Wiener Festwochen 2019: Ein Programmüberblick

Februar 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Auftakt ein Theatermarathon in der Donaustadt

Diamante. Bild: © Annette Hauschild, Ruhrtriennale 2018 . Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion

„Die Wiener Festwochen sind ein Ort für multidisziplinäres künstlerisches Schaffen: visionär und gleichzeitig mit Geschichte vertraut, international und in der Stadt Wien verankert.“ Dieses Motto stellt Christophe Slagmuylder, der aus Belgien stammende neue Intendant, seinem ersten Festival voran. Das heute im Studio Molière vorgestellte Programm beginnt am 10. Mai mit einem fünfeinhalbstündigen Theatermarathon in der Donaustadt – mit Veranstaltungen rund um die Erste Bank Arena.

Drinnen wie draußen, mit Kurztexten und Installationen, Disco-Eislaufen und Party. Als Kernstück wird Mariano Pensottis „Diamante“ aufgeführt, das Ganze sowohl eine theatralische Novela als auch eine epische Geschichte, in der es um Errichtung und Niedergang einer städtische Mustersiedlung im Dschungel Argentiniens geht. Slagmuylder, der im Vorjahr kurzfristig auf den überraschend zurückgetretenen Leiter Tomas Zierhofer-Kin gefolgt war, sieht die Wiener Festwochen durchaus in einem politischen Kontext. „Das Festival versucht ein Gegenmittel für jede Form von Selbstüberhebung zu sein, für jeglichen Reflex von Konservatismus, für die Tendenz, das zu schützen, wovon wir Angst haben, es zu verlieren“, schreibt der langjährige Leiter des Brüsseler Festivals Kunstenfestivaldesarts, der in Wien einen Vertrag bis 2024 unterschrieben hat, im Programmbuch. „Um der Kurzsichtigkeit entgegenzuwirken, behaupten die Festwochen, dass es sich lohnt, die Fenster zu öffnen, die Welt zu sehen.“

Und so finden sich im Programm neue Werke europäischer Kunstschaffender, die als internationale Schlüsselfiguren gelten und durch die Linse ihres künstlerischen Schaffens Perspektiven auf die zeitgenössische Gesellschaft eröffnen. Deren Bühnenwerke beschäftigen sich mit dem populistischen Klima, das derzeit einen großen Teil des Kontinents dominiert. Sie nehmen Bezug auf die westliche Literatur oder griechische Tragödien, um Formen des Konformismus und der Zensur zu hinterfragen, und stellen so eine Verbindung von der Geschichte zur Gegenwart her.

Christophe Slagmuylder. Bild: Andreas Jakwerth

3 Episodes of Life. Bild: © Markus Öhrn

The Scarlet Letter. Bild: © Bruno Simao

Angélica Liddell ist bekannt für ihre unabhängige Haltung und ihre leidenschaftliche, engagierte Bühnensprache. „The Scarlet Letter“ ist eine neue Arbeit auf Grundlage des berühmten Romans „Der scharlachrote Buchstabe“ von Nathaniel Hawthorne, in dem eine Frau aus der Gemeinschaft verbannt und als Sünderin gebrandmarkt wird. In ihrer Kritik an einer populistischen Gesellschaft, deren Angehörige sich zu Richtern ihrer Mitmenschen machen, und umringt von nackten – männlichen – Körpern, zelebriert die Künstlerin eine Messe, ein Plädoyer für die Freiheit der Kunst, das jede Form von Puritanismus bekämpft.

Auch der polnische Theatermagier Krystian Lupa bringt eine wichtige Produktion nach Wien: „Proces“. Bei dieser langen und absurden Reise dient ihm Kafka als Führer in seiner Analyse der Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft. „Proces“ ist eine hoch persönliche Arbeit über Theater und Schauspielerei, Überzeugungen und Enttäuschungen. Mit seinen Einsichten in die Wechselbeziehungen zwischen Religion, Gerechtigkeit und politischer Macht ist diese Produktion jedoch vor allem ein starkes Statement, das sich an Lupas Heimatland und dessen aktuelle politische Verfasstheit richtet. Milo Rau ist derzeit wohl einer der am höchsten geschätzten europäischen Theatermacher.

