Foto Wien. Monat der Fotografie

März 19, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Drei Highlights aus dem Programm

Weronika Gęsicka, Traces (Untitled #23), 2015–2017 © Weronika Gęsicka, Courtesy: Weronika Gęsicka und JEDNOSTKA Gallery, Warszawa

Vom 20. März bis 20. April rückt das Festival „Foto Wien“ gemeinsam mit mehr als 130 Programmpartnern das Medium Fotografie ins Zentrum der Aufmerksamkeit und macht die Vielfalt und das Potential der weltweiten Fotoszene sichtbar. Das Kunst Haus Wien erhielt als Haus für zeitgenössische künstlerische Fotografie den Auftrag der Stadt Wien, den Monat der Fotografie neu auszurichten. Museen, Ausstellungshäuser, Galerien, Archive, Fotografie-Institutionen, Kunstuniversitäten, Künstlerinnen- und Künstlerinitiativen und Off-Spaces werfen nun mit zahlreichen Programmen einen neuen Blick auf das lokale und internationale Fotogeschehen.

Die offizielle Festivalzentrale – Otto Wagners Postsparkasse im ersten Bezirk – ist für 18 Tage im Mittelpunkt der Aktivitäten: Ausstellungen, Portfolio Reviews, Rundgänge, Studio Visits sowie tägliche Bildbesprechungen, ein photobook market sowie der Fotobuch-Preis 2019 stehen ebenso auf dem Programm wie zahlreiche Diskurs- und Diskussionsformate.

Diese reichen von der Auseinandersetzung mit Architektur und Fotografie, historischer Fotografie, analoger und digitaler Fototechnik bis hin zu Fotografie und Film. Arrivierte Positionen und Persönlichkeiten sind dabei ebenso Teil des Festivals wie die Präsentation einer neuen Generation von Künstlerinnen und Künstlern.

Die Tipps:

Urbane Zonen/Zones Urbaines. Ab 21. März in der Festivalzentrale und im Hof des MuseumsQuartier. Mit der Neuausrichtung des Monats der Fotografie in Wien soll auf das Festivals eingegangen werden, das sich auf europäische Metropolen erstreckt und in Paris seinen Ursprung hat. Namhafte österreichische und französische Fotografinnen und Fotografen wie Sabine Bitter, Helmut Weber, Mohamed Bourouissa, Valérie Jouve, Aglaia Konrad, Claudia Larcher und Lise Sarfati wurden eingeladen, sich mit dem Phänomen Stadt auseinanderzusetzen und die Wirkungsbereiche des Lebens in städtischen Räumen zu ergründen, bei denen unterschiedliche Soziotope einander bedingen und gesellschaftliches Handeln immer in einem bestimmten architektonischen Setting stattfindet. Die Präsentationsweise der Arbeiten soll dem inhaltlichen Konzept der künstlerischen Ansätze folgen, in dem die Werke einerseits in dem temporär eingerichteten Festivalzentrum gezeigt werden, aber auch auf Billboards im öffentlichen Raum. So wird die zeitliche Begrenztheit des öffentlichen Raumes thematisiert und dabei der ständige Wandel, dem städtische Strukturen unterworfen sind, aufgezeigt.

Mohamed Bourouissa, Nous sommes halles, 2002 © ADAGP Mohamed Bourouissa 2019, Courtesy: Mohamed Bourouissa, kamel mennour, Paris/London und Blum & Poe, Los Angeles/NewYork/Tokyo

© Mathieu Asselin, Monsanto Book

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Monsanto: A Photographic Investigation. Ab 21. März in der Festivalzentrale. Der französisch-venezolanische Fotograf Mathieu Asselin verfolgt seit langem die fragwürdigen Geschäftspraktiken des Konzerns Monsanto, der Agrochemie und gentechnisch verändertes Saatgut produziert. Kürzlich wurde er von der Bayer AG übernommen, der Name Monsanto verschwindet allmählich. Asselin hat Recherchematerial gesammelt, mit Betroffenen gesprochen und sie porträtiert. Seine daraus entstandene Arbeit wird in der Ausstellung „Monsanto: A Photographic Investigation“ präsentiert, die auf der Foto Wien erstmals in Österreich zu sehen ist.

