Filmmuseum: Rainer Werner Fassbinder

August 26, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Hommage an den deklarierten Unruhestifter

Rainer Werner Fassbinder. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Zum Saisonauftakt würdigt das Filmmuseum ab 31. August eine Schlüsselfigur des Kinos: Die kurze, aber fruchtbare Karriere von Rainer Werner Fassbinder machte ihn zum Motor des „Neuen Deutschen Films“ und zum Meteor des internationalen Kinos der 1970er-Jahre: Kein anderer unabhängiger Filmemacher weltweit war so produktiv und einflussreich. Mehr als 40 radikal persönliche Spielfilme realisierte Fassbinder, von „Liebe ist kälter als der Tod“  im Jahr 1969 bis zu „Querelle“ 1982, während er nebenbei seine Theaterkarriere weiterführte: Als Wunderkind und deklarierter Unruhestifter wurde er nach seinem internationalen Durchbruch mit „Angst essen Seele auf“  aus dem Jahr 1974 zum Inbegriff des bundesdeutschen Kinos, sein rasant expandierendes, bewundertes wie umstrittenes Werk zur umfassenden Kino-Chronik der Gegenwart des Landes.

Fassbinders Selbststilisierung, sein provokantes Auftreten und die Skandale um sein wildes Leben machten ihn schon zu Lebzeiten zur Legende, sein früher Tod 1982 besiegelte die Verklärung zum Mythos: Das enfant terrible des BRD-Kinos hatte sich im mit Drogen durchgeputschten Schaffensrausch ausgebrannt, gemäß seinem Diktum: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ Doch Fassbinders filmische Hinterlassenschaft eignet sich nicht für Einbalsamierung: Die universale Kraft, schlagende Originalität und brennende Leidenschaft seines Werks verleihen ihm bleibende Aktualität. In aller Grausamkeit und Zärtlichkeit seiner Einsichten über das menschliche Wesen besteht es auch als utopischer Entwurf: Fassbinders Filme sind radikal subjektiv, und oft kaum verschlüsselt autobiografisch, wenden sich aber an die ganze Gesellschaft.

„Leere Kinos helfen uns nicht weiter“, distanzierte sich der schon als Kind vom Kino besessene Regisseur vom elitären Kulturdenken. Obwohl er den Hang zum kühnen Experiment nie ablegte, verstand Fassbinder Film als „publikumswirksame“ Volkskunst, die Träume und Gefühle weckte, während sie Intellekt und Bewusstsein schärfte. „Viele Filme machen, damit das Leben zum Film wird“, war sein Motto. Durch die Verzahnung von Werk und Privatleben – inklusive der engen Beziehungen zu seinem Ensemble, das Weltstars wie Hanna Schygulla hervorbrachte – überdeckte ein Personenkult sein Schaffen und dessen verblüffende Vielfalt weit hinaus über Klassiker wie „Händler der vier Jahreszeiten“ oder „Die Ehe der Maria Braun“.

Die bitteren Tränen der Petra von Kant, 1972. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Angst essen Seele auf, 1974. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Fassbinder war über den Umweg der Bühne zur Kinoregie gekommen: Mit seinem Münchner antiteater erregte er Aufsehen und begründete die Truppe von langjährigen Begleitern für seine Ein-Mann-Studio-Dauerproduktion: Peer Raben, Irm Hermann, Kurt Raab, Harry Baer, Hans Hirschmüller, Ingrid Caven oder Margit Carstensen. Das Frühwerk, insbesondere „Katzelmacher“ aus dem Jahr 1969, demonstriert noch aggressiv den schlichten, klaren Stil, den er bald verfeinerte: lange Einstellungen mit wie hingestellt deklamierenden Akteuren.

Diese Bühne füllte Fassbinder mit Welthaltigkeit und Ambivalenz: Pointiert porträtierte er den Alltag und die Verzweiflung seiner Figuren als oft beunruhigend komische Trauerspiele der unerwiderten Leidenschaften. Unter dem Einfluss von Douglas Sirk wurden seine Filme ab 1971 zugänglicher. Wie sein Vorbild übte Fassbinder in der populären Form Kritik am gesellschaftlichen Status quo, der das Leiden seiner Außenseiterfiguren verursachte: Ob Frauen oder Homosexuelle, Kleinbürger oder Randständige – Fassbinders Figuren sind in perversen Macht- und Beziehungsverhältnissen gefangen – Zitat: „Die Liebe ist das wirksamste Instrument der Unterdrückung“ -, aber nie bloß willfährige Opfer.

