Kammerspiele: Die Migrantigen

September 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kebap mit polit-scharf

Aus dem Schauspieler Benny und Start-up-Bobo Marko werden Omar Sharif und Tito: Luka Vlatković und Jakob Elsenwenger. Bild: Jan Frankl

Der Lieblingszweizeiler ereignet sich immer noch an Oktay Oncels Kebapbude, „Mit scharf?“ – „Nein, mit Lamm …“ Für die gestern in den Kammerspielen uraufgeführte Bühnenfassung des Erfolgsfilms „Die Migrantigen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25292) haben Regisseur Arman T. Riahi und seine beiden Hauptdarsteller Aleksandar Petrović und Faris Rahoma, die drei schon die Drehbuchautoren, den Spieß allerdings weitergedreht und mit einer Prise Politwitz gewürzt.

Die Welt rotierte in den zwei Jahren seit dem Kinostart bekanntlich nicht nur astronomisch nach rechts, und so kreisen die Sticheleien nun rund um Ibiza und doppelte Buchführung, „Zack, zack, zack“ Jobverlust für Journalisten – und Özaydin Akbaba, der dieselbe Figur auch im Film verkörperte, wettert als stolzer Marktstandler Oncel über den Mangel an gutem Personal, seit die Regierung Asylwerber mitten in der Lehre abschiebt.

Darüber regt er sich auf der Suche nach sozialen Hängemattlern beim AMS auf, wo die Handlung diesmal einsetzt. Mit der großartigen Susanna Wiegand als exjugoslawischer Putzfrau Romana. „Links, rechts, Mitte“ werde sie bis 29. September noch feudeln, verspricht sie, und ein Publikum, das Sarantos Georgios Zervoulakos‘ Inszenierung mit 90 Minuten Dauerlachen bedankt, schenkt ihr zustimmend den ersten Applaus. Riahi hat die Tour de Farce, auf die er seine Protagonisten Benny und Marko schickt, geschickt gestrafft und die Charaktere kompakter gemacht, ohne dass die genüsslich bedienten Klischees und Vorurteile, Schubladendenken und Stereotype Schaden nehmen, bevor er selbst sie in ihre Bestandteile zerlegt.

Zervoulakos‘ Regie steht der Vorlage in Tempo und Timing und auch Liebenswürdigkeit in nichts nach; Ausstatterin Ece Anisoglu hat dazu eine schnell wandelbare Sichtbeton-Optik erdacht, und Kostüme vom ordinär Feinsten. Im solcherart kenntlich gemachten Problemviertel tummelt sich wie gehabt ORG-〈gesprochen: oarg〉-Redakteurin Marlene Weizenhuber, wie im Film spielt sie Doris Schretzmayer, die dringend „jemand Authentisches“ für ihren angedachten TV-Dokutrash sucht, mit dem sie zwecks Quote ein möglichst katastrophales Bild des „Rudolfsgrund“ auf die Fernsehschirme werfen will. Ihr im Nacken sitzt nämlich der Sendungsverantwortliche Wolfgang Grün, Martin Niedermair als Nach-oben-buckeln-nach-unten-treten-Typ, der von ihr nicht weniger als eine Sensation erwartet, sonst – siehe „Zack“.

Der Sendungsverantwortliche Wolfgang Grün erwartet von Redakteurin Marlene Weizenhuber eine Sensation: Doris Schretzmayer und Martin Niedermair. Bild: Philine Hofmann

Beim AMS spricht aus Frau Weber „das goldene Wienerherz“: Martina Spitzer mit Doris Schretzmayer und Tamim Fattal als Kameramann Andrea. Bild: Philine Hofmann

Als Benny und Marko laufen ihr in den Kammerspielen Luka Vlatković und Jakob Elsenwenger in die Arme, ersterer immer noch bei Mutti wohnender Schauspieler, der es satt hat, auf Ausländerrollen festgelegt zu werden, zweiterer gerade mit einem Energydrink pleitegegangener Startup-Bobo, dessen schwangere Freundin Sophie, Gioia Osthoff, nichtsahnend um tausende Euro Babyartikel shoppt. Die Bedingungen des Nullbegriffs „Migrationshintergrund“ erfüllen sie mit ägyptischen beziehungsweise serbischen Wurzeln jedoch beide.

Und so wittert der eine Ruhm, der andere hofft auf Geld, als sie das Angebot der Weizenhuber annehmen, die Stars ihrer Serie zu werden. Auf absurd-aberwitzige Art zeigt Riahi nun, wie allzu leicht man Meinung macht, vor allem, wenn es die ist, an die ohnedies geglaubt werden will. Die Fehlerhaftigkeit dieses Ansatzes wird mit allen Mitteln der Satire durchdekliniert, das textende Trio verschont auch am Theater niemanden. Weder die Zuwanderer, die in ihrer mitgebrachten Mentalität steckenbleiben, noch die Einheimischen, die nicht über den Tellerrand hinaus sehen wollen. Und schon gar nicht die Medien, die sich auf der Suche nach Berichtenswertem aus sozialen Brennpunkten, nach dem Culture-Clash, wie die Trüffelschweine durch Blut und Boden wühlen.