Der anspruchsvolle Künstler und Unruhestifter leitet seit dem letzten September sein eigenes Theater im belgischen Gent. „Orest in Mossul“ ist seine neue Produktion, die im April 2019 uraufgeführt wird. Sie verlegt Aischylos‘ „Orestie“ in den Nahen Osten und bettet sie in die Konflikte ein, die derzeit die Region erschüttern. Während der Proben in Mossul nutzt Rau die fiktive Tragödie zur Dokumentation des realen Konflikts. Der aus derselben Generation stammende und ähnliche Ansätze in seiner Theaterarbeit verfolgende Portugiese Tiago Rodrigues präsentiert ebenfalls seine neueste Produktion „Sopro“ in Wien.

Rodrigues ist Direktor des bedeutenden Nationaltheaters D.Maria II in Lissabon. „Sopro“ stellt Personen in den Mittelpunkt, die normalerweise unsichtbar, fast „Geister“ sind – die Menschen hinter der Bühne. Dieses Stück wurde für Cristina, seit mehr als 39 Jahren Souffleuse am Teatro Nacional D.Maria II, als Hauptfigur geschrieben. „Sopro“ ist ein getriebenes, fast spukhaftes Werk, das darüber hinaus – ein weiteres Merkmal von Rodrigues’ Œuvre – die nachhaltige Aktualität von Fragen der Zensur und Diktatur unterstreicht. Romeo Castellucci, einer der am meisten geschätzten Künstler unserer Zeit, ist in Wien wohlbekannt, ganz besonders bei den Wiener Festwochen. Heuer präsentiert er zwei radikale performative Arbeiten, die seine künstlerische Sprache in Räume außerhalb des Theaters erweitern. Die unabhängig voneinander entwickelten Projekte „Le Metope del Partenone“ und „La vita nuova“ setzen Körper und Maschinen, geheimnisvolle – und manchmal gewalttätige – Bilder und Worte in einen Zusammenhang, um die Rätsel der Gegenwart zu untersuchen.

Das Festival setzt auch seine Zusammenarbeit mit Markus Öhrn fort und produziert das neue Projekt des schwedischen Künstlers: „3 Episodes of Life“. Aus drei Teilen bestehend, die über einen Zeitraum von fünf Wochen regelmäßig zu sehen sein werden, stellt diese Arbeit eine Verbindung der unterschiedlichen Disziplinen Film, Theater und Musik dar. Gewalttaten zwischen Männern und Frauen, die Un/Gleichheit der Geschlechter sowie Missbrauchsfälle im beruflichen Umfeld bilden den Hintergrund für diese Serie, dessen Genre Markus Öhrn als „Silent Movie Theatre“ bezeichnet. Zwei wichtige deutsche Regisseure, die verschiedenen Generationen und Momenten der Berliner Theaterszene angehören, werden 2019 bei den Wiener Festwochen am selben Abend Uraufführung feiern. Der 31-jährige Ersan Mondtag inszeniert „Hass-Triptychon“, ein bisher unveröffentlichtes Stück von Sibylle Berg, mit Benny Claessens und Ensemblemitgliedern des Maxim Gorki-Theaters. Und René Pollesch erarbeitet „Deponie Highfield“, eine neue Produktion für das Burgtheater.

Proces. Bild: © Magda Hueckel

Zweifellos ein, wenn nicht das Highlight: Gleich nach der Premiere in Paris kommt „Mary Said What She Said“, eine neue Zusammenarbeit von Regisseur Robert Wilson, Schauspielerin Isabelle Huppert und Autor Darryl Pinckney nach Wien. Aus Japan kehrt Toshiki Okada, ein bemerkenswerter Theaterregisseur, mit „Five Days in March Re-creation“, einem der wesentlichsten Stücke seiner künstlerischen Laufbahn, nach Wien zurück.

