Les garçons sauvages / The Wild Boys

Juli 4, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Insel der Lüste verlieren sich die Lümmel

Gefangen auf dem Boot des mysteriösen Kapitäns: Mathilde Warnier, Pauline Lorillard, Anaël Snoek und Vimala Pons. Bild: Bildstörung

Eine Insel der Enthemmtheit, weit hinter den Horizonten von Zivilisation. Dorthin unterwegs sind fünf junge Burschen, auf einem Schiff, einem Seelenfänger, auf dem ein mürrischer Kapitän für Zucht und Ordnung sorgt – indem er die bildungsbürgerlichen Buben wie Hunde an Leinen hält. Gefressen wird, was in die Schüssel kommt, und findet er im Reisegepäck etwa noch einen Shakespeare, geht der schnell über Bord.

Die einzige Lektüre, die der „Holländer“ genannte Mann duldet, sind die auf seinen Penis tätowierten Schriftzeichen. Ihre Eltern haben die Teenager-Delinquenten auf diese schwimmende Strafkolonie verfrachtet, haben sie doch ein unfassbares Verbrechen gegangen: einen schwarzmagischen Ritualmord an ihrer Literaturprofessorin, ein Hengst ist involviert, um ihrem selbst erfundenen Dämonengott zu huldigen. Dies atavistische Fantasiewesen soll das Böse sein, sagt die Bande, das sie beherrscht. „Les garçons sauvages / The Wild Boys“ heißt das betörende, verstörende Spielfilmdebüt des französischen Experimentalfilmregisseurs Bertrand Mandico, das am Freitag in die Kinos kommt. Ein Fiebertraum, ein mysteriös-queeres Maskenspiel, ein eigenwilliger Hommagenmix von William S. Burroughs über William Golding bis H. G. Wells, vor allem aber ein Werk auf der Höhe einer Zeit, in der vor gerade mal eineinhalb Monaten in Österreich der erste Pass für einen Menschen dritten Geschlechts ausgestellt wurde.

Mandico erzählt in poetischen Schwarzweiß-Bildern, die von farbigen Sequenzen akzentuiert werden, er erzählt in einer einzigen großen Rückblende von der menschlichen Natur, die von ebendieser bezwungen werden wird, erzählt von dunkler Begierde und brennender Sehnsucht, entwirft en miniature eine Gesellschaft, die Lüge, Gewalt und Sex als Mittel zum Zweck einsetzt – und hat, um das Spiel mit Identitäten und Illusionen auf die Spitze zu treiben, seine wilden Jungs mit Schauspielerinnen besetzt. Pauline Lorillard, Vimala Pons, Diane Rouxel, Anaël Snoek und Mathilde Warnier stranden also mit dem unheimlichen Kapitän, dem Sam Louwyck Gestalt verleiht, auf einem zwar ungastlichen, gleichzeitig aber allzu lebendigen Eiland, gedreht wurde auf La Réunion, dessen Vegetation aus haarigen, testikelgleichen Früchten und ihren Saft abspritzenden Blüten besteht.

Sie fühlten sich „wie Zwerge auf einem obszönen Riesenmädchen“, sagt der flachsblonde Tanguy, Anaël Snoek, der sich wie auch Brillenträger Hubert, Diane Rouxel, bald als der Sensibelste der Gruppe herausstellen wird, während der brutale Jean-Louis, Vimala Pons, den durch nichts zu beeindruckenden Rebellen gibt, und Romuald, Mathilde Warnier, und Sloane, Pauline Lorillard, auf seine, die vermeintlich starke Seite zieht. Anhebt nun eine erotische Halluzination mit Pflanzen, die bereitwillig „die Schenkel öffnen“, mit diesen aber auch ihre Gefangenen machen, dazu farbige Phantasmagorien eines Damien-Hirst’schen Diamantenschädels, das Original trägt ja den Titel „For the Love of God“, einer Kriegerin mit metallischem Brustpanzer und einem rotäugigen Maskenhund.

