Wiener Festwochen: Mary Said What She Said

Juni 1, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sensationelles Solo einer Schauspielkönigin

Bild: © Lucie Jansch

Die Aura eines Weltstars einzuatmen, dafür ist das Wiener Theaterpublikum immer schon zu haben gewesen. Nun also findet man sich im MuseumsQuartier von Angesicht zu Angesicht mit der grandiosen Isabelle Huppert, die französische Schauspielikone und Michael-Haneke-Intima, die bei den Festwochen einen Maria-Stuart-Monolog vollführt. „Mary Said What She Said“ heißt der fulminante Abend, natürlich restlos ausverkauft.

Für den Huppert nach „Orlando“ 1993 endlich wieder mit Regiegroßmeister Robert Wilson und Autor Darryl Pinckney zusammenarbeitet. Pinckneys Test orientiert sich an Originaldokumenten wie Briefen ebenso, wie am Stefan-Zweig-Roman und mutmaßlich auch an Schillers großem Königinnendrama. Mit einem Verweis für Auskenner geht die Aufführung auch los, die drei Schläge der dilettantischen Hinrichtung, die später dumpf zu hören sein werden, und die Mär vom Schoßhündchen, das Maria unter ihren Röcken versteckt hielt, und das, nachdem der Kopf schließlich gefallen war, blutverschmiert und verängstigt unter dem roten Stoff hervorstiebte. Wilson lässt in einem goldenen Bilderrahmen, der einen royalen Samtvorhang teilt, einen kleinen Terrier in Loops laufen. Er spitzt die Ohren zur Drehorgelmusik, fixiert die eintreffenden Zuschauer, dann geht’s wieder im Kreis dem eigenen Schwanz hinterher. Bis es als Untertitel dasteht: „You fool me, I’m not too smart“, ein weiterer, ein zynischer Fingerzeig auf die Ausweglosigkeit der Lage, in der sich die Getriebene in der Gefangenschaft befindet.

Vorhang hoch und Blick frei auf den Wilson-typischen leeren Raum. Die schottische Königin steht weit entfernt, eine Silhouette im Gegenlicht eines gigantischen Rundhorizonts, in dem beständig dämmriges Grau, rote Schlieren, bleiches Blau ineinander verschwimmen. Als wär’s ein Gemälde in Bewegung. Das Spiel der Huppert darin ist statisch, in dunkelbrokatener Robe inszeniert sie majestätisch Gesten und Posen, zelebriert sie den Auftritt Marias als immer noch Herrscherin. In Wilsons raffinierter Bewegungschoreografie wirkt sie wie eine Marionette, die der Meister per einer rätselhaften Maschine kontrolliert. Musik setzt ein, komponiert von Ludovico Einaudi, wechselt von feierlich zu melodramatisch zu bedrohlich – und ist mitunter so dicht, dass sie wie eine weitere von außen wirkende Kraft ist, gegen die die Königin sich stemmen muss. Was Darryl Pinckney der Huppert auf den Leib geschrieben hat, ist der Gedankenstrom, der in den letzten Momenten vor ihrem Tod durch Marias Kopf wirbelt.

Bild: © Lucie Jansch

Bild: © Lucie Jansch

Wild kreist ihre Gefühlswelt, wenn sie über Familie spricht, ihre kindlich-geilen, seelisch schwachen Männer, die Last ihrer Schönheit, den Hass auf die Schwiegermutter, ihre Feindin, „die gepuderte Jungfrau“, die Liebhaber durch die Hintertür hereinlässt, immer wieder kommt die Rede auf jene anderen vier Marys, wie sie damals kleine Mädchen, die ihr als Kammerdienerinnen nach Frankreich mitgegeben wurden. Sie grübelt über das Schicksal ihrer Haustiere, über Katholizismus und Kerkerhaft, über Macht, Liebe und Verrat. Dabei enthalten ihre Worte keinen Funken Verzweiflung oder Bedauern, sie sind vielmehr ein Versuch, ein Leben in politischen und privaten Vorkommnissen, zwischen Intrige, Mord und dem Chaos der eigenen Existenz zu fassen. Die Marys von früher adressiert sie dabei, als könnte sie sie tatsächlich noch ansprechen – vor wem sich rechtfertigen und wofür?

Lange agiert Huppert im Schatten. Jacques Reynauds Kostüm lässt ihren Kopf wirken, als wäre er bereits vom Körper abgetrennt, totenweiß gepudert liegt er auf der Halskrause, ein Objekt in Wilsons in ihrem Minimalismus plakativen Tableaux, wie ein hell leuchtender Schuh oder gegen Ende ein Stuhl, den Lichtstrahlen und Nebelschwaden auf seine wohl transzendente Bedeutung hin betonen. Alldieweil wird Mary auf ihrem Weg auf die andere Seite zunehmend jenseitiger. Huppert steigert sich in rasantem Tempo und ungeheurer Präzision in einem Sog aus Emotionen, der tiefe Fall einer hoheitlichen Frau, dass es einen Staunen macht.

