Künstlerhaus Factory: Autoarchive reloaded

März 22, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Frauen, die rote Nelken fertigen

Christina Werner / Bildrecht Wien: Lion Tamer, 2019, Sujetausschnitt. © Künstlerhaus Wien

Seit 18. März zeigt das Künstlerhaus ein Projekt von Veronika Burger, Om Bori und Christina Werner. Die Ausstellung „Autoarchive Reloaded“ setzt sich mit kollektiven und persönlichen Ereignissen in Frauenbiografien auseinander. Private Archive wurden dazu geöffnet, erweitert, manipuliert und sichtbar gemacht und somit in künstlerische Arbeiten übersetzt.

Die Drei-Kanal-Videoinstallation „Maria-Josefin-Margarete“ der Medienkünstlerin Om Bori

zeichnet Episoden und prägende Erlebnisse aus den Biografien dreier Frauen nach, die generationenübergreifend miteinander verbunden sind: Bei Maria, Jozefin und Margit handelt es sich um die Großmutter,Urgroßmutter und Großtante der Künstlerin. Auch wenn sie zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Orten lebten, so teilten sie doch die Erfahrung von Krieg und Flucht und die Herausforderungen, mit denen sich Frauen über die Zeiten hinweg konfrontiert sahen. Darüberhinaus sind die Schicksale der dreiFrauen vor allem durch ihren Bezug zur Donau miteinander verflochten; und so zieht sich das Wasser wie ein roter Fadendurch die Erzählung. Die Videoarbeit befragt wie das Erinnern funktioniert, wie es sichtbar gemacht, übersetzt und weitergegeben werden kann und wie sich eine persönliche, individuelle Geschichte zu einem größeren Narrativ verhält.

Veronika Burgers bestehende Arbeit ist Teil eines langfristigen künstlerischen Forschungsprojekts. Diese besteht aus einer Videoinstallation „looks like she is in the pink“ und einer App RED PINKS! mit eingebettetem Archiv und geht der Frage nach, wie sich Widerstand in den Bewegungen von Arbeiterinnen und Arbeiterinnen manifestiert hat und wie diese Gesten generationenübergreifend weitergegeben werden. In ihren künstlerischen Arbeiten sucht Burger nach Möglichkeiten, Gesten in eine neue queer-feministische Bildsprache zu übersetzen. Dafür hat sie eine besondere Tätigkeit in den Blick genommen, die zwar in unmittelbarem Zusammenhang mit der Sichtbarkeit der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung steht, aber meist im Hintergrund blieb und von Frauen ausgeübt wurde: die Fertigung roter Papiernelken – das zentrale Symbol der österreichischen Sozialdemokratie.

Die App RED PINKS! lädt Nutzerinnen und Nutzer ein, an der ständigen Erweiterung einer widerständigen Bewegungsdatenbank mitzuwirken. www.red-pinks.net

Raumansicht, 2021 im Künstlerhaus. Mit Installationen von Veronika Burger und Om Bori. © Künstlerhaus Wien

Veronika Burger / Bildrecht Wien: looks like she is in the pink, 2021 mit APP. © Künstlerhaus Wien

3D-Collage: Christina Werner / Bildrecht Wien: A Lion Tamer Story, 2021. © Künstlerhaus Wien

Die Geschichte der Familienfrauen – Om Bori: Maria-Josefin-Margarete, 2021. © Künstlerhaus Wien

Die Basis für Christina Werners Arbeit „A Lion Tamer Story“ liefern Episoden einer Frauenbiografie, die um Migration und die „Neuerfindung“ der eigenen Lebensgeschichte kreisen. Die Protagonistin – in Kroatien geboren und über die Schweiz nach Österreich emigriert –verfolgte zunächst den Wunsch, als Löwendompteurin nach „Afrika“zu gehen. Diese wenigen biografischen Anhaltspunkte – ob realoder fiktiv, bleibt offen – werden in der Installation der Künstlerin in eine multiperspektivischeund multimediale Collage übersetzt.Die mehrteilige Installation – bestehend aus Fotocollagen, einem Textbild, einem Vorhang, im 3D-Druckverfahren hergestellten Objekten und einem Video – gibt Archivmaterialien und persönlichen Erinnerungen eine Bühne. Hier finden sich unzählige Gesten und Geschichten weiblicher Selbstermächtigung.

