Weltmuseum Wien: Alma M. Karlin. Einsame Weltreise

September 20, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Schreibmaschine „Erika“ war ihre einzige Wegbegleiterin

Alma mit Fächer. © NUK

Das Weltmuseum Wien widmet sich in seiner aktuellen Ausstellung der bewegenden und inspirierenden Lebensgeschichte von Alma Ida Willibalde Maximiliana KarlinDie Autorin, Journalistin, AmateurWissenschaftlerin, Theosophin und Weltreisende verfolgte ihren Lebensweg kompromisslos, vielen Hindernissen zum Trotz und auch unter Einsatz ihres Lebens. Auf sich allein gestellt und, im Gegensatz zu anderen

Weltreisenden dieser Zeit, ohne jegliche finanzielle Unterstützung, machte sie sich im Alter von 30 Jahren auf zu einer Reise, die sie durchgehend acht Jahre lang um die Welt führte und sie regelmäßig an Grenzen stoßen ließ, die sie aber immer wieder überwand. Ihre Reiseberichte machten sie in der Zwischenkriegszeit zu einer der erfolgreichsten Autorinnen in Europa und darüber hinaus. Aufgrund ihrer öffentlich geäußerten Ablehnung des Nationalsozialismus und ihrer Verweigerung dem kommunistischen System gegenüber, wurde ihr allerdings die Möglichkeit genommen, diesen Erfolg fortzusetzen und sie geriet fast gänzlich in Vergessenheit.

1889 kam Alma M. Karlin als einziges Kind deutschsprachiger Eltern slowenischer Herkunft in Celje, damals noch Teil der HabsburgerMonarchie, heute in Slowenien gelegen, auf die Welt. Die Mutter war eine 45jährige Lehrerin, der Vater ein bereits pensionierter 60jähriger Major der ÖsterreichischUngarischen Armee. Das Mädchen wurde mit einem hängenden Augenlid geboren und von der Mutter offen abgelehnt. Das TochterMutterverhältnis blieb konfliktreich während sie zum Vater eine innige Beziehung hatte. Er ermutigte sie durch eine Erziehung, die üblicherweise Buben erhielten, zu Stärke und Selbständigkeit. Als Alma M. Karlin acht Jahre alt war, starb der Vater.

Die Mutter versuchte, sie den gesellschaftlichen Konventionen gemäß umzuerziehen. Das Mädchen entwickelte dadurch eine Schüchternheit und Minderwertigkeitskomplexe, die ihr Beziehungen und Begegnungen mit anderen Menschen ein Leben lang erschwerten. Alma M. Karlin wurde dennoch zu einer mutigen und entschlossenen Jugendlichen, die wissensdurstig und zielorientiert war. Mit 16 Jahren erkannte sie, dass Bildung für sie der einzige Weg sein würde, um zu ökonomischer Unabhängigkeit zu gelangen und sich vom mütterlichen Einfluss und der von nationalen Spannungen zwischen der deutschen und slowenischen Bevölkerung geprägten Enge der Kleinstadt Celje zu befreien.

Mit 18 verließ Alma M. Karlin die Heimat und ging ins „freiwillige Exil“ nach London, wo sie Sprachunterricht gab. Der Einblick in die Kulturen ihrer Schülerinnen und Schüler legte den Grundstein für ihre Sehnsucht, diese fremden Kulturen selbst kennenzulernen. Um dieses Ziel zu erreichen, lernte sie selbst acht Sprachen. Mit Bestnoten legte sie 1914 an der Royal Society of Arts Prüfungen in Norwegisch, Schwedisch, Dänisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Russisch ab.

Alma und Li Tieguai. © NUK

Li Tieguai. China oder Peru, 19. Jh.

Alma in Yukata Kleid. © NUK

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs fand Alma M. Karlin auf ihrer Flucht nach Norwegen und Schweden das Leitmotiv ihres Lebens: das Schreiben. Nach einem kurzen Aufenthalt in Celje brach Karlin 1919 im Alter von 30 Jahren mit ihrem selbstzusammengestellten 10sprachigen Wörterbuch und ihrer Schreibmaschine Erika im Gepäck zu ihrer Weltreise auf. Sie schlug sich als Sprachlehrerin, Übersetzerin, Journalistin und Reise- schriftstellerin durch, wobei es immer wieder vorkam, dass sie keine Arbeit fand und existenziell gefährdet war.

