Akademietheater: Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos

Dezember 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesk ≠ Groteske

Die böse Göttin und ihre Kreatur in der Plastikblase – Frau Grollfeuer mit Herrmann Wurm: Barbara Petritsch und Nikolaus Habjan. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nun lag es also an Barbara Petritsch, zu zeigen, was der Mensch kann, was die Puppe nicht kann. Die Grande Dame für kantige Charaktere macht aus Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ am Akademietheater ihr persönliches Bravourstück. Entgegen dem alten Aberglauben, niemals mit Puppen aufzutreten, würden die einen Schauspieler schließlich doch nur an die Wand spielen, dreht sie in der Rolle der Frau Grollfeuer den Spieß um.

Sie dominiert die Bühne als archaisch-gefährliche Muttergöttin, die ihre Kreaturen mit unsichtbarer Hand würgt, hängt und ihnen am Ende die Luft nimmt. Wie sich die Petritsch von der sich vom Pöbel distanzierenden feinen, alten Dame zur zeternden Säuferin zur durchtriebenen Mörderin wandelt, dann aus dem letzten Moment einen hingetanzten Hauch Liebe macht, das ist große Kunst. Dabei ist diese Strippenzieherin in Nikolaus Habjans Inszenierung die einzige, die keine Puppe führt. Habjan hat als Regisseur, Puppenbauer und Puppenspieler für sein Hausdebüt kunstvoll deformierte, degenerierte Figuren erdacht, hässliche Klappmaulaufreißer, für die Francis Bacon Pate gestanden sein könnte, in ihren Fehlbildungen grandios – und dennoch den Werner Schwab’schen Krüppelmenschen, seinem Schwabischen, seinem abgrundtiefen Blick in ungustiöse Seelen nicht gewachsen.

Ist ihr Verhalten zwar vordergründig brutal, doch nie hintergründig bösartig. Was den Figuren abgeht, ist das abgefeimt Gfeanzte. Beständig wird sich gegenseitig mit Bierflaschen auf die Schädel geschlagen, wird wie beiläufig Inzest betrieben, droht der Sohn der Mutter an, sie erst zu töten und ihr dann in den Kopf zu brunzen. Das alles ist grell und plakativ und voller Drastik, doch fehlen dem Puppenspiel die Zwischentöne, fehlt das Doppelbödige. Fehlt das unmissverständlich Missverständliche dieser Davonvogelsprache, von der es anzunehmen gilt, dass sie die Schwab’schen Fäkaliendramen, dieses hier vom Autor „Radikalkomödie“ genannt und vom Regisseur mit dem heiligen Ernst eines Schwab-Hochamts zelebriert, ausmacht.

Frau Wurm mit Krüppelsohn Herrmann: Nikolaus Habjan und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Familie Kovacic: Dorothee Hartinger, Alexandra Henkel, Nikolaus Habjan und Sarah Viktoria Frick. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Mag sein, dass, so wie Satire in der Regel nicht allzu viele Regiegimmicks verträgt, hier die Verfremdung der Verfremdung nicht funktioniert. Grotesk – die Puppen ≠ Groteske – das Stück. Als ausgewiesenen Nikolaus-Habjan-Fan erfreut, besser gesagt: berührt und aufrüttelt, einen dieser Abend nur halbwegs.

Nichtsdestotrotz ist anzumerken, wie fabelhaft dem Ensemble der Umgang mit den Figuren gelingt, wie bemerkenswert es ist, dabei zuzusehen, wie die Burgschauspieler hinter die Puppen zurücktreten, die ihnen an der Hüfte aus dem Körper entspringen, und wie sie diesen sozusagen den Spielraum überlassen. Dorothee Hartinger agiert als hartleibige, bigotte Frau Wurm, Nikolaus Habjan als deren klumpfüßiger Künstlersohn Herrmann.

