Akademietheater: The Who and the What

Mai 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und mit Allahs Hilfe siegt die Liebe

Peter Simonischek und Aenne Schwarz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Natürlich, da sperrt man die Ohren auf: Es geht um den Islam und sein Frauenbild. Es geht um Verschleierung des Gesichts und von Tatsachen. Oder zumindest was man für Zweitere hält. Zarina nimmt sich den Koran als Romanvorlage und schreibt ein Buch über den Propheten. Darin ist dieser auch nur ein Mensch, begehrt seines Nächsten, seines Adoptivsohns, Weib, und nimmt sich Zainab bint Dschahsch schließlich zur Frau.

Sexszenen der beiden werden geschildert, der Skandal ist perfekt. Angestellte von Zarinas Vater werden sich mit Steinen bewaffnen … Darum geht es in Ayad Akhtars „The Who and the What“. Auch. Denn die österreichische Erstaufführung der Tragikomödie am Akademietheater entpuppt sich als Stück über das Wesen der Liebe. Und wie diese mit Gottes Hilfe immer siegen wird. Das ist einem zweifellos näher als der Clinch in einer US-pakistanischen Familie. Und Regisseur Felix Prader arbeitet diesen Aspekt sorgsam heraus. Indem er theatrale Mittel reduziert, aber konzentriert einsetzt, gelingt ihm das Kunststück über den politischen Debattenbeitrag hinaus aufs Mit- und Zwischenmenschliche zu deuten. In Anwesenheit des Autors gab’s Sonntagabend viel Jubel für einen klugen Text voll gewitzten Humors und dessen ebensolche Umsetzung.

Da gibt es also diesen weißhaarigen Herrn, Afzal, der so online-fit ist, dass er sich als seine ältere Tochter, Zarina, auf muslimlove.com anmeldet. Ein Schwiegersohn wird gesucht, der soll streng gläubig und geistig mit ihr auf einer Wellenlänge sein, kein leichtes Unterfangen, diese arrangierte Ehe 2.0 – aber eine Ungeheuerlichkeit, die aufgeht. Eli erscheint auf der Bildfläche, der Konvertit ist Imam und übers Lesen von Malcolm X zum Islam gekommen. Zarina war mal in Ryan verliebt, aber den hat ihr der Vater ausgetrieben, weil er eben nicht übertreten wollte. Und dann ist da noch die jüngere, Mahwish, die seit der Kindheit ein Paar mit Haroon bildet, den sie, um ihn zu be- und gleichzeitig ihre Jungfernschaft zu erhalten, mit Analverkehr befriedigt. Ihr Herz indes gehört seit einiger Zeit einem gewissen Manuel …

Irina Sulaver und Aenne Schwarz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Aenne Schwarz und Philipp Hauß. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Prader stellt seine Inszenierung ganz in den Dienst dieser Geschichte. Und der Darsteller. Dreh- und Angelpunkt des Abends ist Peter Simonischek als Afzal, ein verschmitzter, liebevoller Vater, gleichzeitig ein der Tradition verpflichteter Patriarch und ein Richtung Moderne übersiedelnder Gemütsmensch. Weit weniger Macho ist der Eli von Philipp Hauß, er changiert zwischen beflissen und weichherzig, und wird am Ende zu seiner Ehefrau stehen, obwohl sie auch seinen beruflichen Werdegang zerstört hat.

Aenne Schwarz spielt die Zarina mit einem wohldosierten Hauch Verhärmtheit. Es ist klar, dass sie Eli auf intellektueller Ebene mehr liebt, als er ihr eine Herzensangelegenheit ist. Irina Sulaver schließlich ist als Mahwish diejenige, die sich in Altüberliefertes fügt, sei’s den Umgang mit Glaubensfragen oder mit Haroon.  Insgesamt agieren die vier sehr sympathisch. Und wie sie das tun. Da sitzt jedes Detail, bei diesem starken Kammerspiel. So geht allerbestes Theater. Indem man mit sehr guten Schauspielern ein brisantes Thema auf unterhaltsame Weise über die Rampe bringt.

www.burgtheater.at

  1. 5. 2018

Who am I – Kein System ist sicher

September 29, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Rächer tragen seit jeher eine Maske