Geldmangel und fehlende Reisegenehmigungen waren Gründe dafür, dass Alma M. Karlin ihr eigentliches Ziel, Japan, erst auf Umwegen erreichte. So eroberte sie die Welt für sich, wobei ihr zahlreiche negative zwischenmenschliche und durch Krankheiten bedingte lebensbedrohliche Erlebnisse nicht erspart blieben. Über den süd und nordamerikanischen Kontinent gelangte sie schließlich nach Japan, wo sie ein glückliches Jahr mit tiefgreifenden Eindrücken verbrachte. Danach führte sie die Reise weiter nach Asien, auf den australischen Kontinent, in den pazifischen Raum und nach Indien, von wo aus sie 1927 nach Celje zurückkehrte.

Alma M. Karlin lebte bis zu ihrem Tod in ihrer Geburtsstadt, wo sie trotz ihrer Erfolge als Journalistin und Autorin von Romanen und den Reiseberichten auf Ablehnung und Skepsis stieß und, wie sie selbst schreibt, „als ein Kuriosum“ angesehen wurde. Mit ihrer Reisetrilogie, die in Deutschland zwischen 1929 und 1933 publiziert und in mehrere Sprachen übersetzt wurde, erlangte Karlininternationale Bekanntheit. Die Nationalsozialisten, die Slowenien besetzt hatten, verboten ihre Werke allerdings und verhafteten sie, in ihr einen „Feind des Hitlersystems“ sehend. Sie entging der Gestapo, da der sie verhörende Offizier von ihren Reisebüchern begeistert war. 1944 schloss sie sich den Partisanen an, die sie aber ebenfalls überwachten.

Ausstellungsansicht. © NUK

Ausstellungsansicht: Alma in Tapa. © NUK

Almas zehnsprachiges Wörterbuch. Handschriftensammlung der National- und Universitätsbibliothek Ljubljana

Ausstellungsansicht: Auf dem Tisch Almas Reisebegleiterin, die Schreibmaschine „Erika“. © NUK

Aufgrund ihrer Gegnerschaft sowohl den Nationalsozialisten als auch später den Kommunisten gegenüber und ihrer probritischen Haltung überlebte Alma M. Karlin dennoch ihre bereits von den Partisanen geplante Liquidierung. Nach England, wo sie zukünftig leben wollte, gelangte sie aber nie. 1945 wurde sie als deutschsprachige Autorin von jugoslawischer Seite angefeindet und in weiterer Folge vergessen. Völlig verarmt erkrankte Alma M. Karlin an Brustkrebs, dem sie 1950 nach fünfjährigem Kampf erlag.

Für Alma M. Karlin war nichts befriedigender, als durch das Sammeln von Daten, Beobachtungen und Interviews Wissen zu erlangen und dieses zu teilen. Auch wenn ihr Interesse an der lokalen Bevölkerung immer aufrichtig war und man sie als ein Kind ihrer Zeit verstehen muss aus heutiger Sicht könnte ihr Blick auf „Fremde“ problematisch gesehen werden. Die Vielfalt ihrer Sammlung, die sich heute im Regionalmuseum Celje befindet, begründet sich vor allem auf ihre sehr beschränkten finanziellen Mittel.

Diese machten es ihr unmöglich, in der Auswahl an Gegenständen geplant oder systematisch vorzugehen. Stand ihr ausreichend Geld zur Verfügung, kaufte sie Objekte. Einen Großteil ihrer Sammlungsgegenstände erhielt sie allerdings geschenkt, oder sie ergaben sich zufällig. Postkarten, Textilien und selbstangefertigte zoologische und botanische AquarellZeichnungen, die den Verlauf ihrer achtjährigen Weltreise nacherleben lassen, machen den Hauptteil ihrer Sammlung aus.