Sarah Viktoria Frick macht aus Herrn Kovacic eine Mannsbildkarikatur, Alexandra Henkel ist eine proll-chice Frau Kovacic, und zusammen bewegen Frick und Henkel auch noch die Tussi-Töchter der Familie. Die Hölle im Zinshaus hat Bühnenbildner Jakob Brossmann zweigeschossig angelegt. Unten, und damit unter einer Plastikblase, wohnen die Wurms und die Kovacics.

Erstere in einer ärmlichen, kargen Stube, eine Kredenz, ein Grablicht auf dem Küchentisch, zweitere in einem Fototapetenalbtraum mit Federplüschlampe, in den pink-leopardscheckigen Outfits von Cedric Mpaka. Darüber thront die Grollfeuer, lange Zeit unbewegt und im Wortsinn außen vor bleibend, bis sie die zu beiden Seiten befindliche hölzerne Prunktreppe für ihren großen Auftritt nutzt.

Habjans hässliche Klappmaulaufreißer bevölkern die Geburtstagstafel der Grollfeuer. Herrmann, Frau und Herr Kovacic und deren Töchter. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In diesem Setting, und diese „Speisekammer voller Schmerzen“ ist eines von Schwabs als Grazer Hausmeisterinnenkind höchstpersönlichen, sieht man, wie Mutter und Sohn Wurm ihre Hassliebe ausleben, sich mit Beschimpfungen und Demütigungen an- und beherrschen, sich Familie Kovacic kollektiv in den Rausch trinkt, und deren Vater tatsächlich zum horriblen Hamsterkiller wird.

Bis im dritten Akt endlich, während sich Kyrre Kvams Musik zum Furioso steigert, Petritschs Grollfeuer herabsteigt, und zu ihrer Geburtstagstafel samt vergifteter Torte bittet. Und während die Puppen im Ausdruck stets gleich bleiben müssen, nichts den Druck zur Selbst- und gegenseitigen Zerfleischung deutlich macht, der Schwab’sche Überdruck ergo nie entstanden ist, weiß die Petritsch, wie man eine ungehemmt ausschweifende Schwabiade pointiert und akzentuiert. Die Hexe mit dem Silberhaar, die ihre Mieter wie Tiere in einem Gehege betrachtet und sie mit Gehstockhieben gegen dieses quält, ihnen das Konfettikanonenblut aus den Körpern schleudert, enthüllt nun ihr schnapsgetränktes, wirres Weltbild aus Übermenschenfantasien und Untermenschengefasel. Und weil derart Denken ein ewig untotes ist, auferstehen auch die Puppen. Um zu singen: „Der morgige Tag ist mein“.

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30. 11. 2018

Vestibül des Burgtheaters: Tropfen auf heiße Steine

November 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zunehmend bizarre Beziehungspersiflage

Alphamann Leopold Bluhm und seine so faszinierte wie eingeschüchterte Herde: Daniel Jesch mit Stefanie Dvorak als Vera, Christoph Radakovits als Franz Meister und Alina Fritsch als Anna Wolf. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Immer wieder ist das Vestibül des Burgtheaters ein Ort, an dem junge Theaterschaffende sich ausprobieren können. Nun tut dies Cornelius Edlefsen, seit 2016 Regieassistent am Haus, mit seiner Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders Text „Tropfen auf heiße Steine“. Gerade 19 Jahre alt war das spätere Film-Enfant-Terrible, als er dieses, sein erstes Stück verfasste. Eine gewissermaßen Vorwegnahme seiner Lebens- und Werkthemen, Krisenbeziehungen, Bisexualität, Bürgerlichkeitsklischees.