In einem Jahr mit 13 Monden, 1978. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Die faszinierende Zwiespältigkeit und Dringlichkeit lässt Fassbinders Filme alterslos erscheinen: eine in ihrer Tiefe und Breite unerreichte comédie humaine der BRD, die neben gegenwärtigen Interventionen wie „In einem Jahr mit 13 Monden“ oder der Terrorismus-Satire „Die dritte Generation“ immer reichere und aufwendigere Streifzüge durch die deutsche Geschichte und Filmgeschichte unternahm, mit wachsenden internationalen Expansionsambitionen:

Vom Niedergang des Preußentums („Fontane Effi Briest“, 1974) über Weimar („Bolwieser“, 1977/83) und die Nazizeit („Lili Marleen“, 1981) zur bunten Wirtschaftswunder-Komödie („Lola“, 1981) legte Fassbinder frei, was das Land antrieb – und die Menschen an sich. Fassbinder: „Filme müssen irgendwann einmal aufhören, Filme zu sein, müssen aufhören, Geschichten zu sein, und anfangen, lebendig zu werden, dass man fragt, wie sieht das eigentlich mit mir und meinem Leben aus.“

filmmuseum.at

26. 8. 2018

Werk X: Raststätte oder Sie machens alle

April 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Sex mit Stofftieren

Poledance ist auch nur ein Sport: Thomas Kamper, Arthur Werner, Sandra Bra, Sebastian Klinser und Markus Mariacher. Bild: Yasmina Haddad

Am Ende werden Teddybär und Plüschelch genüsslich zerlegt, in ihre Leckerlis zerfleischt und aufgefressen. Und siehe, hinter den ohnedies schon zu Stofftieren sich degradierenden Bestien auch nur der Mensch – im anatomischen Modellanzug. So schaut das aus, wenn Regisseurin Susanne Lietzow Elfriede-Jelinek’sche Figuren zum Striptease lädt. „Raststätte oder Sie machens alle“ hat die zweifache Nestroy-Preisträgerin nun im Werk X inszeniert.

Und am Satyrspiel zu Totenauberg das zotig Farcenhafte betont. Tatsächlich nennt Lietzow den Text im Gespräch einen „Porno-Feydeau“. Dessen Grundlage allerdings Mozarts „Così fan tutte“ ist: Zwei frustrierte Ehefrauen verabreden sich via Sexinserat auf einer Autobahntoilette mit zwei Tieren, von denen sie sich ebensolchen, triebhaft-zügellosen Beischlaf erhoffen. Inmitten einer zermüllt-desolaten, von Peter Laher erdachten Bühne setzt Lietzow ihre Handvoll Darsteller ab. Doch nichts geht, Potenz wird zum Problem, denn in den Kostümen treffen die Frauen unverhofft auf ihre eigenen Männer. Die Liebe ist, man sieht es gleich am ersten Bild, ein Überraschungsei …

Dass das nicht alles auf den ersten Blick verständlich ist, ist systemimmanent. Auch die mäandernden Sprachkaskaden der Nobelpreisträgerin sind nicht Wort für Wort zu nehmen, sondern als Komposition, als Klang. Und durch klingt – Lebensthemen – ihre Kritik an Geschlechterrollen, an versuchter seelenbodenloser Selbstoptimierung (dies gern durch Sport, in dessen Bekleidung bekanntlich „wenig Platz für Lebensgenuss“ ist) und ein scharfer Blick auf Entfremdungsursachen, auf hiesige und andernortige Neidgesellschaften, die auf der Suche nach einem ureigenen Zentrum sich selbst in die Randlagen verlieren.

Highlight des Abends: Gilbert Handler mit Arthur Werner und Thomas Kamper: Bild: Yasmina Haddad

Vor der Plakatwand: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz. Bild: Yasmina Haddad

Lietzow assoziiert da frank und frei. Pinnt Da Pontes „Fremdländer“ auf ein paar Heimatwahlplakate, die nicht weniger obszön sind als verwandte Originale, die Abart als aktuelles Schleuderblatt für alle, die Abgrenzung zum anderen brauchen. Steckt Klaus Huhle vom allmächtigen Wirtsmenschen zurück in den Baby-Fatsuit. Lässt Gilbert Handler begnadet singen, er der Höhepunkt des Abends, wenn er Liebeslieder bis hin zum Ave Maria interpretiert. Steigert ihre Arbeit mehr und mehr in albtraumhafte Szenen, während sie das Explizite aus der Jelinek kitzelt.

Dazwischen die vier, Isolde und Kurt, Claudia und Herbert, längst Negativspiegelflächen ihrer einmal gewählten Partner, die nun erwarten, dass sie „von anderen Menschen zum Klingen gebracht werden“: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz als die Durchschnittlichen, die so gerne einmal Über- wären. Sebastian Klinser und Markus Mariacher als die Kostümierten, die Bau- und Büromaschinenvertreter, die aus der fremden Haut schlüpfen, um in der eigenen gekillt zu werden. Wie die Schauspieler hier Lust auf Frust reimen, wie’s statt Körpertrost nur Trostlosigkeit gibt, ist sehenswert.

Und schließlich von der durchaus auch zeitpolitisch zu nehmenden Erkenntnis: „Man kann sich wie ein großes Tier anziehen, deshalb ist man es noch nicht.“

werk-x.at/

  1. 4. 2018

Werner Bootes „The Green Lie – Die grüne Lüge“

März 6, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die neue Doku über Nachhaltigkeit und Greenwashing

Kathrin Hartmann und Werner Boote bei der indigenen Bevölkerung in Brasilien. Bild: © Filmladen Filmverleih

Im Jahr 2015 brannten große Teile des indonesischen Regenwalds nieder. Es war das schlimmste Umweltdesaster in der Geschichte des Landes. An den direkten Folgen starben über 100.000 Menschen, mehr als 500.000 leiden an Langzeitfolgen. Dass die Brände bewusst gelegt oder zumindest beschleunigt wurden, ist ein offenes Geheimnis.

