Wienbibliothek im Rathaus: Die Hochzeit von Auschwitz

Juni 28, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Nachlass des Widerstandskämpfers Rudolf Friemel

Hochzeitsfoto Margarita Ferrer Rey und Rudolf Friemel, 18. März 1944 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Obwohl der Wiener Rudolf Friemel (1907–1944) zu den österreichischen Auschwitz-Häftlingen zählte und seine Biografie ein wichtiges Zeugnis des politischen Engagements gegen den Faschismus ist, war seine Geschichte lange nur wenigen bekannt. Erst 2002 wurde seiner Person durch Erich Hackls Buch „Die Hochzeit von Auschwitz. Eine Begebenheit“ eine größere öffentliche Wahrnehmung zuteil. Vor Kurzem wurde der Nachlass Friemels an die Wienbibliothek im Rathaus übergeben.

Eine Ausstellung erinnert nun ab 1. Juli mit den wichtigsten Briefen, Fotografien und Lebensdokumenten an den kommunistischen Widerstandskämpfer.

Im Zuge der Neugestaltung der österreichischen Ausstellung in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau stieß das Ausstellungsteam über die Vermittlung Erich Hackls auf Rudolf Friemels in Frankreich lebenden Enkel Rodolphe Friemel, der den Nachlass seines Großvaters verwahrte. Er überantwortete ihn der Wienbibliothek im Rathaus, die nun in einer von Albert Lichtblau, Hannes Sulzenbacher und Barbara Staudinger kuratierten Ausstellung die wichtigsten Briefe, Fotografien, Zeitungsartikel, Kassiber und Lebensdokumente zeigt. In der Broschüre zur Ausstellung zieht Hackl, der für sein Buch zehn Jahre mit der Lebensgeschichte Rudolf Friemels befasst war, Bilanz: „,Die Hochzeit von Auschwitz‘ hat mich in meiner Auffassung bestärkt, dass die größte, jedenfalls nachprüfbare Wirkung von Literatur (einer auf Fakten gestützten, also politisch eingreifenden) auf diejenigen abzielt, von denen sie handelt.“

Antifaschistischer Widerstand in Österreich und Spanien

Friemel wurde 1926 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei sowie des Republikanischen Schutzbunds. Wegen seiner Teilnahme an den Kämpfen gegen das austrofaschistische Regime wurde er Ende 1934 verhaftet. Nach der Inhaftierung trat er 1936 der in Österreich verbotenen Kommunistischen Partei bei und nahm als Brigadist 1937 am Spanischen Bürgerkrieg teil. In dieser Zeit verliebte er sich in Margarita Ferrer Rey († 1987). Friemel war damals noch mit einer Wienerin verheiratet und hatte einen Sohn, Norbert. In Spanien ließ er sich mit Margarita Ferrer Rey kirchlich trauen.

Nach der Niederlage des antifaschistischen Kampfes in Spanien flohen Friemel und Ferrer Rey 1939 aus Spanien nach Frankreich, wo Friemel interniert wurde. Er leistete als Bergarbeiter Arbeitsdienst in einer Mine in Carmaux. 1941 wurde ihr gemeinsamer Sohn Edouard geboren. Auf Empfehlung der Kommunistischen Partei an ihre Mitglieder stellte Friemel im Sommer 1941 einen Antrag zur Rückstellung ins „Deutsche Reich“. Dies stellte sich als schwerer Fehler heraus, da die französischen Behörden bereits an der Grenze Rudolf Friemel, Margarita Ferrer Rey und Edouard der Gestapo übergaben. Friemel wurde in Wien erkennungsdienstlich erfasst und im Jänner 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz überstellt. Margarita und ihr Sohn wurden in ein Heim für ledige Mütter nach Kirchheim unter Teck verbracht.

Hochzeit und Hinrichtung in Auschwitz

Im KZ Auschwitz-Stammlager arbeitete Rudolf Friemel als sogenannter „Funktionshäftling“, als Mechaniker in der Fahrbereitschaft der SS. Als politischer Häftling war es ihm erlaubt, regelmäßig – zensurierte – Briefe nach Hause zu schicken, die ein Teil der Ausstellung sind. Friemel schloss sich der österreichischen Widerstandsgruppe an, die eine wichtige Rolle in der international zusammengesetzten „Kampfgruppe Auschwitz“ einnahm, und der auch andere Österreicher wie Heinrich Dürmayer, Alfred Klahr, Hermann Langbein, Ludwig Soswinski, Ernst Burger und Ludwig „Vickerl“ Vesely angehörten. Wegen seiner französischen Sprachkenntnisse war Friemel wichtig für die Kontakte zur französischen Widerstandsgruppe. Friemels erste Ehe wurde 1941 rechtskräftig geschieden.

Glückwunschbillett von Mithäftlingen, 18. März 1944 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Glückwunschbillett von Mithäftlingen, 18. März 1944 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Glückwunschbillett von Mithäftlingen, 18. März 1944 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Bereits kurz nach seiner Inhaftierung verfolgte er den Plan, seine Ehe mit Margarita Ferrer Rey legalisieren zu lassen, um ihr und seinem Sohn einen rechtmäßigen Aufenthalt im „Deutschen Reich“ zu verschaffen. Seine Bemühungen hatten Erfolg: Aus nicht nachvollziehbaren Gründen durften Friemel und Ferrer Rey am 18. März 1944 im sonst ausschließlich für das Ausstellen von Totenscheinen zuständigen Standesamt des KZ Auschwitz-Birkenau heiraten. Es war die einzige im KZ Auschwitz geschlossene Ehe, einem Ort, an dem mehr als eine Million Menschen ermordet wurden.

