Akademietheater: der herzerlfresser

Oktober 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mehr fleisch, mehr rohes fleisch!

Peter Knaack als fußpflege irene, Irina Sulaver als fauna florentina, Sebastian Wendelin als pfeil herbert, Merlin Sandmeyer als gangsterer andi und Johann Adam Oest als acker rudi. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Peter Knaack als fußpflege irene, Irina Sulaver als fauna florentina, Sebastian Wendelin als pfeil herbert, Merlin Sandmeyer als gangsterer andi und Johann Adam Oest als acker rudi. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Da war er also wieder, ein Theaterabend, von dem man sicher sein kann, dass die Dramaturgensynapsen Cha-Cha-Cha tanzen, und man selber sitzt drinnen und denkt – was?, und ist sich in diesem Moment seiner intellektuellen Nackerpatzigkeit bewusst. Weil das Burgtheater und ein gehypter Jungautor und sein Leib-und-Magen-Regisseur können doch nicht irren, der Mühlheimer Dramatikerpreis lugt garantiert schon ums Eck und vielleicht auch ein Nestroy-Preis (allein schon, weil Burgtheater), aber bitte – was?

Am Akademietheater kam Ferdinand Schmalz‘ „der herzerlfresser“ zur österreichischen Erstaufführung, im quasi Untertitel hieß es „wiener roh(fleisch)fassung“ und genau das hätte man sich gewünscht. Mehr fleisch, mehr rohes fleisch. Doch es ist erstaunlich, wie blutleer eine Angelegenheit über Kannibalismus sein kann, über den okkulten Glauben daran, dass das Verzehren von Menschenteilen dem Täter einen Nutzen bringe, wenn selbst die von Schmalz versuchte Klammer Kannibalismus = Kapitalismus = Konsumsatanismus nichts zu umfassen vermag.

Als Fußnote kurz die zugrundeliegende Geschichte: 1786 wurde in der Steiermark der Knecht Paul Reiniger des mehrfachen Frauenmordes angeklagt. Der Spieler und Alkoholiker schnitt den Leichen seiner Opfer das Herz aus der Brust und aß es, in der Annahme, dies würde ihm nicht nur Glück mit den Karten, sondern à la longue auch die Unsichtbarkeit bringen. Wiewohl Kaiser Joseph II. die Todesstrafe abgeschafft hatte, ließ er Reiniger doch mit Stockhieben zu Tode foltern. 70 Jahre später gab’s ebenfalls in der Region um Kindberg einen Trittbrettfahrer, der nie gefasst wurde und erst auf dem Totenbett gestand.

Der Mörder und sein nächstes Opfer: Irina Sulaver und Sebastian Wendelin. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Der Mörder und sein nächstes Opfer: Irina Sulaver und Sebastian Wendelin. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Ermitteln undercover: Johann Adam Oest und Merlin Sandmeyer. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Ermitteln undercover: Johann Adam Oest und Merlin Sandmeyer. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Hier setzt der Grazer Schmalz an. In der Provinz wird ein „Einkaufszenter“ gebaut, ein Shoppingsumpf über einem tatsächlichen, und der gibt ausgeweidete Frauenkörper frei. Der Bürgermeister will vertuschen, weil schlechte Kunde, keine Kunden, ein Securitymann soll undercover den Schlächter finden. Eine fauna florentina bangt um ihre Natur, transgender-fußpflege irene hat die ihre grad gefunden, die eine liebt den Securitymann, die andere den Bürgermeister. Und dazwischen schleicht er schon herum, bis er sich in einem monströsen Monolog über die entsetzliche Gnadenlosigkeit der Liebe enttarnen darf.

Es gibt für Texte eine Höchstbelastungsgrenze an Metaphern, und diese hat Schmalz eindeutig überschritten. Statt sich auf den Abgrund der Liebe, auf dessen Doppelbödigkeit stets das Leid liegen muss, statt sich auf den Menschen als darob zerteiltes Ganzes zu konzentrieren, packt er rein, was geht, überfrachtet, verhirnt und ergo entsaftet, bis der Sumpf ob der vielen Nebenarme in Beliebigkeit versandet. Die Sprachspiele rund um die Begriffe Herz und Fuß und Kundschaft oder regional vs global gehen einem umso mehr als auf die Nerven, als abgefasst in einem PseudoHorváth- oder auch Werner-Schwab-Tonfall, nur dass sich hier nicht erschließt, wann und warum die Sprache bricht und von einer Diktion in eine andere gewechselt wird. Das Stück mäandert, trudelt zwischen selbst errichteten Klippen wie schiffbrüchig und kein Land nirgendwo.

Lässt sich einem wie Schmalz nun liebevoll nachsagen, er hätte ein Zuviel an Ideen nicht zu kanalisieren vermocht (und dabei auch keine Hilfe erhalten oder gesucht), so mangelt es Regisseur Alexander Wiegold definitiv an dieser Fülle. Er zeigt eineinhalb Stunden lang den immer gleichen Christbaumlamettawald in Dunkelblau und lässt die Darsteller darin gestelzt herumstacksen, als gelte es nur das im Höchstmaß Artifizielle als veritable Kunst auszuweisen. Die Inszenierung geht zum Zuschauerraum auf größtmögliche Distanz, kein Eingang ist in sie zu finden, und tatsächlich ist das Berührendste, Authentischste, Unverfälschteste ein Schäferhund, der zwei Mal über die Bühne laufen darf. Auch da erschließt sich allerdings nicht, warum er’s tut. Das Tempo ist larghissimo, der Witz im slow-burn-Modus.

Liebe bis zum Wahnsinn: Peter Knaack. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Liebe bis zum Hysterieanfal: Peter Knaack. Bild: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Zwei neue Ensemblemitglieder stellen sich mit dieser Aufführung vor, Irina Sulaver als fauna florentina und Merlin Sandmeyer als Securitymann gangsterer andi, und man freut sich schon darauf, die beiden in anderen Arbeiten zu sehen. Johann Adam Oest als Bürgermeister acker rudi ist ein Vollprofi, der über alle Untiefen souverän hinwegsteigt.

Peter Knaack hat als irene die – um’s Schmalz-ig zu sagen – Herzen des Publikums auf seiner Seite. Er versteht es, aus seiner abstrakten Figur eine(n) Leidensmannfrau zu machen und die durchgängige Monotonie immerhin mit einem peinlichen Hysterieanfall und einer hinreißenden Liebesszene zu unterbrechen. Sebastian Wendelin ist als pfeil herbert der rätselhafte Serienkiller, ein Geisteswesen, das zum umgehenden Gespenst wird, ebenso eine Art Gewissen ist, aber auch er kann mit seiner Performance die aufkommende Langeweile nicht wettmachen. „der herzerlfresser“, das sind 90 Minuten, die ohne jede Gültigkeit zur Ewigkeit werden, man verlässt das Theater und hat erfahren – was?

www.burgtheater.at

Wien, 11. 10. 2016