Festwochen 2021: Erste Programmpunkte stehen fest

Dezember 18, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Milo Rau inszeniert Mozarts „La clemenza di Tito“

Danse Macabre. © Markus Schinwald

Auf Hochtouren arbeitet das Team der Wiener Festwochen mit Intendant Christophe Slagmuylder an der nächsten Festivalausgabe, die von 14. Mai bis 20. Juni 2021 stattfinden soll. Hier nun erste Einblicke in die Planung: 2021 wird eine Vielzahl an neuen Werken auf die Bühne bringen, zu deren Entstehung die Wiener Festwochen maßgeblich beitragen. Diese Arbeiten reflektieren den Kontext, in dem sie entstehen

– eine von Unsicherheit und der Notwendigkeit zum Umdenken geprägte Zeit. Milo Rau, der mit seinen Theaterarbeiten immer am Puls der Zeit ist, betritt Neuland: die Welt der Oper. Seine radikale Interpretation von „La clemenza di Tito“ wird eines der zentralen Ereignisse der nächsten Festivaledition sein. Bereits 2019 fesselte die französische Künstlerin Phia Ménard das Festwochen-Publikum mit ihrer genre-übergreifenden Performance. 2021 kommt sie mit einer Weltpremiere nach Wien zurück:  einer Trilogie, die sich mit nicht weniger befasst als dem Aufstieg und Fall der westlichen Zivilisation.

Zu den vielen spannenden Premieren zählen auch das neue Theaterstück der aufstrebenden iranischen Autorin und Regisseurin Azade Shahmiri und die gemeinsam erarbeitete Performance von Tim Etchells und der Komponistin Aisha Orazbayeva. Der österreichische Künstler Markus Schinwald, eine vielbeachtete Stimme in der internationalen Szene der bildenden Kunst, präsentiert eine von den Festwochen beauftragte performative Arbeit: „Danse Macabre“ verspricht ein weiteres Highlight des Festivals zu werden. Im Ausstellungsbereich machen die Festwochen mit der Secession Wien gemeinsame Sache und produzieren Maria Hassabis neue Live-Installation „HERE“.

Quasi. © Leila Ahmadi

Heartbreaking Final. © Hugo Glendinning

Milo Rau. © Bea Borgers

La Trilogie des Contes Immoraux (pour l’Europe). © Jean Luc Beaujault

Zu den Produktionen:

La clemenza di Tito. Mit „La clemenza di Tito“ aktualisiert Milo Rau, ein wichtiger Protagonist des aktivistischen Theaters, gemeinsam mit dem Mozarteumorchester Salzburg und dem Arnold Schoenberg Chor eine der beliebtesten Mozart-Opern.

La Trilogie des Contes Immoraux (pour l’Europe). Die kompromisslos interdisziplinäre Künstlerin Phia Ménard präsentiert drei „Unmoralische Geschichten“ als Triptychon. Beginnend mit „Maison Mère (Mutterhaus)“ über „Temple Père (Vatertempel)“ hin zu „La Rencontre Interdite (Die verbotene Begegnung)“ exponiert Ménard die fragwürdigen Fundamente eines geeinten Europa.

Quasi. Azade Shahmiri verschränkt unvollendet gebliebenes, quasidokumentarisches Filmmaterial mit den Live-Erzählungen von drei Charakteren und veranschaulicht die Notwendigkeit von Widerstand gegen erdrückende Umstände.

Heartbreaking Final. Ausgehend von intensiven gemeinsamen Improvisationen entwickeln Tim Etchells und Aisha Orazbayeva eine Uraufführung für vier Performerinnen/Performer und zwei Musikerinnen/Musiker: ein fulminantes Pingpong von Sprache und Musik.

Danse Macabre. Markus Schinwald, bekannt für seine visuellen Manipulationen von Körpern und Räumen, kehrt mit „Danse Macabre“ zur darstellenden Kunst zurück und adaptiert eines der großen ikonografischen Themen des Spätmittelalters für eine von Pandemie und Folgekrisen bedrohte Gegenwart.

