Hin & Weg 2021: Die Highlights aus dem Programm

Juli 27, 2021 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Geballte Theaterpower am Waldviertler Herrensee

Parterre Akrobaten, Schubert Theater. Bild: © Barbara Pálffy

Das 4. Theaterfestival Hin & Weg vom 13. bis 22. August in Litschau am Herrensee steht unter dem Motto „Mut und Vergänglichkeit“. Rund um dieses Thema präsentiert Festivalgründer und Intendant Zeno Stanek mehr als 100 Veranstaltungen an mehr als 30 Spielorten in Litschau und Umgebung. An den beiden Wochenenden 13. bis 15. und 20. bis 22. August sind Aufführungen, szenische Stückpräsentationen, „Küchenlesungen“ von

bekannten Theaterleuten in privaten Haushalten, Hörspiele, Theaterereignisse für junge Menschen, Autorinnen-/Autorenlesungen und Performatives zu erleben. Bei Hin & Weg geht es um Dialog und Austausch. So spricht Ö1Journalist Bernhard Fellinger an den Vormittagen bei „Fellingers Früh.Stück“ mit hochkarätigen Gästen, bei den Feuergesprächen wird zu später Stunde zu verschiedenen Themen diskutiert. Dramatiker Calle Fuhr und Musikerin Maria Petrova begleiten das Festival mit ihrer kreativen Arbeit als Artists in Residence. Ernst Molden hat wieder sechs SingerSongwriterKonzerte, etwa EsRAP & Band oder Gerald Votava und Walther Soyka mit Nöstlinger-Songs, kuratiert. Last but not least finden, ergänzend zum Festival, vom 16. bis 20. August Workshops rund ums Theater statt.

Geprägt wird Hin & Weg von einer geballten Ladung an junger kreativer Energie. Die seit Beginn bestehende Zusammenarbeit mit der Musik und Kunst Privatuniversität Wien, mit Studierenden des Max ReinhardtSeminars und heuer auch mit der HfS Ernst Busch Berlin ermöglicht zahlreichen begabten jungen Menschen, eigene Ideen und Projekte auszuprobieren, sowie den Austausch mit bereits arrivierten Theaterleuten, die ihre Erfahrung gerne an die Jugend weitergeben. So sind Künstlerinnen und Künstler wie Fanny Altenburger, Ljuba Arnautović, Theodora Bauer, Josephine Bloéb, Gerti  Drassl, Calle Fuhr, Felix Hafner, Markus Kupferblum, Jim Libby, Manuela Linshalm, Erni Mangold, Anna Marboe, Maeve Metelka, Ursula Mihelič, Ernst Molden, Alina Schaller, Christa und Kurt Schwertsik, Paul Skrepek, Katharina Stemberger, Christian Strasser, Fritzi Wartenberg, AntoN Widauer, Rebekah Wild, Christian Winkler, Doris Weiner oder Johannes Zeiler zu Gast.

Zahlreiche Ensembles wie English Lovers, Gledališče Dela, theatergruppe kollekTief, Schubert Theater Wien oder Volkstheater Wien zeigen oder erarbeiten vor Ort ihre Produktionen. Hauptspielorte sind das Herrenseetheater direkt am See und der Brauhausstadl in Hörmanns. Als weitere Bühnen werden Räume aller Art adaptiert. Gespielt wird beispielsweise im Kulturbahnhof, im Gütermagazin am Bahnhof, im ehemaligen Supermarkt, in einer alten Bäckerei, in einer leer stehenden Industriehalle, in einem Schuppen, im alten Lichtspielhaus, aber auch open Air in freier Natur.

