Leopold Museum: Wien um 1900. Klimt – Moser – Gerstl – Kokoschka

Januar 15, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die große Schau zum Themenjahr „Wiener Moderne“

Gustav Klimt, Tod und Leben, 1910/11, umgearbeitet 1915/16 © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Das Leopold Museum beherbergt die größte und bedeutendste Sammlung an Werken von Egon Schiele und eine gleichermaßen einzigartige Kollektion an Meisterwerken der Kunst Wiens um 1900. Anlässlich des Themenjahres zur Wiener Moderne präsentiert das Museum ab 18. Jänner ausgewählte Werke der Hauptvertreter des Wiener Jugendstils Gustav Klimt und Koloman Moser sowie der wegweisenden Expressionisten Richard Gerstl und Oskar Kokoschka in einer völlig neuen Zusammenstellung. Hauptwerke Gustav Klimts wie „Tod und Leben“ (1911/15) oder die 1900 entstandene „Seelandschaft Am Attersee“ sind ebenso zu sehen wie Kolo Mosers Gemälde, so etwa die „Venus in der Grotte“ (1914).

Auch herausragende Beispiele des Designs um 1900 wie Möbel, Kunsthandwerk, Plakate und Entwürfe aus der Hand des „Tausendkünstlers“ und Mitbegründers der Wiener Werkstätte werden präsentiert. Die radikalen Werke des Protoexpressionisten Richard Gerstl sind erstmals nach den erfolgreichen Ausstellungen in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt und der Neuen Galerie New York wieder im Leopold Museum zu sehen, das die umfangreichste Gerstl-Sammlung besitzt. Gezeigt werden unter anderem die beiden großformatigen Selbstbildnisse, Ikonen der Wiener Moderne. Oskar Kokoschka, Enfant terrible der Wiener Kunstszene des frühen 20. Jahrhunderts, wird mit herausragenden Gemälden ebenfalls im Fokus dieser Ausstellung stehen, allen voran sein richtungsweisendes Selbstbildnis, eine Hand ans Gesicht gelegt von 1918/19, das ebenso Ausdruck von Zweifel und Selbstbefragung des Künstlers ist als auch Symbol für den Aufbruch der österreichischen Kunst in eine neue Zeit.

www.leopoldmuseum.org

15. 1. 2018

Oskar Kokoschka, Selbstbildnis, eine Hand ans Gesicht gelegt, 1918/19 © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien © Fondation Oskar Kokoschka © Bildrecht, Wien, 2017

Koloman Moser, Venus in der Grotte, um 1914 © Leopold Museum, Wien, Bild: Leopold Museum, Wien

Schauspielhaus Wien: Elektra – Was ist das für 1 Morgen?

Januar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Biobäuerin richtet das Blutbad an

Königs beim Frühstücksritual: Vassilissa Reznikoff als Ägisth und Sebastian Schindegger als Klytaimnestra. Bild: © Matthias Heschl

Jacob Suske, Komponist und Musiker unter den hauseigenen Dramaturgen, ist für die aktuelle Produktion am Schauspielhaus Wien verantwortlich. Gemeinsam mit Ann Cotten schuf er – nach seinem in Luzern entwickelten Format der elektronischen Kammeroper – die Öko-Farce „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“. Ein Werk, von Regisseur Suske nicht nur geschlechterneutral besetzt, sondern auch höchst p.c. gegendert.

Cotten orientiert sich für ihren Text am euripideischen, doch verfängt sie sich keine Sekunde in altgriechischem Wehklagen, im Gegenteil: zwei Stunden lang herrscht auf der Bühne überdrehte, ironische Distanz, das kothurn’sche Pathos sieht sich zum gummistiefeligen Nonsense erhöht, die Sprache schwankt zwischen Alltagssprech und absurder Abgehobenheit – dazu eine Art Minimal Music, mal sperrig, mal schmissig, und vier Darsteller, die, obwohl klassisch auf die Rollen verteilt, wirken, als hätte sich ein Haufen Spielverliebter zum Revuespaß versammelt.

Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger geben ein aufgeklärtes Herrscherpaar Ägisth und Klytaimnestra. Sie ist er und er ist sie, der große Mann im Damenhosenanzug, der apart die Drehbühne zum Weiterkommen für sich selbst und für die Heimat nutzt, die zarte Frau mit Herrenkoteletten, Hochprozentiges süffelnd und die Frückstücksrituale hochhaltend. Gemeinsam haben die beiden nach der Ermordung Agamemnons einen modernen, prosperierenden Staat aufgebaut. Aber ach, sie setzen ganz auf die Töpfer und deren Erzeugnisse, die Landwirtschaft ist ihnen weniger Anliegen.

Das muss der mit einem Landwirt zwangsverheirateten und früh verwitweten Tochter Elektra sauer aufstoßen. Die Biobäuerin sieht ihren Lebensstil bedroht, durch den Regierungsstil ihrer Mutter, die ein ganzes Volk zu „KulturschmarotzerInnen“ umerzieht. Sophia Löffler singt die Partie bis in die höchsten Töne. Als Orest taucht schließlich Jesse Inman auf, als in Havard geschulter neoliberaler Unternehmer aus dem US-Exil, ein Überdrüber-Ami, der Kapitalismus-Ikone Ayn Rand gelesen hat und der Family Konzepte zur effizienteren Hühnerhaltung erläutert. Als Chor und DJane fungiert Mirella Kassowitz, die eine luftige Loge in der Hinterwand bezogen hat.

Als endlich alle Charaktere in ihren neuüberschriebenen Positionen eingeführt und der Konnex zum antiken Fluch der Tantaliden, zur Opferung der Iphigenie, dem Töten Agamemnons etc. etc. gezogen ist, entfaltet sich auch noch so etwas wie Handlung: Das Geschwisterpaar will die Mutter töten, doch weil Orests Vorhaben misslingt, muss sich Elektra schließlich selbst bewaffnen und reinen Tisch machen. Sie erschießt Klytaimnestra und Orest in der Badewanne, in der mythologisch betrachtet der Vater ums Leben gebracht wurde – und errichtet einen reaktionären Ökostaat.

Jesse Inman als Orest mit Schindegger und Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Die Biobäuerin bewaffnet sich und richtet endlich das Blutbad an: Sophia Löffler als Elektra. Bild: © Matthias Heschl

Auf den Jubel des Volkes folgt die Ernüchterung – Ägisth berichtet dies aus der Zukunft -, dass sie alle Sozialstaatlichkeit zugunsten der Landwirtschaft abgeschafft hat. Spätestens nun wird klar, dass das Schauspielhaus-Team wie immer klug im Klamauk eine Aussage zur Lage der Nation getroffen hat. „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“ ist ein Spiel um Ideologien, um Rechts- und Staatsutopien; Ann Cotten legt den Finger in die Wunde ökonomischer Mechaniken und analysiert deren Werden, Wirken und Wert.

Wer im Tauziehen um Neoliberalismus und Traditionsverbundenheit Parallelen zur derzeitigen Regierungskoalition sehen will, scheint auf der richtigen Fährte zu sein. Aus alt mach‘ neue Trends, heißt es im Stück sinngemäß, „Wobei sich herausstellt, dass schon die Ebene des ,gesunden Menschenverstandes‘ eine offene Frage darstellt“ im Programmheft.

Video: www.youtube.com/watch?v=HovH5bzmT20

www.schauspielhaus.at

  1. 1. 2018

Jüdisches Museum Wien: Genosse.Jude – Wir wollten nur das Paradies auf Erden

Dezember 4, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fruchtbarer Boden für eine Arbeiterbewegung

Parlament. Bild: Slg. Erich Klein

Ab 6. Dezember zeigt das Jüdische Museum Wien die Ausstellung „Genosse.Jude – Wir wollten nur das Paradies auf Erden“. „Alle Macht den Sowjets. Frieden, Land und Brot“. Für diese Devise begeisterten sich auch viele Juden. In Russland erhofften sie sich einen Bruch mit dem jahrhundertealten Antisemitismus des Zarenreichs. Die Strahlkraft der Revolution ging weit über die russischen Grenzen hinaus.