Henri Cartier-Bresson. Ab 5. April im Österreichischen Filmmuseum. Henri Cartier-Bresson zählt zu den überragenden Figuren in der Geschichte der Fotokunst: eine Ausnahmestellung, die sich seiner unvergleichlichen Gabe zur Kombination von Spontaneität und kompositorischer Perfektion verdankt, aber auch der erstaunlichen Vielfalt von Kulturen und Völkern, die er dokumentierte sowie seiner Zeugenschaft bei bedeutenden historischen Ereignissen. Weniger bekannt ist seine filmische Arbeit: In der Mitte der 1930er studierte er Film in New York, bevor er als Assistent an Filmen von Jean Renoir mitwirkte. In seinen eigenen Filmen widmete er sich dann der Dokumentation des Spanischen Bürgerkriegs: „Victoire de la vie“ (1937) und „L’espagne vivra“ (1938). Nachdem ihm im zweiten Weltkrieg die Flucht aus der deutschen Kriegsgefangenschaft gelang, beschäftigte er sich in seinem letzten Kinofilm,Le retour“ (1945), mit dem Phänomen von Kriegsheimkehrern. Das Österreichische Filmmuseum stellt das filmische Werk dieses Ausnahmekünstlers erstmals in Wien vor.

Anonym, Mangan Stahl Safe für die Nationalbank von Virginia, Richmond USA, Hibbard Rodman Ely Safe Company, Plainfield New Jersey, ca. 1900 © Milaneum

Henri Cartier-Bresson, L’Espagne Vivra, 1938 © Collection Ciné-Archives, film archive of the French communist party and the labour movement

www.fotowien.at

19. 3. 2019

Leopold Museum: Wien 1900. Aufbruch in die Moderne

März 12, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Stimmungsimpressionismus zur Neuen Sachlichkeit

Gustav Klimt: Tod und Leben, 1910/11, umg. 1915/16. © Leopold Museum, Wien, Inv. 630

Ab 16. März zeigt das Leopold Museum die umfassende, sich über drei Ebenen erstreckende Ausstellung „Wien 1900. Aufbruch in die Moderne“, und damit den Glanz und die Fülle künstlerischer und geistiger Errungenschaften einer Epoche, die geprägt war vom Aufbruch der Secessionisten bis hin zum Untergang der Monarchie und dem Tod herausragender Künstler der Wiener Moderne wie Gustav Klimt, Egon Schiele, Koloman Moser oder Otto Wagner im Jahr 1918. Die Neupräsentation zeigt nicht nur Meisterwerke aus der Sammlung des Leopold Museum.

Sondern ermöglicht es – mit nationalen und internationalen Dauerleihgaben – das Fluidum jener pulsierenden Zeit mit all ihren Gegensätzlichkeiten darzustellen. Die Donaumetropole war gleichermaßen die Stadt des Hochadels und der liberalen Intellektuellen, der prachtvollen Ringstraße und endloser Armenviertel, des Antisemitismus und des Zionismus, des starren Konservatismus und der einsetzenden Moderne. Glanz und Elend, Traum und Wirklichkeit, Selbstauflösung und Aufbruch bezeichnen den ästhetischen Pluralismus und markieren das Wien jener Zeit als Versuchsstation oder Ideenlaboratorium und also als zentralen Motor einer turbulenten Erneuerungsbewegung.

In diesem heterogenen Milieu – Arnold Schönberg sprach von der „Emanzipation der Dissonanz“ – fand jene einzigartige Verdichtung an Kulturleistungen statt, die heute von Wien um 1900 als einem Quellgrund der Moderne sprechen lassen. Dieser Aufbruch fand in den unterschiedlichsten Disziplinen statt, von der Malerei und den grafischen Künsten, über Literatur, Musik, Theater, Tanz und Architektur bis hin zu Medizin, Psychologie, Philosophie, Rechtslehre und Ökonomie.

