KHM: Virtuelle 3D-Tour zu Bruegels Meisterwerken

Januar 16, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Welt berühmteste „Wimmelbilder“

Bruegel-Saal (Saal X). In der Gemäldegalerie des KHM Wien © KHM-Museumsverband

Das Kunsthistorische Museum lädt gemeinsam mit seinem Kooperationspartner Visit Flanders zu einer virtuellen Tour durch eine der berühmtesten Gemäldesammlungen der Welt: Mit zwölf Werken von Pieter Bruegel d.Ä. beherbergt das Kunsthistorische Museum die weltweit größte und bedeutendste Bruegel-Sammlung, darunter die berühmten Meisterwerke

„Bauernhochzeit“, „Kinderspiele“, „Die Jäger im Schnee“ und natürlich den „Turmbau zu Babel“. Mit dem neuen digitalen Angebot Bruegel begegnen – Only in Vienna macht das Kunsthistorische Museum den so genannte Bruegel-Saal (Saal X) der Gemäldegalerie nun für Kunstfans auf der ganzen Welt jederzeit zugänglich und virtuell erlebbar. Mittels 3D-Technologie wird sowohl der Eindruck der Bewegung direkt im Raum vermittelt als auch die Betrachtung der Gemälde aus nächster Nähe ermöglicht. Das Besondere an der qualitativ hochwertigen Umsetzung ist eine spezielle Zoom-Funktion, die nahes Betrachten wie bei einem echten Museumsbesuch ermöglicht und sogar noch mehr Details entdecken lässt.

Der virtuelle Raum kann sowohl über mobile als auch über Desktop-Geräte besucht werden. Einen großen Stellenwert nimmt bei diesem 3D-Erlebnis die Kunstvermittlung ein: In sechs Sprachen können virtuelle Museumsbesucherinnen und -besucher viel Wissenswertes über Bruegels Werk und Leben erfahren. Die virtuelle Tour ist in den Sprachen Deutsch, Englisch, Niederländisch, Russisch, Chinesisch/Mandarin und Japanisch verfügbar. Mit diesem neuen und kostenlosen digitalen Angebot erweitert das Kunsthistorische Museum seine breiten und innovativen Online-Aktivitäten und bietet Museumsfans weltweit in Zeiten von Lockdowns und Reisebeschränkungen Kunstgenuss und Abwechslung ganz bequem von zu Hause aus.

Pieter Bruegel d. Ä.: Bauernhochzeit. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Pieter Bruegel d. Ä.: Der Turmbau zu Babel. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Pieter Bruegel d. Ä.: Die Jäger im Schnee. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Pieter Bruegel d. Ä.: Kinderspiele. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Nur knapp mehr als vierzig Gemälde und sechzig Grafiken haben sich überhaupt von der Hand des Meisters erhalten. Dass das Kunsthistorische Museum die weltweit größte Sammlung an Bruegel-Gemälden besitzt, liegt darin begründet, dass Habsburger Sammler schon im 16. Jahrhundert die außerordentliche Qualität und Originalität der Bildwelten Bruegels zu schätzen wussten und sich bemühten, prestigeträchtige Werke des Künstlers zu erwerben. Das Werk Pieter Bruegels des Älteren, der die Landschafts- und Genremalerei revolutionierte, ruft immer noch vielfältige und kontroverse Deutungen hervor. Der Reichtum seiner Bilderwelt sowie seine scharfsinnige Beobachtungsgabe der menschlichen Spezies üben bis heute eine besondere Faszination auf die Betrachter aus … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=29718

www.khm.at/bruegel-begegnen           www.khm.at

16. 1. 2021

Kunstforum Wien online – Live-Führung durch die Ausstellung „Gerhard Richter: Landschaft“

Januar 11, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

„Kuckuckseier“ zur Klimakrise

Gerhard Richter: Venedig (Treppe), 1985. Art Institute of Chicago, Schenkung Edlis Neeson Collection © Gerhard Richter 2020. Bild: bpk/The Art Institute of Chicago/Art Resource, NY