Neben der Braut und dem gemeinsamen Sohn Edouard durften auch der Vater und der Bruder des Bräutigams zur Zeremonie nach Auschwitz kommen. Für die Hochzeit durfte sich Rudolf Friemel die Haare wachsen lassen und Zivilkleidung tragen. Davon zeugen die Hochzeitsfotos, die der Lagerfotograf Wilhelm Brasse anfertigte und die ebenso in der Ausstellung zu sehen sind wie Glückwunschbilletts und ein Hochzeitsgedicht von Mitgefangenen. Für die Hochzeitsnacht wurde dem Brautpaar ein Zimmer im ersten Stock des Blocks 24a, dem Lagerbordell, zur Verfügung gestellt.

Im Oktober 1944, wenige Monate vor der Befreiung von Auschwitz half Friemel bei den Vorbereitungen für einen vom Lagerwiderstand organisierten Fluchtversuch einiger Häftlinge. Der Fluchtversuch scheiterte und Friemel wurden wegen „Fluchtbegünstigung“ gemeinsam mit den österreichischen Widerstandskämpfern Ernst Burger und Ludwig Vesely sowie den polnischen Widerstandskämpfern Piotr Piąty und Bernard Świerczyna am 30. Dezember 1944, nur knapp ein Monat vor der Befreiung, in Anwesenheit der zu diesem Zeitpunkt noch

verbliebenen Häftlinge gehängt. Im Gegensatz zu den anderen Delinquenten, die Häftlingskleidung trugen, schritt Friemel in seinem mit Rosen bestickten Hochzeitshemd zum Galgen. Mithäftlinge erinnerten sich später an unterschiedliche Parolen, die die Verurteilten unmittelbar vor der Hinrichtung gerufen haben. In einem Interview mit Franz Danimann, der wegen seiner kommunistischen Widerstandstätigkeit von 1942 bis zur Befreiung im Stammlager inhaftiert war, heißt es: „Und noch unter dem Galgen haben sie ihre gefesselten Hände gehoben. Ernst Burger: ‚Es lebe ein freies Österreich!‘ Rudi Friemel: ‚Nieder mit der braunen Mordpest!‘ Und Vickerl Vesely: ‚Heute wir, morgen ihr!‘ Und die Polen in ihrer Sprache: ‚Niech żyje wolność, niech żyje Polska.‘ Es lebe die Freiheit, es lebe Polen!“

Telegramm des Standesamts Auschwitz, 6. März 1944 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Brief von Rudolf Friemel an Margarita Ferrer Rey, 17. Oktober 1943 © Wienbibliothek im Rathaus, Nachlass Rudolf Friemel

Ein Abschiedsgedicht von Rudolf Friemel an seinen Sohn Edouard ist in einer Abschrift von Margarita Ferrer Rey erhalten. In diesem appelliert er an den Sohn: „Folge dem Weg / deines Vaters / Mit jeder Faser deines Willens. / Fest und kompromisslos. / Kämpfe, wie dein Vater gekämpft hat. / Für unsere Idee / und den Fortschritt der Menschheit. / Dieser Weg ist hart: / Aber das Ziel lohnt den Einsatz / Des Menschen, der du sein musst.“ (Übersetzung aus dem Spanischen von Schriftsteller Erich Hackl)

Im Nachlass findet sich eine Abschrift von Rudolf Friemels letztem Brief, der abrupt endet: „Ich habe meine Aufgabe vollständig beendet, ich sterbe standhaft für meine heilige Sache. Die wird siegen, weil sie die Idee der Menschheit ist und deren Fortschritt. Nur ist es schwer sehen schon die Menschheit gerettet von Leiden so nah und doch nicht können uns erreichen und teilnehmen an den Neuaufbau der Welt und gemeinsam mit Euch genießen das Ergebnis vieler Menschenopfer.“

Zu sehen bis 30. September. Montag bis Freitag, 9 bis 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Sommerschließzeiten: Vom 1. bis 19. August ist die Ausstellung nach Voranmeldung zu besichtigen. Führungstermine zur Ausstellung hier.

www.wienbibliothek.at

28. 6. 2022

Wien Museum und Wienbibliothek: Im Schatten von Bambi. Felix Salten entdeckt die Wiener Moderne

Oktober 11, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fanfotos mit Marlene Dietrich und Buster Keaton

Werbeplakat für den Film Bambi, 1951. © Wienbibliothek im Rathaus

Anlässlich seines 75. Todestages erhellt ab 15. Oktober die Ausstellung „Im Schatten von Bambi. Felix Salten entdeckt die Wiener Moderne“ in der Wienbibliothek im Rathaus und im Wien Museum die vielen Facetten Felix Saltens. Sie präsentiert ihn als einflussreichen Journalisten, mächtigen Kulturkritiker, experimentierfreudigen Theatergründer und bedeutenden Protagonisten des kulturellen Lebens der Wiener Moderne.

