Wiener Wortstaetten im Werk X: Gegen die Freiheit

November 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Europas hässlichstes Antlitz

Ein Erhängter im Esszimmer überrascht die neue Mieterin: Burak Uzuncimen und Saskia Klar. Bild: © Joachim Kern

„Was hat er denn vor, will er denken?“, fragt der Arzt jene Ehefrau, die zu ihm gekommen ist, ihren Mann des zwanghaften Lesens anzuklagen. Essays, das sei das Schlimmste, konstatiert der Doktor, was Wunder also, dass beim Erkrankten das selbstständige Den-Verstand-Einsetzen ausgebrochen ist. Da dies als unheilbar gilt, bleibt nur eines: einen Scheiterhaufen zu errichten, auf dem kein Buch – sondern der Patient selbst verbrannt wird. Solcherart sind die Pointen, die jede der sieben surrealen Szenen aus Esteve Solers Text „Gegen die Freiheit“ beschließen.

Soler, Jahrgang 1976, derzeit einer der gefragtesten zeitgenössischen Film- und Theaterautoren, bekannt für starke szenische Setzungen und zugespitzte Dialoge, ist Katalane. Das macht seinen Stücktitel umso pikanter. Seit gestern ist „Gegen die Freiheit“, von Soler Teil eins einer „Revolutionstrilogie“ genannt, als deutschsprachige Erstaufführung der Wiener Wortstaetten im Werk X zu sehen. Das Autorentheaterprojekt hat diese Saison in der Meidlinger Spielstätte ein Arbeitsatelier bezogen, nun diese Koproduktion im Rahmen des EU-Projekts „Fabulamundi Playwriting Europe – Beyond Borders?“, bei der Hans Escher die Regie übernommen hat.

Von Luis Buñuel, sagt Soler, wäre sein Schreiben inspiriert, und tatsächlich geht einem dessen „Würgeengel“ im Kopf um, denn in seiner dramatischen Collage zeigt Soler weit mehr als eine dystopisch bibliophobe Gesellschaft. Er zeigt direkt auf Europas hässlichstes Antlitz, zeigt, wie Totalitarismus im Kleinen beginnt, bevor er groß wird, zeigt Machtmissbrauch und Ohnmachtsverhältnisse, und wie die verlorengegangene Fähigkeit zur Kommunikation im Politischen wie im Privaten genau jene Kräfte vorantreibt, die Europas Aufgeschlossenheit gegenüber Andersdenkenden, Andersseienden den Kampf angesagt haben.

Wo eine Waffe ist, wird geschossen: Daniel Wagner, Heinz Weixelbraun und Burak Uzuncimen. Bild: © Joachim Kern

Entnervter Priester tötet Bräutigam: Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun. Bild: © Joachim Kern

Solers Themen reichen von Gewalt durch Überwachung und/oder Waffen, Kapitalismuskritik samt einer an der Banken- und Immobilienblase, bis zum schändlichen Umgang mit Flüchtlingen, alles, was sozusagen europäische Abhängigkeitsbeziehungen dieser Tage ausmacht, und immer sind seine Stories unheilvoll, die Gefahr diffus, die Charaktere spooky. Dass sich das Premierenpublikum nichtsdestotrotz blendend amüsierte, liegt an Solers Talent für absurde Komik, doch immer kommt beim ehemaligen Schüler, nunmehr Lehrer an der Sala Beckett in Barcelona der Moment, wo bizarr in bitterböse kippt.

Die Schauspieler Elisabeth Findeis, Saskia Klar, Burak Uzuncimen, Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun beweisen sehr viel Gespür für diesen Aberwitz, stellen Solers grelle – fast möchte man sagen – Sketche so griffig dar, wie’s verlangt wird, wechseln mit viel Lust am Obskuren von einer Rolle in die nächste. Von Hans Escher und Ausstatter Renato Uz ist ihnen dazu nur eine Art Tisch auf Rollen zur Hand gegeben, der im Laufe des Abends verschiedene Funktionen übernehmen wird, hinten eine Kleiderstange, auf der die wenigen Stücke hängen, die sie als eine neue Figur ausweisen.