Das Bank Austria Kunstforum bieten Interessierten am 14. Jänner, 18 Uhr, die Möglichkeit an einer Online-Live-Führung durch die Ausstellung „Gerhard Richter: Landschaft“ teilzunehmen. Auch Fragen können während der digitalen Tour gestellt werden. Mehr Infos: www.cultour.digital, Anmeldung: www.cultour.digital/de/livestreams. Wie kaum ein anderes Sujet hat die Landschaft Gerhard Richters künstlerisches Interesse gefesselt und ihn immer wieder

zu neuen Bildlösungen angetrieben: Die Retrospektive versammelt mehr als 130 Bilder, Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotoarbeiten, Künstlerbücher und Objekte von 50 internationalen Leihgeberinnen und Leihgebern. Das Projekt unterstreicht die Wichtigkeit dieses Genres für den deutschen Künstler, der vergangenes Jahr seinen 88. Geburtstag gefeiert hat. Es ist die bis dato größte Ausstellung weltweit, die ausschließlich Richters Landschaften gewidmet ist – einem Genre, mit dem er sich seit 1963 durchgehend beschäftigt hat. Einige der im Kunstforum ausgestellten Werke sind noch nie öffentlich gezeigt worden.

Richters Gesamtwerk ist unter anderem besonders für seine Heterogenität bekannt, die sich folgerichtig auch in der Bildgattung der Landschaft zeigt: Die Ausstellung gliedert sich in fünf thematische Kapitel, die einzeln, aber auch in ihrer Zusammenschau ein beeindruckendes Panorama von Richters „Arbeit an der Wirklichkeit“ ergeben. Die Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken sind nicht direkt nach der Natur entstanden, sondern basieren meist auf fotografischen Vorlagen und sind somit „Landschaften aus zweiter Hand“, was sich an der Ausschnitthaftigkeit, an Unschärfeeffekten, mitunter auch an Schrift im Bild erkennen lässt.

Gerhard Richter: Piz Surlej, Piz Corvatsch, 1992. Sammlung Peter und Elisabeth Bloch
. Bild: Christof Schelbert, Olten © Gerhard Richter 2020

Ein „Kuckucksei“ in der Nähe der deutschen Romantik: Gerhard Richter: Waldhaus, 2004
 (Detail). Privatsammlung © Gerhard Richter 2020

Gerhard Richter: Stadtbild PL, 1970 (Detail). Privatsammlung über Neues Museum Nürnberg. Bild: Neues Museum Nürnberg/Anette Kradisch © Gerhard Richter 2020

Gerhard Richter: Wolke, 1976
. Privatsammlung, als Dauerleihgabe in der Fondation Beyeler, Basel
. Bild: Robert Bayer © Gerhard Richter 2020

Landschaften mit tiefgezogenem Horizont und stimmungsvoller Atmosphäre rücken Richter in die Nähe der deutschen Romantik, auf die der Künstler zwar anspielt, aber der gegenüber er sich immer wieder auch kritisch-zweifelnd geäußert hat: Zu malen wie Caspar David Friedrich, so Richter, sei zwar möglich, aber nur ohne sich auf die geistige Tradition des Romantikers beziehen zu können. Als „Kuckuckseier“ bezeichnet Richter demnach jene romantisierenden Bilder, denen in der Ausstellung ein ganzer Raum gewidmet ist. Ein weiterer Raum betont die Wichtigkeit von Richters abstrahierten und abstrakten Landschaften für die Entwicklung seiner Malerei.

Für dieses Kapitel der Schau haben zahlreiche Bilder – unter anderem das monumentale, 6,8 Meter breite Gemälde „St. Gallen“ – erstmals ihre öffentlichen und privaten Sammlungen verlassen. Konstruierte und manipulierte Landschaften – wie etwa Richters Seestücke, für die er oftmals die fotografischen Vorlagen von Wasser- und Himmelsfläche autonom und keinesfalls „wirklichkeitsgetreu“ wie eine Collage zusammensetzt – bilden einen weiteren Höhepunkt. Zahlreiche überarbeitete Landschaften stehen am Ende der Ausstellung: übermalte Fotografien, die der Künstler größtenteils selbst als Leihgabe für die Ausstellung zur Verfügung gestellt hat, sowie Landschaftsgemälde, deren Realismus Richter mit abstrakten Farbstrukturen relativiert.