Ziel war es, massenweise neue Anbauflächen für die Gewinnung von Palmöl zu schaffen. Das billigste und meistverwendete Fett der Welt, zu finden in fast jedem Fertiggericht, in Süßigkeiten und Snacks, und ein enorm profitträchtiger Rohstoff.  Auf den Spuren dieses Skandals beginnt der Dokumentarfilmer Werner Boote („Plastic Planet“, „Alles unter Kontrolle“) seine Reise um die Welt, auf der Suche nach der Wahrheit hinter dem allgegenwärtigen Schlagwort „Nachhaltigkeit“. Die konzernkritische Journalistin und Buchautorin Kathrin Hartmann („Ende der Märchenstunde“, „Aus kontrolliertem Raubbau“) ist dabei seine ebenso kompetente wie überzeugende Begleitung. Sie kennt sich aus mit dem so genannten „Greenwashing“.

Der Begriff bezeichnet jene Praxis, Produkte mit Hilfe massiver PR als „nachhaltig“, „umweltschonend“ oder „fair“ zu verkaufen, obwohl das in Wahrheit keineswegs so ist.  „Es gibt kein nachhaltig produziertes Palmöl, weil es nur dort wächst, wo vorher Regenwald war“, macht Hartmann deutlich. Doch auch das aufwändigste Greenwashing kommt ungleich billiger als eine Veränderung der Produktionsbedingungen. „Die Industrie nennt uns nicht mehr Bürger, sie nennt uns nur noch Konsumenten. Ich verstehe mich aber nicht als Konsument, ich versteh mich als Mensch, und als Bürger“, so Hartmann. Ihr Film „The Green Lie – Die grüne Lüge“ ist ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen.

Vom österreichischen Supermarkt reisen Boote und Hartmann nach Indonesien, Brasilien, in die USA und nach Deutschland. Sie besuchen dort Orte, die von der Zerstörungsgewalt hinter dem Greenwashing zeugen. Sie sprechen mit Menschen, die sich gegen die Lügen und ihre Folgen wehren und solche, die behaupten, nie gelogen zu haben. Boote und Hartmann stehen gemeinsam mit Aktivist Feri Irawan inmitten des brandgerodeten Regenwaldes und erleben die ehemalige grüne Lunge der Welt als apokalyptischen Albtraum. „Die Stille ist gespenstisch“, kommentiert Boote. Sie besuchen die indonesische Palmöl-Konferenz IPOC, wo der Innenminister des Landes sich über die Umweltschützer lustig macht; der Ironie nicht genug, gibt es einen Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl, der Firmen zertifiziert.

Mit dem Uni-Professor und Mitbegründer der Antiglobalisierungsbewegung Raj Patel. Bild: © Filmladen Filmverleih

Auf den Spuren der Deepwater Horizon Katastrophe in Louisiana. Bild: © Filmladen Filmverleih

Sie besuchen in Texas den Uni-Professor und Mitbegründer der Antiglobalisierungsbewegung Raj Patel, der sich darüber empört, dass die Wahl zwischen fair und unfair produziert, die „Entscheidung für eine bessere Welt“, wie er sagt, immer noch auf den Konsumenten, die Konsumentin abgewälzt wird: „Warum muss ich mich aktiv dafür entscheiden, dass Menschen nicht ausgebeutet werden, und Delfine nicht abgeschlachtet? Warum wird das nicht vom Gesetz vorgegeben, warum ist das eine individuelle Entscheidung?“ Patel fordert, dass Menschenrechte und die Rechte der Natur gesetzlich verankert werden.

In Louisiana besichtigen Boote und Hartmann die Nachwirkungen des katastrophalen Blowouts der BP-Ölbohrplattform Deepwater Horizon von 2010 –  anstatt das ausgelaufene Öl wirklich komplett zu entfernen, wurde das giftige Dispersionsmittel Corexit eingesetzt, in dem fleischfressende und für am Strand spielende Kinder daher höchst gefährliche Bakterien gedeihen, das aber den Ölteppich zersetzte und auf den Meeresboden drückte.

Jeden Tag werden hochgiftige Teerklumpen an Land gespült. „Alles klingt nett, nichts ist einklagbar und wie immer wird jede Menge Chemie verwendet“, sagt Boote zum US-Greenwashing. Erschüttert wie ein ruinierter Shrimpfischer eines der Tierchen zeigt, hinter dessen Kiemen das Öl klebt. Mit einem schicken „umweltfreundlichen“ Elektroauto der Marke Tesla fahren die beiden zum Tagebau Garzweiler im rheinischen Braunkohlerevier, einer der größten Kohlengruben Europas, der mehrere alte Dörfer und riesige Waldgebiete zum Opfer fielen. Am Rand der Grube stehen ein paar Windräder, mit denen der Konzern RWE sein Engagement für Erneuerbare Energie betont. Doch das Kerngeschäft ist die Förderung und Verbrennung von Braunkohle, aus der Strom auch für Elektroautos wie den Tesla gewonnen wird.  Feinstaub verseucht hier die ganze Gegend, es häufen sich Atemwegserkrankungen, Fehlgeburten und Krebs. „Nur weil man keinen Auspuff sieht, heißt das nicht, dass kein Dreck entsteht!“, so Hartmann, die erläutert das für Elektroautos gebrauchte Lithium sei „das neue Erdöl“, abgebaut in Salzseen in Argentinien und Brasilien – eine „Zaubertechnologie“, die höchsten Schaden anrichtet.

