Kunst Haus Wien: Street. Life. Photography

September 6, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fotos vom Leben auf der Straße

Maciej Dakowicz: Ohne Titel, 2007, Serie: Cardiff After Dark, 2005-2011. © Maciej Dakowicz

Die Stadt ist eines der wohl schillerndsten Sujets in der Geschichte der Fotografie: Das Kunst Haus Wien präsentiert ab 10. September mit „Street. Life. Photography“ Ikonen der Street Photography aus sieben Jahrzehnten. Von Merry Alpern, Diane Arbus, Robert Frank bis zu Lee Friedlander oder Martin Parr – mit mehr als 35 Positionen und mehr als 200 Werken setzt sich die Ausstellung mit den Umbrüchen und ästhetischen Entwicklungen der Street Photography auseinander.

Von den 1930er-Jahren bis in die Gegenwart. Street Life, Crashes, Public Transfer, Anonymity und Alienation – In fünf kaleidoskopartig angelegten Kapiteln behandelt die Ausstellung die zentralen Themenfelder der Street Photography und zieht die Besucherinnen und Besucher in unterschiedlichste, teils surreal erscheinende Bildwelten. Die analoge tritt neben die digitale Fotografie, die Kleinbildkamera neben die Großbildkamera, Schwarz-Weiß-Fotografie trifft auf Farbfotografie und vertraute Ikonen der Fotografiegeschichte.

Erich Lessing: Leben im Wiener Prater, 1954. © Erich Lessing, Courtesy Österreichische Nationalbibliothek, Inventar-Nr. Pk 4583, 97

Leon Levinstein: New Orleans, 1976. © Leon Levinstein, Courtesy Howard Greenberg Gallery, NYC, Haus der Photographie / Sammlung F.C. Gundlach, Hamburg

Axel Schön: Ohne Titel, aus der Serie: Feuer, Novgorod 1993. © Axel Schön

Philip-Lorca diCorcia, Marylin, 28 Years Old, Las Vegas, Nevada, 30$, 1990-1992. © Philip-Lorca diCorcia, Courtesy: Sprüth Magers und 303 Gallery, Haus der Photograpie / Sammlung F.C. Gundlach, Hamburg

Internationale Klassiker der Street Photography werden mit jungen, zeitgenössischen Positionen wie Mohamed Bourouissa, Harri Pälviranta oder österreichischen Künstlerinnen und Künstlern wie Alex Dietrich und Lies Maculan in Verbindung gebracht – und eröffnen einen neuen Blick auf die unterschiedlichen Räume der Stadt, die die Beobachtung der urbanen Umgebung früher und heute bietet. „Street. Life. Photography“ beleuchtet die anhaltende Faszination, die dieses Thema auf die Fotografie des 20. und 21. Jahrhunderts ausgeübt und dabei ein eigenes Genre hervorgebracht hat.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=2imZnfdSwRg           www.kunsthauswien.com

6. 9. 2019

Kunstforum Wien: KAIROS. Der richtige Moment.

September 1, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Wolfgang Beltracchi & Mauro Fiorese zeigen ihre Werke

Wolfgang Beltracchi bei der KAIROS-Ausstellung in Venedig. Bild: © Joachim Ellerbrock, 2018

Zeitgeschichtliche Ereignisse und kulturhistorisch bedeutsame Momente, die von den Meistern ihrer Epoche nie gemalt wurden, erhalten in „KAIROS. Der richtige Moment“ ihre zweite Chance. Der Maler und ehemalige Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, der Fotograf Mauro Fiorese und der Kunstförderer Christian Zott machen sich auf die Suche nach den Leerstellen der Kunst. Kairos ist der griechische Gott für den richtigen Moment einer Entscheidung.

Die europäische Kunstgeschichte besteht aus unzähligen Entscheidungen, die zusammen bestimmen, welche Kunstwerke wir sehen – und welche nicht. Die Ausstellung „KAIROS. Der richtige Moment“, ab 4. September im Kunstforum Wien zu sehen, wirft einen Blick auf das Ungesehene in der Kunst, vergessene Werke und solche, die nie entstanden sind. Dazu vereint die Ausstellung Arbeiten des italienischen Fotografen Mauro Fiorese und des deutschen Malers Wolfgang Beltracchi.

