Burgtheater: Glaube Liebe Hoffnung

September 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Unwirklicher Totentanz in einer total leeren Unterwelt

Elisabeth am Ende: Andrea Wenzls brillante Darstellung beherrscht Michael Thalheimers Inszenierung. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ein schwarzes Loch, das auf einen Lichtpunkt zuläuft, als wär‘ der ein Heilsversprechen am Himmel. Dass sich dieses nicht erfüllen wird, versteht sich – bei Ödön von Horváth. Regiegenie Michael Thalheimer hat dessen „Glaube Liebe Hoffnung“ am Burgtheater inszeniert, und beschreitet auch mit dieser Produktion weiter seinen Weg der kühlen, strengen Reduktion. Horváths Definition seines Dramas als „kleinen Totentanz“ nimmt er dabei wörtlich.

Thalheimer hat sich von Olaf Altmann einen in seiner Totalität erschreckend leeren Raum als Bühnenbild anlegen lassen, darin die Sterblichen als aufgescheuchte Schatten, um sie nichts als Einsamkeit und Seelennot. Eine Unterwelt, eine Prosektur, in der Thalheimer gewohnt präzise seine Sektion der menschlichen Abgründe vornimmt. Alle, so scheint es, die Präparatoren, die Schupos als Arm des Gesetzes, die Arbeitsgeberin Prantl, die Frau Amtsgerichtsrat, nicht zuletzt Alfons, operieren hier am lebenden Leichnam Elisabeth. Wollen deren Innerstes bloßlegen, bloßstellen, ausstellen, was sie schließlich selbst besorgt, bedrängt von Gaffern sogar noch beim bekannten Ende im Wasser. Glaube verloren, Liebe verraten, Hoffnung versiegt. Nicht einmal im Hingehen ist Herzensruh.

Dass Horváths im Rezessionsjahr 1932 erschienenes Stück heute so aktuell klingt, ist gesellschaftlich nicht gerade beruhigend. Diesbezügliche Zwischentöne braucht es gar nicht erst zwanghaft in Szene zu setzen. Da hat also eine mitten im Wohlfahrtsstaat die Stellung verloren, benötigt nun Geld für ihre neue Arbeit, heißt: einen kostenpflichtigen Wandergewerbeschein, und die neue Arbeit fürs Geldverdienen. Ein Teufelskreis, dessen Rotieren Elisabeth mit ihrem Mantra „Ich werde den Kopf nicht hängen lassen“ aufhalten will. Andrea Wenzl mit ihrer seltenen Aura verleiht ihr Gesicht und Gestalt, sie dominiert das Geschehen mit ihrer spröd-zerbrechlichen Darstellung dieser am ganzen Körper bebenden, mitunter zu Deep Purple und Led Zeppelin auch headbangenden Elisabeth, mit ihrem Stets-auf-der-Hut-Sein und dem Miederwarenmetier als Sehnsuchtsort.

Die Arbeitgeberin ist unzufrieden: Christiane von Poelnitz als Irene Prantl mit Alexandra Henkel als Frau Amtsgerichtsrat. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ohnmacht angesichts des Selbstmords: Christoph Radakovits als zweiter Schupo, Marcus Kiepe als Vizepräparator, Stefan Wieland als dritter Schupo, Falk Rockstroh als Präparator und Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Um sie die Grausamkeit als Groteske, die Horváth’schen Charaktere als hässliche Fratzen, grelle Karikaturen, ausgestattet mit einer immer wieder höhnischen Heiterkeit. „Entschuldigens, aber jetzt muss ich lachen“, ist noch so eine Spruchformel der Elisabeth, wenn sie sich als Opfer brutaler Begierden dagegen verwehrt, ein „Ding“ zu sein. Die Wenzl lässt sie dabei so tob- wie sehnsüchtig aus einer schmerzlich-schrecklichen Fallhöhe stürzen, wird von einer 60-köpfigen Statisterie immer wieder beinah überrannt, eine „völkische“ Vervielfachung der Figuren, eine Menschenhydra, mal in Polizeiuniform, mal in blutverschmierten Präparatorenkitteln, die den einzelnen als Spielball der Mehrzahl der Mächtigen ausweist.