Mit Noam Chomsky. Bild: © Filmladen Filmverleih

In Brasilien wiederum erzählt Sonia Guajajara, das Oberhaupt der indigenen Bevölkerung, wie ihre Landsleute mit brutaler Gewalt von ihrem ureigenen Grund und Boden vertrieben oder sogar ermordet werden, um Platz für Soja-, Mais-, Zuckerrohrplantagen und Rinderfarmen zu schaffen.

Noam Chomsky ist emeritierter Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge und gilt als einer der bedeutendsten Intellektuellen der USA. Er erklärt schließlich, warum es unser derzeitiges System höchstselbst ist, das der Idee von Nachhaltigkeit im Wege steht: 
 „Die Reichsten acht Menschen besitzen so viel wie die halbe restliche Menschheit. Die Macht über alle wichtigen Entscheidungen liegt bei denen, die das Kapital kontrollieren. Diese Macht der Konzerne muss ein Ende nehmen, aber unser derzeitiges System sorgt dafür, dass die Konzerne immer mächtiger werden“, so Chomsky, der Konzernhierarchien abschaffen und die Arbeiterinnen und Arbeiter ermächtigen will.

Wie schon in seinen bisherigen Erfolgsdokus nähert sich Werner Boote der Kernfrage seines neuen Filmes nicht mit analytischer Trockenheit, sondern mit ganz bewusst inszenierter, emotionaler Subjektivität – hier mit der oft kritischen Neugier eines ganz normalen Konsumenten. Kathrin Hartmann führt ihn dabei mit überzeugendem Charme und schier unendlichem Expertinnenwissen zu den Tricks und Lügen der Industrie. Und man kann sich der Schlüssigkeit der Erkenntnisse, die Boote im Lauf des Films gewinnt, nicht entziehen: Die Supermärkte sind voll mit Produkten, die so, wie sie hergestellt werden, gar nicht existieren dürften. Den Preis dafür zahlen die Käufer – auch wenn er nicht auf deren Rechnung steht. Und wenn auf einmal sämtliche Konzernbosse den Begriff „Nachhaltigkeit“ in den Mund nehmen, dann wird davon nicht die Umwelt sauber, sondern höchstens das Wort schmutzig. Eine mögliche Lösung hat Boote dafür parat. Sie lautet an alle gerichtet: „Raus aus der Zuckerwatte des Konsums!“

Werner Boote im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28457

www.wernerboote.com

www.thegreenlie.at

6. 3. 2018

The Green Lie: Werner Boote im Gespräch

März 5, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Im verbrannten Regenwald zu stehen, das war brutal“

Auf der Suche nach Nachhaltigkeit im Supermarkt: Werner Boote und Kathrin Hartmann. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Mir wird gesagt, dass ich die Welt retten kann. Das ist eine Lüge.“ Mit diesem markigen Statement beginnt der neue Film von Werner Boote, „The Green Lie – Die grüne Lüge“, der am Freitag in den heimischen Kinos anläuft. Nach „Plastic Planet“ und „Alles unter Kontrolle“ macht sich der Filmemacher in seiner jüngsten Dokumentation auf die Sinnsuche hinter Begriffen wie „Nachhaltigkeit“ und „Greenwashing“.

Dazu begibt er sich unter anderem auf die Spur der Palmölindustrie und untersucht die tödlichen Überbleibsel der Deepwater Horizon Katastrophe des BP-Konzerns. Umweltschonende Elektroautos, nachhaltig produzierte Lebensmittel, faire Produktion? Wer glaubt, mit seinen Kaufentscheidungen etwas bewirken zu können, irrt. Werner Boote im Gespräch:

MM: In ihrem neuen Film „The Green Lie“ geht es um das sogenannte Greenwashing. Was versteht man unter diesem Begriff und seit wann gibt es ihn?

Werner Boote: Der Ursprung kommt aus den 1970er-Jahren, als man begann, sich zu überlegen, dass die Konzerne die Natur und damit unsere Lebensgrundlage ruinieren. Die Menschen sind auf den Umweltschutz aufmerksam geworden, und die Industrie hat darauf mit Greenwashing reagiert. Heißt: Damit ihr Image grün zu färben und sich grüner darzustellen, als sie in Wahrheit sind. Eines der ersten Beispiele war der Erdölkonzern Chevron, der mit einem kitschigen Werbespot mit Bären geworben hat. Danach haben immer mehr zu diesem Schmäh gegriffen, haben die Logos grün gefärbt und die Geschäftsberichte. Nach 2000 kam die Corporate Social Responsibility, kurz CSR, als Begriff dazu. Jetzt aber ist die Zeit gekommen, in der wir alle wissen, welche Schwindelei uns da aufgetischt wird. Wir sind alle schon einmal im Supermarkt gestanden, und wussten nicht, was kaufen, was ist wirklich umweltschonend und fair hergestellt. Das herauszufinden ist bei den meisten Produkten ein Ding der Unmöglichkeit. Generell geht der Film auch darum, dass man die Menschen aus ihrem Konsumidiotendasein, aus ihrer Bewusstlosigkeit reißt.