Von ihm selbst allerdings nie auf die Bühne oder die Leinwand gebracht. Edlefsen entgeht klug der Versuchung, mittels Vorlage der Deutschen Nouvelle Vague nacheifern zu wollen. Wie Fassbinder einer kränkelnden (immer noch Nachkriegs-)Gesellschaft unbarmherzig unter den Nägeln brannte, so zeigt zwar auch Edlefsen die Mechanismen eines überkommenen, letztlich untoten Systems, an denen der einzelne nur scheitern kann. Doch Edlefsen überdreht Fassbinders Liebestragödie zur zunehmend bizarren Beziehungsfarce. Mit ausreichend Sinn für Satire lässt er die Ereignisse in der dem Meister eigenen Exzentrik explodieren, bewegt die Figuren zwischen dessen, von Fassbinder-Freunden so verbrieften, Lebenshunger und Todessehnsucht, macht aber an jeder Stelle seiner Arbeit deutlich, dass es ihm allein darum geht, auszustellen, wie Menschen ringen, geliebt zu werden.

Und so erzählt der einfühlsame Abend vom Versicherungsvertreter Leopold Bluhm, der den knapp 20-jährigen Franz Meister mit in seine Wohnung nimmt. Bald geht der ältere Mann auf Tuchfühlung, wird sexuell anzüglich, und der hübsche Junge, nicht ganz so naiv, wie er sich stellt, ergibt sich ihm. In vier Bildern treibt Fassbinder die Handlung voran. Im nächsten schon ist Franz ein einsamer Hausmann, der die ganze Woche nur auf die Rückkehr seines Geliebten von dessen Geschäftsreisen wartet. Wenn der Alleinverdiener kommt, ist er müde, mürrisch und mit allem unzufrieden. Statt Bettgeflüster gibt es nun Streitereien, Schnippisch-Sein und Kopfschmerzen, und als schließlich auch noch die Ex-Freundinnen Anna und Vera mit von der Partie sind, eskaliert die Situation …

Menschenmanipulator Leopold …: Daniel Jesch mit Stefanie Dvorak und Alina Fritsch. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… wird für Franz bald zu viel: Christoph Radakovits und Stefanie Dvorak. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Daniel Jesch als Leopold Bluhm und Christoph Radakovits als Franz Meister zeigen eine begnadet gute Performance. Sensibel und zu Beginn der Beziehung so sinnlich, dass das Knistern zwischen den beiden Figuren zum Greifen ist, gestalten sie ihre Rollen. Wie Radakovits vom dem Jäger Jesch ausweichenden Jüngling zum Verliebten, dessen Gefühle Hochschaubahn fahren, zum Verzweifelten wird, das ist großes Kino. Mutmaßlich nie zuvor war Radakovits so eindringlich gut. Jesch wiederum wandelt seinen Leopold vom Verführer zum Manipulierer, zum Spielmacher sobald die Frauen dabei sind.

So, wie ihm alle verfallen, muss man an die einstigen, charismatischen Kommunengründer denken. Mit Verve arbeiten die beiden heraus, wie das Männerpaar in genau jene Beziehungsmuster kippt, denen es eigentlich entkommen wollte, Rituale, wie spießbürgerliches Gläserabwaschen vor dem Sex bestimmen den Alltag, Diskussionen drehen sich ums Rechthaben und Nichtsrechtmachenkönnen, das einander Zuwerfen von Zigarettenpäckchen wird von Mal zu Mal aggressiver. Man steckt plötzlich in einer typisch durchschnittlichen, gutbürgerlichen Ehehölle.

In der verläuft’s bei Fassbinder freilich tragigrotesk, hochkomisch und zutiefst betrübt, und Edlefsen hat dessen Stück texttreu inszeniert, hat mit Blick auf seine Schauspieler, nicht auf etwaigen Schnickschack, dessen Sprache pointiert und verdeutlicht. Von Jenny Schleif stammt dazu ein fulminantes Bühnenbild, eine metallene Gitterplattform, darunter ein Raum, durch den die Darsteller wie in Demutshaltung kriechen müssen und durch verschiedene Durchlässe auftauchen, hinten eine opake Plexiglaswand hinter der die Frauen zuerst wie Schaufensterpuppen stehen. Sie treten ins Geschehen, sobald bei Franz und Leopold Liebe und Leidenschaft schal und ausgelaugt sind, als die zerstörerische (Selbst-)zerfleischung des Franz beginnt. Alina Fritsch ist als seine Ex-Verlobte Anna Wolf zu sehen, die ihn zurückhaben will, und verbissen an etwas festhält, das nicht mehr existiert. Fritsch zurrt und zerrt und verzagt nie an Franz, bis …