Der erbarmungslose Ringelreihen rund um Elisabeth ist hochkarätig besetzt, etwa mit Branko Samarovski als an Leib und Seele versehrtem Oberpräparator oder Peter Matić als an den von ihm abgeurteilten Schicksalen desinteressiertem Amtsgerichtsrat. Christiane von Poelnitz und Alexandra Henkel sind als Irene Prantl und Frau Amtsgerichtsrat vulgär-schrille Schreckschrauben, sensationslüstern die eine, immerhin knapp vor Schluss anteilnehmend die andere. Sie alle betonen in ihrem Spiel das Distanziert-Artifizielle, die Unnatur ihrer im Lichtkreis zappelnden Leut‘.

So, wie es Thalheimer als Konzept für seinen Abend vorgegeben hat, agieren auch Michael Masula als Oberinspektor, Christoph Radakovits und Stefan Wieland als Schupos oder Tino Hillebrand als „tollkühner Lebensretter“. Hermann Scheidleder verkörpert mit Hingabe den Invaliden, der sich mit Irina Sulavers ohne Unterlass kopfnickender Maria bitter über die Aussetzer im Sozialsystem beklagt. Als Vizepräparator überzeugt Marcus Kiepe, als Baron mit dem Trauerflor Robert Reinagl, als Vergewaltiger Eltz Daniel Jesch. Falk Rockstroh ist als Präparator derjenige, der zumindest zwei Mal Herz zeigen darf. Der Taubenfütter, der erst das Geld leiht, dann für die Betrugsanzeige sorgt und schließlich ob des mitangesehenen Suizids zusammenbricht.

Liebe mit Ablaufdatum: Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer und Andrea Wenzl als Elisabeth. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bleibt Merlin Sandmeyer, der als Schupo Alfons Klostermeyer eine Glanzleistung hinlegt. Angelogen wegen Elisabeths vierzehntägigem Arrest, versteht er es in Windeseile sich der Verliererin zu entziehen. Seine sogenannte Liebe hält vor seinen Ehrbarer-Bürger-Standesdünkeln nicht stand. Sandmeyer spielt diesen ichbezogenen, unempathischen Unsympath an seinen besten Stellen so nüchtern und bar jeder Gabe zur Selbstreflektion, dass es einen schaudert.

Dass dieser Alfons, in Wahrheit nicht mehr als ein um Autorität ringender Hänfling, mit seinem selbstmitleidig sich wiederholendem Satz „Ich habe kein Glück“ das letzte Wort hat, ist für diese Aufführung symptomatisch. Man weiß um die, die das eigene Schicksal endlos bejammern und blind sind für die Not des Nachbarn. Wer von sich selber glaubt, am Leben zu leiden, kann einen anderen umso leichter zugrunde gehen lassen.

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  1. 9. 2018

Akademietheater: Rosa oder Die barmherzige Erde

März 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tobias Moretti beeindruckt als Romeo in Alterswindeln

Susanna Ernst, Waltraud Hackinger, Tobias Moretti und Marta Kizyma. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es kann am Theater einen eigenen Zauber entfalten, wenn Rätsel offen bleiben, wenn nicht jede Leerstelle besetzt wird und Texte nicht bis zu ihrem Ende durchdekliniert werden. Auf diesen Zauber setzt Luk Perceval bei seiner Inszenierung von „Rosa oder Die barmherzige Erde“. Eine Uraufführung am Akademietheater, für die der 60 Jahre alte Burgdebütant Shakespeares „Romeo und Julia“ und Dimitri Verhulsts Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war, als zu Hause bei seiner Frau“ ineinander verschränkt hat. Das Resultat dieser Bemühungen ist ein ungemein spannender und unheimlich anstrengender Abend mit einem herausragenden Tobias Moretti als Bibliothekar Désiré/Romeo.

Somnambul ist das Wort, das einem zu dessen Darstellung einfällt. Wie geistesabwesend steht Moretti auf der Bühne, und ist doch ganz bei sich, stemmt den hundertminütigen Kraftakt quasi im Alleingang, denn die Mitschauspieler auf der Bühne sind kaum mehr als Staffage, um die Story über die Rampe zu bringen. Deren Inhalt nach Verhulst: Désiré ist ein Mann Mitte der 70, der sein Leben an der Seite seiner Frau so satt hat, dass er beschließt, den Demenzkranken zu geben und sich in eine

entsprechende Einrichtung einweisen zu lassen. Hier möchte er seine letzten Lebensjahre ohne Gezänk verbringen. Doch trifft er auf seine tatsächlich an Alzheimer erkrankte unerfüllt gebliebene Jugendliebe. Und hier nun Perceval – seine „Julia“, deren stilles Verlöschen ihn verzweifeln lässt. Aus Désiré wird Romeo, Pastor, Pfleger und Schwestern werden als Lorenzo, Benvolio oder Mercutio zu Stichwortgebern, und es ist nun Percevals Aufgabe, die viele Parallelen im Verhulst’schen Text zu Shakespeare zu ent- und aufzudecken. Von der Balkonszene bis zum Doppeltod. Denn Désiré wird nach dem Sterben Julias nicht mehr weiterleben wollen und sich in die Tiefe stürzen …