MM: War das Ihr persönlicher Zugang zu Thema, dass Sie als Konsument mit Ihrer diesbezüglichen Überforderung einen Film drehen wollten?

Boote: So kann man es nennen. Der wirkliche Anfang war, dass mein Produzent Markus Pauser zu mir sagte, bei „Plastic Planet“ steigt die Industrie so schlecht aus, aber es gibt ja auch nachhaltig produzierende Firmen. Sollten wir nicht einmal einen Film darüber machen?

MM: Boote, mach‘ was Positives!

Boote: Genau. Und was ist rausgekommen? Die Erkenntnis, dass der Begriff Nachhaltigkeit ein Gummiwort ist, das jeder auf seine Art und Weise verwendet. Es kommt ja ursprünglich aus der Forstwirtschaft, und bedeutete, dass nur so und so viel Wald in einem bestimmten Zeitraum abgeholzt werden darf, damit er sich in seiner Gesamtheit wieder erholen kann. Heute ist nachhaltig, wenn ich meine Mitarbeiter so ausbeute, dass ich mir auf längere Zeit eine fette Villa und ein fettes Auto leisten kann. Nachhaltigkeit ist so schwammig geworden, ist nicht einklagbar, hat keine Bedeutung. Darin liegt das Problem, dass die Konzerne sich zwar in eine Art freiwilliges Bekenntnis flüchten, aber das ist kein Gesetz. Wenn dann einmal was passiert, naja. Das zeigt der Film auch auf: Der große Konzern opfert dann irgendein Tochterunternehmen oder einen Subunternehmer als Schuldigen, bleibt aber selber unangetastet. Siehe BP, siehe Palmölindustrie. Da steckt man viel Geld in Marketing und PR, aber die Konzerne bewegen sich keinen Millimeter.

MM: BP und Palmölerzeugung sind zwei Beispiele aus Ihrem Film. Nach welchen Kriterien haben Sie die denn ausgewählt?

Boote: Wir haben nach den großen Baustellen geschaut. Palmöl ist in jedem zweiten Produkt, daher sehr nahe an uns – ich sage jetzt absichtlich nicht Konsumenten, sondern – Bürgern. Ihre Autos tanken auch die meisten von uns auf. BP nach der Deepwater Horizon Katastrophe ist das typische Greenwashing. BP hat sicher die größte Imagekampagne gemacht, nennt sich ja jetzt statt British Petroleum „Beyond Petroleum“ – wir haben nichts mehr zu tun mit Erdöl – und hat sich damit das grüne Image erstrampelt. Das sind die großen Beispiele. Wir haben aber in vielen Bereichen recherchiert, zum Beispiel auch in der Textilindustrie. Dabei sind wir draufgekommen, dass die Mechanismen überall die gleichen sind. Also haben wir beschlossen, das aufzuzeigen, wo man diese weltumspannenden Mechanismen am klarsten darstellen kann und das ganze System am besten hinterfragen kann.

MM: In Ihren bisherigen Filmen hört man Ihre Gedanken aus dem Off. Diesmal sind Sie mit der Expertin Kathrin Hartmann in den Dialog gegangen. Warum?

Boote: Weil ich mir denke, dass das spannender und miterlebbarer ist. Die ersten Reaktionen zeigen auch, dass die Zuschauer das emotionaler und unmittelbarer empfinden, weil wir vor Ort die Standpunkte ausdiskutieren. Das ist zumindest der Versuch.

Mit dem indonesischen Anti-Palmöl-Aktivist Feri Irawan … Bild: © Filmladen Filmverleih

… auf einem Feld niedergebrannten Regenwalds. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Ich habe Ihren Film so verstanden, dass Sie die Verantwortung vom Bürger auf die Politik verlagern wollen. Es ist die Politik, die Sie in die Pflicht nehmen wollen.

Boote: Die wir in die Pflicht nehmen müssen. Wir tragen die Verantwortung, die jeder trägt, sich für die Umwelt und den anderen zu engagieren. Aber dazu gehört auch, dass die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Es kann nicht sein, dass ich mir Mühe gebe und Fair-Trade-Kaffee kaufe, aber im Regal steht trotzdem die „Alternative“: Produkte, die die Menschen und die Natur ausbeuten. Das kann’s ja nicht sein. Wieso darf das überhaupt hergestellt werden?! Und hier ist die Politik gefragt, solche Produkte aus den Regalen zu nehmen. Wir haben ein Recht darauf, dass das, was wir kaufen, okay ist. Jetzt sind wir soweit, die grünen Lügen stehen uns bis oben, jetzt muss die Politik den nächsten Schritt machen und verhindern, dass Regenwald gerodet wird, dass Umweltaktivisten mit dem Leben bedroht werden.