Dass die beflissene „Weizi“ ob der neu angenommenen Namen der frisch erfundenen Kleinkriminellen „Omar Sharif“ und „Tito“ nicht stutzt, kommentiert die übliche Scheuklappensicht aufs vermeintlich Fremde. Dass die Bühnenfassung der „Migrantigen“ sich im Gegensatz zum Film keine Zeit nimmt, etwas über Bennys und Markos Zivilleben zwischen Castings und Geschäftsterminen zu erzählen, um so das von ihnen angenommene Anderssein als nicht gegeben zu entlarven, ist denn auch die einzige Schwachstelle der Aufführung. Schließlich haben Benny und Marko keine Ahnung, wie Gangsta geht, es gilt unter den „Brüdern“ im Ghetto zu recherchieren, und so engagieren sie den „echten“ Ganoven Juwel, um es ihnen beizubringen.

Der selbsternannte King im Grätzel ist eigentlich Oncels Gemüselieferant, aber Attitude und Machogehabe stimmen, Wilhelm Iben spielt das mit ausladender „Oida, wos geht?“-Geste, während er Vlatković mit glitzerndem Prolohemd und Elsenwenger mit Trainingsanzug einkleidet. Doch da er sich über die Möchtegerns, die sich in sein Revier vorwagten, ärgert, tischt er ihnen jeden nur erdenklichen Schwachsinn über Drogen-Sex-Geldwäschedeals und illegale Boxkämpfe im Wettbüro auf, der in Juwels Wortlaut an die Weizi weitergegeben wird, die von Flunkerei zu Flunkerei karrieretechnisch mehr aufblüht.

Benny „betreut“ Markos Sliwowitz-seligen Papa Herrn Bilic: Ljubiša Lupo Grujčić und Luka Vlatković. Bild: Philine Hofmann

Juwel zeigt den „Migrantigen“ wie Ausländer wirklich sind: Wilhelm Iben mit Jakob Elsenwenger und Luka Vlatković. Bild: Philine Hofmann

Die Stimme des Volkes, im Film spricht in einer sehr schönen Szene Prekariatsösterreich in die Kamera, wird auf der Bühne Martina Spitzer überantwortet. Als ehemalige Standlerin Frau Weber, die ihren in Konkurs gegangen Betrieb an Oktay Oncel abtreten musste, geht ihr erst im AMS „das goldene Wienerherz“ über, wenn sie über ein Leben ohne Leberkäs lamentiert, weil den verkaufen „die“ ja nicht und darüber will sie das von Weizi versprochene Millionenpublikum dringend informieren, bevor sie als nunmehrige Mitarbeiterin des Marktamts ihrem Erzfeind Oncel auf den Leib rückt.

Die Spitzer macht das sehr spaßig, naserümpfend-borniert, wie sie ihr verdächtige Lebensmittelproben in Plastiksackerln tütet und die Buchhaltung nach illegalen Einnahmen durchforstet. Alldieweil tanzen Vlatković und Elsenwenger urkomisch ihren verzweifelten Tanz auf Messers Schneide, um mit ihrem Schwindel nicht aufzufliegen. Was ihnen bei Sophie natürlich nicht gelingt, weshalb Gioia Osthoff einen Glanzauftritt als zu Hilfe eilende „Ostblocknutte Olga“ hat, der es immerhin gelingt, mit dem grauslichen Energydrink und werbewirksamem Twerking-Popo vor Tamim Fattals Kamera zu posieren.

Herzstück des Abends ist Ljubiša Lupo Grujčić als Markos Vater Herr Bilic, ein vom Sliwo-Witz angeregter Philosoph im Rollstuhl, ein unbeirrbarer Verehrer seines Marschalls, einer, der seinem Sohn unentwegt und ungebeten ununterbrochen Weisheiten mit auf den Weg gibt. Grujčić gehört auch der Highlight-Moment des Abends, sein Kabinettstück, als es der Weizi gelingt, in seine Wohnung vorzudringen, und er sich im elegant-dunklem Anzug als grimmig-gefährlicher Consigliere über dem Geschehen erhebt, um zu verhindern, dass Bennys und Markos übertriebenes Gehabe auf seinem Rudolfsgrund ernsthaft Unheil anrichten …

Und so bleiben „Die Migrantigen“ jene herrlich hundsgemeine Chaos-Komödie wie gehabt, die sich scharfsinnig und mutig mit Identitätsangelegenheiten befasst, darunter der, ob Herkunft und Nationalität zum bestimmenden Charakteristikum eines Menschen zu erklären sind. Riahis Stoff, so das Premiere-Fazit, ist in jeder Spielart von einer wilden Wahrhaftigkeit. Mit Vlatković, Elsenwenger, Schretzmayer, Grujčić und den anderen spielt eine tolle Truppe. Von der inklusive Regisseur Sarantos Georgios Zervoulakos etliche wissen, wie es ist, mit Erschlagworten wie Vaterland und Muttersprache konfrontiert zu werden. Herr Bilic bringt die Antworten auf diese Fragen auf den Punkt: „Weißt du was diese Stadt wäre, wenn sie keine Menschen wie uns hätte? Was dieser Bezirk ohne uns wäre? Diese Stadt würde nicht funktionieren. Keine Stadt der Welt würde funktionieren.“

www.josefstadt.org

  1. 9. 2019

Theater in der Josefstadt: Glaube und Heimat

Februar 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Sonntagsstaat unterm Herrgottswinkel