Für all das hat Katrin Brack ein Odeon erdacht, eine runde, sich drehende Spielstätte und eine Tribüne aus Sitzbänken, auf denen der Vergissmeinnicht-Chor, Damen zwischen 85 und 95, Platz genommen haben. Davor Moretti. Mal via Lautsprecher verstärkt, über den auch Geräusche wie ein beständig irres Frauenkichern eingespielt werden, mal ein Wispern von Liebe und Tod, die Stimmung seltsam bodenlos, mal resignativ, mal stockend-zögerlich, mal unflätig und wütend. Sein Désiré gibt die Demenz, scheint’s, nicht vor, er ist wirklich von ihr angekränkelt. Und dann wieder lichte Momente, wenn die Anverwandten, ob seiner Begriffstutzigkeit jede Hoffnung aufgebend, abtreten und er zu verstehen gibt, er hätte genau gewusst, was die wollten. Und genauso wie als Bibliothekar beeindruckt Moretti als Romeo in Alterswindeln.

Sabine Haupt und Tobias Moretti. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Sabine Haupt, Gertraud Jesserer und Tobias Moretti. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In einer der eindrücklichsten Szenen wird er vom Chor gerufen. „Papa!“ Immer mehr Stimmen, immer lautere, da versteht man, dass da ein Mensch unter  jahrelanger Verantwortung zusammenbrach, versteht, dass nicht mehr ging, was andere von ihm erwarteten, und ergo der Rückzug erfolgen musste. Nicht zur Kenntnis nehmen wollen/können das Sabine Haupt als Tochter Charlotte – eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs – und Gertraud Jesserer mit Tremolostimme als Ehefrau Moniek. Sylvie Rohrer, Daniel Jesch, Marta Kizyma und Stefan Wieland fungieren als Hauptschwester, Pfleger und Pastor und als Shakespeare-Personal. Mariia Shulga ist eine anrührende Rosa.

Sie umrahmen das zähflüssige Spiel vom Sterben des alten Mannes, das sich mehr als Stimmung, denn in Klarheit erschließt. Zu denken gibt immerhin, dass hier einer am Ende den Prototyp jugendlicher Lebens- und Liebesgier gibt, das macht grübeln über verpasste Chancen und verflossene Gelegenheiten … Am Ende gab es Jubel für alle, allen voran Tobias Moretti, der einmal mehr bewies, dass man nicht nur beim Film, sondern auch auf der Bühne auf ihn zählen kann.

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  1. 3. 2018

Burgtheater: Der Diener zweier Herren

Juni 28, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch an der Burg essen sie Bohnen

Andrea Wenzl (Beatrice), Markus Meyer (Truffaldino), Peter Simonischek (Pantalone De’Bisognosi). Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Truffaldino weiß, wie man schwungvoll serviert: Markus Meyer mit Andrea Wenzl und Peter Simonischek. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Dass Christian Stückls Inszenierung von Goldonis „Diener zweier Herren“ am Burgtheater, wie mancherorts gemunkelt, keine Italianità besäße, kann man so nicht sagen. Es ist halt nicht die Tarantella-Stracciatella-Variante davon, eher erwartet man, dass jeden Moment Giuliano Gemma um die Ecke biegt. Bei Stückls Arbeit stand nämlich die Mafia Pate. Der Regisseur hat das Personal der Commedia dell’arte in eine ehrenwerte Gesellschaft verwandelt.

Das erinnert an Alvis Hermanis‘ Versuch zum „Weiten Land“ vor einigen Jahren, doch anders als bei dessen Verschnitzelung geht sich das Ganze diesmal aus. Die Schießeisen sitzen locker, die Fäuste auch, und wenn Intrigieren immer noch bedeutet, jemanden in Verlegenheit zu bringen, ist diese Interpretation hier genau richtig. Auch an der Burg essen sie Bohnen.