HERE. Sechs Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich in fast unmerklichem Tempo. Im Wechselspiel von Repräsentation und Abstraktion formen die Körper unterschiedliche Konstellationen zueinander und im Raum. Die Live-Installation „HERE“ von Maria Hassabi ist eine Auftragsarbeit der Festwochen und der Secession Wien.

Das gesamte Programm wird am 18. März 2021 veröffentlicht, Karten sind ab dem 20. März erhältlich.

www.festwochen.at

18. 12. 2020

MuTh online: Neues Wiener Krippenspiel

Dezember 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Julian Loidl erzählt von der Geburt Jesu Christi

Bild: © Moritz Schell

Niemand muss heuer auf die beliebte Inszenierung der Weihnachtsgeschichte verzichten. Das „Neue Wiener Krippenspiel“ entfaltet auch im Streaming seinen Zauber dank einer früheren Aufzeichnung. Ein Schauspieler macht sich auf den Weg, um Weihnachten zu entdecken. Begegnungen mit Maria, Josef und den Hirten öffnen ihm die Augen für das, was die Bibel-Erzählung rund um Jesu Geburt erzählen will. Bis er das Kind in der Krippe persönlich antrifft.

In der Regie von Otto Jankovich schlüpft Julian Loidl als Erzähler in unterschiedliche Rollen. Dabei gelingt es ihm immer wieder, zu überraschen und zu berühren. An seiner Seite spielen das Musiker-Duo SainMus, Clemens Sainitzer und Philipp Erasmus, und liebevolle Animationsfiguren von Mart The Dart, Ralf Ricker & Paul Gößeringer, die mit dem Schauspieler und den Musikern kommunizieren. Das Neue Wiener Krippenspiel – ein poetisches, multimediales Erlebnis für Jung und Alt. Die Aufzeichnung des Krippenspiels steht von 19. Dezember bis 26. Dezember als Video-Stream zur Verfügung.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=jzYy2S9CD2A           www.muth.at

16. 12. 2020

Bild: © Moritz Schell

Bild: © Moritz Schell

Bild: © Moritz Schell

 

Staatsoper: Live-Streams mit Netrebko und Beczala

Dezember 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Martin Schläpfers Uraufführung „Mahler 4“ auf ORF2

© Wiener Staatsoper GmbH / Ashley Taylor

Diese Woche beschert Opernfans drei ganz besondere Live-Stream-Erlebnisse aus der Wiener Staatsoper: Anna Netrebko wird in Wien das erste Mal die Tosca singen, Piotr Beczala gibt sein Wiener Rollendebüt als Werther und dazu kommt die Premiere der Neuproduktion und Staatsopern-Erstaufführung von Hans Werner Henzes „Das verratene Meer“. Die Opern werden, wie andere Werke

auch, trotz des Lockdowns im Haus zur Aufführung gelangen. Gespielt wird ohne Publikum vor Ort, nur für Kameras und Mikrofone. Alle Streams sind kostenlos auf der Webseite play.wiener-staatsoper.at verfügbar. Beginn ist jeweils um 19 Uhr, die Übertragungen sind 24 Stunden lang abzurufen.

10. Dezember, 19 Uhr (Live – nur in Österreichs verfügbar): Werther. Musikalische Leitung: Bertrand de Billy, Inszenierung: Andrei Serban. Mit Piotr Beczala, Gaëlle Arquez, Clemens Unterreiner und Daniela Fally

13. Dezember, 19 Uhr (Live): Tosca. Musikalische Leitung: Bertrand de Billy, Inszenierung: Margarethe Wallmann. Mit Anna Netrebko, Yusif Eyvazov, Wolfgang Koch und Evgeny Solodovnikov

14. Dezember, 19 Uhr (Live, Premiere): Hans Werner Henze: Das verratene Meer. Musikalische Leitung: Simone Young, Inszenierung: Jossi Wieler und Sergio Morabito, Ausstattung: Anna Viebrock. Mit Vera-Lotte Boecker, Bo Skovhus, Josh Lovell, Erik Van Heyningen, Kangmin Justin Kim, Stefan Astakhov und Martin Häßler

Auf ARTE concert sowie morgen ab 9 Uhr auf ORF2 präsentiert der neue Direktor des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer mit dem zweiteiligen Abend Mahler, live nicht nur sein erstes eigenes Programm in der Wiener Staatsoper, sondern stellt sich mit seiner Uraufführung „4“ zu Gustav Mahlers 4. Symphonie, dem zweiten Werk des Abends, auch als Choreograph vor. Entstanden ist ein großes Ballett für das gesamte Ensemble, dem zur Eröffnung des Programms mit Hans van Manens „Live“ eine Ikone der Tanzgeschichte vorausgeht.