Alex Petkov treibt am Schlagzeug das Spiel an, er gibt ein rasantes Tempo vor, erschafft mit Sticks und Besen ein Hochgeschwindigkeitsensemble, dessen nervös flirrendes Auftreten der perfekte Grundton für Solars Stück ist. Und so gestalten etwa Saskia Klar, Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun eine Hochzeitsszene, in der die Braut beim „Bis dass der Tod euch scheidet“ nicht mitmachen will. Vor versammelter Festgesellschaft beginnt sie mit ihrem nun wohl nicht mehr Zukünftigen einen Streit über dessen prinzipiell erniedrigenden Sexpraktiken, bis der entnervte Pfarrer zur Pistole greift. Später wird Klar die verständnisvolle Frau eines Kinderschänders spielen, während Weixelbraun mit Elisabeth Findeis ein Ehepaar gibt, dass unterm Parkettboden im Ankleidezimmer nicht weniger als 700 Textilarbeiter eingeschlossen hält.

Der Sohn verhungert am Tisch der Mutter: Elisabeth Findeis und Burak Uzuncimen. Bild: © Joachim Kern

Während die Ausgebeuteten um Frischluft ringen, die von den Stoffen aufsteigenden Dämpfe sind nämlich giftig, klagt sie, sie hätte nichts anzuziehen, lässt er seine Arbeitssklaven auf herablassend-väterliche Art wissen, er habe Verständnis für ihre Herdenkultur, aufgrund der sie ja auf engstem Raum zusammengepfercht sein wollten. Dann gehen Mann und Frau shoppen. Eine nicht näher definierte Miliz ist nicht nur in einem Haus, sondern auch in der Social-Media-Sucht gefangen, eine Mutter lässt ihren Sohn an ihrer reich gedeckten Tafel verhungern.

Jeder hat bei Soler Leichen im Keller, oder wahlweise im Esszimmer, wo Burak Uzuncimen als sich erhängt habender Selbstmörder einer Wohnungsbesichtigung eine neue Dimension verleiht. Esteve Solers groteske Geisterbahnfahrt durch die menschlichen Abgründe ist in Hans Eschers Inszenierung ein unterhaltsamer, überwältigender, erschütternder Abend geworden – mit vielen offen bleibenden Fragen, die, wenn schon nicht der Antworten, so doch der Analyse harren. Ein Europa auf dem Prüfstand zu beschreiben, dazu sind im Rahmen von „Fabulamundi – Playwriting Europe“ aus Österreich unter anderem auch Miroslava Svolikova, Gerhild Steinbuch, Thomas Köck und Bernhard Studlar eingeladen.

www.wortstaetten.at/          werk-x.at

  1. 11. 2018

TheaterArche: Ab Jänner eine fixe Spielstätte

November 23, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Jakub Kavin eröffnet mit „Anstoß – Ein Sportstück“

Erste Probenfotos vom Eröffnungsstück „Anstoß“. Bild: Jakub Kavin

Nach drei Jahren, die die TheaterArche quer durch Wien führten, bezieht sie ab 2019 ihre neue Spielstätte, in den Räumen des jetzigen TheaterBrett in der Münzwardeingasse 2 im sechsten Wiener Bezirk. Unter der Leitung von Jakub Kavin wird sich ein Ensemble von mehr als 30 internationalen Künstlerinnen und Künstlern aller Sparten hier einfinden – darstellende und bildende, Musiker, Sänger und Autoren.

Kavin ist Leiter und Mastermind der TheaterArche, und zugleich Spross der Familie Brettschneider/Kavin, die das TheaterBrett seit 1984 bis zur Gegenwart geleitet hat. Die TheaterArche wird wie die Vorgängerbühne „ein weltoffenes Haus sein, das den raschen gesellschaftlichen Wandel im Wien des 21. Jahrhunderts widerspiegelt“, so Kavin. Im „völlig variablen Saal“ will der Theatermacher der Wiener Kunstszene eine neue Arbeitsperspektive bieten.