Frauen, ausgestellt wie Schaufensterpuppen: Stefanie Dvorak und Alina Fritsch, vorne: Christoph Radakovits. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… Leopold auftaucht. Im Schlepptau sein gewesenes Love Interest Vera, mit der er rund um Franz nun ein perfides Machtspiel anfängt. Stefanie Dvorak spielt diese Vera mit Intensität, Unterwürfigkeit und dem ihr eigenen Hauch Hysterie. Am Ende wird Leopold die anderen um sich scharen, wie Fassbinder seinen berühmten Clan, wird kreuz und quer gevögelt, und im Werner Schwab’schen Sinne doch nicht geflogen worden sein.

Wird klar werden, dass Leopold seine Menschenopfer auf immer gleiche Weise fordert, und wird es eine Leiche geben. „Tropfen auf heiße Steine“ ist ein von allen Beteiligten mit Fingerspitzengefühl gestalteter, großartig gespielter Abend. Man wünscht ihm, was anderen Inszenierungen aus dem Vestibül schon gelungen ist, nämlich die alsbaldige Übersiedlung in einen größeren Spielraum des Burgtheaters.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2019

Filmmuseum: Rainer Werner Fassbinder

August 26, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Hommage an den deklarierten Unruhestifter

Rainer Werner Fassbinder. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Zum Saisonauftakt würdigt das Filmmuseum ab 31. August eine Schlüsselfigur des Kinos: Die kurze, aber fruchtbare Karriere von Rainer Werner Fassbinder machte ihn zum Motor des „Neuen Deutschen Films“ und zum Meteor des internationalen Kinos der 1970er-Jahre: Kein anderer unabhängiger Filmemacher weltweit war so produktiv und einflussreich. Mehr als 40 radikal persönliche Spielfilme realisierte Fassbinder, von „Liebe ist kälter als der Tod“  im Jahr 1969 bis zu „Querelle“ 1982, während er nebenbei seine Theaterkarriere weiterführte: Als Wunderkind und deklarierter Unruhestifter wurde er nach seinem internationalen Durchbruch mit „Angst essen Seele auf“  aus dem Jahr 1974 zum Inbegriff des bundesdeutschen Kinos, sein rasant expandierendes, bewundertes wie umstrittenes Werk zur umfassenden Kino-Chronik der Gegenwart des Landes.

Fassbinders Selbststilisierung, sein provokantes Auftreten und die Skandale um sein wildes Leben machten ihn schon zu Lebzeiten zur Legende, sein früher Tod 1982 besiegelte die Verklärung zum Mythos: Das enfant terrible des BRD-Kinos hatte sich im mit Drogen durchgeputschten Schaffensrausch ausgebrannt, gemäß seinem Diktum: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ Doch Fassbinders filmische Hinterlassenschaft eignet sich nicht für Einbalsamierung: Die universale Kraft, schlagende Originalität und brennende Leidenschaft seines Werks verleihen ihm bleibende Aktualität. In aller Grausamkeit und Zärtlichkeit seiner Einsichten über das menschliche Wesen besteht es auch als utopischer Entwurf: Fassbinders Filme sind radikal subjektiv, und oft kaum verschlüsselt autobiografisch, wenden sich aber an die ganze Gesellschaft.

„Leere Kinos helfen uns nicht weiter“, distanzierte sich der schon als Kind vom Kino besessene Regisseur vom elitären Kulturdenken. Obwohl er den Hang zum kühnen Experiment nie ablegte, verstand Fassbinder Film als „publikumswirksame“ Volkskunst, die Träume und Gefühle weckte, während sie Intellekt und Bewusstsein schärfte. „Viele Filme machen, damit das Leben zum Film wird“, war sein Motto. Durch die Verzahnung von Werk und Privatleben – inklusive der engen Beziehungen zu seinem Ensemble, das Weltstars wie Hanna Schygulla hervorbrachte – überdeckte ein Personenkult sein Schaffen und dessen verblüffende Vielfalt weit hinaus über Klassiker wie „Händler der vier Jahreszeiten“ oder „Die Ehe der Maria Braun“.