Elyas M'Barek ("Max"), Wotan Wilke Möhring ("Stephan"), Antoine Monot, Jr. ("Paul") und Tom Schilling ("Benjamin") in Sony Pictures' WHO AM I - KEIN SYSTEM IST SICHER. Bild: © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Elyas M’Barek („Max“), Wotan Wilke Möhring („Stephan“), Antoine Monot, Jr. („Paul“) und Tom Schilling („Benjamin“) in Sony Pictures‘ WHO AM I – KEIN SYSTEM IST SICHER.
Bild: © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH

Vergangenen Freitag lief in den heimischen Kinos „Who am I – Kein System ist sicher“ an. Der deutsche Film, im Herstellungsland bereits als erfolgreichster Thriller ever gefeiert, ist modernes, packendes Whistleblower-Kino. Mal sehen, ob sich daraus ein eigenes Genre entwickelt. Inhalt: Benjamin (Tom Schilling) ist unsichtbar, ein Niemand. Dies ändert sich schlagartig, als er plötzlich den charismatischen Max (den oberösterreichen Schauspieler Elyas M’Barek) kennenlernt. Auch wenn beide nach außen nicht unterschiedlicher sein könnten, so eint sie doch dasselbe Interesse: Hacken. Gemeinsam mit Max’ Freunden, dem impulsiven Stephan (Wotan Wilke Möhring) und dem paranoiden Paul (Antoine Monot, jr.), gründen sie die subversive Hackergruppe CLAY (CLOWNS LAUGHING @ YOU). CLAY provoziert mit Spaßaktionen und trifft den Nerv einer gesamten Generation. Zum ersten Mal in seinem Leben ist Benjamin ein Teil von etwas. Und sogar die attraktive Marie (Hannah Herzsprung) wird auf ihn aufmerksam. Zuerst sind die CLAY-Aktionen vor allem lustig, die Gruppe hat Nazis lächerlich gemacht oder der Finanzwirtschaft den Mittelfinger gezeigt. Doch Max hat immer höhere Ziele. So entwickelt das Quartett einen Coup, der alles in den Schatten stellen soll: eine Hackattacke auf den BND. Kurz darauf gibt es den ersten Toten… Und aus Spaß wird plötzlich Ernst, als die Gruppe auf das Fahndungsraster von BKA und Europol gerät. Gejagt von der Cybercrime-Ermittlerin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm), ist Benjamin jetzt kein Niemand mehr, sondern einer der meistgesuchten Hacker der Welt. Edward Snowden lässt grüßen …

Regisseur ist Baran bo Odar: „Die Welt der Hacker interessierte mich sofort“, sagt er, „aber ich wollte keine Nerds erzählen, die hinter ihrem Schreitisch sitzen und auf Tasten rumtippen. Ein Kinofilm soll unterhalten, da will man nicht dutzende Close Ups von Computerbildschirmen sehen und keiner versteht, was darauf eigentlich passiert. Ich besprach die Idee mit meiner Autoren-Partnerin Jantje Friese und noch am selben Abend fing es an in unseren Köpfen zu rattern. Wir fingen an zu recherchieren, unterschiedliche Ansätze zu verfolgen, bis wir endlich auf das gestoßen waren, was dem Thema Hacken für uns einen besonderen Kniff gab: Social Engineering. Die größte Kunst des Hackens. Die Manipulation von Menschen, um an Daten, Passwörter und geheime Informationen zu kommen. Endlich hatten wir eine Möglichkeit unsere Protagonisten in Aktion und fern vom Schreibtisch zu erzählen.“