Stefan Hageneier hat dafür ein dringend renovierungsbedürftiges Venedig erdacht, eine desolate, im Halbdunkel gehaltene Taverne, in der das tückische Treiben stattfindet; man trägt naturalmente Nadelstreif, jedes angespielte Musikstück von Tom Wörndl klingt nach il canto di malavita. Und es wird Italienisch gesprochen. Die Grußformeln und die Essensbestellungen. Peter Simonischek, der als Pantalone de‘ Bisognosi seine Toni-Erdmann-Zähne mit auf die Bühne gebracht hat, erklärt die Temperatur der Aufführung mit einem Halbsatz seiner Figur: „Ohne Jubel-Trubel, aber Heiterkeit!“ Simonischek spielt mit großer Lässigkeit den Patriarchen; er changiert zwischen liebevoll polterndem Papà und einem gerissenen Raubtier von Geschäftsmann. Sein Pantalone ist einer, der gewiss keine Leichen im Keller hat, weil er sie lieber gleich im Canal Grande versenkt. Keine Sekunde lässt er Zweifel daran aufkommen, dass er die Liquidierung unliebsam gewordener Handelspartner mit links erledigen würde, es gehört zu den Stückl’schen Zwischentönen, dass Schwiegersohn in spe Silvio, gespielt von Christoph Radakovits, als er das erste Mal auftritt, bereits weiß, dass der Turiner Federigo Rasponi aus dem Weg geräumt worden ist …

Mit dessen verkleideter Schwester Beatrice kommt der Diener Truffaldino in die Lagunenstadt. Und Markus Meyer brilliert in dieser Rolle einmal mehr. Nach seiner fulminanten Toinette ist auch sein Truffaldino der Spielmacher; Meyer ist diese Saison der MultitasKing der Burg, der König der Spaßmacher, welch ein Komödiant, wenn sich der Lakai zweier Herren in seinem eigenen Lügenlabyrinth verirrt, dabei einer, der nie vergißt, die Tragi- in der -komödie mitzuspielen. Immerhin ist Truffaldino so geringfügig beschäftigt, dass es nicht zum Brot, geschweige denn zur Butter reicht. Der Bergameser ist einer der working poor, die sich zwischen zwei Jobs zersprageln, und zwischendurch noch versuchen, ihr Singledasein zum Liebesleben upzugraden, wie gegenwärtig dieses Moment doch ist. Den Höhepunkt hat sein largo al factotum in der berühmten Servierszene in zwei Zimmern, in der Meyer sein akrobatisches Tanztalent austoben kann – bis zum wortwörtlich ausgeführten Spagat. Eine Übung, die der Publikumsliebling beim tosenden Schlussapplaus gerne und zum Gaudium aller wiederholt.

Stückl setzt von Anfang an auf hohes Tempo, um die von Goldoni erdachten Irrungen und Wirrungen auf der Bühne umzusetzen. Keiner darf hier recht zum Nachdenken kommen, sonst wäre die Absurdität der Situation schnell aufgeflogen, lieber bewegt man sich zwischen den Eckpunkten skurrilen Slapsticks und grotesker Grausamkeit. Da wird ein Finger, von einer zugeschlagenen Türe blutig angetrennt, schnell wieder angenäht, ein Schneuztüchl drumherum und gut ist’s. Oder ein Kaugummi unter der Tischplatte hervorgekratzt und frischgekaut, um betrügerisch geöffnete Briefe wieder zu versiegeln. Das geht an die Magennerven. Die Charaktere sind so zornig wie zotig, es wird geflegelt, gefressen und kopuliert, was das Zeug hält. Der Charme ist rustikal, die Scherze derb, das Ensemble kämpft sich gegen die Tücken der Drehbühne vorwärts wie gegen einen anschwellenden Sturm. Stückl macht, was er am besten kann: Volkstheater. Im besten Sinne. Und seine Schauspieler meistern die vorgeschriebenen lazzi toll und dreist.