Ein Begleitprogramm, unter anderem ein Round Table mit den Künstlerinnen und ein Workshop für Kinder, findet in Kooperation mit Saloon Wien und der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs statt. Alle Infos:

www.k-haus.at

22. 3. 2021

Buch und DVD: Maria Lassnig. Das filmische Werk

Januar 26, 2021 in Buch, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Films in progress“ in ihrer Gesamtheit publiziert

Maria Lassnig gilt international als eine der wichtigsten Malerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. Das Leitmotiv ihrer Malerei, das Sichtbarmachen ihres Körperbewusstseins / „Body Awareness“, fand in den 1970er-Jahren in New York auch filmischen Ausdruck. Und welch einen! Beeinflusst von Malerei, aber auch dem US-amerikanischen Experimentalfilm, der feministischen Bewegung, dem Animationsfilm sowie ihrer neuen Heimatstadt New York schuf Lassnig in einigen wenigen Jahren einen beachtlichen Korpus an radikal eigenständigen Kurzfilmen.

Während einige dieser Arbeiten zum Lassnig-Kanon zählen, blieben viele Filmwerke dieser Schaffensphase unvollendet und unveröffentlicht. Ihre „Films in Progress“, zugleich autobiografische Notiz und gestalterisches Experiment, in denen sich viele Sujets und Techniken aus ihrem Werk wiederfinden, wurden von zwei engen Vertrauten – Mara Mattuschka und Hans Werner Poschauko – aufgearbeitet und im Sinne ihres ursprünglichen Konzeptes sowie Lassnigs Aufzeichnungen folgend fertiggestellt.

Der neue Band in der Reihe FilmmuseumSynemaPublikationen stellt Maria Lassnigs filmisches Werk in den Mittelpunkt und bietet anhand von Essays, dem ersten umfassenden Verzeichnis von Lassnigs filmischer Arbeit und einer großen Auswahl ihrer eigenen, bisher unveröffentlichten Notizen Einblick in die Ideenwelt der Filmemacherin. „Im Mai 1979 zeigte das Österreichische Filmmuseum – zum ersten und für vier Jahrzehnte auch zum letzten Mal – ein Programm mit Maria Lassnigs ,Zeichentrickfilmen'“, so das Herausgeber-Quartett Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch und Hans Werner Poschauko.

„Ins ,Unsichtbare Kino‘ hatte sie es über einen Umweg geschafft: Das internationale Forum des jungen Films zeigte während der Berlinale diese sieben Filme, damals gehörten insgesamt neun zum bekannten filmischen Gesamtwerk, und danach eben auch in Wien. Dieser Umstand ist bezeichnend für die geringe Aufmerksamkeit, die Lassnigs in den 1970ern in New York entstandenem filmischen Œuvre zu Lebzeiten über weite Strecken zukam – selbst nachdem sie sich als Malerin ab den 1980ern weltweit etablieren konnte.“

Woran das gelegen sein konnte, ließe sich vielleicht dahingehend interpretieren, dass Lassnig die Neigunghatte, sich selbst regelmäßig radikal neu zu positionieren und damit zugleich eine Auseinandersetzung mit spezifischen Formen, Farben oder Ausdrucksmitteln für sich als erledigt zu betrachten. Mit Ende ihrer New Yorker Werkphase vollzieht sie nicht nur einen Schwenk weg vom Animations-/Film als wichtigem Ausdrucks-und Gestaltungsmedium, sie lässt auch die mannigfaltigen Lebens-und Arbeitskontexte dieser Zeit, von der Kulturarbeit im Kollektiv bis zum politischen Feminismus, hinter sich.

Nitsch,1972, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Bärbl. 1974/79, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig in Stone Lifting. A Self Portrait in Progress. 1971–75, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig in Stone Lifting. A Self Portrait in Progress. 1971–75, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

So landeten die Filme, bis auf eine Rolle der „kanonischen“, das heißt zu Lebzeiten regulär vertriebenen und seit den 2000ern auch wieder vermehrt rezipierten Werke, buchstäblich auf dem Dachboden. Wie es nun zur Publikation kam, und was diese für Lassnigs Neubewertung als Filmkünstlerin bedeutet, wird in „Maria Lassnig. Das filmische Werk“ erstmals umfassend dokumentiert.