Ihr Gesicht dabei eine einzige Verachtung, Hohn und Spott über ihre Gegner, dann wieder grelles Lachen, ein Grunzen, ein Brabbeln, ein Antworten auf die eigene Stimme, als würde der Wahnsinn sie längst regieren. Sie tanzt eine einsame Quadrille, durchmisst die Bühne mit rudernden Armen oder im Rückwärtsgang die Schräge hinauf – in furioser Trance schneidet sie Wilsons Raum in Teile, der sich prompt von oben herab meldet. „Mary Said What She Said“ ist als Gesamtkunstwerk perfekt, die Ästhetik, kühl und kühn, kontrastiert mit der exaltierten Performance der Huppert. Dass Maria Stuart sich immer als „die einzig Wahre“ bezeichnet hat, ist bekannt. Gleiches mag nach diesem Solo einer Schauspielkönigin auch für Isabelle Huppert gelten.

www.festwochen.at

  1. 5. 2019

Akademietheater: The Who and the What

Mai 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und mit Allahs Hilfe siegt die Liebe

Peter Simonischek und Aenne Schwarz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Natürlich, da sperrt man die Ohren auf: Es geht um den Islam und sein Frauenbild. Es geht um Verschleierung des Gesichts und von Tatsachen. Oder zumindest was man für Zweitere hält. Zarina nimmt sich den Koran als Romanvorlage und schreibt ein Buch über den Propheten. Darin ist dieser auch nur ein Mensch, begehrt seines Nächsten, seines Adoptivsohns, Weib, und nimmt sich Zainab bint Dschahsch schließlich zur Frau.

Sexszenen der beiden werden geschildert, der Skandal ist perfekt. Angestellte von Zarinas Vater werden sich mit Steinen bewaffnen … Darum geht es in Ayad Akhtars „The Who and the What“. Auch. Denn die österreichische Erstaufführung der Tragikomödie am Akademietheater entpuppt sich als Stück über das Wesen der Liebe. Und wie diese mit Gottes Hilfe immer siegen wird. Das ist einem zweifellos näher als der Clinch in einer US-pakistanischen Familie. Und Regisseur Felix Prader arbeitet diesen Aspekt sorgsam heraus. Indem er theatrale Mittel reduziert, aber konzentriert einsetzt, gelingt ihm das Kunststück über den politischen Debattenbeitrag hinaus aufs Mit- und Zwischenmenschliche zu deuten. In Anwesenheit des Autors gab’s Sonntagabend viel Jubel für einen klugen Text voll gewitzten Humors und dessen ebensolche Umsetzung.

Da gibt es also diesen weißhaarigen Herrn, Afzal, der so online-fit ist, dass er sich als seine ältere Tochter, Zarina, auf muslimlove.com anmeldet. Ein Schwiegersohn wird gesucht, der soll streng gläubig und geistig mit ihr auf einer Wellenlänge sein, kein leichtes Unterfangen, diese arrangierte Ehe 2.0 – aber eine Ungeheuerlichkeit, die aufgeht. Eli erscheint auf der Bildfläche, der Konvertit ist Imam und übers Lesen von Malcolm X zum Islam gekommen. Zarina war mal in Ryan verliebt, aber den hat ihr der Vater ausgetrieben, weil er eben nicht übertreten wollte. Und dann ist da noch die jüngere, Mahwish, die seit der Kindheit ein Paar mit Haroon bildet, den sie, um ihn zu be- und gleichzeitig ihre Jungfernschaft zu erhalten, mit Analverkehr befriedigt. Ihr Herz indes gehört seit einiger Zeit einem gewissen Manuel …

Irina Sulaver und Aenne Schwarz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Aenne Schwarz und Philipp Hauß. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Prader stellt seine Inszenierung ganz in den Dienst dieser Geschichte. Und der Darsteller. Dreh- und Angelpunkt des Abends ist Peter Simonischek als Afzal, ein verschmitzter, liebevoller Vater, gleichzeitig ein der Tradition verpflichteter Patriarch und ein Richtung Moderne übersiedelnder Gemütsmensch. Weit weniger Macho ist der Eli von Philipp Hauß, er changiert zwischen beflissen und weichherzig, und wird am Ende zu seiner Ehefrau stehen, obwohl sie auch seinen beruflichen Werdegang zerstört hat.

Aenne Schwarz spielt die Zarina mit einem wohldosierten Hauch Verhärmtheit. Es ist klar, dass sie Eli auf intellektueller Ebene mehr liebt, als er ihr eine Herzensangelegenheit ist. Irina Sulaver schließlich ist als Mahwish diejenige, die sich in Altüberliefertes fügt, sei’s den Umgang mit Glaubensfragen oder mit Haroon.  Insgesamt agieren die vier sehr sympathisch. Und wie sie das tun. Da sitzt jedes Detail, bei diesem starken Kammerspiel. So geht allerbestes Theater. Indem man mit sehr guten Schauspielern ein brisantes Thema auf unterhaltsame Weise über die Rampe bringt.

www.burgtheater.at

  1. 5. 2018

Claudia Bosse: what about catastrophes?