Auf den indonesischen Aktivisten Feri Irawan, der mit uns im niedergebrannten Regenwald steht, ist ein Monat nach unserem Dreh geschossen worden. Zum Glück konnte er schnell durchs Fenster flüchten. Auch in Brasilien sind zwei Aktivisten, mit denen wir gesprochen haben, verschwunden, einen haben sie tot aufgefunden. Es wird also Zeit, dass die Politik sich nicht mehr mit solchen Konzernen ins Bett legt.

MM: Ihre Gesprächspartner sind nicht nur Aktivisten, sondern auch Menschen aus der Industrie. Waren die großteils bereit zu sprechen oder haben Sie viele Abfuhren bekommen?

Boote: Die, die wir wollten, haben wir bekommen. Eine Abfuhr gab es vom Sänger Pharrell Williams, der mit einem gewissen Tim Coombs eine Firma namens Bionic Yarn betreibt. Die stellen Fäden her, angeblich aus Plastikmüll aus dem Ozean, daraus machen Adidas und G-Star Produkte und bewerben die auch sehr. Das Plastik soll von einer Umweltorganisation sein, die ich von „Plastic Planet“ gut kenne. Die haben mir gesagt, wir haben denen schon einmal ein Plastiknetz geliefert, aber mehr nicht. Naja, aus einem Netz kann man nicht hunderttausende Schuhe, T-Shirts, Jeans machen. Das ist uns spanisch vorgekommen. Wir haben dann gefühlte hundert E-Mails geschrieben, sind sogar zu den Bionic Yarn Produktionsadressen hingefahren, aber keiner wollte mit uns sprechen. Wir sind schließlich in New Jersey in einer Familienumgebung gelandet, dort Tim Coombs gefunden, aber der hatte leider keine Zeit für uns. Da habe ich mir schon gedacht, verdammt, wie gerne hätte ich, dass die Welt erfährt, was da hinter den Kulissen passiert.

MM: Um noch einmal auf die Politik zurückzukommen: Deren Vertreter kommen, wenn in Umweltfragen in die Ecke gedrängt, gern mit dem Argument die Wirtschaft würde ja Arbeitsplätze und Wohlstand schaffen. Ist das alles ein Schwindel?

Boote: Es ist eine gute Ausrede. Die Geschichte kenne ich schon zuhauf aus der Kunststoffindustrie. Man muss halt Arbeitsplätze bei Alternativstoffen schaffen. „Wohlstand schaffen“ ist immer das Bullshit-Bingo.

Einsammeln von Ölbrocken der Deepwater Horizon Katastrophe. Bild: © Filmladen Filmverleih

Damit ist der Strand verschmutzt. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Kann man auf dieser Welt noch irgendetwas konsumieren, ohne jemandem oder etwas zu schaden? Oder anders gefragt: Wie desillusioniert sind Sie nach Ihren Filmen mittlerweile?

Boote: Nicht besonders, weil ich Möglichkeiten sehe, wie man sich dagegen wehren kann und so auch seine Lebensqualität verbessern kann. Das Paradebeispiel dafür ist „Plastic Planet“. Ich habe angefangen sehr viel weniger Plastik zu verwenden, 100 Prozent Vermeidung schaffe ich nicht, und habe noch einmal mein Blutplasma testen lassen und dabei ist rausgekommen, dass sich der Plastikgehalt extremst reduziert hat. Das heißt, ich tue nicht nur der Umwelt etwas Gutes, sondern auch meiner Gesundheit, denn wir reden ja von Substanzen, die krebserregend sind, Herzerkrankungen, Unfruchtbarkeit, Allergien hervorrufen …

MM: Was haben Sie jetzt? Ein Holzzahnbürstl?

Boote: Zum Beispiel. Ich gehe mit einem Stoffsackerl einkaufen. Bei Getränken bin ich sehr strikt, ich habe schon ewig nicht mehr als Plastikflaschen getrunken, ich fülle Leitungswasser in Glaskaraffen ab, ich bestelle Getränke ohne Plastiktrinkhalm. Ich habe das Gefühl, dass ich dadurch eine höhere Lebensqualität habe. Oder nach „Alles unter Kontrolle“: Ich habe keine Kreditkarte, ich bestelle nichts online, so lange das noch geht. So habe ich die Gewissheit, dass keine Firma oder Organisation weiß, was ich alles habe und dieses Wissen gegen mich ausnützen kann.

MM: Haben Sie schon einmal Ihren ökologischen Fußabdruck messen lassen?

Boote: Nein, weil ich weiß, dass der ein Wahnsinn ist. Ich fliege ja mit meinem Filmteam irrsinnig viel herum. Ich war vor einigen Jahren bei der Berlinale. Da sagt einer zu mir, er ist Prädikatssiegelhersteller, ob ich nicht den nächsten Film mit seinem CO2-neutral-Siegel versehen möchte. Sag‘ ich, wie soll das funktionieren, das kann sich nicht ausgehen. Sagt er, das ist kein Problem, ich soll ihm 3.000 Euro zahlen und schon hab ich das Siegel. Das war auch einer der Gründe, warum ich mich in „The Green Lie“ so hineingekniet habe: Dass jeder Siegel erfinden kann, dass es keine gesetzlichen Regulierungen gibt, niemand diese Siegel überprüft, und dass die Bürger aber daran glauben, dass sie was Gutes kaufen, wenn auf der Verpackung dieser oder jener Stempel ist. Da ist ein großes Pickerl drauf, und ich denke mir, diese Schokolade muss aber fair sein. Dann komme ich drauf, nein, das ist nur ein Inhaltstoff, und dann stellt sich heraus, davon sind es auch nur 30 Prozent. Wie geht das? Da fühle ich mich verscheißert.