„Nebst biografischen Aspekten führten auch andere Faktoren dazu, dass Lassnigs Filmschaffen vor allem in Österreich wenig beachtet blieb“, so die Herausgeber. „Als Emigrantin und Remigrantin war sie beinahe zwei Jahrzehnte lang nicht Teil der Wiener Kulturszene. Als Filmemacherin war sie beinahe ausschließlich in den USA tätig. Und auch dort fand ihre Arbeit abseits der in Österreich stark rezipierten Bewegung des ,New American Cinema‘ und des ,structural film‘ statt; hinzu kommen eine systematische Geringschätzung weiblicher Filmschaffender und die noch bis in die 1990er-Jahre stiefmütterliche Behandlung des Animationsfilms.“

Lassnigs Arbeit ist, wie die hier nachzulesenden Essays von James Boaden und Stefanie Proksch-Weilguni, die Film- und Projektbeschreibungen von Beatrice von Bormann, Jocelyn Miller und Isabella Reicher erklären, nicht bloße „Malerei in der Zeit“. „Sie arrangiert komplexe Doppelbelichtungen in der Kamera, benutzt die optische Bank, und reichert ihre Bilderwelten mit Tonspuren an, die von Voiceover-Erzählung über elektronische Klangerzeugung bis zu Tonbandexperimenten reichen. Damit durchbricht sie als Frau, als eine Fremde sowohl in der Filmszene als auch im Amerika der 1970er-Jahre bestehende Kategorien und Zuordnungen.“

Maria Lassnig, New York, ca. 1969. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung. © Österreichisches Filmmuseum

Women/Artist/Filmmakers, Inc., Maria Lassnig v. li.,  1976. © Bob Parent. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig, 1974. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung. © Österreichisches Filmmuseum

Ihr Werk reflektiert ihre Auseinandersetzung mit dem Medium, seiner Geschichte und seinen Erzähltechniken, vom Hollywoodkino über den unabhängigen US-Film zum Animationsfilm und bis hin zum Fernsehen. Und auch ästhetisch verweigert Lassnig jedwede Orthodoxie. Ähnlich wie in Zeichnung und Malerei, macht sie sich eine Vielzahl an gestalterischen Techniken zu eigen und exerziert sie durch: vom „handpainted film“ zum Legetrick, von der Studioaufnahme zur dokumentarischen Handkameraführung. Die Kooperation mit der Maria Lassnig Stiftung ermöglichte es dem Österreichischen Filmmuseum, erstmals das bildnerische Werk Lassnigs, ihre Skizzen und Notizen zum Film und die filmische Arbeit einander gegenüberzustellen.

FilmmuseumSynemaPublikationen, Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch, Hans Werner Poschauko (Hg.): „Maria Lassnig. Das filmische Werk“, mit kommentiertem Bildteil und einer DVD, einer Auswahl der „Films in progress“, in Zusammenarbeit mit INDEX-Edition, 192 Seiten. Dieser Band erscheint auch in englischer Sprache.

www.filmmuseum.at           www.marialassnig.org

26. 1. 2021

Staatsoper: Live-Streams mit Netrebko und Beczala

Dezember 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Martin Schläpfers Uraufführung „Mahler 4“ auf ORF2

© Wiener Staatsoper GmbH / Ashley Taylor

Diese Woche beschert Opernfans drei ganz besondere Live-Stream-Erlebnisse aus der Wiener Staatsoper: Anna Netrebko wird in Wien das erste Mal die Tosca singen, Piotr Beczala gibt sein Wiener Rollendebüt als Werther und dazu kommt die Premiere der Neuproduktion und Staatsopern-Erstaufführung von Hans Werner Henzes „Das verratene Meer“. Die Opern werden, wie andere Werke

auch, trotz des Lockdowns im Haus zur Aufführung gelangen. Gespielt wird ohne Publikum vor Ort, nur für Kameras und Mikrofone. Alle Streams sind kostenlos auf der Webseite play.wiener-staatsoper.at verfügbar. Beginn ist jeweils um 19 Uhr, die Übertragungen sind 24 Stunden lang abzurufen.