Die Heimatvertriebenen machen sich auf den Weg: Trommler Kyrre Kvam mit Ensemble, re.: Claudius von Stolzmann als Reiter des Kaisers. Bild: Moritz Schell

Spätestens, wenn Hausherr Herbert Föttinger im Anschluss an die gestrige Premiere Karl Schönherrs Stück „Glaube und Heimat“ als Teil des Flüchtlings- und Vertriebenenzyklus ausstellt, der diese Saison das Theater in der Josefstadt prägt, ist klar, warum er’s auf den Spielplan gesetzt hat. In ideologisch aufgeheizten Zeiten ist es eine der Erwägung werte Wahl, um einen Riss zu zeigen, der auch gegenwärtig durch die Gesellschaft geht, politische Bigotterie und einen religiösen Fanatismus.

Die hier, im 1910 uraufgeführten Werk, das von der Vertreibung der Zillertaler Protestanten im Jahr 1837 unter Ferdinand dem Gütigen angeregt war, ihre blutigen Schwerter übers Christentum schwingen. Allein, der Krieg um Glaubenssätze wird seit jeher für verschiedenste „Götter“ geführt. Schönherr selbst fiel jenen anheim, die Österreich „heim ins Reich“ holten, er ließ sich von ihnen für sein „blutechtes, bodenständiges Schaffen“ preisen und dichtete im April 1938 darob „Nun sind wir wieder ein gewaltiges Land …“ Vom Rechtgläubigen zum Rechtsgläubigen, was eine Nachfrage nach dem Anteil von Blut und Boden in Schönherrs Schaffen zumindest möglich machen würde. Regisseurin Stephanie Mohr hat indes gar keine gestellt, hat sozusagen interpretationsfrei und vom Blatt inszeniert, hat die Krone der Deutungshoheit von sich gewiesen und lässt somit sowohl ihr 18-köpfiges Ensemble als auch das Publikum auf der Suche nach Bedeutung allein. Derart versucht der Streit Scholle gegen Seele anno 2019 verzweifelt zu zünden.

Noch herrscht Übermut im Hause Rott: Raphael von Bargen, Swintha Gersthofer und Silvia Meisterle. Bild: Moritz Schell

Die Sandperger unterm Herrgottswinkel: Roman Schmelzer und Alexandra Krismer. Bild: Moritz Schell

Mohrs Arbeit ist wie ein Egger-Lienz, expressiv, kantig, wie beim Volksmaler monumentale Szenen und reduzierte Bilder nicht im Widerspruch zueinander – und doch letztlich gestrig. Das Bühnenbild von Miriam Busch und die Kostüme von Alfred Mayerhofer tragen wesentlich zu diesem Eindruck bei: Wände, die die Bühne per Drehkreuz in vier Räume teilen, Bauernstuben mit Herrgottswinkel, Kruzifix, gestickter Heilsspruch und Madonnenbild, einmal sonnenhell tapeziert, einmal schwarz wie die Hölle, jeweils zwei Treppen, die ins Nirgendwo führen. Dazu sind die Darsteller in eine Art großbäuerlichen Sonntagsstaat gekleidet, enteignet werden kann nur, wer was hat, will das wohl sagen, wenn über aussteuervolle Truhen und besten Milchkühe verhandelt wird.

Was die Schauspieler allesamt ausdrucksstark und kraftvoll tun – allerdings mehr als Allegorien denn als wahrhafte Menschen: Raphael von Bargen, dem man den aufrechten, unbeirrbaren Christen Christoph Rott in jeder Sekunde glaubt, Silvia Meisterle, als hartleibige und doch herzensgute Rottin, so brillant wie nie, Michael König als moribunder Alt-Rott, der zwischen Katholizismus und Protestantismus schwankt, weil er im Grunde nur wünscht, in der Heimaterde und nicht auf dem Schindanger begraben zu werden, Swintha Gersthofer als unbändiger Spatz, der lieber in den Tod geht, als sich biegen und brechen zu lassen. Dies vor hat Claudius von Stolzmann als apokalyptischer Reiter des Kaisers, die in ihrer Ambivalenz wohl beste Rolle, hin und her gerissen zwischen blindwütiger Ausführung seiner Aufgabe und doch so etwas wie Anteilnahme für die Ausgestoßenen.