Korrespondenzen mit Zeitgenossen zeigen ihn als Mitstreiter des literarischen Netzwerks „Jung Wien“ um Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler. Mit Tierbüchern wie „Bambi“ feierte er internationale Erfolge als Bestsellerautor. Als Chronist seiner Zeit dokumentierte Salten das tägliche Geschehen in Taschenkalendern. So sind die Einträge vor seiner Flucht in die Schweiz 1938/39 ein maßgeblicher Beitrag für die Kulturgeschichte der Stadt.

Zentrale Grundlage der Ausstellung ist Felix Saltens Nachlass, der 2015 und 2018 von der Wienbibliothek im Rathaus erworben wurde.

Dieser eröffnet mit zahlreichen Fotos, Lebensdokumenten, dem Manuskriptarchiv und besonders der Briefsammlung mit etwa 700 Korrespondenzpartnern, unter ihnen Karl Kraus, Heinrich und Thomas Mann, Berta Zuckerkandl und Stefan Zweig, einen Blick auf Leben und Wirken des Tausendsassas. Hinzu kommt die Nachlassbibliothek mit mehr als 2.300 Büchern, die unikale Arbeits- und Handexemplare, zahlreiche Widmungen und eine Belegsammlung seiner Werke enthält.

Im deutschsprachigen Raum erlangte Felix Salten zuerst als Journalist bei der Wiener Allgemeinen Zeitung und der Wiener Tageszeitung Die Zeit eine große Leserschaft und schillernden Ruhm. Die Auflagenzahlen ebenso emporschnellen ließ auch seine Berichterstattung für die Berliner Morgenpost über das Erdbeben von San Francisco 1906 – ein frühes Dokument von Fake News, da Salten über das Ausmaß der Katastrophe nur mutmaßen konnte. Über den Journalisten Salten kursieren zahlreiche Klischees, vor allem eilt ihm der Ruf des Skandal- und Klatschreporters voraus, weil er auf der Suche nach einer guten Story in der Tat bereit war, auch den Boulevard zu bedienen, für eine Schlagzeile immer ans Limit zu gehen und bisweilen auch darüber hinaus.

Wie viele intellektuelle Zeitgenossen war Felix Salten anfangs ein Trommler für den Ersten Weltkrieg: „Es muss sein!“, rief er den Lesern der Neuen Freien Presse am 29. Juli 1914 zu. Saltens Essay war der einzige journalistische Beitrag, der dem kaiserlichen Kriegsmanifest „An meine Völker!“ beigestellt werden durfte, das auf allen Titelseiten der Hauptstadtblätter an diesem Tag veröffentlicht wurde. Die Eindrücke von Verletzten, Toten und des Leides der Zivilbevölkerung ließen Salten gegen Ende des Weltkrieges umdenken. Auch er fühlt sich ab 1917 der ideenpolitischen Wende verpflichtet und spricht vom „Verständigungsfrieden“, der einen Frieden mit Kompromissen möglich machen soll. Dies spiegeln auch Saltens zahlreiche pazifistische Zeitungsartikel wieder. Die Ausstellung illustriert dieses komplexe Thema etwa mit Saltens Feuilletons oder Veranstaltungsplakaten zugunsten der Kriegswohlfahrt.

Gruppenfoto mit Marlene Dietrich (mit Felix Salten, Mitte), USA, 1930. © Wienbibliothek im Rathaus

Gruppenfoto mit Buster Keaton (11.v.l.); Felix Salten (13.v.l.), USA, 1930. © Wienbibliothek im Rathaus

Felix Saltens Presseausweis für das Jahr 1933. © Wienbibliothek im Rathaus

Felix Salten mit Max Reinhardt bei den Proben zu „Faust“ bei den Salzburger Festspielen, 1933. © Wienbibliothek im Rathaus

Im Dezember 1922 erschien der Roman „Bambi“, mit dem Felix Salten seinen Ruhm als Meister der Tiererzählung begründete. Zuerst als unverkäuflicher Flop im Ullstein Verlag erschienen, wurde die Neuauflage im jungen Wiener Zsolnay Verlag 1926 zum Bestseller im deutschsprachigen Raum und Salten, der bis dahin sein Einkommen vornehmlich als Journalist erzielte, konnte von den literarischen Einnahmen leben. Dokumentiert ist dieser Erfolg auch in der Nachlassbibliothek, die an die 100 verschiedene Ausgaben und Übersetzungen von „Bambi“ enthält.

Vor allem die amerikanische Ausgabe von 1928 und eine US-Buchclub-Ausgabe im selben Jahr mit einer Startauflage von 50.000 Exemplaren machten Salten auch international zur Berühmtheit. Belegt ist dies mit einer Reihe von Fotos, die 1930 im Rahmen einer journalistischen Reise durch die USA entstanden: Prominente wie Buster Keaton, Marlene Dietrich oder Henry Ford wollten stets direkt neben dem Bestsellerautor von „Bambi“ stehen. 1942 schließlich kam Disneys „Bambi“ als dessen erster abendfüllender Trickfilm in die Kinos.