Das Weltmuseum Wien zeigt in Zusammenarbeit mit dem Regionalmuseum Celje sowohl Alma M. Karlins ethnografische Sammlung als auch ihre Fotografien, die in der Slowenischen  National- und Universitätsbibliothek in Ljubljana aufbewahrt werden.

www.weltmuseumwien.at

20. 9. 2021

Orpheum Wien: Hader On Ice

September 9, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der mit dem Wolf trinkt

Spritzpistole im Anschlag. Bild: © www.lukasbeck.com

„Sie san a bissl aufgeregt, stimmt’s?“ fragt Josef Hader das Publikum im Orpheum Wien. Keine Sorge der Künstler hat alles im Griff. „Bei meiner Bühnenroutine.“ Ein erster Lacher, hat der Godfather des deutschsprachigen Kabaretts doch erst nach 17 Jahren endlich wieder ein neues Programm. Hader muss weg, „Hader On Ice“ muss raus, wobei Hader wieder Hader spielt. Einen runderneuerten, dies nicht wegen ein paar Kilo mehr, sondern – der Temperaturwechsel deutet sich schon im Titel an – die coole Sau, den Playboy in Schwarz mit tiefaufgeknöpftem Hemd und ebensolchem Selbstbewusstsein.

Vorbei die Zeiten des herumdrucksenden Kleinkünstlers, der die Zuschauerinnen und Zuschauer an seinem Wohl und Wehe teilhaben lässt, nun wird das große Wort geführt, den Tumbler voll nachhaltigem Rum On The Rocks wie an die rechte Hand getackert. Den Wiener-Konsumwahn-Flüchtling hat’s in Weinviertel verschlagen, der „Toskana Österreichs, genauso

überschätzt“, dort ist Saufen Freizeitsport, schiach die Leut‘, zersiedelt die Gegend, da fällt ein seelisch zerfledderter mehr nicht auf. Hader Josef spielt Hader, die Kunstfigur, mit einem Wolfslächeln. Damit hat’s was auf sich. Doch zuerst streut der zunehmend illuminierte seine gehässigen Fake News und Verschwörungstheorien. Ein zynischer Unsympath hat sich da im Orpheum Wien eingenistet, bewaffnet mit einer Spritzpistole als Schutz gegens heraufdämmernde Neo-Mittelalter. Boten, von Hader mittels Plastikcolt verscheucht, Seuchen, Enthauptungen gibt’s ja schon wieder, nur der Scheiterhaufen ist noch eine Mehlspeise.

Bestens gelaunt berichtet Hader von seinem Lifestyle als Endfünfziger, die junge Freundin hat ihn zwar wegen unvereinbaren Sexbiorhythmen verlassen, aber, hey, der Sportwagen ist noch da. Hader persifliert sein gutsituiertes Promi-Sein und hält seine absurde Ich-Erzählung insofern politisch, als er dem ungesunden Volksempfinden wieder mal mit Argusaugen ins Herz und aufs Maul geschaut hat. Angina Pectoris, die Enge in der Brust, ortet er denn auch als Haupttodesursache, sich selbst nicht ausgenommen. Doch als kindheits- traumatisierter Katholik – großartig die Nikolo-Anekdote, ist man schließlich selber auch aus Angst vor diesem unterm Festtagstisch gekauert – als Katholik also versteht sich Hader auf den Ablasshandel.

Den treibt er mit einem Euro für Asylwerber-Bettler Jimmy, der vorm Billa steht, und als heiterer Nigerianer ausreichend Gute-Laune-Faktor fürs Elend mitbringt. Nicht so wie die knieenden, flehenden, betenden Rumänen, die einem den ganzen Tag vergällen. Jimmy wird später zu Haders Diener avancieren, Stichwort: moderne Sklaverei: womit er die Flüchtlingsfrage geklärt wähnt: „Menschen als Eigentum – nichts ist in Österreich so gut geschützt wie Eigentum.“ Jetzt ist er aber selber erschüttert über das Niveau der Veranstaltung, der Hader.

Bild: © www.lukasbeck.com

Bild: © www.lukasbeck.com

Bild: © www.lukasbeck.com

Bild: © www.lukasbeck.com

Also zurück zum alkoholgeschwängerten Anfang, die Droge, die neben ein paar anderen den Quarantäne-Tag strukturiert hat. „Weizenbier ist ja nur ein verkleidetes Müsli“, feixt der laut Eigendefinion Gesellschaftstrinker, um sofort festzuhalten: „Menschen, I brauch’s ned so.“ Mit Seitenstich auf die Millennials und ihre Latte-Macchiato-Geschwätzigkeit, mit Blick auf Klimawandel und Alterseinsamkeit, mit einer Watschn für den Zeitungeist, mit Biss in gängige Erschlagworte: „Bevölkerungsaustausch, die Bevölkerung tauscht sich eh alle 100 Jahre aus“, pendelt der bekennende Boomer von Pontius zu Pilatus.

