Little Joe

Oktober 29, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Subtiler Sci-Fi-Horror von Jessica Hausner

Emily Beecham als von den Mutterpflichten für Menschenkind Joe und Pflanzenspross Little Joe zerrissene Botanikerin Alice. Bild: © coop99 filmproduktion, The Bureau, Essential Films

Angsteinflößend wie Audrey II ist sie nicht, auch nicht so schauderhaft wie Mary Shelleys Leichenteil-Lebewesen, und dennoch ist dieses Geschöpf eine Art Frankensteins Pflanze, die Kreatur des modernsten Prometheus das vorprogrammierte Grauen grüner Gentechnik, ihr Schöpfer anno 2019 selbstverständlich eine Schöpferin: Botanikerin Alice.

Die alleinerziehende Workaholic-Mutter verkörpert die britische Schauspielerin Emily Beecham, die dafür bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. Am Freitag läuft Jessica Hausners jüngster und erster in englischer Sprache gedrehter Film „Little Joe“ in den heimischen Kinos an, ein Wechselspiel von Sci-Fi-Horror und Psychothriller, eine gewitzte Komödie über die Unwägbarkeiten des Mensch- und Mutterseins, in der die Drehbuchautorin und Regisseurin mit sichtlichem Vergnügen in einem fort falsche Fährten legt. Die „Titelfigur“ ist ein empfindsames Blütchen, von den Forschern einer auf Zierblumen spezialisierten Firma gehegt und gepflegt, kann diese neue Züchtung mittels ihres Dufts doch glücklich machen – ein garantierter Verkaufsschlager, der alsbald der Öffentlichkeit präsentiert werden soll.

Was Little Joe fürs Verströmen von Freundlichkeit und Fröhlichkeit braucht, ist tägliche Fürsorge in wohltemperierten Räumen, ausreichend Wasser – und Ansprache. Doch, als ob das alles zu schön, um wahr zu sein wäre, ist da beim Betrachter von Anfang an ein Unbehagen. Da stimmt etwas nicht in Hausners durchinszeniertem Setting, und dieser Verdacht bestätigt sich, als sich die blutroten Blüten plötzlich öffnen und – Pfft! – Pollenwölkchen von sich stäuben. Am nächsten Morgen ist die blaue Kultur des Kollegenprojekts eingegangen, ein Sieg der Flammenfarbigen über die Ultramarinen.

Diese Farbenlehre bleibt nicht die einzige, die die Wissenschaftler ziehen müssen, der genmanipulierte Little Joe, so gezüchtet, dass er seine Vermehrungsfähigkeit verloren hat, beeinflusst mit seinem Blütenstaub, wer diesen einatmet. Alices Mitarbeiter, ihr Sohn, da sie unerlaubt eine Pflanze mit nach Hause nimmt, sogar der Hund einer konkurrierenden Studienleiterin verändern sich. Die Natur wird ihren Weg finden, sagt diese Bella sibyllinisch über Little Joes Überlebenstrieb – oder ist dieses Treiben Jessica Hausners irreführende Finte, die Pollen eine psychologische Projektion auf … wen oder was?

Sehr subtil baut Hausner diesen Zweifel als zentrales Element ihres Films auf, die Handlung verschwimmt in einer Vagheit, in Vermutungen und Verdächtigungen, die bis um Schluss keine Schlüsse zulassen. Die Welt, die die Filmemacherin und ihr Stab, die Kostüme wie stets von Schwester Tanja Hausner, dafür konzipiert haben, ist irritierend, die Ästhetik radikal abstrakt, die Atmosphäre akademisch abgeklärt. Die Farben sind Pastell, mint, rosé oder weiß, kühl und steril wie die Charaktere, die in einer Weise ruhig und gefasst reagieren, wie es den Geschehnissen kaum entspricht. Nur ab und an setzt Rot ein Signal, mit Handschuhen, Schuhen, einem Hundeball, dem ikonografischen Pilz von Alices Frisur.

Die Kameras im Gewächshaus haben seltsame Geschehnisse aufgezeichnet: David Wilmot, Phénix Brossard, Emily Beecham und Ben Whishaw. Bild: © coop99 filmproduktion, The Bureau, Essential Films

Ist der immer aufsässiger werdende Joe nur pubertär oder ein Pollen-Zombie? Der großartig agierende Kit Connor und Emily Beecham. Bild: © coop99 filmproduktion, The Bureau, Essential Films

Die Musik stammt vom japanischen Komponisten Teiji Ito, elektronische Soundscapes zwischen Kabuki und Hundekläffen, die die Empfindungen ins Unheimliche drehen und die mal vorwärts schleichende, mal seitlich driftende Erzählweise des Films vorgeben. Als wär‘s Teil dieser verschrobenen Tonlage, dehnt auch Martin Gschlacht die Grenzen der Wahrnehmung aus. Mit scharf choreographierten Kamerafahrten fertigt Gschlacht einen subjektiven, heißt: nie zu viel enthüllenden Sichtrahmen für die Zuschauer.