KAIROS in Venedig. Bild: © Joachim Ellerbrock, 2018

KAIROS in Venedig. Bild: © Joachim Ellerbrock, 2018

Mauro Fiorese besuchte für seine Serie „Treasure Rooms“ die Depots bedeutender europäischer Museen. Die dort verborgenen Schätze nehmen keinen exponierten Platz in der Kunstgeschichte ein. Ihr Moment, um gezeigt, besprochen und verehrt zu werden, scheint verstrichen. In Fioreses Fotografien kehren sie nun in die Ausstellung zurück. – Für „KAIROS. Der richtige Moment“ malte Wolfgang Beltracchi bedeutende historische Ereignisse, die uns aus heutiger Sicht in der Kunstgeschichte fehlen. Ihr Moment, um von einem großen Maler der vergangenen 2.000 Jahre festgehalten zu werden, ist verstrichen. In Beltracchis Gemälden sind diese Motive nun in den Handschriften der Meister ihrer Zeit entstanden.

Wolfgang Beltracchi: Eden, 2017. Handschrift: Max Beckmann, 1947/48

Mit dieser Ausstellung ermöglicht Christian Zott, die europäische Kunstgeschichte mit anderen Augen zu sehen. Das Kunstprojekt verbindet auf spielerische Weise Vergangenheit und Gegenwart: Aus zeitgenössischer Perspektive ergründet es nicht nur, was war, sondern auch, was hätte sein können. In Zusammenarbeit mit renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern präsentiert „KAIROS. Der richtige Moment“ die Hintergründe der Kunstgeschichte am Beispiel ungesehener Werke.

Über die Künstler: Wolfgang Beltracchi kam 1951 als Sohn eines Kirchenmalers unter dem Namen Wolfgang Fischer zur Welt. Bereits in jungen Jahren ging er seinem Vater zur Hand, vertiefte sich in dessen Arbeit ebenso wie in Kunstbände. Spielerisch schaffte er damit die Grundlage für sein profundes künstlerisches Verständnis und außerordentliches handwerkliches Geschick, mit dem er die Kunstwelt verblüffen und auch täuschen sollte. www.wolfgang-beltracchi.com

Der Fotograf Mauro Mauro Fiorese (1970 bis 2016) hat mit seinem Werk internationales Ansehen erlangt. Seine Arbeiten wurden unter anderem in der Bibliothèque Nationale de France in Paris, dem Museum of Fine Art in Houston und dem Museo die Fotografia Contemporanea in Mailand ausgestellt. Anfang 2016 wurde er im Rahmen des World Economic Forum in Davos als einer der gesellschaftlich bedeutendsten Künstler weltweit ausgezeichnet. www.maurofiorese.com

 

www.kunstforumwien.at            www.kairos-exhibition.art

1. 9. 2019

Heidi Horten eröffnet in Wien ein Museum

Juli 6, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Agnes Husslein-Arco wird als Direktorin genannt

Ausstellungsansicht WOW! The Heidi Horten Collection, © Leopold Museum, Bild: Lisa Rastl

Wie der ORF berichtet, plant Kunstmäzenin Heidi Goëss-Horten in der Wiener Innenstadt ein Museum für ihre Sammlung einzurichten. Als Standort wird das von der Milliardärin erworbene Stöcklgebäude im Hanuschhof neben Staatsoper und Albertina angegeben, wo auf zwei Etagen und im Innenhof, also etwa 2.000 m², Highlights der Heidi Horten Collection gezeigt werden sollen. 2022 soll eröffnet werden, Agnes Husslein-Archo wird als Direktorin genannt.