Ach ja, der Wolf, der hat Hader irgendwann im Wald überfallen und ist nach fünf Kilo feinstem Rindercarpaccio und einer Rum-Degustation zum steten Hausgast geworden. Gleich Jimmy Stewart stellt ihn Hader dem Publikum vor: Mein Freund Rudl! Auf den Hinterbeinen mehr als zwei Meter groß. Oder wird hier doch sowas wie Jekyll und Hyde gegeben? Hader, der Wolf im Kabarettistenpelz? Zum Ende jedenfalls setzen sich die beiden ans Klavier und singen, Hader in allerlei Höhen sentimental heulend, der Wolf mit Tom-Waits-Stimme, virtuos den Jazz-Standard „Over The Rainbow“. Irgendwo muss es sein, das Land, in dem die Himmel blau, die Menschen gut und die Träume war sind …

„Hader on Ice“ – gekonnt minimalistisch inszeniert von Regisseurin Petra Dobetsberger – ist zum richtigen Zeitpunkt aufgetaut. Sein Parforceritt durch die österreichische Seele, sein Horrortrip durch Sigmund-Freud-Gefilde, seine Reise in die geistige Provinz ist einmal mehr grandioses Theater. Mit ausladender Geste, überbordender Fantasie und den typischen Schlechter-Witz-Widerhaken mimt Hader den Las-Vegas-Entertainer (in der Pause swingt Dean Martin), dessen Show zur Schau in persönliche und politische Abgründe wird.

So sehr die Bühnenfigur Hader ein Schönreder und Doppelmoralist, so wenig ist der Josef ein Weltversteher und Zusammenhangserklärer. Was er liefert ist eine Bestandsaufnahme sozialgesellschaftlicher Scheußlichkeiten, und zwar mit heiterer Beiläufigkeit. Dass man manches bereits aus Videos, die er zu Lockdownzeiten auf Facebook gepostet hat, kennt, tut dem Live-Vergnügen keinen Abbruch. Im Gegenteil, sie sind nun im Kontext eines kompletten Programms sogar lustiger. Und ein neues, grantiges Lebensviech hat der Hader auch gefunden. Wie sagt’s der Lateiner, der Dings, der Plautus? lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.

www.hader.at           www.orpheum.at

  1. 9. 2021

Bank Austria Kunstforum Wien: Vasily Klyukin „Civilization. The island of the day before“

August 5, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Als wär‘ der Urknall in Polycarbonat gegossen

Vasily Klyukin. Bild: © Sergei Romanov

Woher kommen wir, wohin gehen wir und vor allem wo endet diese Reise? Das sind die zentralen Fragen, die sich der russische Ausnahmekünstler Vasily Klyukin stellt. Inspiriert von großen Persönlichkeiten wie Immanuel Kant, Albert Einstein, Auguste Rodin oder Leonardo da Vinci findet Klyukin eigene Wege, um das Universum darzustellen, mit Fokus auf das kollektive Handeln der Menschheit und dessen Folgen für die Umwelt. Seine monumentalen, bis zu sechs Meter hohen Werke drücken diese zutiefst philosophische Sicht auf die anthropogene Bedrohung aus.

Der international viel beachtete Bildhauer ist mit seiner Kunst von Moskau über London bis nach Hongkong und New York vertreten – nun stellt er erstmals in Österreich aus. Im Bank Austria Kunstforum Wien sind ab 6. August unter dem Titel „Civilization. The Island of the Day before“ seine gewaltigen Figuren aus Polycarbonat und Stahl bei freiem Eintritt zu bestaunen. Kuratorin der Ausstellung ist Anne Avramut.

„Ich freue mich sehr darauf, meine Vision von unserer Zivilisation in Wien zu präsentieren – jener Stadt mit der reichsten Kunstgeschichte und mit einem raffiniertem Kunstgeschmack. Ich lade dazu ein, mich auf eine Reise zu begleiten, auf der die Zeit eine Spirale ist und meine Werke die Sprungbretter sind, um unserer Vorstellungskraft auf dem Weg durch unsere kollektive Vergangenheit zu helfen“, so Vasily Klyukin.