Die bitteren Tränen der Petra von Kant, 1972. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Angst essen Seele auf, 1974. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Fassbinder war über den Umweg der Bühne zur Kinoregie gekommen: Mit seinem Münchner antiteater erregte er Aufsehen und begründete die Truppe von langjährigen Begleitern für seine Ein-Mann-Studio-Dauerproduktion: Peer Raben, Irm Hermann, Kurt Raab, Harry Baer, Hans Hirschmüller, Ingrid Caven oder Margit Carstensen. Das Frühwerk, insbesondere „Katzelmacher“ aus dem Jahr 1969, demonstriert noch aggressiv den schlichten, klaren Stil, den er bald verfeinerte: lange Einstellungen mit wie hingestellt deklamierenden Akteuren.

Diese Bühne füllte Fassbinder mit Welthaltigkeit und Ambivalenz: Pointiert porträtierte er den Alltag und die Verzweiflung seiner Figuren als oft beunruhigend komische Trauerspiele der unerwiderten Leidenschaften. Unter dem Einfluss von Douglas Sirk wurden seine Filme ab 1971 zugänglicher. Wie sein Vorbild übte Fassbinder in der populären Form Kritik am gesellschaftlichen Status quo, der das Leiden seiner Außenseiterfiguren verursachte: Ob Frauen oder Homosexuelle, Kleinbürger oder Randständige – Fassbinders Figuren sind in perversen Macht- und Beziehungsverhältnissen gefangen – Zitat: „Die Liebe ist das wirksamste Instrument der Unterdrückung“ -, aber nie bloß willfährige Opfer.

In einem Jahr mit 13 Monden, 1978. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Die faszinierende Zwiespältigkeit und Dringlichkeit lässt Fassbinders Filme alterslos erscheinen: eine in ihrer Tiefe und Breite unerreichte comédie humaine der BRD, die neben gegenwärtigen Interventionen wie „In einem Jahr mit 13 Monden“ oder der Terrorismus-Satire „Die dritte Generation“ immer reichere und aufwendigere Streifzüge durch die deutsche Geschichte und Filmgeschichte unternahm, mit wachsenden internationalen Expansionsambitionen:

Vom Niedergang des Preußentums („Fontane Effi Briest“, 1974) über Weimar („Bolwieser“, 1977/83) und die Nazizeit („Lili Marleen“, 1981) zur bunten Wirtschaftswunder-Komödie („Lola“, 1981) legte Fassbinder frei, was das Land antrieb – und die Menschen an sich. Fassbinder: „Filme müssen irgendwann einmal aufhören, Filme zu sein, müssen aufhören, Geschichten zu sein, und anfangen, lebendig zu werden, dass man fragt, wie sieht das eigentlich mit mir und meinem Leben aus.“

filmmuseum.at

26. 8. 2018

Werk X: Raststätte oder Sie machens alle

April 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Sex mit Stofftieren

Poledance ist auch nur ein Sport: Thomas Kamper, Arthur Werner, Sandra Bra, Sebastian Klinser und Markus Mariacher. Bild: Yasmina Haddad

Am Ende werden Teddybär und Plüschelch genüsslich zerlegt, in ihre Leckerlis zerfleischt und aufgefressen. Und siehe, hinter den ohnedies schon zu Stofftieren sich degradierenden Bestien auch nur der Mensch – im anatomischen Modellanzug. So schaut das aus, wenn Regisseurin Susanne Lietzow Elfriede-Jelinek’sche Figuren zum Striptease lädt. „Raststätte oder Sie machens alle“ hat die zweifache Nestroy-Preisträgerin nun im Werk X inszeniert.