Die Fellner Lesung, Institut für Medien, Politik und Theater. Bild: © buero butter

MOŽ! sitz mit mir, Gledališče Dela / Theatre Works. Bild: ©mMiniature puppet

Wer hat Angst vorm weißen Mann? Bild: © Jake Tazreiter

Festivalmotto: Mut und Vergänglichkeit

Eine beispielhafte Produktion zum Thema Mut ist eine der beiden Eröffnungsproduktionen am 13. 8.: „Finale“, ein „Bühnenessay“ von und mit Calle Fuhr, der Mut machen will, sich den Herausforderungen unserer Zeit wie Umweltproblemen und politischen Krisen zu stellen. „K(l)eine Angst“ der neuseeländischen Puppenspielerin Rebekah Wild ermutigt dazu, die eigenen Ängsten zu überwinden. Elly Jarvis und Lilli Strakerjahn steuern mit „subject: YOU/ME/US a solo performance about queer identity“ einen dokumentarischen Theaterabend zum zeitgleichen Coming out von Elly – mit 23 Jahren mitten im queeren Großstadtleben von Berlin – und ihrem Großvater Dix mit 93 Jahren allein in seinem Haus in Michigan – bei.

Vergänglichkeit findet sich in der zweiten Eröffnungsproduktion am 13. 8.: „Proteus ein verschollenes Stück Erinnerung“ von Christian Winkler, verhandelt, ausgehend von der „Orestie“ des Aischylos, mit einem Chor aus Seniorinnen und Senioren Themen wie Schuld, Widerstand, Liebe und Tod. Vergänglich ist in der Abschlussproduktion am 22.8. auch der Glaube an ein Idol: In Heldenplätze“ von Calle Fuhr, einer Voraufführung des Volkstheaters Wien, gedenkt Gerti Drassl als Theresa ihres früh verstorbeben Bruders und seines  „Helden“ Toni Sailer. Doch dann werden 2018 gegen den mittlerweile verstorbenen Skistar Vergewaltigungsvorwürfe neu aufgerollt

In „The Worm“ von Gledališče Dela steht der Wurm als Metapher für den Tod, ein absoluter Herrscher, der sich um die Qualität oder den Wert des Lebens nicht schert. Musikalisch der Beitrag von Stelzhamma: Für ihre „Wassamusikhaben die vier in Linz ausgebildeten Jazzmusiker ein eigens der Vergänglichkeit gewidmetes Stück komponiert.

Impression I: English Lovers am Ufer des Herrensees, 2020. Bild: © Constantin Widauer

Impression II: Gib mir ein F – Publikumsgespräch, 2020. Bild: © Constantin Widauer

Impression III: Fellingers Früh.Stück im Herrenseetheater, 2018. Bild: © Constantin Widauer

Impression IV: Küchenlesung mit Katharina Stemberger, 2018. Bild: © Karl Satzinger

Starke Frauen & Theaterkollektive

Zahlreiche Produktionen stammen 2021 von bemerkenswerten Frauen, die in der zeitgenössischen Theaterlandschaft am Vormarsch sind. Multitasking ist angesagt: Viele schreiben ihre eigenen Texte, die sie selbst inszenieren und spielen. Kollektives Arbeiten ist die gängige Produktionsform geworden. So zeigt das FTZNKollektiv von Fritzi Wartenberg, Benita Martins, Hannah Rang und Runa Schymanski gleich zwei Stücke: „Bei aller Liebe jetzt wird gefotzt!“ als Fortsetzung der Erfolgsproduktion „Gib mir ein F“ aus dem Vorjahr, die heuer wiederaufgenommen wird. Beide Stücke hinterfragen ironisch die Widersprüchlichkeit zwischen feministischen Forderungen und nach wie vor bestehenden konventionellen Idealbildern von „Mann“ und „Frau“.