Die Skulpturen, die im Kunstforum zu sehen sind, beeindrucken nicht nur durch ihre Größe, sondern vor allem auch durch ihre Vielschichtigkeit: Der Durchmesser, die Struktur und alle Lamellen werden auf Basis von Koordinaten, chemischen Formeln und Zeitangaben errechnet und dann gegossen. Diese mathematische Präzision wird vom Künstler in weiterer Folge beim Bemalen mit impulsiven, emotionalen Gesten unterbrochen. Klyukin arbeitet mit Acrylfarben, meistens gesprayt, aber oft auch direkt aus der Tube mit bloßen Händen.

Ausstellungsansicht Simon Lee Gallery London, 2020. © Simon Lee Gallery, Bild: Ben Westoby

Ausstellungsansicht Simon Lee Gallery London, 2020. © Simon Lee Gallery, Bild: Ben Westoby

Geboren in Moskau begann Klyukins Karriere als Banker und Developer, bis er seine Leidenschaft für futuristische Architektur entdeckte. Selbst Prinz Albert von Monaco ist von seinen spektakulären Architektur-Konzepten begeistert. Schließlich fand das Multitalent seine Liebe zur Skulptur und reüssiert seither als erfolgreicher Bildhauer mit internationalen Projekten. Reputation erlangte der Visionär nicht zuletzt mit der Ausstellung „In Dante Veritas“ während der Biennale in Venedig 2019.

Heute wird der 45-jährige Künstler von einer der größten britischen Galerien, der Simon Lee Gallery in London vertreten, und seine Werke werden von Sammlern aus aller Welt gekauft. Im Rahmen seiner Ausstellung „Civilization. The island of the day before“ präsentiert Klyukin mit etwa 40 Werken einen zyklischen Rückblick auf die Geschichte: Harmonie, gefolgt von Disruption, die in Zerstörung gipfelt und letztendlich zu einem Neuanfang führt. Vor der Menschheit wird die Natur vom Künstler als harmonische Symbiose der Urelemente Wasser, Luft, Erde und Feuer dargestellt.

Im Zentrum von Klyukins Universum steht die menschliche Ratio – die Causa Prima für die Welt und das zentrale Disruptionselement. Der Künstler fängt den Moment ein, in dem der Mensch mit den irreversiblen Folgen seiner eigenen Handlungen konfrontiert ist. Das Ergebnis ist Zerstörung. Genau wie in Umberto Ecos gleichnamigen Roman sucht die Menschheit nach der ultimativen Lösung für ihr Überleben und blickt auf dieser Suche in die falsche Richtung – nämlich auf die „Die Insel des vorigen Tages“.

www.kunstforumwien.at

5. 8. 2021

KHM/Ganymed in Power: Wiederaufnahme am 21. Juli

Juli 18, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Es gibt noch Restkarten!

Mona Matbou Riahi und Mahan Mirarab. Bild: © Helmut Wimmer

Bereits zum siebten Mal hielt Ganymed im Frühjahr 2020 Einzug ins Kunsthistorische Museum – und wenige Tage nach der Premiere kam Corona. Zahlreiche Lockdowns und mehrere Verschiebungsversuche später kann „Ganymed in Power“ nun im Sommer 2021 endlich stattfinden: Am Mittwoch, den 21. Juli findet der erste Termin der Wiederaufnahme statt, die weiteren Termine folgen bis Ende August. „Überwältigt von der Treue und Ausdauer unseres Ganymed-Publikums, starten wir voller Lust in dieses sommerliche Abenteuer“,

so Regisseurin Jacqueline Kornmüller. Das Erfolgsformat ist diesmal dem Thema Macht gewidmet. Dem Kunsthistorischen Museum ist dieses tief eingeschrieben. Selbst Symbol der Macht birgt es Kunst, die so aussagekräftig von Machterhalt und -verlust sowie von den Verirrungen der Macht berichtet, die den gesellschaftlichen und politischen Alltag bis heute so lebhaft prägen.

„Ganymed in Power“ eröffnet neue Sichtweisen auf Alte Meister des Kunsthistorischen Museums. Die Künstlerinnen-/Künstlergruppe „wenn es soweit ist“ rund um Regisseurin Kornmüller und Schauspieler und Produzent Peter Wolf lädt zeitgenössische Autorinnen, Autoren und Komponistinnen, Komponisten ein, Auftragswerke über Meisterwerke der Gemäldegalerie zu schreiben.