Abstrakte Farbstrukturen: Gerhard Richter: Venedig, 1986
. Museum Frieder Burda, Baden-Baden © Gerhard Richter 2020

„Gerhard Richter: Landschaft“ bietet vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen zur Klimakrise die Möglichkeit zur kontemplativen Auseinandersetzung mit „Natur“. Entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Atelier Gerhard Richter in Köln, ermöglicht die Ausstellung eine Begegnung mit Schlüsselwerken des Künstlers und erstmals einen retrospektiven Blick auf ein Genre, das Richter 1981 wie folgt beschrieb: „Wenn die ,Abstrakten Bilder‘ meine Realität zeigen, dann zeigen die Landschaften oder Stillleben meine Sehnsucht … weiter: www.mottingers-meinung.at/?p=41641           www.kunstforumwien.at

11. 1. 2021

sirene Operntheater online: Die Verwechslung

Januar 5, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Pauken und Trompeten über die Berliner Mauer

Kaffee-und-Kuchen-Tristesse bei Dauters: Johannes Czernin als Gustav, Ingrid Haselberger als Oma, Günther Strahlegger als Vater, Katrin Targo als Tante Ilse. Bild: © Kristine Tornquist

Mit keiner geringeren Idee als „Die Verbesserung der Welt“ waren Kristine Tornquist und Jury Everhartz im Herbst angetreten, um das interessierte Publikum mit ihrem Neuen Musiktheater zu erfreuen. Da jedoch das siebenteilige Kammeropern- festival entlang der christlichen Werke der Barmherzigkeit #Corona-bedingt nicht auf der Bühne beendet werden konnte, hat sich das sirene Operntheater entschlossen,

dessen letzten Teil zu verfilmen und ab sofort als kostenlosen Stream anzubieten. Nach unter anderem Zusammenarbeiten von Antonio Fian und Matthias Kranebitters „Black Page“, Thomas Arzt und Dieter Kaufmann oder Martin Horváth und PHACE, widmen sich Autorin Helga Utz und Komponist Thomas Cornelius Desi nun Kirchenvater Lactanius‘ Punkt sieben nach der Endzeitrede Jesu, Gefangene vom Feind loskaufen. „Die zunehmende verbale und ethische Verwahrlosung des Diskurses, die Verhärtung gegen jene, denen es schlechter geht, und das Gefühl, mit Europa und der Welt gehe es unaufhörlich bergab, hat uns dazu inspiriert, ja fast gedrängt, dem etwas Positives entgegenzusetzen“, so Everhartz und Tornquist.

Die auch die Verfilmung der Wien-Modern-Kooperation übernommen hat. „Die Verwechslung“ heißt das Werk, das die Zuschauerin, den Zuschauer in die DDR des Jahres 1981 versetzt, 1981 das Datum, zu dem der 24-jährige Bürgerrechtler Matthias Domaschk in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Gera unter bis heute ungeklärten Umständen stirbt, und zu dem an Stasi-Hauptmann Werner Teske wegen Vorbereitung seiner Flucht in den Westen das letzte Todesurteil der DDR-Justiz vollstreckt wird.

„please release me ostseefisch“: Johannes Czernin als Gustav. Bild: © Kristine Tornquist

Gustav hat sich die Freiheit auf die Fahnen geheftet: Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Das Geheimnis um Hedwig hat Vater alles gekostet: Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Das belauschte Gebet: Günther Strahlegger und Katrin Targo. Bild: © Kristine Tornquist

All das mag Helga Utz beim Schreiben im Hinterkopf gehabt haben. Kristine Tornquist zeigt in Raum und Requisiten von Markus und Michael Liszt, Kostüm und Maske: Katharina Kappert und Isabella Gajcic, die Kaffee-und-Kuchen-Tristesse der Familie Dauter. Dauter, das klingt nach doubter, und solche hat’s hier zwei: den Vater und seinen Sohn Gustav, Günther Strahlegger und Johannes Czernin. Ingrid Haselberger ist dessen verwirrt-verängstigte Oma und Katrin Targo die kadertreue Tante Ilse.