Und erzeugt so Unsicherheit darüber, was da im Verborgenen wächst. Die Frage ist nicht nur, was dahinter-, sondern wo man eigentlich steckt, und das ständige Geräusch grell-surrenden Lichts gibt darauf Antwort: in der Gewächshaushölle. Alldieweil mutieren die Menschen munter weiter. Großartig spielt der 15-jährige Kit Connor, zuletzt als jugendlicher Elton John in „Rocketman“ zu sehen, Alices Sohn, den Original-Joe. Wie der eben noch Bub sich nun brutal in seiner Beherrschtheit präsentiert, das ist tatsächlich gespenstisch.

Um nichts weniger spooky ist Schulfreundin Selma, Jessie Mae Alonzo als Joes Teenie-Liebe, die Little Joes Geruch sexy findet, und wenn die beiden Alice eröffnen, sie gehörten jetzt zur Gemeinschaft der Glücklichen, weiß man nicht – pubertärer Schock-Joke oder doch Gemütszombie? Little Joes Vorstellung von Zufriedenheit ist nämlich Gefühllosigkeit, das große Begehr der reproduktionsunfähigen Pflanze offenbar, die von ihr Infizierten zu ihren Beschützern zu modifizieren. Der erste Bestäubte, der sich derart gebärdet, ist Ben Whishaw als Alices Projektpartner Chris, auch Laborassistent Ric, Phénix Brossard, wird immer sinistrer, schließlich der Chef, David Wilmot als Karl. Der Vasallendienst der Männer erweckt zuerst Bellas Misstrauen, die deren sonderbares Verhalten als durch die Pollen ausgelöste Psychose enttarnen will.

Doch als endlich auch Alices Instinkte geweckt scheinen, beginnt man angestachelt von den Hausner’schen Zweideutigkeiten schon wieder an den eigenen zu zweifeln. Bella nämlich, die Kerry Fox formidabel – und von fahrig bis verloren changierend – gestaltet, so ist zu erfahren, war einige Jahre in der Psychiatrie. Wegen Burnout und Depressionen und nach einem Suizidversuch. Und auch Alice geht in die Psychotherapie … Wie die Glashausflora die Figuren, so gängelt Jessica Hausner mit ihrer Feinbeobachtung von Veränderungen das Kinopublikum, indem sie es veranlasst, die Integrität ihrer Charaktere permanent infrage zu stellen. Hausners Pollenalarm ist ein Virus, der seine Spur bis ins Zuschauerhirn zieht. Dabei ist der Filmemacherin durchaus ironisch dargebotenes Anliegen nicht nur die Diskussion um nicht-bräunende Äpfel, käferresistente Erdäpfel oder trockentoleranten Reis, die Wissenschaft von den Genen ein weites Feld der Halbwahrheiten.

Hausner geht es vor allem um das Fremde im anderen und um das Fremde in einem selbst. Will man das Gegenüber wie das eigene Wesen immer gewohnt, nie unvertraut sehen? Trifft das auf Alices Blick auf den allmählich erwachsen werdenden Joe zu? Emily Beecham erweist sich als Idealbesetzung für die Alice. Selten hat jemand mit einer kompletten Klaviatur an Gefühlen so sparsam gehaushaltet, wie Beecham in dieser Rolle. Ob sie ihr Fleisch-und-Blut- oder ihr Pflanzen-Kind gegen Anfeindungen verteidigt, ob sie den Avancen von Whishaws Chris mit ausreichend Distanz begegnet, diese Frau ist seltsam schaumgebremst. Wie eine Bipolare unter dem Einfluss von Psychopharmaka schlafwandelt sie durch Hausners Hightech-Tableau.