10. Dezember, 19 Uhr (Live – nur in Österreichs verfügbar): Werther. Musikalische Leitung: Bertrand de Billy, Inszenierung: Andrei Serban. Mit Piotr Beczala, Gaëlle Arquez, Clemens Unterreiner und Daniela Fally

13. Dezember, 19 Uhr (Live): Tosca. Musikalische Leitung: Bertrand de Billy, Inszenierung: Margarethe Wallmann. Mit Anna Netrebko, Yusif Eyvazov, Wolfgang Koch und Evgeny Solodovnikov

14. Dezember, 19 Uhr (Live, Premiere): Hans Werner Henze: Das verratene Meer. Musikalische Leitung: Simone Young, Inszenierung: Jossi Wieler und Sergio Morabito, Ausstattung: Anna Viebrock. Mit Vera-Lotte Boecker, Bo Skovhus, Josh Lovell, Erik Van Heyningen, Kangmin Justin Kim, Stefan Astakhov und Martin Häßler

Auf ARTE concert sowie morgen ab 9 Uhr auf ORF2 präsentiert der neue Direktor des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer mit dem zweiteiligen Abend Mahler, live nicht nur sein erstes eigenes Programm in der Wiener Staatsoper, sondern stellt sich mit seiner Uraufführung „4“ zu Gustav Mahlers 4. Symphonie, dem zweiten Werk des Abends, auch als Choreograph vor. Entstanden ist ein großes Ballett für das gesamte Ensemble, dem zur Eröffnung des Programms mit Hans van Manens „Live“ eine Ikone der Tanzgeschichte vorausgeht.

Axel Kober dirigiert das Orchester der Wiener Staatsoper, als Solistinnen sind Shino Takizawa am Klavier sowie die Sopranistin Slávka Zámečníková zu erleben. Auf ORF2 ermöglicht eine kurze Einführung, gestaltet von Markus Greussing, den Zuseherinnen und Zusehern in den Bewegungskosmos und in die höchst interessante Gedankenwelt von Martin Schläpfer einzutauchen.

Teaser: www.youtube.com/watch?v=HzX2ir76JHg

Wiener Rollendebüt als Werther: Piotr Beczala. Bild: © Johannes Ifkovits

Singt in Wien erstmals die Tosca: Anna Netrebko. Bild: © Julian Hargreaves

Ballettprogramm „Mahler, live“: Martin Schläpfer. Bild: © Tillmann Franzen

Live-Fledermaus zu Silvester

Die Tosca“ und „Werther“ werden auch in ORF III zu sehen sein. „Tosca“ live-zeitversetzt am 13. Dezember um 20.15 Uhr, „Werther“ am 10. Jänner um 20.15 Uhr. Und auch für die Silvesternacht ist schon vorgesorgt: ORF III zeigt Die Fledermaus am 31. Dezember um 20.15 Uhr in der Reihe „Wir spielen für Österreich“ im Rahmen von „Erlebnis Bühne Live“.

Unter der musikalischen Leitung von Cornelius Meister sind Georg Nigl in seinem Staatsopern-Rollendebüt als Gabriel von Eisenstein, Camilla Nylund als Rosalinde, Jochen Schmeckenbecher als Frank und Peter Simonischek als Frosch zu erleben. Regula Mühlemann singt erstmals am Haus die Adele, als Orlofsky gibt Christina Bock ihr Debüt an der Wiener Staatsoper. Fast fixer Bestandteil der Silvester-„Fledermaus“ ist der prominente Überraschungsgast im zweiten Akt – heuer darf sich das Fernsehpublikum auf Starsopranistin Asmik Grigorian freuen, die im September mit der „Madama Butterfly“Premiere am Haus debütierte und die die Cio-Cio-San auch im Jänner verkörpern wird.

www.wiener-staatsoper.at            play.wiener-staatsoper.at           www.arte.tv/de/arte-concert

  1. 12. 2020

Kammerspiele: Monsieur Pierre geht online

Oktober 30, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der diskrete Charme des alten Grantscherm

Kongeniales Herrendoppel: Wolfgang Hübsch und Claudius von Stolzmann. Bild: Rita Newman

Ach, man ist ja sowieso befangen, weil man erstens den Film mit Pierre Richard schon so gemocht hat, und zweitens … Wolfgang Hübsch! An den Kammerspielen der Josefstadt brilliert dieser nun als Protagonist in „Monsieur Pierre geht online“, der Theateradaption jener französischen Filmkomödie, die Stéphane Robelin vor drei Jahren dem „großen Blonden“ auf den Leib schrieb (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25662), und