Alkohol erleichtert erst das Inselleben: Anaël Snoek, Vimala Pons, Mathilde Warnier und Diane Rouxel. Bild: Bildstörung

Mit dem Kapitän: Anaël Snoek, Mathilde Warnier, Pauline Lorillard, Vimala Pons und Sam Louwyck. Bild: Bildstörung

Unter dem Einfluss der Maske werden die Jungs zu Mördern. Bild: Bildstörung

Doch in ihren Albträumen treffen sie bald auf ihre Meisterin. Bild: Bildstörung

Im Wortsinn umgarnt von den erotisierenden Pflanzen: Diane Rouxel und Anaël Snoek. Bild: Bildstörung

Der/die geheimnisvolle Dr. Séverin/e: Elina Löwensohn und Diane Rouxel. Bild: Bildstörung

Und während die Schuluniformen des Quintetts durch diverse Gewalt/Akte immer mehr Schaden nehmen, Hubert homoerotische Gedanken über den Kapitän, heißt: seinen Lesestoff, quälen, trifft sich der mit dem/der androgynen Inselherrn/herrin Doktor Séverin/e, den oder die Mandico mit seiner flamboyanten Muse Elina Löwensohn besetzt hat, eine Figur, die sich, wie sich herausstellt, den Kapitän Untertan gemacht hat. „Genießt die Freuden!“, ist ihre Parole, und tatsächlich beginnen die Jungs sich im süßsalzigen Klima zu verändern. Die feminisierende Wirkung der Insel setzt ein, und mit ihr im Wortsinn der Abfall von der Männlichkeit, schon verliert der erste Lümmel den seinen, und ist der Penis erst weg, kann gut ein Busen wachsen. Nur einer entwickelt, gleich übrigens dem Kapitän, nur eine weibliche Brust – und dessen Schicksal scheint somit besiegelt.

In Interviews sagt Bertrand Mandico, es wäre dieser Moment der Entwicklung, das Erforschen des Dazwischens gewesen, das ihn zu „Les garçons sauvages / The Wild Boys“ angespornt hätte, und wirklich hat er sich mit queeren Kinoästhetiken bestens vertraut gemacht; sein grobkörniges 16-mm-Material ruft geschickt dort die Genreklassiker auf, wo sie ihm dienlich sind. Mandico beherrscht auch die große Geste, umgesetzt in der Fotografie von Kamerafrau Pascale Granel, die es versteht, die gezeigte Grausamkeit an der Grenze zur Sinnlichkeit changieren zu lassen, und im Soundtrack von Pierre Desprats, der Oper mit einer Art Glamrock zusammenfließen lässt, beides, Bild und Ton, dabei schmerzhaft in den Spitzentönen.

„Les garçons sauvages / The Wild Boys“ ist Kinomagie, die Geister, die Bertrand Mandico mit ihr heraufbeschwört, sind von psychedelischer Kraft. „Les garçons sauvages / The Wild Boys“, sagt der Regisseur, „ist kein Thesenfilm, sondern es ist vielmehr etwas Triebhaftes: ein funkelndes Objekt bizarrer Begierde“. Ob der Sirenengesang der Insel „die Zukunft der Welt ist weiblich“ lautet, lässt Mandico bewusst offen. Immerhin werden am Ende ein paar Matrosen an Land gelockt – und von den neuen Frauen übermannt.

Trailer:

 

www.filmgarten.at/wildboys

4. 7. 2019

 

Burgtheater: Zelt

April 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grandiose Gruppengymnastik mit Campinggestänge

Sebastian Wendelin, Sabine Haupt, Hubert Wild, Michael Masula, Markus Meyer, Petra Morzé, Stefanie Dvorak, Simon Jensen, Ruth Brauer-Kvam, Marius Michael Huth, Naemi Latzer, Daniela Mühlbauer und Dorothee Hartinger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Erst einmal nur rumspinnen“ wolle er, sagt Herbert Fritsch über seine jüngste Arbeit, der Regieschelm, der nicht dran glaubt, dass Theater auf einem Dramatikerpapier entstehen kann, sondern dies ausschließlich auf der Bühne tut. „Pures Theater“ nennt er‘s, wenn er wieder einmal seine Wunderkiste öffnet und den Spielort zum magischen Raum macht und seinen Schauspielern die Gelegenheit gibt, ihren Spieltrieb auf die Spitze zu treiben. Vierundzwanzig sind es diesmal in „Zelt“.

