Jüdisches Museum Wien: Die drei mit dem Stift. Lily Renée, Bil Spira und Paul Peter Porges

Mai 6, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zeichnen als Werkzeug zum Überleben

Bil Spira, Zeichnung aus dem Lager Blechhammer, Gouache und Buntstifte auf Papier, 1944 © Imperial War Museum London

Ab 8. Mai zeigt das Jüdische Museum Wien Zeichnungen von Lily Renée, Bil Spira und Paul Peter Porges. „Die drei mit dem Stift“ eint ein gemeinsames Schicksal. Drei Künstler, die als jüdische Kinder in Wien aufwuchsen, ihre Heimat nach dem so genannten „Anschluss“ verlassen mussten und anderswo erfolgreich wurden – zwei in den USA, einer in Paris. Ihre Zeichenstifte setzten sie als Werkzeuge zum Überleben ein, als nicht nur friedliche Waffen.

Die drei, das ist zum einen Lily Renée, geboren 1921; sie entkam nach England und konnte sich in New York als Zeichnerin und Illustratorin von Kinderbüchern verwirklichen. Unter anderem machte sie aus der Comics-Superheldin Señorita Rio eine Kämpferin gegen Nazis und andere böse Mächte und schuf damit zur Kultfigur für Generationen von Fans.

Fotografie, Lily Renée, 1940er © Privatbesitz

Lily Renée, Titelblatt Fight Comics, Dezember 1946 © Privatbesitz Lily Renée

Das ist ferner Wilhelm „Bil“ Spira (1913-1999), Porträtist und Karikaturist, Maler und nicht zuletzt ein begnadeter Fälscher: Unzähligen in Vichy-Frankreich Gestrandeten fertigte er Visa und Pässe für eine Passage in die Freiheit an. Spira überlebte Verrat und Vernichtungslager, nach dem Krieg konnte er seine Karriere in Paris erfolgreich fortsetzen.

Bil Spira beim Porträtieren von Fans im Böhmischen Prater, 1938. © Wien Museum / Bild: Robert Haas

Bil Spira, Karikatur für die Arbeiter-Zeitung, 2. Juli 1933 © Jüdisches Museum Wien

Das ist schließlich Paul Peter Porges (1927-2016); als Kind bereits an der Wiener Kunstgewerbeschule, als Halbwüchsiger in der „Kinderrepublik“ und in Internierungslagern in Frankreich, als junger Mann in der Genfer Kunstschule. Mit Mutterwitz und dem Stift in der Hand schaffte er es in die Vereinigten Staaten und dort auf die großen Bühnen für Cartoonisten, allen voran den New Yorker und das Mad Magazine.

Paul Peter Porges, Zeichnung, Anschluss Heldenplatz, ca. 2000 © Jüdisches Museum Wien

Paul Peter Porges, mit Selbstporträt, während seiner Zeit bei der US-Army, 1951-52 © Jüdisches Museum Wien

Diese drei Zeichner haben Erstaunliches zu Papier gebracht – enthüllende Karikaturen und liebevolle Porträts, Satiren auf die Gesellschaft und Dokumente des Schreckens. Aus Wien stammend, mussten und konnten sie sich anderswo behaupten. Während der Flucht beziehungsweise Gefangenschaft und danach setzten sie ihre Fähigkeiten auch als künstlerische Waffen ein. Mit Feder, Bleistift und Pinsel, vor allem mit Witz und Courage, zeigten sie auf, was ist und was anders sein soll, was der Lächerlichkeit preiszugeben ist und was nicht vergessen werden darf. Das Jüdische Museum Wien zeigt eine repräsentative Auswahl an Arbeiten. Lily Renée, Bil Spira und Paul Peter Porges – für das österreichische Publikum neu entdeckt.

www.jmw.at

6. 5. 2019

Schauspielhaus: Das Leben des Vernon Subutex 1+2

Mai 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Currysuppe gegen Dreigangmenü

In der Bar Rosa Bonheur: Clara Liepsch als Céleste, Steffen Link als Daniel, Simon Bauer als Patrice, Jesse Inman als Vernon Subutex, Sebastian Schindegger als Xavier und Anna Rot als Hyäne. Bild: © Matthias Heschl

Die Zweiklassengesellschaft gibt es sogar beim Nachtmahl. Besteht dies doch für die einen aus Currysuppen-Street-Food, immerhin einzunehmen in Anwesenheit des Titelantihelden, für die anderen hingegen wird Boboausspeisung aufgewartet, Spargelrisotto und so, an der prächtigen Tafel von Marie-Ange und Xavier. Die Kluft zwischen oben und unten symbolisiert mit Plastikschüsseln vs Porzellantellern, auf dem ureigensten Gebiet der Franzosen also, der Küche.