Hübsch mit seinem Grantscherm-Charme ist einfach hinreißend. Wie er als Pierre über die Bühne tänzelt, wenn’s nach seinem Willen geht, wie den sein Rückenleiden immer dann ereilt, wenn’s für ihn zum Vorteil ist, Hübsch gibt sich als kauziger, verschmitzter, schlitzohriger Komödiant, der wie jeder Meister dieser Disziplin auf die Melancholie nicht vergisst. Zwar ist er kein „Pierrot“ wie der Richard, auch wenn dies sein Nickname ist, und bei weitem kein sanftmütiger Schalk. Nein, der sitzt Hübsch vielmehr im Nacken, wenn er als manipulativ mitleidheischender Miese-Peter die Wiener Variante des Pariser Witwers gibt.

Monsieur Pierre also hat im Leben nur noch das eine Interesse, sich alte Filmaufnahmen seiner verstorbenen Frau anzuschauen. Nichts treibt ihn mehr vor die Tür, er bunkert sich ein in seiner Wohnung und seiner Trauer und verwahrlost zusehends. Weshalb Tochter Sylvie einen sinistren Plan schmiedet: Der neue Freund ihres Nachwuchs‘ Juliette, ohnedies ein nichtsnutzig-arbeitsloser Autor, soll dem Alten Unterricht in Sachen Internet geben – ohne, dass der von Alex‘ Verhältnis zu Juliette weiß.

Nach Einstiegsschwierigkeiten flutscht das Ganze, und Pierre macht in einem Datingportal die Bekanntschaft von Flora. Er verliebt sich, doch kann er sich nicht als 80-jähriger Zausel enttarnen. Also muss Alex zu seinem Fleisch und Blut werden, während er selbst aus der Deckung immer gewagtere, intimere Postings abschickt. Klar, dass das nicht gutgehen kann … Eine moderne Cyrano-Erzählung war das weiland bei Robelin, worauf Regisseur Werner Sobotka aber weitestgehend verzichtet.

Was Wunder, hat er Wolfgang Hübsch mit Claudius von Stolzmann als Alex doch einen kongenial schöngeistigen Konkurrenten im Kampf um Floras Gunst an die Seite gestellt. Die fabelhafte Textfassung von Folke Braband beschert dem Ensemble ein Powerplay an bissigem Pointen-Ping-Pong, der Dialog analog-digital macht einen Gutteil des Humors aus. Dessen missverständliche Untiefen durchwaten die Darsteller mit sichtlichem Vergnügen. Sagt Alex, Pierre müsse ein Fenster öffnen, fragt der: „Im Schlafzimmer?“ – und persönlicher Favorit ist dessen Ansage, er hätte etwas auf „Goggl Mops“ gefunden.

Susa Meyer als selbstgerechte Tochter Sylvie. Bild: Rita Newman

Monsieur Pierre fesch und auf Freiersfüßen. Bild: Rita Newman

Martina Ebm gibt sich ganz mädchenhaft. Bild: Rita Newman

Werner Sobotka hat für Wolfgang Hübsch mit Witz und Herzenswärme und viel Sinn für Details ein Virtuosen-Stück voller Zwischentöne inszeniert, hat sich behutsam dem Thema Alterseinsamkeit gewidmet, dazu Aktuelles von Homeoffice bis Zoomkonferenz eingeflochten, und es ist wunderbar, wie der Musical- und Operettenaffine diesen Abend zum Walzertanzen bringt. Das Bühnenbild von Walter Vogelweider wechselt von Pierres staubiger Bücherhöhle zum kühlen Neonchic von Sylvies Apartment und der Brüsseler Bar, in der Pierre/Alex Flora zum ersten Mal trifft. Auf kleinen Videowänden allüberall läuft der Chat, poppen Portale auf, wird geskypt.

Und noch einmal: Welch ein Paar, Hübsch und von Stolzmann, deren Beziehung sich sozusagen vom Duett zum Duell, von der Männerverschwörung zum gegenseitigen Fallensteller zum von der Damentrias in die Ecke argumentierten und alsbald aufgeflogenen Schwindler-Duo entwickelt. Pierre und Alex schenken einander mit ihren eifersüchtigen Aktionen nichts und Hübsch und von Stolzmann damit alles, wenn sie das Lügenmärchen des anderen derart aufbauschen, dass der nicht mehr weiß, wie raus aus der Sache.