Abseits von „Bambi“ ist Felix Salten heute vor allem als vermeintlicher Autor des skandalträchtigen Romans „Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“  aus dem Jahr 1906 bekannt – auch wenn dieser sich nie zur Autorenschaft bekannte und im ganzen Nachlass kein Hinweis darauf zu finden ist. Ein Fund im Nachlass ist aber jedenfalls Felix Salten zuzuschreiben: In einem dicken Konvolut ungeordneter Manuskriptblätter und Fragmente befanden sich verstreut acht handschriftliche Seiten, die sich zu einer vollständigen, bisher unbekannten pornographischen Novelle zusammenfügen ließen. Darin erzählt eine junge Prostituierte namens Albertine von ihrer sexuellen Initiation und Befreiung, die sie letztlich ins Bordell führte. Schauplatz ist neben anderen deutschen Städten besonders das Berlin der Roaring Twenties.

Das für Saltens Arbeitsweise typische, schwierig zu entziffernde Bleistiftmanuskript dürfte um 1930 entstanden sein. Saltens „Albertine“ entpuppt sich darin als seltsam ambivalenter Text, der zwar die Selbstermächtigung einer jungen Frau schildert und trotzdem als männliche Wunschphantasie erkennbar ist, wie sie für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts typisch ist. Felix Saltens vielfältige Interessen spiegeln sich in seinen Texten zu Theater, Kino und Literatur wider und machen ihn zum wichtigen Auskunftsgeber über das kulturelle Leben Wiens. Bereits früh begeisterte sich Salten für das Medium Film und veröffentliche in den 1920er Jahren regelmäßig Filmbesprechungen. Aus seinem Verständnis für das Kino und dessen kultureller Bedeutung in der Moderne sowie seiner grundlegenden Beschäftigung mit dem Medium Film und dessen dramaturgischem Potential entstanden seit 1913 außerdem Drehbücher.

Felix Salten auf Sommerfrische am Attersee, um 1930 © Wienbibliothek

Brief des 9-jährigen Paul Salten an seinen Vater, 1912. © Wienbibliothek

Felix Salten mit Arthur Schnitzler, um 1910. © Wienbibliothek im Rathaus

Er führte zumindest einmal selbst Regie, lieferte Ideen und literarische Vorlagen, darunter für die – nicht erhaltene – Verfilmung von Saltens Erzählung „Olga Frohgemuth“  von 1922, in der die Konfrontation zweier sozialer Milieus im Zentrum steht. Gezeigt werden auch Saltens vielfältige Beziehungen zum Theater: als Autor, Kritiker und Theatergründer wie als Bezugsperson für Schauspieler und Theaterleute wie etwa Max Reinhardt.

Als Chronist seiner Zeit dokumentierte Salten das tägliche Geschehen in Taschenkalendern – so sind die Einträge vor seiner Flucht in die Schweiz zum Jahr 1938/39 ein maßgeblicher Beitrag für das kulturelle Gedächtnis der Stadt. Aus Angst vor der Gestapo hat Salten noch im Frühjahr 1938 viele Briefe, Schriftstücke und Manuskripte verbrannt, geblieben sind etwa 7.000 Korrespondenzstücke von 700 Schreibern, die im Nachlass enthalten sind. Unter den mehr als 2.300 Bänden seiner Bibliothek befinden sich unikale Arbeits- und Handexemplare, Belegsammlungen etwa seiner Tierbücher „Bambi“, „Florian“ und „Perri“ sowie 202 Widmungsexemplare – darunter Gedichtbände von Rainer Maria Rilke, die Erstausgabe von Franz Werfels „Verdi“-Roman oder eine Ausgabe von Gustav Mahlers Briefen, die die Herausgeberin Alma Maria Mahler dem Widmungsempfänger zu Weihnachten 1924 schenkte. Vor seiner Flucht dürfte die Bibliothek aber sehr viel mehr dedizierte Bände enthalten haben.

Saltens Flucht 1939 wurde von prominenten Zeitgenossen unterstützt: Gerüchte wie dieses, dass er im Konzentrationslager wäre, rief Künstler wie Erika und Thomas Mann auf den Plan. Sie setzten sich für eine finanzielle Unterstützung ein, damit Salten mit seiner Frau in die Schweiz einreisen durfte, wo seine Tochter bereits als Schweizer Staatsbürgerin lebte. Als Journalist hatte Salten in der Schweiz Berufsverbot, doch er konnte weiter belletristisch arbeiten. Dennoch waren seine letzten Lebensjahre von finanziellen Schwierigkeiten geprägt, vor allem weil er auf internationale Buchtantiemen nach dem Kriegseintritt der USA keinen Zugriff mehr hatte. Felix Salten starb am 8. Oktober 1945 in Zürich, wo er auch beigesetzt wurde.

www.wienmuseum.at           www.wienbibliothek.at

11. 10. 2020

Wienbibliothek digital: Chris Pichler und Robert Reinagl lesen „Komteß Mizzi“

April 1, 2020 in Buch, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Beklemmendes Unsittenbild aus dem Fin de Siècle-Wien

Die Wienbibliothek befasst sich mit dem Fall des „leichten Mädchens“ Marie Veith, deren Geschichte im Zuge eines Sensationsprozesses in der k. u. k. Monarchie für Aufsehen sorgte. Anhand des soeben im Wallstein Verlag erschienenen Buchs „Komteß Mizzi“ von Walter Schübler zeichnen Schauspielerin Chris Pichler und Burgtheater-Akteur Robert Reinagl in zwölf Lesungen ein beklemmendes „Unsittenbild“ aus dem Wien des Fin de Siècle – ab 4. April via der Website www.wienbibliothek.at oder der Facebook-Seite www.facebook.com/wienbibliothek.