Das passt perfekt zum kapitalismuskritischen Grundton von Virginie Despentes‘ Bestsellerromanen „Das Leben des Vernon Subutex“. Deren Teile 1+2, in Buchform ist die Trilogie vollendet, zeigen Tomas Schweigen und Tobias Schuster nun in von ihnen erstellter Bühnenfassung am Schauspielhaus Wien, Regie: Schweigen, und die Erwartungen an dessen szenische Umsetzung der literarischen Sensation der Jahre 2015 bis 2017 werden nicht enttäuscht. Schweigen packt Despentes‘ witzig-wütenden Text über Abstiegshysterie und Anspruchsdenken in eine vierstündige Tour de Force für sieben Schauspieler. Bis auf Jesse Inman als Subutex haben alle mehrere Rollen zu stemmen, und sie tun dies mit dem für sie typischen Mix aus Eindringlichkeit und Nonchalance.

Vernon Subutex, der Vorname einem Pseudonym des französischen Autors Boris Vian entliehen, der Nachname der eines Schmerzmittels, das man in der Behandlung Heroinabhängiger einsetzt, ist ein pleitegegangener Plattenladenbesitzer. Allein der Beruf schon Hinweis auf Vernons Aus-der-Zeit-Gefallen-Sein, und nachdem er verkauft hat, was irgend verkauft werden konnte, der nächste Schicksalsschlag: Sein Finanzspritzen setzender Freund und Popstar Alex Bleach stirbt an einer Überdosis. So wird Subutex zum Sofasurfer, kurvt von einer Couch zur nächsten, erschleicht sich Schlafgelegenheiten bei ewig nicht mehr gesehenen Freunden, ehemaligen Geliebten, Ex-Bandkollegen.

Ein letztes Ass hat Vernon noch im Ärmel: Alex hat ihm die Videoaufzeichnungen eines Selbstinterviews hinterlassen, das letzte Zeugnis des Musikgenies, ein Gottesgeschenk für den Boulevard. Und so hat es Vernon bald nicht nur mit seiner früheren Bassistin, jetzt schwer übergewichtigen Emilie, dem verkrachten Drehbuchautor Xavier oder seinem alten Freund und Frauenprügler Patrice zu tun, sondern auch mit dem skrupellosen Filmproduzent Dopalet, der Vernon zwecks Erhalt der Bänder die „Hyäne“ auf den Hals hetzt … So verrückt das klingt, so irre ist es auch. Despentes lässt vom identitären Skinhead bis zur muslimischen Jusstudentin, vom koksenden Trader über den transsexuellen Pornodarsteller, von der promiskuitiven Musikjournalistin bis zur Cyber-Mobberin keine Spielart der Gattung Mensch aus, um ihre These einer radikalisierten Einzelkämpfergesellschaft zu untermauern.

Vernon mit Patrice und Xavier: Simon Bauer, Jesse Inman und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Vernon gibt Emilie die Bänder mit Alex Bleachs Autointerview: Vera von Gunten und Jesse Inman. Bild: © Matthias Heschl

Den karriere- und gewinnorientierten Druckkochtöpfen stellt sie ein Personal an abgeklärten Aussteigern gegenüber, etwa die überzeugte Obdachlose Olga, und so nimmt es nicht wunder, dass in all dem Chaos ausgerechnet der abgesandelte Vernon Subutex der Ruhepol ist. Jesse Inman spielt ihn mit der würdevollen Lässigkeit eines, dem das Begreifen dafür fehlt, was das Dasein an Tiefschlägen für ihn vorgesehen hat. Ihre Desillusionstiraden lassen Simon Bauer als Dopalet und Patrice, Vera von Gunten als Emilie und Lydia Bazooka, Schauspielhaus-Neuzugang Clara Liepsch als Olga und Céleste, Steffen Link als Kiko und Daniel, Anna Rot als Sylvie und Hyäne und Sebastian Schindegger als Xavier auf ihn los. Jacob Suske begleitet den Angst-und-Aufgebrachtheitschor als Musiker.