MM: Was war für Sie bei den Dreharbeiten der nachhaltigste Eindruck? Was ist Ihnen am meisten unter die Haut gegangen?

Boote: Schon die Brutalität, die man spürt, wenn man auf einem verbranntem Regenwald steht. Wir haben uns darauf vorbereitet, viele Bilder gesehen, aber dann wirklich bis zum Horizont nichts als Asche zu sehen, und zu wissen, dass da Tiere herumgelaufen sind, dass da Leben und Geräusche waren, und jetzt ist Totenstille, das hat mich schon geflasht. Das hat mich so unmittelbar erwischt, damit hätte ich nicht gerechnet.

MM: Deshalb haben Sie auch höchst emotional eine Orang-Utan-Mutter mit ihrem Jungen in diese Sequenz hineingeschnitten.

Boote: Das war tatsächlich eine der Szenen, über die wir am intensivsten diskutiert haben. Aber Dezenz ist Schwäche. Wenn man zeigt, welches Leben hier einmal möglich war, wird die Zerstörung danach umso deutlicher. Irgendwie muss man das erklären. Ohne das Bild war die Szene zwar weniger kitschig, aber auch nicht so überzeugend.

MM: Zum Ende des Films sind Sie bei einer Konferenz der indigenen Bevölkerung Brasiliens und sagen in einem Halbsatz, dass dort alternative Wirtschaftsmodelle vorgestellt wurden. Sie nennen aber keine Einzelheiten. Warum, wird das der nächste Film? Was Positives?

Boote: „The Green Lie“ ist positiv. Er zeigt, wir haben die Möglichkeit, etwas zu ändern, wir können das Ruder herumreißen. Das ist zwar eine Action, die wir uns antun müssen, aber wir müssen die öffentliche Aufmerksamkeit schüren, dann kriegen wir das auf die Reihe. Man muss das Wirtschaftssystem neu denken, neu strukturieren, es in ein demokratisches Wirtschaftssystem verwandeln. Das ist nicht so unmöglich, wie es jetzt klingt, das ist eine Utopie, die man ausarbeiten kann. Wie auch Noam Chomsky sagt, der ja auch einer der Interviewpartner im Film ist. Wichtig ist, dass wir zu einer Gemeinschaft finden. Im Moment hat jeder vor dem Supermarktregal das Gefühl, er ist jetzt dafür verantwortlich, ob die Welt untergeht oder nicht. Die Menschen fühlen sich diesbezüglich isoliert, also müssen wir uns zusammenfinden und dafür sorgen, dass mehr Gerechtigkeit zum Preis von weniger Profit herrscht. Denn den Widerspruch von Umweltschutz und Profitorientierung haben wir, glaube ich, verstanden.

MM: Noam Chomsky ruft Sie auf, Aktivist zu werden. Er weiß nicht: Sie sind schon einer.

Boote: Das Innenministerium führt mich zumindest seit meinem letzten Kinofilm als solchen. Ich kenne mich mit der Definition von Aktivist nicht aus. Ich versuche Leute zum Nachdenken anzuregen, den Rest müsste ich einmal googeln.

www.wernerboote.com

www.thegreenlie.at

5. 3. 2018

Werk X: Homohalal

Januar 19, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Swimmingpool die Phrasen verdreschen

Die feuchtfröhliche Trauerfeier der ehemaligen Votivkirchenbesetzer: Arthur Werner, Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Daniel Wagner, Constanze Passin und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Es lässt sich wirklich nicht (mehr) sagen. Was war die Aufregung? Gut, das Ganze hat sich auf dem Weg Wien – Uraufführung in Dresden – Wien vom Workshop- zum Theatertext geschliffen, dazu nun die fabelhafte Inszenierung, die die Komik der Situation unterfüttert und sich auch vor Slapstick nicht scheut. Man kann das spielen, heißt das, man kann das zeigen, heißt: dieser Tage auch Zivilcourage zeigen …

Ibrahim Amirs für diese Stadt so notwendige „Homohalal“ ist mit Verspätung endlich daheim angekommen. Das Werk X griff beherzt zu, nachdem das Volkstheater vor knapp zwei Jahren mit der Begründung, für den derzeit „stark von Angst und Hass geprägten“ „Ausländer“-Diskurs sei das Stück ungeeignet, den Rückzieher machte. Ali M. Abdullah hat mit dem ihm eigenen Sinn für Hintersinn inszeniert.

Und was zu sehen ist, ist eine bissige, bitterböse Komödie, zwar rotzfrech und alle Tabus brechend, aber doch so, dass gerade die wohlgesinnt an einer Gesellschaft Beteiligten vom Autor ihre Schelte abbekommen. Die linken, im Text so genannten „Wohlstandsgelangweilten“ wie die unterstellt ehemaligen „Ziegentreiber“, all die ach so liberal sich denkenden Vorbildmenschen mit und ohne Migrationshintergrund. Das weltanschaulich entsprechend in Einvernehmen stehende Premierenpublikum jauchzte vor Freude und applaudierte am Ende begeistert.