Husslein-Arco ist bereits als Beraterin der Kunstsammlerin tätig und kuratierte die Ausstellung „Wow! The Heidi Horten Collection“ im Leopold Museum, die im vergangenen Jahr erstmals Einblicke in die hochkarätige Sammlung gab, und mit 360.000 Besuchern für einen Museumsrekord sorgte. Die Präsentation im Leopold Museum, 170 Exponate von 75 Künstlerinnen und Künstlern, folgte dem lang gehegten Wunsch der passionierten Sammlerin Horten, die Highlights der seit den 1990er-Jahren sorgfältig zusammengetragenen Meisterwerke von Künstlern wie Gustav Klimt, Emil Nolde, Andy Warhol oder Damien Hirst einem Publikum zugänglich zu machen.

Die Ausstellung fokussierte auf die Sammlungstätigkeit von Heidi Goëss-Horten. Leben und Wirken von Helmut Horten wurden von Historikern wissenschaftlich aufgearbeitet. Bereits in den 1970er-Jahren begann Heidi Horten gemeinsam mit ihrem Mann Helmut Horten, Kunst zu sammeln. Die beiden interessierten sich damals vor allem für Werke des deutschen Expressionismus. Nach dem Tod Hortens 1987 beschloss sie, ihre eigene Sammlung mit neuen Schwerpunkten aufzubauen. Ohne sich vorherrschenden Trends auf dem Kunstmarkt zu unterwerfen, konzentrierte sich die Sammlerin auf Werke der internationalen Moderne, des Neoexpressionismus und der amerikanischen Pop-Art und schuf so eine in ihrer Qualität und Dichte einzigartige Kollektion.

Ernst Ludwig Kirchner: Rote Akte, 1912. Bild: Courtesy Heidi Horten Collection

Francis Bacon: Study for Portrait of Henrietta Moraes. Bild: Courtesy Heidi Horten Collection © Bildrecht, Wien, 2018

Die Heidi Horten Collection umfasst heute mehrere Hundert Gemälde, Grafiken und Skulpturen. Als Schwerpunkte sind neben dem deutschen Expressionismus mit Meisterwerken von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Emil Nolde und Max Pechstein auch die abstrakten Positionen von Cy Twombly, Mark Rothko oder Ernst Wilhelm Nay sowie die amerikanische Pop-Art mit Vertretern wie Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat oder Roy Lichtenstein zu nennen. Daneben betonen bedeutende Werkblöcke von Marc Chagall, Georg Baselitz, Francis Bacon, Fernand Léger, Gerhard Richter, Yves Klein, Lucio Fontana oder Damien Hirst die internationale Ausrichtung.

hortencollection.com           wien.orf.at/stories/3003298

6. 7. 2019

Kunsthalle Wien – Gelatin & Liam Gillick: Stinking Dawn

Juli 3, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Schau, die Besucher zu Schauspielern macht

Gelatin: Stinking Dawn, 2019. Bild: © Gelatin, Courtesy Galerie Meyer Kainer, Wien

Am 4. Juli startet in der Kunsthalle Wien das jüngste Projekt von Gelatin und Liam Gillick. „Stinking Dawn“ ist eine Ausstellung, die den Produktionsprozess für einen abendfüllenden Spielfilm abbildet. Unter der Regie von Gillick und auf Basis seines Drehbuchs wird die Wiener Künstlergruppe die Hauptrolle in diesem Experiment spielen, das die Grenzen menschlicher Toleranz angesichts von Unterdrückung, politischen Krisen und überbordender Selbsttäuschung auslotet.

Sie sind die Hauptdarsteller – vier privilegierte junge Leute, die in einer Zeit der Krise aufwachsen und verschiedene Stadien der Entwicklung und Selbstreflexion durchlaufen bis zu einem endgültigen Moment des Zusammenbruchs, der Verschwörung und der gescheiterten Träume.

Während der Drehtage von 4. bis 13. Juli wird das gesamte Publikum zu potenziellen Akteurinnen und Akteuren im von Gelatin gestalteten, begeh- und veränderbaren Bühnenbild – einer monumentalen, scheinbar steinernen Bauklotz-Architektur aus Kolonnaden, Amphitheatern, Nachtclub-Interieurs und Gefängniszellen.