Theatergruppe kollekTief mit Alina Schaller, Andrea Meschik, Anna Marboe und Anton Widauer kommt mit „Der Traum nach einer Erzählung von Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Armela Madreiter und Kim Ninja Groneweg hinterfragen auf ihrem Audiowalk „(Ver)Gänglichkeiten“ Geschlechtsidentitäten. Aus Anlass von Thomas Bernhards 90. Geburtstag zeigen Doris Hindinger, Karola Niederhuber und Saxophonistin Ilse Riedler „Der Theatermacher und Der deutsche Mittagstisch“. In „ParterreAkrobaten“ des Schubert Theaters Wien unternehmen Manuela Linshalm, Christoph Hackenberg und Jana Schulz aus Anlass von H. C. Artmanns 10. Geburtstag eine Reise durch die Panoptika, Geisterbahnen und Fundbüros des Wiener Praters mit Texten und Musik von Artmann  und Kurt Schwitters.

Barbara Gassner erzählt in „Sagt man eigentlich noch Indianer Versuch 2“ in der Regie von Ed. Hauswirth die Geschichte ihrer Großtanten Anna und Mina, die 1919 aus der Provinz nach Wien gegangen sind und die Stadt ihr Leben lang nicht mehr verlassen haben. Musikerin in Residence Maria Petrova, seit 21 Jahren als vielbeschäftigte Musikerin in Wien beheimatet, wird am Festival als Begleiterin zahlreicher Veranstaltungen ihr gesamtes rhythmisches Œuvre an unterschiedlichsten Instrumenten entfalten.

„K(l)eine Angst“ der Neuseeländerin Rebekah Wild. Bild: © Barbara Pálffy

Beispiel fürs Festivalmotto: Oleanna – ein Machtspiel. Bild: © Jake Tazreiter

Proteus – ein verschollenes Stück Erinnerung. Bild: © Wolfgang Rappel

Kafka-Schwerpunkt

An Wochenende des 14. und 15. August 1920 trafen einander in Gmünd die Journalistin Milena Jesenská und der Schriftsteller Franz Kafka zum zweiten Mal in ihrem Leben persönlich. Diese Begegnung der beiden Liebenden fand Eingang in „Briefe an Milena“, die heute zur Weltliteratur gehören. In „1000 Briefe von dir und 1000 Wünsche von mir. Franz K. & Milena J.“ folgt Martina Winkel auf den Tag genau 101 Jahre nach dem  schicksalhaften Treffen in assoziativen Schattenbildern den brieflichen Spuren der komplexen Liebesgeschichte. Das Gastspiel „MOŽ! sitz mit mir“ von Gledališče Dela basiert unter anderem auf der Kurzgeschichte „Die Verwandlung“ von Franz Kafka. Die Hörspielreihe in Zusammenarbeit mit Ö1 bringt fünf teils legendäre Hörspiele, darunter Der Gruftwächter“ von Franz Kafka mit Anne Bennent und Hans Neuenfels, erschienen als Klangbuch im Mandelbaum Verlag, 2009, oder Ein Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka, bearbeitet und gespielt von Felix Mitterer, einer Produktion des ORF Tirol, 2013.

Besonderheiten im Programm

Der Festivaltag bei Hin & Weg beginnt an den Wochenenden um 08.30 Uhr mit einer YogaSession am Ufer des Herrensees, danach folgen die morgendlichen Diskurse in der TeelöffelLounge, kuratiert von Katharina Stemberger. Bei „Fellingers Früh.Stück“ diskutieren zu „Mut“ Erni Mangold, Petra Ramsauer und Zeno Stanek, zu „Kontrollverlust “ Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher, Astrologin Astrid Hogl-Kräuter und ZIB-Wissenschaftsjournalist Florian Petautschnig, zu „Verwandlung“ Ljuba Arnautović und Imkerin Theresa Dirtl sowie zu „Vergänglichkeit“ Gerti Drassl und Schamane August Thalhammer. Bei den beliebten Küchenlesungen laden heuer unter anderem Gerti Drassl, Erni Mangold, Katharina Stemberger, Doris Weiner oder Johannes Zeiler in private Litschauer Haushalte. Dazu wird ein dreigängiges Menü serviert.