Nur mit einer Figur, einer von ihr dazu erfundenen, bricht Mohr ihre schwarzweiße Welt. Musiker Kyrre Kvam zeigt als Trommler eine clownsgesichtige Spukgestalt, die den Auszug der Landbewohner mit von ihm vertonten Texten von Andreas Gryphius und Rainer Maria Rilke begleitet. Es ist genau diese surreale Verfremdung, es kommt noch eine, in der die Bäuerinnen und Bauern wie im Totentanz reihum „Es kommt kein Trost“ ins finstere Zimmer schreiben, deren Häufung der Aufführung gutgetan hätte, um den Schönherr-Ton abzumildern und das in einen Kunstdialekt übertragene Tirolerisch zu konterkarieren. Stattdessen lässt Mohr, als der Bader, Oliver Huether, dem wassersüchtigen Alt-Rott Erleichterung verschafft, hörbar die Flüssigkeit aus dessen Bauch gluckern.

Rott schwört auf den neuen Glauben: Raphael von Bargen mit Claudius von Stolzmann, Michael König, Roman Schmelzer, Silvia Meisterle und Alexandra Krismer. Bild: Moritz Schell

Eine letzte Auseinandersetzung mit dem Reiter des Kaisers: Raphael von Bargen, Claudius von Stolzmann und Silvia Meisterle. Bild: Moritz Schell

Aus der Vielzahl der Charaktere stechen außerdem hervor: Gerhard Kasal als heimgekehrter Bruder Peter Rott, Roman Schmelzer als Sandperger zu Leithen ganz großartig vom Wahnsinn umzingelt und Nikolaus Barton als gieriger Englbauer in der Au, der die Höfe der Entrechteten für einen Spott aufkauft – auch dies geeignet gewesen für zeitgeschichtliche Gleichnisse. Elfriede Schüsseleder und Alexandra Krismer gestalten mit der Mutter der Rottin und der Sandpergerin zwei starke Frauenfiguren, wobei zweitere auch nach ihrer Ermordung durch den Reiter auf der Szene bleiben darf, während erste retten will, was nicht mehr zu retten ist. Lukas Spisser gibt einen zynischen Gerichtsschreiber, Michael Schönborn den mitfühlenden Schuster.

Ljubiša Lupo Grujčić und Susanna Wiegand sind als Kesselflicker-Wolf und Straßentrapperl die Synonyme dafür, wie unsolidarisch sich Mensch sogar dann verhalten, wenn’s ihnen selber zwar an den Kragen geht, sie einen anderen aber als noch „minderwertiger“ betrachten können, zumal der Wolf und das Trapperl die Katastrophe der anderen als ihr Glück verbuchen, nämlich durch die Wanderpapiere des Gerichtsschreibers endlich „richtige Leut‘“ zu werden. Eine Hackordnung unter Verfolgten, der mehr Aufmerksamkeit zu gönnen gewesen wäre. Dass die beiden ein Plastiksackerl und eine Zwei-Liter-Cola-Flasche mit sich tragen, ist allein noch kein Aktualitätsbezug. Zu den Konfliklinien der Gegenwart merke: Ein „Toleranzpatent“ ist kein Garantieschein für Aufgeschlossenheit, vor allem nicht für jene, die ständig wissen lassen, dass ihre Grenzen der Duldsamkeit des „Fremden“ ohnedies längst überschritten sind.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=sLApWOnB3xY

www.josefstadt.org

  1. 2. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Gockel

November 20, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Pracht-Boulevard!

Karoline Kucera, Matthias Franz Stein, Mathias Hanin, Josef Ellers, Ljubiša Lupo Grujčić und Alexandra Krismer Bild: Erich Reismann

Karoline Kucera, Matthias Franz Stein, Mathias Hanin, Josef Ellers, Ljubiša Lupo Grujčić und Alexandra Krismer
Bild: Erich Reismann

Josef E. Köpplinger ist der regierende König der Komödie. Nach seinem bilderbuchbunten „Weißen Rössl“ an der Volksoper beschert er nun dem Theater in der Josefstadt einen großartigen „Gockel“. Seine Inszenierung von Georges Feydeaus Farce fährt vom Start weg im sexten. Alle sind hier hibbelig bis hypernervös bis Hummeln-im-Hintern, als hätte Louis de Funès als himmlischer Pate über dieser Produktion gestanden.

Des Vaudevillemeisters kritische Begutachtung einer Gesellschaft, in der sich’s alle richten, bis auf den einen, der von ihr am Ende ausgespien wird, lässt Köpplinger außen vor, er will unterhalten. Die Verhältnisse, sie sind schon so. Man muss schließlich nicht an jedem Theaterabend mit den drei Fs aufzeigen. Flüchtlinge, Freihandelsabkommen, FPÖ – die Josefstadt unter Direktor Herbert Föttinger engagiert sich sowieso. Köpplinger setzt aufs vierte – F wie Liebes-Spiel. „Der Gockel“ ist ein wunderbares Ensemblestück für 19 Darsteller, und weil Köpplinger sich nicht regieabarbeitet, sondern hier hochmusikalisch choreografiert, hat sich der Klangkörper der Josefstadt auf ein Vivacissimo eingestimmt.