Fritschs finalem Kunststück am Burgtheater der abtretenden Direktorin Karin Bergmann, die sich auf ihrem Stammplatz, Reihe zehn fußfrei, so köstlich amüsierte, wie das ganze Premierenpublikum. „Zelt“ ist, nach Fritschs aufgekratzten Klassikerinszenierungen am Haus, da selbst entwickelt, noch eigentümlicher und exaltierter, ein perfekt choreografierter Nonsens, knallbunt, voll absurder Gags und komischer Akrobatik, in dem kein Wort gesprochen wird, weil, sagt Fritsch, der Sinn ohnedies im Klang läge. Stattdessen sind die Darsteller zur Gruppengymnastik mit Campingstangen angehalten, denn, wenn’s um irgendetwas geht, dann darum, ein Einpersonenkabäuschen aufzubauen. Mit Plane, Gestänge und Heringen, und die Darsteller machen daraus mit famoser Fantasie einen kollektiv-künstlerischen Prozess des erst Miss-, später Gelingens. Wieder scheitern, besser scheitern. Dass dieser Schaukampf mit der Tücke des Objekts unterhält, mag daran liegen, dass man ein Kind der großen Camping-Ära ist, der 1970er-Jahre. Als alles Richtung Freilufturlaub aufbrach, der erste Familienstreit vorprogrammiert, weil Vater das Vorzelt natürlich nicht in die dafür vorgesehene Schiene am Wohnwagen eingefädelt bekam.

Bevor die Plagerei losgeht, wird aber erst der Platz geschrubbt, der neongrün glänzende Boden vom neongrün gekleideten Putztrupp, der zum Wischbesen-Ballett einen Sound aus Gummihandschuh-Schnalzern und Kübelknall-Rhythmus kreiert. Fritsch-Intimus Hubert Wild intoniert kurz eine aufreibfetzige Arie, und während dazu Bilder von „Präsentiert den Besen!“ über die Schatten eines Reinigungsgeräte-Golgatha bis zum Protestmopp einer Demonstration geschaffen werden, stellt sich Hermann Scheidleder als eine Art staunender Chef heraus. Der zwar nicht recht zu wissen scheint, wie ihm geschieht, aber gleich einem Hohepriester den ersten Zeltaufbau zelebriert, aus dem dann das Ensemble krabbelt. Nun werkt ein jeder, wird sich in Heringen verheddert und mit aufgebauschten Planen gebalgt, ein jeder ein an seinem Trick gescheiterter Zauberlehrling, eingezwickte Finger inklusive, etwaige Schmerzäußerungen von der Musik übertönt.

Der Putztrupp lässt die Gummihandschuhe knallen: Selina Graf, Sabine Haupt, Sebastian Wendelin und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kampf dem Gestänge: Stefanie Dvorak, Daniela Mühlbauer, Eva Maria Schindele, Michael Masula, Hermann Scheidleder und Sebastian Wendelin. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auweh mit eingezwicktem Finger: Hubert Wild, Markus Meyer, Marius Michael Huth und Michael Masula. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Zeremonienmeister Hermann Scheidleder hat sein Einpersonenzelt als erster fertig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mitten durch den Saal macht sich nämlich eine skurrile Gestalt zur Bühne auf, Matthias Jakisic als Clown mit E-Geige, der die körperlichen Abläufe mit seinen Kompositionen koordiniert. Ob das Campingdasein sich als Synonym fürs Theaterleben lesen lässt, im Sinne von: aus Klein-Einzelnen wird ein Großes, bleibt im Fritsch‘schen Gedankenkosmos der freien Assoziation dem Betrachter überlassen. So auch die Frage ob der politischen Bedeutung eines Burkamoments oder, wenn die Zeltverpackungsbeutel wie Gasmasken über die Köpfe gestülpt werden. Man darf sich ausmalen, was man will und so gut man‘s kann, und apropos: Farben, Friedrich Rom versetzt Fritschs leeren Raum in einen fröhlich irisierenden Lichtrausch, rot wie Blut, blau wie der Himmel, frühlingsgrün. Die Kostüme von Bettina Helmi gleichen einer Trachtenkasperliade.

Die Damen in glitzernden Glockenrockdirndln mit Blumenmuster und Puffärmeln und blonden Gretelperücken, die Herren in einer Steirerlodensatire, unterm Janker kreischorange Hemden und grüne Krawatten, weiße Kniestrümpfe für Mann wie Frau ein Modemuss. Derart angetan erschaffen die Schauspieler eine Vielzahl komödiantischer Miniaturen, in denen es meist ums Begehren, Anbandeln, sich Verlieben geht, gelingt es diesen grandiosen Darstellern doch auch in der uniformen Masse absonderliche Typen zu gestalten. Bald wird’s zum Quiz, wen man unter der Maskerade erkennt, die Pirouetten drehende Petra Morzé, den ständig über seine Füße stolpernden, aber den Spagat meisternden Markus Meyer, Michael Masula, der sein Versagen am Gestänge grässlich weggrinst, die Beine hochschmeißende Ruth Brauer-Kvam, Marta Kizyma mit typischer Schnute und einem Augenrollen, den sich bis zum Schweißgebadet-Sein verausgabenden Sebastian Wendelin, Simon Jensen mit der Max-und-Moritz-Tolle, Stefanie Dvorak, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt …

Akkordeon auf Teufel komm‘ raus: Markus Meyer, Petra Morzé, Peter Rahmani und Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kaum ist die Zeltstadt fertig, legen die Zappelphilippas und Hampelmänner mit einem Lagerfeuerkonzert los. Die einen mit Gitarren, die anderen mit Akkordeons, eine furiose Kakophonie dieser mimischen Koalition, ein quietschend geschrammeltes Forte- fortissimo, der Veitstanz grotesker Volksdümmelei, mit Jakisic als satanischem Kapellmeister. Mitreißend verführerisch klingt das, dieser Irrsinn mit theatralem Seltenheitswert, und das Ensemble mit Spaß an der Freud‘ dabei.

Am Schluss zum Teufelsgeiger Scheidleder als Herrgott, der die Zelte als beleuchtete Lampions einer neuen Kušej’gen Zeit entgegenschweben lässt. Aber wie’s mit dem Übergang vom Hier zum Jetzt schon so ist, steht vor dem Anfang ein Ende, an dem die zwei Dutzend wie zerzauste Rübenköpfe aus dem Untergrund ragen, als seien sie in Dantes Purgatorio oder enthauptete Opfer einer nicht näher definierten Revolution. Das ist Überwältigungtheater, der Augenschmaus und Ohrensaus Beweis dafür, dass man kein Wort verstehen muss, um etwas auf sich wirken zu lassen. Zum tosenden Applaus der Fritsch-Fans fliegt er höchstpersönlich als Dirndl-Gretchen vom Schnürboden herab, die Träne im Knopfloch, weil’s für etliche im Ensemble tatsächlich die letzte Burg-Premiere gewesen sein wird.

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019

Art Carnuntum – La MaMa Theatre New York: Pylade

Juli 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wahnsinn und die Schändung einer Wassermelone

Marko Mandic als Pylades, umringt vom Ensemble, geht in seinem Spiel über die Grenzen körperlicher Belastbarkeit hinaus. Bild: Barbara Pálffy

Marko Mandic als Pylades geht in seinem Spiel über die Grenzen körperlicher Belastbarkeit hinaus. Bild: Barbara Pálffy

Die Wassermelone, die mit einem Messer zer- und an die Zuschauer verteilt wurde, hatte das bessere Los gezogen. Ihre Schwester nämlich wurde von Pylades zur Befriedigung essenziellster Bedürfnisse herangezogen. Der slowenische Schauspielstar Marko Mandić spielt diesen besten Freund des Orestes, so kraftvoll und schonungslos, auch gegenüber seinem zu 90 Prozent des Abends nackten Körper und dessen allzu menschlichen Reaktionen, dass man zuweilen um seine Unversehrtheit bangte …

Das New Yorker La MaMa Theatre war erstmals nach dem Tod seiner Gründerin Ellen Stewart wieder bei Art Carnuntum zu Gast. Im römischen Amphitheater zeigte die Experimentaltheatertruppe Pier Paolo Pasolinis Drama „Pylade“. 1977 ist dieses im Original „Affabulazione“ – Königsmord genannte Werk entstanden, und der italienische Filme- und Theatermacher stülpt darin der mythologischen Figur nicht nur seine eigene Biografie über, sondern versetzt sie in ein Italien seiner Zeit, einem Land, aufgerieben zwischen den Attentaten der Roten Brigaden und Angst und ergo Antiterrorgesetzen und daraus resultierendem Staatsterror.

Recherchen über letzteren, so eine Spekulation, könnten zu Pasolinis gewaltvollem Tod geführt haben. Nichts also könnte dieser Tage aktueller sein. US-Kritiker lobten die Produktion nach ihrer Premiere im Dezember zu Recht über die Maßen, die Vereinigten Staaten im Wahlkampf und hier ein Thronfolger, der nach der Ermordung von Vater und Mutter und deren Liebhaber eine neue demokratische Gesellschaft einführen will und, verfolgt von den Erinnyen, doch scheitern wird müssen. Sein hehres Ansinnen ist zu sehr auf den morschen Pfeilern der Vergangenheit errichtet, und Pylades, beseelt vom Geist der Göttin Athene, erkennt das.