Wiewohl Schweigen und Schuster von den aberhunderten Romanseiten etliche streichen mussten, ist ihnen ein konzises Destillat der ersten beiden Vernon-Bände gelungen, das kein Despentes-Thema – furchtsam-verunsicherte Mittelschicht, Aufstieg der Neuen Rechten, Islamisierung, Digitalisierung …- unerwähnt lässt. Wie die Autorin betreiben auch die Theatermacher in den von ihnen ausgebreiteten Milieus soziologische Devianzforschung. Dies in Form szenischer Miniaturen, dann wieder in Erzählpassagen, auch Spielfilmsequenzen, umgesetzt von Nina Kusturica und Michael Schindegger, sind ein Mittel der Wahl.

Live oder via Leinwand zeigt sich das Schauspielhaus-Ensemble in Hochform. Jesse Inman schafft auf sympathische Weise den Wandel vom Zero zum Szene-Hero und retour. Extrem wandlungsfähig sind auch Steffen Link, der sich nicht nur von Debbie zu Daniel verändert, sondern auch vom Rechtsdenker Kiko zum rechtsradikalen Schläger Loïc, und Clara Liepsch, die von der kurzgeschürzten Kellnerin zur matronenhaften Olga optisch die größte Metamorphose durchmacht. Und gerade als die Sache wegen ausufernder Monologe aus dem Ruder zu laufen scheint, fällt der Vorhang, heißt: das Projektionstuch, und gibt den Blick auf ein schickes Loft und die Party darin frei. Vernon Subutex arbeitet mit genialischem Gespür für den Geschmack des Publikums seine Playlists ab, die Zuschauer sind zur Gemeinschaftsekstase auf die Spielfläche eingeladen. Da kann man verschmerzen, dass einen das in den letzten Band der Trilogie verweisende apokalyptische Ende ohne entsprechendes Vorwissen nicht wirklich erreicht, Hinweis: es geht um die Terroranschläge vom 13. November 2015 in Paris, Hauptsache das Leben ist ein Rave.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=PJ5ETBPDvZo

www.schauspielhaus.at

1. 5. 2019

Wien Museum: Das rote Wien. 1919 – 1934

April 28, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Utopie, die sich in die Stadt eingeschrieben hat

Fritz Sauer: Kinderfreibad am Margaretengürtel, ca. 1926. Bild: © Wien Museum

Die ersten freien Wahlen zum Wiener Gemeinderat im Mai 1919 bringen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei die absolute Mehrheit, dies Anlass genug für eine Ausstellung, die das Wien Museum ab 30. April im Ausweichquartier MUSA zeigt. „Das rote Wien. 1919-1934“ – ein international hoch- beachtetes, von seinen Gegnern allerdings heftig bekämpftes soziales, kulturelles und pädagogisches Reformprojekt beginnt.

Angestrebt wird eine tief greifende Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter und eine Demokratisierung aller Lebensbereiche. Viele Reformideen datieren aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die neue Stellung Wiens als eigenes Bundesland seit 1920 erweitert die Handlungsspielräume dann beträchtlich. Die Ausgangsbedingungen sind katastrophal. Die im Vergleich mit anderen Ländern ohnedies schlechten Lebensumstände der Bevölkerung hatten sich im Ersten Weltkrieg noch einmal dramatisch verschärft. Wien ist die Krisenstadt des Kontinents, die anfangs massiv unter Hunger, Kälte und Obdachlosigkeit leidet. Zur ersten großen Herausforderung der neuen Stadtregierung wird die Wohnungsfrage. Auf der Grundlage einer revolutionären Fiskalpolitik, Stichwort: „Luxussteuern“, werden bis 1934 mehr als 60.000 Wohnungen, sowie zahlreiche Sozial-, Gesundheits-, Freizeit-, Bildungs-und Kultureinrichtungen geschaffen.