Sehenswerte sind auch „Die Maschine“ von Paul Skrepek und Andreas Platzer, die aus Sperrmüll akustische Apparaturen bauen, „Die Fellner Lesung Anleitung zum Fellnerismus“, ein Format des „Instituts für Medien, Politik und Theater“ in der Regie von Felix Hafner, unter anderem mit Josephine Bloéb und Clemens Berndorff, oder der Kurzfilm „Hörmanns“ von Siegmund Skalar.

www.hinundweg.jetzt

27. 7. 2021

Schauspielhaus Wien: Schlafende Männer

November 10, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Einsauen bis zur Ekelgrenze

Hier wird gekleckert, nicht geklotzt: Anton Widauer, Vera von Gunten, Sebastian Schindegger und Alina Schaller. Bild: © Susanne Einzenberger

Lässig lehnt Maria Lassnig an der Wand. Ihre Selbstporträts „Du oder ich“ und jenes „unter Plastik“, natürlich „Schlafende Männer“. Das Gemälde aus dem Jahr 2006 ist schließlich Namensgeber für Martin Crimps Stück, das Tomas Schweigen nun am Schauspielhaus Wien als österreichische Erstaufführung inszeniert hat. Bühnenbildnerin Giovanna Bolliger hat Zuschauertribüne und Spielfläche vertauscht, all the world’s a stage, und auf diese eine Atelierwohnung gestellt.

Manifeste über den heidnischen Menschen und die ursprüngliche Tragödie an den Wänden; Kunst fließt hier, später noch im Wortsinn, tropft von Gesichtern und Körpern, wenn sich das Darstellerquartett mit Joghurt und Gips, Blutfarbe und griechischem Salat einsaut – bis zur aktionistischen Ekelgrenze; das Leben dagegen stagniert. Dass an die Fensterschräge als Referenz Mike Nichols Geschlechterkampffilm, Liz Taylor und Richard Burton in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, projiziert wird, verweist auf die theatrale Zimmerschlacht, die hier gleich anheben wird.

Das Setting ist dasselbe, ein in die Jahre kommendes, gutsituiertes Ehepaar, Paul und Julia, er Musikproduzent, sie Kunsthistorikern, lädt ein junges ein. Josefine ist Julias neue Assistentin, deren Mann Tillman hat mit Möbeln zu tun, und ist ergo der einzige nicht künstlerisch tätige in der Gruppe. Die Vornamen sind die der Schauspieler der Uraufführung am Hamburger Schauspielhaus, Crimp-Intima Katie Mitchell hatte dort die Regie übernommen, und musste sich vom Feuilleton vorwerfen lassen, ihre „kältestmögliche Zurückhaltung“ hätte die Aufführung zur „Fischblütigkeit“ verdammt.

Das kann man Tomas Schweigen nicht anlasten, er greift in die Vollen. Mitten im Alsergrunder Boboville geraten ihm die Crimp’schen Figuren wie selbstverständlich zu jener Art von Bourgeoisie, die verzweifelt versucht, ihr letztes bisschen Bohème ins Arriviert-Sein zu retten. Vera von Gunten gibt die Julia mit ausreichend Schnepfigkeit und selbstverliebter Attitüde, die Frau ist schließlich ein Star auf ihrem Gebiet, Sebastian Schindegger spielt Paul in lustvoll-gebückter Demutshaltung, ein passiv-aggressiver Tropf, dessen Geltungsdrang längst erloschen ist. „Die meisten Leute in Pauls Alter, die versagt haben, sind verbittert, aber Paul ist frei von Bitterkeit“, sagt Julia.

Das sitzt. Und Paul ist nicht der einzige unterbutterte, auch der verhuschte, tanzbärig-dumpfe Tillman wird von der Gattin klein gemacht. „Wir haben darüber gesprochen, Kinder zu kriegen, aber das Kind dürfte nicht wie ich sein, es müsste sein wie Josefine, es müsste Josefines Augen haben und Josefines Mund und Hände, und es müsste ihren Verstand und Körper haben und Josefines Lächeln und Josefines gesamte Körpereinstellung, weil, ich bin nur ein Stück Scheiße“, so stellt er sich vor. Plaudertäschchen Josefine ist er unter den Kunstkollegen in erster Linie peinlich.