Startschuss ist am 29. Jänner mit der Premiere von „Anstoss – Ein Sportstück“. Jakub Kavin über seine Produktion: „Zwanzig Schauspielerinnen und Schauspieler konfrontieren sich und das Publikum mit der Faszination und Perversion des Medienphänomens Sport. Der Spitzensport als Spiegelbild und Zuspitzung der Gesellschaft. Der Sport als größter Showbiz-Sektor, der mehr Zuschauer mobilisiert als jede künstlerische Veranstaltung. Die Faszination des Sports und seine dunklen Seiten, wie Fußball als Wirtschaftswunder, und Themen wie Doping, Macht- und sexueller Missbrauch, werden untersucht. Transhumanistische Theorien geben dem Publikum einen Einblick in eine Zukunft, in der der menschliche Makel ausgemerzt sein wird.“

Erste Probenfotos vom Eröffnungsstück „Anstoß“. Bild: Jakub Kavin

Jakub Kavin bekommt ein fixes Haus. Bild: Shirin Kavin

Erste Probenfotos vom Eröffnungsstück „Anstoß“. Bild: Jakub Kavin

Die TheaterArche stellt sich der sportlichen Herausforderung, sich im Rahmen der Wiener Szene zu behaupten, und einen Theaterraum zu schaffen, der mit einer Vielfalt an Produktionen das Publikum immer wieder in eine neue Welt entführen wird. „Dieses Theater wird ein unerschütterlich offenes Theater sein, als Spiegelbild einer offenen Gesellschaft“, so Kavin.

www.theaterarche.at          www.jakubkavin.com

23. 11. 2018

Wiener Stadthalle: Maschek XX – 20 Jahre Drüberreden

Oktober 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles schon ausgesessen

Maschek: Robert Stachel, Peter Hörmanseder und – für diesmal wieder dabei – Ulrich Salamun. Bild: Ingo Pertramer

Es begann im Jahr 1998. Da genehmigte Thomas Klestil, damals „oberster Befehlshaber der Vereinspolizei“, höchstselbst die Gründung der Satiretruppe Maschek. Wenn‘s denn wahr ist. Jedenfalls wurde ab jetzt der Politik aufs Maul geschaut, falls die versuchte, dem Volk nach dem Mund zu reden. Lippensynchron gab’s nun die unbequeme Wahrheit, das heißt: was Peter Hörmanseder, Robert Stachel und Ulrich Salamun als solche aussprechen, nämlich die Maschekseite, die Kehrseite dessen, was die Tonangeber und Ton-Angeber der Republik in diverse Fernsehkameras äußern.

Zum Jubiläum gönnen sich und dem Publikum die drei Herren, Ulrich Salamun dafür wieder mit dabei, die Show „Maschek XX – 20 Jahre Drüberreden“. Eine mit heutigem Wissen umso heiterere Rückschau, die Verschütt- oder Niemals-Verloren-Gegangene, Fast-Vergessene und Immer-noch-Unvermeidliche auf die große Leinwand holt.

Ein Best-Of Blödsinn, Sternstunden vergangenen und noch wirkenden Irrsinns, eine Zeitreise durch zwei Jahrzehnte Zeitgeschichte, wie jung, wie langzodert, wie schnauzbartert da die Leute noch waren, vorkommen unter anderem sieben Bundeskanzler, drei Bundespräsidenten, sechs ÖVP-Chefs und neun ÖFB-Teamchefs – und so es an diesem Abend eines zu bemerken gibt, dann, was und wen Österreich nicht alles schon ausgesessen hat. Was wiederum Hoffnung macht.

Chronologisch läuft das Geschehen ab, Schweigekanzler Schüssel und sein fescher, fleißiger Karl-Heinz Grasser, kurz der Kurz, der schon als Maturant mit den Großen mitreden will, Alfred Gusenbauer, dem die Mama nach dem Wahlsieg zehn Euro zusteckt, Stefan Petzner, dem nach dem Himmelssturz der Sonne nur das Solarium bleibt. Fritz Muliar verspachtelt das Buffet im Ministerrat, Hannes Kartnig empfiehlt sich als Superminister, Barbara Rett interviewt Jörg Haider auf dem Opernball – tatsächlich ist ihr Gesprächsgegenüber der teintmäßig tiefbraune Opernstar Franco Bonisolli.