Und, da Slagmuylder verstärkt auf Film setzen will, präsentiert der ungarische Starregisseur Béla Tarr, der sich 2011 eigentlich vom Filmemachen zurückgezogen hatte, mit „Missing People“ sein neues Projekt, ein Format zwischen Film und Installation.

www.festwochen.at

14. 2. 2019

Landestheater NÖ: Quasi Jedermann

Januar 27, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Verschluckt an der österreichischen Seele

Herr Karl hoch fünf: Michael Scherff, Tobias Artner, Tim Breyvogel , Hanna Binder und Josephine Bloéb teilen sich den Qualtinger-Monolog. Bild: Alexi Pelekanos

Wer ist denn dieser Querulant im Publikum? Zuschauer drehen sich zu dem Mann in der Reihe hinter ihnen um, dem’s nicht passt, dass da vorn nix weidageht, und der sich ausdauernd darüber beschwert. Lauta Weiba, sagt er mit Blick auf die Besetzungsliste, und drei Piefke, des haaßt deutscher Humor gegen unsan Schmäh, und erklimmt auch schon die Bühne, steigert sich hoch, vom Privaten ins Politische, und steigert sich rein, von Voreingenommenheit zum Vorurteil zur Verurteilung.

Weil, auch wenn St. Pölten nicht Wien ist, da kennt sich einer aus mit Frühaufstehen und Wachsein. „Mir brauchen se gar nix erzählen.“ Mit diesem Satz beginnt Helmut Qualtingers „Der Herr Karl“ und nun auch der Abend zu seinen Ehren – „Quasi Jedermann“ am Landestheater Niederösterreich. Für den sich Schauspieler Michael Scherff eben jenen brillant beckmesserischen Prolog verfasste. Regisseurin Christina Tscharyiski, die zuletzt mit der Stefanie-Sargnagel-Collage „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ im Rabenhof überzeugte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24674), hat zum 90. Geburtstag des Satiregenies Qualtinger etliche von dessen in Zusammenarbeit mit Carl Merz entstandenen Texte zu einem Ganzen verbunden.

Als Klammer dient selbstverständlich die Lebensbeichte des berühmt-berüchtigten Feinkost-Lageristen, und es überrascht, wie neu diese klingt, man hat ja das Original „quasi“ im Ohr, wenn die Widersprüche, in die sich der ewige Raunzer verstrickt, auf mehrere Stimmen aufgeteilt gleich einer Vox populi werden. Mit Scherff spielen Tobias Artner, Hanna Binder, Josephine Bloéb und Tim Breyvogel, und die fünf verstehen es meisterlich ein Herr-Karl-Gefühl aufkommen zu lassen, wenn sie einen weit hinunter in dessen österreichische Seele blicken lassen, so dass man sich am Lachen über deren Abgründe schnell einmal verschluckt.

Burschenschafter am Würstelstand: Tim Breyvogel und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Rosen für die Trottoirschwalbe: Josephine Bloéb und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Die Darsteller wissen die Pointen treffsicher zu setzen, sie bringen Qualtingers schwarzhumorigen Tiefsinn, seine bitterböse Verzweiflung ob herrschender Verhältnisse, seine urkomischen Dialoge angetan als Burschenschafter, Rosenverkäufer oder Heurigenbesucher, die Kostüme sind von Miriam Draxl, auf den Punkt. Als Bühnenbild hat ihnen Sarah Sassen einen Pflock hingestellt, der durch Drehung zu Blumen- oder Würstelstand wird, aber auch wie eine Bunkeranlage wirkt.

Tscharyiskis Text-Auslese reicht vom Travnicek-Sketch über „Der Menschen Würde ist in Eure Hand gegeben“ und „Jahrhunderte blicken herab“ bis zur Striptease-Familie. Und wie sie sich bei „Ja, eh!“ Liedermacher Voodoo Jürgens als musikalischen Zeremonienmeister holte, sind diesmal die Wienerlied-Beatboxer Wiener Blond mit von der Partie.