Die Bevorzugung des mehrgeschossigen Wohnbaus anstelle kleinteiliger Siedlungen am Stadtrand, wie das andernorts in dieser Zeit favorisiert und anfangs auch in Wien gefördert wird, und die Monumentalität einzelner Anlagen wie des Karl-Marx-Hofs, sind allerdings umstritten. „Wie leben?“ wird im Roten Wien mit hoher Intensität debattiert. Das betrifft alle Bereiche der täglichen Existenz: die Rollen von Frauen und Männern samt Verteilung der häuslichen Arbeit, die Betreuung und Ausbildung der Kinder, die Gestaltung der Freizeit, das Einrichten der Wohnungen, den Umgang mit Körper und Tod, die Aufgaben von Kunst und Kultur. Die Euphorie ist groß, die Ideen sind kreativ und gewinnen einen prominenten Teil des intellektuellen Wiens für das rote Reformprojekt.

Sigmund Freud, Hans Kelsen oder Robert Musil rufen 1927 als „geistiges Wien“ zur Wahl der sozialdemokratischen Partei auf. Anna Freud engagiert sich in der Fortbildung der Kindergärtnerinnen, Käthe Leichter befragt Arbeiterinnen nach ihren tatsächlichen Lebensumständen. Beratungsstellen werden eingerichtet, Ratgeber in hohen Auflagen publiziert, Projekte der noch jungen Sozialforschung gefördert und neue museale Vermittlungstechniken getestet. Otto Neurath entwickelt seine Methode der Bildstatistik, um soziale „Tatsachen und Zusammenhänge“ öffentlich zu kommunizieren.

Kinder der Jugendkunstklasse von Franz Cizek, ca. 1930. Bild: © Wien Museum

Gaudenzdorfer Gürtel, Turnen im Haydnpark, ca. 1926. Bild: Fritz Sauer © Wien Museum

Karl-Marx-Hof, Baugruppe für Gas-, Wasser- und Elektroanlagen, ca. 1929. Bild: © Wien Museum

Baumgartner Höhe, Lungenheilstätte, ca. 1926. Bild: © Wien Museum

Die „Wiener Schulreform“ unter Otto Glöckel arbeitet daran, die alte „Drillschule“ durch Aktivierung der Kinder zur Selbsttätigkeit zu überwinden und hat international Modellcharakter. Das Fürsorgewesen, das der Anatom Julius Tandler politisch verantwortet, zielt vor allem auf die körperliche Gesundheit der Kinder und Jugendlichen, greift dabei aber auch auf eugenisches Gedankengut zurück. So werden Wohlfahrtseinrichtungen, wie die Kinderübernahmsstelle im 9. Bezirk mit ihrer glitzernden Sauberkeit und ihren Fluchten aus Glas auch als Orte der Kontrolle und als Instanzen der Macht erinnert. Mit der Idee des „Neuen Menschen“ ist die Herausbildung einer aufgeklärten, klassenbewussten Arbeiterschaft gemeint. Als Voraussetzung gilt eine neue Kultur, die auf Gemeinschaft abzielt und bei Massenfesten und -aufmärschen, wie der Arbeiterolympiade 1931 mit viel Pathos demonstriert wird. Kritiker sehen darin eine Nachahmung religiöser Formen.

Nur wenig Einflussmöglichkeiten hat das Rote Wien hingegen auf die Arbeitswelt. Hier bleiben die sozialen Errungenschaften der jungen Republik, wie der Achtstundentag oder Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmer maßgeblich. In den Zeiten der großen wirtschaftlichen Depression nach 1929 schränken sich die Handlungsmöglichkeiten erheblich ein. Hinzu kommen der sich verstärkende Druck der bürgerlichen Bundesregierung und die wachsende Bedrohung durch den Faschismus. Die letzten Jahre des Roten Wien zeigen eine Ambivalenz zwischen symbolischer Stärke und tatsächlichem Machtverlust. Die Ausstellung fragt nach den spezifischen Voraussetzungen des Roten Wien, den langfristigen Wirkungen auf die Stadtstruktur und -gestalt, dem Verhältnis von austromarxistischer Ideologie und politischem Pragmatismus, den internationalen Einflüssen und nach den aktuellen politischen Potentialen dieser dynamischen und experimentellen Art der Kommunalpolitik.