Axel Kober dirigiert das Orchester der Wiener Staatsoper, als Solistinnen sind Shino Takizawa am Klavier sowie die Sopranistin Slávka Zámečníková zu erleben. Auf ORF2 ermöglicht eine kurze Einführung, gestaltet von Markus Greussing, den Zuseherinnen und Zusehern in den Bewegungskosmos und in die höchst interessante Gedankenwelt von Martin Schläpfer einzutauchen.

Teaser: www.youtube.com/watch?v=HzX2ir76JHg

Wiener Rollendebüt als Werther: Piotr Beczala. Bild: © Johannes Ifkovits

Singt in Wien erstmals die Tosca: Anna Netrebko. Bild: © Julian Hargreaves

Ballettprogramm „Mahler, live“: Martin Schläpfer. Bild: © Tillmann Franzen

Live-Fledermaus zu Silvester

Die Tosca“ und „Werther“ werden auch in ORF III zu sehen sein. „Tosca“ live-zeitversetzt am 13. Dezember um 20.15 Uhr, „Werther“ am 10. Jänner um 20.15 Uhr. Und auch für die Silvesternacht ist schon vorgesorgt: ORF III zeigt Die Fledermaus am 31. Dezember um 20.15 Uhr in der Reihe „Wir spielen für Österreich“ im Rahmen von „Erlebnis Bühne Live“.

Unter der musikalischen Leitung von Cornelius Meister sind Georg Nigl in seinem Staatsopern-Rollendebüt als Gabriel von Eisenstein, Camilla Nylund als Rosalinde, Jochen Schmeckenbecher als Frank und Peter Simonischek als Frosch zu erleben. Regula Mühlemann singt erstmals am Haus die Adele, als Orlofsky gibt Christina Bock ihr Debüt an der Wiener Staatsoper. Fast fixer Bestandteil der Silvester-„Fledermaus“ ist der prominente Überraschungsgast im zweiten Akt – heuer darf sich das Fernsehpublikum auf Starsopranistin Asmik Grigorian freuen, die im September mit der „Madama Butterfly“Premiere am Haus debütierte und die die Cio-Cio-San auch im Jänner verkörpern wird.

www.wiener-staatsoper.at            play.wiener-staatsoper.at           www.arte.tv/de/arte-concert

  1. 12. 2020

Streaming-Services im November: Von Staatsoper und Wien Modern bis Nesterval und Rabtaldirndln

November 4, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

aktionstheater ensemble: Bürgerliches Trauerspiel

aktionstheater ensemble: Horst Heiss und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Wie bereits beim ersten Lockdown hat das aktionstheater ensemble entschlossen, seine im September zur Uraufführung gebrachte Performance „Bürgerliches Trauerspiel“ online zur Verfügung zu stellen. Die viel beachtete künstlerische Verarbeitung der Wirrnisse der letzten Monate wurde mit mehreren Kameras in Wien aufgezeichnet und wird bis 30. November täglich auf www.aktionstheater.at gestreamt. Die vom Ensemble freigeschaltete Produktion kann von den Seherinnen und

Sehern, je nach Möglichkeit, finanziell unterstützt werden, soll aber in erster Linie als Beitrag gesehen werden „Angst, Frust, Wut und Traumata des Einzelnen auf eine Metaebene zu transferieren. Da dies ja nicht zuletzt auch eine essentielle Aufgabe der Kunst ist“, so Autor und Regisseur Martin Gruber. Gruber weiter: „Was nach dieser Traumaverarbeitung sinnstiftend ist, wie sich die allgemeine Stimmungslage abermals einfangen lässt, wird sich künstlerisch und aufführungstechnisch noch weisen: Geplant ist eine Produktion, die kein Stück mehr sein will oder muss: Lonely Ballads – aktionstheater ensemble Songbook“. Die Aufführungstermine dazu werden demnächst bekanntgegeben. Rezension des „Bürgerlichen Trauerspiel“ im Werk X: www.mottingers-meinung.at/?p=41710, Trailer: vimeo.com/470121347.