Verena Doublier und Sebastian Radon, unterstützt vom Kontrabassisten Navid Djawadi, sind in hohem Maße mitverantwortlich für diesen gewissen anderen, den lapidaren Tonfall der Aufführung. Verkleidet als Country-Duo animieren Doublier und Radon das Ensemble zum „Vereinsmeier Bossa“ und verleiten es bei „Da liegt ana, da pickt ana“ zum Can Can.

Und weil Wiener Blond wissen, wo das goldene Wienerherz schlägt, geht’s liedtechnisch auch in den „Gemeindebau“ oder lassen sie in „I kumm ned weida“ wissen „Lieber das Krügerl vuam Gsicht, ois die Hackn im Kreuz. Lieber a Leber voi Gift, ois a Pantscherl des eh kaan mehr gfreut“. Das passt zum Qualtinger wie Arsch auf Eimer, um noch mal auf die Nachbarn zu sprechen zu kommen. Hanna Binder berlinert sich mitunter durchs heimische Idiom, sagt sie Hitler, wird daraus ein Schluckauf-Hicks, will sie „Die Bürgschaft“ rezitieren, wird ihr das Aufsagen von Terroristenlyrik so lange verboten, bis sie beim Gabalier’schen „Hulapalu“ landet. Dessen Hodi odi ohh di ho di eh auf klassische Art vorgetragen, das hat was … Michael Scherff wiederum mutiert zu St. Pöltens Antwort auf Charles Aznavour und erläutert seinen migrantischen Mitspielern, dass Lavendel nicht zwangsläufig eine lila Pflanze ist. Und apropos, Lippenblütler, geschüttelt, heißt: gereimt, wird auch. Auf Teufel komm‘ raus und tief unter der Gürtellinie.

Wiener Blond im Country-Look und mit Kontrabassist: Verena Doublier, Navid Djawadi und Sebastian Radon. Bild: Alexi Pelekanos

Josephine Bloéb singt als Trottoirschwalbe mit hinreißender Hingabe das Leopold/Werner-Lied „I schupf alles nur mit l’amour“, und erklärt Tobias Artner Tim Breyvogel, er habe vor der nächsten Wahl eine Operation vor, meint er damit keinen politischen Rechtsruck, sondern seinen Leistenbruch. Mit ihrer Hommage „Quasi Jedermann“ gelingt Christina Tscharyiski politisch-poetisches Volkstheater, das sich dem großen Vorbild als durchaus würdig erweist.

Sie treibt den Stachel, den Qualtinger einst einer geschichtsverleugnenden Nachkriegszeit ins Fleisch bohrte, der neu aufkommenden Kleingeistigkeit ins Gehirn. Eine Tiefenbohrung, die bei allem Freilegen gesellschaftlicher Tatbestände trotzdem auch Riesenspaß macht. Zum Schluss servieren Wiener Blond endlich, worauf alles gewartet hat: Qualtingers Greatest-Hits-Medley, vom „G’schupften Ferdl“ übern „Bundesbahnblues“ bis zum Papa, der’s schon richten wird.

Vorstellungen am Landestheater bis 9. März, zu Gast an der Bühne Baden am 23. August.

www.landestheater.net          www.wienerblond.at          www.buehnebaden.at

  1. 1. 2019

Volksoper: Wonderful Town

Dezember 10, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Sarah Schütz rockt die Show

In Greenwich Village geht es hoch her: Olivia Delauré als Eileen, Sarah Schütz als Ruth, Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis, Ines Hengl-Pirker als Violet, Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Mit Standing Ovations endete gestern Abend die Premiere von „Wonderful Town“ an der Volksoper. Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein wollte Hausherr Robert Meyer dem Publikum etwas Besonderes bieten, und das ist mit dieser Musical-Rarität hervorragend gelungen. Stimmt an der Aufführung, die Inszenierung eine Koproduktion mit der Staatsoperette Dresden, doch einfach alles – von der gewitzten Regie Matthias Davids‘ über das schwungvolle Dirigat von James Holmes.