Schon heben sie an, die Streitgesänge um Staats(zuge)hörigkeit, Revolutionär Gustavs Haare nach der jüngsten „Außenseiter“-Mode so Puhdys-lang, dass er die Parteiparolen nicht hören kann, bis der Vater ein (Ohn-)machtwort spricht. Hedwig, wird man später erfahren, ist das Geheimnis, das Vater alles gekostet hat, die Ehefrau, die „rübermachte“. Die Streicher des œnm . œsterreichisches ensemble fuer neue musik unter der Leitung von François-Pierre Descamps unterstreichen das düstere Szenario, und werden auch Omas Konfusion wie ein Bienenschwarm umschwirren.

Chaos, Kakophonie, das Libretto ein Familienzwist in gesungen-gestammelten, sich wiederholenden Halbsätzen, wortdeutlich!, denn der vorgeführte SED-Stimmraub ist ein stimmgewaltiger – und ein „please release me ostseefisch“ aus Gustavs Kassettenrekorder im Kinderzimmer. Wo er sich eine „Freiheit“ auf die Fahnen heftet, für die er verhaftet und unter Schreibmaschintippen und Handschellenklirren verhört wird. Gefängnis, Folter, drei Tage nackt im winterkalten Haftanstaltshof, das hat das Regime perfekt von der Vorgängerdiktatur gelernt. Sie habe Faschisten, Rote Armee, Flucht im Schnee überlebt, singt die Oma und macht sich, während Ilse fürchet, „Gustav wird uns alle mit in die Tiefe ziehen“, auf die Suche nach dem im System verschollenen Enkel.

Indoktrinationstelefonat: Haselberger und Targo. Bild: © Kristine Tornquist

Czernin, Haselberger und Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Köfferchen gepackt: Strahlegger und Haselberger. Bild: © Kristine Tornquist

„Die Verwechslung“ beweist sich als Parabel über gleichgeschaltete Gesellschaften, über Message Control und Meinungsmainstream. Filmisch ist das vom Feinsten umgesetzt, mittels welchen Mediums sonst könnten Solistinnen und Solisten in Gedanken singen? Tornquist besorgt mit Überblendungen Rückblicke und Schauplatzwechsel im Stakkato, die verliebt-verträumte Jung-Ilse im roten Kleid, nun Arm in Arm mit NVA-Mann Knut, ein übler Bursche, wie Oma weiß, während das Publikum ihn beim Flirten mit Ilse sieht.

Es sind derlei Einfälle, die die sirene-Produktion besonders machen. Verwanzte Festnetztelefonate, die Ilse offenbar steuern, frei nach Nestroy: die beste Nation ist die Indoktrination, der Vater unter West-Spitzel-Verdacht, sein Gebet, Du sollst keinen Gott nehmen Erich Honecker haben …, von Ilse belauscht, ein musikalisch lyrischer Moment, seine Sünde die Mehrzimmerwohnung. Das Liszt’sche Labyrinth aus Räumen, durch das die Protagonistinnen und Protagonisten gleich Versuchstieren irren, wird vom Kamera-Auge aus immer wieder ungewöhnlichsten Big-Brother-Winkeln eingefangen.

Nicht zuletzt dank „Knut“ Gebhard Heegmann, Kari Rakkola und Bärbel Strehlau als bösartigem Beamtenapparat ist „Die Verwechslung“ eine hochdramatische Arbeit, in die das gesanglich naturgemäß exzellente Ensemble auch darstellerisch sein ganzes Herzblut fließen lässt. Der Titel des Werks entschlüsselt sich zum Schluss, Gustav wird auf die Krankenstation des Gefängnisses verlegt, wo ihm Krankenschwester Pauline, Marelize Gerber als Schutzengel in Weiß, zur Identität eines eben verstorbenen Insassen verhilft.

