globetrotter: Claudius von Stolzmann und David Oberkogler. Bild: © Andrea Peller

Die Postdramatikerin im Infight mit dem Major: Gioia Osthoff und Thomas Weissengruber, hinten: Martina Dähne, Benjamin Vanyek und Dominic Marcus Singer. Bild: © Andrea Peller

Hier findet zusammen, was zusammen gehört: Benjamin Vanyek und Dominic Marcus Singer. Bild: © Andrea Peller

Die Schauspieler schmieren und klamauken sich derart Vollgas durch ihre Rollen in dieser gegenüber dem 1890er-Stück noch  zugespitzten Farce, dass es eine Freude ist. Das „Kasperltheater“ mit dem die Kaffeehausszene beginnt, ist auch in Folge wörtlich zu nehmen. David Oberkogler spielt den Löwenbändiger Bernhardy, der hier hauptberuflich ein mittelschwer narzisstischer Auslandskorrespondent ist, immer bereit über seine zahlreichen Journalistenpreise zu schwadronieren oder eine „kritisch-unabhängige“ Frage zu platzieren.

Gioia Osthoff ist als Schriftstellerin, nun mit dem Namen „Weißgarnix“, zur feministischen Postdramatikerin avanciert, die ihr Umfeld mit ihren unverrückbaren Gender-Positionen nervt. Thomas Weissengruber ist – mit einem Riesenrepertoire an wutbürgerlicher Mimik – als cholerischer Major a. D. zu sehen, dessen Karriereende mit dem (tatsächlich Pilz’schen) Sager vom „Höschen aus Paris“ zu tun hat, und der daher in funktionierende Opposition gehen will. Solcherlei Bezüge stellt Fabian Alder mit Vorliebe her. Und nicht immer nur geht es dabei um politische Fettnäpfe, sondern im extremsten Fall um einen wieder gesellschaftsfähigen Faschismus.

Philipp Klapproth nämlich, von Claudius von Stolzmann lange Zeit ganz prima als Provinztropf angelegt, ist nämlich aus Chemnitz. Was nicht nur diverse Seitenhiebe zur aktuellen Lage hierzu- und im Nachbarlande zulässt, sondern auch eine Schlusspointe, in der sich das vorgeblich so harm- wie arglose Onkelchen als Drahtzieher einer Operation, genannt „Schöne braue Donau“, enttarnt. Was es damit auf sich hat, sollte man sich selber anschauen. Nur so viel: Zum Schluss heißt es nicht nur Komödienfeuer frei.

Auch in seiner dritten Saison erweist sich das Bronski & Grünberg mit dieser High-Speed-Aufführung als erste Adresse für absurden, bissigen Witz und scharfsinnigen Schabernack. Mit diesen Mitteln ist dem Wahnsinn dieser Tag wohl am besten beizukommen, sozusagen Lachen als Theater- und Lebenskonzept. Erst kürzlich ergab eine Studie der Medizinischen Universität Wien, dass, wer schwarzen Humor mag, einen höheren Intelligenzquotienten und ein niedrigeres Aggressionslevel als andere hat …

www.bronski-gruenberg.at

13. 12. 2018

Burgtheater: Pension Schöller

Oktober 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Berliner Schwung und Schnauze

Schwungvoll hinein in die Abendunterhaltung: Sabine Haupt und Roland Koch. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Schwungvoll hinein in die Abendunterhaltung: Sabine Haupt und Roland Koch als Philipp Klapproth. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Es ist ein gewisses Wagnis, man merkte es an den Foyergesprächen vor dem Einlass, in der Stadt, in der sich so viele noch an die legendäre Hugo-Wiener-Fassung mit Max und Alfred Böhm erinnern können, die „Pension Schöller“ auf die Bühne zu bringen. Das Burgtheater hat’s nun erstmals gewagt – und gewonnen.

Regisseur Andreas Kriegenburg macht alles neu und anders, heißt eigentlich, er bewegt sich näher entlang des Originals von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby, und damit macht er alles richtig. Dreieinhalb Stunden dauert seine Inszenierung und ebenso lange fackelt er ein Feuerwerk an schrägen Ideen und skurrilen Einfällen ab. Nun kann in diesem Schwank freilich nichts weltbewegend Welterklärendes gefunden werden, doch wer gekommen war, um sich zu unterhalten, wurde bestens bedient. Kriegenburg setzt auf Berliner Schwung und Schnauze, auf stummfilmartigen Slapstick, selbst wenn zeitweise ein bisschen arg viel gestolpert wird, denn nicht einmal der Bananenausrutscher darf da eingangs fehlen. Allerdings als Theatergag auf dem Theater. „Ike schäme mir so“, sagt der ausführende Zahlkellner im Kaffee dazu.