Im Grunde haben sich Baran bo Odar und Jantje Friese eine Superheldenstory ausgedacht: Der schüchterne Außenseiter Benjamin, der plötzlich seine Superkraft entdeckt ist eine Art Spiderman an der Tastatur.  Tom Schilling: „Ich habe zur Vorbereitung und Einstimmung auf Benjamin ein paar Hackerbiografien gelesen. Kevin Mitnick zum Beispiel ist ein sehr berühmter Hacker aus den USA, der eine tolle Autobiografie geschrieben hat. Ich habe artverwandte Filme geguckt, aber auch ganz pragmatische Dinge wie einen Zehnfinger-Schreibkurs belegt. Ich war bis vor drei Jahren noch ohne Computer und habe bisher maximal mit zwei Fingern und sehr, sehr langsam geschrieben. Das wäre für die Rolle eher hinderlich gewesen. Hacker sind blitzschnell und schreiben mit zehn Fingern. Es wäre schwierig gewesen, wenn ich da irgendwie erst einmal das @-Zeichen hätte suchen müssen auf der Tastatur.“ Er lacht. Zum Helden gehört natürlich eine Truppe: der Scheiß‘-mich-nix-Typ Max (über seine Filmfigur sagt M’Barek: „Max ist auf jeden Fall jemand, der Leute sehr für sich vereinnahmen kann, ein charismatischer Siegertyp. Aber er ist auch nicht ganz ungefährlich, auch für Benjamin.“) und der mittelschwer durchgeknallte, extrovertierte, laute, aggressive, immer auf Krawall ausseiende Stephan. Er ist wie ein letzter Überlebender der 68er-Bewegung. Seine Botschaft ist klar: No system is safe! In Außeneinsätzen lässt er die Mitstreiter Occupy-Larven aufsetzen. Schließlich hat seit Zorro jeder Rächer seine Maske. Um die Rolle spielen zu können, hat Wotan Wilke Möhring sich vor jedem Drehtag vier Stunden Tattoos auf die Haut malen lassen: „Stephan ist eine vergleichsweise kleine Rolle, der will man natürlich einen Stempel aufdrücken. Man muss rüberbringen, dass sie eine Bedeutung hat und nicht nur einfach mitläuft. Er ist ein ausdrucksstarker Typ, der mit seinen Tattoos auffällt. Wenn ich Tattoos trage, dann will ich was zeigen, dann will ich mich nicht verstecken, sondern ich will mich veräußern. Das wollten wir betonen. Stephan ist ein Hacker-Veteran. Seine Biographie ist auf seinen Körper geschrieben. Das war die Idee der Tätowierungen.“

„Who am I – Kein System ist sicher“ kocht nicht auf Sparflamme. Während in den social medias Perversionen aller Art durch Anonymität versteckt werden können, fragt der Film nach den Menschen hinter den Bildschirmen. Das Unpersönliche wird durch großartige Charakterdarsteller persönlich und dadurch nachvollziehbar. Der Cyperkrimi punktet durch seine temporeiche Inszenierung und eine raffiniert verschachtelte Geschichte. Und er macht klar: Nicht alles, was im Netz steht, ist die Wahrheit, aber man kann die Wahrheit auch ins Netz stellen – und so Menschen in Massen informieren. Baran bo Odar hat sich an berühmten Mindfuck-Klassiker orientiert. Nun muss sein Film selber einer werden. An der Kinokasse sieht’s derweil gut aus …

www.whoami-film.de/site/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Us8FWjdZhWc

Wien, 29. 9. 2014

Ruth Beckermann: Those who go – Those who stay

März 25, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine grimmige Ode an Europa

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

Nach dem Großen Diagonale-Preis in der Kategorie Dokumentarfilm und dem Darko Bratina-Preis in Gorizia ist Ruth Beckermanns „Those who go – Those who stay“ nun in den heimischen Kinos zu sehen. Regen auf der Fensterscheibe, ein Feuerwehrauto, ein Kater, der unzählige Nachkommen gezeugt hat: Es ist ein absichtlich absichtsloses Schauen, ein Erzählen und Erinnern auf Fährten, die Ruth Beckermann kreuz und quer durch Europa, rund ums Mittelmeer und bis nach Jerusalem verfolgt und wieder verlässt. Offenen Auges lässt die Kamera den Zufall geschehen, der Zusammenhang ist die Filmemacherin selbst: Die Erzählung der Flucht ihrer Mutter nach Palästina, eine grelle FPÖ-Veranstaltung auf dem Stephansplatz in Wien, Puppenkleider, der eigene Schatten. Beckermann filmt die Ecke Rue d’Alexandrie und Passage du Caire im Textilviertel in Paris, um später in Alexandria einem Franzosen zu begegnen, der den Pfaffen und Klerikalen die Köpfe abschlagen will. Im Prozess des Angeschautwerdens erzählt sich der Film immer weiter, es geht um Reisebewegungen, um Fluchtbewegungen und um das Unterwegssein, innerhalb der Welt und innerhalb des eigenen Lebenslaufs.