Weltweit und auch in Österreich begannen Juden für die Gleichstellung aller Menschen zu kämpfen. Sie alle träumten vom Paradies auf Erden. Dabei entstanden enge Beziehungen zwischen österreichischen und russischen Marxisten. Oft waren es jüdische Kommunisten, die zwischen diesen beiden Welten vermittelten. Diese Verbindungen auf diplomatischer, politischer, gesellschaftlicher und kultureller Ebene bilden den Ausgangspunkt für die Betrachtung der geschichtlichen Ereignisse beider Länder. Beginnend mit dem Exil Leo Trotzkis in Wien noch vor der Oktoberrevolution und endend mit dem Zerfall der Sowjetunion.

Viele bedeutende Vertreter der Arbeiterbewegung waren keine Juden. Ebenso waren die meisten Juden keine Revolutionäre, Sozialisten oder Kommunisten. Und dennoch trugen Juden und Jüdinnen, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, überproportional zur Entwicklung des Sozialismus bei. Dies zeigt sich bereits an den Gründerfiguren der Bewegung: Karl Marx, Moses Hess, Ferdinand Lassalle, Viktor Adler, Rosa Luxemburg und Leo Trotzki wurden zu Ikonen der internationalen Arbeiterbewegung. Ihre jüdische Herkunft wurde von den meisten nur am Rande thematisiert. Antisemitismus war für sie ein Symptom des Kapitalismus und würde in einer klassenlosen Gesellschaft nicht mehr existieren. Mit dem Untergang des Kapitalismus würden auch Juden sich völlig assimilieren.

Heimkehrerplakat. Bild: DÖW

Filmplakat „Jüdisches Glück“. Bild: Neboltai Collection!

Auf besonders fruchtbaren Boden stieß die revolutionäre Arbeiterbewegung in Osteuropa. Im zaristischen Russland lebten mehr als fünf Millionen Juden in den westlichen Provinzen. Ihr Leben war von ökonomischem Elend, restriktiven Gesetzen und Pogromen bestimmt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts organisierten sich politisch aktive Juden in den verschiedenen Teilen und Fraktionen der Arbeiterbewegung. Vom zaristischen Regime wurden Revolutionäre verfolgt, verhaftet und nach Sibirien in die Verbannung verschickt. Einige flüchteten über die österreichisch-russische Grenze in den Westen. Neben Zürich, Paris und Berlin war Wien ein wichtiger Zufluchtsort.

Einer der prominentesten politischen Flüchtlinge war Leo Trotzki, der sich mit kurzen Unterbrechungen von 1907 bis 1914 in der Kaiserstadt aufhielt. In Zusammenarbeit mit Adolf Joffe gab er in Wien die Prawda in russischer Sprache heraus, die über die galizische Grenze oder das Schwarze Meer nach Russland geschmuggelt wurde, um so die Revolution in Russland vorzubereiten. Im Café Central traf er mit den führenden Vertretern der österreichischen Sozialdemokratie zusammen: Otto Bauer, Max Adler und Karl Renner. Als er nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Wien überstürzt verlassen musste, war es Viktor Adler, der ihm 300 Kronen für die Flucht aus Österreich lieh. Zurück in Wien blieben Trotzkis Bibliothek und sein umfangreiches Archiv. Er selbst flüchtete mit seiner Familie über die Schweiz, Frankreich und Spanien in die USA. Nach dem Sturz des Zarenregimes kehrte er im Mai 1917 nach Russland zurück, um gemeinsam mit Lenin die Revolution zu vollenden.

Weltkampftag der Kommunisten. Bild: ÖNB

Als „10 Tage, die die Welt erschütterten“, nach dem Roman des amerikanischen Journalisten John Reed, ging die Oktoberrevolution in die Weltgeschichte ein. Die ganze Welt blickte auf Russland. Die Idee einer gerechten Welt erweckte vielerorts große Erwartungen. Der bewusste Bruch Sowjetrusslands mit dem Antisemitismus des Zarenreichs weckte bei vielen Juden und Jüdinnen enorme Hoffnungen. Vor allem die junge Generation engagierte sich für den neuen Staat.