Mavie Hörbiger (Smeraldina), Christoph Radakovits (Silvio), Hans Dieter Knebel (Brighella). Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Bei Smeraldina sitzt das Schießeisen locker: Mavie Hörbiger, Christoph Radakovits und Hans Dieter Knebel. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Peter Simonischek (Pantalone de’Bisognosi), Hans Dieter Knebel (Brighella), Johann Adam Oest (Dottore Lombardi). Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Peter Simonischek bleckt die Toni-Erdmann-Zähne: mit Hans Dieter Knebel und Johann Adam Oest. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Allen voran Mavie Hörbiger als Smeraldina. Weil jede gute Mafiageschichte eine schwarze Witwe braucht, wurde sie in eine solche verwandelt, eine Ammenhexe mit Hakennase und schwarzer Adjustierung, eine mannstolle herbe Schönheit, die sich mit ihrer  Rauhnacht-Stimme als Mitglied der von einer Herrschaft unterdrückten Klasse ausgibt. Skeptisch schaut sie auf die Welt, und was sie über die zu sagen weiß, ist nur die Wahrheit, die Waffe hat sie schnell zur Hand, und doch träumt sie wie jedes Mädchen nur vom Traualtar. Ein Glück, dass Truffaldino sie schon nehmen würde, wenn sie nur „wöllte“.

Ebenso wie Hörbiger hervorragend, ist auch Andrea Wenzl als Beatrice bestechend gut. Mit tiefem Timbre und im feingerippten Ruderleiberl gibt sie in der Hosenrolle „den Neuen“ im Revier, den Stecher, der der eingesessenen Sektion der Familie das Fürchten lehren will. Es ist fein, die Charakterdarstellerin einmal in einem Lustspiel zu sehen und, wie luftig-leicht sie sich damit tut. Wobei ihrer Beatrice freilich der melodramatische Part in dieser Aufführung gehört.

Ihr Liebhaber, Sebastian Wendelin als Florindo Aretusi, ist gegen so viel Frauenpower ein verweichlichter Waschlappen, der mit großen überraschten Augen auf das Geschehen blickt, doch schnell mutiert er vom weinerlichen Elendshäufchen zum herrischen Patron, wenn’s der Dienerschaft etwa um die Bildung einer Gewerkschaft geht. Christoph Radakovits ist als Silvio sein dümmlich aufbrausender, weil eifersüchtelnder Widerpart. Johann Adam Oest gibt den Dottore Lombardi als einwandfreien Paragraphenreiter, dessen ausschweifend lateinische Ausführungen Pantalone an den Rand der Verzweiflung bringen, Irina Sulaver die Clarice als pikiert-pikantes Früchtchen mit Hang zu Heulausbrüchen, wenn’s nicht nach ihrem Kopf geht.

Goldonis Grundidee, die zani, vecchi und innamorati über Stereotype hinaus, von der Possenreißerei in ein Sittenbild seiner Zeit zu verwandeln, ist Stückl treu geblieben. Von Panama bis zum Brexit gibt’s ein paar aktuelle Anspielungen, so wohl dosiert, dass sie gut ankommen können ohne wehzutun. Wie ein Ruhepol inmitten des Irrwitz‘ sind Hans Dieter Knebel als Wirt Brighella und Stefan Wieland als sein stoisch-intellektueller Kellner Luigi. Sie gestalten ein Kabinettstückchen an Lakonie, während es rund um sie lebensgefährlich um nicht gedeckte Wechsel und ruinöse finanzielle Transaktionen geht.

Am Ende gibt es drei sich gefunden habende Liebespaare, einen verbrecherischen Big Boss, der fester im Sattel sitzt denn je, Stückls subtil auf die Wunde sozialer Ungerechtigkeit gelegten Finger, und hochzufriedene Zuschauer. Stückls „Diener zweier Herren“ ist jetzt schon ein Spielplanrenner, am Montag bei vollem Hause trotz EM-Achtelfinale Italien-Spanien, und wird’s kommende Saison noch bleiben. Fortsetzung also ab September …

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Peter Simonischek ist „Toni Erdmann“, Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20924

Wien, 28. 6. 2016

Burgtheater: Dantons Tod

Oktober 22, 2014 in Bühne

Diese Besprechung bezieht sich auf die Voraufführung am 21. Oktober.

VON MICHAELA MOTTINGER

Duell zweier Theatertitanen

Joachim Meyerhoff (Georges Danton), Michael Maertens (Robespierre) Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Joachim Meyerhoff (Georges Danton), Michael Maertens (Robespierre)
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Sie mögen von der Bühne gegangen sein, um das eine oder andere noch zu diskutieren. Etwa, wie man es verhindern kann, dass „St. Just“ Fabian Krüger mit dem Stiefel in Dantons am Boden liegender Perücke hängen bleibt – und diese minutenlang nicht los wird. Es war aber auch ein Sinnbild. Oder, dass ein Bühnenarbeiter die Gewänder der Exekutierten zusammenräumen musste, damit eine goldene Wand sich senken kann. Egal. Jan Bosses Inzenierung von Georg Büchners „Dantons Tod“ am Burgtheater ist großartig. Und sie kann bis zur Premiere am Freitag nur noch großartiger werden.