Die Fakten, die Schübler recherchierte und rekonstruierte ergeben ein erschütterndes Zeitdokument über eine moralisch zerrüttete Gesellschaft: Am 28. April 1908 werden Marcell Veith, der einen nicht rechtmäßigen Grafentitel führte, und seine 18-jährige Tochter Marie festgenommen. Er wird der Kuppelei, sie der Geheimprostitution beschuldigt. Sie ertränkt sich noch am selben Tag in der Donau, er wird vor Gericht gestellt, der „Skandal-Prozess“ erregt weit über Wien hinaus Aufsehen.

Umso mehr, als hohe Polizeibeamte, die Chefs des Sittenamts und des Sicherheitsbüros, im Tagebuch und in den Kassabüchern Maries als Kunden genannt werden. Kurz nach Verbüßung seiner Haftstrafe veröffentlicht Marcell Veith in einem Krawallblatt die Kundenliste, die er akribisch geführt hatte: 205 „Cavaliere“, allesamt aus den besseren und besten Wiener Kreisen und der österreichischen Hocharistokratie. Aus einer Unmenge historischer Quellen – darunter der tausendseitige Gerichtsakt mit Dutzenden Zeugenaussagen von Fiakerkutschern, Hausmeistern, Nachtportieren, Kellnern, Dienst-, Stuben-, Blumenmädchen, Bordellwirtinnen und Prostituierten, die Protokolle der Hausdurchsuchung, der Abschiedsbrief von Marie Veith bis hin zur skandalisierenden Presseberichterstattung – entwirft Schübler ein Panorama der Doppelmoral dieser Epoche.

„Das Material ist ausgesprochen spannend“, so der Autor. „In den Zeitungsberichten ist die Rede davon, dass der Staatsanwaltschaft als Belastungsmaterial unter anderem die Tagebücher von Mizzi Veith sowie die Rechnungs- bücher ihres Vaters und ‚Kupplers‘ vorlagen, aus denen sie auch zitiert. Der Gerichtsakt ist zwar überliefert und auf dem Aktendeckel sind die Tagebücher und die Kassabücher als ‚Beilagen‘ angeführt ­— diese sind aber verschwunden. Beim Schreiben ging es mir nun vor allem darum, aus diesem ‚Stoff‘ eben nicht Kolportage zu machen. Vom ‚Fall‘, vom Personal, vom Milieu her wär’ das ja geradezu aufg’legt. Der zeitgenössische Boulevard tut genau das, er macht die Causa zum Gegenstand ‚öffentlicher Erregung‘. Ich hingegen erzähle das Ganze unter Einsatz von sehr viel O-Ton – chronikal, lakonisch, sozusagen in Schwarzweiß.“

Bild: Chris Pichler

Robert Reinagl. Bild: © Dieter Steinbach

Das Verfahren selbst wurde von Zeitgenossen heftig diskutiert, so widmete Karl Kraus, dessen Archiv ebenfalls in der Wienbibliothek im Rathaus liegt, dem „Prozeß Veith“ eine Sondernummer seiner Fackel. Bereits zwei Jahre davor sorgte ein pornografischer Roman, der realitätsnah die Missstände von Prostitution und Pädophilie veranschaulicht, für Aufsehen: „Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“ erschien anonym, wurde jedoch dem österreichisch-ungarischen Schriftsteller Felix Salten zugeschrieben. Ihm wird die Wienbibliothek gemeinsam mit dem Wien Museum anlässlich seines 75. Todestages im Jahr 2020 ab 14. Oktober eine große Ausstellung widmen.

Über den Autor: Walter Schübler, geboren 1963, Publizist mit Schwerpunkt Biografik, lebt in Wien. 2014 erhielt er den Preis der Stadt Wien für Publizistik. Veröffentlichungen unter anderem: „Anton Kuh. Biographie“ 2018, „Anton Kuh: Werke“, Hg., 2016; „Gottfried August Bürger. Biographie“ 2012.

Wallstein Verlag, Walter Schübler: „Komteß Mizzi. Eine Chronik aus dem Wien um 1900“, Sachbuch, 236 Seiten.

www.wallstein-verlag.de

www.wienbibliothek.at           www.facebook.com/wienbibliothek

1. 4. 2020

Maria Teuchmann im Gespräch über „Niemand“

August 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lang verschollenes Horváth-Werk wird nun uraufgeführt

Maria Teuchmann. Bild: Thomas Sessler Verlag

Maria Teuchmann, Geschäftsführerin des Thomas Sessler Verlags, sicherte sich die Verwertungsrechte an „Niemand“. Bild: Aleksandra Pawloff

Die neue Theatersaison beginnt mit einer Sensation. Am 1. September wird am Theater in der Josefstadt Ödön von Horváths lange verschollenes Werk „Niemand“ uraufgeführt. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger wird die Inszenierung dieses Frühwerks vornehmen; an der Spitze eines 24-köpfigen Ensembles spielen Florian Teichtmeister, Gerti Drassl, Raphael von Bargen, Dominic Oley und Martina Stilp. Horváth stand erst am Anfang seiner schriftstellerischen Karriere als er 1924 dies Theaterstück verfasste.