Otto Rudolf Schatz: Die Hoffnung, 1930. © Leopold Privatsammlung

Egon Schiele: Sitzender Männerakt (Selbstdarstellung), 1910. © Leopold Museum, Wien, Inv. 465

Nach einer Ouvertüre zur Makart-Zeit und zu den Ausformungen des Realismus und Stimmungsimpressionismus österreichischer Provenienz, stehen in der Präsentation die innovativen Leistungen der Secessionisten Gustav Klimt, Koloman Moser, Carl Moll und die Idee des Gesamtkunstwerkes, welches – nicht zuletzt durch die angewandte Kunst – die Durchdringung aller Lebensbereiche durch Kunst ermöglichte – im zentralen Fokus der vierten Ausstellungsebene. In der dritten Etage wird die Überwindung der Stilkunst durch die Vertreter des österreichischen Expressionismus Richard Gerstl, Oskar Kokoschka, Egon Schiele gezeigt.

Die Tendenzen der Selbstauflösung im Politischen, Gesellschaftlichen und vor allem im Individuellen konnten die malerischen Seelenforscher des Expressionismus nicht mehr negieren und schlugen einen radikal anderen Weg ein. Den Schlussakkord der Schau setzen im Erdgeschoß die facettenreichen künstlerischen Ausformungen, die zwischen dem abstrahierend- expressionistischem Stil von Anton Kolig, Herbert Boeckl und Marie-Louise von Motesiczky und den Positionen der Neuen Sachlichkeit von Rudolf Wacker, Otto Rudolf Schatz oder einer Greta Freist oszillieren.

www.leopoldmuseum.org

12. 3. 2019

Architekturzentrum: Rural Moves. The Songyang Story

März 10, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pekinger Architektin Xu Tiantian zeigt ihre Arbeiten

Bamboo-Theater, Hengkeng Village. DnA-Design and Architecture. Bild: Wang Ziling

Dynamische Urbanisierungsprozesse prägen weite Teile der Welt. Die junge Bevölkerung wandert in die Städte, ältere Menschen und Kinder bleiben in den ländlichen Gegenden zurück. Lange Zeit wurde die Revitalisierung dieser Regionen vernachlässigt.

Mit dramatischen sozioökonomischen und gesellschaftspolitischen Folgen. Vor dem Hintergrund, dass die Entwicklung des ländlichen Raums weltweit eine der dringendsten Herausforderungen darstellt, zeigt die Ausstellung „Rural Moves – The Songyang Story“ ab 14. März im Architekturzentrum Wien wegweisende Strategien der jungen Pekinger Architektin Xu Tiantian, die sie in der chinesischen Region Songyang umgesetzt hat. Songyang ist ein von Bergen und dem Fluss Songyin geprägter Landkreis mit mehr als 400 Dörfern im Südosten der Provinz Zhejiang. Die besondere Landschaft mit sanften Hügeln, Reisfeldern und Teeplantagen lässt sich in der traditionellen chinesischen Literatur und in vielen Gemälden wiederfinden.

Obwohl touristisch attraktiv, ist die Region stark von Landflucht geprägt. Diverse Modernisierungsmaßnahmen, von neuen Straßen und Schnellzugtrassen bis zur digitalen Breitbandversorgung in jedem Bergdorf, zeigten bisher noch nicht die gewünschte Wirksamkeit. Nun gestaltet die regionale Regierung gemeinsam mit der Architektin Xu Tiantian den Strukturwandel mit präzisen architektonischen Interventionen.

Dushan Leisure Centre, Silingxia Village. DnA-Design and Architecture. Bild: Wang Ziling

Hakka Indenture Museum, Shicang Village. DnA-Design and Architecture. Bild: Wang Ziling

Die Bauten schaffen sowohl neue Produktionsstätten als auch öffentliche und kulturelle Orte und binden dabei vorhandene Ressourcen und oft schon vergessene handwerkliche Traditionen ein. Wie Akupunkturen ziehen die kleinmaßstäblichen, hochgradig kontextuellen Projekte ein weit ausstrahlendes Netzwerk über die Region und schaffen kulturelle, soziale und ökonomische Zukunftsperspektiven.

Xu Tiantian, die erste chinesische Architektin mit einem eigenen Büro – DnA-Design and Architecture –, hat in Zusammenarbeit mit den Dorfgemeinschaften, der kommunalen Regierung und lokalen Handwerkern eine Vielzahl von Projekten in Songyang umgesetzt. Sie ließ sich für alle Gebäudeentwürfe von der gebauten Geschichte der Orte inspirieren und erweiterte sie um zusätzliche Elemente und Funktionen.