Stasi-Verhör: Kari Rakkola, Gebhard Heegmann, Bärbel Strehlau und Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Vaters Anklage: Katrin Targo, Ingrid Haselberger und Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Stasi-Folter: Kari Rakkola und Johannes Czernin „im winterkalten Hof“. Bild: © Kristine Tornquist

Auf der Krankenstation: Rakkola, Heegmann, Marelize Gerber und Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Dieser war Sohn eines „OFS in der AKG der HA IX“, heißt: eines Offiziers für Sonderaufgaben in der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung IX des Ministeriums für Staatssicherheit, verblüffend, was Helga Utz so alles recherchiert hat, und so kommt Gustav nicht nur mit einem blauen Auge ist gleich gebrochenen Rippen davon. Gustav soll sogar, begleitet vom freilich ebenso wie er falschem Vater, im Westen behandelt werden, die Puschkinallee 28 wird das regeln, „Die Verwechslung“ sein Leben retten.

Der Mensch im Arbeiter- und Bauernstaat ist längst nur noch Aktenzeichen, da fällt sowas nicht weiter auf. Mit Pauken und Trompeten, also zwei Schlagwerkern und Flötentönen, geht’s für Gustav und Vater freudetanzend über den DDR-„Schutzwall“. Vater, der sich nun Herwig nennt, und den damit nur noch ein Buchstabe von seiner Frau trennt. Und die Moral von der Geschicht‘: Mag es auch immer und überall Menschen geben, die „gleicher“ sind (© George Orwell), Grenzen können überwunden werden, Mauern stürzen ein. Nur Mut! Mut!

www.sirene.at/video/verbesserung-der-welt-7-die-verwechslung          www.sirene.at           www.wienmodern.at

  1. 1. 2021

Elfie Semotan im Kunst Haus Wien. Ab 13. März

Dezember 28, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Haltung und Pose: Eine Werkschau zum 80. Geburtstag

Inspiriert von einem Kollegen: Vivien Solari („Life moves fast“ inspired by Jeff Wall), New York, 1999. Courtesy Studio Semotan. © Elfie Semotan

Anlässlich ihres 80. Geburtstags würdigt das Kunst Haus Wien die große österreichische Fotografin Elfie Semotan in seiner Eröffnungsausstellung 2021 mit einer umfangreichen Werkschau. Präsentiert wird das vielschichtige und umfangreiche Schaffen der Kamerakünstlerin – von ihren weltberühmten Modeaufnahmen für Helmut Lang, Liska oder Zalando über Werbe-Auftragsarbeiten für Palmers und Römerquelle bis hin zu ihren faszinierenden Aufnahmen von Ateliers, ihren berührenden Landschaftsaufnahmen und Stillleben und ihren bekannten

Künstler- und Künstlerinnenporträts. Von Persönlichkeiten wie William Dafoe oder Missy Elliott und Models wie Naomi Campell, Claudia Schiffer oder Cordula Reyer – die Schau „Haltung und Pose“ zeigt ab 13. März mehr als 160 Arbeiten. „Über diese große Museumsausstellung freue ich mich sehr und bin auch stolz, da das Kunst Haus Wien jener Ort in Wien ist, der sich kontinuierlich mit künstlerischer Fotografie auseinandersetzt“, sagt Elfie Semotan und erklärt: „Die Ausstellung-Komposition wird extravagant, meine Arbeit wird nicht chronologisch, sondern aus einem neuen intuitiven und innovativen Blickwinkel präsentiert.“

Über die Künstlerin:
Die 1941 in Wels geborene Elfie Semotan besucht in Wien die Modeschule und geht im Anschluss, im Alter von 20 Jahren, nach Paris, wo sie für einige Jahre als Mannequin arbeitet und Einblick in die Welt der Mode und der Fotografie erhält. In Paris lernt Semotan auch Sarah Moon kennen, die später neben Elfie Semotan, Corinne Day und Ellen von Unwerth zu den wenigen sehr erfolgreichen Modefotografinnen in dieser männerdominierten Branche gehören wird.

Von Moon inspiriert, lernt Semotan von ihrem damaligen Partner, dem kanadischen Fotografen und Filmemacher John Cook, schließlich selbst den Umgang mit der Kamera wie auch die Arbeit in der Dunkelkammer und entwickelt ihr außergewöhnliches Gespür für Licht. Cooks ans Filmische angelehnte und in Geschichten gedachte fotografische Herangehensweise sollte Semotans Art zu fotografieren beeinflussen. Prägend wirkt sich auch ihre eigene Erfahrung als Fotomodell aus.