„Niemand“ sollte den Augen der Öffentlichkeit jedoch bis in das Jahr 2006 verborgen bleiben, damals tauchte es bei einer Auktion auf, verschwand jedoch wieder im Dunkeln. Wie es nun nach Wien kam und was man davon erwarten darf, schildert die Geschäftsführerin des Thomas Sessler Verlags – Maria Teuchmann im Gespräch:

MM: Wie findet man einen bis dato unbekannten Horváth-Text?

Maria Teuchmann: Durch die Aufmerksamkeit von Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger, der mich anrief und mir sagte: Weißt du das? In der FAZ steht, ein Horváth-Stück wird versteigert! Ich habe sofort das Auktionshaus recherchiert, gleich angerufen, war aber ein paar Sekunden zu spät dran, um ein Gebot abzugeben. Zum Glück stellte sich heraus, dass die Wienbibiliothek der Meistbieter war. Der Thomas Sessler Verlag hat sich also mit ihr in Verbindung gesetzt, und wegen unserer großen Horváth-Tradition und -Pflege sind wir übereingekommen: die Wienbibliothek ist nun Rechteinhaberin, wir sind der Verlag der Wienbibliothek, beziehungsweise der Freunde der Wienbibliothek mit den Verwertungsrechten. Diesem Verein kommen die Erlöse zu, damit können dann auch neue Nachlässe erworben, oder neue Schätze gehoben werden. Was wir bis jetzt herausgefunden haben, ist, dass das Typoskript seit Mitte der Neunziger-Jahre „herumgeistert“. In Traugott Krischkes 1980 erschienener Horváth-Biografie „Ein Kind seiner Zeit“ findet sich auch ein vager Hinweis: Lajos von Horváth, der jüngere Bruder, schreibt Krischke da, „konnte sich noch Jahrzehnte später an ein in expressionistischer Manier geschriebenes Stück ‚in einem blauen Umschlag‘ mit dem Titel ,Niemand‘ erinnern.“ Warum es nie aufgeführt wurde, wissen wir nicht.

MM: Wird es nun für die Erforschung freigegeben?

Teuchmann: Ist schon geschehen. Wir haben den Text als Buch herausgegeben, außerdem wird es in der kritischen Gesamtausgabe von Klaus Kastberger publiziert und analysiert werden. Er ist der ausgewiesene Horváth-Experte, hat aber keine Exklusivrechte in der Forschung, sondern es steht jedem frei, es zu begutachten. Wir haben viele Anfragen von Wissenschaftlern, die über „Niemand“ schreiben wollen.

MM: Wie ist das Stück denn? Ist es gut? Oft ist ja einfach nur schlecht, was als „verschollen“ gilt.

Teuchmann: Es ist erstaunlich gut. Und es ist ein Übermaß an dem da, was später Horváth ist. Die Wienbibliothek hat lange gebraucht, um dem Verlag das Stück zu übergeben, weil das Typoskript in einem schlechten Zustand ist und erst abfotografiert werden musste. Am Tag der Vertragsunterzeichnung am 24. September 2015 erhielt ich eine DVD mit dem abfotografierten Text. Im Verlag haben wir dann das Typoskript abgetippt und gemeinsam mit den Freunden der Wienbibliothek als kleines feines Bändchen gedruckt. Dieses kann man auch bei uns im Verlag erwerben. Die Prüfung, dass es sich hierbei um einen wirklichen Horváth-Text handle, geschah aber schon vorher. Kastberger hatte vor der Auktion schon festgestellt, dass es unzweifelhaft ein Horváth-Werk ist. Sogar handschriftliche Korrekturen im Text sind von ihm selbst. Ich war beim Lesen sofort geflasht von dieser Fülle an Horváth-Motiven. „Niemand“ ist einerseits ein ungestümes Frühwerk und liest sich andererseits schon, als würde der Autor sein Œuvre Revue passieren lassen. Es hat eine fast filmische Dramaturgie, mit vielen kleinen Nebenrollen, die für die Bedeutung des Werks aber unheimlich wichtig sind.

MM: Der Inhalt ist?

Teuchmann: Das ist schwierig. Das möchte ich gar nicht sagen, weil es viele Interpretationsmöglichkeiten gibt, und ich nicht weiß, was Herbert Föttinger aus diesem Text heraussuggerieren wird. Die Geschichte in sieben Bildern birgt viele Geheimnisse. „Niemand“ kann ein nihilistischer Gott sein, oder ganz ein anderer.

MM: Ja, aber zum Ein-bissl-Auskennen …

Teuchmann: „Niemand“ spielt in einem Mietshaus. Dort herrscht der verkrüppelte Hausbesitzer und Pfandleiher Fürchtegott Lehmann. Alle Bewohner stehen in seiner Schuld. Der mittellose Geiger Klein, dem die Delogierung aus seiner Dachkammer droht, die Prostituierte Gilda, die es auch manchmal umsonst macht, ihr Zuhälter Wladimir, der sie dafür verprügelt, die Kellnerin vom Großen Wirten, die aus Liebe zu Wladimir falsch abrechnet. Lehmann heiratet Ursula, doch die ekelt sich in der Hochzeitsnacht vor seinem entstellten Körper, und dann wird eine Leiche gefunden … Horváth verdichtet und überhöht mit wiederkehrenden Elementen und Motiven sein Stück zu einem surrealen Reigen. Es geht um die Verurteilung zum Dasein, und das Verlangen der Menschen, ihm zu entkommen. Und wie in einem Albtraum muss einer die Rolle des anderen übernehmen. Oder der eine war schon immer der andere. Man wird sehen.