Das verhilft der ländlichen Gegend zu einem dynamischen und organischen Wachstum und lockt gleichzeitig eine neue Generation moderner Landbewohner an.Die Ausstellung zeigt ausgewählte Projekte und erläutert sie mit Modellen, Plänen und Fotografien. Filme veranschaulichen die neue Architektur, die Kultur und auch die Geschichten der Menschen von Songyang.

www.azw.at

10. 3. 2019

Kunsthistorisches Museum Wien: Mark Rothko

März 9, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von den revolutionären Bildern zum „inneren Licht“

Mark Rothko: Underground Fantasy, um 1940. © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019. © Bild: National Gallery of Art, Washington, D.C.

Mark Rothko gehört zu den bedeutendsten Künstlern des zwanzigsten Jahrhunderts. Zum ersten Mal überhaupt werden nun seine Werke in Österreich gezeigt – ab 12. März im Kunsthistorischen Museum Wien. Die Ausstellung bietet mit mehr als vierzig seiner Hauptwerke einen Überblick über Rothkos gesamtes Schaffen, von seinen figurativen Anfängen in den 1930er-Jahren über die Werke, die er im folgenden Jahrzehnt in seiner sogenannten Übergangsphase schuf, bis zu den revolutionären Bildern aus den 1950er- und 1960er-Jahren.

Kate und Christopher Rothko, die Kinder des Malers, waren von Beginn an in das Projekt eingebunden und haben sich bereit erklärt, eine Reihe bedeutender Werke aus der Familiensammlung für die Ausstellung zu leihen. Den Kern der Schau bildet ein ganzer Saal großformatiger, 1958/59 entstandener Wandbilder, die ursprünglich für das Seagram Building in New York in Auftrag gegeben wurden. Abschließend folgt ein Saal mit klassischen Gemälden aus dem letzten Lebensjahrzehnt Rothkos, die vor Augen führen, wie er von den Altmeistertechniken lernte, Farben übereinanderzuschichten begann wie Tizian und zu einem an Rembrandt erinnerndes Gefühl für „inneres Licht“ fand.

Dass die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum gezeigt wird, dessen historische Sammlungen fünftausend Jahre menschlichen Schaffens vom Alten Ägypten bis zum Barock nachzeichnen, bietet die einmalige Gelegenheit, sich mit Rothkos tiefem, lebenslangem Interesse für die Kunst der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Von seinen frühen Besuchen des New Yorker Metropolitan Museum während seiner Studienzeit, über seine ersten Begegnungen mit Rembrandt, Vermeer und der klassischen Kunst und Architektur, bis zu seinen Reisen nach Europa, wo er Kirchen, Kapellen und Sammlungen von Altmeistergemälden in Paris, London, Venedig, Arezzo, Siena, Rom, Pompeji und Florenz besichtigte, widmete sich Rothko dem Studium historischer Kunst und Architektur.

Mark Rothko vor dem Werk „No. 7“,1960. Bild: Regina Bogat zugeschrieben. © 2005 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht Wien, 2019

Mark Rothko: Self-Portrait, 1936. © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019

Die Schau beleuchtet auch den Einfluss bestimmter Orte auf Rothkos stilistische Entwicklung von Michelangelos Biblioteca Medicea Laurenziana und Fra Angelicos Fresken im Konvent von San Marco in Florenz zu den griechischen Tempeln von Paestum und der Taufkapelle der Basilika Santa Maria Assunta auf Torcello in der Lagune von Venedig. Als Rothko in späteren Jahren mit dieser Tradition brach, um zu einer radikal neuen Form künstlerischen Ausdrucks zu gelangen, tat er dies auf der Basis eines umfangreichen Wissens und voller Hochachtung für das, was seiner Zeit vorausgegangen war. Mit den Worten des Kritikers John Berger schaute Rothko zurück, „wie dies kein Maler zuvor je getan hatte“. Kurator der Ausstellung ist Jasper Sharp.

www.khm.at

9. 3. 2019

Kunstforum: Flying High. Künstlerinnen der Art Brut

Februar 13, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Werk, das sich seinen Platz erst erobern muss

Aloïse Corbaz: Brevario Grimani, um 1950 (Ausschnitt). abcd / Bruno Decharme collection. Bild: © César Decharme

Mit „Flying High“ zeigt das Kunstforum Wien ab 15. Februar die erste Ausstellung, die sich weltumspannend den weiblichen Positionen der Art Brut von 1860 bis in die Gegenwart widmet. Die Ausstellung ist in jeder Hinsicht ein Höhenflug: Sie versammelt 316 Werke von 93 Künstlerinnen aus 21 Ländern, die die inhaltliche und ästhetische Vorstellung, was Kunst ist, sprengen. Die Ausstellung nimmt den von Jean Dubuffet 1945 definierten Begriff „Art Brut“ für jene ursprüngliche, nichtakademische Kunst außerhalb des kulturellen Mainstreams als Ausgangspunkt.