Von Gunten und Schindegger. Bild: © Susanne Einzenberger

Von Gunten, Schaller und Widauer. Bild: © Susanne Einzenberger

Schaller und Widauer. Bild: © Susanne Einzenberger

Zwischen absurder Komödie und psychologischem Kammerspiel entwickelt Crimp im Weiteren eine Horrornacht mit unklarem Ausgang. Wie Maria Lassnigs Bilder vor expliziter Sexualität strotzen, wie sie Machtstrukturen genussvoll aufbricht und ins Skurril-Surreale dreht, so zugeht’s auch im Stück. Es ist ein Erregungsfeuerwerk, und Schweigen bedient Crimps expressiven Humor aufs beste, etwa, wenn der angesäuerte Paul Rudolf-Schwarzkoglerisch an seinem Salatgurken-Penis herumsäbelt und Paradeiser auf seiner Stirn zertrümmert.

Julia ist nämlich Expertin für Wiener Aktionismus, und knapp vor dem Aus laufen an den Seiten Videos, die Schauspieler in Günter Brus‘ Kopfbemalungs-Pose oder in Otto-Muehl-Aktionen zeigen. „So leben wir nicht“, ist Pauls Selbstversicherung, bevor er eine sexuelle Annäherung an Tillman wagt.

Die Pointen fliegen wie die Fäuste, es gibt Prügel mit der Plastikflasche, die unterschwellige Bereitschaft zu Gewaltakten bricht sich dank zunehmend Alkohol allmählich Bahn, das kennt man so auch von Yasmina Reza, doch Crimp legt keinen Wert aufs Well-Made-Play, er fordert das Publikum heraus mit seinen feministischen Diskurstheaterdialogen übers extrem schwache starke Geschlecht.

Gekonnt wechseln von Gunten, Schindegger, Schaller und Widauer von Exzess zu Konversationston, vor allem von Gunten als obskure Strippenzieherin treibt mit ihrem zwischen Hysterie und Hochmut changierenden Spiel den Abend voran. Bis ein ominöser Marc anruft, er offenbar auch Maler mit gerade Ausstellung in den USA, und von Julia für ihre Karriere eine Auslöschung verlangt.

Zum Schluss – dies ein Spoiler – scheint sich die ganze Inszenierung höchst doppeldeutig als von Marc geschaffene Kunstinstallation zu enttarnen. Deren Ende ist ein Sprung aus dem Fenster. Mit Hausmacher-Aktionismus die eigene Existenz wieder provokant zu machen, hat für Julia und Paul nicht funktioniert. Tomas Schweigens Hommage an ebendiesen funktioniert als irrwitziges Bühnenschüttbild hingegen prächtig.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=Jga-YL95zGo

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2018

Landestheater NÖ: Um die Wette

September 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerangel um den nächstgrößeren Fauteuil

Der Großbürgerliche-Welt-Schwindel als gigantisches Sitzmöbel: Martin Brunnemann, Cathrine Dumont, Tilman Rose, Gisa Flake und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Und schon schwebt der nächste von der Decke herab, wieder massiver, wieder wuchtiger als sein Vorgänger. Ein Symbol für den Größenwahn von Kleinbürgern, deren Hang zur Hautevolee hier in immer schwereren und schwerer zu erklimmenden Sitzmöbeln symbolisiert wird. Isabelle Kittnar, zuständig auch für die knallbunten Kostüme, hat sich das köstlich kuriose Bühnenbild einfallen lassen. Für Philipp Moschitz‘ Inszenierung von Eugène Labiches Komödie „Um die Wette“ am Landestheater Niederösterreich.