Die emotionale Doppelbödigkeit ihrer Protagonistin spiegelt die Regisseurin raffiniert von Alices Berufs- aufs Privatleben. Der Zwiespalt im Zuschauer ist gesät, wird einem doch klar, dass Alice als Mutter von zweien sich für eins entscheiden wird, also entweder ihrem schlechten Gewissen gegenüber dem vernachlässigten Joe oder ihrem Wunsch nach Selbstverwirklichung durch die Arbeit an Little Joe nachgeben wird. Frei nach Feminismus fügt Hausner auch noch dieses Motiv ein. Wie es in Alice diesbezüglich gärt, lässt sich diskret dosiert in Beechams Gesicht ablesen. Und dann schlägt „Little Joe“ eine überraschende, eine letzte Volte. Was seine Ambivalenz und seine Ambiguitäten zum Blütenhochstand treibt.

 

www.filmladen.at/littlejoe

  1. 10. 2019

Suffragette – Taten statt Worte

Februar 5, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Downton Abbey“ goes Geschlechterkampf

Maud (Carey Mulligan) wird verhaftet und abgeführt Bild: © Filmladen Filmverleih

Maud (Carey Mulligan) wird verhaftet und abgeführt
Bild: © Filmladen Filmverleih

Es gibt im Film nur einen sonnigen Tag, so scheint’s, nämlich den 4. Juni 1913 in Epson. Da stellte sich Emily Wilding Davison beim britischen Derby vor das königliche Pferd. Und wurde zu Boden gerissen. Und starb. Vor dem anwesenden König Georg V. Die damals ganz neuen Filmkameras zeigten, was sie entrollen wollte: die Fahne der Women’s Social and Political Union (WSPU). Mit ihrem Tod war eine Märtyrerin der Frauenrechtsbewegung geboren. Die Zeitungen berichteten erstmals positiv über die wilden Weiber, die für ihr Wahlrecht zu Terroristinnen geworden waren. Vorher hatten sie deren Fahnungsfotos veröffentlicht – die Presse als gott- und vaterlandergebenes Denunziations- medium gegen die „Suffragette“. Ab 5. Februar in den heimischen Kinos.

Es sind Szenen wie diese, die einem die Wichtigkeit von Sarah Gavrons Film deutlich machen. Erst 1993 wurden Frauenrechte auf die Tagesordnung der UN-Weltmenschenrechtskonferenz gesetzt. Die Wiener Erklärung hält fest, „Menschenrechte von Frauen und Mädchen sind ein unveräußerlicher, integraler und unteilbarer Bestandteil der universellen Menschenrechte“. Allein, dass dies einer extra Erwähnung bedurfte, spricht Bände. Bis heute aber hat man bei einem Einbruchsdelikt weniger Erklärungsnotstand als bei einer Vergewaltigung. Werde ich beraubt, muss ich nicht nachweisen, dass die Tat nicht mit meinem Einverständnis geschah, bei sexueller Belästigung hingegen … Der jungen Wäscherin Maud Watts geschieht auch dies. Für ihren Boss ist sie Freiwild. Und ihr Ehemann, der ihr gegenüber alle Rechte hat, der Herr im Haus, dem es gesetzlich sogar zusteht, gegen Mauds Willen den gemeinsamen Sohn zur Adoption freizugeben, ist am Arbeitsplatz sehr klein und sehr still.

„Suffragette“ ist in diesem Sinne Lehr- und Rührstück zugleich. Ein wenig bieder-pathetisch und very konventionell british. Sozusagen „Downton Abbey“ goes Geschlechterkampf. Den Frauen fallen strähnige Haare in die fahlen Gesichter, die Kinder husten, die Männer trinken, alle und alles ist schmutzig-graubraun, Charles Dickens hat seinen Fagin von der Leine gelassen. Und Carey Mulligans zartgesichtige Maud geht durch diesen Film als Schmerzens- und Staunensfrau. Sie ist eine Simplicissima, die in die Situationen stolpert, der in einem Jahr mehr passiert, als anderen in drei Leben, damit sie am Ende stolz und stark dastehen kann. Entlassen aus der männlichen Gewalt. In jeder Hinsicht, denn sie wird wegen ihrer Aktivitäten aus ihrem Job und ihrer Familie gejagt. Ben Whishaw verleiht als Mr. Watts seiner Überforderung mit grausamen Mitteln Ausdruck. Er ist über weite Strecken seines Charakters „beleidigt“, dass ihm das Schicksal diese Megäre zugemutet hat.