Wer mehr noch nicht wissen möchte, möge hier aufhören zu lesen!

Allein das Bühnenbild von Stéphane Laimé (Kostüme: Kathrin Plath) ist herausragend. Ein sich beinah – bis auf Prozess und Kerkerhaft – ständig drehendes Ringelspiel  mit Treppen wie von M. C. Escher, mit Spiegelkabinetten, Boudoirs für die Liebe, Kammern mit Gerichtsakten, einer Badewanne natürlich, die Guillotine in der Mitte des Raums … und einem Joachim Meyerhoff in der Haupt-Rolle als Danton, der in die Gegenrichtung langstreckenläuft. Gegen die Geschichte. Gegen die Zeit. Gesicht und Oberkörper mit einer weißen Klebmasse beschmiert. Abertausend Ideen scheinen durch Bosses Kopf gerast zu sein. So wie man den Regisseur kennt und liebt. Etwa ein von St. Just „geleiteter“ Kinderchor, der immer wieder die Marseillaise anstimmt – und das „Allons enfants“ wörtlich nimmt, wenn die kleinen Sängerinnen und Sänger als Revolutionäre mitten durchs Publikum auf die Bühne stürmen.

Zwischen all diesen Gimmicks hat Bosse das Wesentliche aber im Blick behalten. „Dantons Tod“ ist ein Lehrstück über Despotismus. Darüber, wie Revolution zu Diktatur führt. Wie es jede seit 1789 tat, was Büchner freilich nicht wissen konnte. Nur 22 Jahre alt fetzte er „Dantons Tod“ in fünf atemlosen Wochen hin. Der Dichter stand damals, 1835, völlig zu Recht unter dem Verdacht des Hochverrats. Er hatte im Hessischen Landboten sein berühmtes Manifest „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ veröffentlicht. „Die politischen Verhältnisse können mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Machthaber und die Liberalen ihre Affenkomödie spielen“, formulierte Büchner. All das lässt Bosse in seine Bearbeitung einfließen. Auch, dass George (Danton) von den Mitspielern Georg (Büchner) genannt wird und die beiden so gleichgesetzt werden. Auch, Achtung: Jung-Castorf, Großmutters „Es war einmal ein arm Kind und hat kein Vater und keine Mutter, war alles tot und war niemand mehr auf der Welt … Und war ganz allein, und da hat sichs hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und ist ganz allein“ aus Woyzeck, vorgetragen von Ignaz Kirchner. Der auch den Thomas Payne gibt, einen der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, der mit Danton den girondistischen Verfassungsentwurf ausarbeitet, der allerdings nicht in Kraft trat. Er entging durch einen Zufall der Enthauptung. Er glaubte, dass wahre Religion darin bestehe, Gerechtigkeit zu üben, Erbarmen zu haben und seine Mitmenschen glücklich zu machen: „Die christliche Religion ist eine Parodie auf die Sonnenanbetung, in welcher sie eine Figur namens Christus an die Stelle der Sonne setzten und ihm jetzt die Verehrung zukommen lassen, die ursprünglich der Sonne galt.“

Doch mit Sonnenkönig und so hatten die Franzosen ihre Schwierigkeiten, deshalb gibt Michael Maertens den Blutmessias Robespierre, der alle seine alten Freunde und Wegbegleiter, seine Apostel, kopflos macht. Bosse hat Maertens und Meyerhoff wunderbar gegen den Strich besetzt, holt beide aus ihrer Burgschauspielerwohlfühlzone, lässt sie neue Facetten ihres Könnens zeigen. Eine der besten Szenen daher die Auseinandersetzung zwischen den beiden. Meyerhoff legt seinen Danton weniger als Epikureer an; er ist resignativ, politik- und lebensüberdrüssig, mittelschwer irre, aber das ist sicherlich so, wenn man dabei ist, den Kopf zu verlieren, und sich trotzdem in einen trügerischen Kokon der Unverwundbarkeit eingesponnen glaubt: „Mein Name!“ Maertens „Robespierre“ erscheint lange nur auf Leinwand, ein riesiger, via Livekamera gefilmter Kopf, ein jakobinischer Big Brother, der Asket, der mit unangenehm hoher Fistelstimme seine Wahrheit verkündet. Zwei begnadete Redner, der eine vom anderen „Polizeisoldat des Himmels“ genannt, der andere beschuldigt, „die Rosse der Revolution vorm Bordell halten lassen machend“. Robespierre wurde übrigens 1794 ohne vorherigen Prozess durch die Guillotine enthauptet, Saint-Just bestiegt mit ihm gemeinsam das Schafott.