„Those who go – Those who stay“ führt in ein assoziationsreiches Labyrinth aus Begegnungen und Beobachtungen in Paris, Wien, Alexandria, Jerusalem, Czernowitz, durch Beckermanns Filmografie und die Biografie eines Kulturraums. Wie es ist, Satan zu begegnen. Was es bedeutet, eine Stadt nicht verlassen zu können. Was es heißt, in einem Land nicht willkommen zu sein. Nigerianische Asylwerber in Sizilien, ein arabischer Musikwissenschaftler, die kapitolinische Wölfin, Schaufensterpuppen, minigolfspielende Mädchen und drei verschleierte junge Frauen, die minutenlang versuchen, eine stark befahrene Straße zu überqueren. Schließlich eine elegante Dame im Kaffeehaus, die von ihrer Sammlung besonderer Kleidungsstücke spricht. Dass diese Dame Elfriede Gerstl heißt, ist zugleich bedeutsam und unwichtig, ebenso wie die Identität des Mannes, der ins Meer watet, bis die Wellen seinen Hosensaum benetzen, und die Geschichte des Unbekannten, dessen Ausweis Beckermann in einem Album auf einem Flohmarkt in Jerusalem entdeckt. „Those who go – Those who stay“ ist ein komplexes, oszillierendes Gewebe, dessen Motive nicht alle entschlüsselt werden müssen, um zu bereichern: ein mäandernder Essay voll glückvoller Momente, in denen Zufälligkeiten zueinander in Beziehung treten.

Ruth Beckermann verwebt ihr privates und politisches Interesse mit einer allgemeineren Bewegung: Der der Migration, der Wanderung, der Veränderung, der Fremde. Das Unterwegssein als ewiges und zugleich hochaktuelles Moment unserer Welt, erzwungen, freiwillig, zufällig, nicht enden wollend, hoffend, gewalttätig. Nigerianische Asylwerber in Sizilien, Emigranten in Paris, die jungen Frauen von Alexandria, der arabische Musiker im jüdischen, gelobten Land. Ein zerrissenes, verknotetes, sich auflösendes und wieder neu verdichtetes Gewebe. Der Stoff, aus dem Welt und Geschichte gemacht sind. „Mein Film ist der Versuch, durch zeitliche und geographische Sprünge Denkschienen aufzubrechen und üblicherweise getrennt behandelte Themen miteinander zu verschränken“, sagt die Regisseurin.  „Fluchtbewegungen weg von Europa und hinein nach Europa. Private Erinnerungen und politische Brisanz. Schöne Bilder und Ratlosigkeit darüber, was trotz aller Bilder und Töne verschwiegen wird. Was die Fragmente verbindet, ist mein Blick auf Bewegung und Beweggründe – der Augen, der Kamera, der Stoffe und der Menschen.“
Interview mit Ruth Beckermann
Der Einstieg in den Film erzählt eine kurze Textpassage über griechische Mythologie: wie Theseus von Ariadne einen Faden geschenkt bekam. Von den Fährten, die Theseus hinterließ, als er im Labyrinth umherlief, erzählt der Mythos nichts. Erzählt Ihr Film von den vielen Fährten, auf die Sie sich gemacht haben, um diesen Film zu realisieren? Oder ist Filmemachen per se ein Irren in einem Labyrinth?