Gerhard Freidl, Wien, 2009. Courtesy Studio Semotan. © Elfie Semotan

Self-portrait, New York, 2000. Courtesy Studio Semotan. © Elfie Semotan

o.T. (Inspiriert von Roy Lichtenstein), New York, 2002. Courtesy Studio Semotan. © Elfie Semotan

In der Zusammenarbeit mit professionellen Models, aber auch bei ihren Porträtaufnahmen setzt Semotan fortan auf eine angenehme Atmosphäre und eine offene Kommunikation. Durch ihre lockere, aber respektvolle Art holt sie ihre Modelle aus der Defensive. „Ich weiß, wie alleine gelassen man sich fühlt, wenn einem der Fotograf nicht sagt, wohin die Reise gehen soll. Man muss den Menschen vor der Kamera von seinen Ängsten und Eitelkeiten ablenken, denn sonst verkrampft er und versucht, möglichst schön und souverän auszusehen, und das verhindert, dass gute Bilder entstehen“, reflektiert die Künstlerin ihre Art, Menschen zu fotografieren.

Nach einigen Jahren in Paris, vielen Reisen in die Modemetropolen London, New York und Mailand und ersten Aufträgen als Fotografin kehrt Semotan nach Wien zurück. Dort reüssiert sie in den 1980er-Jahren als Mode- und Werbefotografin, bis sie in den 1990er-Jahren durch ihre Arbeit mit Helmut Lang, für den sie exklusiv die Modekampagnen fotografiert, schließlich weltbekannt wird. Es sind ihre Fotografien, die das kühle und intellektuelle Image der minimalistischen Mode des Stardesigners transportieren. Nun entstehen Modestrecken für weitere große Labels und ihre bekannten Porträtaufnahmen wichtiger Persönlichkeiten.

Elfie Semotans fotografischer Ansatz ist von Beginn an, mehr als nur schöne Kleider und Produkte abzubilden. Sie inszeniert und konstruiert innerhalb des Bildformats Geschichten. Auf dem Produkt, um das es geht, liegt – siehe ihre Arbeiten für Römerquelle – dabei oft nicht das Hauptaugenmerk. Anfang der 2000er-Jahre treibt Semotan diese Inszenierung in einer später legendären Modestrecke auf die Spitze: Die Models sind nur noch auf TV-Bildschirmen zu sehen, die einen Teil des fotografierten Interieurs bilden. Semotan wird zur Meisterin im Verknüpfen von Kreativität und Kommerzialität.

Kunst als Inspirationsquelle: o.T. (Floor Dance), New York, 1998. Courtesy Studio Semotan. © Elfie Semotan

Die Kunst und die Kunstgeschichte dienen ihr vielfach als Inspirationsquelle. Ihre Nähe zur bildenden Kunst wurde auch durch ihre Ehen mit den Künstlern Kurt Kocherscheidt und Martin Kippenberger verstärkt. Semotan nutzt ihr umfassendes Kunstverständnis und geht sehr frei und kreativ an ihre Aufträge heran. Künstlerische Aneignungen, Adaptionen und Hommagen an Kunstwerke, Künstlerinnen und Künstler finden sich in etlichen ihrer Serien, etwa „Inspired by Lucian Freud“ aus dem Jahr 1997, „Präraffaeliten“ von 2005 und in Arbeiten, die auf ikonische Bilder von so berühmten Fotografinnen und Fotografen wie John Coplans, Diane Arbus, Irving Penn oder Robert Frank Bezug nehmen.

www.kunsthauswien.com           semotan.com

Programmvorschau 2021: www.youtube.com/watch?v=yBktIA0jRhk           Trailer: www.youtube.com/watch?v=61JQ8RlJHYM           www.youtube.com/watch?v=DpViSCkAvRw

28. 12. 2020

Technisches Museum Wien: Künstliche Intelligenz?