Buchhändler Pierre gibt sich bei Flora als Sinologe aus, womit er Alex von dessen Computer-Fachchinesisch in die Zwickmühle eines falschen Mandarin bringt, aus Rache macht der aus dem „Großvater“ einen Vulkanologen, worauf Pierre für Flora in Windeseile ein paar Lava-Abenteuer erfinden muss. Herrliche Szenen sind das, wenn Pierre von Langzeitloser Alex mehr Selbstbewusstsein fordert, „Wie steh‘ ich denn sonst da!“ und „Hoffentlich ist sie nicht enttäuscht!“, oder wenn Sylvie für den Vater schon ein Altersheim ins Auge fasst, und ihn schließlich fesch und auf Freiersfüßen wiederfinden muss.

Verblüfft von der weiten Welt des Webs. Bild: Rita Newman

Die Chat-Kulisse. Bild: Rita Newman

In der Zwickmühle schmerzt der Rücken. Bild: Rita Newman

Familienverhör, re.: Larissa Fuchs. Bild: Rita Newman

Susa Meyer gibt diese Sylvie mit dem Beamtenpragmatismus einer, auf deren selbstgerechten Schultern die ganze Familie lastet. Großartig, wie ihre Moralvorstellungen als schlüpfrige Gedanken auf und davon galoppieren, glaubt sie doch in Physiotherapeutin Flora eindeutig eine „Masseuse“ zu erkennen. „Monsieur Pierre geht online“ ist ein Verwechslungsschwank vom Feinsten, Wortverdreherei par excellence, die Situationen durch ihre Fehldeutungen „Spiel, Satz & Sieg“ in der Schwebe gehalten, ohne jemals auf plumpen Boden zu prallen.

Martina Ebm stattet Flora mit genau der ernsthaft romantischen Mädchenhaftigkeit aus, der man zutraut, in Pierre eine neue Jugendlichkeit und in Alex den draufgängerischen Liebhaber zu entfachen. Die Juliette von der mit Lebenspartner Johannes Krisch ans Haus gewechselten BE-Schauspielerin Larissa Fuchs wird von Anfang an auf die Art Karrierebiest getrimmt, von dem Alex ein Abschiednehmen nicht schwerfallen kann.

Keine Angst, für alle gibt’s ein Happy End. Pierre, Sylvie und Juliette sind nämlich eine David-Trauergemeinde, Juliettes Ex, der nach Shanghai gegangen ist, und mit dem – Martin Niedermair – sie immer noch videotelefoniert. Weshalb Alex zum Gaudium des Publikums mit glühenden Ohren die schlimmsten Dinge über sich und sein Schmarotzertum in Sylvies „Hotel Mama“ hören muss, bis David nach Paris zurückkehrt. Für Pierre hat Alex den gleichen Schabernack parat, wie der zuvor für ihn. Und schließlich öffnet auch Sylvie das Tor zum Datingportal …

Für einen Moment zugeschaltet hat sich in seiner Aufführung auch Werner Sobotka als Fernsehmacher Frederic, der von Alex Pitches für eine Gerichtsmediziner-Serie fordert, etwas, das die alten Zuschauer nicht vergrault und die jungen dennoch unterhält. Das scheint wie ein Motto über diesem rundum geglückten, supersympathischen „Monsieur Pierre“ zu stehen, dem man auch nach dem morgigen Samstag noch viele Vorstellungen wünscht.

Video: www.youtube.com/watch?v=988WHzW-w2w           www.josefstadt.org

  1. 10. 2020

Werk X im Wohnzimmer: Je suis Fassbinder

April 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gruppenkuscheln in Kokomo

In der Krise – Gruppenkuscheln: Lisa Weidenmüller, Annette Isabella Holzmann, Christoph Griesser und Martin Hemmer. Bild: © Matthias Heschl

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz. Schreit auf der Bühne einer „Aus““, dann hat sich entsetzte Andacht einzustellen. Nicht so im Werk X. Dort kann sich Martin Hemmer die Lunge aus dem Leib quetschen, Andreas Dauböck wird seinen Solo-Jam bis zur letzten Note ausführen. Eine schwere Schlappe, die der unterm behaglich warmen Lampenschirmlicht sitzende Multiinstrumentalist der selbstbehaupteten Autorität von Hemmers Bühnen- charakter Stan da verpasst.