Den Inhalt des „Gockel“ zu erzählen, ist ein Stück Kunst für sich. Es gibt vier Ehepaare und zwei Solisten und es will beinah jeder mit fast jeder. Schnell jedenfalls, weil jeweils der, der nicht soll, in der Tür steht. Oder unter dem Bett liegt. Oder aus dem Schrank kommt. Wenn hier irgendjemand zu irgendetwas oder überhaupt kommen würde, wären sie allesamt betrogene Betrüger, aber so … Der Salonklippklapp ist ein ständiger Interruptus, wie „Gockel“-Darsteller Dominic Oley im Gespräch sagt. Er wird es auch sein, für den schließlich Schluss ist mit Kissenschlacht. Elfriede Jelinek als Übersetzerin hat Feydeaus Jahrhundertwende an diese herangezogen, sie macht Feydeau zum Frauenversteher. Die Herren sind – bis auf Martin Zauner – eher halbe Hähnchen, mehr Pantoffelhelden als Schürzenjäger, mehr waidwund als -mann; die Amazonen blasen zum erotischen Halali. Die Geschlechter schenken sich nichts, dafür einander kräftig ein. Köpplinger setzt auf den Dominaeffekt.

Und auf die 1960-er Jahre. Die retrochicen Figuren bewegen sich, heißt: sie knallen und fallen, über Zebrawollteppiche, unter Deckenleuchten, als hätte Louis Weisdorf wieder seinen Turbo eingeschaltet, zwischen Coffee Table und Daybed (Bühnenbild: Judith Leikauf und Karl Fehringer, Kostüme: Alfred Mayerhofer). Aus dem Plattenspieler, ja, den gibt’s noch, singt die Piaf. Die Platte hängt, wie das Verlangen. Je ne regrette rien … regre … regr … Das waren noch Zeiten. Die sexuelle Revolution der 68er hat schon den Fuß in der Tür, sonst aber keine entscheidenden Körperteile. Alles atmet ängstlich Erwartung, weil der Aufbruch ins neu wie zum Greifen scheint, aber bis es soweit ist, bleibt die Biedermannsmoral ein sicherer Ruhepolster.

Köpplinger zeigt eine Welt, in der Contenance eine Konvention ist. Vernichtende Blicke und wegwerfende Gesten sagen mehr als das Unausgesprochene, wobei ausgesprochen spannend ist, in wie vielen Nuancen man Ja sagen kann. Die Schauspieler fechten Feydeaus Wortscharmützel mit feiner Florettklinge aus. Sie relativieren ihre Versprechen mit Versprechern. Sie behelfen sich gegen die Unzulänglichkeiten ihrer Existenzen mit Drüber-, Zwischen- und Beiseitereden. Keiner tut, was er soll, keiner kann, wie er will. Nur in den seltenen Augenblicken, in denen einer nicht mehr an das denkt, was er sagt, sagt er, was er denkt. Den Höhepunkt, wiewohl diesen eigentlich nicht, hat das Ganze im Hotel, wo Nerven und Popos blank liegen. Die Sache mit der Zimmer-Nummer ist nämlich gar nicht so leicht zu vollziehen. Köpplinger formuliert auch noch das kleinste Detail aus und erschafft so eine Reihe reizender Randalierer und aufsässiger Angestellter für die Supporting Actors, wie Ljubiša Lupo Grujčićs planlosen Kommissar, Matthias Franz Steins servilen Hoteldirektor oder den Hotelpagen von Josef Ellers, die Kammerdiener der Alexander Strobele und Absenger und – ein Highlight! – das entschleunigt schlurfende Dienstmädchen von Karoline Kucera.

Dominic Oley als „Gockel“ Pontagnac und Michael Dangl als Vatelin stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Glaubt sich zweiterer gut verheiratet, ist für ersteren die Ehe „ein Roman, den ich schon zu oft durchgeblättert habe“. So wie Dangls – pardon im Zusammenhang – stocksteifem, gequälten Vatelin der aufgezwungene Seitensprung keinen Spaß macht, so ist bei Oleys Pontagnac die Lust los. Selten hat jemand so charmant die größten Unverschämtheiten serviert, nachdem er sich frech im eigenen Lügenkonstrukt verfangen hatte. Der vorbildliche Ehemann hingegen betrügt seine Frau nie, ohne sie dabei aufrichtig zu bedauern. Dennoch geht das ungleiche Paar gemeinsam durch Freud und Frauen. Sigmund kommt übrigens vor, ein Zahntraum, man weiß ja, was das bedeutet. Roman Schmelzer kommt als Hausfreund Rédillon über den Aperitif nicht hinaus, muss aber angesichts geballter Weiblichkeit ohnedies w.o.-geben. Siegfried Walther wandelt als brillanter Britverschnitt Soldignac auf Amors Spuren. Martin Zauner ist ein herrlich herrischer Pinchard. Der schleicht zwar nicht auf Freiersfüßen umher, aber Zauner spielt ein „Er würde schon wollen, wenn …“ mit. Im Leben wählt ein Mann unter zwei Übeln meistens das hübschere oder das jüngere, sagte Feydeau. Da kannte er Zauners Pinchard nicht.