Orte des Roten Wien: Sonderöffnungen und Spezialführungen

Die Schau geht über das MUSA hinaus und bezieht das reiche architektonische Erbe des Roten Wien mit ein, das sich als gebaute Utopie nachhaltig in die Stadt eingeschrieben hat. Mehr als zehn Orte mit jeweils unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten werden als „begehbare Objekte“ temporär für das Publikum zugänglich gemacht. Dazu zählen der weitgehend original erhaltene Tanzsaal im Karl-Seitz-Hof, ein Siedlerhaus aus den 1920er-Jahren in der Freihofsiedlung in Kagran, das Einküchenhaus, heute Heimhof, auf der Schmelz, in dem häusliche Arbeiten wie Kochen und Reinigen zentral organisiert wurden, das Vorwärts-Haus an der Wienzeile, die ehemalige sozialdemokratische Partei-und Verlagszentrale, die monumental ausgeführte, mit Kunst reich ausgestattete Zweite Wiener Gewerbliche Fortbildungsschule, das für die Arbeiterolympiade errichtete Praterstadion, heute Ernst Happel Stadion, das Atelier der Arbeiterfotografen der Naturfreunde im Turm des Lassallehofs, der Karl-Marx-Hof mit dem Museum in den ehemaligen Waschräumen, das von Ella Briggs entworfene Ledigenheim in der Billrothstraße, der einzigen selbständig und allein planenden Architektin im Roten Wien, die ehemalige Kinderübernahmssstelle auf dem Alsergrund, das von Otto Neurath gegründete Gesellschafts-und Wirtschaftsmuseum oder das Kongressbad mit seiner gewitzten Wiener Melange aus Konstruktivismus und Barock in Ottakring.

www.wienmuseum.at

28. 4. 2019

Weltmuseum Wien: Nepal Art Now

April 15, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschlechterkampf und politische Gewalt

The Kali – Odalisque: Manish Harijan, 2016. © Prithivi Bahadur Pande, Bild: Kailash K Shrestha

Das Weltmuseum Wien zeigt ab 11. April die bisher umfangreichste Ausstellung zu moderner und zeitgenössischer Kunst Nepals. In dieser ersten umfassenden Schau außerhalb des Landes sind etwa 130 Arbeiten – darunter Gemälde, Skulpturen, Videokunst und Installationen – von mehr als 40 nepalesischen Künstlern zu sehen. Die Ausstellung beginnt mit der Moderne in Nepal ab den 1950er-Jahren und reicht bis in die Gegenwart.

Die Ausstellung umfasst ein breites Spektrum an Positionen und Ausdrucksformen. Die bildende Künstlerin Sheelasha Rajbhandari zeigt in Wien eine Installation, in der sie sich mit der Diskriminierung von Frauen in patriarchalen Gesellschaften beschäftigt. Ang Tsherin Sherpas Arbeiten nehmen Anleihen an tibetisch-buddhistischer Ikonografie. Der Künstler abstrahiert, fragmentiert und rekonstruiert traditionelle Darstellungsweisen und untersucht dabei Erfahrungen der Diaspora. Die Werke des Künstlers Hit Man Gurung entstehen in Reaktion auf einige der dringendsten sozio-politischen Themen Nepals, wie Arbeitsmigration, Bürgerkrieg, politische Korruption oder das verheerende Erdbeben von 2015.

Trump, Putin, Kim Jong Un: Peace Owners II: Sunil Sigdel, 2016. © Yogeshwar Amatya, Bild: Sunil Sigdel

We are at War without Enemies: Hit Man Gurung, 2016. © Prem Prabhat Gurung, Bild: ArTree Nepal

Neben bereits etablierten Künstlerinnen und Künstlern wie Lain Singh Bangdel, Laxman Shrestha, Ang Tsherin Sherpa, Ashmina Ranjit oder Hit Man Gurung sind auch zahlreiche Newcomer zu sehen. Manche haben Akademien außerhalb ihres Landes besucht, andere wiederum sind weit gereist und haben sich viele neue künstlerische Praktiken aus den verschiedensten Teilen der Welt angeeignet.

Daher kann es nicht überraschen, dass sich bestimmte Aspekte der zeitgenössischen Kunst Nepals internationalen Diskursen in diesem Bereich verdanken. Auch wenn die gezeigten Werke in der Kultur und den Traditionen Nepals verankert sind, schildern und behandeln sie allgemeine Fragen: Die dargestellten Themen reichen Umweltzerstörung, politisch motivierter Gewalt, dem Verhältnis der Geschlechter, der Kommodifizierung religiöser Traditionen oder der Stellung der Frau in der Gesellschaft. Die Arbeiten erzählen von der Entwicklung sowohl der Kunst als auch der Politik und der Gesellschaft des Landes.