Von Beginn an nahmen jüdische Genossinnen und Genossen wichtige Positionen in der KPÖ ein, andere leisteten Parteiarbeit im Hintergrund. Manche wie Malke Schorr fanden über die zionistische Arbeiterbewegung Poale Zion den Weg zur kommunistischen Partei. Sie wurde zur Leiterin der Österreichischen Roten Hilfe, die politische Flüchtlinge und deren Angehörige unterstützte. Auch die in der Bukowina geborene Prive Friedjung schloss sich zunächst der Poale Zion an, bevor sie Mitglied der kommunistischen Partei wurde. Religion spielte im Leben der jüdischen Kommunisten meist keine Rolle. Viele besiegelten dies mit dem Austritt aus der Israelitischen Kultusgemeinde. Manche wie Bruno Frei, die aus traditionellen jüdischen Familien stammten, blieben dem Judentum trotz kommunistischer Gesinnung ihr ganzes Leben lang treu.

In den 1930er-Jahren verschärfte sich in der Sowjetunion das gesellschaftliche und politische Klima. Rund um Stalin entwickelte sich ein Personenkult, der groteske Ausmaße annahm. Zahlreiche Sowjetbürger gerieten in die Fänge des Sicherheitsdienstes NKWD, weil sie sich vor der Oktoberrevolution in anderen Parteien organisiert hatten, weil sie Kontakte ins Ausland unterhielten oder weil sie im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatten. Besonders gefährdet waren Personen, die im Verdacht standen, Trotzkisten zu sein. Zwar war die stalinistische Kampagne gegen „Abweichler“, „Andersdenkende“, reale und vermeintliche politische Gegner nicht von einer expliziten antisemitischen Propaganda begleitet. Doch waren viele sowjetische Juden vor 1917 im Bund oder in anderen jüdischen Arbeiterbewegungen engagiert gewesen, etliche hatten familiäre Beziehungen ins Ausland. Allein aus diesen Gründen fielen sie häufig den Repressionen zum Opfer.

Poale Zion-Fahne. Copyright: Yad Tabenkin. Bild: Sebastian Gansrigler

Mit dem Angriff Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion wurden alle Kräfte für die Verteidigung des Landes mobilisiert und daher auch aus taktischen Gründen die politischen Repressionen zum Teil zurückgefahren. Die bedeutendsten sowjetischen Künstler und Schriftsteller, unter ihnen viele Juden wie El Lissitzky, Boris Jefimow, Alexander Labas, Ossip Brik, Ilja Ehrenburg und Samuil Marschak, stellten sich in den Dienst der sowjetischen Kriegspropaganda.

Während die polnischen Juden ihre Heimat nicht freiwillig verließen, sondern aus ihren Ämtern entlassen und verjagt wurden, entschieden sich einige sowjetische Juden bewusst für die Auswanderung. Diese Möglichkeit stand ihnen als einziger nationalen Gruppe offen, ein Privileg, das gleichzeitig auch zum Makel wurde. Nach Jahrzehnten der kommunistischen Erziehung ohne Bindung an Religion und nationale Herkunft machten sich viele Anfang der 1970er-Jahre auf die Suche nach ihrer verlorenen jüdischen Kultur und Tradition …

www.jmw.at

4. 12. 2017

Kunsthistorisches Museum Wien: Jahresvorschau 2018

November 27, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Highlights aus dem Programm: Von Klimt bis Bruegel

Die Klimtbrücke im Stiegenhaus des Kunsthistorischen Museums Wien © KHM-Museumsverband

Nuda Veritas: Gustav Klimt, 1899. Theatermuseum, Nachlass Hermann Bahr © KHM-Museumsverband

Montag Vormittag präsentierte Generaldirektorin Sabine Haag das Jahresprogramm des Kunsthistorischen Museum Wien für das Jahr 2018. Erstes Highlight wird ab 13. Februar Stairway to Klimt – Die Klimtbrücke:  Zum 100. Todestag von Gustav Klimt können Besucher im Kunsthistorischen Museum die einzigartigen Gemälde des Meisters, die in einer Höhe von 12 Metern über der Eingangshalle in die Säulen- und Arkadenarchitektur des Stiegenhauses eingebettet sind, aus nächster Nähe bewundern. Dazu wird – wie bereits im Jahr 2012 – eine gewaltige 4 Tonnen schwere Brücke über das Stiegenhaus gespannt, die den Aufstieg zu dem prächtigen Bilderzyklus ermöglicht.