Pasolini gibt diesem von Aischylos über Euripides bis Sophokles stummen Diener eine Stimme, die der Revolution, die der Antikorruption und des Antikapitalismus. Und wenn Regisseur Ivica Buljan, er übrigens künstlerischer Leiter des kroatischen Nationaltheaters Zagreb, seinen Hauptdarsteller Mandić zum Schluss die Bandiera rossa mit der letzten Zeile „Evviva il comunismo e la libertà“ singen lässt, dann ist das für eine Arbeit aus dem bigott-prüden Amerika mutmaßlich noch mutiger als das Ausstellen entblößter Haut.

Mit „Orestes“ Tunde Sho. Bild: Barbara Pálffy

Mit „Orestes“ Tunde Sho. Bild: Barbara Pálffy

La MaMa-Direktorin Mia Yoo als Elektra. Bild: Barbara Pálffy

La MaMa-Direktorin Mia Yoo als Elektra. Bild: Barbara Pálffy

Perry Yung wendet sich als armer Bauer vergebens an den Hof. Bild: Barbara Pálffy

Perry Yung wendet sich vergebens an den Hof. Bild: Barbara Pálffy

Nicht nur Mandić überzeugt mit seiner energiegeladenen Performance. Als einer, der die Wahrheit sagt, so unbequem sie auch sein mag, der Zweifel in die allgemeine Aufbruchsstimmung sät und deshalb bald verbannt wird, steht ihm nicht nur der Wahnsinn, ja zeitweise eine Transzendenz in den Augen, als hätte er sich schon aus dem Amphitheater verabschiedet, sondern mit Tundé Sho auch ein Orestes gegenüber, der sich vom sozial denkenden Visionär zusehends zum Realpolitiker wandelt.

Mehr als nur Bruderliebe scheint die beiden Männer zu verbinden, auf dem Höhepunkt seiner Raserei färbt Pylades sein Geschlecht schwarz, um sich dem Geliebten und Unbelehrbaren anzugleichen, doch dem verstellen die Autoritäten die Sicht aufs Wesentliche: Ein Hof, der nichts von den Mühen der Bevölkerung wissen will, der sich „im Kampf gegen eine Armee von Arbeitslosen und Migranten“ sieht, doch nicht Lösungen sucht, sondern Exzess und Eskapismus. Sho spielt das sehr schön verzweifelt und doch herrisch, einer, der nicht anders kann, weil er einfach muss.

Dem gegenüber steht seine Schwester Elektra als wütende Trauernde, die Vertreterin der traditionsbewussten Bewohner Argos‘, dargestellt von der neuen La MaMa-Direktorin und Ellen-Stewart-Erbin Mia Yoo. Sie wird zur dritten Kraft im Ringen des Orestes mit Pylades, noch eine letztlich Liebende, die in der Mythologie zu Pylades‘ Ehefrau und der Mutter seiner beiden Söhne wird. Nicht nur Yoo attackiert ihre Rolle als ob es um ihr Leben ginge, Maura Nguyen Donohue als Athene, Eugene The Poogene als Eumenides, Cary Gant, John Gutierrez, Chris Wild und die fabelhafte Valois Mickens tun es ihr gleich.

Perry Yung, hierzulande auch aus dem Fernsehen, zuletzt etwa „Blacklist“, bekannt, brilliert naturgemäß als Bauer, der sich umsonst an die Obrigkeiten wendet. In New York machte die La MaMa-Truppe mit einem Warnhinweis auf die Körperlichkeit ihrer Aufführung aufmerksam. Das ist in einem diesbezüglich provozierbefreiten Europa zwar nicht nötig, doch auch in Carnuntum wurde dem Publikum im Wortsinn der Boden unter den Füßen weggezogen. Es wird Teil der Inszenierung, sei es, weil zum Tanz aufgefordert oder zum gemeinsamen Melonenmahl eingeladen; Sex & Crime finden nicht nur vor ihm, sondern mitunter auch mitten in den Sitzreihen statt. Die Radikalität und beinah heilige Hingabe, mit der das passiert, macht „Pylade“ zu einem unvergleichlichen Abend. Mit Ausnahmeschauspielern, die, wie man’s im Deutschsprachigen so leider nicht kennt, jenseits von Herkunft und Hautfarbe und dem einen oder anderen Akzent von Ivica Buljan für ihre Aufgaben ausgewählt wurden.