Und am Satyrspiel zu Totenauberg das zotig Farcenhafte betont. Tatsächlich nennt Lietzow den Text im Gespräch einen „Porno-Feydeau“. Dessen Grundlage allerdings Mozarts „Così fan tutte“ ist: Zwei frustrierte Ehefrauen verabreden sich via Sexinserat auf einer Autobahntoilette mit zwei Tieren, von denen sie sich ebensolchen, triebhaft-zügellosen Beischlaf erhoffen. Inmitten einer zermüllt-desolaten, von Peter Laher erdachten Bühne setzt Lietzow ihre Handvoll Darsteller ab. Doch nichts geht, Potenz wird zum Problem, denn in den Kostümen treffen die Frauen unverhofft auf ihre eigenen Männer. Die Liebe ist, man sieht es gleich am ersten Bild, ein Überraschungsei …

Dass das nicht alles auf den ersten Blick verständlich ist, ist systemimmanent. Auch die mäandernden Sprachkaskaden der Nobelpreisträgerin sind nicht Wort für Wort zu nehmen, sondern als Komposition, als Klang. Und durch klingt – Lebensthemen – ihre Kritik an Geschlechterrollen, an versuchter seelenbodenloser Selbstoptimierung (dies gern durch Sport, in dessen Bekleidung bekanntlich „wenig Platz für Lebensgenuss“ ist) und ein scharfer Blick auf Entfremdungsursachen, auf hiesige und andernortige Neidgesellschaften, die auf der Suche nach einem ureigenen Zentrum sich selbst in die Randlagen verlieren.

Highlight des Abends: Gilbert Handler mit Arthur Werner und Thomas Kamper: Bild: Yasmina Haddad

Vor der Plakatwand: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz. Bild: Yasmina Haddad

Lietzow assoziiert da frank und frei. Pinnt Da Pontes „Fremdländer“ auf ein paar Heimatwahlplakate, die nicht weniger obszön sind als verwandte Originale, die Abart als aktuelles Schleuderblatt für alle, die Abgrenzung zum anderen brauchen. Steckt Klaus Huhle vom allmächtigen Wirtsmenschen zurück in den Baby-Fatsuit. Lässt Gilbert Handler begnadet singen, er der Höhepunkt des Abends, wenn er Liebeslieder bis hin zum Ave Maria interpretiert. Steigert ihre Arbeit mehr und mehr in albtraumhafte Szenen, während sie das Explizite aus der Jelinek kitzelt.

Dazwischen die vier, Isolde und Kurt, Claudia und Herbert, längst Negativspiegelflächen ihrer einmal gewählten Partner, die nun erwarten, dass sie „von anderen Menschen zum Klingen gebracht werden“: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz als die Durchschnittlichen, die so gerne einmal Über- wären. Sebastian Klinser und Markus Mariacher als die Kostümierten, die Bau- und Büromaschinenvertreter, die aus der fremden Haut schlüpfen, um in der eigenen gekillt zu werden. Wie die Schauspieler hier Lust auf Frust reimen, wie’s statt Körpertrost nur Trostlosigkeit gibt, ist sehenswert.

Und schließlich von der durchaus auch zeitpolitisch zu nehmenden Erkenntnis: „Man kann sich wie ein großes Tier anziehen, deshalb ist man es noch nicht.“

werk-x.at/

  1. 4. 2018

Werner Bootes „The Green Lie – Die grüne Lüge“

März 6, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die neue Doku über Nachhaltigkeit und Greenwashing

Kathrin Hartmann und Werner Boote bei der indigenen Bevölkerung in Brasilien. Bild: © Filmladen Filmverleih

Im Jahr 2015 brannten große Teile des indonesischen Regenwalds nieder. Es war das schlimmste Umweltdesaster in der Geschichte des Landes. An den direkten Folgen starben über 100.000 Menschen, mehr als 500.000 leiden an Langzeitfolgen. Dass die Brände bewusst gelegt oder zumindest beschleunigt wurden, ist ein offenes Geheimnis.