Sie werfen ein Schlaglicht auf die kulturelle Landschaft eines Landes, das erst in den vergangenen sechzig bis siebzig Jahren seine Grenzen für die Welt öffnete. Seitdem hat Nepal enorme politische und gesellschaftliche Veränderungen erlebt, die wiederum seine Kunstszene beeinflusst haben. In der westlichen Welt ist Nepal vor allem als Hippie-Destination der 1960er- und 70er-Jahre und als begehrtes Ziel für Bergsteiger bekannt. Weniger bekannt ist die pulsierende Kunstszene des Landes, obwohl sich die nepalesische Hauptstadt Kathmandu mit seinem seit 2009 bestehenden International Art Festival und der Triennale 2017 bereits in die globale Kunstwelt eingeschrieben hat.

Fly High: Ang Tsherin Sherpa, 2018. © Ang Tsherin Sherpa, Bild: Fotohollywood

Die traditionellen religiösen Darstellungen aus Nepal, die das Publikum in Museen als Kunstwerke zu verstehen gewohnt ist, wurden von anonymen Meistern gefertigt. Zu reinen Kunstwerken wurden sie erst durch die museale Präsentation und ihre Integration in den globalen Kunstkanon, freigespielt aus ihrem ursprünglichen religiösen Kontext. Das allermeiste von dem, was gegenwärtig in Nepal an Kunst geschaffen wird, präsentiert sich jedoch gänzlich anders.

In der Schau „Nepal Art Now“, bezieht sich der Begriff „zeitgenössische Kunst“ daher nicht auf ein Kunst­genre, vielmehr ist er von einer rein zeitlichen Dimension geprägt. Es geht um das, was im vergangenen halben Jahrhundert entstanden ist. Die in enger Zusammenarbeit mit nepalesischen Künstlern und Kunsthistorikern getroffene Auswahl der Bilder, Skulpturen und Installationen spiegelt gleichzeitig die Vielfältigkeit dessen wider, was an einem Tag geschaffen werden konnte. Der Bogen spannt sich dabei von rein abstrakten Arbeiten bis hin zu traditioneller, spirituell-religiöser Paubha-Malerei. Mehrere der beteiligten Künstlerinnen und Künstler werden im Laufe der Ausstellungsdauer für Artist Talks im Weltmuseum Wien zu Gast sein.

www.weltmuseumwien.at

15. 4. 2019

Jüdisches Museum Wien: Arik Brauer. Alle meine Künste

April 3, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die große Schau zum 90er

Arik Brauer auf Schloss Rastenberg, März 2001. Bild: © Mijou Kovacs

Das Jüdische Museum Wien feiert den 90. Geburtstag des Universalkünstlers Arik Brauer ab 3. April mit einer Ausstellung, die die verschiedenen Facetten seines Lebens und seiner Arbeit präsentiert. Die Schau zeigt nicht nur sein künstlerisches Schaffen, von der Malerei, Keramik, Musik, Tanz, Bühnenbild bis zur Architektur, sondern verweist auf die enge Verknüpfung von Arik Brauers Werk mit Wien, Israel und mit dem Judentum per se.

1929 als Erich Brauer geboren, wuchs er im Wiener Vorort Ottakring als Gassenbub mit jüdischen Wurzeln auf. Einen großen Teil seiner Freizeit verbrachte er mit anderen Kindern in den Gassen und Parks des Bezirks. Schon früh wurde Arik Brauer ein guter Beobachter des Alltagslebens. Dies ist anhand seiner Kinderzeichnungen nachzuvollziehen. Personen in seiner Nachbarschaft beflügelten seine Phantasie und einige sind als Figuren in seinen Bildern wiederzufinden. Neben der Volksschule besucht er auch den jüdischen Religionsunterricht, wo ein Lehrer seine schöne Singstimmte erkannte und ihn zum Vorsingen in den Turnertempel schickte. Der „Anschluss“ 1938 beendet brutal seine sorglose Kindheit. Arik Brauers Vater, ein orthopädischer Schuster, wird im Konzentrationslager in Lettland ermordet. Arik bleibt mit seiner Mutter und seiner Schwester in Wien und arbeitet als Tischlerlehrling für den „Ältestenrat“ der Kultusgemeinde. In einem Schrebergarten versteckt, erlebt er das Ende der Nazi-Diktatur und die Befreiung Wiens durch die sowjetische Armee.