Gleichzeitig mit der Klimtbrücke wird ein Hauptwerk Gustav Klimts ausgestellt: sein berühmtes Gemälde Nuda Veritas aus dem Jahr 1899. Das Bild stammt aus dem Nachlass der Kritikers Hermann Bahr, eines engagierten publizistischen Begleiters der Wiener Secessionisten. Der programmatische Anspruch des Werks drückt sich in der groß im Bild zitierte Sentenz Friedrich Schillers aus: „Kannst Du nicht allen gefallen durch Deine That und Dein Kunstwerk – Mach es wenigen recht. Vielen Gefallen ist schlimm“.

In ungeschützter Frontalität steht die weibliche Aktfigur für kompromisslose künstlerische Wahrhaftigkeit. Die erstmalige Präsentation des Werkes in der Antikensammlung, im Saal des Doryphoros des Polyklet, schafft einen neuartigen und spannungsgeladenen ästhetischen Erfahrungsraum.

Ab 7. März folgt Ganymed Nature, eine neue Inszenierung von Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf im Kunsthistorischen Museum Wien. Zum fünften Mal hält die Erfolgserie Ganymed Einzug ins Haus; die Natur wird diesmal zur Hauptdarstellerin, befreit von ihrem Hintergrundsdasein für die Inszenierungen des Menschen. Die Natur in ihrer Üppigkeit, Gewalt und Zügellosigkeit ist dabei, sich ihrer gestohlenen Räume wieder zu bemächtigen, um in den Vordergrund zu treten, um beachtet und mit Aufmerksamkeit bedacht zu werden.

An 14 Abenden erweckt ein aufsehenerregendes Ensemble aus Musik, Theater und Tanz die Gemäldegalerie mit neuem Leben. Sechs Kompositionen und sieben literarische Texte, inspiriert von Meisterwerken der Gemäldegalerie, werden direkt vor den Werken aufgeführt und eröffnen so neue Sichtweisen auf Alte Meister.

Unter anderem dabei: Überleben in freier Natur: Rania Mustafa Ali, die heuer mit dem Video ihrer Flucht aus Syrien online mehr als acht Millionen Menschen erreichte und seit einem Jahr in Wien lebt, wird vor dem Gemälde „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ von Orazio Lomi Gentileschi zu sehen sein. Augenschmaus der Speckfalte: Die mit dem österreichischen Buchpreis ausgezeichnete Autorin Eva Menasse beschenkt die Gemäldegalerie mit einem Text zum „Venusfest“ von Peter Paul Rubens: In den ersten irritierten Sekunden wirkt das Venusfest wie eine Speckfaltenexplosion. Fliegendes, kugelndes, wurlendes Engelsfleisch, ein riesiges nacktes Durcheinander.

Ein bewegender Text, der vor dem Gemälde „Alter Mann im Fenster“ von Samuel von Hoogstraten gespielt wird, kommt von dem inhaftierten türkischen Schriftsteller und Journalisten Ahmet Altan, über den Orhan Pamuk sagt, er ist „…einer der wichtigsten Federn der Türkei…“. Den Text konnte Altans Anwalt aus der Haftanstalt schmuggeln.

Die Eremitage aus St. Petersburg zu Gast in Wien: Ab Juni präsentiert das Kunsthistorische Museum ein besonderes Ausstellungshighlight: Eine der bedeutendsten europäischen Gemäldesammlungen – jene der Zarin Katharina der Großen in der Eremitage in St. Petersburg – gibt mit Gemälden von Tintoretto, Poussin, van Dyck, Rembrandt und anderen großen Meistern ein glanzvolles Gastspiel in Wien. Die hochkarätige Auswahl an Meisterwerken tritt dabei in einen spannungsreichen Dialog mit Werken der Gemäldegalerie.