Art-Carnuntum-Intendant Piero Bordin bereitet indes schon die nächsten Projekte vor: Von 4. bis 6. August gastiert bei ihm Shakespeare’s Globe Theatre London mit „The Two Gentlemen Of Verona“, am 27. August folgt „The Summit/Der Gipfel“.

www.artcarnuntum.at

Wien, 18. 7. 2016

Michael Mittermeier: Wild

Februar 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ali und Adi im Schlauchboot

Michael Mittermeier Bild: Manfred Baumann

Michael Mittermeier
Bild: Manfred Baumann

Michael Mittermeier ist immer ein bissel wie z’Hauskommen. Wie er über die Absurditäten des Alltags erzählt, über Auto-Aggression und iPhone-Selbstversagen, so kennt man das. Über die großen Partybesäufnisse von vor x Jahren, ist das echt so lang her? Neuerdings auch übern Laternderlumzug, seine Tochter ist acht, und gibt’s den Kater Neo noch? Das ist tief ins Leben gegriffen. Ja, der Michl ist immer noch der Rockstar unter den Kabarettisten, die coole Sau, und die lässt er auch diesmal wieder ordentlich raus. Aber weißt, man freut sich jetzt schon, wenn die ersten Storys vom töchterlichen Fremdschämen kommen werden. Der Hero der Headbanger ist ja mittlerweile auch … also quasi der selbe Jahrgang, und es gibt erste Altersbeschwerden, sagt er, aus dem halb so alten Publikum.

Der King of Stand-up-Comedy ist in Wien angekommen, im Globe in St. Marx, übrigens benannt nach dem heiligen Markus, nicht nach dem Gesellschaftstheoretiker, aber einen Karl kann man sich trotzdem machen. Weil der Mittermeier zeigt, dass Wuchteldrucken auch „am Arsch der Welt“ gut geht. „Wild“ heißt sein neues Programm. Und er dekliniert durch, wo man’s wird und wo man’s besser werden sollte. Und wem endlich es wüüde owegraamt g’hert (für Nichtwiener-Leser: jemandem das Wilde runterräumen = jemandem gehörig die Meinung sagen, vornehm ausgedrückt). Mittermeier interessiert sich sehr für heimische Dialekte, weil das Gefälle zwischen Ösi und Dösi zu beschreiben, ist immer ein sicherer Lacher. Nur bei der true story über einen kleinen Keifer im Biergarten, als ihm auf der Suche nach dem Austriazismus für Fußhupe ein sehr schiaches Wort aus dem Publikum zugerufen wird, nein, es war nicht Flohdackn, aber auch mit F, da war Bayerns Antwort auf Lenny Bruce kurz schmähstad.

„Das ist in Österreich immer so – spätestens ab Minute 30 ist es versaut“, sagt er.  Und die Halle liebt ihn. Und er spielt mit ihr seine Spielchen. Mittermeier improvisiert und grimassiert und geräuschkulissiert. Er spinnt mit seinen G’schichtln tausend Fäden und greift alle irgendwann wieder auf, natürlich alles andere als p.c. Er schenkt sich her und schenkt sich nix, reagiert auf Zuschauerreaktionen prompt und auch brutal, und lässt sich fragen, wie’s mit den grauen Haaren in der Intimzone steht. Das ist also die Antwort, wenn man faktisch Volksheld ist, und diese Frage wird auch beantwortet. Ebenso, wie die nach der Fußball-EM. Soll der Dorfener, der damische, nur nicht glauben, wir hätten keinen Nationalstolz. Wenn wir einmal dabei sind. „Córdoba!“, schreien ein paar und er fällt auf die Knie und verdreht die Augen. Das ist ein running gag zwischen dem Michl und seiner Fanmannschaft. Tribüne rechts muss sich auslachen lassen, weil sie noch keinen Star-Wars-Film gesehen hat.  Auch das gibt’s im Universum Mittermeier nicht.