Die Pinchards, die gehörlose Madame großartig verkörpert von Susanna Wiegand, sind nicht die einzigen, die nicht wissen, wie ihnen, sondern auch nicht, was geschieht. Pinchard will doch nur „die Taube in die Oper führen“. Pauline Knof als Lucienne Vatelin und Silvia Meisterle als Clotilde Pontagnac begreifen rechtzeitig, dass man als Ehefrau seinen Mann stehen muss, und wenn’s auch nicht der eigene ist, kann dieser trotzdem mit strenger Hand in jede beliebte Position gezwungen werden. Alexandra Krismer verfolgt als Maggy Soldignac den Vatelin mit ihren Avancen, geht schließlich in Stellung und greift ebenfalls zu harten Mitteln – einer Reitgerte. Susa Meyer spielt als Armandine im Audrey-Hepburn-Outfit eine ganz vorzügliche Charade. Motto: „Sex-Appeal  kann ich ebenso gut voll bekleidet rüberbringen, beim Äpfelpflücken oder wenn ich im Regen stehe.“ Die großen Zehn spielen, als ob es um ihr Liebes-Leben ginge.  Mit Tempo, Temperament und Tremolo. Josef E. Köpplinger zeigt einen Pracht-Boulevard! Ein Abend, den man nur empfehlen kann. Dieses naturellement nicht auf Französisch.

Dominic Oley im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=15965

www.josefstadt.org

Rezension: Josef E. Köpplingers „Weißes Rössl“ an der Volksoper: www.mottingers-meinung.at/?p=14600

Wien, 20. 11. 2015

Salzburger Festspiele 2016: Das Programm

November 5, 2015 in Bühne, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eröffnung mit „The Exterminating Angel“

Florian Wiegand, Helga Rabl-Stadler und Sven-Eric Bechtolf Bild: Anne Zeuner

Florian Wiegand, Helga Rabl-Stadler und Sven-Eric Bechtolf
Bild: Anne Zeuner

Drei Neuinszenierungen im Bereich Oper, drei beim Schauspiel, eine Ouverture spirituelle, die sich mit der Musik der ostkirchlichen Christen befasst, und von Ensembles aus Russland, Armenien, Griechenland, aus dem Libanon, Ägypten und Äthiopien zum Klingen gebracht wird, das ist kurz umfasst das Programm der Salzburger Festspiele 2016.

Eröffnet werden die Festspiele am 28. Juli mit einer Opern-Uraufführung im Haus für Mozart. Diese ist jedoch immer noch nicht „Endspiel“ von György Kurtag, auf das man weiter warten muss, sondern The Exterminating Angel von Thomas Adès nach dem Buñuel-Film „Der Würgeengel“. Regie führt der Librettist Tom Cairns, der Komponist selbst dirigiert das ORF Radio-Symphonieorchester. Endspiel steht dennoch auf dem Spielplan – als Start des Schauspiel-Programms am 30. Juli im Salzburger Landestheater, mit Nicholas Ofczarek als Hamm und Michael Maertens als Clov. Regie bei dieser Koproduktion mit dem Burgtheater führt Dieter Dorn, hieß es bei der Programm-Pressekonferenz am 5. November in Salzburg, die zum letzten Mal von der „direktorialen Doppelspitze“, Präsidentin Helga Rabl-Stadler und künstlerischem Leiter Sven-Eric Bechtolf, gegeben wurde. Träume seien „kein Motto, aber eine geheime Überschrift“ des Gesamtprogramms, sagte Bechtolf, der außerdem das Auftragswerk „The Exterminating Angel“ als „ein Riesenprojekt“ und ein „großes Ensemblestück mit 21 Rollen“ ankündigte.

Die beiden weiteren Opern-Premieren sind die Liebe der Danae von Richard Strauss im Großen Festspielhaus. Alvis Hermanis inszeniert, Franz Welser-Möst dirigiert die Wiener Philharmoniker, Krassimira Stoyanova singt die Danae. Premiere ist am 31. Juli.  Sowie – erstmals bei den Festspielen – Faust von Charles Gounod. Reinhard von der Thannen übernimmt im Großen Festspielhaus Regie und Ausstattung, Alejo Pérez dirigiert die Wiener Philharmoniker, Piotr Beczala singt den Faust, Premiere ist am 10. August. Bechtolfs Da-Ponte-Zyklus wird 2016 „zu mancher Freude und zu manchem Ärger“, so Bechtolf markig, komplett gezeigt, davon die „Così“ aus dem Jahr 2013 als szenische Neueinstudierung in der Felsenreitschule. Sicher ein Highlight wird die von den Pfingstfestspielen übernommene West Side Story mit Cecilia Bartoli als Maria und Norman Reinhardt als Tony.