Renato Uz stellt einen Swimmingpool auf die Spielfläche, rund um den die Figuren ihre Phrasen erst (ver-)dreschen können, bevor sie mit ihnen untergehen. Ausgangspunkt von „Homohalal“ ist eine Trauerfeier für einen früheren Mitaktivisten, trifft sich am Rand des Bassins doch der harte Kern der Votivkirchenbesetzer vom Winter 2012. Das Jahr ist nun 2037, und wenn man Amir etwas vorwerfen kann, dann, dass er die Utopie in die Zuschauerköpfe pflanzen will, Österreich wäre bis dahin zum mitmenschlich freundlichen Miteinander-Staat gereift. Davor allerdings muss noch Entsetzliches passiert sein: „2022 brennende Muslime auf den Straßen von Traiskirchen und Kärnten“.

Die Party läuft …: Constanze Passin. Bild: © Yasmina Haddad

… und eskaliert: Arthur Werner (vorne), Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Constanze Passin, Yodit Tarikwa und Daniel Wagner. Bild: © Yasmina Haddad

Dass einen solch plakative Sätze anbrüllen, ist Amirs in der Sache zwingende Art. Dezent-subtil ist hier nichts, auch die Inszenierung haut voll rein, die Trauerfeier der gelungen Integrierten und ihrer Helfer eskaliert mehr und mehr, als längst überwunden geglaubte Ressentiments und die landläufigen Vorurteile aufbrechen. Die Charaktere werden von ihrer Vergangenheit bewältigt, man reibt sich an Schuld und Sühne. Da war eine Abschiebung ins sogenannte sichere Herkunftsland, da war Folter wegen einer Nicht-Eheschließung, da war ein brennender Neonazi, und Auffanglager und Gefängnisse.

Ein Extempore über die türkisblaue Regierung, deren siegbringendes Thema und ihre Empörungsbewirtschaftung fehlt an dieser Stelle nicht. Immer wieder steigen die Schauspieler aus dem Stück aus, doch der Streit um Recht und unrecht handeln geht weiter. Das Politische wird wieder einmal privat.

Der tatsächlich kontrovers zu deutende Schlussmonolog über die Angst um und den Schutz für die mühsam aufgebaute neue Welt blieb der Wiener Fassung II mutig erhalten. Integration, sagt Amir, kann so weit gehen, dass man faschistisches Gedankengut für sich neu formuliert, die Angekommenen wollen keine Neuankömmlinge, und er zerlegt dabei die idealisierenden Klischees ebenso genüsslich wie die kriminalisierenden. Man muss nur oft genug links abbiegen, um nach rechts zu kommen, heißt es ja, und „Da stehen noch tausende von Abduls vor unseren Türen. Und die klopfen. Und wie sie klopfen“, heißt es da. Und am Ende: „Freiheit ist Sicherheit. Sicherheit ist Freiheit. Da gibt’s keine Kompromisse … Einer muss die Tür zuhalten.“

Abdul ist der mutmaßlich zu Tode gekommene Aktivist, der Radikale in der Truppe, Arthur Werner spielt ihn, ebenso wie den scheinbar vollauf assimilierten Said, der aber doch zum Berserker wird, als er erfährt, dass sein Sohn Jamal schwul ist. Christoph Griesser macht das herrlich mit Sprachfehler, und auch den Fundi-Bruder Jussuf. Constanze Passin ist Abduls Ex und Idealistin Albertina, Stephanie K. Schreiter Saids Frau Ghazala, erstere vor Verständnis für Flüchtlinge im Wortsinn triefend, zweitere auf dem Standpunkt, man habe sich, in Österreich angekommen, alles selbst erwirtschaftet. Daniel Wagner gibt das angepasste Partytier Umar, und den Vogel abschießt Yodit Tarikwa als Imamin Barbara, deren „positiver Rassismus“ darin endet, dass das „Allahu Akbar“ schließlich als Gospelsong intoniert wird. Amir hat in seinem Bühnenbiotop alle Tierchen ge(kenn)zeichnet.

Said will keinen schwulen Sohn: Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Arthur Werner und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Für derlei Groteske geht Ali. M. Abdullah ein hohes Tempo, die Pointen und das Timing sitzen, und was die Wasserspiele betrifft, na, da schont sich wirklich keiner. Auch das Publikum kriegt seinen Teil Nässe ab. Johnny Mhanna, ein syrischer Schauspieler, agiert als er selbst. Er habe schon x-mal vor Zuschauern seine Fluchtgeschichte erzählt, sagt er, und er sei beruflich quasi ausgebucht, weil derzeit jedes Wiener Theater für ein Flüchtlingsstück einen Quotenflüchtlingsschauspieler brauche. Auch für „Homohalal“ wäre er schon zum zweiten Mal angefragt worden. Was Johnny Mhanna stattdessen will, ist, endlich der Hamlet sein, oder auch eine Medea. Und das sind an diesem beklemmend ernsthaften Riesenspaß die berührenden Momente …

Ali M. Abdullah im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27960

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  1. 1. 2018