Ziel war es, massenweise neue Anbauflächen für die Gewinnung von Palmöl zu schaffen. Das billigste und meistverwendete Fett der Welt, zu finden in fast jedem Fertiggericht, in Süßigkeiten und Snacks, und ein enorm profitträchtiger Rohstoff.  Auf den Spuren dieses Skandals beginnt der Dokumentarfilmer Werner Boote („Plastic Planet“, „Alles unter Kontrolle“) seine Reise um die Welt, auf der Suche nach der Wahrheit hinter dem allgegenwärtigen Schlagwort „Nachhaltigkeit“. Die konzernkritische Journalistin und Buchautorin Kathrin Hartmann („Ende der Märchenstunde“, „Aus kontrolliertem Raubbau“) ist dabei seine ebenso kompetente wie überzeugende Begleitung. Sie kennt sich aus mit dem so genannten „Greenwashing“.

Der Begriff bezeichnet jene Praxis, Produkte mit Hilfe massiver PR als „nachhaltig“, „umweltschonend“ oder „fair“ zu verkaufen, obwohl das in Wahrheit keineswegs so ist.  „Es gibt kein nachhaltig produziertes Palmöl, weil es nur dort wächst, wo vorher Regenwald war“, macht Hartmann deutlich. Doch auch das aufwändigste Greenwashing kommt ungleich billiger als eine Veränderung der Produktionsbedingungen. „Die Industrie nennt uns nicht mehr Bürger, sie nennt uns nur noch Konsumenten. Ich verstehe mich aber nicht als Konsument, ich versteh mich als Mensch, und als Bürger“, so Hartmann. Ihr Film „The Green Lie – Die grüne Lüge“ ist ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen.

Vom österreichischen Supermarkt reisen Boote und Hartmann nach Indonesien, Brasilien, in die USA und nach Deutschland. Sie besuchen dort Orte, die von der Zerstörungsgewalt hinter dem Greenwashing zeugen. Sie sprechen mit Menschen, die sich gegen die Lügen und ihre Folgen wehren und solche, die behaupten, nie gelogen zu haben. Boote und Hartmann stehen gemeinsam mit Aktivist Feri Irawan inmitten des brandgerodeten Regenwaldes und erleben die ehemalige grüne Lunge der Welt als apokalyptischen Albtraum. „Die Stille ist gespenstisch“, kommentiert Boote. Sie besuchen die indonesische Palmöl-Konferenz IPOC, wo der Innenminister des Landes sich über die Umweltschützer lustig macht; der Ironie nicht genug, gibt es einen Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl, der Firmen zertifiziert.

Mit dem Uni-Professor und Mitbegründer der Antiglobalisierungsbewegung Raj Patel. Bild: © Filmladen Filmverleih

Auf den Spuren der Deepwater Horizon Katastrophe in Louisiana. Bild: © Filmladen Filmverleih

Sie besuchen in Texas den Uni-Professor und Mitbegründer der Antiglobalisierungsbewegung Raj Patel, der sich darüber empört, dass die Wahl zwischen fair und unfair produziert, die „Entscheidung für eine bessere Welt“, wie er sagt, immer noch auf den Konsumenten, die Konsumentin abgewälzt wird: „Warum muss ich mich aktiv dafür entscheiden, dass Menschen nicht ausgebeutet werden, und Delfine nicht abgeschlachtet? Warum wird das nicht vom Gesetz vorgegeben, warum ist das eine individuelle Entscheidung?“ Patel fordert, dass Menschenrechte und die Rechte der Natur gesetzlich verankert werden.

In Louisiana besichtigen Boote und Hartmann die Nachwirkungen des katastrophalen Blowouts der BP-Ölbohrplattform Deepwater Horizon von 2010 –  anstatt das ausgelaufene Öl wirklich komplett zu entfernen, wurde das giftige Dispersionsmittel Corexit eingesetzt, in dem fleischfressende und für am Strand spielende Kinder daher höchst gefährliche Bakterien gedeihen, das aber den Ölteppich zersetzte und auf den Meeresboden drückte.