Bis zu den darstellerischen Leistungen, allen voran die von der Elbstadt nach Wien übersiedelten Volksopern-Debütantinnen Sarah Schütz und Olivia Delauré als Schwesternpaar Ruth und Eileen Sherwood. Sarah Schütz rockt die Show! Inhaltlich ist „Wonderful Town“ keine große Sache: Die beiden Landpomeranzen Ruth und Eileen kommen aus Ohio in den Big Apple, um dort ihre unbegrenzten Möglichkeiten auszuloten. Die eine ist klug, aber ungeküsst, die andere eine Schönheit, erstere will Schriftstellerin werden, zweitere Schauspielerin. Man mietet eine schäbige Unterkunft in Greenwich Village – und schon geht das Spiel um viele Verehrer und ein paar Troubles los, Happy End absehbar. Joseph Fields und Jerome Chodorov schrieben das Libretto entlang ihres Theaterstücks „My Sister Eileen“, Betty Comden und Adolph Green die Liedtexte, und erst diese in Kombination mit Bernsteins famoser Musik machen das Musical aus dem Jahr 1953 einzigartig.

Die brasilianischen Seekadetten interessiert nur die Conga: Olivia Delauré als Eileen und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ruth überzeugt die Gäste im Village Vortex vom Swing: Sarah Schütz und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Bernstein lässt den Rhythmus New Yorks in all seinen Facetten pulsieren. Rasant reiht sich Broadwaysound an Jazzelemente an Swing, dann wieder wird’s statt stürmisch smooth. James Holmes führt das Volksopernorchester mit viel Drive wie eine Big Band, er folgt Bernsteins Einfallsreichtum punktgenau, kann’s etwa bei der Conga der brasilianischen Seekadetten witzig-spritzig, beim Schwesternduett „Ohio“ auf Country-&-Western-Art oder bei Robert Bakers „Ein stilles Girl“ elegisch lyrisch. Matthias Davids belässt die Handlung in den 1930er-Jahren, er hat sich mit seiner wirbelwindigen Arbeit am Stil der Screwball-Comedys orientiert, setzt auf Tempo, Temperament und Timing, und setzt auf den Wortwitz der für Wien von Christoph Wagner-Trenkwitz angepassten Vorlage.

Damit die zahlreichen Szenenwechsel ruckzuck funktionieren, hat Mathias Fischer-Dieskau ein Bühnenbild aus einer drehbaren Skyline und verschiebbaren Skyscrapern, inklusive Flat Iron und Chrysler Building, erdacht, das den American Dream im Reich und Arm zwischen dem abgewohnten Souterrain der Sherwood-Schwestern und von Neonreklame beschienenen Nachtklubs ansiedelt. Als Kostüme gibt es dazu von Judith Peter stilgerecht schwingende Glockenkleider, Trenchcoats samt kecken Hütchen und Marlenehosen.

Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

In diesem Setting dreht sich das Großstadtkarussell um Sarah Schütz und Olivia Delauré. Und die beiden erweisen sich nicht nur als sängerisch wunderbares Sopran-Alt-Duo, sondern auch als großartige Komödiantinnen, die herb Nüchterne und die flirty Naive, die es verstehen, mit trockenem Humor ihre Pointen zu setzen. Delauré gibt die Eileen mit Charme und jener unschuldigen Mädchenhaftigkeit, in der ihr gar nicht bewusst zu sein scheint, dass die Männer um sie kreisen, wie die Motten ums Licht. Das Bühnengeschehen allerdings dominiert Sarah Schütz, die ihre Ruth mit einer gepfefferten Portion Sarkasmus ob ihres Nicht-so-hübsch-wie-die-Schwester-Seins ausstattet. Schütz hat Stimme, Spielfreude und Showtalent – und sorgt für etliche starke Momente. Etwa, wenn sie ihre „Hundert gold’nen Tipps, einen Mann zu verlier’n“ zum Besten gibt. Oder, wenn sie, als der Zeitungsredakteur Robert Baker endlich ihre melodramatischen Kurzgeschichten liest, diese für ihn auch gleich visualisiert.