Immer wieder treten die Darsteller auch aus ihren Rollen, um ebendiese Menschenparodien noch zu persiflieren, immer auf der Suche nach der Steigerungsstufe für das Wort Wahn-Witz, und wenn einer zum anderen sagt: „Das Niveau ist auf der Flucht vor dir“, dann ist damit die Temperatur des Abends eingestellt. Das passende Kunstwerk dazu ist das Bühnenbild von Harald B. Thor, der Schriftzug Smile, wie aus Backsteinen gebaut, dreidimensional zu bespielen, mit Balkonen und Blumenfenstern. Alles dreht sich, alles bewegt sich, alle überschlagen und verheddern sich im nächsten Schabernack. Sogar eine Bollywood’sche Tanzeinlage darf da nicht fehlen.

Mit Christiane von Poelnitz als Schriftstellerin Josephine Krüger. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Mit Christiane von Poelnitz als Schriftstellerin Josephine Krüger. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Mit Max Simonischek als Schauspieler ohne L, Eugen Rümpel. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Mit Max Simonischek als Schauspieler ohne L, Eugen Rümpel. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Nun ist „Pension Schöller“ in erster Linie ein Fest für Schauspieler, und das Ensemble des Burgtheaters feiert sich und seine Kunst ausgiebig. Allen voran Roland Koch als Philipp Klapproth, der bis zum Schamhaar alles gibt. Er ist der reiche Privatier aus der Provinz, der Prototyp des braven Bürgers, der ein Abenteuer in der Großstadt erleben will und dem ein hinterlistiger Neffe ein Familienhotel als Irrenhaus vorgaukelt. Woran die Mieter in demselben nicht ganz unschuldig sind. Michael Masula brilliert als liebenswert-verrückter Weltreisender Fritz Bernhardy, die schamanische Reinigungsszene, der sich Klapproth an seiner Seite unterziehen muss, ist ein Kabinettstückchen für sich. Dietmar König ist als cholerischer Major a. D. Gröber ganz fabelhaft.

Christiane von Poelnitz hätte sich als nervige Schriftstellerin Josephine Krüger nicht nur einen Komödiantik-, sondern auch einen Artistikpreis verdient. Max Simonischek meistert sein Burg-Debüt mit Bravour. Er hat als Eugen Rümpel – der Schauspieler, der kein L sprechen kann – nicht nur eine der sprachlichst anspruchsvollsten Possenrollen ausgefasst, sondern eine, die vollen Körpereinsatz verlangt. Bernd Birkhahn und Sabine Haupt überzeugen als Schöller nebst Schwägerin auch mit einer musikalischen Einlage.

„Pension Schöller“ am Burgtheater ist irre lustig. Das Publikum reagierte mit lautem Lachen und viel Szenenapplaus. Was Schöneres lässt sich über einen Theaterabend sagen?

www.burgtheater.at

Wien, 23. 10. 2016

Leopold Museum: Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck und Berlinde De Bruyckere

April 6, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der gemarterte Körper als Bildhauerkunst

Wilhelm Lehmbruck: Der Gestürzte, 1915. Bild: Nachlass W. Lehmbruck

Wilhelm Lehmbruck: Der Gestürzte, 1915. Bild: Nachlass W. Lehmbruck

Wilhelm Lehmbruck zählt zu den bedeutendsten Künstlern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Leopold Museum widmet dem einflussreichen Erneuerer und Wegbereiter der modernen europäischen Bildhauerkunst ab 8. April eine erste umfassende Retrospektive in Österreich, bestehend aus etwa 50 Skulpturen, 90 Gemälden, Zeichnungen und Radierungen.

Die Ausstellung spürt Lehmbrucks künstlerischer Entwicklung nach. Sie skizziert seinen Weg vom noch suchenden, unterschiedlichste Einflüsse verarbeitenden Frühwerk bis zur Etablierung seiner originären skulpturalen Sprache. Diese führte ihn zu experimentellen und abstrahierten Formen, die seine Pariser Zeit maßgeblich kennzeichnen. Nicht nur die Omnipräsenz von Auguste Rodin und Aristide Maillol in Paris, auch Lehmbrucks persönliche Begegnungen und Freundschaften mit zeitgenössischen Kollegen wie Alexander Archipenko, Constantin Brâncuși oder Amedeo Modigliani feuerten dieses Schaffen an. Ausgewählte Werke von ihnen sind ebenso in der Schau zu sehen wie Arbeiten von George Minne, Käthe Kollwitz, Ernst Barlach und Egon Schiele.