Arik Brauer an der Akademie der bildenden Künste Wien, ca. 1950. Bild: © Privatbesitz Arik Brauer

Arik Brauer mit Friedensreich Hundertwasser in dessen Bauernhaus in La Picaudière, Normandie, 1963. Bild: © Privatbesitz Arik Brauer

Nach 1945 studiert Arik Brauer an der Akademie der bildenden Künste Wien. Zu dieser Zeit eroberte die abstrakte Malerei die Kunstwelt. Die entgegengesetzte Richtung etablierte sich im Turmzimmer der Meisterklasse von Albert Paris Gütersloh, die Arik Brauer besuchte. Ausgehend vom Surrealismus wurden hier in altmeisterlicher Technik Fantasiegestalten erfunden und gemalte Geschichten erzählt. Trotz der Vorbehalte der Kunstkritik waren die Reaktionen des Publikums positiv. Gemeinsam mit Rudolf Hausner, Ernst Fuchs, Wolfgang Hutter und Anton Lehmden gehörte er der Wiener Schule des Phantastischen Realismus an, deren Feinmalerei bald Erfolge feierte.

Als junger Mann entdeckt Arik Brauer Israel und findet dort auch die Liebe seines Lebens, Naomi Dahabani. Die jemenitisch-jüdische Tradition, aus der seine Frau stammt, die sinnlichen Erfahrungen der Natur und die daraus resultierenden farblichen Eindrücke, finden sich unmittelbar in seiner Malerei wieder. Er reist mit dem Fahrrad durch Europa und Afrika, tritt als Tänzer auf und zieht schließlich mit seiner Frau Naomi nach Paris. Die Stadt beschert ihm nicht nur neue Impressionen, sondern auch den künstlerischen Durchbruch. Als etablierter Maler kehrt er mit seiner Familie nach Wien zurück. Wie seine Bilder sind auch Arik Brauers Gesang und Musik voll von erlebten Geschichten, die ihn geprägt haben. Durch seine im Wiener Dialekt verfassten Lieder wird er zu einem Wegbereiter des Austropop und erklimmt in den 1970er-Jahren die Spitze der Hitparade. Der ungeahnte Erfolg wird ihm jedoch zu viel und er beendet sein musikalisches Schaffen. Das Malen bleibt weiterhin zentrales Element seines Lebens.

Arik Brauer und Naomi Brauer mit ihren drei Töchtern Timna, Talia und Ruth, Ein Hod, 1984. Bild: © Privatbesitz Arik Brauer

Familie Brauer, Wien, 1933. Bild: © Privatbesitz Arik Brauer

Bis heute überrascht Arik Brauer mit der ungebrochenen Aktualität seiner Forderungen nach einer grünen Stadt. Bereits in den 1970er-Jahren spricht er von grünen Fassaden und tritt für die Reduktion des motorisierten Individualverkehrs ein. Er beschäftigt sich mit Architektur und realisiert Anfang der 1990er ein Haus nicht für sich selbst, wie etwa bei seinem Haus in Israel, sondern für den sozialen Wohnbau. Die mit Keramikbildern reich geschmückte und plastisch bewegte Straßenfassade des Hauses in der Gumpendorferstraße sticht zwischen den grauen Fassaden heraus. Im Hof befinden sich ein Rodelhügel und ein Biotop. Im Wohnbau selbst lässt er einen Garten mit begrünten Dachgärten und Terrassen in die Vertikale wachsen. Neben den Pflanzen werden auch Tiere Teil des Wohnbaus: es gibt einen Kleintierzoo und Aquarien in der Eingangshalle. Auf kritische Stimmen, dass nur Architekten Architektur schaffen können, kontert Brauer „Jeder Mensch sollte sich mit Architektur beschäftigen. Wir leben mit Architektur, wir genießen und erleiden Architektur. Also zu sagen, das geht nur die Architekten was an, finde ich unsinnig“.

www.jmw.at

3. 4. 2019