Die Herren haben es neben so viel Frauenpower nicht leicht, zu bestehen. Hervorragend gelingt das Drew Sarich als verkopftem Bob Baker, der erst einen Schubs in die richtige Richtung Liebe braucht, ein gelungenes Rollenporträt von Sarich, wie Bob vom beruflichen Verlierer zum Gewinner im Leben wird, und Peter Lesiak als abgehalftertem Footballhelden „The Wreck“ Loomis. Trotz von Direktor Meyer angekündigter Verletzung und ergo Knieschiene tanzt und tobt Lesiak über die Bühne, dass man mitunter nicht umhin kann, um sein Wohlergehen zu fürchten … Christian Graf gefällt in mehreren Rollen, darunter als Schmierfink Chick Clark, Christian Dolezal als unfreundlicher Vermieter und untalentierter Maler Appopolous, Oliver Liebl unter anderem als verhuschter Feinkost-Filialleiter Frank Lippencott, Cedric Lee Bradley als geschmeidiger Speedy Valenti.

Vorstellungsgespräch in der Zeitungsredaktion: Oliver Liebl als Redakteur, Drew Sarich als Robert Baker, Jakob Semotan als Redakteur und Sarah Schütz als Ruth Sherwood. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der begnadete Tänzer dominiert auch immer wieder die handlungstragenden, revueartigen Choreografien von Melissa King. In riesigen Chor- und Ballettszenen zeigen der Volksopernchor, der sich nicht nur in der Figurengestaltung perfekt, sondern auch in kleinen Solonummern präsentiert, und das Wiener Staatsballett die ganze Bandbreite ihres Könnens. „Wonderful Town“ an der Volksoper ist ein rundum gelungener Gute-Laune-Abend. Kein Wunder, dass es die Zuschauer zum Schluss nicht mehr auf ihren Sitzen hielt.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=LhKenAg3pw0

www.volksoper.at

  1. 12. 2018

Wiener Wortstaetten im Werk X: Gegen die Freiheit

November 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Europas hässlichstes Antlitz

Ein Erhängter im Esszimmer überrascht die neue Mieterin: Burak Uzuncimen und Saskia Klar. Bild: © Joachim Kern

„Was hat er denn vor, will er denken?“, fragt der Arzt jene Ehefrau, die zu ihm gekommen ist, ihren Mann des zwanghaften Lesens anzuklagen. Essays, das sei das Schlimmste, konstatiert der Doktor, was Wunder also, dass beim Erkrankten das selbstständige Den-Verstand-Einsetzen ausgebrochen ist. Da dies als unheilbar gilt, bleibt nur eines: einen Scheiterhaufen zu errichten, auf dem kein Buch – sondern der Patient selbst verbrannt wird. Solcherart sind die Pointen, die jede der sieben surrealen Szenen aus Esteve Solers Text „Gegen die Freiheit“ beschließen.

Soler, Jahrgang 1976, derzeit einer der gefragtesten zeitgenössischen Film- und Theaterautoren, bekannt für starke szenische Setzungen und zugespitzte Dialoge, ist Katalane. Das macht seinen Stücktitel umso pikanter. Seit gestern ist „Gegen die Freiheit“, von Soler Teil eins einer „Revolutionstrilogie“ genannt, als deutschsprachige Erstaufführung der Wiener Wortstaetten im Werk X zu sehen. Das Autorentheaterprojekt hat diese Saison in der Meidlinger Spielstätte ein Arbeitsatelier bezogen, nun diese Koproduktion im Rahmen des EU-Projekts „Fabulamundi Playwriting Europe – Beyond Borders?“, bei der Hans Escher die Regie übernommen hat.