Macht und Kontrolle, die dieser zu haben vermeint, weil er hier so etwas wie Autor-Regisseur in Personalunion ist. Ein Filmemacher, und nicht irgendeiner, Stan spielt den großen Rainer Werner, „Je suis Fassbinder“, wie er getreu des Stücktitels von Falk Richter erklärt, und noch bis Sonntag um Mitternacht ist dessen Inszenierung von Amina Gusner beim Werk X im Wohnzimmer auf werk-x.at kostenlos zu streamen.

Der designierte neue Spielmacher der Münchner Kammerspiele ist bekannt für sein Handanlegen beim radikalen Gegenwartstheater, um damit der Rechten eine aufzulegen. Hier zieht er Parallelen zwischen den restriktiven Regierungsmaßnahmen aufgrund des RAF-Terrors 1977 und dem nicht-erklärten Ausnahmezustand aktueller Tage. Als Folie dient der Episodenfilm „Deutschland im Herbst“ von Schlöndorff, Kluge und eben Fassbinder, und klar ist, dass Stan Schauspieler Arthur Werner gleich eingangs dessen Interview mit Mutter Liselotte Eder proben lässt (das Original: www.youtube.com/watch?v=LL14D9gmqMM), und gut ist, das Gusner Falk Richter von Anfang an den Suaden-Zahn zieht.

Werk-X-like mengt Gusner die Posse ins Politische, die Groteske unter die Gesellschaftskritik, das sorgt für Deeskalation auf der nach oben offenen Richter-Skala. Zwischen den Schminkspiegeln der Künstlergarderoben und einer weiß ausgeschlagenen Spielfläche, das Probensituationssetting wie stets von Gusner-Schwester Inken, sekkiert Stan die Kollegenschaft bis aufs Blut. Immer wieder muss Werner, blond und im Leopardenmantel, die Worte wiederholen, Liselotte wünsche sich einen „autoritären Herrscher, der ganz gut ist und ganz lieb und ordentlich“, bis er schon nicht mehr weiß, was irr und was real ist. „Bei mir ist alles Text“, bescheidet ihm Stan.

Und zwar immer und mega-meta. All the world’s a stage, and all men and women merely players. Äußert sich Christoph Griesser auf höchst problematische Weise über „Opfer“ sexueller Übergriffe, bei Arabern kreischt ihr, aber ein geiler Italiener wär‘ euch sehr willkommen, brüllt Lisa Weidenmüller nicht ihn an, sondern fragt panisch: „Stan? Hast du das geschrieben?!“, darauf Griesser schüchtern: „Das war die Rolle, nicht ich“. Als das Team klare Vorgaben fordert, entgegnet Stan: „Europa hat keine Richtung. Wie soll ich da eine Richtung haben?“

Annette Isabella Holzmann mit Petra-Perücke. Bild: © M. Heschl

Christoph Griesser gibt wie immer alles. Bild: © Matthias Heschl

Arthur Werner als Liselotte im Leopelz. Bild: © Matthias Heschl

Andreas Dauböck bei der Arbeit. Bild: © Matthias Heschl

Lisa Weidenmüller, angstvoll. Bild: © Matthias Heschl

Fassbinder, verzweifelt: Martin Hemmer. Bild: © Matthias Heschl

Wie zeitlos zeitgemäß das ist. Die Furcht vorm „schwarzen“ überwiegt die Abscheu vorm starken Mann, es folgt eine ominöse Werte- und Abschiebediskussion, geschrieben im Schatten der Kölner Silvesternacht, die Angst vorm Gewaltpotenzial der Ausländer, Feindbild Flüchtlinge. Zustände im Land, die „Frau“ Werner so lautstark beklagt, wie jene Yoga-Jammerlappen, zu denen die einheimischen Herren der Schöpfung verkommen seien.

Der Filmcast geriert sich als Wohlstandserhalter, der/die wütende Weiße, der/die jene Welt beherrscht, die die Populisten so einfach zu erklären wissen, nur kein differenziertes Denken auf diffizile Inhalte verschwenden!, und der/die trotzdem oder deswegen in Verwirrung, Verdrängung, Verständnislosigkeit lebt. Man formiert sich zum Soldateka-Chor, im Gleichschritt werden imaginäre Gewehre repetiert, wer die Qual der Wahl hat, wofür er sich engagieren soll, ist im Zweifelsfall gegen alles. Ferngesteuert, fehlgeleitet, fremdbestimmt.