Ruth Beckermann: Das Filmemachen selbst ist ein Thema des Films. Es ist weniger ein Irren als vielmehr ein Flanieren im Labyrinth. Manchmal ist es ein Irren, ein Suchen nach Fragen mehr noch als nach Antworten. Eine Suche nach den wichtigen Fragen. Der Film beginnt mit Fragen nach dem Erzählen und dem Filmemachen. Es geht ums Schauen, Erzählen, wobei dem, was am Weg oder um die Ecke liegt, ebenso meine Aufmerksamkeit gilt wie dem Ziel, auf dessen Suche ich mich begeben habe. Mir geht es um Fragen, die bleiben, die immer aktuell sind. Es geht um die Bewegung nicht nur der Augen, sondern auch die freiwilligen und unfreiwilligen Bewegungen der Menschen.
Ihr Eröffnungsblick geht durch eine von Regentropfen beschlagene Fensterscheibe. Worauf weist dieser „unsaubere“ Blick?
Ruth Beckermann: Es handelt sich um Fenster einer Pariser Wohnung. Ich war allein in dieser Wohnung in Paris, es hat geregnet, ich fragte mich, wie ich einen Film machen kann, der so fragmentarisch ist, der nicht nur geografisch springt, sondern auch in den Zeiten. Ich wollte nicht vor die Tür gehen und begann, in der Wohnung zu filmen. Die Regentropfen auf den Fenstern und diese so einmaligen Pariser Dächer haben auch meinen Zustand ausgedrückt. Es war für mich stimmig, da den Film zu beginnen.
Einer der Arbeitstitel dieses Films lautete Die Flaneurin. Sie beginnen den Film in Paris, in jener Stadt, in der sich Benjamins Typus des Flaneurs zu entfalten begann. Eine Kameraeinstellung ruht am Eingang zur Passage du Caire. Wie sehr sind Ihre Arbeiten immer wieder eine Hommage an Walter Benjamin?
Ruth Beckermann: Das ist ganz gewiss so. Einerseits sind Passagen selbst ein Thema, nicht nur in Bezug auf Orte, in Zorros Bar Mizwa geht es um einen „rite de passage“. Those who go – Those who stay thematisiert das Weitergehen und Durchgehen, auch die offene, fragmentarische Form, die Benjamin gewählt hat und durch ihn ist es auch wichtig, dass Teile des Films in Paris gedreht werden. Paris wählte ich auch deshalb, weil es neben London die einzige Stadt ist, wo sich die Menschen so stark mischen. Das unglaubliche Menschengemisch in Paris ist faszinierend. Es ging mir auch um das Bild Europas. Es ist uns wenig bewusst, wie sehr sich das Bild Europas rein physisch in den letzten Jahren verändert hat.
Inwiefern haben Sie sich von einem Zufallsprinzip leiten lassen?
Ruth Beckermann: Der Film ist nicht chronologisch gedreht. Ich habe mich schon immer für das automatische Schreiben der Surrealisten interessiert. Das Faszinierende daran ist, dass man einen Satz hinschreibt, der so Vieles in Gang setzt – man kann sich treiben lassen, es verzweigt sich und man weiß gar nicht, wohin man sich bewegt. Das geht beim Schreiben, beim Filmen ist das aufgrund der Produktionsbedingungen unheimlich schwer. Was ich beim Filmen nicht mag, sind die Filme, wo am Papier alles festgelegt ist und wenig Raum für Überraschungen bleibt. Auch bei Spielfilmen mag ich jene, wo man spürt, dass etwas atmet, dass etwas passieren kann,  und wo unvorhergesehene Dinge Platz haben. Das hab ich diesmal versucht umzusetzen und bin darüber sehr glücklich. Ich habe Dinge gefilmt, ohne zu wissen, wo sie im Film ihren Platz finden werden. Dieser Zugang machte einerseits Angst, war aber auch unheimlich spannend.