Dezember 17, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Utopien und Hysterien rund um humanoide Roboter

Neuronale Netze. Bild: © Sebastian Weissinger / Technisches Museum Wien

Nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit lässt einen der technologische Fortschritt an­gespannt in die Zukunft blicken – ob neugierig oder verunsichert, ob heilserwartend oder apokalyptisch. Das Technische Museum Wien beleuchtet und reflektiert in der Sonderausstellung „Künstliche Intelligenz?“ ab 17. Dezember Fakten und Mythen um eines der größten Innovationsthemen des 21. Jahrhunderts. Mittlerweile vergeht kaum ein

Tag, an dem in den Medien nicht über Künstliche Intelligenz berichtet wird. Man liest über technologische Meilensteine und bahnbrechende Innovationen, fantastische Zukunfts­visionen, die an Science Fiction erinnern, und über stetig neue Anwendungsgebiete, die vom Gesund­heits­bereich über Industrie bis hin zur Kunst reichen. Aber auch über heikle ethische und soziale Frage­stellungen, die nicht nur durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, sondern auch durch ihre Programmierung aufgeworfen werden. Dass man dem Phänomen Künstliche Intelligenz mit Faszination, Respekt oder Skepsis begegnet, ist ver­ständlich.

Denn tatsächlich beruht ihr Wesen auf dem Versuch, eine Fähigkeit des Menschen nachzu­bauen, die man schon für sich genommen nicht so genau versteht. Wodurch unterscheidet sich Künstliche Intelligenz aber nun von menschlicher? Was kann sie leisten, was wird noch länger ein unerfüllter Traum bleiben und wo begegnet sie einem bereits im Alltag, auch ohne, dass man es bemerkt? Das Technische Museum Wien eröffnet Besucherinnen und Besuchern einen transparenten, reflektierten Blick auf Utopien und Hysterien, die sich um humanoide Roboter und Künstliche Intelligenz ranken. Die Ausstellung präsentiert die derzeitigen technologischen Entwicklungen und will zeigen, woran mit welchen Zielen geforscht wird.

Welche gesellschaftlichen Auswirkungen von den Ergebnissen zu erwarten sind und was hinter Trend-Schlagworten wie „maschinelles Lernen“, „Algorithmus“ oder „autonome Systeme“ tatsächlich steckt. Auf fünf Stockwerken wird gemeinsam mit dem Publikum reflektiert, wie man mit Maschinen interagiert, wie Künstliche Intelligenz überhaupt funktio­niert und wie sie den Alltag – auch unbewusst – verändert. Schließlich wird das künstlerische Potenzial der Maschinen ebenso wie die Möglichkeiten, die sich für Mobilität und Stadtentwicklung bieten, untersucht.

Das gläserne Gehirn, 1950er-Jahre. Bild: © Technisches Museum Wien

Spielzeugroboter „Aibo“, 2020. Sony Corporation, Tokio. Bild: © Sebastian Weissinger / Technisches Museum Wien

Kybernetische Maschine „MM7, Selektor“, 1961. Von Claus Christian Scholz-Nauendorff, Wien. Bild: © TMW

Level 1: Die Maschine als Gegenüber. Gleich zu Beginn der Entdeckungsreise werden Besucherinnen und Besucher von Cruzr, einem der fortschrittlichsten Serviceroboter weltweit, mit einer Einführung in die Ausstellung und in seine „Ahnengalerie“ empfangen. Nach der Begegnung mit einem autonomen, humanoiden Roboter ist man aufgefordert zu reflektieren, wie man im Alltag mit Maschinen interagiert. Denn jeder Knopfdruck, jeder Mausklick, jede Berührung am Touchscreen ist Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Diese Schnittstellen werden im Zeitverlauf zwar immer intuitiver, aber auch problematischer: Der Spracheingabe folgen neuartige Anwendungen, die auch Mimik, Gestik und Verhalten ebenso wie den Daten-Fußabdruck interpretieren sollen.