So geht’s Ping Pong. Von Oberwildling Darth Vader, und wie er auf Ki.Ka „Das Letzte“ ist, bis zu den Wikingern, deren wildes Image von einer Handvoll „starker Männer“ auf ewig versenkt wurde. Die attitude ist überhaupt sehr wichtig in diesem Programm. Dass Fu Longs Pandaweibchen und Angela Merkel in Horst Seehofers Hobbykeller und zwei Zuschauerinnen, die zu spät kommen, die gleiche Körperhaltung haben, ist da vorprogrammiert. Der clash of cultures wird bis zur Neige ausgekostet, großartig in der Szene, in der Krüns Bürgermeister beim G7-Gipfel-Obama-Empfang kurz davor steht, von dessen Scharfschützen erschossen zu werden, weil die kein Wort Bayerisch verstehen. „What did he say? Suck my white sausage?“

Das ist alles sehr lustig. Doch es gibt auch ein Mittermeierisch für Nachrichten, die ihn wild machen. Und ja, so hat man ihn noch nie bis selten erlebt. So ernst. Wenn er über den Shitstorm und die Hasspostings erzählt, weil er für Flüchtlinge gesprochen hat. Wenn er eine Obergrenze für Vollidioten fordert. „Wenn Pegida sagt, durch Ausländer steigt die Dummheit in Deutschland, dann ist es so, als wenn die Wildecker Herzbuben sagen, sie würden durch Usain Bolt langsamer“, sagt er. Mittermeier gibt eine Zustandbeschreibung der Gesellschaft ab, einer gespiegelten Welt, einst umweltfreundlicher VW, bald nicht mehr Welcome-, aber schon wieder Waffenkultur, in der sich Werte und Würde gedreht haben. Mittermeier war noch nie so sehr Hofnarr der Nation. Ein normbefreiter Entertainer, der Odins Klonkriegern das Arschlecken schafft. Weil, wenn’s um Hetze geht, ist’s bei ihm aus mit der Hetz‘. „Volksverräter-Drecksau“ hat ihn dafür einer im Internet geschimpft.

Wobei, er geiselt sich schon auch selber. Selbstkritisch. Er hat nämlich am Bahnhof von eh-schon-wissen einem Wotan gesagt, die meisten Syrer zum Abfotzen gäb’s in Syrien. Und der ist losgefahren. Ob’s dem gut geht? Also, nicht geistig, eh klar, sondern körperlich. Oder wird der Nazi im Dschihad zum Dschihazi? Sie stecken ja sozusagen ineinander fest, die NazIS. Stell‘ dir vor, die IS übernimmt, philosophiert er, was machst dann als Comedian? Noch dazu als bayerischer? Sagst einmal „Grüß Gott“ – und schon bist tot. Und dann malt Mittermeier noch ein Bild. Ein Flüchtlingsschiff im Mittelmeer. Ein Schlauchboot. Und darin ein Ali und ein Adi. Auf der Suche nach einem sicheren Land. Wie sich die Bilder gleichen. Apropos: Der Michl macht am Ende eines, ein Selfie mit Wiener Publikum. Warum steht das noch nicht auf seiner Facebook-Seite?

INFO:

Michael Mittermeier ist am 5. Februar Mitglied des Rateteams bei Oliver Baiers „Was gibt es Neues?“ (ORFeins, 20.55 Uhr). Die derzeitige „Wild“-Spielserie in Österreich ist ausverkauft, doch es gibt NEU: HERST-TERMINE: 11. und 12. Oktober, Wien Stadthalle F; 13. Oktober, Graz Stadthalle; 14. November, Salzburg Arena; 21. November, Linz Tips Arena. Karten: oeticket.com

www.mittermeier.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ZXKaJeTDn4I

Wien, 2. 2. 2016

Wiener Festwochen: „The Wild Duck“

Mai 21, 2013 in Bühne

Die Ente ist da, Ibsen geht ab

Bild: Heidrun Lohr

Bild: Heidrun Lohr

Im Programmheft ist Simon Stones Programm nachzulesen. „Wenn Sie eine gute Story wollen, sind Sie im Kino oder mit einem Buch besser bedient, denn dort werden Geschichten viel besser erzählt, als es das Theater jemals könnte.“ Entschuldigung, aber, geht’s noch? (Der Ordnung halber: Im ganzen nächsten Absatz faselt er dann von Gemeinschaftsgefühl, geteilten Emotionen und Schockzustand.) 28 Jahre sei der australische Regisseur erst alt, wird vielerorts gejubelt. Gratuliere zu dieser Leistung! Da kann man es sich natürlich auch leisten, Henrik Ibsens „Wildente“ mit dem Tranchiermesser zu zerlegen, eine Turboversion mit ganz neuem Text hinzulegen und von der Familientragödie wie auf dem Tatort eines Verbrechens nur die Umrisse aufzuzeichnen.