Die war am Premierenabend ein voller Publikumserfolg. Kein Wunder, lässt Moschitz den Wortwitz und die unzähligen Bonmots des französischen Lustspieldichters von seinen fabelhaften Darstellern doch höchst präzise über die Rampe bringen. Das Tempo der Aufführung ist hoch, das Timing stimmt, und ein wenig Klipp-Klapp darf auch sein, wenn sich die Schauspieler unter den Zuschauern Verbündete für die jeweils eigene Sache suchen. Ein Herr in den vorderen Reihen wird so kurzerhand zum Kutscher, und kommt den Rest des Abends nicht mehr von der Schaufel runter.

In „Um die Wette“ geht es, so bei Labiche üblich, um Schein und Sein des Mittelstands. Emmeline und Frédéric, hoffnungsvoller Nachwuchs der Familien Malingear und Ratinois, haben sich in einander verguckt. Die Eltern stehen der Verbindung grundsätzlich nicht abgeneigt gegenüber, nur: wie ist das mit den finanziellen Verhältnissen? Weil jedes Paar die des anderen als die höheren einschätzt, beginnt ein Wettrüsten, um vermeintlichen Reichtum vorzutäuschen. Mit Fantasie und viel Aufwand werden Ansehen, Wohl- und Bildungsstand großzügig nach oben korrigiert. Doch als es schließlich um die Mitgift für das junge Glück geht, drohen die mühsam errichteten Kartenhäuser zusammenzubrechen …

Die Meister im Rauflizitieren sind Gisa Flake und Michael Scherff als die Malingears und Cathrine Dumont und Tilman Rose als Ehepaar Ratinois. In bis auf einen Spiegelrahmen identen Salons läuft ihr Spiel ab, unter den Schwindlern die Frauen die Drahtzieherinnen, die Männer deren Erfüllungsgehilfen. Wunderbar die Damen im Wettstreit, Dumont, die ihre Constance vom Hausbackenen ins Hochherrschaftliche changieren lässt, Flake als Blanche Malingear von Haus aus mondän im Selbstgenähten. Gisa Flake, die Braunschweiger Schauspielerin und Sängerin, derzeit auch in der Til-Schweiger-Komödie „Klassentreffen 1.0“ im Kino zu sehen, ist einfach eine Wucht, ein über die Bühne tobendes Temperamentsbündel mit einer Röhre, dass die Wände wackeln.

Mit „Money Money Money“ gelingt das Eheschmieden: Michael Scherff, Gisa Flake, Martin Brunnemann, Laura Laufenberg, Anton Widauer, Cathrine Dumont und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Noch haben die Ratinois den kleineren Fauteuil: Anton Widauer, Tilman Rose und Cathrine Dumont. Bild: Alexi Pelekanos

Überhaupt ist das Ensemble musikalisch wie turnerisch top, singt – auch dies natürlich in Konkurrenz zu einander – Eurythmics, Edith Piaf und Abba, klettert und kraxelt – je nach Vermögen, dies im doppelten Wortsinn – über die prestigeträchtigen Polstersessel. Michael Scherff lässt sich gar einmal einklatschen wie ein Leichtathlet, bevor er die nächste Höhe nimmt. Sein Malingear ist ein gutmütiger Tropf, der sich von Roses im Innersten hasenfüßigem Ratinois über die Hürden jagen lässt.

Laura Laufenberg und Anton Widauer beäugen dies Treiben als Emmeline und Frédéric mit zunehmender Skepsis, sie mit dem Potenzial zum durchsetzungskräftigen Trotzkopf, er schon jetzt in der Spur zum Pantoffelhelden. Wie zur Strafe muss er „La donna è mobile“ im Falsett singen. Martin Brunnemann schließlich macht auf Tausendsassa, gestaltet als diverse Diener und Dienstmädchen ironische Kabinettstücke – und wird am Ende als tatsächlich begüterter Onkel Robert dieses zu einem guten führen.