Wilhelm Lehmbruck: Mother and Child, 1918. Bild: Lehmbruck Museum, Duisburg

Wilhelm Lehmbruck: Mutter und Kind, 1918. Bild: Lehmbruck Museum, Duisburg

Zu Lehmbrucks bedeutendsten Exponaten zählen jene, die während des Ersten Weltkrieges, den er als Sanitäter in einem Berliner Militärlazarett erlebte, bis zu seinem Freitod im Jahr 1919 entstanden sind. Sie spiegeln die Sensibilität und Zerbrechlichkeit von Lehmbrucks Charakter sowie seine zutiefst auf Humanität begründete Haltung wider. Seine Figuren sind so introvertiert wie innerlich beseelt. Es sind Gefühlszustände wie Verzweiflung, Trauer, Scham oder Melancholie, die die in sich gekehrten Körper aufladen und ihnen einen besonderen, suggestiven Ausdruck verleihen. Lehmbrucks bildhauerisches Werk dreht sich hauptsächlich um den menschlichen Körper, die meisten seiner Skulpturen drücken Leid und Elend aus und sind anonymisiert, es sind also keine individuellen Gesichtszüge oder Ähnliches erkennbar. Wie bei der überdehnten und stark abstrahierten Figur „Der Gestürzte“, die ebenfalls in Wien zu sehen sein wird.

Auf die intuitive, seelische Kraft des plastischen Formens bei Lehmbruck verwies auch Joseph Beuys, dessen Werk am Abschluss der Schau in Dialog zu Arbeiten von Lehmbruck gesetzt wird. Die Gegenüberstellung der beiden Künstler, die insbesondere im Bereich der Zeichnung durch das Flüchtige und die Unabgeschlossenheit der Arbeiten eine hohe Ähnlichkeit aufweisen, unterstreicht einmal mehr die über seine Zeit hinausweisende Wirkkraft Lehmbrucks. Aus gegenwärtiger Perspektive in Anbetracht weltpolitischer Ereignisse ist sein OEuvre von höchster Aktualität.

Berlinde De Bruyckere: Suture

Berlinde de Bruyckere: Piëta, 2007 - 2008, ISelf Collection, London Bild: Mirjam Devriendt

Berlinde De Bruyckere: Piëta, 2007 – 2008, ISelf Collection, London
Bild: Mirjam Devriendt

Ebenfalls ab 8. April zu sehen sind Arbeiten der belgischen Künstlerin Berlinde De Bruyckere, als eine erste umfassende Einzelausstellung der Künstlerin in Wien, die durch die Präsentation zentraler Arbeiten und Werkserien aus den vergangenen zwei Jahrzehnten besticht.

De Bruyckere zählt mit ihren eindrücklichen Skulpturen, die den menschlichen Körper in seiner rohen Schönheit und Verletzlichkeit in den Fokus rücken, zu den international bekanntesten Bildhauerinnen der Gegenwart.

In zeitlosen Figuren setzt sich De Bruyckere mit Fragen von Leben und Tod und Schmerz und Leid auseinander und betont die Eingesperrtheit der menschlichen Existenz im fleischlichen Körper. Die fragmentierten Leiber ihrer wächsernen Skulpturen, die einen geradezu unheimlichen Realismus aufweisen, scheinen einem ständigen Prozess der Transformation zwischen Werden und Vergehen ausgesetzt. Die Körper werden durch persönliche, soziale und politische Prozesse der Verwandlung unterzogen. Für diese Formationen und Deformationen lässt sich De Bruyckere von tagesaktuellen Medienbildern und klassischen Gemälden inspirieren.

www.leopoldmuseum.org

Wien, 6. 4. 2016

Markus Kupferblum: Winterreise – ein Gewaltmarsch

November 7, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schlüterwerke vereinen Schubert mit Miklós Radnóti

Bild: Markus Kupferblum

Bild: Markus Kupferblum

Die Gedichte von Wilhelm Müller, die Franz Schubert für seinen Zyklus „Winterreise“ 1827 vertont hat – in Müllers Todesjahr und einem Jahr vor seinem eigenen Tod -, zeichnen ein einsames Bild eines Menschen, der sich nach Wärme sehnt. Er ist isoliert in seiner unverstandenen Sehnsucht nach einem blühenden Leben, das unter einer dicken Eisschicht verborgen liegt. Sicherlich ist es auch die Erfahrung Müllers als Soldat im Krieg gegen Napoleon, zu dem er sich freiwillig gemeldet hatte, die man aus diesen Gedichten herausliest. Theatermacher Markus Kupferblum vereint Müllers Lyrik mit der grausamen Dimension eines Gewaltmarsches, die  durch die Gedichte von Miklós Radnóti erfahrbar gemachen werden. Der ungarische Dichter kam bei einem solchen 1944 durch einen Genickschuß ums Leben, da er zu schwach war, weiterzugehen. Seine Leiche wurde aus einem Massengrab exhumiert. Bei dieser Gelegenheit fand man in der Innentasche seiner Jacke seine Gedichte.