Fabian Krüger spielt St. Just als Intriganten, als unscheinbares Priesterlein seines Herrn, der die „große Leiche“ Danton mit Anstand begraben will, weil sie ihm lebend zu eloquent ist. Seine Rede vor dem Kovent ist ein Gustostück. Seine Worte duften nicht mehr nach Menschenliebe, sondern stinken wie Leichen, aus deren Bergen er neue Lebende schaffen will. Vom Himmel regnet es Pamphlete, Kleidungsstücke … Man kann nicht umhin bei dieser Gewandlawine ans Dritte Reich und seine KZs zu denken …

Auf der anderen Seite stehen Peter Knaack als Camille Desmoulins und Daniel Jesch als Lacroix, die ihren Freund Danton aus seiner hysterischen Lethargie reißen wollen. Die endlich Republik statt Revolution wollen. Die genug haben vom „Köpfen spielen“. Auch ihre werden gemeinsam mit Dantons im Korb landen. Eine gelungene Darstellung! Ebenso wie die von Adina Vetter als Dantons verzweifelter Ehefrau Julie. Eine Verausgabung bis zur Selbstaufgabe. Julie und die von Aenne Schwarz verkörperte Lucile, Desmoulins Frau, werden ihren Männern freiwillig in den Tod folgen. Jasna Fritzi Bauer ist eine herrliche Hure Marion; Stefan Wieland und Hermann Scheidleder zwei blutdürstige Bürger.

Fazit: Eine fabelhafte Voraufführung. Man darf sich zu Recht auf die kommenden Vorstellungen freuen.

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Wien, 22. 10. 2014

West 46: Licht-Bild

Mai 6, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Menschen in ihrer Präsenz vor der Kamera

Bild: http://wieland.cc/licht-bild/

Bild: http://wieland.cc/licht-bild/

Ab 9. Mai zeigt West 46 (Westbahnstrasse 46, 1070 Wien) „Licht-Bild“, eine Fotoausstellung von Wieland Kloimstein. Die Ausstellung „Licht-Bild“ zeigt Menschen in ihrer bewussten Auseinandersetzung mit ihrer Präsenz vor der Kamera und geht dabei zurück zu den Anfängen der Fotografie. „Licht-Bilder“ sind mit Licht gezeichnete Porträts. Die dabei angewandte Technik lehnt sich ganz an die altgriechische Bedeutung der Neuschöpfung „Photo-graphie“ an: Mit Licht zeichnen. Das trifft präzise den Vorgang, der den ausgestellten Porträts vorausgeht.

Der Hauptaspekt dieses Vorgangs basiert auf einer Streckung der üblichen Belichtungszeit. In der heutigen von Kurzfristigkeiten zerhackten Zeit wird also gerade die fast sprichwörtlich kürzeste Arbeitsphase, das Klicken der Kamera, die üblichen Millisekunden in denen die Aufnahme belichtet wird, zu einem Zeitraum gestreckt in dem bewusst gearbeitet wird. Dazu benötigt Kloimstein Dunkelheit, einen Sessel und eine Lichtquelle in Taschenlampenformat. Das Bild des porträtierten Menschen wird mit diesem Licht förmlich in die Kamera „aufgetragen“. Kloimstein setzt dabei das Licht wie einen Pinsel (Light-Brush) ein, er kann hervorheben und reduzieren, Kontraste setzen und abmildern. Die Erfahrung in diesem Licht-Mal-Prozess (Light Painting) erlaubt ihm dabei, die Lichtstärken auf das gewünschte Resultat abzustimmen. Der Prozess der doppelten Annäherung, der bei jedem guten Porträt bewältigt werden muss: An das Bild des porträtierten Menschen und an diesen Menschen selbst, wird von Kloimstein auf direkte Erfahrbarkeit gestellt.