April 2, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Theaterkombinat im Tanzquartier Wien

Bild: © Claudia Bosse

Bild: © Claudia Bosse

Claudia Bosse und ihre Kompanie theatercombinat sind für ihre radikalen und politischen Arbeiten bekannt. In ihrem neuen Stück what about catastrophes?, das am 10. April im Tanzquartier Wien uraufgeführt wird, treibt Claudia Bosse / theatercombinat das Theater einmal mehr an seine Grenzen. Lustvoll treibt sie die performativen Variationen zur Katastrophe das Theater an die Möglichkeiten des Unmöglichen.

what about catastrophes? versammelt ein Ensemble von fünf Tänzern und Performern auf unsicherem Grund und erkundet in performativen Variationen die Grammatik der Katastrophe. Claudia Bosse sondiert körperliche Grenzen, spielt mit der Fragilität von Leibern und der Verletzbarkeit von Systemen. In einer Choreographie zerklüfteter politischer Landschaften, sich im Sturz befindender Körper, rituellen Bewegungen, Sprachfragmenten und Soundflächen entsteht in der Halle G des Tanzquartiers ein Raum sich überlagernder Stimmen und Handlungen mit persönlichen Gedanken über Revolution, Bürgerkrieg, Freiheit, Terrorismus, das Subjekt und Demokratie. In diesem komplexen Ereignisraum kann sich der Zuschauer bewegen und ist eingeladen, die Perspektive zu wechseln: auf Körper, die in Erschütterungen geraten und zugleich die Beschleunigungsmaschine aus Kapital, Medien und Katastrophe zu verunsichern suchen. In what about catastrophes? begegnen persönliche Gedanken über Demokratie, Terrorismus, Freiheit, Revolution, Zukunft und Bürgerkrieg Körpern in Extremsituationen und treiben das Theater an den Rand seiner Darstellbarkeit.

what about catastrophes? ist Teil des Langzeitprojekts katastrophen (11/15) ideal paradise von Claudia Bosse und einer Gruppe internationaler Künstler, Tänzer, Performer und Theoretiker (mit: Nathalie Rozanes, Alexandra Sommerfeld, Florian Tröbinger, Kostas Tsioukas und Elizabeth Ward) und untersucht bis Ende 2015 die Struktur der Katastrophe als Kippbild der Gesellschaft. Dabei greift Claudia Bosse auf ihre Sammlung aus Interviews zurück, die seit 2011 aus Gesprächen zu persönlichen Narrativen über Demokratie, Freiheit, Terrorismus, Staat, Geschichte, Identität in Städten wie New York, Kairo, Tunis, Frankfurt, Zagreb, Tel Aviv, Brüssel, Beirut entstanden ist. Der nächste Teil mit dem Titel catastrophic paradise wird im September 2014 in Düsseldorf in Koproduktion mit dem FFT im Rahmen der Reihe „DECOLONIZE! Performative Strategien für ein (post)koloniales Zeitalter“ uraufgeführt, unterstützt von der Kunststiftung NRW. Mehr darüber: claudiabosse.blogspot.co.at

www.theatercombinat.com

www.tqw.at

Wien, 2. 4. 2014

Kosmos Theater: What You See Is What You Get

Februar 6, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die [A]ura des Internets

Bild: Goran Andric

Bild: Goran Andric

Ab 13. Februar läuft im Kosmos Theater „[A]ura: WYSIWYG – What You See Is What You Get“, eine Performance-Galerie in Stationen mit Open-Source-Choreografie von Cie. FeinSinn. Eines Tages wird das Internet so heilig sein wie eine riesige alte Kathedrale. Und alle geben ihre Daten ab, um den digitalen Gottheiten zu huldigen. In [A]ura werden die Zuschauenden selbst zu Schöpferinnen und Schöpfern. Sie finden in den Wochen vor der Premiere auf feinsinn.org ein einzigartiges Feature, mit dem sie die Choreografien und Inhalte von [A]ura im Browser mitgestalten und remixen können. Als UserInnen können Sie sich so ein virtuelles Denkmal setzen, das dann doch eigene, unvorhersehbare Wege geht. In der Moderne verkümmert die Aura des Kunstwerkes – laut Walter Benjamin – aufgrund technischer Reproduzierbarkeit und einem Verlust der Unnahbarkeit. Gleichzeitig entsteht aber durch neue Technologien eine völlig anders geartete Aura des Staunens. Was aber, wenn sich das digitale Medium den Benutzern und Benutzerinnen verweigert?

Choreografie/Tanz: Elke Pichler | Musik/Video: Alexander Nantschev
Bühne/Kostüm: Monika Biegler
Licht- und Screendesign/technische Umsetzung: Georg Stadlmann
Programmierung: Stefan Lechner | Interactive Technical Support: Graham Thorne

www.kosmostheater.at

Wien, 6. 2. 2014