Permanente Akteure sind allein Gelatin, die in selbst gefertigten Kostümen jene „bedauernswerten jungen Snobs“ spielen, die, wie Gillick erläutert, „versuchen, sich in dem, was man schon jetzt als Post-Linksradikalismus bezeichnen könnte, über Wasser zu halten“. Was sich zunächst anhört wie die Verwirklichung eines sozialistischen Wunschtraums, wird rasch zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit Idealen und Wertvorstellungen, die unter den aktuellen Bedingungen der „postutopischen Situation“ zusehends erodieren – jener sehr realen Ängste, Neidgefühle und Konformismen, die von der „neoliberalen Gegenreformation“ geschürt werden. Das Filmskript nimmt in Teilen Bezug auf das 1998 erschienene Buch „Vivre et penser comme des porcs. De l’incitation à l’envie et à l’ennui dans les démocraties-marchés“ des französischen Philosophen und Mathematikers Gilles Châtelet.

Gelatin in Schweden, 2009. Bild: © Gelatin

Gelatin Studio, 2008. Bild: © Maria Ziegelböck

Das „Schwein“ ist hier der neoliberale Egomane, dessen Begierden, Strategien und Projekte allein auf die Steigerung der Produktivität und Profitabilität des eigenen Humankapitals ausgerichtet sind. „Stinking Dawn“ bezieht auch die Lebensgeschichte des Verlegers und aktiven Kommunisten Giangiacomo Feltrinelli mit ein, der einer reichen italienischen Familie entstammte und 1972 unter umstrittenen Umständen ums Leben kam, nachdem er den Staat direkt attackiert hatte. Liam Gillick geht es in seiner künstlerischen Praxis seit den 1990er-Jahren darum, jede Art auktorialen Machtgebarens auszuschließen und ihm durch die eigene Praxis etwas qualitativ Neues entgegenzusetzen. Auch Gelatin haben immer wieder Alternativen zu herkömmlichen Kunstmodellen gesucht und neue Wege der Lebensgestaltung künstlerisch umgesetzt. Sie werden das Drehbuch kontinuierlich um parallele Erzählungen zu dessen Haupttext erweitern.

Gelatin & Liam Gillick: Stinking Dawn, 2019. Bild: Courtesy Galerie Meyer Kainer

Gelatin & Liam Gillick: Stinking Dawn, 2019. Bild: Courtesy Galerie Meyer Kainer

Nach den Drehtagen im Juli beginnt im Studio die Postproduktion des Films, wobei im Laufe der Ausstellung immer wieder neue – ganz oder teilweise fertig geschnittene – Sequenzen auf die Kulissen im Raum projiziert werden. Dem prozesshaften, nie stringent durchchoreografierten Charakter des Films entspricht somit auch die Ausstellung, die sich bis zum Ende laufend verändern wird. Deren „Ende“ ist zugleich der Auftakt zur Uraufführung des Films, die im Herbst an einem noch nicht genannten Ort außerhalb der Kunsthalle Wien stattfinden wird.

www.kunsthallewien.at           www.gelitin.net

3. 7. 2019

Schauspielhaus Wien: Das Programm der Saison 2019/20

Juni 24, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die transkulturelle Gesellschaft präsentieren

Matthias Riesenhuber, Tomas Schweigen, kaufmännischer und künstlerischer Leiter des Schauspielhauses Wien, und Chefdramaturg Tobias Schuster stellen die Saison 2019/20 vor. Bild: Schauspielhaus Wien

Intendant Tomas Schweigen und sein leitender Dramaturg Tobias Schuster stellten heute Vormittag den Spielplan des Schauspielhaus‘ Wien für die kommende Saison 2019/20 vor, der kaufmännische Leiter Matthias Riesenhuber präsentierte die Zahlen der laufenden – und obwohl Schweigen und Riesenhuber von der bis dato erfolgreichsten Spielzeit des Theaters zu berichten wussten, von Einladungen zu den Mühlheimer Theatertagen übers Münchner Festival radikal jung bis zu den

Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin, alarmierten sie bereits eingangs mit drohenden Finanzierungsproblemen, eine Situation, zu der die beiden konkret allerdings erst nach ersten Einblicken in die Produktionen zu sprechen kamen. Und so freute sich Schweigen über den Coup, zur Saisoneröffnung am 28. September mit dem gefeierten Duo Vinge/Müller zwei der momentan gefragtesten Künstler der Theaterszene, von der Welt als „die irrsten Theatermacher der Welt“ vorgestellt, deren Aufführungen auch schon mal zwölf Stunden dauern, in denen Vinge Eigenurin trinkt oder anales Action Painting vorführt, für eine Inszenierung am Haus und damit ihre erste Produktion in Österreich gewonnen zu haben. „Vegard Vinge und Ida Müller gehörten zu den prägendsten Mitstreitern von Frank Castorf an der Volksbühne, und werden das unter René Pollesch wieder sein“, so Schweigen zur Uraufführung von deren Projekt.

Er selbst bringt dann am 13. November Édouard Louis‘ Roman Im Herzen der Gewalt als österreichische Erstaufführung auf die Bühne. Der 1992 geborene Shootingstar der französischen Literatur gilt auch als wichtige politische Stimme, und ist einer, der an der Schnittstelle von fiktionaler Literatur und Sozialwissenschaft schreibt. Das autobiografische Buch, in dem sich die Hauptfigur mit einer von Xenophobie, Rassismus und Homophobie durchzogenen Gesellschaft konfrontiert sieht, nennt Tobias Schuster ein „sprachgewaltiges, düsteres Weihnachtsstück“, eskaliert doch am Weihnachtsabend ein schwuler One-Night-Stand zur Vergewaltigung, nach der, so Schuster, „Édouard erfahren muss, wie Polizei, Ärzte, Freunde, sogar die Schwester auf die Gewalttat reagieren“. Mit dieser Arbeit knüpft das Schauspielhaus an Schweigens Inszenierung von Das Leben des Vernon Subutex 1+2 an (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33148), die wiederaufgenommen werden wird – und Tomas Schweigen die Gelegenheit bot, auf Ab- und Neuzugänge im Ensemble hinzuweisen, ist doch Vassilissa Reznikoff bereits nach Mannheim gewechselt, während Steffen Link nach der Hauptrolle in „Im Herzen der Gewalt“ nach München übersiedelt.

Dafür kommt fix Clara Liepsch, die bereits im „Vernon Subutex“ spielt, und Til Schindler: www.tilschindler.com. Fortgesetzt wird die Zusammenarbeit mit dem oberösterreichischen Erfolgsautor Thomas Köck, heuer zum zweiten Mal in Folge Gewinner des Mühlheimer Dramatikerpreises, der am 11. Jänner nach der Nestroypreis-nominierten Arbeit „die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!)“ (Rezension und Link zum Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=27228) erneut in gemeinsamer Regie mit Elsa-Sophie Jach seine Kronlandsaga um den Bauernbefreier Hans Kudlich fortgesetzen wird. Nach „Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23658) heißt der Text zur Uraufführung nun Kudlich in Amerika, geht der in Wien zum Tode Verurteilte doch wie tatsächlich in die Vereinigten Staaten, nur dass er bei Köck zum texanischen Öl-Magnaten wird – womit über den Roh/Stoff ein weites Gedankenfeld zu Kapitalismus, Kriegstreiberei und Klimakollaps eröffnet ist.