Florian Teichtmeister spielt den Fürchtegott Lehmann, mit dabei: Gerti Drassl und Raphael von Bargen. Bild: Jan Frankl

Florian Teichtmeister spielt den Fürchtegott Lehmann, Gerti Drassl die Ursula und Raphael von Bargen einen geheimnisvollen Fremden. Bild: Jan Frankl

MM: Herbert Föttinger wird die Uraufführung am Theater in der Josefstadt als Regisseur verantworten. Konnten Sie für diese Inszenierung Wünsche anbringen?

Teuchmann: Das ist ein ganz wichtiges Thema. Es war nicht zwingend, das die Josefstadt die Uraufführung bekommt, es hätten sich auch andere dafür interessiert. Doch bei jedem Uraufführungstext ist es für mich maßgeblich, dass es eine Garantie gibt, ihn auf der Bühne möglichst textgetreu umzusetzen.

Andere Regisseure etwa wollten es nur mit vier Personen machen oder gröbere Striche vornehmen, oder sogar Fremdtexte oder Texte anderer Horváth-Stücke einfügen. Ich muss aber die Interessen des Autors vertreten und das nehme ich sehr ernst. Föttinger sagte zu mir: Bei mir wird jede Rolle besetzt, es werden 24 Personen auf der Bühne stehen, und wenn ich notwendige Kürzungen vornehme, dann nur innerhalb der Szenen. Deshalb hat er den Zuschlag bekommen – und weil eine Wiener Bühne auch der Wunsch der Wienbibliothek war. Was für uns aber bedeutet, dass sich einige, vorerst hellauf begeisterte deutsche Bühnen zurückgezogen haben, weil alle uraufführungsgeil sind. Das ist ein Phänomen, das nicht nur bei lebenden, sondern auch bei toten Autoren gilt. Ich bin aber dennoch sehr froh, dass das Deutsche Theater Berlin nicht nur die Uraufführung wollte, sondern sich sehr um die Deutsche Erstaufführung bemüht hat. Dort wird es kommenden März Dušan David Pařízek inszenieren. Davor werden wir noch am Landestheater Linz am 3. Dezember dieses Jahres die Inszenierung von Peter Wittenberg sehen. Christopher Hampton nimmt die Übersetzung ins Englische vor, in französischer Sprache erscheint das Stück demnächst als Buch und hoffentlich bald auf einer Bühne. An der Josefstadt habe ich mittlerweile schon eine Probe gesehen und ich bin sehr glücklich …

MM: Der Thomas Sessler Verlag hat viel Erfahrung mit Uraufführungen. Was braucht’s dazu? Wie hoch ist das Risiko?

Teuchmann: Es braucht eine gute Teamarbeit zwischen Theater und Autor, dann sinkt auch das Risiko. Dies hier ist ja der seltene Fall, dass eine Uraufführung in Abwesenheit des Dramatikers stattfindet. Oft genug übernehme ich die Rolle der Vermittlerin. Wobei es nicht so ist, dass ich ausschließlich die Schutzheilige der Autoren bin, gerade jüngere bewahre ich oft davor, zu sehr den eigenen Text zu verteidigen. Ich versuche ihnen zu erklären, dass auch Dramaturgen und Regisseure gute Ideen haben können. Gerade bei Auftragswerken ist es wichtig, dass einerseits mit dem Text der Autoren respektvoll umgegangen wird, andererseits verpflichten sich jene, die Schreibaufträge erhalten auch dazu, den Input der Theatermacher zu berücksichtigen. Die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Autoren und auftraggebenden Theatern ist durchaus sinnvoll.

MM: Wie viele zeitgenössische Autoren betreuen Sie zurzeit?

Teuchmann: Es sind dreißig, mit denen ich regelmäßig kommunizieren, mit einigen davon telefoniere ich jede Woche, aber insgesamt sind es bestimmt mehr.

MM: Wie steht’s mit Verlagskonkurrenz aus Deutschland?

Teuchmann: Wir betreuen den deutschsprachigen Raum. Gerade im Boulevardbereich, von dem wir gut leben und in dem wir die besten Autoren haben. Sie werden in Deutschland viel mehr gespielt, als in Österreich, weil es dort mehr Privattheater gibt, in denen der gehobene Boulevard Tradition hat und gepflegt wird. Daniel Glattauers „Wunderüberung“ etwa lief schon an 40 Bühnen. Bei „Gut gegen Nordwind“ haben wir bei 100 aufgehört zu zählen und die Stücke von Stefan Vögel beherrschen die Spielpläne.

Maria Teuchmann zwischen Felix Mitterer und Peter Turrini bei der Spielplanpräsentation der Josefstadt. Bild: Herwig Prammer

Teuchmann zwischen Felix Mitterer und Peter Turrini bei der Spielplanpräsentation der Josefstadt, … Bild: Herwig Prammer

... wo sich Herbert Föttinger über seinen gelungenen Horvath-Coup freut. Bild: Herwig Prammer

… wo sich deren Direktor Herbert Föttinger über seinen gelungenen Horvath-Coup freut. Bild: Herwig Prammer

MM: Welche tollen andere Stücke haben Sie derzeit im Portfolio?