Im weitesten Sinn verweist diese Technik auf das Grundprinzip der Ablichtung, die Camera obscura: Auch hier wird der dunkle Raum in seiner bildschaffenden Qualität sinnlich erfahrbar. Im Ergebnis erhalten die Porträts ein ungewohntes clair-obscure und es drängt sich der Eindruck auf, von den abgebildeten Menschen betrachtet zu werden.Die gedehnte Belichtungszeit erlaubt aber auch den Porträtierten, sich bewusst mit ihrer Präsenz vor der Kamera auseinanderzusetzen, das heißt, mit ihrer Wirkung, mit ihrem Bild und mit ihrem Selbstbild. Das Porträt entsteht also aus einem längeren Dialog im Dunkeln, der auf mehreren Ebenen stattfindet. Die Sprache dieses Dialogs: Beleuchtung und Konzentration.

Die so entstandenen Bilder erinnern an die Anfänge der Fotografie, als die Porträtierten noch länger still sitzen mussten, um möglichst keine Verwackelungen zu erzeugen. In diesen frühen Studio-Aufnahmen schlug sich dieser Umstand in einer gespreizten und aus heutiger Sicht meist etwas lächerlich anmutenden Feierlichkeit der Körperhaltung nieder. Was sich diesen frühen Porträts aber nicht absprechen lässt: Die Porträtierten, waren sich sehr bewusst, dass sie sich der Welt, auch der zukünftigen Welt, vorstellten. Sie mussten daher auch ein Bild von sich selbst haben – auch wenn sie dabei häufig in konventionelle Posen verfielen. Das gibt uns die Möglichkeit festzustellen, wie wir uns im Verhalten vor der Kamera von unseren Vorfahren unterscheiden aber auch wo es überraschende Ähnlichkeiten gibt. Was damals unerwünscht war, die Interferenzen der langen Aufnahmezeit, ist nun spontanes Ausdrucksmittel, das aus der Interaktion von Porträtierten und Fotograf entsteht.

Bei all dem bleibt auch im Ergebnis der Entstehungsprozess der Bilder sichtbar. Der Anspruch ist aufgegeben, objektiv die Wirklichkeit im Bruchteil einer Sekunde festhalten zu können. Letztlich wird in den Licht-Bildern das Handwerkliche, das Gemachte in der Fotografie sichtbar zugegeben. Doch dass die Fotografie die Wirklichkeit zeigt, ist schon vor Photoshop eine Illusion gewesen. Eine Illusion, die offenbar gern gebilligt wird: Was früher als Bild-Manipulation galt, nennt sich heute etablierter „Bildbearbeitung“ und stellt mittlerweile die Realität des Abgebildeten selbst grundsätzlich in Frage. Dadurch, dass Kloimstein die fließende Grenze zwischen Malerei und Fotografie betont, rückt er den Gedanken der Authentizität im Porträt in den Fokus.

Über Wieland Kloimstein

1973 geboren in Linz, kam nach einer Fotostudio-Lehre über das Interesse an Bildbearbeitung und Bildmanipulation zum Medien- und Interaktionsdesign. Führt seine seit 1988 betriebenen fotografischen Arbeiten kontinuierlich weiter. Kloimstein liebt es, genau hinzusehen, auch dort, wo es scheinbar nichts zu sehen gibt. Zwei Grundhaltungen prägen seine Arbeiten: Die Welt wie ein Reisender, der sich der Fremdheit seines Blicks bewusst ist, zu betrachten. Die Konzentration auf das scheinbar Banale zu lenken: Geschichten vom aufgeblähten Unvollkommenen und der Vergänglichkeit zu erzählen. Mit Liebe zur Schönheit und feinem Witz. Seine ersten Arbeiten beschäftigten sich vorwiegend mit dem Ländlichen in Oberösterreich, den Industrieruinen im Ruhrgebeit und dem Urbanen in Wien. Ob kaputte Fassaden oder ein Friedhof für Kinder: Das Vergängliche wird, so wie es sich zeigt, „aufgenommen“. Ohne wertenden Blick, aber mit subtilem Humor über das Tragikomische in den Dingen und Menschen. 2013 beschloss Kloimstein nur noch “schöne Dinge” zu fotografieren und startete die Portätserie „Licht-Bild“. Der Künstler lebt in Wien.

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Wien, 6. 5. 2014