Anna Marboe, dies Jahr mit „Oh Schimmi“ im Nachbarhaus heftig akklamiert, übersiedelt auf die große Bühne und inszeniert das jüngste Gewinnerstück des Hans-Gratzer-Stipendiums, Angstbeißer von Wilke Weermann, ein zwischen Horror und schwarzem Humor changierender Drogentrip, oder wie es Tobias Schuster sagt, „eine Art Hipster-,Trainspotting‘, bei dem sich ein Freundeskreis in eine Albtraumwelt voller Halluzinationen und Gewaltfantasien verirrt.“ Uraufführung ist am 27. Februar. Mit dem Arbeitsatelier geht die Kooperation von uniT Graz und Schauspielhaus weiter. In diesem Jahr erarbeiten die Autorin und Soziologin Ewelina Benbenek und Regisseur Florian Fischer ein gemeinsames Rechercheprojekt, eine Diskussion darüber, wie eine transkulturelle Gesellschaft im Wechselspiel von Bühne und Publikum präsentiert werden kann, ein Ansatz, eine Analyse, die, wie Tomas Schweigen befindet, auf alle kommenden Produktionen zutrifft, nach der Untersuchung des Status Quo Europas in dieser Saison sozusagen das neue Spielzeitmotto. Tragödienbastard wird am 4. April uraufgeführt. Miroslava Svolikova schreibt, zugeschnitten auf das Schauspielhaus-Ensemble, ihr neues Stück RAND, das Schweigen zum Abschluss der Saison Ende April uraufführen wird.

Das neue Ensemblemitglied Clara Liepsch (li.) in „Das Leben des Vernon Subutex 1+2“; mit Steffen Link, Simon Bauer, Jesse Inman, Sebastian Schindegger und Anna Rot. Bild: © Matthias Heschl

Die Kronlandsaga um Bauernbefreier Hans Kudlich wird fortgesetzt: Nicolaas van Diepen und Max Gindorff als die Brüder Hans und Hermann Kudlich. Bild: © Matthias Heschl

Am Wochenende nach der Saisoneröffnung veranstaltet die Schule für Dichtung unter der Leitung von Fritz Ostermayer wieder ein zweitägiges Musik- und Literaturfestival, diesmal unter dem Motto Gebenedeit sei die Wut deines Leibes, bei dem neben unter anderem Christoph Grissemann, Antonio Fian und Maja Osojnik auch Oswald Wiener einen seiner raren Auftritte absolvieren wird. Auch eine Kooperation mit dem Theater KOSMOS Bregenz ist wieder vorgesehen, mit der Produktion Das Optimum des jungen Wiener Dramatikers Mario Wurmitzer in der Regie von Maria Sendlhofer. Uraufführung ist am 31. Oktober im Nachbarhaus.

Erfreut zeigten sich Tomas Schweigen und Matthias Riesenhuber zum Schluss über die aktuellen Zahlen, die ein kontinuierlich steigendes Interesse des Publikums bei dessen sinkendem Alter ausweisen. Riesenhuber: „Die Auslastung liegt bei 85 Prozent, das sind knapp 21.000 Zuschauerinnen und Zuschauer seit September 2018, wobei der Anteil des Publikums unter 30 Jahren bei mehr als 50 Prozent liegt.“

Durch verschiedene Umstrukturierungs-, Sparmaßnahmen und einen gesteigerten Aboverkauf sei außerdem eine Budgetentlastung von etwa 45.000 Euro erfolgt, an Kooperationsmitteln habe man an die 100.000 Euro eingenommen. Trotz dieser erfreulich klingenden Situation sprachen die beiden Geschäftsführer eine deutliche Warnung aus.

Die fehlende Valorisierung komme einer jährlichen Kürzung des Budgets, letztmals erhöht 2009 und derzeit bei 1,515 Millionen Euro von der Stadt Wien und 380.000 Euro vom Bund, um durchschnittlich 40.000 Euro gleich. Die Subventionskürzung des Bundes um 20.000 Euro seit 2019 werde man, so Riesenhuber, mit einer Erhöhung der Ticketpreise um zehn Prozent auszugleichen versuchen. Ob unter diesen Umständen ab 2021 das Schauspielhaus seine Aufgabe als progressives Autorinnen- und Autorentheater, das international Beachtung findet, noch in gewohnter Form wahrnehmen wird können, erklärten Schweigen und Riesenhuber für fragwürdig.

www.schauspielhaus.at

24. 6. 2019