Die Falk-Richter-Figuren sind fassbinderisch in Rainerkultur. Hemmer changiert vom fiebrigen Berserker zum charismatischen Seelenbeschauer zum verzweifelten Zeitdiagnostiker zum Manipulator seiner Mitarbeiter, ein unerbittlicher Clan-Chief und ein demütig Gläubiger im moralischen Anstaltstheater. „Stopp, gleich nochmal, Kamera läuft, und bitte, gut – danke, wir haben’s“, kommandiert er, während die Impro seine Viererbande ins Private entgleisen lässt. Familienkrieg und Festung Europa, Geschlechter- und weitere darzustellende Rollen, Klassen- und andere künstlich geschaffene Unterschiede, Fassbinders Frauen erscheinen, Petra, Martha, Maria, Lola, Veronika, Feminismus stellt sich contra Faschismus …

Mehr und mehr werden die inneren Strukturen der Truppe freigelegt, es folgen Schnaps- und Schattenspiele, Lisa Weidenmüller trimmt sich mit überbordender Spielfreude auf Zicke, kann aber „die Leere“ am Schminktisch, da ein solcher nicht vorhanden ist, nicht mit Text füllen, Annette Isabella Holzmann macht mittels Brautschleier ihre Herzensangelegenheiten deutlich, aus Weitblick wird Innenschau, der überforderte Regisseur klampft E-Gitarre, bis sich einer, Christoph Griesser nämlich, gleich dem vollalkoholisierten Fassbinder im Film nackig macht – und als pervers beschimpft wird. Theater-auf-dem-Theater meets Film-im-Film.

Im Gleichschritt zum Erhalt der Werte: Lisa Weidenmüller, Christoph Griesser, Martin Hemmer, Arthur Werner und Annette Isabella Holzmann. Bild: © Matthias Heschl

Was Tragikomisches hat das, wie ausgerechnet das diktatorische Regime Kunstschaffen, „es gibt hier nur einen, der das Sagen hat, und das bin ich“, dreht Stan durch, Demokratie vorleben will. Versuch gescheitert im Streit um fette Szenen und das beste Scheinwerferlicht und den blankärschigen Spanier-Schnuckel im Arm! Mit Verve setzen Falk Richter/Amina Gusner die Krämpfe im künstlerischen Prozess mit den Kämpfen im gesellschaftspolitischen gleich.

In „Deutschland im Herbst“ weiß Fassbinder nicht mehr weiter. Nach dem Baader-Meinhof-Terror steht er auf einer Sympathisantenliste, ist gereiht als intellektueller Verdächtiger, und wankt zwischen Bespitzelung und Selbstzensur. Falk Richter reiht Stammtischphrasen und Allgemeinplätze zum aggressiven Loop, Gusner macht den Wiederholungszwang systemimmanent, Sicherheit durch Überwachungsstaat, Tracking-App auf der Suche nach #Corona-Sündern, darf man dagegen mitprotestieren, auch wenn’s andernorts die Falschen tun? Wie sich die „Angst essen Seele auf“ gleicht. Als wären 40 Jahre ein Tag.

„Je suis Fassbinder“ ist ein beklemmend komisches Stück über Konsequenzen, die aus der Geschichte bestens bekannt sind. Die präsentierten Pendants sind erwünscht und alles andere als zufällig, nichts wird hier mutwillig auf einen Haufen geworfen. Nur die Darsteller. Am Schluss. Beim Gruppenkuscheln. Die Wirkmächtigkeit im Für- und Mit- statt Gegeneinander. Denn Liebe ist … auch wenn man keinen Film fertiggebracht hat. Und Andreas Dauböck singt „Kokomo“ von den Beach Boys. In Moll und superslow.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=QtFyn9mhtfg&feature=emb_logo

werk-x.at/premieren/stream-je-suis-fassbinder

TIPP: Die Woche von 27. April bis 3. Mai steht beim Werk X im Wohnzimmer ganz im Zeichen von Händl Klaus: Da sein Stück „Dunkel lockende Welt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35553) derzeit nicht gespielt werden kann, liest und interpretiert das Ensemble Prosa-Texte, die der Autor dem Haus zukommen hat lassen. Dabei sind drei sehr unterschiedliche Filme entstanden, die auf werk-x.at zu sehen sind.

  1. 4. 2020