Jeden Tag werden hochgiftige Teerklumpen an Land gespült. „Alles klingt nett, nichts ist einklagbar und wie immer wird jede Menge Chemie verwendet“, sagt Boote zum US-Greenwashing. Erschüttert wie ein ruinierter Shrimpfischer eines der Tierchen zeigt, hinter dessen Kiemen das Öl klebt. Mit einem schicken „umweltfreundlichen“ Elektroauto der Marke Tesla fahren die beiden zum Tagebau Garzweiler im rheinischen Braunkohlerevier, einer der größten Kohlengruben Europas, der mehrere alte Dörfer und riesige Waldgebiete zum Opfer fielen. Am Rand der Grube stehen ein paar Windräder, mit denen der Konzern RWE sein Engagement für Erneuerbare Energie betont. Doch das Kerngeschäft ist die Förderung und Verbrennung von Braunkohle, aus der Strom auch für Elektroautos wie den Tesla gewonnen wird.  Feinstaub verseucht hier die ganze Gegend, es häufen sich Atemwegserkrankungen, Fehlgeburten und Krebs. „Nur weil man keinen Auspuff sieht, heißt das nicht, dass kein Dreck entsteht!“, so Hartmann, die erläutert das für Elektroautos gebrauchte Lithium sei „das neue Erdöl“, abgebaut in Salzseen in Argentinien und Brasilien – eine „Zaubertechnologie“, die höchsten Schaden anrichtet.

Mit Noam Chomsky. Bild: © Filmladen Filmverleih

In Brasilien wiederum erzählt Sonia Guajajara, das Oberhaupt der indigenen Bevölkerung, wie ihre Landsleute mit brutaler Gewalt von ihrem ureigenen Grund und Boden vertrieben oder sogar ermordet werden, um Platz für Soja-, Mais-, Zuckerrohrplantagen und Rinderfarmen zu schaffen.

Noam Chomsky ist emeritierter Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge und gilt als einer der bedeutendsten Intellektuellen der USA. Er erklärt schließlich, warum es unser derzeitiges System höchstselbst ist, das der Idee von Nachhaltigkeit im Wege steht: 
 „Die Reichsten acht Menschen besitzen so viel wie die halbe restliche Menschheit. Die Macht über alle wichtigen Entscheidungen liegt bei denen, die das Kapital kontrollieren. Diese Macht der Konzerne muss ein Ende nehmen, aber unser derzeitiges System sorgt dafür, dass die Konzerne immer mächtiger werden“, so Chomsky, der Konzernhierarchien abschaffen und die Arbeiterinnen und Arbeiter ermächtigen will.

Wie schon in seinen bisherigen Erfolgsdokus nähert sich Werner Boote der Kernfrage seines neuen Filmes nicht mit analytischer Trockenheit, sondern mit ganz bewusst inszenierter, emotionaler Subjektivität – hier mit der oft kritischen Neugier eines ganz normalen Konsumenten. Kathrin Hartmann führt ihn dabei mit überzeugendem Charme und schier unendlichem Expertinnenwissen zu den Tricks und Lügen der Industrie. Und man kann sich der Schlüssigkeit der Erkenntnisse, die Boote im Lauf des Films gewinnt, nicht entziehen: Die Supermärkte sind voll mit Produkten, die so, wie sie hergestellt werden, gar nicht existieren dürften. Den Preis dafür zahlen die Käufer – auch wenn er nicht auf deren Rechnung steht. Und wenn auf einmal sämtliche Konzernbosse den Begriff „Nachhaltigkeit“ in den Mund nehmen, dann wird davon nicht die Umwelt sauber, sondern höchstens das Wort schmutzig. Eine mögliche Lösung hat Boote dafür parat. Sie lautet an alle gerichtet: „Raus aus der Zuckerwatte des Konsums!“

Werner Boote im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28457

www.wernerboote.com

www.thegreenlie.at

6. 3. 2018