Das Theater Belvoir aus Sydney kam zu den Festwochen mit der Produktion „The Wild Duck“. Eine Premiere im deutschsprachigen Raum. Ein hervorragendes Ensemble – Brendan Cowell, Blazey Best, Damon Herriman, John Gaden, Eloise Mignon, Anthony Phelan und eine echte Ente (mit kleinem Schwimmbecken) – spielt authentisch direkt die gnadenlose Zerstörung einer Familie, herzzerreißendes Elend nach dem Freitod eines Teenagers, der erfährt, dass sein Vater nicht sein Vater ist (sondern der reiche, die Sippschaft schon seit dem Opa manipulierende Großkaufmann Werle, der seine schwangere Putzfrau bei den Ekdals abgeladen hat), und sich, weil der Nicht-Papa nichts mehr vom Mädchen wissen will, erschießt. So weit, so bekannt.

Stone packt die Szenen zwischen Blackouts. Würzt das Drama mit im Schmerz scharfen, sarkastischen Dialogen. Lässt in dem Glaskubus, in dem die Handlung abläuft, immer wieder auch Witz aufblitzen. So weit, so gelungen. Nur lässt sich eben Ibsens subtiler Psycho-Terror schwer bis gar nicht durch den heftig Gebrauch von Four-Letter-Words und Musik, bis die Ohren bluten, ersetzen. Töchterlein Hedwig ist von Anfang an eine freche, aufsässige Göre, der der Mittelfinger locker sitzt, und die sich von Werle sogar einen Tschick anzünden lässt. Wo keine Duldsamkeit, da aber auch wenig Spiel-Raum für Rebellion – womit der wichtigsten Figur die Fallhöhe, die Entwicklung, genommen ist. „Papa“ Hjalmar ist ein gemütlicher, einem Bierchen nicht abgeneigter, liebevollster Vater und Ehemann. Kein egomanischer, seiner „Erfindung“ hinterher jagender Pseudofotograf. So ein Vollbart-Bärchen packt seine Unterhosen und verlässt alles, was ihm etwas bedeutet? Wurde im Regiekonzept nicht plausibel durch den Kubus geschleust … Und die Augenoperation zahlt/bezuschusst doch wohl heute eine Krankenkasse. Also: Lebwohl, Werle!

Egal, aber: Zwei schlimme Fehler macht Stone. Er erläutert nicht Gregers, Werles Sohn, Motive, seinen Freund Hjalmar nach 15 Jahren über das Geheimnis von Hedwigs Vaterschaft aufzuklären: Mit „Lüge und Heimlichkeit“ aufzuräumen als „Lebensaufgabe“ zu (emp-)finden, um „Heilung für sein krankes Gewissen“ zu erlangen, wie es bei Ibsen heißt. Er verbummelt den Leitgedanken, die Lüge als stimulierendes Prinzip zu „kultivieren“. Er streicht mit der Figur des Dr. Relling auch dessen allzu wahren Satz: „Wenn Sie einem Durchschnittsmenschen seine Lebenslüge nehmen, so bringen Sie ihn gleichzeitig um sein Glück.“ Und er begeht eine Todsünde an Ibsen: Nach einem Jahr treffen einander Hedwigs Eltern (vor dem Kubus) wieder, um ihrer zu gedenken. Jeder hat zwar jetzt sein eigenes Leben, doch geht das Treffen nicht ohne ein „Ich rufe dich an, wenn ich gut daheim angekommen bin.“ und ein „Sehen wir uns in ein paar Monaten wieder?“ – „Ja.“ ab. Wenn Hjalmar und Gina erneut zueinander finden, war Hedwigs Selbstmord ja völlig sinnlos!

Bleibt als Fazit zu bemerken, dass sich manche Dramen nicht auf „heutig“ vergewaltigen lassen. Teenager im 21. Jahrhundert sind gottlob nicht mehr wie Backfische anno 1885. Aber die Ente war gut. Ein Vollprofi vor so viel Publikum.

www.festwochen.at

Trailer: www.festwochen.at/fileadmin/eventtrailer_843.php

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-le-retour/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien-2/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-julia/

Von Michaela Mottinger

Wien, 21. 5. 2013