Wiener Staatsoper:  „Eugen Onegin“ und „Cavalleria rusticana / Pagliacci“

Die Wiener Staatsoper bietet Video-Mitschnitte aus ihrem digitalen Archiv kostenlos als Stream an. Das Online-Programm orientiert sich dabei zum großen Teil am regulären Spielplan. Somit sind gleich zu Beginn des Services zwei ganz aktuelle Produktionen zu sehen: Dmitri Tcherniakovs von der Kritik vielfach gelobter „Eugen Onegin“, aufgenommen am vergangenen Samstag, sowie „Cavalleria rusticana / Pagliacci“, eine Aufzeichnung der montäglichen Vorstellung mit Roberto Alagna in der Rolle des Canio. Die Streams sind in Österreich wie auch international auf  play.wiener-staatsoper.at verfügbar. Beginn ist jeweils um 19 Uhr, die Übertragungen sind in Folge 24 Stunden lang abzurufen.

Eugen Onegin: Andrè Schuen und Nicole Ca. Bild: Wiener Staatsoper GmbH. © Michael Pöhn

Das Programm für die erste Woche: 4. November, „A Midsummer Night’s Dream“, Musikalische Leitung: Simone Young, Inszenierung: Irina Brook; 5. November: „Cavalleria rusticana / Pagliacci“, Musikalische Leitung: Marco Armiliato, Inszenierung, Bühne & Kostüme: Jean-Pierre Ponnelle; 6. November: „Eugen Onegin“, Musikalische Leitung: Tomáš Hanus, Inszenierung und Bühne: Dmitri Tcherniakov;

7. November: „Orlando“, Musikalische Leitung: Matthias Pintscher, Regie: Polly Graham; 8. November: „Roméo et Juliette“, Musikalische Leitung: Plácido Domingo, Inszenierung: Jürgen Flimm;9. November: „Tosca“, Musikalische Leitung: Marco Armiliato, Inszenierung: Margarethe Wallmann. Der gesamte Monatsspielplan ist in Kürze auf wiener-staatsoper.at zu finden.

Wien Modern macht 17 Neuproduktionen kostenlos zugänglich

Wien Modern 2020 ist trotz des Lockdowns nicht zu Ende. An voraussichtlich mindestens 24 Abenden während der Ausgangsbeschränkungen macht das Festival über seine Website sowie teilweise über ORF Ö1 mehr als die Hälfte des angekündigten Programms kostenlos öffentlich zugänglich. Dazu gehören insbesondere die Uraufführung „Der Zorn Gottes“ von Sofia Gubaidulina mit dem RSO Wien am 6. November im Musikverein, das Konzert zur Verleihung des Erste Bank Kompositionspreises 2020 an Matthias Kranebitter mit dem Klangforum Wien im Wiener Konzerthaus am 18. November mit Uraufführungen von Johannes Kalitze, Matthias Kranebitter und Friedrich Cerha sowie die Uraufführung „tönendes licht.“ von Klaus Lang mit den Wiener Symphonikern aus dem Stephansdom am 19. November. Zahlreiche weitere Produktionen werden teilweise live, teilweise zeitversetzt als Aufzeichung im Lauf der kommenden Wochen angeboten. Eine aktuelle Übersicht findet sich auf www.wienmodern.at.
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brut Wien: Nestervals „Goodbye Kreisky“ und die Rabtaldirndln nun online

Gertrud Nesterval mit dem Nestroy Corona-Spezialpreis. Bild: © Alexandra Thompson