Sie verweisen in Ihrem Filma auch auf andere von Ihnen: eine Projektion von Jenseits des Krieges, ein Interview mit Elfriede Gerstl aus homemad(e). Man denkt bei den Bildern aus Ägypten an Ein flüchtiger Zug nach dem Orient …
Ruth Beckermann: Mir wurde bewusst, dass meine Erinnerungen zum Teil Erinnerungen einer Filmemacherin sind und ich mich in meinen Filmen mit Themen meiner Kindheit und meines Lebens auseinander gesetzt habe. Ich habe lange gebraucht, mich als Filmemacherin ernst zu nehmen, heute sehe ich, was für ein wichtiges Projekt Jenseits des Krieges war. Nazi-Zeit, Antisemitismus, Fremdenhass, Migration sind Themen in all meinen Filmen – die wollte ich noch einmal reflektieren. Es kommt die Flucht meiner Mutter 1938 aus Wien vor, es kommen Palästinenser vor, nigerianische Flüchtlinge in Sizilien, Massen von Chinesen, die zum Teil wie Sklaven leben, um in Italien Textilien zu erzeugen – dort zu filmen wurde uns übrigens verboten, vielleicht sollte man einen Fim machen über Filme, die man nicht machen darf -, diverse Fluchtbewegungen, von denen ich meine, man muss über diese verschiedenen schrecklichen Ereignisse, die Menschen dazu zwingen, zu flüchten, sprechen, man darf sie aber nicht gleichsetzen. Das „Wie furchtbar war 38“, was ja inzwischen auch hier in Wien offiziell zugegeben wird und nun Thema von Gedenkveranstaltungen ist, halte ich für zu billig. Man muss heute darüber sprechen, was jetzt passiert und Bezüge herstellen. Die Katastrophe, die erst jüngst vor Lampedusa 500 Tote gefordert hat, ist ein grauenhaftes Beispiel. Ich habe dort gefilmt, ich habe gesehen, wie nahe an der Küste die Schiffe untergehen. Keiner kann sagen, er hätte es nicht gewusst. In Those who go – Those who stay gibt es in Lampedusa einen Schwenk, wo man die Segeljachten sieht und dann geht es weiter und die Flüchtlingsboote sind im äußersten Eck des Hafens, so dass man sie kaum sehen und somit auch nicht filmen kann. Dieses Nicht-Sehen halte ich für so tragisch. Auch nach Theresienstadt kam das Rote Kreuz und hatte den Eindruck, den Leuten gehe es gut. Man glaubt, durch die Erfahrungen der Nazi-Zeit sind die Menschen heute sensibilisiert, man ist es aber nicht und es wird alles getan, um uns abzulenken.
Wenn Sie nicht chronologisch gedreht haben, wie ergaben sich dann die Reisen?
Ruth Beckermann: Es war klar, dass ich nach Lignano Pineta will, wo ich viele Sommerferien verbrachte. Ein spontaner Impuls  geht auf die Initiative von Ernst Löschner vom Komitee gegen Unmenschlichkeit zurück, der jedes Jahr das Alpine-Peace-Crossing in Krimml organisiert. Da wird der jüdischen Flüchtlinge gedacht, die 1947 über die Tauern geflüchtet sind, als die Engländer im besetzten Österreich verhindern wollten, dass die Juden nach Palästina auswandern. Diese Wanderung ist zum einen jedes Jahr ein Gedenken, zum anderen stehen aktuelle Flüchtlingsbewegungen im Mittelpunkt. 2011, als ich dort gedreht habe, war das Thema Palästina, das zu meinem ganzen Themenkomplex gepasst hat.In Israel fanden mehrere Drehs zu verschiedenen Zeitpunkten statt. Alexandria war eine Destination, die auf Ein flüchtiger Zug nach dem Orient verweist. Alexandria steht für mich für eine vergebene Chance. Es war in den fünfziger Jahren eine phantastische Stadt. Dort hat es sich einmal vermischt, im Unterschied zu Paris, wo es sich auch heute mischt. Auf der anderen Seite des Mittelmeers mischt es sich immer weniger. In Alexandria wurden schon ab den fünfziger Jahren die Juden, Griechen und anderen Europäer rausgeworfen. Ich bin mir sicher, dass seit meinen Dreharbeiten zu Ein flüchtiger Zug nach dem Orient noch mehr Frauen mit Kopftuch unterwegs sind. Das finde ich sehr beunruhigend.
Those who go – Those who stay ist  auch ein Ausdruck einer Ratlosigkeit über den Zustand Europas. Wohin kann das gehen?
Ruth Beckermann: Die Vermischung der Kulturen ist auch Thema der Diskussion mit einem Musiker in Galiläa. Barbara Taufer lebt schon seit 30 Jahren in Israel, ist zum Judentum übergetreten und lebt in einem Kibbuz und ist für mich eine Wanderin zwischen den Welten. Sie hat mich in dieses arabische Dorf mitgenommen, wo sie mit einem Musiker, einem Drusen, also arabischen Christen, diskutiert. Auch dieses Gespräch habe ich offen und ratlos erlebt, ratlos im negativen und offen im positiven Sinn. Sie vertritt die Meinung, ohne Orient würde Europa gar nicht existieren und er wiederum sagt „Was für eine arabische Kultur? Hätte es je eine arabische Kultur gegeben, dann wären wir heute nicht in diesem Zustand“. Jeder ist sehr selbstkritisch. Das ist ein Diskurs, den ich heute vermisse, auf beiden Seiten. Selbstkritik ist weder auf arabischer noch auf europäischer Seite eine gängige Haltung.
Das Flüchtige bewusst und gleichzeitig sichtbar machen ist ein Thema, dem Sie sich in allen Filmen stellen.
Ruth Beckermann: Es ist ja auch das Schwierigste im Leben, das Flüchtige zu halten und wieder gehen zu lassen, ob es Lieben, Kinder, Eltern oder materielle Dinge sind. Der Titel Those who – go Those who stay hat viel damit zu tun. Mit „to go“ ist ja auch das Sterben gemeint. Der Film endet in Istanbul mit dem kleinen Jungen in der Straßenbahn. In dieser Straße gab es in den fünfziger Jahren einen schrecklichen Pogrom, wo beinahe alle griechischen Geschäfte zerstört wurden. Die Griechen sind auch Menschen, die in der Mittelmeerzone immer wieder vertrieben wurden. Es gefiel mir, den kleinen Jungen zu fragen – Wohin wirst du gehen? In welcher
Türkei wirst du aufwachsen?