Level 2: Ins Innere der Künstlichen Intelligenz. Was ist das Wesen und der Ursprung von Intelligenz? Im Bestreben das menschliche Gehirn zu begreifen, gab es historisch sowohl wissenschaftliche Irrwege ebenso wie bemerkenswerte Entdeckungen, dennoch scheint ein vollständiges Verständnis der komplexen Funktionsweisen des Gehirns nach wie vor in weiter Ferne. Welche Erkenntnisse können die Menschen aber bereits auf die technologische Imitation von Intelligenz umsetzen? Wie trainiert man Maschinen? Und kann man im Ergebnis noch den Unterschied zwischen Mensch und Maschine erkennen? In interaktiven Stationen können Besucherinnen und Besucher dies und vieles mehr hautnah erleben.

Level 3: Im Alltag. Historisch gesehen versprechen die Menschen sich  schon lange eine Arbeitserleichterung im Alltag durch den Einsatz von Technik. Von der Künstlichen Intelligenz, die als Gipfel der Automatisierung gesehen werden kann, erwartet man sich mehr als von bloß smarten Haushaltsgeräten. Während Zukunftsfantasien an autonome Roboter denken, die einen im realen Raum unterstützen, vergisst man oft, dass Künstliche Intelligenz in die digitalen Welt bereits Einzug gehalten hat. Wo einem diese Algorithmen begegnen und wie sie wirken soll hier kritisch reflektiert werden.

Level 4: Kunst und Künstlichkeit. Kreativität wird als etwas zutiefst Menschliches interpretiert, dennoch kann Künstliche Intelligenz bereits Sinfonien komponieren, Gedichte schreiben und Bilder malen. Das wirft die Frage auf: Was bedeutet Kreativität eigentlich und was soll Kunst in Menschen auslösen? Besucherinnen und Besucher können erleben und ausprobieren, wie einen Künstliche Intelligenz im eigenen Schaffen inspirieren kann.

Flötenspielautomat „Automa suonatore di flauto“, 1849. Von Innocenzo Manzetti, Aosta. Bild: © Sebastian Weissinger / TMW

Mock-up des Roboters „Telenoid R4“, 2013. Entwickler: Hiroshi Ishiguro, Osaka. Bild: © Sebastian Weissinger / TMW

Serviceroboter Cruzr, 2019. Hersteller: UBTECH Robotics, Shenzhen, China. Bild: © UBTECH Robotics

Sexroboter im sehr privaten Bereich. Bild: © Sebastian Weissinger / Technisches Museum Wien

Level 5: Mobilität im Wandel. Der Traum vom selbstfahrenden Auto ist beinahe so alt wie das Auto selbst. Woher kommt diese Sehnsucht, was ist der aktuelle Stand der Technik und wie könnte die Zukunft der Mobilität auch abseits des Individualverkehrs aussehen? Welche Auswirkungen diese und andere Zukunftsszenarien vor allem unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit haben können, evaluiert der Wissenschaftspublizist Florian Aigner abschließend in einer Videoinstallation.

Mit zahlreichen interaktiven Erlebnissen und multimedialen Stationen lädt die Ausstellung „Künstliche Intelligenz?“ zum immersiven Eintauchen in die Thematik und zu einem aktiven Museumsbesuch ein. Außerdem werden sowohl historische als auch aktuelle Highlight-Objekte gezeigt, wie zum Beispiel das „Gläserne Gehirn“, das in zehnfach vergrößerten Maßstab den Informationsfluss im menschlichen Gehirn veranschaulicht, der moderne Roboter Cruzr ebenso wie seine „Vorfahren“, die bis ins 18. Jahr­hundert zurückreichen, oder die ikonische Darstellung eines Neuronalen Netzwerks, die eigens für die Ausstellung erstellt wurde und weltweit einzigartig ist.

In einer bewegten Entdeckungsreise reflektiert die Ausstellung gemeinsam mit dem Publikum das Potenzial und die Risiken der Künstlichen Intelligenz auf unaufgeregte Weise und zeigt, wie zeitlos die dahinterstehenden menschlichen Wunschvorstellungen sind. Denn schließlich ist auch diese innovative Technologie ein Werkzeug wie jedes andere, aber der Diskurs, für welche Zwecke man die einsetzt, sollte mit breiter gesellschaftlicher Beteiligung erfolgen …

www.technischesmuseum.at           Filmtipp: Maria Arlamovsky: Robolove, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41806

17. 12. 2020