In der Vielfalt und Heterogenität der präsentierten Werke wird deutlich, dass der Art-Brut-Begriff heute längst über Arbeiten aus Psychiatrien hinausgeht und auch die Produktion von „mediumistischen“,  von einem Geist geführten Künstlerinnen, „Einzelgängerinnen“ und Künstlerinnen mit Behinderungen umfasst. Diese Erweiterung ist nicht zuletzt durch den radikalen Wandel der Institution Psychiatrie – von ehemals geschlossenen Anstalten über offenere Strukturen bis zu deren Auflösung – begründet.

Zeitgenössische Art Brut entsteht heute vielfach in Ateliers oder in von den Künstlerinnen selbst geschaffenen Strukturen. Die Chronologie der Ausstellung beginnt mit Highlights aus den historischen Sammlungen der Psychiater Walter Morgenthaler und Hans Prinzhorn. Beide sammelten und förderten bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Kunst aus Psychiatrien und publizierten darüber. Der Hauptraum des Kunstforum Wien zeigt Meisterinnenwerke aus der Sammlung von Jean Dubuffet  aus der Collection de l’Art Brut, Lausanne, die Dubuffet zwischen 1945 und 1976 zusammentrug. Eine repräsentative Auswahl von Werken aus der Sammlung L’Aracine schließt den Überblick über jene Sammlungen ab, die Entstehung und Geschichte der Art Brut entscheidend prägten. Darüber hinaus zeigt die Schau eine Vielzahl von Werken aus bedeutenden internationalen und österreichischen Privatsammlungen.

Julia Krause-Harder: Nanotyrannus, 2013. Courtesy Atelier Goldstein. Bild: © Uwe Dettmar

Judith Scott: Ohne Titel, o. J. abcd / Bruno Decharme collection © Creative Growth Art Center. Bild: © César Decharme

Die Geschichte weiblicher Art-Brut-Künstler spiegelt die Emanzipationsgeschichte von Frauen auf einer prekären Ebene wider: Diese sind bis heute „Außenseiterinnen der Außenseiter“. Die Art Brut hat nach wie vor keinen gleichberechtigten Platz neben der „Hochkunst“ gefunden. Da Frauen sowohl innerhalb der Art Brut als auch jenseits der feministischen Kunst ihren Platz erst erobern müssen, ist eine Präsentation ihrer Werke hoch an der Zeit. Die Ausstellung nun verdeutlicht, dass ästhetische Gesichtspunkte gegenüber diagnostischen Kriterien und Biografie sowie der Exzentrität der Autorinnen mehr und mehr an Relevanz gewinnen. Durch die Arbeiten von unterschiedlichsten Künstlerinnen entsteht ein vielstimmiges Panorama gestalterischer Ausdruckskräfte: Worin unterscheiden sich jene individuelle Mythologien, die Art Brut begründen, je nachdem, ob sie von Künstlerinnen oder Künstlern geschaffen wurde? Erzählen die Arbeiten von Frauen tatsächlich andere Geschichten als Männer? Wie werden Differenzen in den Produktionsweisen, Medien und Ikonografien sichtbar?

Die Schau geht diesen Fragen nach und reflektiert die direkte und ursprüngliche, oft auch subversive Ausdruckskraft und Qualität der von Frauen geschaffenen Art Brut. Die Unterschiede und auch mögliche Gemeinsamkeiten im Ausdruck von Künstlerinnen und Künstlern der Art Brut anhand von Gegenüberstellungen zu visualisieren, wird Thema einer anderen Ausstellung sein. Wie überall gilt auch im Feld der Kunst: Nur was wahrgenommen werden kann, existiert auch.

www.kunstforumwien.at

13. 2. 2019