Erschreckend ist es, wie passend sich’s zusammenfügt: Eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück. Die Angst über den Tod im Graben, die Erkenntnis, dass die Heimat in Rauch aufgeht – und keine Heimkehr mehr. Einsam bin ich ausgezogen … Müllers Worte, oft genug von Baritonen verknödelt, werden hier auch rezitiert. Mitunter im Dialekt. Da merkt man erst die Kraft, die in den Worten steckt. Und manchmal merkt man nicht mehr, was Müller, was Radnóti ist. Von Bombenwurf, Panzerkraft, Fliegeralarm wusste Müller noch nichts. „Geduld bringt jetzt die Rose Tod hervor“, hat Radnóti aufgeschrieben. Der Wandersmann wandert ins Jenseits.

Eine großartige Truppe interpretierte diesen Abend nun im Brick 5. Tritt nicht einer als Protagonist hervor, tragen sie Masken. Sind eine gesichtslose Masse. Man kann nur den zu Tode quälen, den man nur noch als Objekt wahrnimmt. Die Verfremdung mit den weißen Larven verleiht dem Spiel eine ungeahnte Intensität. Mit oder ohne stellen die Schauspieler fabelhaft gut Hoffen und Bangen, Verzweiflung und Lebenswillen, Wut und Trauer dar. Ihr lacht wohl über den Träumer, der Blumen im Winter sah. Erzählen sie mit ihren heißen Tränen. Nein, erzählen sie nicht, denn die sechs Akteure sind Universalkünstler, agieren wie Andrea Köhler und Stephanie Schmiderer als Schauspieler. Sind wie Ulla Pilz – sie am intensivsten – und Ingala Fortagne auch Sopranistinnen, die, begleitet am Klavier von Donka Angatscheva, den Mannsgesang ein weiteres Mal verfremden. Sind wie Béla Bufe und Katharina Weinhuber Tänzer, die Eros feiern, um Thanatos noch eine kurze Weltenweile abzuringen.

Wie in des Apfels Kernhaus der braune Kern, so schwoll
bis jetzt in meinem Herzen all der geheime Groll,
ich wußte, ein Schwert-Engel geht mit in meinem Rücken,
paßt auf und schützt mich notfalls vor Widrigkeit und Tücken.
Wer eines wilden Morgens jedoch erwacht darüber,
daß alles eingestürzt ist, sich aufmacht wie ein trüber
Spuk, weg von seinem Krimskram, und ist mehr nackt als nicht,
in dessen schönem Herzen mit leichten Sohlen bricht
nachdenklich, reif und wortkarg die Demut auf, geläutert,
empört er sich und meutert, dann nicht mehr seinetwegen,
dem Fernglanz freier Zukunft eilt er nun schon entgegen.

Ich hatte nichts, und nichts mehr wird mir gehören, kein
Besitz, im reichen Leben ein Weilchen Träumer sein
genüge, hier, nicht Zorn mehr, nicht Rache fällt mir ein,
wird mein Gedicht verboten, – doch wird aus neuem Stein
die neue Welt, ihr klingt dann im Fundament mein Wort,
was hinter mir liegt, lebe ich schon inwendig fort,
ich schaue nicht mehr rückwärts, wohl wissend, mich behütet
kein Blick zurück, kein Zauber, – ein Unheilsmittel brütet
ob mir, winkt ab, Freund, kehr mir den Rücken, sieh nicht her.
Jetzt ist, wo einst Engel mit dem Schwert stand,
vielleicht gar niemand mehr.

Miklós Radnóti , 30. April 1944

Lange nachdem der Schlussapplaus verklungen war, blieben die Zuschauer noch sitzen. Es braucht Kraft, zu gehen.

Nächster Termin: 8. 11., Kloster Und bei Krems, 19.30 Uhr. Da die Schlüterwerke vollkommen ohne öffentliche Förderung arbeiten, gilt das „Schlüterprinzip“: Sie spielen nur an Orten, die kostenlos zur Verfügung stehen, die Produktionskosten werden so gering wie möglich gehalten, das Publikum zahlt so viel es sich leisten kann und das Team teilt das Geld an der Abendkasse zu gleichen Teilen unter den hervorragenden Künstlern auf.

www.schlüterwerke.at

www.kupferblum.com

Wien, 7. 11. 2014