Philipp Moschitz ist mit dieser Regiearbeit ein wunderbarer Abend mit hohem Spaßfaktor gelungen. Als gleichsam Reverenz an einen ganz Großen der französischen Komödienzunft hat sich Moschitz Louis de Funès‘ legendären Spruch ausgeborgt und in seine Inszenierung eingebaut. Dessen „Nein! – Doch! – Ohh!“ ist als Dialog an Schlagfertigkeit aber auch kaum zu überbieten. Die Produktion ist am Landestheater Niederösterreich bis 22. Jänner zu sehen, Silvestervorstellungen um 16 und 20 Uhr, und zu Gast an der Bühne Baden am 29. und 30. Jänner.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

  1. 9. 2018

Volx/Margareten: Vereinte Nationen

Oktober 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Unentschieden zwischen Untiefen

Martina hat mutmaßlich mehr als nur Himbeeren zu schlucken: Nélida Martinez mit „Vater“ Philipp Auer. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es ist immer noch nicht ausgemacht, ob hier etwas über enigmatische Komplexität und Metaphernhaftigkeit zu raunen oder doch Quatsch zu konstatieren ist. Am Volx/Margareten zeigt das Volkstheater als Koproduktion mit dem Max-Reinhardt-Seminar Clemens J. Setz‘ „Vereinte Nationen“ – und der gefeierte Prosa-Autor macht es mit seinem Debütstück dem Publikum und offenbar auch dem Leading Team schwer.

Hoch drei rückte das Prinzip Gonzo (Holle Münster für die Regie, Robert Hartmann für die Musik, Alida Breitag als künstlerische Mitarbeiterin) in Wien an, um den Text, der schon bei der Uraufführung in Mannheim und einer weiteren Inszenierung in Graz kontroverse Reaktionen hervorgerufen hatte, zu stemmen. Als Resultat präsentiert sich kristallwasserklar die Janusköpfigkeit des Wortes Untiefe. Und zwischen hin und her ein klares Unentschieden.

„Vereinte Nationen“ verhandelt die Deformierungen eines Kindes durch Erziehung. Heißt: Das Ganze ist ein Fake, denn die Eltern Anton und Karin drehen ihr Durchdrehen gegenüber Tochter Martina für Abnehmer im Internet, die Zahl der Perversen, die sich die Obedience-Prüfungen anschauen, steigt täglich. Mit den Freunden Oskar und Jessica haben die Eltern ein Paar Fädenzieher im Nacken, das bei der Vermarktung der Filme hilft, Marktbeobachtung im Netz betreibt, und ergo Ideen für die Umsetzung beisteuert. Es gibt schließlich Publikumswünsche zu erfüllen.

Ringkampf um den Fön: Nélida Martinez und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Der zerplatzte Luftballon als Zeichen für sexuellen Missbrauch? Nélida Martinez. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die da wären: eine Himbeerüberfütterung und ein Fön-Ringkampf. Das ist als sprachliches Bild nicht viel, als Bühnen-Bild aber wenig. Die Gonzos schaffen es nicht, die Leerstellen zu füllen, die Setz‘ Stück (mit welchen Intentionen auch immer / Furcht vor dem Plakativen?) offen hält. Lässt der Text die Hoffnung auf eine Art Bedeutung immerhin keimen, fehlt der Aufführung des Performance-Kollektivs das Abgründige, eine wie auch immer geartete „Meta-Ebene“ oder ein Andeuten des Schreckens durch Spiel, weitgehend. Und so bleiben Himbeeren halt Himbeeren. Einmal zerplatzt die „kleine Maus“ in ihren Händen einen Luftballon, den „Mann“ ihr geschenkt hat; mit lautem Knall zerbirst das Ding wie ein Kinderleben, das ist das stärkste Bild des Abends. Ein Missbrauchsbild, mag man interpretieren.