Angesichts der aktuellen Situation greifen auch Nesterval, eben erst mit dem Nestroy-#Corona-Spezialpreis ausgezeichnet, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39561,tief in die digitale Trickkiste und präsentieren eine interaktive Live-Zoom-Version von „Goodbye Kreisky“ – garantiert lockdowngerecht und mehr als nur ein digitaler Ersatz. Bereits gekaufte Tickets behalten ihre Gültigkeit. Nähere Informationen folgen

zeitgerecht vor der Vorstellung per Mail und auf www.nesterval.at, Trailer: vimeo.com/456901428. Auch für andere Vorstellungen, wie toxic dreams: „The Art of Asking your Boss for a Raise“ oder Inge Gappmaier: „protect. there is no wind in geometrical worlds“ arbeitet brut an alternativen Präsentationsformen. Die Rabtaldirndln laden am 15. November bei freiem Eintritt zum Online-Artist-Talk & Filmscreening als Einstimmung auf ihren kommenden Action-Movie-Performance-Blockbuster. Mehr dazu auf brut-wien.at.

4. 11. 2020

Theater an der Wien: Porgy and Bess

Oktober 21, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Catfish Row als Flüchtlingslager an Europas Küste

Das Container-Bühnenbild von Katrin Lea Tag, vorne mit Fussball Eric Greene als Porgy und Jeanine de Bique als Bess. Bild: © Monika Rittershaus

Deutlicher kann man #BlackLivesMatter nicht singen. Der beinortheste Held, eben von der Missachtung des Gesetzes zurück, ergeht sich in Liebe zur Anti-Heldin, während sich rundum die Gesichter verdüstern. Ist doch die untreue Drogensüchtige mit ihrem Dealer nach New York abgehauen. Macht nichts, meint Porgy, weder Wegstrecke noch Gehbehinderung können ihn aufhalten, seine Bess zu retten.

Die „Summertime“ ist zwar vorüber, aber im Gelobten Land für alle Platz. Also auf, never give up, never give in – das bessere Leben muss einfach ums nächste Eck liegen … Wohl jeder kennt „Porgy and Bess“ und die wunderschönen Melodien, nur aufgeführt wird George Gershwins Meisterwerk in Europa selten. Das liegt zum einen an der strikt vorgeschriebenen Besetzung, zum anderen an der Genregrenzen sprengenden Komposition, diese mit Blue Notes, Spirituals und Swing ein Opera meets Popculture, an das sich die wenigsten heranwagen.

Das Theater an der Wien hat den Grenzgang nun gewagt, nach mehr als 50 Jahren die erste szenische Premiere in der Stadt – und alles gewonnen. Ein beglücktes Publikum bedankte mit Jubel und Applaus nicht nur die Aufführung, sondern auch den Mut, diese – in #Corona-Zeiten – zu planen und auszuführen. Ging doch die vereinbarte Kooperation mit der Cape Town Opera in Kapstadt Pandemie-bedingt in die Binsen; die Anreise der Choristen aus Südafrika wurde unmöglich, weshalb das Theater an der Wien in Windeseile einen internationalen Cast aus vier Kontinenten zusammenstellen musste.

Norman Garrett und Zwakele Tshabalala. Bild: © Monika Rittershaus

Jeanine de Bique und Eric Greene. Bild: © Monika Rittershaus

Zwakele Tshabalala und Tichina Vaughn. Bild: © Monika Rittershaus

Dies durchaus nicht gegen das Ansinnen des südafrikanischen Regisseurs Matthew Wild. Der im Programmheft-Interview seine Intentionen, in seiner Inszenierung die globale Migrationsdebatte zu thematisieren, so formuliert: „Unsere Produktion ist in unserer Gegenwart angesiedelt, an der Peripherie einer nicht genauer bezeichneten europäischen Küstenstadt, wo wir die Catfish Row neu erfinden als eine multi-kulturelle Gemeinschaft von Flüchtlingen und Asylwerbern, die gezwungen waren, ihre Heimatländer zu verlassen …“ – das bessere Leben, es muss einfach ums nächste Eck liegen …

Die Überführung von Gershwins Opernpersonal in die Problemzone der Gegenwart erweist sich als stimmig. Als Schauplatz hat Ausstatterin Katrin Lea Tag eine Containersiedlung entworfen, 32 Stück verteilt auf drei drehbare Stockwerke, ideal für Massenszenen, Parallelerzählungen und als Versteck für intime Arien und Duette. Den Gedanken, dass die Menschen in Moria froh wären, wenn …, darf man dabei nicht zu Ende führen, ebenso wenig wie den an die eine Hijab tragende Frau als klischeehafte Kostümierung von – Zitat Wild – multikulturell, ebenso wenig wie jenen, ob statt des Hurricans eine Altkleidersammlung über dem Ganzen niedergegangen sei. Denn die Solistinnen und Solisten, Ensemble wie Tänzerinnen und Tänzer überzeugen auf ganzer Linie.