Auch im Schauspiel sind für 2016 zwei weitere Premieren angekündigt: Deborah Warner inszeniert Shakespeares Der Sturm auf der Perner-Insel mit Hans-Michael Rehberg als Prospero, offenbar ein Salzburger Evergreen, war doch dort erst bei Bechtolfs Amtsantritt  2012 eine Version von Irina Brook zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=870). Die Warner-Fassung  gibt’s ab 2. August. Gerd Heinz zeigt im Landestheater Thomas Bernhards Der Ignorant und der Wahnsinnige, das 1972er-Uraufführungsskandalstück, das mit der Salzburger Notlicht-Affäre für Aufsehen sorgte. Premiere ist am 14. August, es spielen Johanna Wokalek die Königin der Nacht, Christian Grashof den Vater und Bechtolf höchstselbst den Doktor. Außerdem stehen das szenische Melodram Requiem für Ernst Jandl von Friederike Mayröcker und zwei Thomas-Bernhard-Lesungen von Hermann Beil und Tobias Moretti auf dem Programm. Wer neue Jedermann-Buhlschaft wird, wurde naturgemäß noch nicht verraten, aber immerhin, dass Eva Herzig die Rolle der Frau des Schuldknechts übernimmt. Nikolaus Rucker spielt nun Gott. Bisher war die Produktion von Brian Mertes und Julian Crouch immer sehenswert (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5043), das wird sie wohl auch bleiben.

Konzertchef Florian Wiegand lässt anlässlich der 200-jährigen Zugehörigkeit Salzburgs zu Österreich die Missa Salisburgensis von Heinrich Ignaz Franz Biber im Dom aufführen. Daniel Harding dirigiert zur Uraufführung des Auftragswerks Halleluja – Oratorium Balbulum von Peter Eötvös die Wiener Philharmoniker. Zu Gast in Salzburg sind außerdem das Concertgebouworkest Amsterdam, die Filarmonica della Scala, das Cleveland Orchestra und das Gewandhausorchester Leipzig. Den Komponisten Friedrich Cerha und György Kurtag, die 2016 ihren 90. Geburtstag feiern, sind Schwerpunkte gewidmet.

Insgesamt bieten die Salzburger Festspiele 2016 192 Aufführungen an 41 Tagen an 14 Spielstätten. Das Gesamtbudget liegt bei 60,54 Millionen Euro, die Kartenpreise liegen zwischen 5 und 430 Euro. Ab 2017 ist Markus Hinterhäuser als Intendant und Bettina Hering als Schauspielchefin für das künstlerische Programm verantwortlich. Rabl-Stadlers derzeitiger Vertrag endet nach den Festspielen 2017. Ob Kurtags ursprünglich schon für 2013 angekündigtes Werk bis dahin aufgeführt werden wird, steht nach wie vor in den Sternen. „Es geht ihm gut, er komponiert“, war alles, was Bechtolf weiß oder wissen ließ.

www.salzburgerfestspiele.at

Salzburg, 5. 11. 2015

Theater in der Josefstadt: Die Kameliendame

Dezember 19, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandra Cervik stirbt im Schnee

Katja Bellinghausen, Josef Ellers, Alexander Absenger, André Pohl, Susanne Wiegand, Sandra Cervik Bild: Moritz Schell

Katja Bellinghausen, Josef Ellers, Alexander Absenger, André Pohl, Susanne Wiegand, Sandra Cervik
Bild: Moritz Schell

Es ist der Stoff aus dem die tränentriefenden Schmonzetten sind. Ein Groschenroman getarnt als Weltliteratur. Überlebensgroß gemacht durch Verdis „La Traviata“. Paris‘ größte Kurtisane wird zur Mätresse, zur aufrichtig Liebenden eines jungen Mannes, der glaubt, zum Leben genüge Luft und Leidenschaft. Leider nein. Vom Lobgesang auf den Genuss bis zum Totenbett einer an Tuberkulose Sterbenden geht’s durch drei Akte. Generationen von Regisseuren haben sich an der „vom Weg Abgekommenen“ schon fix und fertig gekitscht.

Das Theater in der Josefstadt spielt nun „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas dem Jüngeren. Er selbst funktionierte sein Buch schon 1852 zum Stück um; hier ist allerdings eine grandios entstaubte Fassung von Herbert Schäfer – der gemeinsam mit Vasilis Triantafillopoulos auch für Bühnenbild und Kostüme zuständig war – zu hören. Torsten Fischer inszenierte. So haben also Fischer und Schäfer der Kunst-Gewerblichen allen Flitter und Firlefanz runtergeräumt. Eiseskalt ist diese Welt, Schnee fliegt und bleibt liegen. Die Gesellschaft vergibt nicht, was man war und nicht mehr sein will. „Hure“ ist das Wort, das Kokottische entrümpelt. Ein riesiger „Spiegel der Gesellschaft“, einmal so gedreht, dass sich das Publikum bis in den obersten Rang darin sehen kann, ist das zentrale optische Instrument. Das war mal was, hat aber mittlerweile einen Bart, länger als der vom Weihnachtsmann. Sei’s drum. Schäfer schafft dadurch auch Bildkompositionen von fantastischer Schönheit.