Im Rahmen einer Ausstellungsreihe, die mit Ed Ruscha und Edmund de Waal  begann, hat das KHM den vielfach ausgezeichneten US-amerikanischen Filmemacher Wes Anderson und seine Frau Juman Malouf eingeladen, eine Ausstellung von Objekten und Werken aus den Sammlungen Hauses zu kuratieren. Die Ausstellung zeigt ab 11. September unter anderem Werke aus der Gemäldegalerie, der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung, der Antikensammlung, der Kunstkammer, der Hofjagd- und Rüstkammer, der Sammlung alter Musikinstrumente, des Münzkabinetts, der Kaiserlichen Wagenburg, dem Weltmuseum, dem Theatermuseum und aus Schloss Ambras Innsbruck. Aanschließend übersiedelt die Schau in die Fondazione Prada in Venedig, wo sie zeitgleich mit der Biennale und den Internationalen Filmfestspielen gezeigt wird. Dies ist die erste von Wes Anderson und Juman Malouf kuratierte Ausstellung.

Der hl. Georg: Jacopo Tintoretto, ca. 1543/44 © Staatliche Eremitage, St. Petersburg

Turmbau zu Babel: Pieter Bruegel d. Ä., 1563. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Am 2. Oktober schließlich startet die große Bruegel-Schau. 2019 jährt sich der Todestag von Pieter Bruegel d. Ä. zum 450. Mal. Anlässlich dieses Jubiläums widmet das Kunsthistorische Museum diesem bedeutendsten niederländischen Maler des 16. Jahrhunderts die weltweit erste große monografische Ausstellung. Nur knapp über 40 Gemälde haben sich von der Hand Bruegels erhalten. Mit zwölf Tafeln besitzt das Kunsthistorische Museum die bei Weitem größte Sammlung. Nicht zuletzt liegt dies auch daran, dass die außerordentliche Qualität und Originalität der Bildwelten Bruegels schon im 16. Jahrhundert bemerkt worden waren und sich die Kunstsammler unter den Habsburgern frühzeitig die prestigeträchtigen Werke Bruegels sicherten.

Bruegels Popularität hat auch heute noch ihren Ursprung in den oft moralisierenden, immer abwechslungsreichen und wirkungsvollen Kompositionen. Diese regen den Betrachter gleichsam zum kunstsinnigen Diskurs mit dem Werk als auch zur Reflexion über die Vielschichtigkeit des Inhaltes an. In Museen und Privatsammlungen gehören die Werke Bruegels mit Recht zu den kostbarsten wie auch zu den fragilsten Beständen. Wenn nun die Sammlung des Kunsthistorischen Museums Wien um zahlreiche Gemäldeleihgaben internationaler Museen und Privatsammlungen ergänzt wird, entsteht ein nie dagewesener Überblick über das gesamte Schaffen Bruegels. Viele der empfindlichen Holztafeln dürfen nur aufgrund des besonderen Anlasses nach Wien verliehen werden. Ergänzt um eine repräsentative Auswahl an Zeichnungen und Grafiken, kann das Œuvre damit in größtmöglicher Dichte erschlossen werden.

Das Ausstellungsereignis wird ein intensives Eintauchen in Bruegels Welt ermöglichen. Anhand von neuesten Erkenntnissen zu Materialien und Techniken, die langjährigen Forschungen und internationalen Kooperationen zu verdanken sind, wird der künstlerische Schaffensprozess Bruegels thematisiert: In der Perfektion der Ausführung, verbunden mit einem meisterhaften Einsatz von Kolorit und Zeichnung, liegt eines der vielen Geheimnisse dieses großen Künstlers. Bruegels Bilderzählungen sind Kunstwerke von zeitloser Wirkmacht – ab Herbst 2018 werden sie ein großes Publikum in Wien faszinieren.

27. 11. 2017

Armes Theater Wien: Atmen

November 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der ökologische Fußabdruck in Babypatscherln

In der Babyfrage gibt es tausend Wenns und Abers: Aris Sas und Krista Pauer. Bild: Vondru

Soll man, darf man in diese Welt noch ein Baby setzen? An dieser Frage reibt sich in Duncan Macmillans Stück „Atmen“ ein junges Paar auf. Es diskutiert das Damoklesschwert Klimawandel, macht sich schon Sorgen um den CO2-Ausstoß des nicht einmal noch Geborenen – zehntausend Tonnen nämlich! – und dessen ökologischen Fußabdruck. Zu den weltanschaulichen kommen die persönlichen Fragen.