Maschek machen mit ihrem Sprachwitz Situationskomik. Und so wird die gutmütige, aber zunehmende Genervtheit von Heinz Fischer bei jeder neuerlichen Angelobung einer Bundesregierung zum Running Gag, Papst Benedikt XVI. kurzerhand zum Alitalia-Flugbegleiter, sein Nachfolger Franziskus mit der argentinischen (nunmehr Ex-)Präsidentin in folgenden Dialog verstrickt: „Ich bin die Kirchner.“ – „Nein, ICH bin die Kirche!“ Putin, Merkel und Obama finden ihren Platz in dieser bissig bösen Politikerpersiflage. Christian Kern – das war aufg’legt – als Pizzalieferant, und Humphrey Bogart in Rick’s Casablanca-Café in einer wunderbaren Kern-Kurz-Parodie. Beinah prophetisch heißt es über Geschasste und Gegangene, es wird nichts besseres nachkommen. Was natürlich zu Werner Faymann als Kasperltheaterfigur führt.

Die FPÖ kommt aktuell vor, der Parteiobmann knattert und keucht im Bierzelt, an der Staatsgrenze findet eine Flüchtlingsabwehrshow für freundlich gesinnte Medien statt – dieses Grenzschutz-Nachspielen mit 500 Polizisten und 220 Soldaten der Minister Kickl und Kunasek gab es im Sommer wirklich -, sofortige Abschiebung muss schon laut Wahlplakat sein, und so trifft es auch einen Migranten-Panda der zweiten Generation: „So long – Fu long!“ Ja, manch einer sorgt für die Karikatur schon selbst, und wie immer bei Maschek stimmen Tempo und Timing. Vor den Bonus-Tracks, mit Highlight „We Are the World“ und den täuschend ähnlichen Stimmen vom wispernden Michael Jackson über den rockröhrenden Bruce Springsteen bis zum näselnden Bob Dylan, hat deshalb Pamela Rendi-Wagner das Wort. Auch sie sagt bei ihrem Journalisten-Spießrutenlaufen in den SPÖ-Parlamentsklub nichts als die Wahrheit: „Lassen Sie mich durch, ich bin Ärztin. Jede Stunde zählt …“  Angesichts solcher Maschek’scher Lippenbekenntnisse wird klarerweise nicht nur das Zwerchfell erschüttert.

Bild: Czernin Verlag

Zum runden Geburtstag gibt es neben der Tour ein Buch mit Bildern, Clips, Anekdoten, bis dato unveröffentlichtem Material von den Anfangszeiten bis heute – und einer überraschenden Auseinandersetzung mit dem Begriff Satire. Gastbeiträge stammen unter anderem von Florian Scheuba, Austrofred, Hilde Dalik, Michael Ostrowski, Sibylle Hamann, Amina Handke, Lotte Tobisch, Gerhard Haderer, Alfred Dorfer, Doris Knecht, Stefanie Sargnagel, Conchita und Ulrich Seidl.

Czernin Verlag, Christopher Wurmdobler/Maschek (Hg.): Maschek. Satire darf al, Geschichts-, Bilder- und Fanbuch, 304 Seiten.

www.maschek.org

www.czernin-verlag.com

www.stadthalle.com

26. 10. 2018

Festwochen: Christophe Slagmuylder wird Intendant

Oktober 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sein neuer Vertrag läuft nun bis 2024

Christophe Slagmuylder. Bild : Andreas Jakwerth

Christophe Slagmuylder, der derzeit als interimistischer künstlerischer Leiter die Saison 2019 vorbereitet, wird auch künftig als Intendant die Wiener Festwochen verantworten. Sein neuer Vertrag läuft von 2020 bis 2024. Nach öffentlicher Ausschreibung und Eingang von fünf Bewerbungen haben in den vergangenen Tagen Hearings stattgefunden, nach denen Slagmuylder für die Position ausgewählt wurde.