Christian Nickel. Bild: © Helmut Wimmer

Mikael Torfason. Bild: © Helmut Wimmer

Gerti Drassl. Bild: © Helmut Wimmer

Jacqueline Kornmüller inszeniert diese Texte und Kompositionen und erweckt dadurch Bild und Betrachtung zu neuem Leben – diesmal mit Texten von Franz Schuh, Isolde Charim, Milena Michiko Flasar, Victor Martinovich, Stefan Hertmans und Mikael Torfason, Szenen und Kompositionen von den Strottern, Golnar Shahyar & Mahan Mirarab, Martin Eberle & Martin Ptak, Lukas Lauermann & Emily Stewart und Manaho Shimokawa & Matthias Loibner sowie Trickfilmen der Künstlerin Shadab Shayegan und des Pianisten Benny Omerzell.

Wie die CoV19-Zwangspause das Programm beeinflusst hat, zeigt am Schönsten „Something very new“ überMaria mit Kind“ von Jan Goessart, gespielt von Manaho Shimokawa und Matthias Loibner. Ursprünglich sollten die Tänzerin Manaho Shimokawa und der Drehleierspieler Matthias Loibner eine ganz andere Szene spielen, aber es kam alles anders: Die Vorstellungen wurden immer wieder verschoben und in der Zwischenzeit wurde Manaho schwanger. Nun berichtet sie darüber, wie die Menschwerdung in Zeiten der Pandemie Zweifel aber auch Stärke zu Tage fördern. Und wie Liebe entsteht zwischen Mutter und Kind.

Die Strottern. Bild: © Helmut Wimmer

Raphael von Bargen. Bild: © Helmut Wimmer

Peter Wolf und Matthias Jakisic. Bild: © Helmut Wimmer

Ulli Maier. Bild: © Helmut Wimmer

Alle bereits gebuchten Karten behalten ihre Gültigkeit, es wurden für diese bereits Ersatztermine für den Sommer 2021 angeboten. Für alle, die zu keiner der Vorstellungen im Sommer kommen können, gibt es noch zwei späte Herbstvorstellungen am 24. und 27. November. Anlässlich des Jahres für Literatur und Theater findet Ganymed diesen Herbst unter dem Titel „Flora“ auch in der Eremitage in St. Petersburg statt. Mit einem Staraufgebot an russischen Künstlerinnen und Künstlern inszenieren Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf das Wiener Erfolgsformat erstmals in Russland. Alle Informationen: flora.hermitagemuseum.org/en

Mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=44344           ganymed.khm.at           www.wennessoweitist.com           Videos: www.facebook.com/wennessoweitist/videos

18. 7. 2021

Oper im Steinbruch St. Margarethen – live plus online: Turandot

Juli 16, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Pretiöse Prinzessin zwischen Elfenbeinschnitzereien

Martina Serafin als Turandot. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Ein Jahr musste das Publikum CoV19-bedingt auf diese „Turandot“ warten. Nun war man bei der Premiere am Mittwoch entsprechend erwartungsvoll – und wurde aufs Feinste überrascht. US-Regisseur Thaddeus Strassberger und sein Bühnenbildner Paul Tate dePoo, nicht zu vergessen der für die 117 teils 15 Kilo schweren Kostüme verant- wortliche italienische Designer Giuseppe Palella bieten ein Bühnenspektakel, wie man’s nicht alle Tage sieht.

In dem von kostbarerer chinesischer Elfenbeinschnitzerei inspirierten Setting tummeln sich Todesdämonen und Skelettschädel, Feuer-Ninjas und in Leder gekleidete Scharfrichterinnen, Akrobaten und Statisten im blauweiß der Ming Vasen, als in der Dynastie sehr beliebte Affenkannen gekleidete Tänzer servieren Tee und Opiumpfeifen, streng dreinblickende Laternenträger stolzieren im zweiten Akt durch die Sitzreihen.

So detailverliebt ist diese wie in den Felsen gemeißelte Fantasiewelt, das Reich von Kaiser Altoum von einer drehbaren Kugel symbolisiert, Turandot gefangen in der golden ausgekleideten Lade eines gigantischen Schmuckkästchens, dass man den Farbenrausch mit dem Auge kaum fassen kann. Die amerikanischen Lichtdesigner JAX Messenger und Driscoll Otto tauchen die Freilichtbühne und den Stein von St. Margarethen spektakulär in sich immer verwandelndes Licht.