thosewhogo.derfilm.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=fhD2WlRxEHY

Wien, 25. 3. 2014

Erstmals offene Ausschreibung für imagetanz 2014

August 13, 2013 in Bühne

Festival für Choreografie und Performance

7909017332_9eccdcd986_bZum ersten Mal seit mehr als 20 Ausgaben des imagetanz Festivals gibt es eine offene Ausschreibung für Projekte und Ideen, die im Rahmen des Festivals im März 2014 neben internationalen Gastspielen und Kooperationen realisiert werden sollen. Bewerben können sich KünstlerInnen mit performativen Ansätzen aus allen Disziplinen, die in Österreich leben und arbeiten.

Die Ausschreibung für imagetanz 2014 stellt die Frage WHO CARES? in den Mittelpunkt. Wen kümmert’s: ein Aufruf für Solidarität und Engagement oder ein Manifest der Indifferenz? Die Doppelbedeutung der Frage schärft die Diskussion um intime und institutionelle Aspekte der Fürsorge und fordert die KünstlerInnen dazu auf, sich durch ihre performativen Praxen mit dem Thema auseinanderzusetzen. Hinterfragt werden kann einiges: laut Statistiken verfügt Österreich über eines der besten Sozialsysteme weltweit, der Staat versorgt seine BürgerInnen mit nahezu allumfassender Fürsorge. Gleichzeitig aber werden prekäre Arbeitsbedingungen, die alternde Gesellschaft und soziale Ungerechtigkeit europaweit hitzig diskutiert, wobei Fürsorge und Sorgearbeit auch im Zentrum der Debatte stehen.

Die Bewerbung für eine Teilnahme am Festival ist bis zum 15. September möglich.

Call for proposals imagetanz 2014: A festival for choreography, performance and care

WHO CARES?  Open call for artistic projects to be realized as part of imagetanz 2014 at brut Wien.
imagetanz festival is a platform for radical and playful proposals, interested in finding the  moment when choreography and society clash, ideally with the greatest willingness to take risks. Acting as a support structure for local artistic production for over 20 editions, imagetanz is eager to explore different means of support and for the first time in its  history, announces an open call for proposals for emerging artists living and working in Austria. Alongside international guest performances and cooperations, projects selected through the call will form the core of the festival program.
A call for solidarity or a manifest of indifference?
With the double-edged motto WHO CARES? imagetanz invites artists to explore the notion of care and the act of caring. Who cares and what do we care about in contemporary cultural production?
Care is an almost unquestioned part of our everyday lives, present in various forms, from the institutionalized to the intimate. Worldwide surveys of health care and social services show that Austria, and especially Vienna, rank high in caring, providing citizens with universal care. At the same time precarious working conditions, a rapidly aging population and growing social inequity are hot topics across Europe, exposing the loopholes of the system and putting care and care work at the center of these debates. Against the backdrop of access to care, the care for the self and for the body are also important intimate and public affairs.
What do artists have to do with care? Do they offer consolation, healing and tenderness to the public? Can they trigger new dynamics of social exchange? By exploring personal issues, tactile physical relationships and emphatic practices, can they create new forms,
attitudes and situations of caring and thus question, subvert or re-imagine current individual and social practices?
Addressing super-cynics and devoted carers alike, imagetanz welcomes proposals in any format, with an essentially performative approach. Alongside new creations, the festival supports artistic research, as well as residencies in organisations associated with care. In
this case, a public presentation or a work-in-progress showing will take place during the festival.

How to apply
The call is open to artists from all disciplines, living and working in Austria. Projects can be proposed for both brut venues (Künstlerhaus, Konzerthaus), public spaces or other special locations in Vienna.
Submit your proposal:
. project description, including technical conditions, max. 3 pages
. budget proposal max. 1 page
. personal details, short CV, portfolio
Deadline: 15 September 2013

Selection process
Projects will be selected by brut artistic team with the collaboration of an advisory board of experts from related fields.  Selected projects will be announced early October 2013. Each selected project will receive:
. production/research budget from brut
. rehearsal possibility at brut (Zieglergasse)
. mentoring and support in the production process

Participants have to be available for:
. mentoring and production period
. presentation of their projects during imagetanz festival (3-23 March 2014)

Please submit your proposal as pdf document via e-mail. Applications can be submitted in German and English language.
Contact: Katalin Erdödi
Curator/Artistic direction imagetanz
erdoedi@brut-wien.at

www.brut-wien.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 13. 8. 2013

Linda McCartney im Kunst Haus Wien

Juni 3, 2013 in Ausstellung

Pop-Ikonen auf Familienfotos

Paul McCartney, Jamaica  Bild: © 1971 Paul McCartney / Fotografin: Linda McCartney