Allen voran Norman Garrett als Crown. Als brutaler Ex-Lover von Bess verströmt sein Klang-/Körper die krude Erotik eines wilden Tiers. US-Bariton-Kollege Eric Greene als Porgy steht Garrett in beidem in nichts nach. Er ist trotz Krücke eine imposante Erscheinung und geht mit seiner samtig-souligen Stimme, man merkt’s, den Zuschauerinnen unter die Haut. Schön, wie sich dieser leichtgläubige Tropf zu einer ungeahnt empfindsamen Intensität steigert, Greene ein Quarterback-Goliath mit David’scher Seele. Schön auch, wie kristallklar und grazil die aus Trinidad stammende Jeanine De Bique ihren Sopran zu führen versteht, ihre Bess ein liebenswerter, aber in seiner Labilität verlorener Junkie.

Tanz auf dem Altkleiderberg. Bild: © Monika Rittershaus

Jeanine de Bique als Bess (Mi.). Bild: © Monika Rittershaus

Eric Greene als Porgy. Bild: © Monika Rittershaus

Norman Garrett als Crown. Bild: © Monika Rittershaus

Als Milieustudien fügten sich die von Louisa Ann Talbot choreographierten Tanzszenen organisch in die Handlung ein. Der von der Metropolitan Opera ausgezeichneten und von der New York Times für ihr „distinctive earthy coloring“ gefeierten Brandie Sutton kommt als bekopftuchter Muslima Clara die Aufgabe zu, mit einer „Summertime“ im strömenden Regen den größten Hit der Oper zu präsentieren. Ryan Speedo Green als christlicher Ehemann und mit seinem Boot untergehender Jake verleiht seiner Figur ein starkes gesangliches wie darstellerisches Profil. Und apropos: Der südafrikanische „Sportin’ Life“ Zwakele Thabalala stattet den Rauschgifthändler in Baseball-Kappe und Zuhälter-Anzug mit einem aufreizenden Machismo aus.

Großartig sein Prügelbeziehen von Tichina Vaughn als blondgefärbter Maria, sein angekratztes Angebergehabe ist für den einen oder anderen Lacher gut und sängerisch wie von Speed befeuert. Selbiges gilt auch für das um Jazzmusiker erweiterte Wiener KammerOrchester – special extended unter der Laid-Back-Leitung des afrobritischen Gershwin-Spezialisten Wayne Marshall, das mal mit Big Band Sound die Dezibel-Skala sprengt, wenn’s auf der Bühne heftig, mal butterweiche, leise Jazztöne erklingen lässt, wenn’s romantisch wird. Marshall verzichtete auf allzu viel Schmelz & Schmalz bei Standards wie „I Loves You, Porgy“, „I Got Plenty o’ Nuttin’“ oder „It Ain’t Necessarily So“ und dirigiert einen für CD-Aufnahmen umschmeichelte Ohren ungewohnt harten, aber zum Geschehen oberhalb des Grabens passenden Gershwin.

Die Vorstellungen bis inklusive Samstag sind restlos ausverkauft. Bleibt zu hoffen, dass jemand daran gedacht hat, diesen fulminanten Abend auf Film zu verewigen. Special thanks to Intendant Roland Geyer und seinem Team. Mit seiner Beherztheit, das „Porgy and Bess“-Projekt trotz aller Widrigkeiten nicht aufzugeben, beweist er einmal mehr, dass das Überwinden von Zäunen und Verzagtheit stets ein Türöffner zur Vielfalt anderer Welten ist.

www.theater-wien.at

  1. 10. 2020