Donata D’Annunzio Lombardi als Liù. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Turandot mit der Maske von Ahnfrau Lo-uling. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Benedikt Kobel als greiser Kaiser Altoum. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Wie praktisch also, dass die Inszenierung noch fünf Tage in der tvthek.orf.at und mindestens 30 Tage auf www.myfidelio.at zu streamen (mit deutschen Untertiteln) ist, so dass man vom burgenländischen großen Ganzen – 7.000 Quadratmeter Bühnenfläche gearbeitet, 50 Tonnen Gerüstkonstruktion, ein Gewirr aus Brücken und Treppen – nun via Bildschirm auf die Nahaufnahme zoomen kann. Das funktioniert – gestern erprobt – bei den packenden Bildern bestechend gut, die Aufzeichnung als Mehrwert zum Live-Erlebnis, etwa wenn der Mandarino per Geisterschiff, der fernöstliche Charon gewandet in einen Mantel aus Totenköpfen auf oder der Geist der tapferen Liù in ebendieser Barke von der Bühne gleitet.

Musikalisch überzeugt die Produktion, Dirigent Giuseppe Finzi, der Puccini-Fachmann erstmals in St. Margarethen am Pult, führt mit ruhiger Hand verlässlich durch die Aufführung. Das ungarische Piedra Festivalorchester ist den Solistinnen und Solisten ein aufmerksamer Partner. Ebenfalls hinter der Bühne singt – durchwegs eindrucksvoll – der Philharmonia Chor Wien unter Leitung von Walter Zeh.

Wer hier nun, inmitten der raumgreifenden Tableaus, seine emotionalen Mauern niederreißen muss, ist Martina Serafin, die Intendanten-Bruder Daniel Serafin als Turandot auserkoren hat. Die Turandot gilt als eine der Paraderollen der österreichischen Sopranistin. Sie hat sie bereits an der MET und in der Arena di Verona gesungen. Hier ist sie zunächst eine exzentrische Erscheinung, die sich die Alte-Frau-Maske ihrer Ahnfrau Lo-uling vors Gesicht hält, die grell geschminkte Greisin von vor 1000 Jahren: „Jetzt lebst du in mir noch einmal …“

Das Totenschiff des Mandarino. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Opulentes Bühnenbild. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Andrea Shin als Prinz Calaf. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Der kaiserliche Garten. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Die allmähliche Herzerweichung der Turandot vermag Serafin auch auf der riesigen Spielfläche zu vermitteln. Die stärksten Momente hat sie stimmlich in der ausdrucksstarken Mittellage, weniger in den expressiv-überspannten Spitzentönen -und für geschmeidiges Phrasieren bleibt im Wortsinn hier wenig Spielraum.

Unter den Sängern sticht Andrea Shin als Calaf hervor. Der hierzulande ausgebildete Südkoreaner meistert die Aufgabe, die wohl am häufigsten plattgewalzte Event-Arie zu beleben: „Nessun dorma“ klingt bei ihm gestalterisch durchdacht und auch in der Höhe souverän. Ein würdiger Partner für Martina Serafin, zwei stolze Protagonisten, die sich im Steinbruch begegnen.

Die am Premierenabend von Donata D’Annunzio gesungene Liù erhielt bereits beim ersten Auftritt Szenenapplaus. Die italienische Puccini-Spezialistin nützt ihre Auftritte für feine Linienführung und berührend gestaltete Zwischentöne. Alessandro Guerzoni als entthronter Timur ist ihr mit seiner mahnenden Bass-Stimme ein ebenbürtiges Gegenüber. Für die Rollen der Minister Ping, Pang und Pong konnten mit Leo An, Jonathan Winell und Enrico Casari ebenso profilierte wie spielfreudige Sänger verpflichtet werden. Mit Kammersänger Benedikt Kobel verleiht ein langjähriges/tragendes Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper dem greisen Kaiser Altoum Statur und Charakter. Ein beeindruckender Abend, der mit großem Jubel für alle Beteiligten endete.

www.operimsteinbruch.at      esterhazy.at           tvthek.orf.at/profile/Erlebnis-Buehne/13890354/Erlebnis-Buehne-Aus-der-Oper-im-Steinbruch-Turandot/14098791           www.myfidelio.at

  1. 7. 2021