„Ich verstehe die Wiener Festwochen als multidisziplinären Entfaltungsraum, der visionär und zugleich der Tradition verpflichtet ist, der international und ebenso in der Stadt verankert ist, der es schafft, den Dialog zwischen etablierten und aufstrebenden Künstlerinnen und Künstlern zu eröffnen – und natürlich mit und zwischen dem Publikum. Um diese Grundidee weiterhin zu verwirklichen, bedarf es eines langfristigen Engagements, und ich bin sehr glücklich, meine Vision in den kommenden Jahren entwickeln zu dürfen. Ich freue mich darauf, zur Neuorientierung der Wiener Festwochen in ihrer lokalen, nationalen und globalen Pionierrolle beizutragen“, so sein erstes Statement.

Christophe Slagmuylder, geboren 1967 in Brüssel, studierte Kunstgeschichte an der Université Libre de Bruxelles. Seine Laufbahn begann er als Dozent für visuelle Theorie an der Kunst-, Design- und Architekturhochschule La Cambre in Brüssel. Seit 2002 arbeitete er im Programmteam des Brüsseler Kunstfestivals Kunstenfestivaldesarts. 2007 wurde Slagmuylder Leiter und Künstlerischer Direktor des Kunstenfestivaldesarts, das zu den innovativsten Veranstaltungen dieser Art in Europa zählt und sich auf multidisziplinäre und internationale Gegenwartskunst konzentriert. Für seine Arbeit wurde ihm der Titel des Chevalier des Arts et des Lettres der Republik Frankreich verliehen. Im Oktober 2018 erhielt er gemeinsam mit Frie Leysen für die Gründung und Programmierung des Festivals den Prix de la Critique.

www.festwochen.at

15. 10. 2018

Armes Theater Wien: Die Frau vom Meer

August 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Ebbe und Flut in den Seelen

Krista Pauer und Aris Sas. Bild: Martin Hauser

Es ist das Faktotum Ballested, Schauspieler, Maler, Tanzlehrer, hier nun auch Fremdenführer, der die „Reisegruppe aus Wien“ im kleinen Kurorthotel empfängt, und gleich einmal auf die Fjordcard hinweist, mit der es alles um zehn Prozent preiswerter gibt. Das Hotel ist im Ottakringer Bockkeller des Wiener Volksliedwerks untergebracht, wo Erhard Pauer Ibsens „Die Frau vom Meer“ in einer Bearbeitung von Krista Pauer inszeniert hat.

Dies mit heiter-melancholischem Grundton und in ihrer Bittersüße exakt gearbeiteten Figuren. Bei Pauer wird das Schauspiel um platzende Träume und verschüttgehende Weltbilder beinah zur Tragikomödie, immer wieder darf man auch schmunzeln, wenn die vereinten Frauenmissversteher am Werk sind, wenn sie sich der einzelgängerischen Protagonistin des Stücks ungeschickt nähern, nur, um die nächste Abfuhr zu erhalten. Die Pauers geben dabei dem Feministen Ibsen Raum, wenn sie Männer zeigen, die Frauen nach ihren Wünschen formen und manipulieren wollen, und Frauen, die sich deshalb neue – in der Regel allerdings ungesunde – Wirklichkeitsbilder schaffen. In ihren Händen wird „Die Frau vom Meer“ ein Spiel um Ebbe und Flut in den Seelen.

Krista Pauer spielt die Ellida. Die Tochter eines Leuchtturmwärters, die auf einer Insel mitten im Meer aufwuchs, hat den Arzt Wangel geheiratet, mit dem und seinen beiden Töchtern aus erster Ehe, Bolette und Hilde, sie nun in der Kleinstadt am Ende des Fjords lebt. Nie hat Ellida in Wangels Haus wirklich Wurzeln geschlagen, jeden Tag zieht es sie ans Meer, dessen Unberechenbarkeit sie zugleich abschreckt und anzieht. Um sie aufzuheitern hat Wangel Bolettes ehemaligen Lehrer und in früheren Tagen verschmähten Anbeter Ellidas, Arnholm, eingeladen. Der interpretiert die Geste falsch, als Aufmunterung um Bolette anzuhalten.