Von Luis Buñuel, sagt Soler, wäre sein Schreiben inspiriert, und tatsächlich geht einem dessen „Würgeengel“ im Kopf um, denn in seiner dramatischen Collage zeigt Soler weit mehr als eine dystopisch bibliophobe Gesellschaft. Er zeigt direkt auf Europas hässlichstes Antlitz, zeigt, wie Totalitarismus im Kleinen beginnt, bevor er groß wird, zeigt Machtmissbrauch und Ohnmachtsverhältnisse, und wie die verlorengegangene Fähigkeit zur Kommunikation im Politischen wie im Privaten genau jene Kräfte vorantreibt, die Europas Aufgeschlossenheit gegenüber Andersdenkenden, Andersseienden den Kampf angesagt haben.

Wo eine Waffe ist, wird geschossen: Daniel Wagner, Heinz Weixelbraun und Burak Uzuncimen. Bild: © Joachim Kern

Entnervter Priester tötet Bräutigam: Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun. Bild: © Joachim Kern

Solers Themen reichen von Gewalt durch Überwachung und/oder Waffen, Kapitalismuskritik samt einer an der Banken- und Immobilienblase, bis zum schändlichen Umgang mit Flüchtlingen, alles, was sozusagen europäische Abhängigkeitsbeziehungen dieser Tage ausmacht, und immer sind seine Stories unheilvoll, die Gefahr diffus, die Charaktere spooky. Dass sich das Premierenpublikum nichtsdestotrotz blendend amüsierte, liegt an Solers Talent für absurde Komik, doch immer kommt beim ehemaligen Schüler, nunmehr Lehrer an der Sala Beckett in Barcelona der Moment, wo bizarr in bitterböse kippt.

Die Schauspieler Elisabeth Findeis, Saskia Klar, Burak Uzuncimen, Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun beweisen sehr viel Gespür für diesen Aberwitz, stellen Solers grelle – fast möchte man sagen – Sketche so griffig dar, wie’s verlangt wird, wechseln mit viel Lust am Obskuren von einer Rolle in die nächste. Von Hans Escher und Ausstatter Renato Uz ist ihnen dazu nur eine Art Tisch auf Rollen zur Hand gegeben, der im Laufe des Abends verschiedene Funktionen übernehmen wird, hinten eine Kleiderstange, auf der die wenigen Stücke hängen, die sie als eine neue Figur ausweisen.

Alex Petkov treibt am Schlagzeug das Spiel an, er gibt ein rasantes Tempo vor, erschafft mit Sticks und Besen ein Hochgeschwindigkeitsensemble, dessen nervös flirrendes Auftreten der perfekte Grundton für Solars Stück ist. Und so gestalten etwa Saskia Klar, Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun eine Hochzeitsszene, in der die Braut beim „Bis dass der Tod euch scheidet“ nicht mitmachen will. Vor versammelter Festgesellschaft beginnt sie mit ihrem nun wohl nicht mehr Zukünftigen einen Streit über dessen prinzipiell erniedrigenden Sexpraktiken, bis der entnervte Pfarrer zur Pistole greift. Später wird Klar die verständnisvolle Frau eines Kinderschänders spielen, während Weixelbraun mit Elisabeth Findeis ein Ehepaar gibt, dass unterm Parkettboden im Ankleidezimmer nicht weniger als 700 Textilarbeiter eingeschlossen hält.

Der Sohn verhungert am Tisch der Mutter: Elisabeth Findeis und Burak Uzuncimen. Bild: © Joachim Kern

Während die Ausgebeuteten um Frischluft ringen, die von den Stoffen aufsteigenden Dämpfe sind nämlich giftig, klagt sie, sie hätte nichts anzuziehen, lässt er seine Arbeitssklaven auf herablassend-väterliche Art wissen, er habe Verständnis für ihre Herdenkultur, aufgrund der sie ja auf engstem Raum zusammengepfercht sein wollten. Dann gehen Mann und Frau shoppen. Eine nicht näher definierte Miliz ist nicht nur in einem Haus, sondern auch in der Social-Media-Sucht gefangen, eine Mutter lässt ihren Sohn an ihrer reich gedeckten Tafel verhungern.