„Suffragette“ ist in diesem Sinne zuallererst ein Film über die Angst. Der Männer. Vor Macht- und Positionsverlust. Vor dem Verlust der Weltherrschaft. Sie arbeiten mit Ausbeutung, Demütigung, Gefängnis, Schlägen, Zwangsernährung. Eine Befragung Mauds in einem parlamentarischen Unterausschuss – erstmals durfte mit Sondergenehmigung im Palace of Westminster gedreht werden -, zeigt auf erschreckende Weise das Erstaunen der Abgeordneten über einen Frauenalltag. Die Einkommensschere kommt da auch schon vor. „Ich dachte, es muss einen besseren Weg geben ein Leben zu leben“, erklärt Maud ihre „Radikalisierung“. Von Politik redet sie nicht. Doch die Frauen werden nicht gehört. Sie werden von der Geheimpolizei ausspioniert und fotografiert – Brendan Gleeson als väterlich-sinister Inspektor ist ein weiterer männlicher Darsteller, der im Frauenheer überzeugen kann. Beim „Black Friday“, einer Kundgebung vor dem Parlament (im Film, damit’s passt, zeitlich um zwei Jahre verlegt), sterben drei Frauen unter Knüppelhieben. Und Gewalt erzeugt Gegengewalt.

Helena Bonham Carter als emanzipierte Apothekerin, ihr Mann ebenfalls Verfechter der Frauenrechte und später Chauffeur zu und weg von Attentaten, wird Mauds wichtigster Anker in diesem Tumult. Bonham Carter, forever Punk, schafft es mit einer kompromisslosen, sich selbst bewussten Darstellung das von Regisseurin Gavron für sie vorgesehene Schema zu unterspielen. Ihre fiktive Figur Edith, offensichtlich inspiriert von Edith Garrud und Edith New, ist bereit der Bewegung bis zum äußersten zu folgen. Auch Emmeline Pankhursts Aufrufen zu Anschlägen. Es ist eine der großen Qualitäten von „Suffragette“, dass gezeigt wird, wie Frauen aller Gesellschaftsschichten, von der Ministersgattin bis zur Arbeiterin, sich zum Teil ihrer Revolution machen. Nur gemeinsam, so die Botschaft, geht Widerstand.

Meryl Streep zeigt als große Feministin, wie man einen Film mit einem Minutenauftritt dominieren kann. Und weil die Theoretikerin der gewaltlosen Gegenwehr diesen für das Legen von Bränden und Bomben alsbald aufgab, kann auch die berühmte 1913er-Jahr-Rede vorkommen: „I am here as a soldier who has temporarily left the field of battle in order to explain what civil war is like when civil war is waged by women …“ Freilich ist die Pankhurst hier geschönt. Im düsteren Drehbuch von Abi Morgan sind alle Frauen Lichtgestalten. Dass Pankhurst bereits im Jahr vor diesem Auftritt eine rabiate Säuberung der WSPU von internen Rivalinnen vornahm, und es fällt einem ein, dass Lady Streep auch als die eiserne zu sehen war, hat im Film keine Bedeutung. Für Connaisseurs gibt’s einen kurzen Dialog darüber, der große Rest ist Fiktion. „Suffragette“ ist eine Übersetzung der feministischen Ideen mit filmästhetischen Mitteln, nicht deren wissenschaftliche Überprüfung.

Am Ende natürlich der Begräbniszug der Emily Wilding Davison in Originalbildern. Die dokumentarischen Aufnahmen zeigen die zehntausenden Frauen, die dem Sarg folgten, und eine berittene Staatsmacht in Schreckstarre. Die Inschrift auf Davisons Grab auf dem Friedhof St Mary’s in Morpeth erklärt den deutschen Zusatztitel zum Film:  “Deeds, not words”. Das allgemeine Wahlrecht für Frauen wurde in Österreich und Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg 1918 eingeführt. „Zum Wählen zu dumm, aber zur Arbeitspflicht für das Kriegsführen gescheit genug“, war der Schlachtruf der Sozialdemokratin Adelheid Popp für dessen Durchsetzung. Großbritannien folgte 1928, die Schweiz 1971; 1984 kam Liechtenstein als letztes westeuropäisches Land dazu. Bei der Londoner Premiere des Films stürmten Frauenrechtler der Organisation „Sisters Uncut“ in die Promi-Parade. Mit Rauchbomben und einer Sitzblockade machten sie ihrem Ärger über die Entscheidung der britischen Regierung Luft, die Finanzierung von Einrichtungen für Opfer häuslicher Gewalt zu kürzen. „Endlich wird der red carpet für etwas Sinnvolleres genutzt, als sein Kleid darauf spazieren zu tragen“, kommentierte Helena Bonham Carter cool die Aktion.

www.suffragette-film.de

Wien, 5. 2. 2016