Florian Sebastian Fitz. Bild: Martin Hauser

Daniel Ruben Rüb. Bild: Martin Hauser

Und dann ist da noch der junge Kurgast Lyngstrand, der eines Tages die Geschichte vom ertrunkenen Seemann erzählt, der zurückkehrt aus der schwarzen See, eine Geschichte, die Ellida sehr vertraut ist, ist es doch ihre eigene. Erschüttert ist sie nun überzeugt davon, dass der Amerikaner sie holen kommen wird. Und während man sich noch fragt, ob man es mit Albtraum, einer pathologischen Todessehnsucht oder doch der Realität zu tun hat, dreht sich dies Stück ums Ungesagte, nur Angedeutete weiter. Die Hintergrundgeräusche in ihrem Kopf werden lauter, und Ellida trifft eine schwerwiegende Entscheidung …

Krista Pauer legt Ellida als hochgradig bipolar Gestörte an, mit großem Feingefühl bewegt sie die Figur zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Als sei sie in einem Käfig eingesperrt stolpert sie über die Spielfläche, seufzend unter der erdrückenden Last der bevorstehenden Heimsuchung. Sie vollzieht emotionelle Kraftakte, mit denen sie nach Haltung sucht, um gleich wieder zusammenzubrechen unter dem Gewicht ihrer Gefühle. Die Männer rund um sie, wiewohl sie alle um sie buhlen, wissen wenig mit ihr anzufangen. Jeder lebt hier in den anderen verschlossenen Welten.

Aris Sas als Wangel, liebevoll, bemüht einfühlsam, doch unfähig sich aus seiner Stasis zu befreien, tut einem als Ellidas Ehemann fast schon leid. Er glaubt an Heilung durch Umzug zurück auf die Inseln, muss aber natürlich an diesem Lebensansatz scheitern. Daniel Ruben Rüb schlüpft in die Rolle des Arnholm. Als solcher trudelt er umher auf der Suche nach immer neuen Möglichkeiten, die ihn umgebenden Frauen zu ergründen, hilfsbereit will er sich zeigen, vor allem gegenüber Bolette, doch scheitert er jedes Mal aufs Neue wegen mangelnder Sehkraft für das Wesen der Dinge.

Klaus Fischer. Bild: Martin Hauser

Cornelia Mooswalder und Celina Dos Santos. Bild: Martin Hauser

Auch das Dreieck Bolette, Lyngstrand, Hilde – Cornelia Mooswalder, Florian Sebastian Fitz und Celina Dos Santos – hat Erhard Pauer mit großer Sensibilität in Szene gesetzt, die ältere Tochter gegenüber der außer sich seienden Stiefmutter einlenkend, dennoch im Wortsinn das Weite suchend, die jüngere eine kindliche Hintertreiberin. Der lungenkranke Lyngstrand ahnt hier nichts von seiner kurzen Lebensdauer, gibt sich als egomanischer Möchtegernkünstler, der erst um das eine Mädchen, dann um das andere tänzelt, jedoch an deren emanzipatorischen Ansätzen scheitert. Bleibt schließlich Klaus Fischer, der einen wunderbar kauzigen Conférencier Ballested spielt, und als solcher quasi durch die Handlung führt. Er ist der einzige Freie unter all den Ibsen-Figuren, die doch nur auch das eine wollen – Freiheit, sich aber von ihren kleinbürgerlichen Ängsten und Zwängen nicht lösen können.

Was Erhard Pauer und seinen Darstellern hier gelungen ist, ist große Kunst, nicht, weil dieser Abend Antworten und Lösungen anbietet, sondern weil er die erschreckende Ahnung von der Einsamkeit der Menschen und deren vergeblichen Mühen um Zusammenleben und Kommunikation mit anderen ins Bewusstsein zerrt. Was einem mitunter den Hals zuschnürt. „Die Frau vom Meer“ des Armen Theater Wien ist zu verstehen als Tauchgang in die eigene Psyche.

www.armestheaterwien.at

  1. 8. 2018