Was macht die Schwangerschaft mit dem Körper der werdenden Mutter, was wird das Kind mit dem Paargefühl der beiden machen? Wo doch eigentlich alles gut funktioniert … Noch bis 20. November zeigt das Arme Theater Wien im WUK-Projektraum diese Auseinandersetzung. Erhard Pauer hat inszeniert, Krista Pauer und Aris Sas spielen.

Alles beginnt bei Ikea, wo er plötzlich den Wunsch äußert, Vater werden zu wollen. Einen neuen Menschen machen, da fällt ihr das „Atmen“ schnell schwer. Krista Pauers Figur reagiert panisch; hypernervös plappernd versucht sie, ihre Furcht wegzureden, während Aris Sas‘ Charakter sich um Souveränität bemüht. Noch. Denn Theaterpraktiker Macmillan zeichnet ein Beziehungsbild mit verschwimmenden Standpunkten, je nach gerader Befindlichkeit ändern sich die Positionen, die Handlung nimmt mehr als eine Wendung.

Aus zärtlicher Zuneigung … Bild: Vondru

… wird bald eine Dauerdiskussion. Bild: Vondru

Der britische Autor hat mit seinem Wohlstandslamento ein Bobo-Paradebeispiel fürs Zerreden von wichtigen Themen geschaffen. Es ist, als wäre sein Stück der Stoff, an dem die Grünen zerbröselt sind. Im Changieren zwischen Gewissheiten und darob (Ver-)Zweifeln und vor allen Dingen Selbstzweifeln.

Weil man das doch schließlich sei, steht er auf dem Standpunkt, „Die Welt wird gute Menschen brauchen“, ergo müssten sich auch die Klugen vermehren. Sie hält dagegen: „Ich könnte sieben Jahre lang jeden Tag nach New York und zurück fliegen, und mein CO2-Fußabdruck wäre immer noch nicht so groß, wie wenn ich ein Kind kriege.“ Als er noch an ihren Argumenten kaut, kommen bei ihr neue hoch. Im Schönbrunner Tiergarten schieben alle einen Kinderwagen!

Von der ersten Baby-Erwähnung über die verkrampften Empfängnisversuche samt unfreiwilligem Coitus interruptus geht es nun im dialogischen Schnellverfahren weiter zu positivem Schwangerschaftstest, man theoretisiert sich schon bis zur Matura, dann aber Fehlgeburt, Trennung, Versöhnung, zur endlich doch noch stattfindenden Ankunft eines Sohnes und schließlich zu den Friedhofsgedanken einer verbitterten Rentnerin in einer Katastrophen-Welt.

Zwei Stühle reichen dem ATW als Requisite für Badewanne, Bett oder Auto. Bild: Vondru

Krista Pauer und Aris Sas fallen sich bei ihrer Tour de Force großartig ins Wort, wechseln mühelos die authentisch klingenden Alltagstöne und ebensolche Emotionsstadien, und reden und reden und reden … er der ein wenig schlicht Gestrickte, der ihr alles recht machen will und nicht kann, sie die angestrengt Intellektuelle, die keinen Anlass für Vorwürfe, Beziehungs- und Nervenkrisen und überspannte Vorträge in Sachen politischer Korrektheit auslässt.

Und mitten in der Diskussion die klischierten Scherze über den bald hängenden, weil vom Baby ausgesaugten Busen, die hassgeliebte Quasi-Schwiegermutter und die Nöte eines Fremdgehers. Das Stück ist nicht neu, man hat es schon gesehen. Selten aber durfte im kontroversiellen und doch so moralinsauren Text ein derart hinterhältig ironischer Humor aufblitzen, wie in Erhard Pauers Inszenierung.

Krista Pauer und Aris Sas machen das mit kleinen Gesten, mit einem Augenrollen, wenn sie Macmillan den sprichwörtlichen Zaunpfahl aus der Hand nehmen, vor allem Sas‘ Blicke sprechen dann Bände. Und: Die beiden sind eine ausgezeichnete Zwei-Personen-Disko. An szenischen Mitteln braucht das Arme Theater Wien für seinen formidablen Abend nur zwei Stühle. Sie sind Bett und Badewanne und WC, und sogar eine Autofahrt funktioniert mit ihnen.

www.armestheaterwien.at

  1. 11. 2017