Paul McCartney, Jamaica
Bild: © 1971 Paul McCartney / Fotografin: Linda McCartney

Ab 6. Juni würdigt das Kunst Haus Wien in der weltweit ersten umfassenden Retrospektive das Lebenswerk von Linda McCartney, einer der interessantesten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl ihrer ikonischen Porträts des Rock and Roll der 1960er, ihres Familienlebens und der Natur. Linda McCartney, 1941 in New York als Linda Eastman geboren, war eine Fotografin aus Leidenschaft. Ihre Begeisterung für die Musik ließ sie zunächst in die Musikszene zwischen New York, Kalifornien und London eintauchen. Ihre Porträts von Stars wie Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Aretha Franklin, The Who oder Simon & Garfunkel prägen unser Bild der „Swinging Sixties“. Die auf diesen Fotos spürbare Atmosphäre von Nähe und Vertrauen macht ihre Porträtkunst unverwechselbar. Eine zufällige Gelegenheit, die Rolling Stones bei einer Pressekonferenz zum Album „Aftermath“ im Juni 1966 auf einer Yacht am Hudson River zu fotografieren, bedeutete für die junge Fotografin den Durchbruch. Als 1968 ihr Porträt von Eric Clapton auf dem Cover der Zeitschrift „Rolling Stone“ erschien, war sie die erste Frau, der diese Ehre zuteil wurde. McCartney fotografierte die Beatles bei der Präsentation ihres Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ im Jahr 1967. Paul und Linda verliebten sich ineinander und heirateten zwei Jahre später. Das Familienleben mit vier Kindern – zwischen den letzten Tagen der Beatles, den Tourneen der Wings und ruhigeren Tagen auf dem Land in Sussex und Schottland – rückte ins Zentrum ihrer Fotografie.

Linda McCartneys Alltagsszenen aus der hingebungsvollen Hinwendung zu ihrer Familie zeugen von einem stets wachen Blick für die Poesie des Augenblicks ebenso wie für Humor und Surreales. Sie stehen in ihrem fotografischen Schaffen heute gleichwertig neben den berühmten Porträts. Auch in diesen Arbeiten bleibt ihr markanter persönlicher Stil einer lässigen Eleganz, gepaart mit dem untrüglichen Gespür für den richtigen Moment, sichtbar. In ihrem späteren Leben kehrte Linda McCartney zu den frühen und prägenden Interessen ihrer Entwicklung als Fotografin zurück. Ihre Auseinandersetzung mit bildender Kunst hatte mit der Begegnung mit zahlreichen prominenten Künstlern begonnen und sie Kunstgeschichte studieren lassen. Eine spezielle Begeisterung für das Medium Fotografie, seine Geschichte und seine Verfahren, führte sie zu Experimenten mit Techniken aus den Anfangstagen der Fotografie. Eine beachtliche Anzahl ihrer Porträts stammt aus dieser Zeit, etwa von Willem de Kooning, Gilbert and George, Jim Jarmusch und Allen Ginsberg. Tiere, Pflanzen, Landschaften und Stillleben – teilweise ausgeführt als Platinum-Prints, Sun-Prints und Polaroids – sowie ein dokumentarischer Bereich mit Kontaktbögen, Videos und anderen Originalmaterialien runden den Blick auf das Lebenswerk einer leidenschaftlichen Fotografin ab.

Paul McCartney: „Von Anfang an bewunderte ich ihre Fotografie und dass ich ihre Arbeit persönlich erleben durfte, verstärkte diese Bewunderung noch. […] Von ihr fotografiert zu werden, fühlte sich locker und angenehm an, und in ihren Arbeiten kommt deutlich zum Vorschein, wie entspannt ihre Modelle sind. Ihr untrüglicher Sinn für das richtige Timing hat mich immer beeindruckt. Sie drückte auf den Auslöser, wenn man es am wenigsten erwartete, und dann hatte sie ihr Foto im Kasten. Ihre Kunst nahm eine neue Dimension an, als sie eine Familie gründete und ihre Kinder großzog. […] Auf der persönlichen Ebene war sie eine lebenslustige, äußerst loyale Person, die ihre Familie über alles stellte; ihr trockener Humor schimmerte bei allem durch, was sie tat.“ (Aus „Linda McCartney: Life in Photographs“, TASCHEN 2011)

www.kunsthauswien.com

Von Rudolf Mottinger

Wien, 3. 6. 2013