Ansonsten werden die nicht näher ausgeführten platten Handlungen der Protagonisten in einer knallbunten Kulisse abgespult, einem Wohnzimmer-Dschungelcamp, die Schauspieler darin allesamt in Adidas-Buxe. Da ängstigte sich niemand von wegen plakativ, und Performance darf natürlich auch sein. Martina ihrerseits übt nämlich Kontrolle über die anderen aus, indem sie sie mit Video-Worten manipuliert. Sie spult das Spiel mit „Fast Forward“ oder „Rewind“ vor und zurück, lässt die Mitspieler mit „Mute“ verstummen oder erschöpft sie mit „Loops“, nur „Play“ sagt sie nie. Es wird sich klären, dass Martina ihr Martyrium aus einer Rückschau berichtet. Zum Schluss steht sie da im schwarzen Businessoutfit als Erwachsene (manche Zuschauer meinten: ihrer Begräbniskleidung) und schmiert sich mit Himbeeren „blutig“ – und da ist man dann doch wieder bei metaphernhaft … und Kindheit, die man nie mehr los wird …

Anton und Karin in der Kulisse ihrer Wohnzimmer-Dschungelshow: Philipp Auer und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die Abnehmer der Video-Aufnahmen: Anton Widauer und Emilia Rupperti. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es spielen Studierende des Max-Reinhardt-Seminars. Nélida Martinez gefällt als Martina von der ersten Szene an. Mit riesig aufgerissenen Kinderaugen stopft sie sich einen Schöpflöffel voll der roten Früchte in den Mund, von ihrem Schöpfer – im doppelten Wortsinn: real und virtuell – dabei traktiert wie von einem Drillsergeanten. Eine eindrückliche Szene, mit Philipp Auer als dem Vater, von dem man später erfahren wird, dass er der liebevollere Elternteil ist, der dieses Treiben nur aus menschlicher Schwäche mitmacht.

Martinez‘ in Panik verzerrtes Gesicht setzt ihm so zu, dass er sich vor Selbstekel gleich mit ihr übergeben möchte. Die beiden spitzen diesen Akt der Unterdrückung bis an die Grenze des Unerträglichen an. Wäre der Rest des Abends gleich intensiv geblieben, es wäre eine Freude gewesen.

Doch weder Clemens J. Setz noch Holle Münster haben dem viel nachzusetzen. Clara Schulze-Wegener als Mutter Karin und Emilia Rupperti als Freundin Jessica füllen ihre eindimensionalen Frauenfiguren, die Macherin und Mitmacherin, mit größtmöglichem Leben.

Als Story für die beiden kann man zusammenreimen, dass Karin neben dem Wunsch nach Geld auch von dem Wunsch nach Bedeutung getrieben wird. Sie quält ihr Kind, um nicht mehr „die Unwichtigste in der Familie“ zu sein. Jessica sieht und erspürt dies alles, ein Bluterguss am Oberarm weist Oskars Brutalität aus?, und versagt sich daher eigene Kinder. Auch Anton Widauer hat in seiner Rolle als Oscar wenig darstellerische Herausforderung zu meistern. Doch er changiert wunderbar zwischen smartem Businessmann und unterschwellig Grobian. All das darf man selber sagen, weder von Autor noch Regie gibt es sachdienliche Hinweise auf eigenes Wollen und Wirken oder Motivationen der Figuren.

Diesbezüglich offenbleibende Fragen über die Banalität des Blöden, über ein Am-Kern-der-Sache-Vorbeischlittern oder einen erstaunlich fehlenden Mut zu Härte und Risiko wurden auf dem Heimweg diskutiert. Dritter Versuch – durchgefallen? Wie wichtig es wäre, dies Stück endlich zu fassen zu kriegen, zeigt ein Telefonmitschnitt aus den USA, der derzeit durch die Medien geht. In dem von der Polizei abgefangenen Gespräch „bestellt“ ein Mann ein Mädchen zwischen neun und sieben Jahren – und checkt mit dem Anbieter aus, was er mit dem Kind alles tun kann. Am Ende die Frage: „Can I kill her?“ – „Yes.“ Das Mädchen ist noch nicht gefunden.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2017