Teuchmann: Natürlich Daniel Kehlmanns „Heilig Abend“, das ebenfalls diese Saison an der Josefstadt uraufgeführt werden wird. Auch Peter Turrini hat an dieser Bühne wieder eine Uraufführung. Für Sandra Cervik schrieb er „Sieben Sekunden Ewigkeit“, einen Monolog über Hedy Lamarr. Susanne Wolf dramatisierte gemeinsam mit Bernhard Aichner dessen Thriller „Totenfrau“. Sie arbeitet auch an mehreren noch geheimen Projekten, erzählen aber darf man, dass Thomas Luft mit seinem Theaterlust in München nach dem großartigen „Die Päpstin“-Erfolg ein Stück über Hildegard von Bingen in Auftrag gab. Weil wir gerade bei Bestsellern sind: Josh Costello dramatisierte nach dem gleichnamigen Bestseller von Cory Doctorow „Little Brother“. Darin errichtet die Homeland Security in San Francisco unter dem Deckmantel der Terrorabwehr den totalen Überwachungsstaat. David Schalko schreibt gerade ein Stück, von dem ich mir Großartiges erwarte. An unseren österreichischen Jungautoren möchte ich Petra Maria Kraxner, Martin Plattner und Mario Wurmitzer mit ihren neuen Arbeiten empfehlen. Jérôme Junod kann sich heuer gleich über zwei Uraufführungen freuen. „Flirt“ wird in Darmstadt uraufgeführt und das Schauspielhaus Salzburg gab ein Stück über Hieronymus Bosch in Auftrag.

Nach ihrem Theatererfolg von „Der Junge wird beschnitten“ am Volkstheater hat die Filmemacherin Anja Salomonowitz zum Glück auch Lust bekommen, weiter für die Bühne zu arbeiten. Stephan Lacks „Odyssee“ war in Melk dermaßen erfolgreich, dass er auch nächstes Jahr wieder gemeinsam mit Alexander Hauer arbeitet, um die Bartholomäusnacht auf die Bühne zu bringen. Und auch Altbewährtes kann wieder prominent auf die Bühne gebracht werden. Peter Turrinis „Josef und Maria“ spielen nächstes Jahr zur Weihnachtszeit Thekla Carola Wied und Günther Maria Halmer in München und auf Tournee. Franzobel hat zwei großartige neue Stücke geschrieben. Die Komödie „Der kurze Tag vor einer langen Nacht“ und ein sehr politisches Stück „Das gelobte Land“. Sehr gespannt sind wir natürlich auch auf die vom Autor Thomas Glavinic selbst inszenierte Uraufführung seines Stückes „Mugshots“ am Volkstheater. Der Kinder- und Jugendbereich liegt uns sehr am Herzen. Momentan freuen wir uns über den großen Erfolg von Angela Schneiders Stück „Asip und Jenny“, das eine Flüchtlingsgeschichte aus einer für Jugendliche sehr verständlichen Perspektive erzählt. Der hervorragende Regisseur Folke Braband ist als Autor im Komödienfach zuhause und neu im Verlag. Unter den vielen Verfilmungsprojekten – es werden hauptsächlich Romane, die der Thomas Sessler Verlag für österreichische Buchverlage betreut, verfilmt – findet sich auch ein Theaterstück als Grundlage, „Arthur und Claire“ von Stefan Vögel. Zwei Selbstmordkandidaten, die das Schicksal übereinander stolpern lässt, mit Josef Hader. Am Theater in München wird Uwe Ochsenknecht den Arthur darstellen.

Der Spielplan des Theaters in der Josefstadt 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=19749

www.josefstadt.org

www.sesslerverlag.at

Wien, 23. 8. 2016

Wienbibliothek ersteigert unbekanntes Ödön von Horváth-Theaterstück

März 25, 2015 in Buch, Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein frühes Werk mit dem Titel „Niemand“

Ödön_von_Horváth1Die Wienbibliothek im Rathaus konnte am 24. März 2015 bei Stargardt in Berlin ein bislang unbekanntes Theaterstück des österreichischen Dramatikers Ödön von Horváth ersteigern. Es handelt sich um ein frühes Werk mit dem Titel „Niemand“, das nur in einer einzigen Überlieferungsform vorliegt, nämlich als ein 95 Seiten umfassendes hektographiertes Typoskript mit eigenhändigen Korrekturen des Autors. Bei einem Ruf von 8.000 Euro erhielt die Wienbibliothek im Rathaus den Zuschlag für 11.000 Euro.

Das ersteigerte Manuskript ergänzt in hervorragender Weise den Bestand der Handschriftensammlung der Wienbibliothek, der sich aus rund 510 Blatt Werkdokumenten zu den Stücken „Geschichten aus dem Wienerwald“, „Kasimir und Karoline“ und „Don Juan kommt aus dem Krieg“ zusammensetzt. Die Sammlung beherbergt sowohl eigenhändige Manuskripte als auch Typoskripte mit eigenhändigen Korrekturen. Es war der Wienbibliothek ein wichtiges Anliegen, das mit 1924 datierte Manuskript nach Wien zu holen und der Forschung zur Verfügung zu stellen. Ursprünglich stammt das Theaterstück aus dem Berliner Verlag „Die Schmiede“ und befand sich zuletzt in privater Hand.

Große Teile des Horváth Nachlasses liegen in Wien, in der Wienbibliothek im Rathaus und in der Österreichischen Nationalbibliothek.

www.wienbibliothek.at

Wien, 25. 3. 2015