Jeder hat bei Soler Leichen im Keller, oder wahlweise im Esszimmer, wo Burak Uzuncimen als sich erhängt habender Selbstmörder einer Wohnungsbesichtigung eine neue Dimension verleiht. Esteve Solers groteske Geisterbahnfahrt durch die menschlichen Abgründe ist in Hans Eschers Inszenierung ein unterhaltsamer, überwältigender, erschütternder Abend geworden – mit vielen offen bleibenden Fragen, die, wenn schon nicht der Antworten, so doch der Analyse harren. Ein Europa auf dem Prüfstand zu beschreiben, dazu sind im Rahmen von „Fabulamundi – Playwriting Europe“ aus Österreich unter anderem auch Miroslava Svolikova, Gerhild Steinbuch, Thomas Köck und Bernhard Studlar eingeladen.

www.wortstaetten.at/          werk-x.at

  1. 11. 2018

TheaterArche: Ab Jänner eine fixe Spielstätte

November 23, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Jakub Kavin eröffnet mit „Anstoß – Ein Sportstück“

Erste Probenfotos vom Eröffnungsstück „Anstoß“. Bild: Jakub Kavin

Nach drei Jahren, die die TheaterArche quer durch Wien führten, bezieht sie ab 2019 ihre neue Spielstätte, in den Räumen des jetzigen TheaterBrett in der Münzwardeingasse 2 im sechsten Wiener Bezirk. Unter der Leitung von Jakub Kavin wird sich ein Ensemble von mehr als 30 internationalen Künstlerinnen und Künstlern aller Sparten hier einfinden – darstellende und bildende, Musiker, Sänger und Autoren.

Kavin ist Leiter und Mastermind der TheaterArche, und zugleich Spross der Familie Brettschneider/Kavin, die das TheaterBrett seit 1984 bis zur Gegenwart geleitet hat. Die TheaterArche wird wie die Vorgängerbühne „ein weltoffenes Haus sein, das den raschen gesellschaftlichen Wandel im Wien des 21. Jahrhunderts widerspiegelt“, so Kavin. Im „völlig variablen Saal“ will der Theatermacher der Wiener Kunstszene eine neue Arbeitsperspektive bieten.

Startschuss ist am 29. Jänner mit der Premiere von „Anstoss – Ein Sportstück“. Jakub Kavin über seine Produktion: „Zwanzig Schauspielerinnen und Schauspieler konfrontieren sich und das Publikum mit der Faszination und Perversion des Medienphänomens Sport. Der Spitzensport als Spiegelbild und Zuspitzung der Gesellschaft. Der Sport als größter Showbiz-Sektor, der mehr Zuschauer mobilisiert als jede künstlerische Veranstaltung. Die Faszination des Sports und seine dunklen Seiten, wie Fußball als Wirtschaftswunder, und Themen wie Doping, Macht- und sexueller Missbrauch, werden untersucht. Transhumanistische Theorien geben dem Publikum einen Einblick in eine Zukunft, in der der menschliche Makel ausgemerzt sein wird.“

Erste Probenfotos vom Eröffnungsstück „Anstoß“. Bild: Jakub Kavin

Jakub Kavin bekommt ein fixes Haus. Bild: Shirin Kavin

Erste Probenfotos vom Eröffnungsstück „Anstoß“. Bild: Jakub Kavin

Die TheaterArche stellt sich der sportlichen Herausforderung, sich im Rahmen der Wiener Szene zu behaupten, und einen Theaterraum zu schaffen, der mit einer Vielfalt an Produktionen das Publikum immer wieder in eine neue Welt entführen wird. „Dieses Theater wird ein unerschütterlich offenes Theater sein, als Spiegelbild einer offenen Gesellschaft“, so Kavin.

www.theaterarche.at          www.jakubkavin.com

23. 11. 2018