Die Geschichte ist wahr. Alexandre Dumas verehrte eine Käufliche namens Marie Duplessis. Sie liebte Kamelien, Luxus, war schwindsüchtig, verstarb mit 23 Jahren. Und damit beginnt auch Fischers Arbeit: Das Ende als Anfang. Zu Willy DeVilles „Heaven Stood Still“ mischen sich Fakt und Fiktion. Die erdachte Figur Marguerite Gautier (Sandra Cervik) stirbt in den Armen von Alexandre Dumas (Tonio Arango in einer seiner Funktionen). Der Totentanz kann beginnen, denn kurz darauf erscheint Figur Armand Duval (Alexander Absenger) – und A. D. sagt zu A. D.: „Das bin ja ich.“ Beginn eines Zwiegesprächs. Die beiden werden nicht mehr zu trennen sein. Etwa, wenn Marguerite mit Dumas tanzt, während sie Duval ihre Lebenssituation zu erklären sucht. Beim Beischlaf mit Zweiterem, den Ersterer bei einer Flasche Rotwein und einer Zigarette beobachtet. Viel nackte Haut und monströse Krinolinen machen die Damengarderobe aus. Die Herren sind entweder in Frack und Zylinder oder teilweise bis ganz unbekleidet.

Arango ist der Motor des Abends, über dem die Schwermut als Gedanke liegt. Viel mehr als ein „Erzähler“ ist er Teilnehmer am Geschehen, ständiger Gast im Salon der Lustpaarkeiten, übernimmt kleine Rollen vom Croupier bis zum Totengräber, ist der älter gewordene Armand Duval, der als Last die Schuld trägt, nun den Grund für das Verschwinden Marguerites zu kennen (Stichwort: Georges Duval), will seinem jüngeren Ich helfen, kann aber nicht – und ist zum Glück Humorverweser im Sinne eines Reichsverwesers. Es ist erstaunlich, aber bei Arango eigentlich logisch, dass ausgerechnet er, der keine „Rolle“ hat, am besten spielt. Ein Darsteller, wie sich wenige finden!

Sandra Cervik legt die Kameliendame als vom Leben hart gewordene Frau an, die ihre Dämonen sehr gut kennt und sich selbst von allen vielleicht am meisten verachtet. Was sie mit Champagner kompensiert. „Ich bin ein blutspuckender Geldraffautomat“, sagt sie einmal. Cervik changiert zwischen nobel und nuttig. In ihrer famos gespielten Sterbeszene, „Armand“ (hier Arango) rufend, den verzweifelten Eifersüchtling, der ihr gerade 500 Franc für ihre Dienste hingeworfen hat, ist sie bei sich. Im Sterben im Schnee so allein wie im Leben. Davor gibt es einen Dialog zwischen A. und M., in dem Hochmut auf Demut trifft. Und die Konflikte dieser Amour fou, in der man sich selbst hasst, weil man den anderen liebt, entblößt werden. Diese Szene ist wohl der Höhepunkt der Inszenierung.

Alexander Absenger gibt mit Bravour den unbedarften, netten Bursch‘, dessen Wechselspiel mit Arango Fischer auf den Punkt inszeniert hat. Ein Auf-Augenhöhe-Spiel. André Pohl – und viele im Publikum waren gespannt, wie ihr liebenswerter Theaterwegbegleiter da sein wird – verkörpert mit Arthur de Varville den brutalen Unsympath, den „Vergewaltiger“, aber auch Finanzier nachdem Marguerite Duval verlassen musste. Er ist Täter und Opfer zugleich, lässt sie ihn doch nicht nur ihre Geringschätzung spüren, sondern ihn trotz Schuldentilgung auch nicht „ran“. Ein sehr gelungener, anderer, neuer Einsatz Pohls! Ein paar witzige Metaphern wurden gefunden, um über „es“ zu kommunizieren. Die Schönste: Wenn sich die Damen des Salons gegenseitig das Gesicht ab-budern. Da ist Marguerite bereits ein Gespenst an Varvilles Arm. Bei einem Fest kommt es zum Eklat mit Duval. Der Herr über den Körper gegen den Seelenfolterer, die Frau –  ein schon aus dem Leben schwindender Geist.

Den Schlamassel hat Armands Vater, Georges Duval, angerichtet. Als die Liebenden Zuflucht in einem Landhaus nehmen, wo sich Marguerite erholen soll, taucht er auf: Udo Samel bei seinem Debüt an der Josefstadt. Er verlangt die sofortige Trennung des Paares, hätte er doch eine Tochter zu verheiraten, deren Eltern niemals dulden würden … Es ist kein Platz im Schoß einer Familie für Marguerite, wo doch ihren schon so viele kannten. Samel, ganz strenger Vater, deklamiert emotionslos seine „Rechte“, während er mit der linken – Keuschheit und Religion im Mund – sanft über die Hurenbrust streicht. Nun ist der Georges Duval prinzipiell eine Wurzn. Ein Zehn-Minuten-Auftritt. Für den es Samel nicht gelingt, in seiner Rolle eine Figur zu finden. Auch das Match Burgtheaterdeutsch vs Josefstädterisch geht 0:1 aus. Der Ausnahmeschauspieler Udo Samel als Außenseiter, als Fremdkörper, das war hoffentlich eine Regieidee und kein Passiertsein.

www.josefstadt.org

Trailer: http://youtu.be/JCZLIfIyTTs

www.mottingers-meinung.at/tonio-arango-im-gespraech/

Wien, 19. 12. 2014